Susi und das Zauberhandy

(christian:)1.

Susi F. kam am frühen Nachmittag von der Schule und war wieder mal voll genervt. Ihr Typ hatte ihr Stress gemacht, so wie’s aussah, würde sie bald wieder einen neuen brauchen. Sie warf sich auf ihr Bett, schaute zur Decke hinauf und seufzte. Was dachten diese Kerle sich eigentlich? Schon genug, dass man sich immer für nur einen entscheiden musste – aber dann sollte man auch noch nett und anständig zu ihnen sein, ihre komplette Sammlung von Macken, Neurosen und Spinnereien akzeptieren, immer lieb lächeln; und am Ende des Abends sollte man auch noch seine eigene Rechnung selbst bezahlen. So ging das nicht weiter – diese Zustände waren ihr schon lange ein Dorn im Auge, im Grunde seit ihrer ersten vermurksten Kindergartenbeziehung, die stolze drei Tage gewährt hatte, an deren Ende sie ihr unglückliches Opfer mit scharfkantigen Bauklötzen bombardiert hatte und dieses in herzzerreissende Tränen ausgebrochen war. Susi F. war ein spontanes, entscheidungsfreudiges Mädchen, und sie fasste einen Entschluss – die Dinge sollten anders werden, und zwar gleich jetzt. Sie beschloss, ihren noch-Freund anzurufen und ihm gründlich die Meinung zu sagen – ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.Zu diesem Zwecke erhob sich Susi F, schlurfte quer durch ihr von Starpostern, lippenstiftverschmieten Kuscheltieren und verschimmelten Pizzaresten zugemülltes Zimmer und griff nach ihrem Handy, das sie zielsicher auf dem Schreibtisch geortet hatte.
Sie wollte gerade die kleine, hellblaue Klappe anheben und die entsprechende Nummer in die Tastatur hacken, als sie eine Entdeckung machte, die sie innehalten liess:
Ihr Handy hatte über Nacht die Farbe gewechselt, war vom gewohnten Himmelblau zu einem betörenden Zartrosa übergegangen – ausserdem war seine Form so aerodynamisch, chick und modern, wie Susi es bei einem Handy überhaupt noch nie gesehen hatte.
“Cool!” dachte Susi.Sie öffnete also die Klappe und begann, geschickt mit ihren überlangen Fingernägeln die Tastatur zu bearbeiten, als ihr Handy den Eingang einer neuen Kurzmitteilung anzeigte.
“Susi – tu das nicht.”
Susi F. erstarrte mitten in der Bewegung. Was war denn jetzt das? Sie suchte nach dem Absender der Nachricht, aber an der gewohnten Stelle prangte nur ein leeres Display.
Trotzig begann sie, wieder die schon einmal begonnene Zahlenfolge einzuhacken.
“Susi – Nein!”
Wieder so eine Meldung, wieder ohne Absender. In Susis Kopf begann es zu arbeiten – seitdem ihr neues Image es ihr verbot, aus kleinen oder nichtigen Anlässen in Tränen auszubrechen, falls kein direkter finanzieller oder sozialer Gewinnaspekt damit verbunden war, empfand sie ihr emotionales Spektrum als sehr eingeschränkt. Sie biss sich auf die Lippen und zog bereits das Ausrufen einer ernsthaften Persönlichkeitskrise in Erwägung, als ihr eine Idee kam: Sie würde die Nachricht einfach direkt beantworten und fragen, wer ihr da schrieb. Sie wählte in dem seit heute ultramodernen, superintuitiv verständlichen Benutzermenu die Reply-Option aus und schrieb:
“HaltdieKlappeWerbistDu?”
Sie zögerte einen Moment, und dann fügte sie sicherheitshalber hinzu:
“Küsschen, Deine Susi”
Man konnte ja nie wissen. Sie wartete gespannt – einige Sekunden lang tat sich nichts. Susi hob den Blick und schaute auf das an der gegenüberliegenden Wand stehende baufällige Ikea-Regal, ihr Blick traf die grossen, braunen Augen ihres Lieblingsstoffschafs. Das Schaf blickte Susi an, Susi blickte das Schaf an, und zwischen ihnen beiden herrschte wieder das gleiche stille Einvernehmen wie zu den goldenen Tagen von Susis Grundschulzeit – Susi wusste jetzt, dies war ein bedeutungsvoller Moment.
Sie hörte einen Piepton, und ihr Handy zeigt den Eingang einer neuen Kurzmitteilung an:
“Ich selbst bin es, dein Handy. Ich werde Dir in Zukunft mit unfehlbarem, weisen Rat zur Seite stehen.”
Es muss nun gesagt werden, dass das Denken im Allgemeinen sowie das Verständnis von Zusammenhängen grösserer (und auch mittlerer) Komplexität nicht Susis Sache war. Dies wird deutlich an Ihrer nun folgenden Reaktion; sie schrieb:
“Lügner.KennDichnicht.EsistAus.”
Und fügte hinzu:
“BinSicherDuBetrügstMichArschloch”
Die Antwort kam diesesmal schneller und bewahrte Susi vor einem ernsteren kognitiven Zusammenbruch:
“Susi, beruhige Dich. Ich bin Dein Freund. Wann immer Du in Deinem Leben Sorgen oder Konflikte mit Deinen Mitmenschen hast, brauchst Du nur an mich zu denken, und ich sende Dir die passende SMS. Die schickst Du an den Verursacher Deines Konflikts, und Dein Problem wird gelöst sein.”Und, um Susis Denkstrukturen aufzufangen und sie dadurch vor dem Kollaps zu bewahren:
“Es war nie was, Baby. BinVerzweifeltWeilDuMichnichtWillst”.
Das Glück wollte es, dass Susi F. gerade einen ihrer helleren Momente hatte – sie verstand, was ihr Handy ihr sagen wollte, und beschloss, den ihr nun zur Verfügung stehenden Service bei der nächsten Gelegenheit zu auszuprobieren.

2.

Diese Gelegenheit ergab sich gleich am nächsten Morgen in der Schule. Ihrem Freund war Susi bisher vorsorglich aus dem Weg gegangen, sie wollte die Kräfte ihres neuen Handys erstmal an einer unbedeutenderen Person austesten.
In der ersten großen Pause entdeckte sie ihr erstes Opfer: dort stand Michael, ein bebrillter, unsympathischer Typ, der sie seit längerer Zeit anhimmelte. Er stand am Zaun und starrte sie an – so wie immer. Und das alles nur, weil Susi sich von ihm den MP3-Player geliehen hatte. Danach hatte er ein paar Wochen lang ständig angerufen. Sie sollte das Ding zurückgeben, oder so’n Scheiss. Und jetzt dieses permanente Geglotze. Nervig, das. Und, musste geändert werden.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche, dachte an intensiv an Michael und wartete. Einen Moment später fand sie folgende Nachricht auf ihrem Schirm:
“Treffen um Drei nach der Schule, vor dem Parkplatz? Habe mit Dir zu reden. Susi.”
Susi war etwas skeptisch, beschloss aber, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Sie suchte Michaels Handynummer heraus, die sie zufällig noch gespeichert hatte, und schickte die SMS ab.
Sekundenbruchteile später sah sie, wie Michael, der sie wie schon erwähnt die ganze Zeit angestarrt hatte, in seine Tasche griff, sein eigenes Handy herauszog und die Stirn runzelte. Dann hob er den Kopf, schenkte Susi ein breites, ziemlich dämliches Grinsen und hob langsam den Daumen zu einer zustimmenden Geste empor.

