Berlin 2006, Teil 3: Unter den Linden (nachts)

Hochbefriedigt verlasse ich den Bereich der Friedrichstrasse und nähere mich der Kreuzung “Unter den Linden”. Was mich treibt: die Suche nach einem Abendessen.
Vor mir sehe ich eine Menschentraube – Passanten, von spontaner Neugierde zusammengetrieben. Aus ihrer Mitte heraus ragt ein Mann: gross, kahlköpfig – charismatisch.
Ich komme näher und sehe: in einer Hand hält er eine Bratkelle, in der anderen eine Ketchupflasche – er verkauft Thüringer Bratwurst, das ist die Ursache für all die Menschen hier.
Für einen Moment bin ich versucht, mich ihnen anzuschliessen, dann beschliesse ich aber doch, weiterzugehen.
Ich biege also ab auf diese so geschichtsträchtige Straße (und hier kann ich meine neu erworbene Bildung an den Mann bringen – sie führt direkt zum Brandenburger Tor) und flaniere lässig an den sich vor mir auftuenden Restaurants und Cafés entlang. Ein Blick auf die Preise sagt mir – machbar, aber vielleicht..nunja.
Während ich also weiter gehe, fällt mir die Hintergrundmusik auf, die – gerade in der gehobeneren Klasse – natürlich von jedem Laden hier produziert wird,
Zuerst höre ich den üblichen Mix aus bekannter Schmuseklassik – zum Glück ist es mir hier ja sowieso zu teuer. Dann aber wird es interessant: an mein Ohr dringt ein futurischtisches Gemisch aus Wagnertuba, sphärischen Streichern und kontrapunktierendem Schlagzeug – das ganze ist allenfalls noch mit Gustav Mahler zu vergleichen. Neugierig nähere ich mich dem entsprechenden Lokal, werde aber enttäuscht – nicht nur ist die äussere Erscheinung eine eher biedere, auch die Preise entsprechen leider ziemlich genau denen des Vorgängers.
Eine zweckdienliche Erweiterung meines Wahrnehmungsfeldes macht allerdings schnell deutlich, warum: Die von mir vernommene Musik dringt keineswegs aus dem vor mir liegenden vornehmen Restaurant, sondern erfüllt vielmehr die ganze Straße, unterstützt von bunt flackernden Lichteffekten, die auf einer Strecke von ca. 100 Metern die erste Etage des Gebäudekomplexes ausfüllen.
Meine Verwirrung ist durch diese Erkenntnis nicht geringer geworden. Ich betrachte die Menschen auf der Straße, die in vornehme Anzüge gekleideten Angestellen der Nobelrestaurants – jeder geht hier unbeirrt seiner Tätigkeit nach, keiner verzieht eine Miene, niemand lässt sich etwas anmerken – Ok, denke auch ich, lassen wir die Sache auf sich beruhen und tun so, als ob das hier völlig normal wäre.
Dennoch beschliesse ich, diese Straße umgehend zu verlassen. Ich werde mein Abendessen in einer Pizzeria einnehmen, die mir empfohlen worden ist und die ich sowieso noch auf dem Programm stehen hatte – in der Karl-Marx-Straße, am anderen Ende der Stadt.

