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Mental Mechanics

Manchmal denke ich mir:

Die Ursache für alle negativen Prozesse,
für alle unauflösbaren Blockaden,
für alles scheinbar Unerreichbare,
für alle Kreisgedanken,
für alle Neurosen,
für alles ewig rotierende verweigerte Glück
sind nicht Unvollkommenheit,
sind nicht Schwäche oder Feigheit,
sind nicht fehlende Energie oder Inspiration,
nicht fehlende Chancen,
sind nicht früher erfahrenes Leid,
auch nicht fehlende Unterstützung, nicht fehlende Hoffnung, fehlender Mut,
sondern einzig und allein
ein kleines verstecktes Rädchen,
tief verborgen in unserem Zentrum,
das Grau in Grau auf ewig bürokratisch tickt,
unerkannt, gleichgültig, blind,
und sagt:
„das haben wir immer schon so gemacht!“

Werwolf

Werwolf

I. Teil

  1. Mai 1538

Heute habe ich es getan. Heute habe ich meinen Herrn verlassen.

Ich weiss wohl, dass es vielen so schlecht ergeht wie mir. Viele, vielleicht sogar die meissten meiner Standesgenossen müssen ein ähnliches, vielleicht sogar schlimmeres Verhalten über sich ergehen lassen.

Aber macht es das denn besser? Oder macht es mich am Ende sogar zu einem Verräter an meinen Landsleuten, wenn ich mich weigere, ihr Los zu teilen und stattdessen meine Freiheit suche?

Dieses Denken ist mir eingehämmert worden, von frühester Jugend an. Bleib bei deinem Stand, arbeite, sei demütig und fleissig, denn so will es Gott. Der gleiche Gott, der aber auch Milde und Barmherzigkeit predigt – vielleicht für andere dann, aber nicht für mich.

Früher dachte ich auch so. Ich schämte mich dafür, dass mich eine Sehnsucht ergriff, jedesmal, wenn ich oben auf dem höchsten Punkt des Anwesens meines Herrn stand und heimlich einen Blick über die endlosen Hügelketten am Horizont schweifen ließ. Dort, wo die Morgennebel sie noch unkenntlich machten und die aufgehende Sonne ihnen dennoch einen stillen, verheißungsvollen Glanz verlieh.

Ich habe mir meine Freiheit selbst geben müssen, weil niemand sie mir schenke wollte. Gehört sie mir denn nicht von Natur aus, meine Freiheit? Frei wie die Vögel, die sich um nichts sorgen müssen, wie die Tiere des Feldes, die sich keine Sorgen um das Morgen machen müssen, weil der Herr es für sie einrichtet.

Das Gott und die Herren unter einer Decke stecken, habe ich schon als kleines Kind vermutet, als ich zum ersten Mal geschlagen wurde, weil ich meine gottesfürchtige Arbeit nicht schnell genug zur Zufriedenheit meiner Herren verrichtet habe. Erbarmen, Liebe, Vertrauen, Gott?

Ich weiss jetzt, Gott ist ein Verräter.

18. Mai 1538

Ich habe diesen Tag in schrecklicher Angst verbracht, erst nach Beginn der Dämmerung wurde es etwas besser. Auf Flucht vor dem Herrn steht in diesem Land die Todesstrafe. Die armen Teufel, die sich fangen lassen, werden vor den Toren der Stadt aufgeknüpft und dann wochenlang dort hängen gelassen – als Warnung für alle, die vielleicht mit einem ähnlichen Gedanken spielen.

Die meiste Zeit habe ich mich versteckt, aus Angst, gesehen zu werden. Aber ich muss doch fortkommen! Gestern, nach meiner Flucht, bin ich die ganze Nacht gerannt, bis ich bei Morgengrauen vor Erschöpfung zusammengebrochen bin. In einem dichten Busch habe ich dann ein paar unruhige Stunden geschlafen, und dann weiter, die Berge hinauf, bloss nicht ins Tal. Im Tal sind Menschen, und Menschen sind gefährlich.

Meine Kutte ist alt, ich habe sie schon vor einem Jahr heimlich zur Seite gelegt. Sie ist so zerschunden, dass mich nicht mal mein gestrenger Herr damit herumlaufen lassen wollte. Vielleicht erkennt man mich nicht, aber ich sehe aus wie ein Landstreicher, jedem ehrbaren Bürger wäre ich verdächtig.

Das Herumirren bei Nacht ist gefährlich, mehrmals bin ich gestolpert und der Länge nach hingeschlagen. Aber es geht vorran, vielleicht erreiche ich morgen den Gipfel des Berges und kann mich dann zum Steilpass vorarbeiten, der dieses Tal von der nächsten Grafschaft trennt. Der Pass ist ein sehr steiler und schmaler Weg, kaum jemand wagt es, ihn zu überqueren. Wenn ich die Passage überlebe, bin ich vielleicht in Sicherheit.

19. Mail 1538

Ich habe es geschafft! Gestern Abend, mit dem Licht der letzten Sonnenstrahlen, habe ich die gefährliche Überquerung gewagt.

Und ich habe ein neues Gewand – und bin vielleicht darüber zum Mörder geworden. Auf dem Höhepunkt des Passes kam mir eine dunkle Gestalt entgegen. Bisher war es mir gelungen, allen Menschen auszuweichen, aber dieser Mann stand wie aus dem Nichts direkt vor mir – es muss an dem Nebel gelegen haben, der bis tief in die Wipfel der Bäume hing. Seinem Äußeren nach zu urteilen hätte es ein Edelmann oder sonst ein Reicher sein können, merkwürdig, einen solchen Menschen hier zu treffen.

Ich weiss nicht, wer zuerst auf den anderen losgegangen ist, wahrscheinlich war ich es wohl, verängstigt und nervös wie eingehetztes Tier. Aber meine Erinnerung sagt, dass er mich zuerst angefallen hat.

Es gab ein heftige Ringen, und er setzte mir hart, sehr hart zu, und ich bin schon immer sehr kräftig gewesen.

Letztlich war es Glück, was den Kampf für mich entschied – er verhakte sich mit einem Fuß, stürzte und fiel fast zwanzig Meter in die Tiefe, wobei er mit dem Kopf aufschlug.

Ich hatte ihn nicht töten wollen – dass ich mich nachher seines Gewandes bemächtigt habe, geschah aus bitterer Not heraus.

Da ich mit Gott gebrochen habe – bei wem soll ich jetzt Vergebung finden?

Zerschunden, zerbissen und zerkratzt setzte ich meine Flucht fort.

20. Mai 1538

Der Tag erschien mir heute seltsam unwirklich, vielleicht lag es an der ungewöhnlich klaren, hellen Sonne, die mich verwirrt hat. Dieses Licht – bisher bin ich ja nur nachts gewandert.

Auch die Kutte des Fremden hat ihren Teil dazu beigetragen. Hatte ich nicht erst jetzt die richtige Kleidung, die mir als freier Mann zustand? Oder sollte ich etwa weiter die Kleidung eines Knechts tragen, wo mein Herz jetzt doch anders schlug, mir den Puls eines anderen Lebens vorzugeben schien?

Gegen Mittag habe ich einen anderen Wanderer getroffen, und einer spontanen Regung folgend habe ich mich ihm angeschlossen. Warum auch nicht? In diesem Tal kennt man mich nicht, und ich würde mich nur verdächtig machen, wenn ich die Gesellschaft anderer Menschen meiden würde.

Meine Kleidung zeichnet mich als einen Menschen gehobenen Standes aus, ich habe mich als Unterhändler eines Kaufmanns ausgegeben. Das klingt glaubwürdig und kann nur schwer überprüft werden. Vor allem, weil mein neuer Gefährte eines niederen Standes zu sein scheint,während ich mich jetzt einer gehobeneren Ausdrucksweise zu bedienen versuche – was mich einiges an Anstrengung kostet. Ich spreche die Sprache der Unterdrückten – die Zunge sollte mir dafür im Munde verfaulen, wenn ich nicht dazu gezwungen wäre!

Etwas schwerer war es, die Biss- und Kratzwunden zu erklären, mit denen ich seit dem Kampf mit dem Fremden übersäht war. Ich sagte, ich wäre von einem Wolf angefallen worden, was hier in der Gegend schonmal passieren kann.

21. Mai 1538

Gestern Abend haben wir an einer Waldlichtung Halt gemacht, die hinter einem Felsvorsprung versteckt liegt. Die Gegend wirkt hier sehr düster, nach Beginn der Dämmerung beherrschen dunkle Schatten das Land. In meiner Kindheit habe ich mir Schauergeschichten anhören müssen, von Gespenstern, Werwölfen und üblen Dämonen, die in die Körper unschuldiger Menschen fahren und von ihnen Besitz ergreifen. Mir haben diese Geschichten damals Angst gemacht, auch wenn ich für mein Leben nicht zugeben wollte, dass ein Teil von mir nicht der starke, unnahbare Junge war, der ich immer hatte sein wollen. Im Grunde war ich häufig zutiefst verstört gewesen, nicht nur von den Gespenstergeschichten, sondern viel mehr noch von dem, was die fahrenden Händler, Landstreicher und Söldner, die Gelegentlich durch Land reisten, von der Welt draussen zu Berichten wussten. Es gab da soviel Gewalt, soviel Blut und soviel Grausamkeit – und viel Ungerechtigkeit, die aber nie von irgend jemandem erwähnt wurde. Totgeschwiegen, und dann aber immer das Gerede von großen, allmächtigen und gerechten Gott, das ich deshalb nicht verstehen konnte oder wollte.

Und natürlich die grausamen Geschichten von der Hölle und von ewigen Seelenqualen für arme Sünder, die sich dem Gesetz Gottes nicht fügen wollten – dies Geschichten ängstigten mich am meisten von allen.

Wir hatten also an jener Lichtung halt gemacht, es schien ein sicherer Platz zu sein, da sie fast völlig von Sträuchern überwuchert wurde. Die Beeren der Sträucher waren zudem essbar.

Inzwischen waren wir übrigens zu dritt, ein halbwüchsiger Knabe hatte sich uns angeschlossen.

Er redete nur wenig, und schon gar nicht über seine Herkunft – zerzaust und halb verhungert hatten wir ihn aufgelesen.

Da sein Wandern kein Zeil zu haben schien, nahmen wir ihn mit, warum auch nicht? Hier draussen in der Wildnis kann eine einzelne arme Seele kaum überleben, und schon gar nicht ein halbes Kind.

22. Mai 1583

Dieser fremde Junge hat etwas merkwürdiges an sich. Heute ist er schon vor Morgengrauen aufgewacht und hat wirres Zeug geredet – meinem Begleiter zufolge hat er sogar zuerst um Hilfe gerufen, ich bin erst kurz nach ihm mit Kopfschmerzen aus unruhigen Träumen aufgewacht.

Es hat lange gedauert, ihn wieder zu beruhigen, zumal er unsere Sprache nur sehr schlecht zu sprechen und zu verstehen scheint. Zuerst schien er sogar Angst vor mir zu haben, er wehrte sich mit Händen und Füßen, als ich mir die leichte Kratzwunde anschauen wollte, die er an seiner Wange trug.

Auch nachdem wir aufgebrochen waren, machte er einen verängstigten, verschlossenen Eindruck – vielleicht war es ein Fehler, ihn überhaupt mitzunehmen.

Gegen Mittag erreichten wir ein kleines Dorf. Ein paar baufällige Hütten am Rande des Weges, auf einer nahegelegenen Anhöhe stand etwas, das wohl eine Kirche sein sollte. Aus einigen zusammengesuchten Steinen war eine kleine Rundmauer mit drei kleinen Fenstern und einer großen Türe errichtet worden, das Dach bildeten die Stämme einiger Bäume, von denen Äste und Rinde entfernt worden waren. Die Stämme trafen sich in etwa zweieinhalb Metern Höhe, an der Spitze thronte ein rustikales Holzkreuz. Eine Dachbedeckung fehlte.

In Anbetracht der ärmlichen Verhältnisse, in denen die Menschen hier lebten, immer noch ein beachtliches Bauwerk.

Ich frage mich, was die Leute zu so einem Bauwerk antreibt? Hier gibt es niemanden, der unterdrückt werden müsste, und für Gnade lässt die harte Arbeit auf dem Feld keine Zeit.

Die Kirche blieb mir deshalb im Gedächtnis, weill wir dort unseren jetzt also vierten Mitreisenden aufgelesen haben. Ein schweigsamer älterer Mann in einer abgetragenen Kutte. Wir trafen ihn, kniend in einer Ecke der Kirche, in die der Junge aus unerfindlichen Gründen gestürmt ist, sobald sie am Wegesrand aufgetaucht war.

Ich ging hinein, um ihn zurückzuholen – meine Geduld mit diesem Kind ist jetzt mittlerweile fast am Ende. Als ich über die Schwelle trat, schrak der alte Mann aus seinem Gebet auf und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ich gebe zu – da die Wunden, die ich im Kampf mit dem Fremden davongetragen habe, noch immer nicht verheilt sind, bot ich vielleicht einen für einfältige Gemüter etwas furchteinflößenden Anblick. Besonders dei große Wunde an meinem Hals schmerzte noch und war wohl gerade, als ich die Kirche betreten hatte, wieder aufgebrochen.

Nachdem ich die Kirche mit dem Junge wieder verlassen hatte, trat ich zu meinem Begleiter, der mit zwei Dorfbewohnern in ein Gespräch vertieft war, um sich nach dem Weg zu erkundigen.

Das Gespräch zog sich einige Minuten hin, wenigsten glaubte ich jetzt den Grund für das Erschrecken des alten Mannes zu kennen: es ging das Gerücht um, in der Gegend würde ein bösartiges Monster sein Unwesen treiben, ein Mann, der den Teufel im Leib hatte, oder wie auch immer. So ein Gerücht, in Verbindung mit meinem zerschundenen Äußeren…

Der Mann schien sich auch wieder beruhigt zu haben, denn er war einen Moment später ebenfalls aus der Kirche herausgetreten und gesellte sich zu unserer Gruppe, nahm mit ruhigen, freundlichen Worten an unserem Gespräch teil, und als sich herausstellte, dass wir das gleiche Ziel hatten, bot er an, uns zu begleiten. Er schien den Weg sowie die Gegend im Allgemeinen gut zu kennen, und so nahmen wir das Angebot gerne an.

23. Mai 1538

Ich schlafe so schlecht in der letzten Zeit, Ich komme kaum zur Ruhe, und wenn ich es dann geschafft habe, die Augen zu schließen, suchen mich schreckliche Albträume heim. Immer wieder taucht der Fremde darin auf, dessen Gewand ich jetzt trage. Es muss mein schlechtes Gewissen sein, das mich nachts nicht zur Ruhe kommen lässt. Ich sehe immer wieder die starren Augen des Toten, und sie sind rot und blutunterlaufen. Wenn ich dann schliesslich aufwache, zittere ich am ganzen Körper und bin in Schweiß gebadet. Auch wollen die Wunden nicht verheilen, sie reissen immer wieder von Neuem auf.

Aber mir scheint, wir haben hier ein noch viel größeres Problem. Heute morgen hat sich beinahe genau das Gleiche zugetragen wie gestern Morgen: Der Junge begann in aller Hergottsfrühe verzweifelt und in panischer Angst, um Hilfe zu schreien. Aufgrund meiner eigenen unruhigen Nacht habe ich ihn wieder als letzter gehört.

Er hat wieder neue Verletzungen im Gesicht, ein blutiger Kratzer läuft ihm quer über die Stirn. Der alte Mann, der seit Gestern unser Begleiter ist, scheint die Sprache des Jungen leidlich zu sprechen und zu verstehen und sagt, der Junge habe im Mondlich zuerst ein paar rote Augen gesehen, und dann habe ihn irgend etwas aus dem Dunkel heraus angegriffen.

Der alte Mann blieb erstaunlich ruhig, während er dies erzählte, fast, als hätte er nichts anderes erwartet. Es scheint mir, als würde er eine Verbindung sehen zwischen den Gerüchten über ein Monster, dass in dieser Gegend umgeht, und dem heutigen Vorfall. Ich selber weiss nicht recht, was ich denken soll – die Sache ist merkwürdig, und es gibt zweifelsfrei solche Wesen. Immer wieder hat man uns als Kindern davon erzählt.

Ich weiss jetzt aber, was mich an dem alten Mann stört, und mich schon vom ersten Augenblick an gestört hat: es ist das silberne Kreuz, dass er auf seiner Brust trägt. Seit meiner Flucht habe ich auch mit Gott endgültig gebrochen, udn der Anblick dieses Kreuzes löst bei mir körperliche Übelkeit aus.

Was bleibt uns anderes übrig, als unsere Reise fortzusetzten? Der Junge ist blass und sehr verängstigt, er spricht kaum ein Wort und weicht dem alten Mann nicht von der Seite. Meine Wunden wollen nicht heilen und verleihen mir ein etwas wildes Aussehen – manchmal kommt es vor, dass wir auf unserem Wege andere Wanderer treffen und sie erschreckt vor mir zurückweichen.

25. Mai 1538

Wieder ist etwas merkwürdiges geschehen – am Abend hätten wir die Stadt erreichen sollen, aber wir befinden und jetzt stattdessen in einem engen, kleinen Tal. Wie kann das sein? Wir haben uns der Führung des alten Mannes anvertraut, schliesslich ist er der Ortskundige unter uns. Deshaln haben wir ihn schliesslich mitgenommen! Unseren Vorwürfen gegenüber verhält er sich schweigsam. Es täte ihm Leid – mehr sagt er nicht.

Ich glaube, es war überhaupt ein Fehler, mich anderen Leuten anzuschiessen.

26. Mai 1538

Jetzt endlich verstehe ich. Deshalb die Albträume, deshalb diese Wunden, die nicht heilen wollen, und deshalb diese unerklärlichen Angriffe auf den Jungen.

Ich bin es, ich bin das Monster, das diese Gegend heimsucht. Oder vielmehr, ich bin es jetzt, denn vor mir ist es der Fremde gewesen, dessen Kutte ich trage, und dessen Blut – wenn auch ungewollt – an meinen Händen klebt. Dadurch, dass ich ihn, dass ich dieses Monster getötet habe, bin ich selbst zum Monster geworden. So sagen es die alten Legenden, man kann einen Werwolf nur endgültig töten, in dem man ihm ein silbernes Kreuz ins Herz stößt. Genau das, was mir jetzt wiederfahren wird.

Ich bin an einen Baum gebunden, gefesselt mit einigen Lederriemen, die meine Gefährten von ihren Gewändern oder ihrer Ausrüstung genommen haben. Der Junge liegt tot mit zerfetztem Leib ein paar Meter weiter am Boden – offenbar ist der Plan des alten Mannes nicht ganz aufgegangen. Jener Plan, den er schon in dem Moment gefasst hat, als er mich in der Kleidung des Fremden die Kirche hat betreten sehen.

Ich sehe an mir herab und sehe nicht meinen Leib, sondern den eines zu Menschengestalt emporgewachsenen Wolfes. Schwarzes, dichtes Fell bedeckt meine Arme, meine Beine und meinen Körper.

Ich betrachte den zerfetzten Leib des Jungen, und ich spüre keine Reue. Mitleid, Nächstenliebe, Erbarmen – was bedeutet das für mich, für das Monster, das sich von Gott losgesagt hat?

Vor mir steht der alten Mann, das Silberkreuz hoch empor gehoben. Er kommt langsam auf mich zu und spricht laut einige beschwörende Worte in derselben Sprache, die nur er und der Junge verstehen. Dann holt er aus und rammt mir das Kreuz mit voller Wucht mitten ins Herz.

Es ist noch fast dunkel, als ich aufwache, auch wenn die ersten Sonnenstrahlen schon langsam am Horizont auftauchen.

Ich reisse meine Fesseln mit einigen wenigen, schnellen Bewegungen von mir, und gehe zuerst zu dem alten Mann, dann zu meinem anderen Gefährten. Dem alten Mann reisse ich mit der rechten Pfote den Kopf ab, dem anderen breche ich einfach das Genick – ich habe noch meine Wolfsgestalt, aber das Fleisch des Jungen hat meinen Hunger gestillt.

Der Sonnenaufgang schreitet rasch voran, und ich beginne, mich zu verwandeln. Langsam nehme ich wieder menschliche Gestalt an. Die dunkle, zottige Behaarung verschwindet, die verkrümmten Gliedmassen gehen zurück auf ihre ursprüngliche Größe. Ich erhebe mich aus dem Blutbad, das ich angerichtet habe, und recke meine menschlichen Arme zur Sonne empor. Gewissensbisse habe ich keine – ich bin ein Monster, ohne Gott, ohne Herrn und ohne Moral.