Nach der Schule machte Susi sich wie verabredet auf den Weg zum Parkplatz hinter der Schule. Allerdings hatte sie kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache – direkt nach der Pause war sie auf ihren Freund getroffen, und die Begegnung war gründlich misslungen.
“Schatzi, wo warste denn grade? War dich voll am Vermissen!”
Susi hatte verzweifelt nach einer Antwort gesucht – von ihrem neuen Handy wollte sie ihrem Freund eigentlich nichts erzählen, da sie es ja dann nicht mehr gegen ihn würde einsetzen können, und deshalb musste sie auch die Verabredung mit Michael verschweigen. Was aber sollte sie stattdessen sagen?
“Bo, is ja voll Süss von Dir, Schatzi. Gleich später muss ich aber auch weg, weil wegen…”
In diesem Moment waren sie von der hereinstürmenden Schülermeute auseinandergerissen worden. Einen Augenblick lang meinte Susi, einen verletzten Ausdruck im Gesicht ihres Freundes zu sehen, dann war er in der Menge verschwunden.

Dieses Bild ging Susi nicht mehr aus dem Kopf, und sie beschloss, entgegen ihrer ursprünglichen Absicht, ihr Handy schon jetzt im Zusammenhang mit ihrem Freund zu verwenden. Sie griff in ihre Tasche und schaute auf das Display, auf dem bereits folgende Nachricht erschienen war:
“Schatzi, hab‘ Dich voll echt ganz doll lieb. Wir sehen uns morgen, Deine Susi.”

Sie zögerte einen Moment – Susi hatte einen ihrer helleren Tage, und fragte sich, ob dieser Satz nicht eher Misstrauen erregen würde – aber dann schickte sie die Nachricht doch ab.

Als Susi etwas später den kleinen, vergammelten Parkplatz erreichte, stand Michael bereits vor der Einfahrt und wartete auf sie.
“Hi Susi. Na, haste meinen MP3-Player mitgebracht?”
Den linken Daumen hielt er seit der großen Pause unverändert in die Höhe, von seiner überlasteten Schultermuskulatur strahle ein nervöses Zittern in den Unterarm. Die Situation war Susi jetzt deutlich unangenehm, und sie begann zu bereuen, dass sie hierher gekommen war.
“Hi Michi, voll cool, das Du gekommen bist!”
Sie suchte mit wachsender Verzweiflung nach den richtigen Worten, um dieses eklige Treffen möglichst schnell hinter sich zu bringen. Gerade in diesem Moment hörte sie ein piepen, und dankbar griff sie in ihre Tasche, um sich die neueste Nachricht anzusehen. Das ihr Handy auch aktive Gesprächsunterstützung anbot, war einfach Klasse.
“Schatzi, sehen wir uns heute Abend? Ich würde gerne mal wieder ins Kino gehen!”
Diesen Vorschlag fand Susi jetzt dann doch wirklich etwas merkwürdig. Sie wollte diesen Michael doch loswerden, ihn abschießen – was zum Teufel sollte dann jetzt diese Einladung?
“Sehen wir uns heute Abend? Ich würde gern mit Dir ins Kino gehen!”
Noch während sie diese Worte sprach, kam ihr ein schrecklicher Gedanke, und sie schaute zum zweiten Mal auf das Display ihres Handys. Ihre Befürchtung bestätigte sich – diese Nachricht war keine neue Servicemitteilung, sonder eine echte SMS, von ihrem Freund.
Bevor sie irgendetwas unternehmen konnte, verzog sich Michaels Gesicht zu einem noch breiteren Grinsen als bisher, und er hob mit einer langsamen, zufrieden Bewegung auch den zweiten Daumen.
“Klasse, Baby. Ich warte dann um Acht vor dem Eingang auf Dich!”Sprach’s, drehte sich um und schwankte mit hoch erhobenen Daumen von dannen.

3.

Susi sah ihm mit schreckgeweiteten Augen nach und machte sich dann langsam auf den Weg nach Hause. Nach einigen Metern realisierte sie, dass sie jetzt nicht nur eins, sondern gleich zwei Problene hatte: zum einen musste sie diesen Michael loswerden, zum anderen musste sie auch ihrem Freund erklären, warum sie heute nicht mit ihm ins Kino gehen konnte – wenn sie Michael versetzte, würde der das sicher lautstark kundtun, und als Beweis hatte er ja Susis SMS. Und ihr Freund würde sicher glauben, sie hätte ihn beinahe betrogen.
Und da Susi, wie wir zu Anfang schon festgestellt haben, ein entscheidungsfreudiges Mädchen war, änderte sie spontan ihr Ziel und machte sich schnurstracks auf den Weg zu ihrem Freund.

Mit klopfendem Herzen stand sie vor der Haustüre und klingelte – wie konnte sie gestern nur auf den Gedanken kommen, sich von ihrem Freund zu trennen? Schon bei dem Gedanken an seine großen dunkelbraunen Hundeaugen spürte sie ein wunderschönes Kribbeln in der Magengegend, und sie trat unruhig von einem Fuss auf den anderen.
Merkwürdigerweise schien niemand ihr Klingeln gehört zu haben. Dabei wusste Susi genau, das ihr Freund um diese Zeit immer in seinem Zimmer war. “Vermutlich hört er Musik und hat einen Kopfhörer auf”, dachte Susi – sie beschloss, den Hintereingang zu benutzen, der meistens offen stand. Nachdem sie sich durch den von kniehohem Gras und verwilderten Sträuchern zugewachsenen Garten gekämpft hatte, trat sie durch die schmutziggraue Verandatüre in die Küche.
Es stank ein wenig, da sich hier die Geschirrreste der letzten Wochen stapelten, aber dennoch konnte Susi das Deo ihres Freundes riechen, dessen penetrante Kombination aus Frühlingsblüten und original nachgeahmten Hengstschweiss den vorherrschenden Verwesungsgeruch mit eine zarte Duftblüte überstrahlte – er musste also zuhause sein. Doch irgendetwas stimmte nicht – Susis Nase nahm noch einen anderen Geruch war, der ihr zwar bekannt vorkam, den sie aber nicht näher einordnen konnte. Das Zimmer ihres Freundes lag direkt hinter der nächsten Türe – Susi ging langsam darauf zu, überschritt die Schwelle, und mit einem Male zerbrach ihr Herz mit einem lauten Knackgeräusch säuberlich in zwei Teile. Direkt vor ihr auf dem mit einem großen Mickymaus-Starschnitt beklebten Wasserbett lag ihr Freund – er hatte die Augen geschlossen und war in eine innige Knutscherei mitBeate, ihrer besten Freundin, vertieft. Susi sah noch seine absichtsvoll unter Beates neongrünes Benedikt-XVI-T-shirt geschobenen Hände, dann drehte sie sich um und rannte hinaus. Das Piepen in ihrer Tasche, das die mit trauriger Selbstverständlichkeit eingehende Nachricht “Es ist aus, du Schwein” ankündigte, registrierte sie nur am Rande, während sie mit einer Hand die nötige Tastenkombination ausführte, um die SMS weiterzuleiten, und mit der anderen schützend ihre Augen bedeckte, um ihre von heissen Tränen zerschwimmenden Augen vor einer kalten und gefühllosen Welt zu verbergen.