Um die durch den Weg dorthin zwangsläufig entstehende Zeitspanne zu überbrücken, entsinne ich mich des charismatischen Glatzkopfes mit seiner Thüringer Bratwurst.
Zehn Minuten später stehe ich in der Schlange, die in der seither verstrichenen Zeit nicht kleiner geworden ist, und schaue dem Glatzkopf bei seiner Arbeit zu. Plötzlich höre ich rechts von mir eine Stimme: “Auch nicht schön, diese Steherei hier, den ganzen Tag…”
Mein Blick fällt auf ein kleines, verhutzeltes Männchen. Offensichtlich ist er der Kopf des Unternehmens, den er kassiert das Geld von den Leuten, die in der Schlange stehen. Ich beeile mich, ihm ebenfalls zwei Euro für meine Bratwurst in die Hand zu drücken.
“Ein Stuhl wäre vielleicht gut…” sage ich – seine Augen haben kurz die Meinen getroffen, und ich sehe das Leid, das aus ihnen spricht.
Er denkt nach und zieht dann aus einem Berg Gerümpel eine etwa einen Meter hohe, leidlich stabil wirkende Plastikkiste heraus. Er setzt sich, und für einen Moment glaube ich in seinem Blick so etwas wie Erleichterung erkennen zu können.
Dann fährt er damit fort, das Geld von den Menschen in der Schlange zu kassieren – auf Abstand, von seiner Kiste aus: “Hier bitte bezahlen, ich kassiere”. Und zu mir gewandt fügt er hinzu:
“Ach wissen sie, ich muss sowieso neue Hüftgelenke haben, da nützt alles nichts…”
Ich möchte ihm antworten, aber gerade bin ich selbst an der Reihe. “Eine Bratwurst mit Brötchen” bringe ich hervor, während ich im Hintergrund wahrnehme, das jemand anders die Unterhaltung aufgegriffen hat und jetzt fortführt – die Stadt, die Bürokratie, und all das übrige.
“Senf oder Ketchup?” werde ich gefragt, und dann: “Senf ist alle.”
“Ketchup” sage ich, “kein Problem” – nehme dem großen kahlköpfigen Mann das Brötchen mit der Bratwurst aus der Hand und gehe gedankenverloren und glücklich weiter. Ich mag keinen Ketchup, aber wie könnte mich das jetzt stören – jetzt, wo es mir vielleicht gerade gelungen ist, einen kleinen, wenn auch unbedeutenden Teil zu der von mir so geliebten Lebenskultur dieser wunderbaren Stadt beigetragen zu haben.

Berlin 2006, Teil 2: Alexanderplatz

Auf dem Programm heute: der Fernsehturm, ein Zugeständnis ans klassische Sight-Seeing, und Gleichzeitig eine Huldigung meiner grenzenlosen Eitelkeit: Auf das es hoch über der Stadt throne, mein ich – am besten bei einer lässigen Currywurst im Telecafe.
Auf dem Weg dorthin kam mir die DGB-Demo in die Quere. Zum Teilnehmen fühlte ich mich zu uninformiert, zuschauen als quasi Demokratie-Tourie widersprach meinen moralischen Grundsätzen.
Auf meinem Umweg viele Polizeiwagen – am Ende war der Alexanderplatz gar abgesperrt? In meinem Kopf entstand folgender Dialog:
Polizist: He Sie, wo wollense denn hin?
Ich: Oh, entschuldigung, wollte nur mal so auf den Fernsehturm rauf. Warum?
P.: Da is‘ gesperrt heute: Demonstration von der DGB.
I.: Oh – ich bin nur Tourist, mit der Demo habe ich nichts zu tun.
P.: Watt soll’n jetz datt heesen – mit der Demo habense nichts zu tun? Is Ihnen datt allet ejal, oder watt?
I.: Nein, ich meine nur, dass…
P.: Wissense, bei Leuten wie Ihnen, da könnte ich echt das Kotzen kriegen, wissense? Die Leute nagen hier echt am Hungertuch, wa? Und da stehn Sie hier vor mir und sajen, datt jeht Sie allet nischt an – nee, ik wees nich. Also, Sie kommen hier heute nich reen, damit datt klar is. Gehen se ma wech, bevor ich unjemütlich werde!
Wie auch immer, der Platz war nicht gesperrt. Nach 8 Euro Eintritt und 1 Std, Warten trat ich erwartungsvoll (bzw. schon halb desillusioniert) aus dem Aufzug. Schade – die Aussichtsplattform war nicht im Freien, das Telecafe war voll. Nunja – Christian und das Sight-seeing; wie gut, das ich alleine Urlaub mache.
Wenn ich jetzt aber schonmal hier bin, werde ich auch sämtliche 360 Grad begutachten. Bedächtig und nur bedingt interessiert schritt ich die von kanonenrohrartig in Reih und Glied zwischen den Ansichtstafeln angeordneten Kindern umsäumten Fenster entlang.
Neben mir ein Gespräch:
‚Ja, dass. Dass ist jetzt wirklich schön. Ja, wirklich, schön ist das. Jetzt wirklich, das ist schön.‘
Himmel, denke ich, warum verdammt nochmal könnt ihr nicht selber und eigenständig denken – tut das weh oder was?!
Und dann:
‚Und kucke ma da, da hinten in dem Haus, das mit dem Fenster, da wohnt die Bärbel.‘
Wir befinden uns in 203m Höhe.
Jedenfalls, ich hatte meinen Spaß. der Tag war gerettet.
Und ein spontaner Ausbruch aus der Anonymität zum Schluss, im Fahrstuhl nach unten. Jemand fragt den Fahrstuhlführer: ‚Wieviel Fahrten machen sie denn so, pro Schicht?‘ – ‚So an die 150‘. Ein beeindrucktes Raunen geht durch die 8-Köpfige Menge. Ich betrachte den kleinen, netten, dicken und schon ergrauenden Mann, und frage: ‚Und wie lange dauert eine Schicht?‘ – ‚8 Stunden, wie normal‘ Er tut mir leid. ‚Und das ohne Stuhl?‘
Wieso lachen jetzt all diese Leute.
‚Äh, ich meine…‘
Ok, jetzt hattet auch ihr euren Spaß – 1:1.