Nur eine Frage ist es, die groß in meinem Kopf steht – warum, um alles in der Welt, habe ich überlebt?

Das kleine Mädchen von den Sternen

Weil ihr Herz brannte.

Ihr Herz brannte, und über ihr

der kalte, schwarze Himmel

voller Sterne.

Es gab nur diese beiden Dinge,

diesen immer währenden Gegensatz:

Den kalten Himmel

und ihr brennendes Herz.

Schon ewig ging dies so.

Und während der schwarze Himmel

mit den wenigen immer gleichen Sternen

nichts weiter tat als kalt zu sein,

brannte das Herz des kleinen Mädchens,

schuf Energie,

strahlte diese ins All hinaus,

immerfort.

Zwei Teile eines Ganzen deshalb,

untrennbar, abhängig,

das große schwarze Nichts

und das kleine Mädchen

mit dem brennenden Herz?

Und das Nichts expandiert,

dehnt sich aus,

treibt seine Sterne weiter hinaus in die kalte Ewigkeit.

Im Zentrum bleibt nur

alleine

das kleine Mädchen

mit dem brennenden Herz.

Doch eines Tages,

wenn das Nichts endgültig seine Kraft verliert,

wenn sich zeigt,

dass der Kampf doch nicht ausgewogen war,

dass doch eine Partei

von Beginn an

die stärkere war,

Dann wird sich alles wieder vereinen,

im Zentrum,

im Ursprung der Sterne,

dem kleinen Mädchen

mit dem brennenden Herz.

August

Die Hitze, die von dem kahlen Hügel herabstrahlte, war unerträglich.

Ströme von Schweiss rannen von unseren schmächtigen Körpern, als wir zögerlich die Reihen unserer wenigen Soldaten an der Lichtung postierten, die die Grenze zwischen dem noch unbesetzten freien Land und dem Territorium der Hügelmenschen bildete. Keiner von uns redete, denn es gab nichts mehr, worüber man reden konnte. Diese Schlacht war unvermeidlich, und der Feind war übermächtig; ein kraftstrotzendes Heer erwartete uns, lebendiges Abbild der mit schweren, tonfarbenen Steinen gemauerten Burg, die über unseren Köpfen vom flachen Gipfel des Hügels in den Himmel emporragte.

Natürlich gab es kein Entrinnen. Der unerwartet grosse zeitliche Abstand, der zwischen der letzten Schlacht und der Ankündigung des heutigen Angriffs gelegen hatte, war wohl nicht mehr als ein glücklicher, wenn auch bedeutungsloser Zufall gewesen…

Und mit einem Male war jetzt auch die Zeit für wehmütig-grüblerisches Zaudern vorbei, denn vom Gipfel des Hügels herab quoll eine unüberschaubare Zahl junger, starker Krieger, jeder bewaffnet mit einem eisernen Schild und einem scharfen Schwert, deren Scheiden jetzt zahllos in der brennend heissen Mittagssonne funkelten. Die ledernen Helme verbargen die dahinterliegenden Gesichter fast völlig. Vergeblich versuchte ich, in den starren Zügen der heraneilenden Feinde so etwas wie eine Gefühlsregung zu entdecken, aber ich sah nur starre, ausdruckslose Masken – sogar Zorn und Hass schien jenseits von Ihnen zu sein. Ich warf einen letzten Blick auf die starre Burg auf dem Hügel, dann waren sie heran, fielen über uns her, überschwemmten uns, ich hatte alle Hände voll zu tun, nicht auf der Stelle mein Leben zu lassen.

Der Kampf erzeugte einen unglaublichen Lärm – Schwerter prallten aufeinander, Schilde dröhnten von der Wucht abgewehrter Schläge, und das Ächzen und Stöhnen der kämpfenden Menge erfüllte die Welt. Die wenigen freien Augenblicke, die der Ansturm der Feinde mir liess, nutzte ich, um abwechselnd zu meinen Kameraden und immer wieder auch zur Burg auf dem Hügel zu sehen – meinte ich es nur, oder begannen die Mauern der Burg, sich langsam nach innen zu neigen? Waren es wirklich Risse, die sich in dem alten, unfruchtbaren Lehm zeigten, der das steinerne Fundament umrahmte? Immer öfter stahl sich mein Blick hinauf, und obwohl ich zu jeder Zeit drei bis vier Feinde gegen mich hatte, geschah mir nichts, keiner der Schwerthiebe traf, und meinen Kameraden schien es ähnlich zu gehen – der Ansturm war auch, näher betrachtet, gar nicht so stark gewesen, die feindlichen Truppen bildeten zwar, daran bestand kein Zweifel, eine unüberwindlich starke Wand, rückten aber doch keinen Schritt weiter vor. Ich warf einen Blick auf die Gesichter der Soldaten, die mir am nächsten waren, und meinte jetzt, soetwas wie Trauer in ihren braunen Augen zu erkennen, die unter den dunklen Helmen hervor an mir vorbeiblickten.

Der Kampflärm war jetzt überlagert vom lauten Krachen der einstürzenden Türme und Mauern der Burg – ich war einen Moment lang achtlos und bewegte meinen Leib so ungünstig, das ich in quasi direkt in das Schwert meines Gegeners hineinschob – ich rechnete mit dem sofortigen Tod, doch spürte ich, wie eine starke Hand mich mit einem Druck auf die Brust aus der Gefahrenzone stiess – oder hatte ich mir das nur eingebildet?

Der Blick meines Feindes traf mich, und mit Entsetzen erkannte ich die schreckliche Leere, die sich in diesen warmen, braunen Augen zeigte…mittlerweile war die einst so starke und solide Burg vollständig eingestürzt, und der Gipfel des Hügels hatte sich in ein dunkles, leeres Loch verwandelt. Die Hänge kippten nach, sogen langsam die wenigen Bäume und Sträucher, den lehmigen Boden und zuletzt auch die Körper des Feindes mit sich ins Nichts.

Das Nichts war jetzt bis kurz vor unsere Füsser herangekommen, die direkt vor uns stehenden Krieger stürzten einer nach dem anderen hinein – ich sah kein Erstaunen, kein Zeichen von Gegenwehr, nur diese unendlich traurige Leere im Gesicht meines Feindes, der, als der Sog mich mit sich zu reissen drohte, mich mit einem letzten Ruck seines starken Armes zurück auf festen Boden schob, bevor er für immer in der finsteren Tiefe verschwand.

Der alte Mann und der Zug

Der Tag unterschied sich eigentlich nicht sehr von allen anderen Tagen; vielleicht war es, dass die herbstlichen Wolken am Himmel etwas tiefer standen und weiter ins Land hineinragten als sonst, aber das war alles – wenn überhaupt.

Der alte Mann nahm seinen wurmstichigen Spazierstock aus dem Ständer in der Diele seiner kleinen Wohnung, nahm auch seinen Hut und seinen im Laufe der Jahre blass gewordenen Mantel und ging auf die Strasse hinaus. Der Weg war gar nicht weit – es waren nur eine handvoll vertrauter Strassen, die er entlanggehen musste. Auch das Laufen viel ihm leichter als er geglaubt hatte; er hatte ein wenig Angst gehabt, es nicht zu schaffen, aber vielleicht – so glaubte er – war auch das nur ein Vorwandt gewesen, wie alles andere.

Er nahm sich die nötige Zeit, als er die Strassen entlangging – was für einen Grund zur Eile sollte es noch geben?

Die Stadt, in der er sein gesamtes Leben verbracht hatte, floss langsam an ihm vorbei: Die Häuser, die im Dunkeln lagen, eingebettet in verträumte, längst vergessene Vorgärten. Die hell erleuchteten Wohnungen der jungen Familien, der Pärchen und der wenigen alleine lebenden Leute. Einige Male war er fast geneigt, stehenzubleiben und einen Blick in die bunten Fenster zu werfen, aber er besann sich schnell eines besseren – ungehörig wäre es doch gewesen, ungehörig und aufdringlich.

Er erreichte sein Ziel ohne Schwierigkeiten, schneller und leichter als er erwartet hatte. Dennoch spürte er in sich das Bedürfnis, einen Moment auszuruhen, und er gab diesem Bedürfnis nach – es gab für ihn keinen Grund mehr zur Eile.

Er setzte sich auf eine der hölzernen Bänke, die am Rande des Bahnhofs aufgestellt war.

Es gab hier eine kleine Allee aus uralten, hochgewachsenen Eichen, die man entlang der Bahnlinie gepflanzt hatte. Die Allee stand jedes Jahr zur Sommerzeit in heller Blüte, doch jetzt im Herbst war nur ein karges Skelett zurückgeblieben, das den wolkenbehangenen Himmel nicht verdecken konnte. Es schien auch, als habe das zuständige Amt es versäumt, den Bahnsteig fegen zu lassen wie es Vorschrift war – er war bedeckt mit Blättern und kleinen, unscheinbaren Eicheln, die darauf warteten, in frische Erde gepflanzt zu werden und dort auszuschlagen. Hier, auf dem harten, undurchdringlichen Zement, waren sie fehl am Platze – wenn es regnete, würden sich aus all dem einen nasser, glitschiger Matsch bilden, und irgend jemand würde sich den Hals brechen.

Der alte Mann sass auf der Bank und wartete.

“Hallo du?”

Er schreckte aus seinen Gedanken auf und sah direkt in das Gesicht eines kleinen Jungen, der an seiner Seite aufgetaucht war.

“Ist dir nicht kalt?” fragte der kleine Junge ihn.

“Meine Mami sagt immer, man soll sich nicht einfach so draussen irgendwo hinsetzten, wenn es so kalt ist wie heute. Man könnte sich erkälten, sagt Mami, dann hustet man, und am Ende muss man für eine ganze Woche ins Bett!”

Der alte Mann sah in die grossen fragenden Augen des Jungen und sagte nichts.

“Ich glaub‘, du bist komisch!” sagte der Junge jetzt entrüstet, drehte sich um und rannte schnell wieder die Strasse hinauf, aus der er gekommen war.

Er sah dem Jungen lange nach. Er sass auf der Bank und wartete auf den Zug – Angst hatte er keine, darüber war er längst hinaus.

Der alte Mann betrachtete traurig die welken Blätter auf dem Bahnsteig. Dann stand er auf und machte sich langsam auf den Weg nach Hause.

Das Weihnachtskonzert

für Juliane

1.

Hoch oben im Norden, in einem Land, in dem es noch grosse dunkle Wälder gibt und die Nächte im Winter sehr lang und sehr kalt werden, lebte einmal ein kleines, kleines Mädchen.

Sie hatte keinen Vater und keine Mutter, deshalb musste sie mit vielen anderen armen Kindern zusammen in einem Waisenhaus leben. Eines Abends, als die Nächte schon sehr lang und sehr dunkel waren, sass sie auf ihrem Bett im grossen Schlafsaal im Dachgeschoss des Waisenhauses und schaute wieder einmal in den dunklen Himmel hinauf. Der Mond war gerade hervorgekommen, und so konnte sie einen Teil der Häuser und Gassen des kleinen Dorfes sehen, in dem sie lebte. Es schneite, und die Menschen froren und gingen schnell, um möglichst bald in ihren warmen Häusern anzukommen.

Das Mädchen liebte es, kurz vor dem Schlafen gehen noch einen Moment so hinaus zu sehen, denn sie liebte ihr kleines Dorf und die Menschen, die dort wohnten. Manchmal lehnte sie dabei den Kopf an das Fenster, und wenn es kalt war, so wie heute, war die Scheibe nach kurzer Zeit ganz beschlagen von ihrem warmen Atem. Heute aber fror es sie an der Stirn, so kalt war es draussen, und sie wollte den Kopf schon wegziehen und endgültig schlafen gehen, als sie meinte, von draussen eine wunderschöne Musik zu hören.

Sie horchte, aber durch die dicke Fensterscheibe konnte sie nur ein paar leise, ferne Töne hören. Und doch wollte sie wissen, was das war, denn eine solche Musik hatte sie noch nie gehört! Ehrlich gesagt hatte die kleine Juliane, denn so hiess das Mädchen, bis zu diesem Tag überhaupt noch keine richtige Musik gehört, nur ein paar schief gesungene Kinderlieder, die ihre Aufseherin manchmal mit ihnen sang – aber das hier war ganz etwas anderes!

Sie sah sich um – die anderen Kinder schliefen schon. Niemand würde es merken, wenn sie das Fenster einen Spalt breit öffnete! Aber sie musste vorsichtig sein – es war sowieso schon ordentlich kalt im Schlafsaal, und es wäre vielleicht nicht so gut, wenn man sie dabei ertappen würde, wenn sie mitten in der Nacht noch mehr kalte Luft hereinliess. Ganz langsam kletterte sie auf das schmalte hölzerne Fenstersims. Sie musste sich weit strecken, um an den eisernen Griff heranreichen zu können, und gleichzeitig musste sie höllisch aufpassen, nicht vom Fenstersims ab zu rutschen – dann würde es zwar nicht kalt werden, aber sie würde sich mächtig weh tun, und das wollte sie natürlich auch nicht!

Es gelang ihr, den Griff herunter zu klappen, und mit klopfendem Herzen öffnete sie das Fenster einen Spalt breit. Die Musik war jetzt tatsächlich viel lauter, sie konnte die einzelnen Töne und Melodien deutlich hören! Und was sie da hörte, war so schön, dass sie für einen Moment alles um sich herum vergaß. Sie öffnete das Fenster noch weiter, man könnte eigentlich fast sagen, dass sie es sperrangelweit aufriss, und es knarzte fürchterlich.

Erschrocken sah sie sich um – ein paar der anderen Kinder drehten sich am Schlaf um, aber wach geworden war wohl niemand. Sie schloss das Fenster wieder, kletterte vorsichtig in ihr Bett zurück und zog die Decke über den Kopf – die Luft da draussen war wirklich sehr kalt, und sie schlotterte jetzt am ganzen Körper.

Doch nie vergaß sie die wunderbare Musik, die sie gehört hatte, und in der Nacht träumte sie von einem fernen Tag, an dem sie….aber daran konnte sie sich am nächsten Morgen leider nicht mehr erinnern.

2.

In einem anderen Strasse des kleinen Dorfes sass zur etwa gleichen Zeit ein Mann traurig auf einem alten Holzstuhl. Tränen liefen ihm über die Wangen. Seine Hand lag auf der Stirn seiner Frau, die mit geschlossenen Augen im Bett lag und nur noch flach atmete.

Sie war noch nicht alt, aber dennoch war klar, dass sie sich von diesem Fieber nicht mehr erholen würde. Ihre Wangen waren eingesunken, ihre Stirn brannte wie Feuer, und die Hand, die angespannt und zitternd auf der wollenen Bettdecke lag, war nicht mehr viel mehr als ein abgezehrtes Gerippe.

Ein letzter, verzweifelter Atemzug bebte durch den von der Krankheit ausgemergelten Körper, und ein Stöhnen drang über die ausgetrockneten Lippen, dann war es vorbei.

Der Mann auf dem Stuhl sank in sich zusammen. Lange, sehr lange blieb er so sitzen, während der kalte Wind heftig gegen die Hauswand blies und die Nacht endgültig über das Dorf hereinbrach.

3.

Einige Jahre waren vergangen.

Die kleine Juliane war jetzt gar nicht mehr so klein, sondern sie war schon fast ein großes Mädchen. Sie war neun Jahre alt, sie konnte schon lesen und schreiben, sie wusste, wieviel Einwohner das Land hatte, in dem sie lebte, wie die größten Flüsse und Berge hießen, und heute war erste Advent!

Aufgeregt lief sie hinaus in den Schnee. Es war zwar kalt draussen, aber sie hatte eine warme Wollmütze auf dem Kopf, und Handschuhe hatte sie auch. Sie lief zusammen mit den anderen Kindern quer über den Marktplatz zur großen Kirche, in dem heute der Adventsgottesdients stattfinden würde. Die Kirche stand genau gegenüber dem Waisenhaus auf der anderen Seite des Marktplatzes, und von dort hatte sie auch zum ersten Mal die wunderschöne Musik gehört. Denn sie hatte die Nacht, in der sie das Fenster geöffnet (und sich ganz nebenbei übel erkältet hatte) nie vergessen! Natürlich wusste sie heute viel mehr über Musik als damals, als sie noch klein war. Musik machte man, wenn sie nicht gerade gesungen wurde, auf Instrumenten. Instrumente waren entweder aus Holz oder aus Metall, und man konnte wahlweise hineinblasen oder mit einem Stab darauf hin- und herstreichen. Je nachdem, und auch abhängig von der Größe des Instruments, klang es dann etwas anders, höher oder tiefer, aber immer wunderschön!

Eigentlich war das schon alles, was die kleine Juliane über Musik wusste. Und das wusste sie auch nur, weil’s ihr die großen Kinder und die Erwachsenen gesagt hatten. Wirklich gesehen hatte sie noch kein Musikinstrument. Musik wurde überhaupt nur in der Kirche gespielt, und in die durften die Kinder vom Waisenhaus erst hinein, wenn sie so gross waren, dass sie sich ein bisschen benehmen konnten und nicht ständig störten, das hiess konkret ab neun Jahren, also genau so alt, wie Juliane jetzt war.

Sie hatte – wie schon gesagt – ihren Traum von der Musik nie vergessen, und sie hatte von dem Tag an immer begeistert die Lieder mitgesungen, die die Aufseherin mit ihnen zum Aufstehen und zum Schlafengehen sang, aber so richtig zufrieden war sie damit nicht. Zum einen konnte die Aufseherin nur ganz schlecht singen und hatte eine alte, krächzende Stimme, die in etwa so klang wie ein rostiges Gartentor, und zum anderen – ja, zum anderen fand Juliane, das richtige Musik eben mit Instrumenten gemacht werden musste, denn nur so klang es auch wirklich schön!

Und deshalb freute sie sich auch so, und lief so schnell sie konnte, so schnell, dass die kalte Luft ihr in die Lunge stach und ihre Augen vom kalten Wind tränten. Denn an jedem Adventssonntag, und auch am Weihnachtsabend, wurde in der großen Kirche Musik gespielt! Heute würde sie die Musik von ganz nahe hören, und sie würde die Instrumente sehen, auf denen sie gespielt wurde. Völlig ausser Atem kam sie am Kirchenportal an, nahm ihre Mütze ab – denn mit einer Mütze auf dem Kopf darf man eine Kirche nicht betreten! – und trat mit klopfendem Herzen ein.

4.

Der alte Ebenezer sass in seiner Werkstatt feilte mürrisch an einem Steg für eine seiner Geigen herum. Sollten sie doch zur Kirche gehen und Advent feiern, die Leute! Für ihn war das nichts, er mochte die Leute nicht, die Leute mochten ihn nicht, und das war auch gut so. Solange sie seine Geigen kauften und ihm dabei nicht zu sehr auf die Nerven gingen. Gerade eben hatte ihn einer dieser dämlichen Fiedler aus dem Bett geklingelt, weil er dringend eine neue hohe Saite benötigte. Sollte er sich seine Musik doch sonst wohin stecken! Wahrscheinlich würde es sowieso keiner merken, wenn im Gottesdienst ein paar seiner krummen Töne fehlten.

Er nahm den fertigen Steg, setzte ihn auf eine gerade gestern fertig gestellte Geige, zog die Saiten auf und hängte sie ins Schaufenster. „Johann Ebenezer – Streichinstumente“ stand dort in schlichten weissen Buchstaben geschrieben. Beim aufhängen viel sein Blick auf eine alte, wurmstichige Geige, die in einer dunkleren Ecke des Fensters hing und schon etwas Staub angesetzt hatte.

„Wegwerfen sollte ich dieses Mistding!“ schimpfte er. Die Geige war alt, die Wirbel funktionierten nicht richtig, waren auch wohl nicht mehr zu richten, und zu alledem hatte der Boden einen Riss. Eine Schande für meinen Laden, dachte er. Am Ende würden die Leute über ihn Lachen, wenn sich herumsprach, dass der alte Ebenezer so einen Ramsch in seinem Sortiment hatte.