4.
(zimtrolle)Ach, wäre sie besser mal nicht in heißen Tränen, sondern vor heißer Wut zerschwommen, denn prompt rannte sie in der nächsten Sekunde gegen einen Laternenpfahl, der sich allerdings schon immer gewünscht hatte, sie einmal näher kontaktieren zu können – und nun hatte sie ihn sogar berührt!!! Er hätte sich zwar gewünscht, daß ihr Mienenspiel etwas mehr liebevolle Zuwendung manifestiert hätte – aber ein seufzender Anfang war gemacht. Und ein Andenken hatte er auch hinterlassen – eine wunderschöne große Beule bildete sich auf Susis linker Stirnhälfte.Susi stand benommen vor dem Laternenpfahl… was war passiert? Irgendwie war ihr gerade so gewesen, als ob dieses Stück Blech ihr zugezwinkert hätte – mein Gott, was war das nur immer für ein Ärger mit den Kerls – egal, in welchem Aggregatzustand sie sich befanden, waren Männer doch stets mächtig ungelenke Langweiler…Wozu hatte sie ihre coole blickdichte Sonnenbrille? Schnell setzte sie sie auf – das verbarg zwar die Beule nicht, aber es gab ihr die Illusion, nicht existent zu sein, und das war ihr momentan lieber, als zugeben zu müssen, daß sie auf die Anmache von Laternenpfählen reagierte. Sie blinzelte mühsam durch die schlechtgeputzte Brille und im gleichem Moment erklang ein – nein zwei Klang — Hey lass das sein du blöder Pfosten
Nach einem Blick aufs Display und dem obligatorischen Tastendruck wollte sich Susi lieber nicht umdrehen, um den Eindruck eines verletzt auf sein Handy blickenden Laternenpfahls nicht auf ewig in ihre Netzhaut eingebrannt mit sich herumzutragen.- süße was bist du so schnell weg?? wasn los?? grade mit der papppuppe fürn kunstunterricht gekämpft als du reinschautestSusi schluckte gerührt. Die zweite SMS war real – von ihrem beateküssenden ohneseinwissentodgeweihten Exfreund. Dem Typ mußte einiges an ihr liegen, wenn er sich so ne lange Message abrang – und vor allen Dingen, wenn er so dreist und verzweifelt in dieser eindeutigen Situation unglaubwürdigste Lügen auch noch schriftlich absonderte.
Und mit Beate, dieser widerlichen Semipoppendenpapppuppe würde sie natürlich erst mal drei Tage lang kein Wort mehr reden.

5.

Irgendwie war diese Sonnenbrille doch nicht recht praktisch.Zumal da es gerade Bindfäden regnete an diesem herzhaften Novemberfrühnebelabend. Wenn sie nicht eine Kollektion von gekränkten Exlaternenpfahlfreunden anlegen wollte, wäre sie, sagte sie sich, gut beraten, dieses obergeile Exemplar juveniler Angesagtheit temporär von iher Nase zu entfernen.
Susi hatte wieder mal einen ihrer helleren Momente und entfernte.
“Fluch der Karibik 2“Fluch der Karibik 2“Fluch der Karibik 2“ Fluch der…
Ach ja, oh jee, ach jee, ach jaa , jaaa, da war ER. E R. Ihr versteht!!! E R !!!Dunkler Teint, wunderbare schwarze Augen, feine edle Nase, ein kleines Bärtchen, ein verwegenes rotes Tuch, ein Bild von einem Mann, überlebensgroßes Ideal – Susi schmolz dahin…
Und – unter der Lichtreklame stand – Michael. Nicht Johnny. Michael. Schock. Kontrastprogramm.
Mit leichtem Starrkrampf in beiden Schultern ob der zwei beiden seit Stunden siegreich in die Lüfte gestreckten Daumen.
Susi kam zu sich. Sie war haarscharf und unglücklicherweise – hatte sich doch dieser Kinobesuch beatemäßig sozusagen glücklicherweise verüberflüssigt –und leider überaus pünktlich vor dem Kino ausgekommen.
Johnny Depp zerplatzte wie eine Seifenblase.
Michael der Daumenträger materialisierte sich langsam zu einer schärfer gestellten Version.
Ach ja. Der. Der Handy-Test-Mann.
Seine Schultermuskeln sahen so unglücklich aus, daß sie ihr fast ein wenig leid taten.
– hey entspann dich mal mikey
Susi brauchte nicht aufs Display ihres verflixten Handys zu gucken , um zu wissen, was sie gerade an den unglücklichen Michael geschickt hatte…
… und richtig, Michael nahm endlich, endlich die Daumen runter – das war ja an sich schon mal ne Menge wert, es guckten gleich zweiundfünfzig Passanten weniger zu dieser belebten Stunde – warf einen verschärften Kaugummi gegen Mundgeruch ein und zückte sein Handy, las, lächelte.
Wie ein Engelchen.
Ja was?
Mikey das Ekelpaket ein Sympathieträger?
Susi hoffte, daß sich jemand ihrer erbarmte. Erst ein Laternenpfahl, dann Mikey? Wie nannte sich diese Droge, auf der sie anscheinend seit Stunden war?Und jetzt kam Mikey breit grinsend und kaugummikauend und minzduftverströmend und sein Handy schwenkend auf sie zu.

6.

Schnell setzte sich Susi wieder die Sonnenbrille auf die Nase. Novembernebel hin oder her, so brauchte sie Michaels Haarschnitt erst mal nicht zur Kenntnis zu nehmen. Aber alle anderen nahmen Michael und sie offenbar zur Kenntnis – und alle, wie sie aus den Augenwinkeln, den schreckgeweiteten, wahrnahm, das war der gesamte Politikkurs der Stufe 10 des Eiche-Gymnasiums, auf das sie das immense Glück hatte im Zuge der Pisaverbesserung dieses unseres Landes gehen zu dürfen.
Mensch, meine Fresse, was machten die denn geschlossen hier.
Lief hier irgendwie auch son Film wie „Die Mauer ist weg!“ oder etwa „Die Mauer soll wieder her! – Ossis erzählen auf Malle aus ihrem Leben“?? Momentan fehlten ihr klare Gedanken zu diesem Thema, weil Mikey sich erlaubte, sie deftig in den Arm zu nehmen und ihr vier Bises, abwechselnd zwei rechts und zwei links, aufzudrücken, so à la Südfrankreich, um sie danach wie ein reifer Camembert (eher Nordfrankreich?) sowohl nochmals zu drücken als auch anzustrahlen. Wo hatte der das gelernt? Bei der blöden Madame Amselpiep im Französischunterricht? Lebensechter, praxisnaher Fremdsprachenunterricht? Und sie, Susi, schon lädiert durch eine öffentliche erotisch-aggressive Einrichtung, mußte nun darunter leiden? Und konnte nicht in Ruhe ihr Date mit Johnny Depp wahrnehmen??
Sie schaute auf die Leuchtreklame des Kinos. Die Anzeige für „Fluch der Karibik 2“ war verschwunden. Ein ihr völlig unbekannter Filmtitel zeigte sich nun dort. Irgendwas mit „Ils se marièrent…“ und so weiter …
Susi vergaß sich einen Moment und träumte, kleine rosa Herzchen in den Pupillen, von einer dreitägigen Hochzeit in Weiß, einem dreißig Meter langen Schleier, einer fünf Meter hohen Hochzeitstorte … aus der Johnny Depp völlig nackt entstieg und- ich komm mit johnny nach mcdos seid ihr auch daVöllig perplex aus ihren Tagträumen gerissen schaute Susi auf das Display ihres Handys – was bildete sich dieses Ding eigentlich ein, ihrem Exfreund so ne message zu senden? Das hatte wirklich Nerven! Und wieso Johnny? Und wieso war der Todgeweihte nicht mehr mit der Schlampe aufm Sofa? Irgendwas geriet hier durcheinander?
Susi rückte die Sonnenbrille zurecht und musterte Mikey, der nervös vor ihr herumstand und von einem Fuß auf den anderen trat und sich wohl gerade fragte, ob er eben zu weit gegangen war.
Aber Moment, da stimmte was nicht. Sie nahm die wirklich sehr dunkle Sonnenbrille ab und schaute sich Mikey noch mal genauer an. Konnte sie auch jetzt gefahrlos in aller Ruhe tun, denn der gesamte Politikkurs des Eiche-Gymnasiums war offensichtlich in „Fahrenheit 9/11“ verschwunden – gut so für sie, konnten sie was lernen – und Susi traute derweil ihren Augen nicht.Das war gar nicht Michael, Mikey, der da stand.
Das war doch – ????!!!!
In dem Moment piepte ihr Handy wieder mal.