Berlin 2006, Teil 1: Picasso

Heute ist der dritte Tag meines Urlaubs, Freitag. Ich werde einer Empfehlung folgen – Prenzlauer Berg, Kastanienallee.
Ich merke, mittlerweile fängt die Sache an, zu funktionieren. Ich habe hier meinen eigenen Rhythmus entwickelt, abseits vom etablierten Sight-Seeing, das mich nicht interessiert. Ich hangele mich die Straßen entlang, mittags von Bistro zu Bistro, abends von Kneipe zu Kneipe. Es ist ein Leben, das mir gefällt – fühle mich sehr präsent und zur gleichen Zeit nicht vorhanden – ich weiss nicht mehr, was ich heute Morgen gemacht habe.
Ich schaue mir die Fassaden an, die Straße, die Menschen – vor einer Kirche eine junge Frau, die einen Kinderwagen schiebt.
Mein Weg führt mich an einem Laden vorbei, eine Neueröffnung, ganz in grün. Ich schaue hinein und sehe junge, glückliche Gesichter, zusammen über eins dieser kleinen Labtops gebeugt, die man hier überall sieht. Ihre Profile, stolz und schön, sind einander zugewandt.
Ich möchte hineingehen und zu ihnen gehören, aber ich verstehe nicht einmal was sie dort verkaufen, in dem Laden. Nur was es nicht gibt, weiss ich, es steht draußen auf einem Schild: ‚Keine Kundentoiletten.‘ Daneben entdecke ich noch ein Schild – ‚Coffee to go‘ steht drauf – kann das alles sein?
Ein anderer Laden, ein anderes Schild: ‚Bitte achten Sie auf Ihre Wertsachen – auch hier gibt es Taschendiebe‘ – gut, dass ich das weiss. An der gegenüberliegenden Wand ein Portrait – Popeyes Freundin überlebensgross auf einer Pappwand, in ihrer Hand ein Maschinengewehr – ‚Nieder mit dem Kapitalismus!‘.
Ich schaue mir die Menschen an, und denke: Irgendetwas verbindet Euch alle hier, macht Euch gleich, und diese Gleichheit versetzt Euch in eine nur für Euch verständliche Schwingung, lässt Euch vibrieren, und auf diese Weise erschafft Ihr Euren eigenen Flow.
Läden entstehen und verschwinden wieder, manche von ihnen so bizarr, dass es sich eigenlich nur um Traumgespinste handeln kann. Eilig aufgestellte Plattenkartons gleichberechtigt neben Designermöbeln – Markenkleidung hinter abbruchsreifer Rolladenfassade.
Ich beobachte die Menschen, und merke, mir haftet ein Makel an, der Makel der Kleinstadt, könnte man sagen. Aber mir kommt ein anderes Wort in den Kopf: ‚Wohlbehütet‘.
Ich kehre zurück zu dem grünen Laden von vorhin – die Menschen mit ihrem Labtop sind verschwunden, der Laden liegt leer und verlassen vor mir. Vielleicht wird er morgen schon schliessen – und vielleicht wird es niemand bemerken.
Ich habe mir einen neuen Spruch überlegt: ‚Hallo, kannst Du mir sagen, woran der Held in meinem neuesten Text stirbt?‘ Der Text steckt griffbereit in meiner Tasche, falls ich ihn brauche.
Eine Frau spricht mich an, an der Ampel:
‚He, hast Du 30 Cent für mich?‘ Ich schaue sie an, sage ‚Nein‘ und gehe weiter. In ihren Augen habe ich ein Leuchten gesehen, das so wild und stark war, dass es meine Seele verbrannt hätte, wenn ich sie berührt hätte. Ich gehe weiter und wundere mich einen Moment lang über mich selbst. Sie hätte alles von mir haben können – alles, aber keine 30 Cent?
Plötzlich bekomme ich Angst – die Dunkelheit ist hereingebrochen, die Masken fallen. Man wird jetzt merken, das ich nicht hierhergehöre. ‚Wohlbehütet‘ – Ich sollte machen, dass ich von hier verschwinde.
In der U-Bahn sitzt mir eine junge Frau gegenüber, sie schient nur aus ihren grossen, leuchtend braunen Augen zu bestehen. Das, und das alte Kaugummi auf dem sie kaut. Natürliche Schönheit – Schönheit mit Resten abgeblätterter Farbe auf den Fingernägeln.
Ich betrachte mein eigenes Spiegelbild – meine Haare, bizarr geplättet von der Mütze, die ich den ganzen Tag getragen habe. Unglaublich, wie sehr man die wenigen Quadratzentimeter seines Gesichtes hassen kann.
Ich weiss, woran der Held in meiner Geschichte stirbt, ich habe sie ja selbst geschrieben – er stürzt sich zu Tode und stirbt den Tod eines Feiglings.