Die Leute nannten ihn den „alten Ebenezer“, auch wenn er noch gar nicht so alt war. Seine Haare waren aber schon grau, sie waren in den Jahren grau geworden, seitdem seine Frau gestorben war. Seit dieser Zeit war er auch so grimmig und unfreundlich geworden, dass sich eigentlich kaum mehr jemand in seinen Laden hinein traute. Ab und an verkaufte er eine der besseren Geigen an Kunden von ausserhalb, und davon lebte er.

Im Vorbeigehen sah er noch, dass von aussen an der Fensterscheibe wieder Abdrücke von Kinderhänden waren – er würde morgen wiedermal saubermachen müssen.Kinderhände, am besten noch mit Dreck und Resten von Süßigkeiten verschmiert! Kinder waren überhaupt das Schlimmste!

Er grummelte noch etwas, dann ging er wieder in seine Werkstatt zurück. Und wehe, wenn ihn heute nochmal jemand stören würde..

5.

“Heh, pass doch auf!”

Die kleine Juliane war soeben geradewegs in einen der anderen Kirchenbesucher hineingelaufen, der jetzt stehenblieb und sie böse anglotzte.

“Ungezogenes Balg…” grummelte er noch, drehte sich um und verschwand im großen Strom der Menschen, der sich gerade träge aus der Kirche hinauswälzte. Juliane sah ihm mit großen Augen nach und wurde im nächsten Moment selbst von jemandem angerempelt, allerdings von hinten.

Sie war in einer völlig anderen Welt und bekam nur ganz am Rande mit, was um sie herum passierte. Die Musik war so unglaublich schön gewesen! Die Musiker hatten in einem großen Halbkreis um den Altar herum gesessen und am Anfang, am Ende und ab und zu in der Mitte des Gottesdienstes gespielt. Und es stimmte, einige der Instrumente waren aus Holz, die mussten mit einem Bogen gestrichen werden, und andere waren aus Metall, in die musste hineingeblasen werden. Die Instrumente aus Metall waren sehr laut! Die kleine Juliane hatte genau aufgepasst, und es schien, dass die Instrumente aus Metall immer an wichtigen, bedeutsamen Stellen in der Musik spielten, sozusagen als Bestätigung für das, was die anderen Instrumente vorher vorgeschlagen hatten – jawoll, so ist’s, und darüber wird jetzt nicht mehr diskutiert!

Die laute Stimme und auch das Leuchten des Metalls gefielen ihr sehr. Sie hatte bemerkt, dass es – und sie hatte dabei ganz genau hingesehen – auch Instrumente aus Holz gab, in die hineingeblasen wurde. Diese Instrumente klangen etwas leiser, und sie hatten einen verträumten, flüsternden Ton, und sie klangen auch nicht alle gleich! Jedes schien seine eigene Stimme zu haben, genau wie die Menschen, die ja auch alle ein bisschen anders klangen, wenn sie sprachen.

Am meisten angetan hatten es ihr aber die Instrumente, die mit einem Bogen gespielt werden mussten! Da gab es ganz grosse, eins von ihnen war tatsächlich größer gewesen als die kleine Juliane selbst! Dieses Instrument war sehr drollig, es schien immer irgendwie mitzuspielen, es war also wohl sehr wichtig, aber so richtig hören tat man es doch nicht. Nur manchmal hatte die kleine Juliane geglaubt, dass das Holz der Kirchenbank bei besonders tiefen Tönen ein wenig mitbrummte – das war spannend! Vielleicht waren die Kirchenbank und das große Instrument ja aus dem gleichen Baum gemacht worden, und die Kirchenbank wollte jetzt gerne auch mitmachen, wenn ihr Bruder so schöne Musik spielen durfte?

Am allerschönsten waren aber die Instrumente, die ganz links in dem großen Halbkreis gesessen hatten. Sie waren sehr klein gewesen, was die kleine Juliane sehr passend fand, sie wurden mit einem Bogen gespielt, und aus ihnen kamen – auch da hatte sie genauestens hingehört – immer die schönsten und tollsten Melodien. Auch wenn diese Instrumente sehr klein waren, überstrahlte ihr Klang doch sden der anderen Instrumente, und diese schienen, auch wenn sie selber spielten, eigentlich doch im Grunde das nachzuspielen und aufzunehmen, was diese kleinen Instrumente gerade vorgespielt hatten. So ein Instrument wollte die kleine Juliane spielen!

Aber ach – was dachte sie denn da? Sie war doch nur ein armes Waisenmädchen, wie sollte sie denn ein Instument lernen können? Und so ein schönes noch dazu! Denn dass man das Spielen eines Instruments erst lernen musste, das hatte sie sich schon lange gedacht und mittlerweile – wieder von den großen Kindern und den Erwachsenen – auch schon bestätigt bekommen.

Ein Instrument konnten nur die Kinder reicher Leute lernen. Sie als Waisenmädchen – das hatte ihr die Aufseherin gesagt, als sie tatsächlich so unverfroren gewesen war, danach zu frage – könne froh sein, dass sie überhaupt ein Dach über dem Kopf hatte, Lesen und Schreiben lernen durfte und nicht auf der Straße leben musste, wo sie eigentlich hingehörte!

Die kleine Juliane blieb stehen und senkte traurig den Kopf. Was sollte denn jetzt werden? Sollte sie denn die Musik, die sie so sehr liebte, nur jedes Jahr zur Weihnachszeit hören dürfen? Das wäre schrecklich. Und auch wenn sie es nicht wollte, und auch, wenn es ihr nur noch ganz, ganz selten passierte, weil sie ja schon fast ein großes Mädchen war, begannen jetzt Tränen über ihre Wangen zu laufen.

Sie konnte sie nicht stoppen, obwohl sie es mit aller Kraft versuchte. Die Tränen liefen und liefen und hinterließen warme, feuchte Spuren auf ihrem kalten, eingefrorenen Gesicht.

6.

Nach einiger Zeit trocknete die kleine Juliane ihre Tränen und sah sich um. Wo befand sie sich überhaupt? Sie war so sehr in ihren Tagträumen versunken gewesen, dass sie überhaupt nicht darauf geachtet hatte, wohin sie gegangen war! Die kleine Gasse, durch die sie gerade lief, hatte sie noch nie gesehen, die ganze Gegend hier kannte sie überhaupt nicht. Ihr wurde ein bisschen mulmig im Bauch. Die anderen Kinder vom Waisenhaus waren längst fort, und sie hatte sich offensichtlich verlaufen! Eigentlich kannte sie auch nur wenige der Strassen und Plätze des Dorfes – sie durfte das Waisenhaus nur unter Aufsicht verlassen, sie war immer noch zu klein, um alleine herumzustreifen.

Aber so schlimm war das alles nicht – das Dorf war ja nicht groß, die Kirche müßte man von überall her sehen können, und von der Kirche her nach Hause zu finden, das getraute sie sich wohl. Schlimmer würde wohl eher die Strafe werden, die sie dafür bekommen würde, dass sie heimlich weggelaufen war. Dass sie nichts Böses im Sinn gehabt hatte, dass die nur den Kopf voller Träume und Musik gehabt hatte, das würde man ihr sicher nicht glauben.

Langsam ging die kleine Juliane den Weg zurück, den sie gekommen war – zumindest an die letzten paar Meter konnte sie sich noch erinnern – und stand plötzlich vor einem grossen Schaufenster mit weissen Buchstaben auf der Scheibe. „Johann Ebenezer – Streichinstumente“ stand da geschrieben! Konnte das möglich sein? Sie hielt den Atem an, und – richtig! Da vor ihr im Fenster hingen tatsächlich Musikinstrumente! Es gab auch hier verschiedene Größen, und auch die kleinen Instrumente, die sie so sehr mochte waren da! Von denen gab es sogar eine ganze Menge in dem Laden, eigentlich war er sozusagen vollgestopft mit…

„Geigen!“ sagte die kleine Juliane laut, und ein klein wenig erschreckte sie sich vor dem Klang ihrer eigenen Stimme in der ansonsten völlig stillen Gasse. Sie hatte das Wort auf einem der Zettel gelesen, die neben den vielen Instrumenten hingen. Sie ging noch näher an die Scheibe heran. Sie sah, dass auch die Geigen nicht alle gleich aussahen, da gab es hellere und dunklere, und es gab sogar einen Bereich im Fenster, in dem nur die Bögen hingen, mit denen die Geigen gespielt werden mussten. Und ganz hinten im Fenster, in einem Bereich, in den fast kein Licht hineindrang, hing eine ganz alte, wunderschöne Geige, mit dunklem Holz und einem schön geschwungenen Kopf. Die kleine Juliane stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte sich so hoch sie konnte, um die Geige genauer erkennen zu können. Dabei stützte sie sich mit beiden Händen an der Fensterscheibe ab, um nicht den Halt zu verlieren. Sie..

„Scherr dich weg, du elendes Balg! Warte nur, gleich…“

Ein böser, zornig roter Kopf streckte sich aus einem Fenster direkt über ihr heraus und starrte sie grimmig an – die kleine Juliane dachte zuerst, ihr Herz würde vor Schreck stehen bleiben, dann rannte sie fort, so schnell sie ihre Beine trugen, und so schnell sie in dem dicken Schnee vorwärts kam.

7.

Die kleine Juliane lag auf ihrem Bett und betrachtete traurig den Mond, der hell und klar am dunklen Nachthimmel hing. Was sollte denn nun werden? In ihrem Kopf erklang noch immer die Musik, die sie am Abend in der Kirche gehört hatte. Dieser Tag war das schönste gewesen, was sie je erlebt hatte, und gleichzeitig hatte er sie tieftraurig gemacht. Sie wollte so gern mehr von dieser tollen Musik hören, und nicht nur dass – sie wollte, und dieser Entschluss hatte eigentlich von dem Moment an fest gestanden, als sie die ersten Töne des Adventskonzerts gehört hatte, sie musste die Musik auch selber spielen!

Als sie völlig verstört und verheult zuhause angekommen war, hatte man nur ein wenig mit ihr geschimpft und sie dann ohne Abendessen ins Bett geschickt – man hatte ihr wohl tatsächlich geglaubt, dass sie sich ganz einfach verlaufen hatte. Sie konnte hören, wie die anderen Kinder jetzt unten im Speisesaal Adventslieder sangen – ohne sie, aber das war ihr ganz recht, sie wollte alleine sein.

Sie brauchte einen Plan – ob es möglich war, irgendwie an ein Musikinstrument zu kommen? An eine eigene kleine Geige, auf der sie spielen konnte? Vielleicht war es ja möglich, dass sie erstmal nur für sich selbst spielte? Die kleine Juliane hatte nämlich schon genau hingesehen wie die Sache mit dem Bogen funktionierte! Man musste die Geige auf die Schulter nehmen, und zwar auf die linke, und den Bogen hielt man dann in der rechten Hand und bewegte ihn schön gerade hin und her. Etwa so!

Die kleine Juliane kroch aus ihrem Bett heraus und und stellte sich vor die Fensterscheibe. Ein paar Meter hinter ihr stand die grosse Kerze, die nachts im Schlafsaal immer brennen gelassen wurde, damit die Kinder keine Angst bekamen und nicht stolperten, wenn sie Nachts aufstehen und zur Toilette gehen mussten. Die Kerze gab ein schönes, dämmriges Licht, und die kleine Juliane konnte ihr Spiegelbild in der Scheibe deutlich erkennen. Sie streckte sich und drehte den Kopf nach links, genau, wie sie es in der Kirche gesehen hatte, und stellte sich vor, in ihrer Hand läge die schöne alte Geige, die sie im Schaufenster gesehen hatte. Wie schön mussten die Melodien aus dem Konzert auf dieser Geige klingen! Sie begann, eine der Melodien leise zu singen und tat so, als würde sie im Takt dazu mit einem Bogen die Saiten streichen. Das klappte doch schonmal ganz gut! Überhaupt erschien ihr der Bogen das wichtigste zu sein, abgesehen von der Geige selbst natürlich. Für die genaue Höhe der Töne schien wohl eher die linke Hand zuständig zu sein, aber das, fand Juliane, war erstmal nebensächlich. Das würde dann schon kommen, wenn man hörte, was wirklich dabei herauskam, wenn man mit einem echten Bogen über echte Saiten strich!

Sie schloss die Augen und stellte sich die Geige in ihrer Hand vor, den Geruch von altem Holz, den sie heute in der Kirche gerochen hatte, die Geräusche von anderen Musiker um sich herum, das Rascheln der Notenblätter, und das Gefühl von Saiten unter ihren Fingern.

Die kleine Juliane versank ganz tief in ihrem Traum, und ein wunderschönes, warmes Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus.

Sie wusste zuerst gar nicht mehr, wo sie sich befand, als plötzlich etwas von aussen an die Fensterscheibe klopfte.

8.

„Sie kommt! Sie hat tatsächlich geschrieben, ich war auf dem Postamt, und: Sie kommt!“

Atemlos und mit leuchtenden Augen kam ein kleiner, runzliger alter Mann in die Kirche hineingewatschelt, der auf den Schultern einen großer Lederkoffer trug, der offensichtlich ein Orchesterhorn enthielt.

„Ich bin so glücklich, dass sie sich gemeldet hat…“

Er zog mit dem Fuss einen Stuhl heran, was auf dem Marmorboden der Kirche fürchterlich quietschte, setzte den Koffer darauf ab und begann mit schnellen, geübten Bewegungen, sein Instrument auszupacken. Die übrigen Mitglieder des kleinen Kirchenorchesters waren schon vollzählig versammelt, und er beeilte sich nach Kräften.

Für das Weihnachtskonzert war ein wunderschönes Arrangement von einer Arie aus Bachs Weihnachtsoratorium geplant, und die Tochter des Hornisten sollte die Solostimme singen.

Deshalb musste bis zum großen Weihnachtskonzert noch viel geübt werden. Sie war schließlich eine berühmte Sängerin – das heisst, sie war nicht wirklich berühmt, aber immerhin hatte sie an der staatlichen Musikhochschule Gesang studiert, und sie hatte ein Engagement an der Oper in der Hauptstadt. Das wollte schon etwas heissen!

Das Orchester begann mit dem ersten Durchlauf der Arie, aber schon bald winkte der Musiker an der ersten Geige – es handelte sich dabei um den Bäckermeister des Dorfes – ab.

„Das ist einfach zu wenig! Die Geigen sind viel zu leise. Wenn das Fundament nicht stimmt, bricht das ganze Stück bei der ersten Gelegenheit auseinander…“

Das Orchester probte nun schon seit einigen Jahren ohne Dirigenten. Bei der geringen Größe – zusammen waren sie genau zehn Musiker – war das möglich, aber manchmal war es doch schwierig. Gerade heute im Adventsgottesdient hatten sie beinahe abbrechen müssen, als die zweite Geige einen Einsatz komplett verpasst hatte. Und der Cellist hatte leider trotz größtem Bemühen die Neigung, in längeren Stücken immer schneller zu werden.

Das Hauptproblem waren aber die hohen Streicher – es gab nur drei, zwei erste Geigen und eine zweite, und Bratschen gab es überhaupt keine!

Es fehlten Neuzugänge, das war eben die Schwierigkeit in einem kleinen Dorf. Seit zwei Musiker aus Altersgründen nicht mehr am Orchester teilnehmen konnten, fiel der Gesamtklang leider zunehmend auseinander.

Und gerade jetzt, wo sich so prominenter Besuch angekündigt hatte, wollte man sich doch nicht blamieren…

9.

Ein kleiner Vogel war es, der da rhythmisch mit seinem langen Schnabel gegen die Fensterscheibe hämmerte! Er hatte einen blauen Kopf, blaue Flügel und an der Brust war er ganz orange. Ein Eisvogel, erkannte die kleine Juliane sofort. Aber ein Eisvogel im Winter? So hoch im Norden blieben Eisvögel sonst nur im Sommer, im Winter flogen sie dann ins warme Afrika. Das wusste die kleine Juliane ganz genau, sie hatte es erst letzten Monat in der Schule gelernt.

Der kleine Vogel hämmerte wieder gegen die Scheibe. Was er wohl wollte? Ob ihn etwa ihre Musik gestört hatte? Aber, das konnte ja gar nicht sein, die Musik hatte ja nur im Kopf der kleinen Juliane stattgefunden – fast hatte sie das schon vergessen. Trotzdem, sie hatte jetzt schon von „ihrer Musik“ gesprochen – das war super!

Als sie sich den kleinen Eisvogel genauer ansah, bemerkte sie, dass er erbärmlich zitterte. Es stimmte wohl tatsächlich, dass er bei der Kälte nicht hierher gehörte.

„Du armer, möchtest du vielleicht reinkommen?“ fragte die kleine Juliane. Und der Vogel, gerade, als ob er sie gehört hätte, fing an, noch viel heftiger zu zittern und noch viel heftiger mit dem Schnabel gegen die Scheibe zu hämmern.

Nicht, dass er hier vor ihren Augen starb? Über diesen schrecklichen Gedanken hatte die kleine Juliane jetzt sogar das Geige spielen vergessen, wenn auch natürlich nur für kurze Zeit. Sie öffnete das Fenster. Es knarzte wieder schrecklich – daran hatte sich in den letzten Jahren nichts geändert – und der kleine Vogel flatterte sofort herein und liess sich auf dem Fensterbrett nieder.

„Und nun? Was mache ich denn jetzt mit dir?“ sagte sie. Vorsichtig schloß sie das Fenster wieder und setzte sich auf ihr Bett.

Der Vogel sah sie mit großen Augen an.

„Möchtest du hier einziehen und bei mir wohnen?“ Das hatte die kleine Juliane natürlich nicht ernst gemeint – so etwas war hier im Waisenhaus nämlich auf gar keinen Fall möglich. Und überhaupt, wenn, dann würde ein Vogel doch nicht irgendwo „einziehen“, sondern allenfalls „regelmäßig ab und zu vorbei schauen“, um sich zu wärmen und satt zu essen, oder? Trotzdem war sie höchst erstaunt, als der Vogel auf ihre Frage hin heftig den Kopf schüttelte.

„Kannst du mich etwa verstehen, Eisvogel?“ fragte die kleine Juliane.

Der Vogel nickte langsam mit dem Kopf! Die kleine Juliane war jetzt völlig verwirrt. Sie wollte gerade den Mund auf zu machen, als sie plötzlich Stimmen und Schritte auf der Treppe hörte – das Adventssingen war vorbei, und die Aufseherin würde zusammen mit den anderen Kinder würde jeden Moment in den Schlafsaal kommen! Jetzt war schnelles Handeln angesagt.

„Lieber Vogel, du kannst über Nacht hier bleiben, aber dann darfst du keinen Mucks machen, ok? Wenn dich jemand hört, wirft man dich sofort wieder hinaus in die Kälte! “ Und mich gleich dazu, dachte sie, sagte es aber nicht. Der Vogel musste ja schliesslich nicht alles wissen. „Du kannst hier unter meinem Bett in meinem Pantoffel schlafen, dort ist es schön warm.“

Der kleine Eisvogel schien sie tatsächlich zu verstehen, denn er machte einen Hüpfer, schlug ein paarmal mit den Flügeln und landete auf dem Fussboden, direkt neben dem linken Pantoffel der kleinen Juliane. Dann piepte er einmal freudig und machte noch einen Hüpfer, genau in den warmen Pantoffel hinein.

Die Juliane hörte, wie sich die große Tür des Schlafsaals öffnete. Sie schob beide Pantoffeln ein Stück weit unter ihr Bett, kroch unter die warme Decke und stellte sich schlafend. Gerade noch rechtzeitig!

Die Kinder kamen herein, schwatzten, und legten sich in ihre Betten, während die Aufseherin mit ihnen ein Abendgebet sprach und sie dazu ermahnte, keinen unnötigen Lärm zu machen.

Das war ein langer, ereignisreicher Tag für die kleine Juliane gewesen! Und noch bevor die anderen Kinder mit dem Schwatzen aufgehört hatten, war sie eingeschlafen…

10.

Mitten in der Nacht aber wachte die kleine Juliane plötzlich wieder auf. Sie hörte ganz deutlich ein Piepsen unter ihrem Bett! Das war natürlich der Vogel, dachte sie. Hatte er nicht versprochen, leise zu sein? Aber was für ein Unsinn war das – der Vogel hatte natürlich überhaupt nichts gesagt, er war eben einfach in den warmen Pantoffel gehüpft, und überhaupt hatte sie sich das mit dem Kopfschütteln wahrscheinlich nur eingebildet. Die kleine Juliane beugte sich vor und schaute unter ihr Bett.