7.

– ne touche pas à mon mec sinon t’es morte vanessa
Susi kratzte sich ihr bißchen abgebrochenes Grundkursfranzösisch zusammen und staunte. Echte Message diesmal? Vanessa??? Woher hatte die denn ihre Nummer?
Johnny trat einen Schritt auf Susi, die schnurstracks erbebte, zu, streichelte ihre Wange, hob leicht ihr Kinn und sein Mund berührte zart den ihren.
Völlig und vollkommen elektrisierend.
Susi wußte – jetzt würde sie ohnmächtig werden.
Johnny hatte sie geküßt.
Die Welt blieb eine sehr sehr lange Sekunde sehr lang unbeweglich stehen.
Dann zog Johnny sie an sich und flüsterte:
– That’s nothing, ma chérie, Vanessa ist toujours ein wenig eifersüschtisch …
Susi lehnte sich vertrauensvoll gegen ihn und sog tief seinen herben männlichen Duft ein…
… und schon sank der gläserne Aufzug vom Himmel hernieder, die Türen glitten leise und duftend auseinander – Johnny und sie schwebten hinein, sich wie Ertrinkende aneinanderklammernd –

8.

– Susi? Susi??? Gehts dir gut??? Alles in Ordnung? Dein Handy piept schon wieder! Ach nee – ist meins…
Susie schaute verwirrt um sich. Gerade eben noch im Aufzug auf dem Weg ins Paradies mit Johnny Depp, sah sie nun wie einen riesigen bleichen Mond mit roten Kratern Michaels Gesicht in ziemlich unerträglicher Nähe vor sich. Schnell wich sie einen Schritt zurück und setzte die Sonnenbrille wieder auf. So was mußte man sich ja schließlich nicht in allen Einzelheiten antun. Und wo waren Johnny, wo der Aufzug geblieben?
Michael las derweil seine SMS.
Mit großen Augen schaute er auf.
– Ich weiß zwar nicht, in welcher der eben verflossenen Sekunden du das hier geschrieben hast, aber wenn wir schon hier stehen, hättest du mir das auch persönlich sagen können!
Anklagend streckte er ihr sein Handy entgegen. Susi nahm es und las:- geh weg ich kann dich nicht mehr sehen und komm nie mehr wieder Susi gab ihm sein Handy zurück und dachte pomadig, na dieses eine Mal hat mein zuckerrosa filmschnittig Zauberhandy ein zusehends wachsend unangenehmes Problem elegant für mich gelöst…
Sie schaute Michael nach, der sich bereits auf dem Absatz umgedreht hatte und verbissen der Bushaltestelle zustrebte.
Ach. Sieh da. Der arme Junge, er hatte auch Gefühle. Verletzten Stolz?Na so was. Nun war er sauer? Beleidigt? Gekränkt? (Erleichtert???)
Was auch immer.
Susi schob sich die dunkle Sonnenbrille zurecht und ohne genau zu wissen, warum, folgte sie ihm doch irgendwie interessiert. Wie??? Michael gab sie einfach so auf??? Einfach so?? Das durfte doch wohl nicht wahr sein…
Gerade kam der Bus. Michael stampfte hinein und ließ sich auf einen Sitz fallen, Susi nahm die Sonnenbrille ab und die Beine in die Hand und sprang in letzter Sekunde auch hinein.
Der Bus fuhr ab.
Schweratmend ließ sich Susi auf den Sitz neben Michael fallen.
Sitzbank: (beleidigt)
Aua. Immer lassen sich alle schweratmend auf mich fallen in solchen Situationen. Das tut weh. Ich hab auch Gefühle.
(christian)
9.

Zweifelsfrei kann man sagen: Situationen wie diese fallen deutlich in die Kategorie “Schwierig”, Unterkategorie “Unangenehm und etwas peinlich”. Sollte Susi sich jetzt erst bei Michael entschuldigen, sein Herz (zurück)gewinnen und ihn DANN abservieren? Für die Prozesslogik-Fanatiker unter uns die plausibelste Lösung. Oder sollte sie aus Gründen des Humanismus, der Romantik und deren in dieser Thrash-Story erstmals gelungener kongenialer Verquickung spontan eine unsterbliche (und kratermondresistente) Liebe zu Mickey aus der Taufe heben? Verwirrung ergriff ihr Hirn, das eben diese Überlegungen nur intuitiv zu erfassen vermochte – ganz zu schweigen davon, diese zu lösen.
Sie warf Mickey einen verstohlenen Blick zu – dessen Profil erschien ihr im schummrigen Licht der wackelkontaktbedingt bedeutungsvoll flackernden Busbeleuchtung undurchdringlich und verschlossen. In ihrem Herzen regte sich etwas – etwas, das ganz und gar unerwartet war, und das ihr rosa Zauberhandy zum erstenmal seit seiner eitlen und völlig in Eigenregie initiierten Freischaltung dazu bewegte, eine SMS an sich selbst zu schicken: “Oh mein Gott….”

(aus Dramaturgischen Gründen hier eine Zwischeneinblendung…:)

“Plopp…”
Aus der grünlich-gelben Schleimsuppe im der fiktiven Spycam am nächsten stehenden Kessel stieg eine Blase empor.
“Plopp…”
Eine weitere Blase -es muss bemerkt werden, dass unser ersonner
Bespitzelungsmechanismus ein höchstmoderner solcher war, mit GERUCHSSINN – unglaublich. Und höchst störend hier, denn es stank gelinde ausgedrückt erbärmlich – für einen Moment verdunkelt sich unser Blickfeld, denn oben erwähnter kniff angeekelt die Linse zu.
Aber klasse, jetzt wissen wir wo wir sind, ein weisses Restleuchten des auf der Startpage bereitgestellten Titels findet sich auf dem Schirm:

MICKEYS LABOR

So ist das also. Entweder ist Mickey ein vom CIA geförderter Topspion bzw. Wissenschaftler, was in dieser Leistungsklasse fliessend ineinander übergeht, oder es ist Merlin, der die Hexenverbennung im 14.Jahrhundert überlebt hat (deshalb der Kessel), oder – was wahrscheinlicher ist, da eben, wie durch die gerade wieder entkniffene und somit geöffnete Linse ersichtlich, ein grün beschuppter Reptilienfuss ins Bild stampft – ist Mickey doch ein Alien??
Dem Fuss folgt ein Restkörper, Mickeys hyperdimensionale Parallelexistenz – gut zu erkennen an den beiden gehobenen Daumen. Für dieses sechsarmige Geschöpf ist das nämlich alles kein Problem und längst nicht so störend – was wir uns merken wollen.
Ein breites Echsengrinsen durchstreift die Kamera und wendet sich jenem blubbernden Kessel zu, ein zynisches Lachern durchschneidet die gestankgeschwängerte Luft, und die letzte diabolisch-extraterrestrische Zutat wird mit gespitzten Krallen hineingeworfen…