(einige Stunden später)

Kurz vor Ende des Konzerts verlasse ich das Lokal – es ist spät, und ich weiss nicht, wie lang die S-Bahn noch fährt. Durch das Fenster sehe ich noch einmal die Sängerin in ihrem schwarzen Abendkleid, sie verbeugt sich vor dem Publikum. Schwach kann ich durch die Scheibe den Applaus hören.
Mein Weg zur Station führt mich zurück auf diese Straße, eine andere, die, vor der man mich gewarnt hatte, und die mir bei Tageslicht so harmlos erschienen war – harmlos, aber interessant: Szenekneipen, Ramschläden – Subkultur.
Ich überdenke meinen Entschluss, jetzt schon nach Hause zu gehen – es ist Freitag Nacht, es wird schon irgendwie klappen.
Ich gehe also weiter, und dann sehe ich sie: Körper um Körper in einer langen Reihe, sauber abgemessene Parzellen im Raster der schon bekannten Kneipen und Läden. Aufgespritzt und abgeschnürt wirken sie eher wie Comicfiguren als wie lebendige weibliche Wesen – ihre Uniformität hat fast etwas militaristisches – ausgeschwärmte Dronen, Nachts auf Beutezug.
Unglaublich, das manche Männer auf so etwas stehen.
Ich passiere die erste von ihnen, schaue weg und es geht gut – nichts passiert, sie scheint mich nicht wahrzunehmen. Die zweite kommt auf mich zu, spricht mich an: ‚He, bleib doch mal stehen!‘ Und dann enttäuscht, in beinahe mädchenhaftem Ton: ‚Warum nicht?‘
Ich gehe weiter, aber für einen Moment bin ich aus dem Konzept gebracht: Ich finde sie nett.
Ich suche nach einer Kneipe für ein letztes Bier, bin unschlüssig und kann mich nicht entscheiden. Nach einer Weile gehe ich den gleichen Weg zurück, habe nichts gefunden – man kennt das.
Ich gehe zum zweiten Mal an ihr vorbei, sie erkennt mich wieder, und ruft: ‚Wieder nicht, Picasso?‘
Ich sage nichts, aber fange an zu grübeln: Picasso? Mein Jackett, das bunte Streifenhemd, die Mütze – Ok, warum nicht, Picasso.
Kurze Zeit später kann ich die allgegenwärtigen ‚Hallo’s und ‚Huhu’s nicht mehr zählen – es stört mich, ich antworte auch nicht mehr. Ich schaue in die Gesichter der Frauen und finde sie alt und hässlich.
Ich weiss immer noch nicht, wo ich mein letztes Bier trinken möchte – einen Döner habe ich mittlerweile gegessen, um Zeit zu gewinnen.
Ich beschliesse, das hier zu beenden, ich will nach Hause. Ich setze mich in den nächstbesten Laden, bestelle ein Bier, trinke es nur halb aus. Es gefällt mir hier nicht, ich gehe wieder.
Auf dem Rückweg das gleiche Spiel:
‚He, bleib doch mal stehen, wo willst Du denn noch hin so spät?‘ Ich bin zu müde, um mir eine gute Ausrede auszudenken. ‚Nach Hause‘ Ich weiss selber, wie schwach das klingt.
An der Treppe zur S-Bahn steht sie wieder, sie sieht mich an und sagt nur: ‚Ach, Picasso…‘