„Piieeep!“ machte der Vogel, hüpfte aus dem Pantoffel heraus und piekste der kleinen Juliane in die Wange.

„Au!“ flüsterte sie, und zog den Kopf weg. Der Vogel kam ihr hinterhergehüpft und sprang auf die Bettdecke.

„Was machst du denn da?“ flüsterte die kleine Juliane vorwurfsvoll. So hatte sie sich das aber nicht vorgestellt! „Lieber Vogel, du musst unbedingt leise sein, und…“

„Piieep!“ machte der Vogel, und zwar richtig laut! Die kleine Juliane sah sich erschrocken nach den anderen Kindern um, aber die schienen alle noch zu schlafen.

„PIEEEP!“ machte der Vogel wieder, und hüpfte dabei heftig auf und ab.

„PIEEEP! PIEEEP! PIIEEEEEEEEEP!“

Der Vogel machte einen unglaublichen Lärm, dabei hüpfte er wie verrückt, wie ein kleiner Gummiball ging es auf und ab. Dabei flatterte er mit den Flügeln, und schlug immer so heftig auf der Bettdecke auf, dass es der kleinen Juliane anfing, weh zu tun.

„PIEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEE….“

Das war fast wie ein Schrei! Und der Vogel wurde auch größer, und er hüpfte jetzt so schnell auf und ab, dass die kleine Juliane ihn überhaupt nicht mehr richtig erkennen konnte. Dafür klapperte jetzt ihr ganzes Bett und die Matraze quietschte, jedes Mal, wenn der Vogel auf der Bettdecke aufschlug. Und er wurde immer größer! Nach einiger Zeit – die kleine Juliane hatte der Atem angehalten und sass mit schreckgeweiteten Augen da – begannen die ersten Federn, aus dem blau-orangen Farbwirbel zu fliegen, in den sich der Vogel verwandelt hatte.

„PPPPPPIEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEP!!!“ hörte man, und dann war plötzlich Ruhe. Auf ihrem Bett, direkt vor der kleinen Juliane, saß eine Frau von vielleicht dreißig Jahren, sie hatte rotblondes Haar, dass sie zu einem Dutt zusammengesteckt hatte, und trug ein schönes blaues Kleid.

„“Mensch, war das anstrengend!“, sagte die Frau, und wischte sich den Schweiss von der Stirn. „Entschuldige bitte, wenn ich dich …. dich erschreckt habe!“ Sie war ganz ausser Atem und musste erst mal Luft holen.

„Wer…..wer bist denn du?“ fragte die kleine Juliane. Abgesehen davon, dass sie nicht so richtig verstand, warum der kleine blaue Vogel sich einfach so in eine hübsche Frau verwandeln konnte, wunderte sie sich auch sehr darüber, dass die anderen Kinder trotz des Höllenlärms, den das Verwandeln gemacht hatte, immer noch nicht aufgewacht waren.

„Ich bin, äh – “ die Frau in dem blauen Klein zögerte einen Moment, als müsse sie über Antwort zuerst selbst nachdenken, „Ich bin eine Fee! Und zwar eine gute Fee. Ich kann mir meinen Herzenwunsch erfüllen!“

„Wie bitte?“ sagte die kleine Juliane.

„Ich habe gesagt: Ich bin eine Fee und kann dir deinen Herzenswunsch erfüllen. Sag mal, hört du mir etwa nicht zu?“

„Doch, doch…“ sagte die kleine Juliane. Hatte die Fee gerade gesagt, dass sie sich ihren eigenen Herzenswunsch erfüllen könne? Aber wahrscheinlich hatte sie sich da nur verhört.

„Du hast doch einen Herzenswunsch, hoffe ich!? Sonst wär die ganze Verwandlung für die Katz‘ gewesen.“ Die Fee begann, ungeduldig mit den Fingern auf die Bettkante zu trommeln.

„Ich…äh…ja, natürlich!“ sagte die kleine Juliane. Sie verstand zwar nicht im geringsten, was hier gerade vor sich ging, beschloss aber, die Gelegenheit beim Schopfe zu fassen.

„Ich möchte gerne Geige spielen lernen!“ sagte sie. „Ich liebe Musik so sehr, und ich möchte Geige spielen!“

Die letzten Worte hatte sie ziemlich laut gerufen – die anderen Kinder wachten ja wohl gerade sowieso nicht auf, und sie wollte sicher gehen, dass die Fee sie auch ja richtig verstand.

„Das dachte ich mir!“ sagte die Fee und lächelte die kleine Juliane an. „Dann ist ja aller klar, und wir können mit dem Unterricht anfangen. Steh mal auf und stell dich vors Fenster!“

„Wie – jetzt gleich?“ fragte die kleine Juliane, der das alles jetzt doch ein bisschen zu schnell ging. „Aber ich habe doch gar keine Geige!“

Die Fee im blauen Kleid lächelte immer noch, sie war jetzt viel freundlicher und entspannter als gerade eben noch – offenbar hatte sie die Verwandlung einfach sehr in Anspruch genommen.

„Stell dich vors Fenster, du wirst schon sehen! Gerade vorhin hast du doch schon so schön gespielt.“

Also stand die kleine Juliane auf und stellte sich vors Fenster.

11.

Die kleine Juliane sah sich vorsichtig um, dann stahl sie sich aus der Hintertür des Waisenhauses. Wenn man sie jetzt erwischen würde! Aber sie musste unbedingt hinaus, sie musste zu dem Laden mit den Streichinstumenten.

Es war jetzt mittag, und noch immer wusste sie nicht, was sie denken sollte. Sie hatte am Morgen beim Aufwachen keinen Vogel mehr unter ihrem Bett oder sonst wo vorgefunden – es schien fast, als ob sie die ganze Geschichte nur geträumt hatte! Aber wenn sie die Finger ihrer linken Hand betrachtete, so sah sie dort – wenn auch nur ganz schwach – die Spuren, die die Saiten der Geige dort gestern Nacht hinterlassen hatten.

Als sie sich, wie die Fee es befohlen hatte, vor das große Fenster gestellt hatte, hatte sie dort natürlich wieder ihr Spiegelbild gesehen – aber dieses mal lag dort eine echte kleine Geige in ihrer Hand! Sie konnte die Geige auf ihrer Schulter fühlen, und auch die Saiten, und den Bogen! Ausserhalb des Spiegelbilds konnte sie von all dem gar nichts sehen, was etwas merkwürdig war. Aber diese Bedenken hatte die Fee schnell zerstreut – Geige üben solle man sowieso am besten mit geschlossenen Augen.

Und die Fee hatte sie ganz schön hart rann genommen! Die erste Unterrichtsstunde hatte so ziemlich die ganze Nacht gedauert, und sämtliche Erklärungen der Fee, dass sie die Zeit einfach angehalten hätte, weswegen auch die andere Kinder nichts hören würden, und weswegen es auch gar nichts machen würde, die ganze Nacht lang zu üben, weil sie ja danach dann nochmal die ganze Nacht zum ausschlafen hätte, änderten nichts daran, dass die kleine Juliane jetzt doch ziemlich müde war. Müde, aber sehr glücklich! Denn sie hatte gemerkt, dass Geige spielen ihr wirklich, wirklich Spass machte. Und sie lernte recht schnell – sie wusste jetzt schon wie die vier Saiten der Geige hießen, wie sie den Bogen genau halten musste, und sie konnte schon schöne, lange Töne spielen. Die Sache mit der linken Hand war dann zuerst doch nicht ganz so einfach gewesen, und die kleine Juliane hatte sich mächtig erschreckt, als der erste Versuch, einen Ton nachzuspielen, den die Fee ihr vorgesungen hatte, fürchterlich schief klang. Aber die Fee hatte ihr auch gesagt, dass Geiger eigentlich immer falsch spielten, dass es nur wichtig sei, die falschen Töne so schnell richtig zu schieben, dass es nicht auffiel, und damit war die kleine Juliane wieder glücklich. Denn sie hörte sehr genau, ob es richtig war, was sie spielte! Sie hatte auch schon ein wenig gelernt, Noten zu lesen und zu schreiben, und in der nächsten Nacht sollte es weiter gehen.

Die Fee hatte ausserdem ständig von einem Konzert gesprochen, es klang fast wo, als würde sie das große Konzert in der Christnacht meinen! Sollte… sollte die kleine Juliane da etwa selber mitspielen? Das wäre schöner als alles, was sie sich vorstellen konnte. Aber es gab da doch ein Problem: sie hatte ja immer noch keine Geige! Und sie wollte so gerne wissen, ob sie jetzt auch tatsächlich auf einer echten Geige würde spielen können! Ausserdem würden die Privatstunden bei der Fee sicherlich nicht ewig dauern, die kleine Juliane hatte mächtig Angst, dass es zu Weihnachten damit aus sein würde, ob Konzert oder nicht, und dann? Sie konnte vielleicht bis dahin so viel lernen, dass sie erstmal alleine weiterkam, und dann irgendwann später bei dem Orchester mitspielen konnte – aber ohne Geige?

Und die einzige Möglichkeit, an eine Geige zu kommen, war doch eben ein Laden, in dem man Geigen kaufen konnte. Womit sie eine Geige bezahlen wollte, wusste sie selber nicht, und sie hatte auch Angst, überhaupt zu dem Laden hin zu gehen! Sie musste immer an den bösen roten Kopf denken, der sich gestern – war das alles wirklich erst einen Tag her? – aus dem Fenster gelehnt hatte. Der hatte ja nicht gerade so gewirkt, als ob er einem kleinen Waisenmädchen einfach so mal eine Geige ausleihen würde! Aber sie hatte keine andere Möglichkeit.

Die kleine Juliane hatte mittlerweile den Kirchplatz überquert und war in die kleine Gasse eingebogen, in der sich der Laden von Johann Ebenezer befand. Ihr Herz pochte immer noch vor Angst, entdeckt zu werden, als vor ihr das Schaufenster mit den vielen Geigen auftauchte. Anders als beim letzten Mal war der Laden aber nicht leer! Es war ja nicht mehr Sonntag, der Laden hatte geöffnet, und gerade war ein dicker großer Mann darin.

Die kleine Juliane kam näher – sie wollte sich ja eigentlich nur die Preise für die Geigen ansehen, und schauen, ob irgendwas dort stand, dass man eine Geige vielleicht auch ausliehen konnte – was natürlich doch alles Unsinn war, sie hatte ja kein Geld! – aber jetzt hörte sie, dass die Leute in dem Laden sich unterhielten. Das war doch vielleicht ganz spannend! Ausserdem konnte sie die Frage, was sie nun eigentlich in dem Laden wollte, noch ein wenig hinauszögern. Sie stellte sich in der Nähe der Eingangstüre vor das Fenster und lauschte neugierig.

„…überhaupt wäre es besser, wenn du wieder dirigieren würdest, Johann. Das läuft doch so nicht! Hast du beim Konzert gestern nicht gehört, wie wir auseinander gehangen haben? Richtig peinlich war’s mir zum Teil!“

Erst jetzt sah die kleine Juliane, dass auch der Mann mit dem roten Kopf im Laden war – auch wenn der Kopf jetzt gar nicht so rot war. Er war groß und mager, sah blass und eigentlich auch ziemlich unglücklich aus, fand die kleine Juliane.

„Wie soll ich das gehört haben? Ich war nicht da. Und du weisst genau, dass ich das mit dem Dirigieren nicht mehr möchte. Seit..“

Der große dicke Mann unterbrach ihn: „Die Tochter vom Schorsch kommt, die Helene. Weißt du noch? Sie hat studiert und arbeitet jetzt an der Oper. Wir möchten den Bach nochmal aufführen.“

Johann Ebenezer grummelte irgend etwas und kramte in einer der vielen Schublade herum, die an einer Seitenwand des Ladens angebracht waren. Die kleine Juliane war jetzt noch ein bisschen näher getreten, um das Innere des Ladens besser erkennen zu können. Das ein Laden für Streichinstumente auch noch ein Innenleben hatte, das vielleicht noch viel spannender war als das Schaufenster, hatte sie gar nicht bedacht! Was wohl in den vielen Schubladen drin war…?

„Und alleine schaffen wir’s halt nicht. Auch sind wir viel zu wenig Leute. Es fehlt uns an Geigen! Hier im Dorf gibt jetzt auch keiner mehr Unterricht…“

Ebenezer sagte nichts und kramte weiter in seinen Schubladen herum. Die kleine Juliane stand jetzt – ohne das sie es gemerkt hatte – mitten in der Eingangstüre. Auf dem Tisch in der Mitte des Ladens lag die schöne alte Geige, die sie gestern noch im Fenster hatte hängen sehen!

„Johann. Du kannst dich nicht für immer hier verschliessen. Wir alle müssen mal Verluste hinnehmen, aber das Leben geht weiter, weisst du…“

Ebenezer sagte immer noch nichts und ging jetzt zu der alten Geige hinüber, nahm sie in die Hand und zupfte mit grimmigem Blick nacheinander die vier Saiten an. Es klang entsetzlich schief.

„Falsch!“ sagte die kleine Juliane laut, ohne dass sie es wollte. Sie hatte gestern Nacht in ihrer ersten Stunde bei der guten Fee natürlich zuerst das Stimmen gelernt, und die Fee hatte auch immer „Falsch!“ gerufen, wenn sie es nicht richtig gemacht hatte. Aber das war gar nicht so oft vorgekommen, die kleine Juliane hatte nämlich tatsächlich ein sehr gutes Gehör.

Die beiden Männer hatten die kleine Juliane bis zu diesem Moment überhaupt nicht bemerkt und drehten sich jetzt um.

„Die Geige klingt falsch!“ sagte die kleine Juliane nochmal, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte. Dass die beiden Männer sie so anstarrten, war ihr ziemlich unangenehm.

„Na, ist das eine Art für ein kleines Mädchen, ‚Hallo‘ zu sagen? Kommst einfach so in den Laden des alten Ebenezers hereinspaziert und behauptest, seine Geigen klängen nicht ordentlich!“

Der große dicke Mann sah die kleine Juliane jetzt etwas freundlicher an, allerdings war sie sich nicht ganz sicher, ob er sie auch wirklich ernst nahm.

„Nein, nein!“ beeilte sie sich zu sagen. „Nur diese Geige da, sie – “ sie war sich nicht sicher, ob es wirklich klug war, noch länger bei dem Thema zu bleiben.

„Sie ist wunderschön, aber ich glaube, sie müsste mal gestimmt werden.“ Sie versuchte ein Lächeln, um zu zeigen, dass sie es nicht böse meinte. Sie wollte doch nicht unverschämt wirken!

„Das Stimmen kannst du dir bei dem alten Ding schenken. Die Geige ist kaputt und kommt auf den Müll!“ sagte der alte Ebenezer patzig „Ich hab sie lange genug hier herum hängen lassen…“

Der große dicke Mann machte ein erschrecktes Gesicht.

„Johann, das kannst du nicht tun! Ist das nicht die alte Geige von…“

„Ja, und?“ Ebenezer war jetzt auf einmal laut geworden, aber die kleine Juliane verstand nicht, warum. „Ich will sie nicht länger hier haben!“ herrschte er den großen dicken Mann an.

„Aber sie ist doch so schön!“ sagte die kleine Juliane leise.

Der alte Ebenezer drehte sich zu ihr um und starrte sie an. Es schien fast, als ob er ihre Anwesenheit schon völlig vergessen gehabt hatte.

„Was geht dich das an?“ jetzt war der Kopf des alten Ebenezers wieder zornrot.

Der kleinen Juliane kamen die Tränen. „Aber ich wollte doch nur…“

„Raus aus meinem Laden!“ schrie er. „Kinder haben hier nichts verloren…“

12.

Einige Tage waren vergangen. Der heimliche Ausflug der kleinen Juliane war glücklicherweise nicht bemerkt worden, und sie hatte seitdem jede Nacht ausführlichen Unterricht von der guten Fee bekommen. Die Sache mit dem Vogel und dem verwandeln hatte sie weggelassen – die kleine Juliane hatte einfach immer irgendwann in der Nacht ein lautes Klopfen an der Fensterscheibe gehört, und dann war es losgegangen.

Sie konnte jetzt schon Tonleitern spielen und einfache, kleine Melodien! Der Unterricht ging jede Nacht sehr lange, aber die kleine Juliane störte das nicht – zum einen war es wirklich so, wie die Fee gesagt hatte – sie konnte offenbar die Zeit anhalten, und somit konnte die kleine Juliane wirklich jede Nacht noch ein paar Stunden schlafen. Und zum anderen machte Geige spielen ihr einfach unglaublich viel Spass!

Dennoch war sie jeden morgen hundemüde. Das lag zum Teil daran, dass sie abends nach dem Unterricht noch so aufgeregt war, dass sie lange nicht einschlafen konnte. Sie war so glücklich, dass sie jetzt selber Musik machen konnte! Sie merkte schon, dass das, was sie da spiele, verglichen mit der Musik in der Kirche noch recht einfach war, aber dennoch! Ausserdem spielten im Konzert ja viele Musiker gleichzeitig, und sie machte das hier alles alleine – das musste man schliesslich auch bedenken, fand sie.

Es war aber noch etwas anderes, was die kleine Juliane nicht schlafen ließ – es war natürlich der Gedanke an den alten Ebenezer und an das, was er zu ihr gesagt hatte. Zuerst hatte sie einfach nur Angst gehabt, aber mittlerweile war sie – es hatte eine Zeit gebraucht, das zu zu geben – auch ganz schön wütend! Sie hatte nichts böses getan, und trotzdem war sie einfach aus dem Laden geworfen worden. Und, was noch viel schlimmer war – der alte Ebenezer hatte gesagt, er wollte die schöne alte Geige einfach wegwerfen! Dabei hatte sie in den Augen der kleinen Juliane gar nicht so kaputt ausgesehen.

Ausserdem – wenn der alte Ebenezer die Geige unbedingt wegwerfen wollte, dann könnte er sie doch auch der kleinen Juliane schenken, oder? Sie würde bestimmt darauf spielen können! Eigentlich musste sie jetzt also nur nochmal zu dem Laden rübergehen und den alten Ebenezer danach fragen. Und ihn davon überzeugen, dass das eine tolle Idee war. Und es bei all dem irgendwie schaffen, nicht gleich wieder aus dem Laden herausgeworfen zu werden.

Es war Samstag morgen, als sie sich endlich dazu entschloss, zu handeln. Sie war jetzt alt genug, um Samstags vormittags mit den anderen größeren Kindern auf den Markt gehen zu dürfen. Sie hatte die Aufgabe bekommen, drei Kohlköpfe für die Küche zu besorgen, hatte sich beeilt und stand jetzt zum dritten Mal – völlig ausser Atem – vor dem Laden des alten Ebenezers. Sie war sich nicht ganz sicher, ob der Laden am Samstag wohl geöffnet haben würde, und freute sich, als sie sah, dass die Ladentür offenstand. Vorsichtig kam sie näher.

In dem Laden stand der alte Ebenezer. Er war allein und hielt eine besonders helle Geige in der Hand – als die kleine Juliane genau hinsah, merkte sie, dass die Geige noch nicht lackiert war, offenbar hatte er sie gerade erst fertiggestellt. Auch das war wieder sehr spannend! Die kleine Juliane wusste von der guten Fee, dass der Lack für den Klang einer Geige sehr wichtig war. Überhaupt neigte die Fee dazu, ihr zwischen den einzelnen Übungen manchmal sehr lange Vorträge zu halten. Das war immer sehr interessant und die kleine Juliane hörte immer gerne zu, aber manchmal war es schwierig, auch, weil die kleine Juliane in solchen Momenten immer ein bisschen den Eindruck hatte, dass die Fee ihre Anwesenheit irgendwie völlig vergessen hatte.

Wie eine Geige ohne Lack wohl klingen würde?, fragte sich die kleine Juliane. Aber gerade in diesem Moment nahm sich der alte Ebenezer einen Bogen, stimmte ein wenig an den Saiten herum, und begann, ein wunderschönes Lied zu spielen! Die Geige klang tatsächlich noch etwas nackt, die Fee wusste offensichtlich, wovon sie sprach, aber was der alte Ebenezer da spielte, sorgte dafür, dass der kleinen Juliane der Mund offen stehen blieb.

Bisher hatte sie immer gedacht, dass man auf einer Geige immer nur eine Melodie gleichzeitig spielen konnte, und das man für alles andere eben ein Orchester brauchte. Aber hier hörte sie zwei, manchmal sogar drei Stimmen gleichzeitig!