(Ende der Zwischenblende)

Susis Herz nämlich, dass gerade durch ihre durch den sentimental-brachialen Körperkontakt mit Mr.Laternenpfahl entstandenen Johnny-Halluzinationen in einen Zustand hektischer Vibration versetzt worden war, hatte den eben erst erfolgten Bruch – ihr Exfreund und die semipoppendepapppuppe Beate – noch gar nicht verarbeitet, und zerfiel jetzt – ausgelöst durch die eben fertiggestellte interstellare Megamixtur von Mickeys glibbriger (oder, korrekterweise, noch gliberrigerer) Parallelexistenz – gleich in eine ganze Reihe von Splittern und Einzelteilen.
Offenbar schlossen sich Verstand und Erinnerungsvermögen dieser Entwicklung aus einem gewissen spontanen Solidaritätsgefühl heraus an: Sie wendete den Blick wieder von Mickey ab und fiel nahezu zeitgleich in eine tiefe Depression – hier saß Mickey, den sie schon seit der fünften Klasse unsterblich geliebt hatte, der jetzt endlich einem Date zugestimmt hatte, das sie jetzt offensichtlich versemmelt hatte. Nie mehr würde sich das klären. Nie mehr würde sie jemandem ihre Gefühle zeigen, niemals mehr darüber reden….sie stand auf, verliess den Bus bei der erstbesten Haltestelle und lief eilig davon – machte nur einen kurzen Zwischenstop am nächsten Mülleimer, um sich dieses unsäglichen, hektisch piependen Handys zu entledigen, das sie in ihrer nun begonnen Phase ewigen Schweigens nicht brauchen konnte.

Mickey war ihr auf dem Fusse gefolgt, hatte aber durch die schwierige motorische Übersetzungarbeit, die seine 2-armige körperliche Manifestation im Einsteinuniversum erforderte, nicht schritthalten können.
Gerade passierte er den bewussten Papierkorb, als das verzweifeltes Piepen, dramaturgisch wirkungsvoll zeitsynchronisiert sowohl dort als auch in seiner Jackentasche, ihn innehalten liess….

Es entspannte sich hier nun ein bedeutungsvoller Dialog zwischen dem Realmickey (grün und geschuppt) und dem Einsteinsuniversumsimulationsmickey (hier kurz ESM genannt).
RM.: ;;dklsdl…sdf!
ESM (sprachlos, da er Susi hinterherschaut, gleichzeitig mit der Hand in den Papierkorb greift,nachdenkt, “;;dklsdl…sdf!” zu entziffern versucht und eben deshalb stolpert und unsanft auf demHosenboden landet): Plumps.
RM.: Weerkgf!!. kä+++.
ESM.: (steht wieder auf den Beinen und hält sogar das rosa Zauberhandy in der Hand. Lauscht dann andächtig und sagt:) sdfgjjhh……..!(was soviel heisst wie “Klar, Chef!”)
Susi war in der Zwischenzeit im Stadtpark angelangt. Zwar war sie für die dort dauerhaft installierte romantische Stimmung gerade eher unempfänglich (wie ihre zerrüttete Seele sowieso für nur noch sehrwenig empfänglich war man merkt, diese Geschichte neigt sich ihrem Ende zu, denn es wird wirklich dramatisch..), aber ihre von einem Gemisch aus Tränen und billiger Schminke verstopften Augen, die zusätzlich noch von ihrer coolen blickdichten Sonnenbrille verbarrikadiert waren, hatten es ihrem Schutzengel gerade noch ermöglicht, sie hierhin zu lotzen – ansonsten wäre sie geradewegs vor den Kühler des nächstbesten Bonzenschlittens geknallt (und das wäre ja auch nicht schön gewesen, oder?).
Sie befand sich jetzt also im Stadtpark, und durch einen unverklebten Winkel ihres linken Auges, das zufällig perfekt mit einem Loch in der Antiblickbeschichtung ihrer Sonnenbrille korrespondierte, sahsie eine etwas heller erleuchtete Grasfläche, auf die sie sich jetzt langsam zubewegte. Irgendetwas zog sie dorthin – wir merken, die Figuren positionieren sich, es muss ein grosses Ereignis nahen…

…Mickey nahte, der ESM auf wackligen Beinen und von hinten, unvorhersehbar. Ungesehen. Versteckte sich hinter einem Busch. Wie befohlen. Wartete. Spitz wie Nachbars Lumpi, möchte ich hinzufügen.
Im selben Moment zersprangen sämtliche Teleskope, Ferngläser und Feldstecher in der gesamten Stadt. Überwachungskameras erlitten einen Stromausfall, und Nachtwächter fielen in einen tiefenSchlummer. Keiner sah das grosse fliegende Etwas, das nee, das nicht vom Himmel herunterschwebte, wie banal wäre das denn, sondern das bruchstückweise aus der Kanalisation herausploppte. Aus dem Kanal am Parkrand. Aus dem Gully an der Straßenkreuzung. Und selbst ausdem kleinen, verträumten Papierkorb einer einsamen kuscheligen Parkbank.

Plopp….plopp….plopp…und als alle Teilstücke bereitstanden, flirrte die Luft, und – ja, jetzt kommt sie,die klassische Untertasse, manifestiert sich und schwebt säuberlich positioniert dreißig Zentimeter über Susis Kopf.
Sieschreitrenntwegstolpertalssiemickeyhinterdembaumsieht versuchtwiederaufzustehenschaftesnichtgibtaufundwirdmiteinemappetitlichen schmatzenindieuntertassegesogen – wir kennen das.Danach schwingt sich Mickey locker auf den Beifahrersitz, ESM grüßt RM, ein Händedrück grün meets rosa, und alle drei inklusive UFO verschwinden blitzeschnelle im blauen Nachthimmel.
Und, um das klar zu stellen: alle sind glücklich: Susi hat ihren Mickey, Mickey hat seine Susi, Johnny hat Vanessa, der Exfreund hat die Semipoppendepapppuppe Beate, RM hat sein kleines süsses Zauberhandy wieder, das er in Susis Zimmer verloren hatte – die beiden kannten sich nämlich schon eine ganze Weile, aber (es gibt Untiefen in dieser Geschichte, die nicht mal den Leser etwas angehen, und beide schweigen zu diesem Thema bisher beharrlich – (war aber ne ziemlich heisse Kiste, hab ich mir sagenlassen)),…und hat jetzt alle sechs Daumen hoch erhoben, zwinkert einmal lüstern in die Kamera und widmet sich voll voyeuristischer Lust dem sich vor seinen Augen abspielenden Vorgehen….danach wird er alle zu grüner Alienwurst verarbeiten, sonnenklar, aber wen stört das jetzt…?

– E N D E –

Eitelkeit

Wie es mir gelang, zur Schönheitskönigin des Abschlussballs meiner Highschool gewählt zu werden
I.