Einige Zeit später, ich habe auf die S-Bahn warten müssen, beginne ich mich zu entspannen. Die Welt wird ruhiger, überschaubarer. Klein, handlich, greifbar.
Ich sehe mich selbst in der dunklen Fensterscheibe, und denke:
‚Picasso?‘
Picasso.

17 Tage Amazonas



Lieber Leser,

der Du durch einen glücklichen Zufall in den Besitz dieser Zeilen gerätst – ich kenne Dich nicht, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden wir uns nie begegnen. Trotzdem möchte ich eine Bitte an Dich richten: Diese Flaschenpost enthält das wahrscheinlich einzige Zeugnis eines wagemutigen und gefährlichen Abenteuers. Einziges Zeugnis deshalb, weil diese Reise, so wie es jetzt aussieht, wahrscheinlich keiner von uns überleben wird.
Meine Bitte an Dich besteht nur hierin: Behalte diese Zeilen in Ehren, als die vermutlich einzige Erinnerung an die Geschichte einer Handvoll verzweifelter Männer und Frauen, die mit aller Kraft in widrigsten Umständen um ihr Überleben gekämpft haben.

Samstag, 5.August

Zeit – über den Begriff ‚Zeit‘ ist schon viel geschrieben worden, vielleicht zu viel.
Zeit rinnt einem durch die Finger, wenn man sie dringend nötig hat, und Zeit kann sich zu unüberwindlichen Längen ausdehnen, wenn man sich nichts sehnlicher wünscht als das: das sie vorbeigeht.

Über die Zeit machte auch ich mir Gedanken, als wir – eine kleine, verschworene Truppe von sieben Menschen – unseren Rückweg von einer gefahrvollen und risikoreichen Mission 250 km entfernt vom letzten, mittlerweile verlassenen Aussenposten der Armee im Amazonasgebiet antraten. Unsere Mission erfolgreich zu nennen wäre der blanke Hohn gewesen – ja, der Auftrag war erfüllt, und wir würden das Hauptquartier mit den so wichtigen strategischen Informationen versorgen können. Aber der Preis war hoch gewesen, viel zu hoch: vier von ursprünglich elf Teilnehmern waren ums Leben gekommen, und das bei einem Einsatz, der eigentlich unter der Kategorie ‚Routineauftrag‘ lief. Wobei Aufträge im Gebiet der Eingeborenen niemals Routine waren – es gab immer ein unkalkulierbares Risiko, und dieses mal war es eben schiefgegangen.
Wir waren entdeckt worden, drei volle Tage hatten wir gebraucht, um den wildgewordenen Stamm von unserer Fährte wieder abzuschütteln. Drei Tage Zeit, die uns jetzt bitter fehlten. 250 km lagen vor uns, wir hatten nur unsere Kanus, einige schlechte Gewehre und etwas Proviant. Und 17 Tage Zeit, nach denen wir am vereinbarten Treffpunkt angekommen sein mussten. 17 Tage, vielleicht 18, wenn der verantwortliche Offizier es mit den Vorschriften nicht so genau nahm und ein Auge zudrückte. Danach würde die Armee uns als Verlust abschreiben und uns unserem Schicksal überlassen.