Es begann mit einer langsamen, getragenen Melodie, die aber – und das verblüffte die kleine Juliane völlig – schon nach ein paar Takten wiederholt wurde, allerdings ein paar Töne höher. Und dabei lief die erste Melodie einfach weiter! Und wieder ein paar Takte später meinte die kleine Juliane, die Melodie noch ein drittes Mal zu hören. Nach einiger Zeit wurde alles von ein paar großen, schweren Akkorden beendet, und es ging wieder mit einer einzelnen Melodie weiter – ganz ähnlich wie die erste, aber doch etwas anders.

Das Stück dauerte ein paar Minuten, und die kleine Juliane hörte die ganze Zeit zu, ohne sich zu bewegen und ohne ein Wort zu sagen. Trotz all der vielen Töne und Stimmen war es ein sehr trauriges Stück! Sie sah, dass der alte Ebenezer die Augen beim Spielen geschlossen hatte, genau, wie die Fee es ihr selbst immer sagte. Als das Stück zu Ende war, nahm er die Geige von der Schulter, liess die Augen aber noch einen Moment geschlossen. Meinte die kleine Juliane es nur, oder waren da Tränen in seinen Augenwinkeln?

Sie machte einen kleinen Schritt auf den alten Ebenezer zu, und dabei knarzte der Boden unter ihren Füssen. Der alte Ebenezer öffnete die Augen und sah die kleine Juliane direkt an.

„Du schon wieder!“ sagte er. Seine Stimme war dabei aber nicht so laut wie bisher, wenn er mit ihr gesprochen hatte.

„Das war wunderschön, was sie da gespielt haben!“ sagte die kleine Juliane.

Dann stand sie eine Zeit lang da und wusste nicht so recht, was sie sagen sollte.

„Ich wollte sie etwas fragen…“ sagte sie dann leise, weil sie befürchete, gleich wieder angeschrien zu werden.

Ihr Blick fiel auf den großen Tisch in der Mitte des Ladens, und zu ihrer Erleichterung sah die kleine Juliane, das die schöne alte Geige dort immer noch lag. Er hatte sie also noch nicht weg geworfen!

„Die alte Geige gefällt dir, nicht wahr?“ sagte der alte Ebenezer jetzt. Er legte die Geige, auf der er gerade gespielt hatte, aus der Hand und ging zu dem Tisch herüber. „Kannst du denn Geige spielen?“

Der kleinen Juliane schlug das Herz bis zum Hals – was um Himmels willen sollte sie denn jetzt sagen? „Nein“ wäre äußerst unklug, denn da wäre jede Hoffnung dahin, die Geige auch nur in die Hand zu nehmen. Aber sollte sie „Ja“ sagen? Nachdem sie gerade mal seit sechs Tagen spielte? Das konnte auch ziemlich nach hinten losgehen!

„Ein bisschen“ sagte sie schliesslich. Und das stimmte! Schliesslich war sie in den letzten Nächten ordentlich fleißig gewesen.

„Bei wem hast du gelernt?“ fragte der alte Ebenezer jetzt, und seine Stimme hatte einen bohrenden Unterton bekommen.

Und nun? Sollte sie jetzt sagen, dass sie bei einer Fee gelernt hatte, die erst ein kleiner blauer Eisvogel gewesen war, dass sie schon ein paar Melodien konnte aber noch nie eine echte Geige in der Hand gehabt hatte?

„Ich…“ fing die kleine Juliane an, und sagte dann nichts mehr. Sie war ebenfalls zu dem Tisch in der Mitte des Ladens herübergegangen, und beide standen jetzt da und betrachteten die alte Geige, die so ruhig und friedlich da lag, als würde sie schlafen.

„Sie ist so schön!“ sagte die kleine Juliane, und dann nahm sie all ihren Mut zusammen und legte vorsichtig eine Hand auf den Hals der Geige. Als der alte Ebenezer nichts sagte, nahm sie die Geige in die Hand und setzte sie vorsichtig an die Schulter. Das passte wie angegossen! Während ihrer nächtlichen Unterrichtsstundem hatte die kleine Juliane auch immer das Gefühl gehabt, es wäre genau diese Geige gewesen, auf der sie gespielt hatte, auch wenn sie sie ja immer nur undeutlich in der Fensterscheibe hatte sehen können.

Die zupfte die Saiten mit den Fingern an und hörte, dass sie immer noch verstimmt waren. Sie warf einen scheuen Blick auf den alten Ebenezer – der stand jetzt mit verschränkten Armen da und musterte sie kritisch. Was auch immer hier vor sich ging, sie durfte jetzt keinen Fehler machen!

Sie nahm die Geige wieder von der Schulter, stellte sie vorsichtig senkrecht auf den Tisch und drehte langsam an dem Wirbel für die D-Saite. Dabei achtete sie darauf, dass sie mit der anderen Hand einen leichten Gegendruck ausübte, wie sie es gelernt hatte. Sie überprüfte die Stimmung der Saite und korrigierte noch einmal, bis es stimmte. Genauso machte sie es mit der G-Saite und der E-Saite. Ob die A-Saite genau gestimmt hatte, wusste sie nicht, aber irgendwomit musste sie ja anfangen. Jetzt setzte sie die Geige wieder ans Kinn und griff nach einem Bogen, der ebenfalls auf dem Tisch lag. Nun kam der definitiv schwerere Teil. Das mit dem Stimmen war im Grunde nicht weiter schwierig, man brauchte nur manchmal etwas Geduld dafür. Jetzt aber musste sie auch wirklich etwas spielen! Sie dachte kurz nach und entschloss sich dann dazu, eine kleine Melodie zu spielen, die die Fee ihr vorgestern Abend beigebracht hatte, und die sie in dieser Nacht wiederholt hatten. Es war eine harmlose kleine Melodie mit vielen leeren Saiten, bei der aber doch jeder Finger irgendwann mal dran kam, und die einen schönen, verträumten Rhythmus hatte.

Sie war noch nicht ganz fertig, als der alte Ebenezer sie heftig unterbrach:

„Stop! Woher kennst du diese Melodie?“

„Die – äh – hab ich irgendwo gehört…“ sagte die kleine Juliane vorsichtig. Das war ja nicht mal gelogen, denn lügen wollte sie nicht, aber woher sie die Melodie wirklich kannte, konnte sie doch nicht sagen.

„Möchten sie die Geige denn wirklich wegwerfen?“ fragte die kleine Juliane. Einerseits, weil sie diese Frage jetzt mehr als je zuvor beschäftigte, die Geige hatte nämlich wirklich wunderschön geklungen! – andererseits aber, weil sie dringend vom Thema ablenken wollte.

Der alte Ebenezer sagte lange Zeit gar nichts, dann seufzte er.

„Nein, dass möchte ich nicht.“ Er machte wieder eine lange Pause. „Weisst du, diese Geige hat einmal einer großen Geigerin gehört. Hinten an der Wand hängt ein Bild von ihr.“ und er deutete auf ein kleines Bild mit einem schwarzen Rahmen, das ganz in der Nähe an der Wand hing. Ein Bisschen in der Ecke, so, dass man es nicht gleich sehen konnte, wenn man in den Laden herein kam. Das Bild war ganz in Schwarz-Weiss, trotzdem erkannte die kleine Juliane die Frau auf dem Bild sofort.

„Wer…“ setzte sie an, aber sie wurde von Ebenezer unterbrochen.

„Weisst du, seitdem sie gestorben ist, kann man die Geige nicht mehr stimmen. Die Wirbel halten einfach nicht mehr. Ich hab es dutzende Male versucht, aber es hat nie geklappt. Bis heute morgen. Bis du gekommen bist…“

Die kleine Juliane sah Ebenezer ziemlich erstaunt an, dann glaubte sie, ein paar Sachen zu verstehen, und sagte lieber gar nichts.

„Möchtest du nocheinmal auf ihr spielen?“ fragte er, und das liess sich die kleine Juliane natürlich nicht zweimal sagen.

13.

Die kleine Juliane sass auf einem Stuhl in der Kirche und war fürchterlich aufgeregt. Um sie herum sassen die anderen Musiker des Orchesters, vor ihr war ein klappriger alter Notenständer, und gleich würde es losgehen!

Es war so viel passiert in den letzen Wochen! Als sie vom alten Ebenezer zurück gekommen war – fast zwei Stunden später als verabredet – hatte die kleine Juliane wirklich mächtigen Ärger bekommen, weil man ihr zuerst nicht geglaubt hatte, wo sie gewesen war.

Dann aber war alles wieder gut gewesen, weil der alte Ebener tatsächlich wie versprochen herübergekommen war und der Aufseherin erklärt hatte, wo die kleine Juliane gewesen war, und dass er ihr eine seiner Geigen leihen wolle. Und das sie bitte an zwei Abenden in der Woche frei haben sollte, weil sie an den Proben des Kirchenorchesters teilnehmen solle, man brauche dringend Nachwuchs. Ob er denn das Orchester wieder dirigieren würde? Ja, das würde er.

Und diese Nachricht war fast so etwas wie eine Sensation in dem kleinen Dorf! Nach dem Tod seiner Frau vor einigen Jahren hatte Johann Ebenezer die Leitung des Orchesters aufgegeben, und da seine Frau, eine ausgezeichnete Geigerin, immer den Geigenunterricht im Dorf gegeben hatte, hatte es auch keinen Nachwuchs mehr gegeben. Ebenezer war traurig und verbittert geworden, und irgendwann hatte sich kaum noch jemand daran erinnern können, wie er früher gewesen war – ein freundlicher junger Mann, der Kinder sehr mochte und dem die Arbeit mit seinem Orchester über alles ging.

Die Proben mit dem Orchester waren zuerst sehr sehr anstrengend für die kleine Juliane gewesen! Sie hatte am Anfang längst nicht alles verstanden, und sie war heilfroh, dass direkt nach der Probe immer die Stunden mit der Fee kamen, die ihr dann alles nochmal in Ruhe erklärte.

„Wie kann es denn überhaupt sein, dass ich nach ein paar Wochen schon bei einem Orchester mitspielen kann?“ fragte die kleine Juliane eines Abends, nachdem sie ein paar Dinge endlich verstanden hatte, mit denen sie sich schon seit Tagen herumquälte. „Die anderen Musiker haben mir gesagt, dass sie meine Stimme etwas vereinfacht hätten, aber trotzdem…“

Die Fee hatte darüber etwas herumgedruckst und dann etwas gesagt, dass in etwa so klang, als dass die kleine Juliane bei ihr schneller lernen würde, weil sie die Zeit während ihren Stunden angehalten hätte und sie deshalb das, was sie lernte, besonders gut behalten könne.

„Alles, was du kannst, hast du selber gelernt“, sagte sie, „aber unter normalen Umständen hättest du sicherlich viel länger dafür gebraucht. Unsere Stunden hier sind ein kleines Stück der Ewigkeit, und das, was man in der Ewigkeit gelernt hat, das kann man wirklich und vergisst es niemals.“

Das leuchtete der kleinen Juliane ein. Und sie verstand auch, dass sie deshalb nicht weniger stolz sein durfte auf das, was sie mittlerweile konnte. Sie überlegte kurz, ob sie, wo man gerade schon bei solch mystischen Themen war, die Sache mit dem Foto, den Wirbeln, dem Herzenswunsch und den Schlüssen, die sie daraus gezogen hatte, ansprechen sollte, denn das hatte sie immer noch nicht ganz verstanden, aber sie zog es vor, zu schweigen und die Dinge sich entwickeln zu lassen. Die Fee wusste schon, was sie tat, dachte sie.

Und während der Generalprobe gestern Abend hatte tatsächlich alles so geklappt, wie es sollte! Die Sängerin war tatsächlich gekommen, hatte ihren alten Vater umarmt – die beiden hatten sich seit langer, langer Zeit nicht mehr gesehen – und hatte dann angefangen zu singen, und zwar so schön, dass die kleine Juliane beinahe für einen Moment mit dem Spielen aufgehört hätte. Und das wäre dann übel schiefgegangen, weil nämlich auch Ebenezer, der ihr und den anderen Geigen eigentlich einen Einsatz hätte geben müssen, für einen Augenblick mit dem Dirigieren aufgehört hatte. Sonst war aber alles glatt gelaufen, und die kleine Juliane hatte später am Abend mit glühenden Wangen ihrem Bett gelegen und hatte von der wunderschönen Musik geträumt. Es war ihr fast gar nicht aufgefallen, dass die Fee zum ersten Mal seit ihrer ersten Unterrichtsstunde nicht erschienen war! Wirklich klar wurde ihr das erst am nächsten Morgen, als sie aufwachte – die Fee betrachtete ihre Aufgabe jetzt wohl als abgeschlossen, was die kleine Juliane stolz und auch ein wenig traurig machte. Aber sie war sehr glücklich und sehr dankbar für das, was sie bekommen hatte.

All diese Gedanken gingen der kleinen Juliane durch den Kopf, als sie jetzt auf ihrem Stuhl sass, die Geige erwartungsvoll am Kinn, und auf den Einsatz von Ebenezer wartete, der in einem schwarzen Frack vor dem Orchester stand und überhaupt nicht mehr traurig und unglücklich aussah. Er lächelte das Orchester an, bedachte die kleine Juliane mit einem aufmunternden Blick und hob den Taktstock.

Das Orchester begann zu spielen, und als die Sängerin einsetzte und sich das Stück weiter und weiter entwickelte, konnte die kleine Juliane nicht verhindern, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen. Nie hätte sie vor ein paar Wochen noch zu träumen gewagt, dass sie einmal hier sitzen würde, als sie nach dem ersten Adventsgottesdient aus der Kirche gekommen war und ihr Traum von der Musik hoffnungslos und unerreichbar weit weg zu sein schien.

Die Stück war in zwei Teile geteilt, und in der kurzen Pause zwischen den beiden Sätzen bemerkte die kleine Juliane, dass auf einem der Kirchenfenster, durch den bei Tag Licht in den Altarraum hereindrang und das jetzt nur von dern vielen Kerzen der weihnachtlich geschmückten Kirche beleuchtet wurde, ein kleiner blau-orangener Eisvogel sass und aufgeregt piepste. Sei freute sich, dass die Fee extra gekommen war, um ihr und dem Orchester beim Spielen zuzuhören, auch wenn sie ein wenig traurig war, weil dies nun wohl wirklich das allerletzte Mal war, an dem sie die Fee zu Gesicht bekommen würde. Plötzlich merkte sie aber, dass der kleine Eisvogel wieder begonnen hatte, heftig auf und ab zu hüpfen. Das Piepsen war auch schon viel lauter geworden.

„Nein!“ dachte die kleine Juliane. „Bitte nicht jetzt! Wir haben doch gerade Konzert, und wenn du jetzt…“

Aber sie sah, dass die Menschen um sie herum sich nicht bewegten, offenbar stand die Zeit wieder still. Sie sah auch, dass Ebenezer gerade den Taktstock gehoben hatte um der Sängerin, die beim zweiten Satz einen Auftakt hatte, den Einsatz zu geben. Die beiden sahen sich in die Augen, und die kleine Juliane merkte, dass beide langsam rot im Gesicht wurden, obwohl die Zeit ja eigentlich stillstand. Die kleine Juliane meinte jetzt, den Herzenswunsch der Fee etwas besser zu verstehen, und hatte jetzt doch vor, ihr einen etwas anzüglichen Spruch zu dem Thema zu geben, als sie merkte, dass der kleine blaue Vogel mit dem Hüpfen aufgehört hatte und einfach verschwunden war, ohne Fee. Zwei kleine Federn schwebte langsam vom Kirchenfenster herab, eine blaue und eine orangene, und fielen auf den Boden, genau vor den Notenständer der kleinen Juliane.

Was das wohl bedeuten sollte? Fragte sie sich, konnte dieser Frage aber nicht nachgehen, weil in genau diesem Moment der Einsatz des Diregenten kam, Helene mit dem Singen begann und die kleine Juliane alle Hände voll zu tun hatte, hinterherzukommen.

Nach dem Konzert standen die Musiker des Orchesters vor dem Altar und verbeugten sich, während die Kirchenbesucher heftig applaudierten. So schön hatte das Orchester seit Jahren nicht mehr gespielt! Als der Applaus auch nach etlichen Minuten einfach nicht enden wollte, mussten die Sängerin und Ebenezer nochmal alleine nach vorne gehen und sich Hand in Hand verbeugen. Dann sahen sie zu der kleinen Juliane herüber und beide streckten die Hand aus. Die kleine Juliane legte ihre Geige vorsichtig auf den Stuhl, und bevor sie nach vorne zum Publikum ging, las sie schnell noch die beiden Federn auf, die vorhin auf den Boden gefallen waren. Dies war offensichtlich ein Moment mit einer großen Magie, und den konnte man nicht so einfach verstreichen lassen.

Sie nahm die blaue Feder in die rechte Hand, die Orangene in die Linke, und dann ging sie herüber zu Ebenezer und Helene, die sie freundlich ansahen. Sie dachte an ihren eigenen Herzenswunsch, nicht an den mit der Geige, sondern an den, den sie schon immer gehabt hatte, schon, als sie noch ganz ganz klein war und von Musik noch überhaupt nichts wusste.

Sie ging fröhlich nach vorne und nahm die beiden Erwachsenen bei der Hand. Wie schon gesagt wusste die Fee sicherlich, was sie tat, denn das ist bei guten Feen schliesslich immer so, nicht wahr..?

Das Märchen vom König mit den traurigen Augen

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, ein kleiner Junge. Er lebte zusammen mit seinen Eltern in einer kleinen, windschiefen Holzhütte mitten im Herzen eines grossen, dunklen Waldes.

Eines Tages, es war tiefster Winter, sprachen seine Eltern zu ihm:

„Höre, Sohn. Es ist notwendig, dass wir dich und unser Haus für einige Tage verlassen und noch tiefer hinein in den Wald auf die Jagd gehen. Du siehst, es ist kalt draussen, und wenn es noch ein paar Tage so weiter friert, haben wir nichts zu essen mehr. Wir haben aber, weil wir wussten, dass es in diesem Jahr einen langen, harten Winter geben wird, Vorräte angelegt und diese tief im Wald versteckt. Diese werden wir jetzt holen gehen. Doch hab acht: wir werden, wenn wir in zwei oder drei Tagen zurück kommen, müde, hungrig und durchgefroren sein, und wir werden uns, wenn wir nicht an der Kälte und an Erschöpfung sterben wollen, an das Kaminfeuer setzen und uns aufwärmen müssen. Passe also gut auf, dass das Feuer in unserer Abwesenheit nicht erlischt! Denn wenn wir nach unserer Ankunft kein warmes Heim vorfinden, müssen wir sterben.“

Der Junge hörte die Worte seiner Eltern und prägte sie sich ein so gut er konnte. Es war dies eine grosse Aufgabe für ihn, und er war noch weit vom Erwachsenenalter entfernt. Dennoch versprach er seinen Eltern, alles so zu tun, wie sie es gesagt hatten. Am nächsten Morgen dann, nachdem sie ihm nocheinmal genaustens eingeschärft hatten, wie er auf das Haus und vor allem das Feuer aufzupassen hatte, verliessen sie, schwer bepackt mit Rucksäcken und Jagdgerät und eingehüllt in warme Mäntel, das Haus.

Der Junge stand am Fenster und sah zu, wie sich ihre Spuren langsam im Schneegestöber verloren. Dann setzte er sich vor das Kaminfeuer und wartete.

Er wusste, wenn das Feuer so und so hoch brannte, musste er mit dem Feuerhaken in die Flammen stossen und das Holz auseinanderschieben, und wenn die Glut so und so hoch lag, musste er einen Teil der Asche entfernen und neues Holz nachlegen.

So vergingen einige Stunden, und schliesslich begann der Junge, müde zu werden. Er machte sich grosse Sorgen, denn er erkannte, dass er keinesfalls die ganze Nacht und den nächsten Tag und die darauffolgende Nacht hindurch würde wachbleiben können. Was sollte er nur tun, wenn das Feuer verlöschte, während er schlief? Wie man ein Feuer neu anzündet, das wusste er nicht.

Aber trotz seiner Sorge war er nur ein kleiner Junge, und schliesslich schlief er ein. Es war aber ein unruhiger Schlaf, einer, wie man ihn hat, wenn man an einer Krankheit oder einem Fieber leidet. Der Junge sah vor sich den Kamin, und er sah auch die Flammen, aber in seinem Traum erschienen sie ihm schrecklich klein, und es spukten ihm böse Fantasien von arglistigen Kobolden und hinterhältigen Trollen im Kopf herum, die ihm einredeten, dass Feuer müsse nur noch grösser und grösser werden, die Flammen müssten das ganze Haus bedecken, nur dann könne er seiner Aufgabe gerecht werden und zudem in Ruhe schlafen.