Damals, in meinen Jugendjahren, war ich – was viele vielleicht nicht wissen – Schülerin an der Highschool einer bekannten US-Amerikanischen Kleinstadt, deren Namen ich aus Diskretionsgründen hier gerne verschweigen möchte. Es reicht zu wissen, dass es eine Stadt war, wie wir sie alle aus Fernsehserien kennen, die abzuschalten wir zu träge sind oder deren Sendetermin zufällig zwischen zwei weitaus bedeutenderen Ausstrahlungen liegt, so dass ein Um- oder gar Abschalten guten Gewissens als ‚indiskutabel‘ abgetan werden kann.
Unsere Stadt gefiel mir sehr, denn sie bot alles, was für mich im Leben eines Teenagers wichtig und notwendig zu sein schien: wir hatten einen kleinen Radiosender, der neben den aktuellen Hits der Woche die Tapes der lokalen Schülerbands spielte, einen Wochenüberblick über das Kinoprogramm lieferte, Kontaktanzeigen aus dem nahegelegenen Altersheim zum Besten gab und es im Übrigen als seine Berufung ansah, die örtlichen Stimmungen und Ereignisse durch ausgewählte Kommentare festzuhalten oder auch neutral in die ein oder andere vielversprechende Richtung zu lenken; einen Stadtpark, in dem die ortsansässigen Teenager ihren Eltern, die ihre unschuldigen Kleinen bei einem harmlosen Rendezvous auf der Wohnzimmercouch nicht stören wollten, heimlich beim Knutschen zusahen, und zwei konkurrierende Kaufhäuser, in deren Damenunterwäscheabteilungen sich die Mädchen der höheren Jahrgänge trafen, wenn sie mal wirklich unter sich sein wollten.
In den Aussenbezirken standen viele schicke Einfamilienhäuser in hellblauer oder rosa Farbe, vor ihnen parkte meist ein farblich passender Straßenkreuzer, der neben seiner eigentlichen dekorativen bzw. prestigebildenden Funktion von vielen Einwohnern in vermeintlich unbeobachteten Augenblicken auch für die eine oder andere Fahrt zum Brötchenholen beim Bäcker um die Ecke oder zum Abendessen im zwei Staaten weiter gelegenen Drive-In-Restaurant genutzt wurde.
In einem solchen Haus wohnte damals auch ich. Meine Familie bestand aus Mami, Papi, meinem kleinen Bruder Schniffi sowie einer linksseitig gelähmten Hauskatze, die auf den Namen Tobias hörte. Ich selbst war ein hübsches blondes Mädchen mit langen Haaren, blauen Augen und all dem anderen Pipapo, dass dazu gehörte, den Jungs in der Nachbarschaft den Kopf zu verdrehen, jedes Jahr zum Valentinstag den Briefkasten mit Karten schüchterner Verehrer, kleinen Blumensträussen sowie herzzerrreissenden Liebeserklärungen zu füllen und nebenbei dem fluchenden Postboten regelmäßig einen ordentlichen Bandscheibenvorfall zu verpassen (Hierzu muss gesagt werden, dass es ihm dabei durchaus nicht schlecht erging – durch geschicktes Taktieren erreichte er aufgrund dieser lapaillenhaften Beschwerden eine Frühpensionierung, ließ sich diese bar auf die Hand auszahlen und unternahm eine Reise ins ferne China. Dort entdeckte er seine Leidenschaft für die Haltung und Zucht von Südasiatischen Zwergobelisken und machte mit dem Verkauf der Felle schnell ein Vermögen. Als reicher Mann kehrte er in seine Heimat zurück und verbrachte dort seinen Lebensabend in Ruhe und Frieden).
Im Übrigen genoss ich die mir entgegengebrachte Aufmerksamkeit gar sehr. Nicht etwa, dass ich ernsthaft daran dachte, einem meiner Verehrer eine Chance zu geben oder gar so etwas wie Gefühle für einen von Ihnen zu entwickeln – ich hatte keinen der Briefe jemals gelesen, Päckchen und Geschenke versteigerte ich umgehend im Internet und besonders aufmerksame und treue Verehrer denunzierte ich kalt lächelnd im Kreise meiner Freundinnen.
Was mir an der Situation gefiel, war das simple Gefühl von Macht: an einem schönen Sommertag spazierengehen zu können und mit nichts weiter als einem unnahbaren Blick oder einem nicht erwiderten Gruss das Herz eines bis dato vielleicht glücklichen jungen Mannes entzwei zubrechen; die neidischen Blicke meiner Mitschülerinnen an mir abperlen zu lassen oder einfach nur durch nichts als ein strahlendes Lächeln eine verbilligte Kinokarte, einen Wochenvorrat Cheeseburger oder eine Mittelmeerkreuzfahrt in Begleitung eines netten älteren Herren abzustauben – die Dinge waren gut so, die Dinge fühlten sich richtig an und die Dinge sollten so bleiben, wie sie waren.

Aber das Glück meiner Jugend sollte nicht ungetrübt sein, und schon bald begannen sich über meinem Haupt dunkle, schicksalhafte Wolken zusammen zu ziehen…
Das Unheil nahte in Gestalt eines unscheinbaren, bebrillten kleinen Mädchens mit weissen Tennissöckchen und einer unbegreifbaren Vorliebe für kartoffelsackartige, unförmige Kleidungsstücke, dass auf den Namen Lisa hörte. Dieses sonderbare Wesen war nach den Sommerferien still und leise in meiner Schulklasse aufgetaucht, ohne von irgendjemandem großartig bemerkt oder beachtet zu werden.
Nun war das im Prinzip nichts ungewöhnliches – Neuankömmlinge gab es immer wieder, und das allein war noch kein Grund, um das soziologische Kleinbiotop unserer Schule – meiner Schule – durcheinander zu bringen. Ich beobachtete diese Eindringlinge immer mit grosser Aufmerksamkeit, schon um auf jede mögliche Komplikation vorbereitet zu sein, aber für gewöhnlich erwiesen sich diese Subjekte als unproblematisch und völlig harmlos: eine zeitlang wurden sie ignoriert und gemieden, die eine oder andere musste vielleicht mal eine lange Nacht im Klassenschrank oder ein paar bange Minuten mit dem Kopf nach unten im Papierkorb verbringen, aber nach einigen Wochen verloren diese liebgewonnenen Willkommensrituale ihren Reiz, und die Neuankömmlinge schlichen sich klammheimlich aus ihrer Opferrolle und wurden zunehmend von uns anderen integriert.
In diesem Fall aber war es anscheinend anders: auch nach vollen drei Monaten machte es uns noch die gleiche kindliche Freude, Lisa mit unseren Pausenbroten zu bewerfen, diejenigen ihrer Kleidungstücke, die unser kollektives Urteil als ‚unnötig‘ eingestuft hatte, aus dem Fenster zu befördern oder ihr ganz einfach mit treuer Miene die fingierte Nachricht vom plötzlichen Tod einer ihrer Verwandten zu überbringen.
Zwar genoss ich all das nicht weniger als meine Mitschülerinnen, aber manchmal, in ruhigeren, bedächtigeren Augenblicken, machte ich mir Sorgen: War es nicht so (und dass wusste ich genau, den ich hatte es mehrmals im Fernsehen und im Kino gesehen), dass genau diese Art von Mädchen, die die Aussenseiterrolle gepachtet zu haben schienen und bei denen sich auf den ersten Blick keine, aber auch gar keine Hoffnung auf eine Spur von Integration oder Akzeptanz einstellen wollte, es mit erschreckender Regelmässigkeit nach einiger Zeit fertigbrachten, sich and die Spitze der Beliebtheitsskala zu katapultieren, durch die perverse soziologische Ambivalenz ihrer Rolle unvermittelt mutiert und zu neuen Leitfiguren der breiten Masse erkoren?
Ich bekam es mit der Angst zu tun.
Deshalb machte ich es mir zur Gewohnheit, Lisa heimlich in unbeobachteten Momenten etwas genauer unter die Lupe zu nehmen: sie war klein, unscheinbar, und ihr Kleidungsstil hatte sich trotz unserer aufopferungsvollen Bemühungen nicht zum Guten gewendet. Ausserdem war sie – aber hier stockte ich zum ersten mal, und ich sah meine dunklen Vorahnungen durch ein klassisches Indiz bestätigt: Sie war nämlich keineswegs dick, sondern zeigte in den wenigen Augenblicken, in denen man ihre ansonsten durch konsequent sackartige Kleidung gut verhüllte Figur zu Gesicht bekam, genau die Ausformungen und Rundungen, die bei Männern zu steigendem Hormonspiegel, glasigem Blick sowie weiteren bedrohlichen Zeichen von Kontrollverlust führen.
Was war hier zu tun? Ich wollte in diesem Fall – aufgrund meiner düsteren Vorahnungen – keinerlei Risiko eingehen, und beschloss, den Wahrheitsgehalt meiner Befürchtungen umgehend einer gründlichen Prüfung zu unterziehen: Während dem Duschen nach einer Sportstunde schoss ich heimlich ein Foto von Lisa und veröffentlichte dieses – selbstverständlich ohne dass man das Gesicht der darauf abgebildeten Person erkennen konnte – in der nächsten Ausgabe unserer Schülerzeitung, mit der an den männlichen Teil der Schülerschaft gerichteten Aufforderung, die körperlichen Vorzüge der abgebildeten Dame zu bewerten.
Zu meinem Erschrecken waren die eingehenden Urteile nicht nur durchweg positiv, sondern überschlugen sich geradezu vor Lobeshymnen und äußerten vor Allem den dringlichen Wunsch, des Namens der unbekannten Schönheit habhaft zu werden um sie umgehend zwecks näherer Begutachtung kontaktieren zu können. Dies führte dazu, das ich in den kommenden Tagen und Wochen zunehmend von Jungs umlagert wurde (was nichts Neues war), die sich nicht für mich, sondern für die geheimnisvolle Unbekannte auf dem Photo interessierten (was durchaus neu für mich war) – eine verhängnisvolle Verdrehung der gewohnten und liebgewonnen Verhältnisse zeichnete sich ab, und ich begann zu ahnen, das ich vielleicht einen Fehler begangen hatte.
Das Schicksal hatte mir eine geradezu teuflische Falle gestellt – durch den Versuch, ihm zu entgehen hatte ich meinen drohenden Untergang erst heraufbeschworen: Je mehr ich versuchte, Lisas Identität geheim zu halten und die Sache herunterzuspielen, desto grösser wurde das allgemeine öffentliche Interesse an ihr.
Zu allem Übel schien es so, als sei irgendetwas von der wahren Identität hinter dem Photo durchgesickert. Natürlich zeigte noch niemand offen Interesse für Lisa – so weit war es noch nicht gekommen – aber ich konnte nicht verhindern, dass das eine oder andere Gerücht entstand – zu bizarr natürlich, um ernstgenommen zu werden, aber auch gerade so beharrlich, dass sich um Lisa so etwas wie der mystische Hauch des Geheimnisvollen legte.
Das Unheil war angerichtet, ich konnte die Situation nicht mehr retten und beschloss, die Sache einstweilen auf sich beruhen zu lassen, in dem Glauben, das Gras über die Sache wachsen und alles wieder so werden würde, wie früher.
Ich sollte mich getäuscht haben.