Der Junge warf Holzscheit um Holzscheit in die Flammen, und auf jeder seiner beiden Schultern sass ein böser Kobold, der ihm ins Ohr raunte, so sei es gut und er solle nur weiter machen und noch mehr Holzscheite ins Feuer werden.

So kam es, dass schliesslich die ganze Hütte lichterloh brannte. Der Junge spürte ein Sengen und Brennen auf seiner Haut, er musste Husten, die Kobolde sprangen eilig von seinen Schultern und lösten sich mit einem gemeinen Kichern in grünen und roten Rauch auf – und mit einem Male war der Junge wach.

Er war wach und erkannte mit Schrecken, was er getan hatte. Die Hütte brannte und war nicht mehr zu retten. Der Brunnen neben dem Haus war schon seit Wochen eingefroren, und trotz der Kälte lag kein Schnee, den er in die Flammen hätte werden können um sie zu ersticken. Gerade schaffte er es noch, die Türe aufzureissen und sich mit einem grossen Sprung heraus in die Kälte zu retten.

Dann stand er dort und sah zu, wie die kleine Holzhütte, sein zuhause seit er denken konnte und auch das zuhause seiner Eltern, mit einem langsamen, lauten Krachen in sich zusammenbrach.

Doch damit nicht genug; die Flammen waren gierig, sie hungerten nach viel mehr Holz als die kleine Hütte ihnen geben konnte, und sie griffen nach den Bäumen und Sträuchern, unter denen die kleine Hütter verborgen gewesen war, nach Ästen und Zweigen, nach den Wurzeln und schliesslich nach dem ganzen Wald. Der kleine Junge drehte sich um und rannte um sein Leben, während ihm selbst heisse Tränen der Schuld über die Wangen rannen.

*

Er konnte nicht sagen, wie lange er gerannt war, es musste wohl eine kleine Ewigkeit gewesen sein. Das, oder zumindest die ganze Nacht, den gegen Morgengrauen erreichte er eine kleine Felshöhle, in die er sich legte, denn er war zu Tode erschöpft und sein Herz brannte vor Trauer und Wut auf sich selbst. Die Höhle war voll mit Blättern und kleinen Ästen, fast wie ein Nest – vielleicht hatte hier jemand seinen Winterschlaf halten wollen, war dann aber fortgegangen und nie mehr zurückgekehrt. Dem Jungen war es egal, ausserdem musste er schlafen, er hatte keine andere Wahl. Und draussen im Freien würde er erfrieren.

Am nächsten Tag wachte er auf und lief weiter, er wusste nicht wohin, es waren seine Füsse, die einfach beschlossen, den einmal eingeschlagenen Weg beizubehalten.

Wieder lief er lange, es hätte wohl wieder eine Ewigkeit sein können, und schliesslich gelangte er an den Rand einer grossen Stadt. Erleichterung überkam ihn, würde er hier doch sicherlich etwas zu Essen und ein warmes Dach über dem Kopf bekommen – so dachte er, und als ihm auf seinem Weg zwei Gestalten in Stiefeln und ordentlich aussehenden Pelzmänteln entgegen kamen, lief er schnellen Schrittes auf sie zu.

„Helft mir!“, wollte er ihnen zurufen, aber er merkte, dass der Rauch, den er in den Flammen, die das Haus seiner Eltern aufgezehrt hatten, eingeatmet hatte, sich wie eine Fessel auf seine Zunge und seine Lungen geleggt hatte. Zudem war er vom langen, schnellen laufen in der grossen Kälte sehr heiser geworden, und als er schliesslich den Mund auftat, konnte er nichts weiter als ein garstiges Krächzen hervorbringen.

Die Wachen – denn Wachen waren es, denen er begegnet war, Wachen des Königs – sahen ihn zuerst vertändnislos, und dann, als er von neuem versuchte, seine Stimme zu erheben, und wieder nur ein hässliches Krächzen erklang, sogar böse und feindselig an.

„Wer seid Ihr?“ fragten sie, und „Was habt ihr hier verloren?“.

Es war wohl verboten, an diesem Tag und zu dieser Stunde an diesem Ort zu sein – vielleicht hätte der Junge sich verteidigen und sich erklären können, hätte er sprechen können. So aber nahmen ihn die beiden Wachen mit sich und warfen in hinein in den dunkelsten Schlosskerker.

*

Wieder verging eine lange Zeit, der Junge sass eingeschlossen in seinem Verliess und wusste nicht von Tag oder Nacht. Wohl fand er nach einger Zeit seine Stimme wieder, aber der Klang seiner Stimme hatte sich so sehr verändert, dass er selbst meinte, einen Fremdem sprechen zu hören.

Eines Tages geschah es – es war dies wohl eine Tradition – dass alle Gefangenen des Schlosskerkers dem König vorgeführt wurden. Ihnen war an diesem Tag die Möglichkeit gegeben, beim Herrscher des Landes um Gnade für ihr armseliges Leben zu bitten.

Der Junge wurde also einen dunklen Gang entlang geführt und stand mit einem Male im hellen, gleissenden Licht des von hundert Kerzen erleuchteten Thronsaals. Seine Augen brauchten eine Weile, um sich nach der langen Zeit im Kerker an das helle Licht zu gewöhnen, und zuerst war er wie erschlagen von der Pracht und der Herrlichkeit, die er hier erblickte. Dann aber merkte er, dass mit diesem Thronsaal etwas nicht stimmte. Die Wände wiesen an eingen Stellen Risse auf, über den Boden wucherten Schlingpflanzen, und von der Decke tropfte an einigen Stellen eine dunkle, schwarze Flüssigkeit herab, die tiefe Löcher in den Boden brannte.

Dann wandte er seinen Blick zu dem Königspaar, dass inmitten des Thronsaals auf zwei golden Stühlen sass, und er erstarrte – denn es war niemand anders als seine lieben Eltern, die dort sassen und offenbar König und Königin über dieses Land waren!

Er stiess einen lauten Freudenschrei aus und lief auf sie zu, wurde aber im gleichen Augenblick hart von den Wachen zurückgerissen.

„Schweigt, Elender, was fällt Euch ein!“ rief einer der Wachen und schlug ihn mit der Hand ins Gesicht, so dass er eine Zeitlang nur noch Sterne sah. Dann aber sah er, wie der König den Wachen ein Zeichen gab, und er wurde – wenn auch sehr grob – in die Mitte des Saales geführt.

„Wer seid Ihr, und was ist Euer Verbrechen?“ fragte ihn der König.

Noch immer erkannte er in der Gestalt, die vor ihm auf dem Thron sass, seinen Vater, aber eine schreckliche Veränderung war mit ihm vorgegangen. Er war sehr blass, sein Gesicht wies nicht mehr Farbe auf als weisser Marmor, er war abgemagert bis auf die Knochen, und wo seine Augen hätten sein sollen, sah man nur zwei tiefe, weisse Löcher, wie zwei Eisflächen im tiefen Winter, die einen zugefrorenen See bedecken. Er sah zur Königin, seiner Mutter, und fand sie auf die gleiche schreckliche Weise verändert.

Zu seiner grossen Verwunderung aber war die Stimme des Königs warm und freundlich, er wiederholte sogar seine Frage:

„Sagt mir, wer seid ihr, und was habt ihr verbrochen?“

Der Junge aber konnte nicht antworten. Er verstand nicht, warum seine Eltern ihn nicht erkannten, und noch grösser war sein Entsetzen über die Veränderung, die mit ihnen vorgegangen war, und die Erkenntnis, dass es die Kälte des Waldes war, die in sie eingedrungen war, seine Schuld, die sie zu dem gemacht hatten, was sie jetzt waren.

Der Junge konnte nicht antworten, und sah seinen Vater und seine Mutter nur stumm an. Er sah auch, dass links und rechts vom Thron jeweils zwei junge Drachen lagen und schliefen, Drachen mit hässlichen, flammend roten Köpfen und faltigen, geschuppten Rückenpanzern, auf denen Ungeziefer langsam hin und herkroch.

Er sah seine Eltern stumm an, und schliesslich sagte der König:

„Ich weiss nicht, wer du bist, und wie ich höre, hat dich auch niemand anders jemals in dieser Stadt gesehen. Du bist deshalb ein unfreier Mann. Dein Schweigen aber berührt etwas in mir, und so verspreche ich dir die Freiheit, wenn du in sieben Jahren harter Arbeit zeigst, dass du bereit bist, treu und hart für unser Land zu arbeiten. Ich werde dich zu sieben verschiedenen Zunftmeistern meiner Stadt schicken, und für jeden wirst du ein volles Jahr arbeiten. Am Ende eines jeden Jahres wirst du mir die Ergebnisse deiner Arbeit vorstellen. Gelingt es dir, dies sieben Jahre lang zu meiner Zufriedenheit zu vollbringen, so schenke ich dir die Freiheit.“

Dann winkte er den Wachen, und diese führten ihn fort, aber nicht zurück in den Kerker, sondern hinaus zum Schlosstor, wo bereits ein breit gebauter, grimmig dreinschauener Kerl auf ihn wartete.

Es war dies der Meister der Maurer- und Bildhauerzunft, und zu diesem wurde er jetzt für ein Jahr in die Lehre geschickt.

Der Junge arbeitete, und da er seine Freiheit wiederhaben wollte, tat er sein Bestes, um seinem Meister zu gefallen und gute, ordentliche Arbeit abzuliefern. Niemals aber vergass er während des ganzen Jahres das schreckliche Bild, dass ihm seine Eltern im Thronsaal geboten hatten, und niemals vergass er die zu Eis erstarrten Augen seines Vaters und seiner Mutter.

Am Ende des Jahres nahm es seine besten Werkstücke und trug sie zum Schloss hinauf.

Er wartete eine Zeitlang, bis man ihn einliess und zum König und zur Königin vorliess.

Er hatte gehofft, beide in einem besseren Zustand als vor einem Jahr vorzufinden, aber seine Eltern sassen nur da und sahen ihn nicht. Nachdem er eine Zeitlang gewartet hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Werkstücke vor den Thron auf den Boden zu legen und das Schloss wieder zu verlassen. Beim herausgehen merkte er aber, dass sich die Risse in den hohen Marmorwänden geschlossen hatten und diese wieder in ihrer alten, ursprünglichen Pracht erstrahlten.

Das nächste Jahr verbrachte der Junge bei einem Förster. Dort lernte er, wie man die Wildnis des Waldes und der Pflanzen bändigte und aus einem verkommenen Urwald einen schönen Garten machte. Am Ende des Jahres ging er wieder zum Schloss hinauf.

Wieder hoffte er, seinen Eltern möge es besser gehen, und wieder fand er sie unverändert vor. Allerdings hatten sich die garstigen Schlingpflanzen, die den Marmorboden überwuchert hatten, in die schönsten Rosen verwandelt, die jetzt säuberlich aufgereiht an den Wänden emporwuchsen.

In den folgenden Jahren arbeitete der Junge noch für eine Reihe anderer Zunftmeister, und jedesmal fand er das Schloss noch Ablauf eines Jahres in einem besseren Zustand vor als vorher. Seine Eltern sassen aber nach wie vor unbeweglich auf ihrem Thron und erkannten ihn nicht.

Das letzte Jahr schliesslich brachte er bei einem weisen alten Mann zu, der ihn in der Kunst unterrichtete, Menschen gute Ratschläge zu erteilen, sie von Ihren Krankheiten zu heilen und auf ihrem Lebensweg stützend zur Seite zu stehen. Während dieses Jahres verbrachte der Junge auch viel Zeit damit, um seine Eltern zu trauern, denn er glaubte nicht mehr wirklich daran, dass sich ihr Zustand jemals verändern würde. Wohl aber hatte der Thronsaal seine gesamte Pracht wiedererlangt, und auch die hässlichen, stinkenden Drachen zu Füssen des Königs und der Königin waren verschwunden.

Auch nach Ablauf dieses Jahres ging er wieder zum Schloss hinauf, und diesmal gelangte er direkt und ohne aufgehalten zu werden zum Thronsaal. Wachen sah er keine.

Er betrat den Thronsaal und sein Herz wollte einen Sprung machen, denn er fand sein Eltern in ihrer alten Gestalt, und das kalte Eis hatte ihre Augen verlassen, die wieder ihre ursprüngliche Farbe zurückerhalten hatten, braun die seines Vaters, grün die seiner Mutter.

Sie aber traten auf ihn zu und sagten: „Herr…“

Der Junge verstand zuerst nicht, dann sah er sein eigenes Bild in einem Spiegel, der an einer Seite des Thronsaals an der Wand angebracht war.

Er war kein Junge mehr, und auch kein junger Mann. Während seine Eltern sich in all den Jahren nicht verändert hatten, war er gealtert, zweimal so schnell, denn er hatte ihrer beider Zeit gelebt, als sie zu Eis erstarrt waren.

Und nochimmer erkannten sie ihn nicht, hatten sie ihn doch das letzte Mal gesehen, als er ein kleiner Junge war. Sie erkannten ihn nicht, und es waren auch nicht mehr König und Königin, sondern nur ein einfaches Bauernpaar, dass sich – niemand weiss, wie – in den Thronsaal des Schlosses verirrt hatte. Sie warfen ihm, dem König, noch einen ehrfürchtigen Blick zu, dann wurden sie von den Wachen mit harten Griffen aus dem Palast gejagt.

Eine tiefe Traurigkeit erfüllte den König, als er sich jetzt auf den Thron setzte und sich daran machte, das Land zu regieren – weise und gerecht, so gut er eben dazu in der Lage war.

Susi und das Zauberhandy

(christian:)1.

Susi F. kam am frühen Nachmittag von der Schule und war wieder mal voll genervt. Ihr Typ hatte ihr Stress gemacht, so wie’s aussah, würde sie bald wieder einen neuen brauchen. Sie warf sich auf ihr Bett, schaute zur Decke hinauf und seufzte. Was dachten diese Kerle sich eigentlich? Schon genug, dass man sich immer für nur einen entscheiden musste – aber dann sollte man auch noch nett und anständig zu ihnen sein, ihre komplette Sammlung von Macken, Neurosen und Spinnereien akzeptieren, immer lieb lächeln; und am Ende des Abends sollte man auch noch seine eigene Rechnung selbst bezahlen. So ging das nicht weiter – diese Zustände waren ihr schon lange ein Dorn im Auge, im Grunde seit ihrer ersten vermurksten Kindergartenbeziehung, die stolze drei Tage gewährt hatte, an deren Ende sie ihr unglückliches Opfer mit scharfkantigen Bauklötzen bombardiert hatte und dieses in herzzerreissende Tränen ausgebrochen war. Susi F. war ein spontanes, entscheidungsfreudiges Mädchen, und sie fasste einen Entschluss – die Dinge sollten anders werden, und zwar gleich jetzt. Sie beschloss, ihren noch-Freund anzurufen und ihm gründlich die Meinung zu sagen – ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.Zu diesem Zwecke erhob sich Susi F, schlurfte quer durch ihr von Starpostern, lippenstiftverschmieten Kuscheltieren und verschimmelten Pizzaresten zugemülltes Zimmer und griff nach ihrem Handy, das sie zielsicher auf dem Schreibtisch geortet hatte.
Sie wollte gerade die kleine, hellblaue Klappe anheben und die entsprechende Nummer in die Tastatur hacken, als sie eine Entdeckung machte, die sie innehalten liess:
Ihr Handy hatte über Nacht die Farbe gewechselt, war vom gewohnten Himmelblau zu einem betörenden Zartrosa übergegangen – ausserdem war seine Form so aerodynamisch, chick und modern, wie Susi es bei einem Handy überhaupt noch nie gesehen hatte.
“Cool!” dachte Susi.Sie öffnete also die Klappe und begann, geschickt mit ihren überlangen Fingernägeln die Tastatur zu bearbeiten, als ihr Handy den Eingang einer neuen Kurzmitteilung anzeigte.
“Susi – tu das nicht.”
Susi F. erstarrte mitten in der Bewegung. Was war denn jetzt das? Sie suchte nach dem Absender der Nachricht, aber an der gewohnten Stelle prangte nur ein leeres Display.
Trotzig begann sie, wieder die schon einmal begonnene Zahlenfolge einzuhacken.
“Susi – Nein!”
Wieder so eine Meldung, wieder ohne Absender. In Susis Kopf begann es zu arbeiten – seitdem ihr neues Image es ihr verbot, aus kleinen oder nichtigen Anlässen in Tränen auszubrechen, falls kein direkter finanzieller oder sozialer Gewinnaspekt damit verbunden war, empfand sie ihr emotionales Spektrum als sehr eingeschränkt. Sie biss sich auf die Lippen und zog bereits das Ausrufen einer ernsthaften Persönlichkeitskrise in Erwägung, als ihr eine Idee kam: Sie würde die Nachricht einfach direkt beantworten und fragen, wer ihr da schrieb. Sie wählte in dem seit heute ultramodernen, superintuitiv verständlichen Benutzermenu die Reply-Option aus und schrieb:
“HaltdieKlappeWerbistDu?”
Sie zögerte einen Moment, und dann fügte sie sicherheitshalber hinzu:
“Küsschen, Deine Susi”
Man konnte ja nie wissen. Sie wartete gespannt – einige Sekunden lang tat sich nichts. Susi hob den Blick und schaute auf das an der gegenüberliegenden Wand stehende baufällige Ikea-Regal, ihr Blick traf die grossen, braunen Augen ihres Lieblingsstoffschafs. Das Schaf blickte Susi an, Susi blickte das Schaf an, und zwischen ihnen beiden herrschte wieder das gleiche stille Einvernehmen wie zu den goldenen Tagen von Susis Grundschulzeit – Susi wusste jetzt, dies war ein bedeutungsvoller Moment.
Sie hörte einen Piepton, und ihr Handy zeigt den Eingang einer neuen Kurzmitteilung an:
“Ich selbst bin es, dein Handy. Ich werde Dir in Zukunft mit unfehlbarem, weisen Rat zur Seite stehen.”
Es muss nun gesagt werden, dass das Denken im Allgemeinen sowie das Verständnis von Zusammenhängen grösserer (und auch mittlerer) Komplexität nicht Susis Sache war. Dies wird deutlich an Ihrer nun folgenden Reaktion; sie schrieb:
“Lügner.KennDichnicht.EsistAus.”
Und fügte hinzu:
“BinSicherDuBetrügstMichArschloch”
Die Antwort kam diesesmal schneller und bewahrte Susi vor einem ernsteren kognitiven Zusammenbruch:
“Susi, beruhige Dich. Ich bin Dein Freund. Wann immer Du in Deinem Leben Sorgen oder Konflikte mit Deinen Mitmenschen hast, brauchst Du nur an mich zu denken, und ich sende Dir die passende SMS. Die schickst Du an den Verursacher Deines Konflikts, und Dein Problem wird gelöst sein.”Und, um Susis Denkstrukturen aufzufangen und sie dadurch vor dem Kollaps zu bewahren:
“Es war nie was, Baby. BinVerzweifeltWeilDuMichnichtWillst”.
Das Glück wollte es, dass Susi F. gerade einen ihrer helleren Momente hatte – sie verstand, was ihr Handy ihr sagen wollte, und beschloss, den ihr nun zur Verfügung stehenden Service bei der nächsten Gelegenheit zu auszuprobieren.

2.

Diese Gelegenheit ergab sich gleich am nächsten Morgen in der Schule. Ihrem Freund war Susi bisher vorsorglich aus dem Weg gegangen, sie wollte die Kräfte ihres neuen Handys erstmal an einer unbedeutenderen Person austesten.
In der ersten großen Pause entdeckte sie ihr erstes Opfer: dort stand Michael, ein bebrillter, unsympathischer Typ, der sie seit längerer Zeit anhimmelte. Er stand am Zaun und starrte sie an – so wie immer. Und das alles nur, weil Susi sich von ihm den MP3-Player geliehen hatte. Danach hatte er ein paar Wochen lang ständig angerufen. Sie sollte das Ding zurückgeben, oder so’n Scheiss. Und jetzt dieses permanente Geglotze. Nervig, das. Und, musste geändert werden.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche, dachte an intensiv an Michael und wartete. Einen Moment später fand sie folgende Nachricht auf ihrem Schirm:
“Treffen um Drei nach der Schule, vor dem Parkplatz? Habe mit Dir zu reden. Susi.”
Susi war etwas skeptisch, beschloss aber, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Sie suchte Michaels Handynummer heraus, die sie zufällig noch gespeichert hatte, und schickte die SMS ab.
Sekundenbruchteile später sah sie, wie Michael, der sie wie schon erwähnt die ganze Zeit angestarrt hatte, in seine Tasche griff, sein eigenes Handy herauszog und die Stirn runzelte. Dann hob er den Kopf, schenkte Susi ein breites, ziemlich dämliches Grinsen und hob langsam den Daumen zu einer zustimmenden Geste empor.

Nach der Schule machte Susi sich wie verabredet auf den Weg zum Parkplatz hinter der Schule. Allerdings hatte sie kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache – direkt nach der Pause war sie auf ihren Freund getroffen, und die Begegnung war gründlich misslungen.
“Schatzi, wo warste denn grade? War dich voll am Vermissen!”
Susi hatte verzweifelt nach einer Antwort gesucht – von ihrem neuen Handy wollte sie ihrem Freund eigentlich nichts erzählen, da sie es ja dann nicht mehr gegen ihn würde einsetzen können, und deshalb musste sie auch die Verabredung mit Michael verschweigen. Was aber sollte sie stattdessen sagen?
“Bo, is ja voll Süss von Dir, Schatzi. Gleich später muss ich aber auch weg, weil wegen…”
In diesem Moment waren sie von der hereinstürmenden Schülermeute auseinandergerissen worden. Einen Augenblick lang meinte Susi, einen verletzten Ausdruck im Gesicht ihres Freundes zu sehen, dann war er in der Menge verschwunden.

Dieses Bild ging Susi nicht mehr aus dem Kopf, und sie beschloss, entgegen ihrer ursprünglichen Absicht, ihr Handy schon jetzt im Zusammenhang mit ihrem Freund zu verwenden. Sie griff in ihre Tasche und schaute auf das Display, auf dem bereits folgende Nachricht erschienen war:
“Schatzi, hab‘ Dich voll echt ganz doll lieb. Wir sehen uns morgen, Deine Susi.”

Sie zögerte einen Moment – Susi hatte einen ihrer helleren Tage, und fragte sich, ob dieser Satz nicht eher Misstrauen erregen würde – aber dann schickte sie die Nachricht doch ab.

Als Susi etwas später den kleinen, vergammelten Parkplatz erreichte, stand Michael bereits vor der Einfahrt und wartete auf sie.
“Hi Susi. Na, haste meinen MP3-Player mitgebracht?”
Den linken Daumen hielt er seit der großen Pause unverändert in die Höhe, von seiner überlasteten Schultermuskulatur strahle ein nervöses Zittern in den Unterarm. Die Situation war Susi jetzt deutlich unangenehm, und sie begann zu bereuen, dass sie hierher gekommen war.
“Hi Michi, voll cool, das Du gekommen bist!”
Sie suchte mit wachsender Verzweiflung nach den richtigen Worten, um dieses eklige Treffen möglichst schnell hinter sich zu bringen. Gerade in diesem Moment hörte sie ein piepen, und dankbar griff sie in ihre Tasche, um sich die neueste Nachricht anzusehen. Das ihr Handy auch aktive Gesprächsunterstützung anbot, war einfach Klasse.
“Schatzi, sehen wir uns heute Abend? Ich würde gerne mal wieder ins Kino gehen!”
Diesen Vorschlag fand Susi jetzt dann doch wirklich etwas merkwürdig. Sie wollte diesen Michael doch loswerden, ihn abschießen – was zum Teufel sollte dann jetzt diese Einladung?
“Sehen wir uns heute Abend? Ich würde gern mit Dir ins Kino gehen!”
Noch während sie diese Worte sprach, kam ihr ein schrecklicher Gedanke, und sie schaute zum zweiten Mal auf das Display ihres Handys. Ihre Befürchtung bestätigte sich – diese Nachricht war keine neue Servicemitteilung, sonder eine echte SMS, von ihrem Freund.
Bevor sie irgendetwas unternehmen konnte, verzog sich Michaels Gesicht zu einem noch breiteren Grinsen als bisher, und er hob mit einer langsamen, zufrieden Bewegung auch den zweiten Daumen.
“Klasse, Baby. Ich warte dann um Acht vor dem Eingang auf Dich!”Sprach’s, drehte sich um und schwankte mit hoch erhobenen Daumen von dannen.

3.

Susi sah ihm mit schreckgeweiteten Augen nach und machte sich dann langsam auf den Weg nach Hause. Nach einigen Metern realisierte sie, dass sie jetzt nicht nur eins, sondern gleich zwei Problene hatte: zum einen musste sie diesen Michael loswerden, zum anderen musste sie auch ihrem Freund erklären, warum sie heute nicht mit ihm ins Kino gehen konnte – wenn sie Michael versetzte, würde der das sicher lautstark kundtun, und als Beweis hatte er ja Susis SMS. Und ihr Freund würde sicher glauben, sie hätte ihn beinahe betrogen.
Und da Susi, wie wir zu Anfang schon festgestellt haben, ein entscheidungsfreudiges Mädchen war, änderte sie spontan ihr Ziel und machte sich schnurstracks auf den Weg zu ihrem Freund.

Mit klopfendem Herzen stand sie vor der Haustüre und klingelte – wie konnte sie gestern nur auf den Gedanken kommen, sich von ihrem Freund zu trennen? Schon bei dem Gedanken an seine großen dunkelbraunen Hundeaugen spürte sie ein wunderschönes Kribbeln in der Magengegend, und sie trat unruhig von einem Fuss auf den anderen.
Merkwürdigerweise schien niemand ihr Klingeln gehört zu haben. Dabei wusste Susi genau, das ihr Freund um diese Zeit immer in seinem Zimmer war. “Vermutlich hört er Musik und hat einen Kopfhörer auf”, dachte Susi – sie beschloss, den Hintereingang zu benutzen, der meistens offen stand. Nachdem sie sich durch den von kniehohem Gras und verwilderten Sträuchern zugewachsenen Garten gekämpft hatte, trat sie durch die schmutziggraue Verandatüre in die Küche.
Es stank ein wenig, da sich hier die Geschirrreste der letzten Wochen stapelten, aber dennoch konnte Susi das Deo ihres Freundes riechen, dessen penetrante Kombination aus Frühlingsblüten und original nachgeahmten Hengstschweiss den vorherrschenden Verwesungsgeruch mit eine zarte Duftblüte überstrahlte – er musste also zuhause sein. Doch irgendetwas stimmte nicht – Susis Nase nahm noch einen anderen Geruch war, der ihr zwar bekannt vorkam, den sie aber nicht näher einordnen konnte. Das Zimmer ihres Freundes lag direkt hinter der nächsten Türe – Susi ging langsam darauf zu, überschritt die Schwelle, und mit einem Male zerbrach ihr Herz mit einem lauten Knackgeräusch säuberlich in zwei Teile. Direkt vor ihr auf dem mit einem großen Mickymaus-Starschnitt beklebten Wasserbett lag ihr Freund – er hatte die Augen geschlossen und war in eine innige Knutscherei mitBeate, ihrer besten Freundin, vertieft. Susi sah noch seine absichtsvoll unter Beates neongrünes Benedikt-XVI-T-shirt geschobenen Hände, dann drehte sie sich um und rannte hinaus. Das Piepen in ihrer Tasche, das die mit trauriger Selbstverständlichkeit eingehende Nachricht “Es ist aus, du Schwein” ankündigte, registrierte sie nur am Rande, während sie mit einer Hand die nötige Tastenkombination ausführte, um die SMS weiterzuleiten, und mit der anderen schützend ihre Augen bedeckte, um ihre von heissen Tränen zerschwimmenden Augen vor einer kalten und gefühllosen Welt zu verbergen.

4.
(zimtrolle)Ach, wäre sie besser mal nicht in heißen Tränen, sondern vor heißer Wut zerschwommen, denn prompt rannte sie in der nächsten Sekunde gegen einen Laternenpfahl, der sich allerdings schon immer gewünscht hatte, sie einmal näher kontaktieren zu können – und nun hatte sie ihn sogar berührt!!! Er hätte sich zwar gewünscht, daß ihr Mienenspiel etwas mehr liebevolle Zuwendung manifestiert hätte – aber ein seufzender Anfang war gemacht. Und ein Andenken hatte er auch hinterlassen – eine wunderschöne große Beule bildete sich auf Susis linker Stirnhälfte.Susi stand benommen vor dem Laternenpfahl… was war passiert? Irgendwie war ihr gerade so gewesen, als ob dieses Stück Blech ihr zugezwinkert hätte – mein Gott, was war das nur immer für ein Ärger mit den Kerls – egal, in welchem Aggregatzustand sie sich befanden, waren Männer doch stets mächtig ungelenke Langweiler…Wozu hatte sie ihre coole blickdichte Sonnenbrille? Schnell setzte sie sie auf – das verbarg zwar die Beule nicht, aber es gab ihr die Illusion, nicht existent zu sein, und das war ihr momentan lieber, als zugeben zu müssen, daß sie auf die Anmache von Laternenpfählen reagierte. Sie blinzelte mühsam durch die schlechtgeputzte Brille und im gleichem Moment erklang ein – nein zwei Klang — Hey lass das sein du blöder Pfosten
Nach einem Blick aufs Display und dem obligatorischen Tastendruck wollte sich Susi lieber nicht umdrehen, um den Eindruck eines verletzt auf sein Handy blickenden Laternenpfahls nicht auf ewig in ihre Netzhaut eingebrannt mit sich herumzutragen.- süße was bist du so schnell weg?? wasn los?? grade mit der papppuppe fürn kunstunterricht gekämpft als du reinschautestSusi schluckte gerührt. Die zweite SMS war real – von ihrem beateküssenden ohneseinwissentodgeweihten Exfreund. Dem Typ mußte einiges an ihr liegen, wenn er sich so ne lange Message abrang – und vor allen Dingen, wenn er so dreist und verzweifelt in dieser eindeutigen Situation unglaubwürdigste Lügen auch noch schriftlich absonderte.
Und mit Beate, dieser widerlichen Semipoppendenpapppuppe würde sie natürlich erst mal drei Tage lang kein Wort mehr reden.

5.

Irgendwie war diese Sonnenbrille doch nicht recht praktisch.Zumal da es gerade Bindfäden regnete an diesem herzhaften Novemberfrühnebelabend. Wenn sie nicht eine Kollektion von gekränkten Exlaternenpfahlfreunden anlegen wollte, wäre sie, sagte sie sich, gut beraten, dieses obergeile Exemplar juveniler Angesagtheit temporär von iher Nase zu entfernen.
Susi hatte wieder mal einen ihrer helleren Momente und entfernte.
“Fluch der Karibik 2“Fluch der Karibik 2“Fluch der Karibik 2“ Fluch der…
Ach ja, oh jee, ach jee, ach jaa , jaaa, da war ER. E R. Ihr versteht!!! E R !!!Dunkler Teint, wunderbare schwarze Augen, feine edle Nase, ein kleines Bärtchen, ein verwegenes rotes Tuch, ein Bild von einem Mann, überlebensgroßes Ideal – Susi schmolz dahin…
Und – unter der Lichtreklame stand – Michael. Nicht Johnny. Michael. Schock. Kontrastprogramm.
Mit leichtem Starrkrampf in beiden Schultern ob der zwei beiden seit Stunden siegreich in die Lüfte gestreckten Daumen.
Susi kam zu sich. Sie war haarscharf und unglücklicherweise – hatte sich doch dieser Kinobesuch beatemäßig sozusagen glücklicherweise verüberflüssigt –und leider überaus pünktlich vor dem Kino ausgekommen.
Johnny Depp zerplatzte wie eine Seifenblase.
Michael der Daumenträger materialisierte sich langsam zu einer schärfer gestellten Version.
Ach ja. Der. Der Handy-Test-Mann.
Seine Schultermuskeln sahen so unglücklich aus, daß sie ihr fast ein wenig leid taten.
– hey entspann dich mal mikey
Susi brauchte nicht aufs Display ihres verflixten Handys zu gucken , um zu wissen, was sie gerade an den unglücklichen Michael geschickt hatte…
… und richtig, Michael nahm endlich, endlich die Daumen runter – das war ja an sich schon mal ne Menge wert, es guckten gleich zweiundfünfzig Passanten weniger zu dieser belebten Stunde – warf einen verschärften Kaugummi gegen Mundgeruch ein und zückte sein Handy, las, lächelte.
Wie ein Engelchen.
Ja was?
Mikey das Ekelpaket ein Sympathieträger?
Susi hoffte, daß sich jemand ihrer erbarmte. Erst ein Laternenpfahl, dann Mikey? Wie nannte sich diese Droge, auf der sie anscheinend seit Stunden war?Und jetzt kam Mikey breit grinsend und kaugummikauend und minzduftverströmend und sein Handy schwenkend auf sie zu.

6.

Schnell setzte sich Susi wieder die Sonnenbrille auf die Nase. Novembernebel hin oder her, so brauchte sie Michaels Haarschnitt erst mal nicht zur Kenntnis zu nehmen. Aber alle anderen nahmen Michael und sie offenbar zur Kenntnis – und alle, wie sie aus den Augenwinkeln, den schreckgeweiteten, wahrnahm, das war der gesamte Politikkurs der Stufe 10 des Eiche-Gymnasiums, auf das sie das immense Glück hatte im Zuge der Pisaverbesserung dieses unseres Landes gehen zu dürfen.
Mensch, meine Fresse, was machten die denn geschlossen hier.
Lief hier irgendwie auch son Film wie „Die Mauer ist weg!“ oder etwa „Die Mauer soll wieder her! – Ossis erzählen auf Malle aus ihrem Leben“?? Momentan fehlten ihr klare Gedanken zu diesem Thema, weil Mikey sich erlaubte, sie deftig in den Arm zu nehmen und ihr vier Bises, abwechselnd zwei rechts und zwei links, aufzudrücken, so à la Südfrankreich, um sie danach wie ein reifer Camembert (eher Nordfrankreich?) sowohl nochmals zu drücken als auch anzustrahlen. Wo hatte der das gelernt? Bei der blöden Madame Amselpiep im Französischunterricht? Lebensechter, praxisnaher Fremdsprachenunterricht? Und sie, Susi, schon lädiert durch eine öffentliche erotisch-aggressive Einrichtung, mußte nun darunter leiden? Und konnte nicht in Ruhe ihr Date mit Johnny Depp wahrnehmen??
Sie schaute auf die Leuchtreklame des Kinos. Die Anzeige für „Fluch der Karibik 2“ war verschwunden. Ein ihr völlig unbekannter Filmtitel zeigte sich nun dort. Irgendwas mit „Ils se marièrent…“ und so weiter …
Susi vergaß sich einen Moment und träumte, kleine rosa Herzchen in den Pupillen, von einer dreitägigen Hochzeit in Weiß, einem dreißig Meter langen Schleier, einer fünf Meter hohen Hochzeitstorte … aus der Johnny Depp völlig nackt entstieg und- ich komm mit johnny nach mcdos seid ihr auch daVöllig perplex aus ihren Tagträumen gerissen schaute Susi auf das Display ihres Handys – was bildete sich dieses Ding eigentlich ein, ihrem Exfreund so ne message zu senden? Das hatte wirklich Nerven! Und wieso Johnny? Und wieso war der Todgeweihte nicht mehr mit der Schlampe aufm Sofa? Irgendwas geriet hier durcheinander?
Susi rückte die Sonnenbrille zurecht und musterte Mikey, der nervös vor ihr herumstand und von einem Fuß auf den anderen trat und sich wohl gerade fragte, ob er eben zu weit gegangen war.
Aber Moment, da stimmte was nicht. Sie nahm die wirklich sehr dunkle Sonnenbrille ab und schaute sich Mikey noch mal genauer an. Konnte sie auch jetzt gefahrlos in aller Ruhe tun, denn der gesamte Politikkurs des Eiche-Gymnasiums war offensichtlich in „Fahrenheit 9/11“ verschwunden – gut so für sie, konnten sie was lernen – und Susi traute derweil ihren Augen nicht.Das war gar nicht Michael, Mikey, der da stand.
Das war doch – ????!!!!
In dem Moment piepte ihr Handy wieder mal.

7.

– ne touche pas à mon mec sinon t’es morte vanessa
Susi kratzte sich ihr bißchen abgebrochenes Grundkursfranzösisch zusammen und staunte. Echte Message diesmal? Vanessa??? Woher hatte die denn ihre Nummer?
Johnny trat einen Schritt auf Susi, die schnurstracks erbebte, zu, streichelte ihre Wange, hob leicht ihr Kinn und sein Mund berührte zart den ihren.
Völlig und vollkommen elektrisierend.
Susi wußte – jetzt würde sie ohnmächtig werden.
Johnny hatte sie geküßt.
Die Welt blieb eine sehr sehr lange Sekunde sehr lang unbeweglich stehen.
Dann zog Johnny sie an sich und flüsterte:
– That’s nothing, ma chérie, Vanessa ist toujours ein wenig eifersüschtisch …
Susi lehnte sich vertrauensvoll gegen ihn und sog tief seinen herben männlichen Duft ein…
… und schon sank der gläserne Aufzug vom Himmel hernieder, die Türen glitten leise und duftend auseinander – Johnny und sie schwebten hinein, sich wie Ertrinkende aneinanderklammernd –

8.

– Susi? Susi??? Gehts dir gut??? Alles in Ordnung? Dein Handy piept schon wieder! Ach nee – ist meins…
Susie schaute verwirrt um sich. Gerade eben noch im Aufzug auf dem Weg ins Paradies mit Johnny Depp, sah sie nun wie einen riesigen bleichen Mond mit roten Kratern Michaels Gesicht in ziemlich unerträglicher Nähe vor sich. Schnell wich sie einen Schritt zurück und setzte die Sonnenbrille wieder auf. So was mußte man sich ja schließlich nicht in allen Einzelheiten antun. Und wo waren Johnny, wo der Aufzug geblieben?
Michael las derweil seine SMS.
Mit großen Augen schaute er auf.
– Ich weiß zwar nicht, in welcher der eben verflossenen Sekunden du das hier geschrieben hast, aber wenn wir schon hier stehen, hättest du mir das auch persönlich sagen können!
Anklagend streckte er ihr sein Handy entgegen. Susi nahm es und las:- geh weg ich kann dich nicht mehr sehen und komm nie mehr wieder Susi gab ihm sein Handy zurück und dachte pomadig, na dieses eine Mal hat mein zuckerrosa filmschnittig Zauberhandy ein zusehends wachsend unangenehmes Problem elegant für mich gelöst…
Sie schaute Michael nach, der sich bereits auf dem Absatz umgedreht hatte und verbissen der Bushaltestelle zustrebte.
Ach. Sieh da. Der arme Junge, er hatte auch Gefühle. Verletzten Stolz?Na so was. Nun war er sauer? Beleidigt? Gekränkt? (Erleichtert???)
Was auch immer.
Susi schob sich die dunkle Sonnenbrille zurecht und ohne genau zu wissen, warum, folgte sie ihm doch irgendwie interessiert. Wie??? Michael gab sie einfach so auf??? Einfach so?? Das durfte doch wohl nicht wahr sein…
Gerade kam der Bus. Michael stampfte hinein und ließ sich auf einen Sitz fallen, Susi nahm die Sonnenbrille ab und die Beine in die Hand und sprang in letzter Sekunde auch hinein.
Der Bus fuhr ab.
Schweratmend ließ sich Susi auf den Sitz neben Michael fallen.
Sitzbank: (beleidigt)
Aua. Immer lassen sich alle schweratmend auf mich fallen in solchen Situationen. Das tut weh. Ich hab auch Gefühle.
(christian)
9.