II.
(Ein halbes Jahr später)


‚He, schaut mal da!‘
Ängstlich duckte ich mich, sie sollten mich nicht sehen.
‚Kennt ihr die noch? Ist sie nicht….‘
Das war mir genug, mehr wollte ich nicht hören – ich beschleunigte meine Schritte, bog um die nächste Ecke und drückte mich mit dem Rücken eng an die Hauswand. Dort verharrte ich einen bangen Moment, bis die Stimmen sich wieder entfernt hatten, und lief dann traurig und mit gesenktem Kopf weiter nach Hause.

Ja, die Dinge hatten sich geändert. Seit meinem missglückten Versuch, Lisa für alle Zeiten aufs soziale Abgleis zu stellen, war mein Stern zunehmend gesunken, während der ihre…
Es tut mir heute noch weh, über diese Zeit zu sprechen, deshalb beschränke ich meinen Bericht auf das unbedingt notwendige: Kurze Zeit, nachdem bekannt geworden war, wer sich wirklich hinter der jungen Frau auf dem Foto verbarg (woran ich leider nicht ganz unschuldig war, konnte ich doch die mir liebgewonnene Gewohnheit, Lisas Kleidungsstücke systematisch an die frische Luft zu befördern, einfach nicht aufgeben), begannen sich einige der wichtigsten Persönlichkeiten unserer Schule für Lisa zu interessieren. Und wie jeder Mensch, in dessen einstmals finsteres Leben ein Lichtstrahl dringt, der die Chance erhält, aus Einsamkeit und Spott zu entfliehen auf so etwas wie ein sicheres Stück Land im Meer der sozialen Ächtungen und Intrigen, griff sie fest nach dem ihr gereichten Strohhalm. Mit den ersten Verehrern, die sie – anfangs aus Schüchternheit – abwies, stellten sich die ersten Freundinnen ein, und der tägliche Spott gegen sie begann zu verstummen.
Und wie viele andere vor ihr in gleicher Situation gab auch sie sich nicht mit ihrem unverhofft gewonnen Glück zufrieden, sondern wollte mehr. Sie begann, die immer häufigeren Anfragen von netten und anständigen Jungs kategorisch abzulehnen, nicht mehr aus Schüchternheit oder mangelndem Interesse, sondern aus – ja, aus genau denselben Gründen, aus denen auch ich damals sämtliche Verehrer zurückgewiesen hatte (tief betroffen erkannte ich hier die grundsätzliche Schlechtigkeit des Menschen).

Währenddessen hatte sich mein eigenes Leben mehr und mehr in eine trostlose Wüste verwandelt. Im gleichen Masse, wie Lisas Popularität immer weiter stieg, wurde es um mich ruhig und still.
Es stimmt, dass die Menschen nichts mehr lieben, als einen Helden fallen und einen Star ins Gras beissen zu sehen: Nach einigen Monaten hatten sich auch meine treuesten Freundinnen von mir abgewand, und das einstmalige Interesse der Jungs an mir erschien mir fern wie eine Erinnerung an ein längst vergangenes, glücklicheres Leben.
Der Valentinstag kam und ging diesmal, ohne dass sich auch nur eine einzige Karte in meinen Briefkasten verirrte oder auch nur ein Blumenstrass schmachtend vor unser Haustür lag.
Ich verbrachte die meiste Zeit zu Hause mit Tobias, unserer Katze, mit deren von gesundheitlichem Leid gequälten Existenz ich jetzt eine gewisse Wesensverwandtschaft zu verspüren glaubte.

So ging einige Zeit ins Land, und ich versank mehr und mehr in meiner depressiven Düsternis. Zualledem würde meine Schulzeit demnächst abgeschlossen sein und es rückte die Zeit des Abschlussballs näher. Mein Leben hätte wohl ein düsteres Ende genommen, wenn ich nicht eines Tages einen Einfall gehabt hätte, der mir eine neue Hoffnung gab und mich zu dem Entschluss brachte, mich aus meiner selbstmitleidigen Traurigkeit aufzuraffen. In mir reifte ein teuflischer Plan, und ich beschloss, noch einmal alles auf eine Karte zu setzen.

III.

Mittwoch Nacht, 23:49–Drei Tage vor dem Ball

Leise und vorsichtig huschte ich über die einsame, verlassene Straße, während der Vollmond die nächtliche Szenerie in ein unheimliches, schummeriges Licht tauchte. Noch eine Straßenecke, dann würde ich mein Ziel erreicht haben. Ich war mir sicher, bisher hatte mich niemand gesehen.
Einen Moment später stand ich vor einer verschlossenen, unbeleucheten Glastüre, die den Hintereingang zum Sendestudio unserer örtlichen Radiostation bildete. Während ich mich ein letztes Mal umsah, um zu kontrollieren, dass die Straße auch wirklich leer und verlassen war, holte ich vorsichtig den zur Türe passenden Schlüssel hervor – wieso und warum er in meinen Besitz gelangt war, würde nie jemand erfahren, es handelte sich dabei um eine Episode aus dem, was ich mittlerweile als mein ‚früheres Leben‘ bezeichnete.
Ich schloss auf, trat ein und ging vorsichtig die Treppe zum Senderaum hinauf.

Donnerstag Nachmittag, 15:32 – Zwei Tage vor dem Ball

Entspannt und gelassen lag ich meinem Zimmer auf meinem Bett, Tobias, unsere Katze, ruhte friedlich schlafend auf meinem Bauch. Das Radio lief, und gleich würde sich zeigen, ob Phase I meines Plans erfolgreich verlaufen war. Grosse Sorgen machte ich mir nicht, ich wusste, das nichts schiefgehen konnte; zumindest in diesem Teil war mein Plan lückenlos.
Tobias machte für einen kurzen Moment die Augen auf und Streckte seine linke, gesunde Pfote in die Luft, um sich zu räkeln, danach schlief er weiter.
Eine Viertelstunde später wusste ich: Alles war gutgegangen, die Dinge würden sich so entwickeln,wie geplant.

Freitag Morgen, 10:15 – Ein Tag vor dem Ball

‚Hat jemand Lisa gesehen? Ich wüsste gerne…‘ – ‚Nein. Ich glaube auch nicht, dass sie sich noch traut…‘
Gut versteckt in einem Gebüsch in einer dunklen Ecke des Schulhofs, aber ausgerüstet mit einem Teleskopmikrophon, das ich praktischerweise bei meinem nächtlichen Besuch im Sendestudio erbeuten konnte, verfolgte ich interessiert die Pausengespräche meiner Mitschüler.
‚Ich hätte das nicht von ihr gedacht. Was Charles wohl jetzt…?‘
‚Na, mit ihr jedenfalls wohl nicht mehr, soviel steht fest!‘
Ich hatte genug gehört. Ich wartete noch, bis die Pause vorbei war und sich der Schulhof wieder geleert hatte. Dann verliess ich vorsichtig (offiziell lag ich heute mit einer schweren Grippe im Bett) mein Versteck und ging zufrieden nach Hause. Auch Phase II war gut verlaufen.

Samstag Nachmittag, 17:07 – vier Stunden vor dem Ball

Charles Montgomery III. befand sich in einer üblen, missmutigen Stimmung. Er steckte in Schwierigkeiten, und Schwierigkeiten war er nicht gewohnt.
Seit er mit seinen Eltern vor einigen Monaten hergezogen war, hatten sich die Dinge ganz nach seinem Geschmack entwickelt: Der gute Name seines Vaters, dessen Vermögen und sein eigenes sportliches Talent, das es ihm in der gerade abgeschlossenen Football-Saison ermöglicht hatte, das Finalendspiel (nachdem die bisherige Mannschaft bei einem Selbstmordatentat eines islamischen Sportfanatikers leider komplett ums Leben gekommen war) ganz alleine und gegen sämtliche Gegenspieler für sich zu entscheiden, hatten ihm schnell zu einer gehobenen Stellung unter seinen Mitschülern verholfen. Und gerade rechtzeitig zum Abschlussball hatte er es geschafft, sich mit Lisa, dem begehrtesten und bestaussehendsten Mädchen seiner Schule, zu verabreden.
Alles schien perfekt zu sein, doch jetzt gab es diese üblen Gerüchte, und Lisa meldete sich nicht.

Charles Montgomery III. steckte also in Schwierigkeiten und begann deshalb, angestrengt nachzudenken. Das brachte ihn ziemlich ins Schwitzen, denn auch Nachdenken war er nicht gewohnt.

Samstag Abend, 22:17 – Abschlussball

Der offizielle Teil war vorbei, die Party war eröffnet und schon seit geraumer Zeit bebte der grosse Saal unserer Schule von den Klängen der Schulband, die mit diesem Auftritt ihre grosse Stunde hatte. Auf der Tanzfläche schoben sich engumschlungen tanzende Pärchen hin und her, während einige traurig Übriggebliebene verzweifelt alleine vor sich hinzappelten.
Ich selbst war vor einer guten halben Stunde angekommen, und mein Auftritt war sorgfältig kalkuliert:
In wochenlanger, unermüdlicher Arbeit hatte ich aus heimlich mitgeschnitten Gesprächsfetzen ein Tonband erstellt, auf dem Lisa öffentlich eingestand, aus ihrem letzten Urlaub eine gefährliche, hochansteckende Tropenkrankheit eingeschleppt zu haben, die unglücklicherweise gerade in dieser Woche zum Ausbruch gekommen war. Der Gedanke an eine mögliche Gefährdung ihrer Mitschüler sei ihr zwar gekommen, doch habe sie ihn der Bequemlichkeit halber, und auch in Sorge um ihre gesellschaftliche Stellung, verworfen. Seit Bekanntwerden ihrer Zustandes dürfe sie selbstverständlich das Haus nicht mehr verlassen.
Dieses Band hatte ich gegen das eigentlich für den Donnerstag nachmittag vorgesehene ausgetauscht, und seit seiner Ausstrahlung war Lisa nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden.
Mit der Aufgabe, eine neue Partnerin für den Ball zu finden, war Charles – wie ich es mir gedacht hatte – überfordert. Sämtliche anderen interessanten Kandidatinnen waren bereits vergeben, so dass dieser Mann, der die Hauptrolle in den verschämten Tagträumen der guten Hälfte der Schülerinnen spielte, tatsächlich alleine und unbegleitet auf seinen Abschlussball gehen musste.
In den letzten Monaten hatte ich mein Äusseres stark vernachlässigt – das Bild, das sich ihm jetzt bot, nachdem ich an diesem Abend erfolgreich zu meinem früheren Stil zurückgekehrt war, würde er nicht mit der ungeliebten, ausgestoßenen Randfigur in Verbindung bringen, als die er mich kannte, und die er vermutlich sowieso nicht wahrgenommen hatte.
Ich ging auf ihn zu und wusste, er würde keinen nennenswerten Widerstand leisten.

Epilog

Sonntag Morgen, 2:17 – vor meiner Haustüre

‚Darling, der Abend mit Dir war wunderschön…‘
Seine Hand legte sich mir wie zufällig auf die Hüfte. Auf meinem Kopf saß noch die Krone, die mir am Ende des Abends von der diesjährigen Jury einstimmig überreicht worden war.
‚Auch Deine Augen sind – äh – wunderschön…‘
Jetzt tastete sich diese Hand langsam vor und strich mir zärtlich über die Wange – ich ahnte, was kommen würde.
Ein tiefes Glücksgefühl breitete sich in mir aus, sowie eine ungeduldige Vorfreude auf das, was mit Sicherheit gleich passieren würde.
Charles beugte sich ein wenig zu mir herunter, und in seinem treuen Hundeblick sah ich alles, wovon ich in den letzten dunklen Monaten vergeblich geträumt hatte.
‚Darling, möchtest Du vielleicht, dass wir beide, ich meine, Du und ich…‘
Und mit dem Wissen, das alles wieder in Ordnung war, und ich meinen rechtmässigen Platz im Leben wieder eingenommen hatte, lächelte ich ein wenig und sagte: ‚Nein.‘