Zweifelsfrei kann man sagen: Situationen wie diese fallen deutlich in die Kategorie “Schwierig”, Unterkategorie “Unangenehm und etwas peinlich”. Sollte Susi sich jetzt erst bei Michael entschuldigen, sein Herz (zurück)gewinnen und ihn DANN abservieren? Für die Prozesslogik-Fanatiker unter uns die plausibelste Lösung. Oder sollte sie aus Gründen des Humanismus, der Romantik und deren in dieser Thrash-Story erstmals gelungener kongenialer Verquickung spontan eine unsterbliche (und kratermondresistente) Liebe zu Mickey aus der Taufe heben? Verwirrung ergriff ihr Hirn, das eben diese Überlegungen nur intuitiv zu erfassen vermochte – ganz zu schweigen davon, diese zu lösen.
Sie warf Mickey einen verstohlenen Blick zu – dessen Profil erschien ihr im schummrigen Licht der wackelkontaktbedingt bedeutungsvoll flackernden Busbeleuchtung undurchdringlich und verschlossen. In ihrem Herzen regte sich etwas – etwas, das ganz und gar unerwartet war, und das ihr rosa Zauberhandy zum erstenmal seit seiner eitlen und völlig in Eigenregie initiierten Freischaltung dazu bewegte, eine SMS an sich selbst zu schicken: “Oh mein Gott….”

(aus Dramaturgischen Gründen hier eine Zwischeneinblendung…:)

“Plopp…”
Aus der grünlich-gelben Schleimsuppe im der fiktiven Spycam am nächsten stehenden Kessel stieg eine Blase empor.
“Plopp…”
Eine weitere Blase -es muss bemerkt werden, dass unser ersonner
Bespitzelungsmechanismus ein höchstmoderner solcher war, mit GERUCHSSINN – unglaublich. Und höchst störend hier, denn es stank gelinde ausgedrückt erbärmlich – für einen Moment verdunkelt sich unser Blickfeld, denn oben erwähnter kniff angeekelt die Linse zu.
Aber klasse, jetzt wissen wir wo wir sind, ein weisses Restleuchten des auf der Startpage bereitgestellten Titels findet sich auf dem Schirm:

MICKEYS LABOR

So ist das also. Entweder ist Mickey ein vom CIA geförderter Topspion bzw. Wissenschaftler, was in dieser Leistungsklasse fliessend ineinander übergeht, oder es ist Merlin, der die Hexenverbennung im 14.Jahrhundert überlebt hat (deshalb der Kessel), oder – was wahrscheinlicher ist, da eben, wie durch die gerade wieder entkniffene und somit geöffnete Linse ersichtlich, ein grün beschuppter Reptilienfuss ins Bild stampft – ist Mickey doch ein Alien??
Dem Fuss folgt ein Restkörper, Mickeys hyperdimensionale Parallelexistenz – gut zu erkennen an den beiden gehobenen Daumen. Für dieses sechsarmige Geschöpf ist das nämlich alles kein Problem und längst nicht so störend – was wir uns merken wollen.
Ein breites Echsengrinsen durchstreift die Kamera und wendet sich jenem blubbernden Kessel zu, ein zynisches Lachern durchschneidet die gestankgeschwängerte Luft, und die letzte diabolisch-extraterrestrische Zutat wird mit gespitzten Krallen hineingeworfen…

(Ende der Zwischenblende)

Susis Herz nämlich, dass gerade durch ihre durch den sentimental-brachialen Körperkontakt mit Mr.Laternenpfahl entstandenen Johnny-Halluzinationen in einen Zustand hektischer Vibration versetzt worden war, hatte den eben erst erfolgten Bruch – ihr Exfreund und die semipoppendepapppuppe Beate – noch gar nicht verarbeitet, und zerfiel jetzt – ausgelöst durch die eben fertiggestellte interstellare Megamixtur von Mickeys glibbriger (oder, korrekterweise, noch gliberrigerer) Parallelexistenz – gleich in eine ganze Reihe von Splittern und Einzelteilen.
Offenbar schlossen sich Verstand und Erinnerungsvermögen dieser Entwicklung aus einem gewissen spontanen Solidaritätsgefühl heraus an: Sie wendete den Blick wieder von Mickey ab und fiel nahezu zeitgleich in eine tiefe Depression – hier saß Mickey, den sie schon seit der fünften Klasse unsterblich geliebt hatte, der jetzt endlich einem Date zugestimmt hatte, das sie jetzt offensichtlich versemmelt hatte. Nie mehr würde sich das klären. Nie mehr würde sie jemandem ihre Gefühle zeigen, niemals mehr darüber reden….sie stand auf, verliess den Bus bei der erstbesten Haltestelle und lief eilig davon – machte nur einen kurzen Zwischenstop am nächsten Mülleimer, um sich dieses unsäglichen, hektisch piependen Handys zu entledigen, das sie in ihrer nun begonnen Phase ewigen Schweigens nicht brauchen konnte.

Mickey war ihr auf dem Fusse gefolgt, hatte aber durch die schwierige motorische Übersetzungarbeit, die seine 2-armige körperliche Manifestation im Einsteinuniversum erforderte, nicht schritthalten können.
Gerade passierte er den bewussten Papierkorb, als das verzweifeltes Piepen, dramaturgisch wirkungsvoll zeitsynchronisiert sowohl dort als auch in seiner Jackentasche, ihn innehalten liess….

Es entspannte sich hier nun ein bedeutungsvoller Dialog zwischen dem Realmickey (grün und geschuppt) und dem Einsteinsuniversumsimulationsmickey (hier kurz ESM genannt).
RM.: ;;dklsdl…sdf!
ESM (sprachlos, da er Susi hinterherschaut, gleichzeitig mit der Hand in den Papierkorb greift,nachdenkt, “;;dklsdl…sdf!” zu entziffern versucht und eben deshalb stolpert und unsanft auf demHosenboden landet): Plumps.
RM.: Weerkgf!!. kä+++.
ESM.: (steht wieder auf den Beinen und hält sogar das rosa Zauberhandy in der Hand. Lauscht dann andächtig und sagt:) sdfgjjhh……..!(was soviel heisst wie “Klar, Chef!”)
Susi war in der Zwischenzeit im Stadtpark angelangt. Zwar war sie für die dort dauerhaft installierte romantische Stimmung gerade eher unempfänglich (wie ihre zerrüttete Seele sowieso für nur noch sehrwenig empfänglich war man merkt, diese Geschichte neigt sich ihrem Ende zu, denn es wird wirklich dramatisch..), aber ihre von einem Gemisch aus Tränen und billiger Schminke verstopften Augen, die zusätzlich noch von ihrer coolen blickdichten Sonnenbrille verbarrikadiert waren, hatten es ihrem Schutzengel gerade noch ermöglicht, sie hierhin zu lotzen – ansonsten wäre sie geradewegs vor den Kühler des nächstbesten Bonzenschlittens geknallt (und das wäre ja auch nicht schön gewesen, oder?).
Sie befand sich jetzt also im Stadtpark, und durch einen unverklebten Winkel ihres linken Auges, das zufällig perfekt mit einem Loch in der Antiblickbeschichtung ihrer Sonnenbrille korrespondierte, sahsie eine etwas heller erleuchtete Grasfläche, auf die sie sich jetzt langsam zubewegte. Irgendetwas zog sie dorthin – wir merken, die Figuren positionieren sich, es muss ein grosses Ereignis nahen…

…Mickey nahte, der ESM auf wackligen Beinen und von hinten, unvorhersehbar. Ungesehen. Versteckte sich hinter einem Busch. Wie befohlen. Wartete. Spitz wie Nachbars Lumpi, möchte ich hinzufügen.
Im selben Moment zersprangen sämtliche Teleskope, Ferngläser und Feldstecher in der gesamten Stadt. Überwachungskameras erlitten einen Stromausfall, und Nachtwächter fielen in einen tiefenSchlummer. Keiner sah das grosse fliegende Etwas, das nee, das nicht vom Himmel herunterschwebte, wie banal wäre das denn, sondern das bruchstückweise aus der Kanalisation herausploppte. Aus dem Kanal am Parkrand. Aus dem Gully an der Straßenkreuzung. Und selbst ausdem kleinen, verträumten Papierkorb einer einsamen kuscheligen Parkbank.

Plopp….plopp….plopp…und als alle Teilstücke bereitstanden, flirrte die Luft, und – ja, jetzt kommt sie,die klassische Untertasse, manifestiert sich und schwebt säuberlich positioniert dreißig Zentimeter über Susis Kopf.
Sieschreitrenntwegstolpertalssiemickeyhinterdembaumsieht versuchtwiederaufzustehenschaftesnichtgibtaufundwirdmiteinemappetitlichen schmatzenindieuntertassegesogen – wir kennen das.Danach schwingt sich Mickey locker auf den Beifahrersitz, ESM grüßt RM, ein Händedrück grün meets rosa, und alle drei inklusive UFO verschwinden blitzeschnelle im blauen Nachthimmel.
Und, um das klar zu stellen: alle sind glücklich: Susi hat ihren Mickey, Mickey hat seine Susi, Johnny hat Vanessa, der Exfreund hat die Semipoppendepapppuppe Beate, RM hat sein kleines süsses Zauberhandy wieder, das er in Susis Zimmer verloren hatte – die beiden kannten sich nämlich schon eine ganze Weile, aber (es gibt Untiefen in dieser Geschichte, die nicht mal den Leser etwas angehen, und beide schweigen zu diesem Thema bisher beharrlich – (war aber ne ziemlich heisse Kiste, hab ich mir sagenlassen)),…und hat jetzt alle sechs Daumen hoch erhoben, zwinkert einmal lüstern in die Kamera und widmet sich voll voyeuristischer Lust dem sich vor seinen Augen abspielenden Vorgehen….danach wird er alle zu grüner Alienwurst verarbeiten, sonnenklar, aber wen stört das jetzt…?

– E N D E –

Orange

…ein Fragmentarium für drei Sprecher: einen kleinen Jungen, ein intergalaktisches Tagebuch und Grog, den Steinzeitmenschen

                                  

Blinzeln, Sonne scheint durchs Fenster. Auf dem Boden die Reste des Fusionsreaktors – gestern Abend hat er funktioniert, bevor Mami kam und das Licht löschte. Hinaus auf den Flur, alles still – Sonntag morgen. Stösst gegen einen Schuhkarton im Regal – Karton fällt herunter, Deckel öffnete sich, die Welt zerspringt.


Sitzung ist wichtig, schnell anberaumt, keine Zeit. Interplanetarische Versammlung – Entscheidungsprozesse. Rettungsplan, Sternenexplosion, die letzte vor 500 Millionen Jahren, vielleicht jetzt wieder. Panik.

Grog läuft. Grog läuft, Holzkeule in der Hand. Seine Gegner streckt er nieder, mit der Faust. Das Spiel gewinnen, der Ball direkt vor ihm, ausholen, zuschlagen…

Dimensionsriss, sagen sie. Verbindung zwischen Welt und Zeit. Abstrus, gefährlich – Fehlkonstruktion. Ein kleiner Planet, Bevölkerung auf Steinzeitniveau – Knotenpunkt in der Vergangenheit. Der Flügelschlag eines Schmetterlings– aber es könnte auch etwas anderes sein.

Ein Rettungsplan, Raumgeschwader, alles was geht. Abflug morgen um 5. Verzweiflung, Himmelfahrtskommando – letzte Rettung?

..schlägt und verfehlt, Ball fliegt vorbei…

Raumgeschwader in Position, Energiegitter spannt sich auf, alles nach Plan. Jetzt hilft nur noch beten.

Ball fliegt vorbei, aber dann: eine Kurve, unerklärlich, Zauberei, Götterwille – jetzt Schlagen, Treffer, Keule trifft und der Ball…

Die Welt zersprungen, orangefarbene Fragmente, Bruchstücke, kein Oben, kein Unten – seine Hand findet den Deckel des Kartons…

Energiegitter steht, Induktion gewährleistet, kann man aufatmen?

Ball schiesst davon, über das Feld, hinter den Baum. Tor.

und setzt den Deckel auf die Kiste, stülpt ihn über. Verbirgt, drängt zurück.

Galaktische Entwarnung, Friede Gesichert, Heimathafen.

Grog wird gefeiert, Bier fliesst in Strömen, Mannschaft hat Sieg.

und schliesst sie, das Orange verschwindet, die Welt kehrt zurück. Schnell schlafen, Mami hat nichts gemerkt.

Nie mehr wieder Fusionsreaktor.

Wahre Verschmelzung

Aus dem Panorama-Teil einer Fernsehzeitschrift:Lange glaubten die Forscher, die Ausbeulungen an den Körpern weiblicher Tiefseetaucher seien Tumoren. Heute wissen wir: Es sind Männchen. Oder besser: Das, was von den Männchen übrig blieb. Denn beim Liebesakt verbeissen sich die Kerle in die Körper ihrer Partnerinnen; ihre Organe degenerieren, ihr Blutkreislauf verbindet sich mit dem des Weibchens. Was den ‚harten Kerlen‘ bleibt, sind ihre Hoden – den Rest ihres Lebens verbringen sie mit blosser Spermaproduktion.

Es ist heiss, wie nun mittlerweile schon seit Wochen hängt die Sonne auch heute wieder wie ein glühender Ball am Himmel. Schwitzend quäle ich mich die Straße entlang, sorgfältig jeden sich anbietenden Schattenplatz nutzend.
Als ich endlich mein Ziel erreicht habe – ein von mir seit einigen Wochen bevorzugtes kleines Café in einer der weniger belebten Seitenstrassen – fühle ich mich völlig erschöpft. Ich lasse mich an einem kleinen, von drei leeren Plastikstühlen umringten Tisch nieder.

Jetzt, im Schatten der auf der Terrasse stehenden Sonnenschirme, geht es mir ein wenig besser, meine Atmung beruhigt sich. Während ich auf den Kellner warte, bei dem ich mir ein grosses Glas kühles Mineralwasser bestellt habe, nutze ich die Zeit, um die übrigen Gäste in Augenschein zu nehmen.
Vorne links haben sich einige junge Leute drei der kleinen Tische zusammengeschoben und sind in eine angeregte, laute Unterhaltung vertieft. Auf den Tischen haben sich schon einige Flaschen und Gläser angesammelt, was mir den ersten Eindruck bestätigt, den ich von dieser Gruppe habe – sie sind betrunken. Unkultiviertes Volk – ich wende meinen Blick ab, diese Art ausgelassener Vergnüglichkeiten sind mir schon immer unangenehm gewesen.
Weiter hinten – wie es scheint – ein älteres Ehepaar, sie sitzen friedlich auf ihren Stühlen und betrachten einander, gelegentlich tauschen sie ein paar freundlich klingende Worte aus. Auch dieses Bild löst ein unangenehmes Gefühl in mir aus, leiser und dumpfer diesmal, dafür aber um viele Male schmerzhafter – es zeigt mir eine Harmonie, die ich nicht erreicht habe – Glück, Liebe, eine dauerhafte Partnerschaft.
Ich lasse meinen Blick weiter schweifen – zuerst scheint es, als ob alle übrigen Tische des Cafés leer sind – es muss an dem anstrengende, viel zu warmen Wetter liegen. Die Menschen bleiben lieber verborgen in ihren Häusern und Wohnungen als hierherzukommen.
Aber dann fällt mir auf, dass zwei Tische weiter – wie konnte ich nur Glauben, es gäbe keine weiteren Gäste? – jemand Platz genommen hat, eine Frau.
Verstohlen, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, sie anzustarren, betrachte ich sie:
Sie ist ein dunkler Typ, ihre fast schwarzen Haare hängen ihr bis auf die Schultern. Trotz des heissen Wetters ist sie in ebenso dunkle Farben gekleidet: sie trägt einen weiten Rock, keins von diesen dünnen Sommerkleidern, die dem Betrachter bei jeder Bewegung die genaue Form jedes einzelnen Körperteils der Trägerin deutlich ins Auge springen lässt, sondern ein dickes, schweres Stück Stoff, dass sich bis hinunter zu ihren schwarzen Schuhen erstreckt. Auch ihr Oberkörper und ihre Arme sind vollständig von einem schwarzen Pullover bedeckt, allerdings aus etwas dünnerem Material als der schwere Rock. Sie sitzt geistesabwesend da und nimmt ab und zu einen Schluck aus einer großen Tasse Kaffee, die direkt vor ihr auf dem Tisch steht.
Was mir aber am meisten auffällt, ist ihre Grösse: Während mir, dem leider eher kleinwüchsigen Mann, die Kante des Tisches bis ans Brustbein heran kommt, stossen ihre Beine fast von unten gegen die Tischplatte, ihre Gestalt scheint irgendwie die gesamte Umgebung zu überragen.
In habe ein etwas flaues Gefühl im Magen – schon immer habe ich mich sehr zu grossen, vereinnahmenden Frauen hingezogen gefühlt, und auch jetzt erwacht, fast gegen meinen Willen, eine bohrende Unruhe in mir. Gegen meinen Willen deshalb, weil ich eigentlich beschlossen habe, mich dem ewigen Spiel von Liebe und Verletztheit für immer, oder doch für längere Zeit, fern zu halten. Ausserdem ist mir die Person unheimlich, sie strahlt eine Soldität und Unberührbarkeit aus, die mir Angst macht.
Ich wende den Blick ab und trinke einen Schluck von meinem Mineralwasser, das mir der Kellner mittlerweile serviert hat. Ich versuche, mich in das bunte Treiben der jungen Leute am Nebentisch hereinzuhören, um vielleicht doch an ihrem Gespräch teilzunehmen, aber irgendwie will es mir nicht gelingen. Meine Gedanken kehren unaufhörlich zu dieser merkwürdigen Frau zurück, und schließlich wende ich ihr doch wieder den Blick zu.
Ich erschrecke und habe für einen Moment das Gefühl, das mein Herzschlag aussetzt – saß sie nicht gerade noch zwei Tisch weit von mir entfernt, war nicht der Tisch direkt zu meiner Rechten eben noch frei? Vielleicht ist mir aber auch nur diese unsägliche Hitze zu Kopf gestiegen – jedenfalls sitzt sie jetzt am Tisch direkt neben mir. Wenn sie ihren Kopf ein wenig drehen würde, könnte sie mich anschauen.
Mir fällt ihr stilles, würdevolles Gesicht auf, und so etwas wie Ehrfurcht erfasst mich. Gerade als ich meinen Blick wieder abwenden möchte, scheint sie mich zu bemerken: sie setzt ihre Tasse Kaffee, die sie ruhig in ihren grossen, schweren Händen gehalten hatte, wieder auf dem zerbrechlichen kleinen Plastiktisch ab und sieht mir direkt in die Augen.
Mir wird schwindelig und auf meinen Händen bildet sich ein feuchter Schweissfilm – dennoch kann ich meinen Blick nicht abwenden. In diesen grossen, graugrünen Augen meine ich etwas zu sehen, das mich in allertiefster Seele berührt, das mich verändern und über mich hinausheben könnte, ich fühle plötzlich, das ich in Wirklichkeit nur ein kleiner, unbedeutender Teil von etwas bin, das grösser und mächtiger ist als ich selbst.
Mir fällt auf, wie unhöflich mein fortwährendes Starren ist, es beginnt, mir fürchterlich peinlich zu werden. Um wenigstens irgendetwas zu tun, hebe ich unsicher meine Hand, mir ist nicht ganz klar, mit welchem Ziel. Es ist mir zuerst unangenehm, als ich ihre Hand versehentlich dabei berühre. Die direkte Nähe zu dieser Frau macht mir jetzt sehr zu schaffen – ich glaube jetzt, dass sie schon von Anfang an hier an meinem Tisch gesessen hat, vielleicht schon, bevor ich gekommen bin. Ich fühle jetzt ganz deutlich, dass hier irgendetwas nicht stimmt – einen Moment lang habe ich den Wunsch aufzuspringen und durch den grellen Sonnenschein davon zu laufen, doch in diesem Augenblick ergreift sie meine Hand, und mir schwinden die Sinne.

Ich wache nur noch einmal auf und befinde mich in einem düsteren, müffigen Raum. Ich liege in einem grossen, sehr weichen Himmelbett, über dass sich sehr niedrig ein weinroter Betthimmel spannt. Ich fühle mich sehr schwach, und zu meinem Entsetzen merke ich, dass ich vollkommen unbekleidet bin. Ich unternehme einen hilflosen Versuch aufzustehen, mich zu befreien – doch meine Gliedmassen gehorchen mir nicht mehr – nicht mal den Kopf kann ich bewegen. Das, was ich eben als meinen Körper wahrgenommen habe, gehört nicht mehr wirklich zu mir – unfähig, mich aus eigenem Antrieb heraus zu bewegen, schwindet jetzt langsam und endgültig mein Bewusstsein, während sich das dunkle Zimmer in meinem Blickfeld langsam hebt und senkt, ebenso wie sich mein Kopf zusammen mit der Atmung dieses großen Körpers gleichmässig und unbeirrbar auf und ab bewegt.