Sonntag, 6.August

Seit dem frühen Morgen sind wir unterwegs, der Reihe nach in unseren unzuverlässigen, stellenweise halb verfaulten Kanus flussabwärts. Wir haben zuerst darüber nachgedacht, ob es nicht günstiger wäre, bei Nacht zu fahren, haben diese Idee aber nach einem kurzen Versuch gestern Nacht aufgeben müssen. Durch das dichte Laubdach des Dschungels drint nicht einmal der kleinste Schimmer Mondlicht, und unsere wenigen Petroleumvorräte sind zu kostbar, um sie auf diese Weise zu verschwenden.
Und wieder: Zeit. Zeit diesmal, die sich dahin streckt, die nicht vorbeigehen will und an unseren Nerven zehrt.
Es ist ruhig, eine geradezu gespenstische Stille herrscht, während wir den an dieser Stelle mittlerweile breiten Fluss entlang fahren, über dem noch die allmorgendliche Nebeldecke liegt, die uns vom gleissenden Sonnenlicht der Mittagsstunden abschneidet.
Kann es sein, dass wir die Eingeborenen wirklich abgeschüttelt haben? In dieser unwirklichen, verschleierten Welt scheint alles möglich zu sein; alles möglich, aber nichts sicher. Wir pirschen uns langsam vorran, ein aussenstehender Beobachter könnte in der beharrlichen Gleichmässigkeit unserer Ruderschläge so etwas wie Vertrauen und Zuversicht vermuten – aber der Schein trügt. Unser Atem geht unruhig und hektisch, und bei jedem Geräusch, das wir nicht kennen, zucken wir ängstlich zusammen.

Später am gleichen Tag, kurz vor Sonnenuntergang. Für heute haben wir unser Etappenziel erreicht, wider Erwarten hat es keinerlei verdächtige Vorkommnisse gegeben. Von den 250 km haben wir heute gut 20 zurückgelegt, zwei mehr als notwendig, um bei gleichbleibender Geschwindigkeit (und unter Berücksichtigung zweier eventueller Verlusttage) unser Ziel zu erreichen.
Am Ufer haben wir eine kleine Lichtung entdeckt, und gerade sitzen wir vor unserem sehr kleinen, vorsichtig angezündeten Lagerfeuer. Ich blicke in die Runde und sehe Erschöpfung und nach wie vor Angst in den Gesichtern, aber auch erste Spuren von Zuversicht – vielleicht haben wir ja doch eine Chance.
Wir nehmen ein karges Abendmahl ein und legen uns in unsere gut vertauten Kanus zum schlafen.
Mein letzter Gedanke vorm Einschlafen gilt der für Morgen geplanten Fahrtstrecke; mir fallen langsam die Augen zu, und ich höre das Trommeln nicht mehr, das jetzt leise einsetzt, um sich seinen langen Weg flussabwärts zu bahnen.

Montag, 7.August

Ein anstrengender Tag heute.
Nach dem Aufstehen in aller Frühe wieder die gleiche geisterhafte Prozession durch den Nebel – es ist merkwürdig, wie leicht sich Routine einstellt, selbst unter den widrigsten Umständen.
Gegen Mittag begann der Fluss dann allmählich zu versumpfen – das Wasser nahm eine grünliche, merkwürdig dunkle Farbe an, und immer häufiger ragten umgekippte Baumstämme aus dem Wasser, die unser Fortkommen zunehmend erschwerten.
Am frühen Nachmittag war es dann soweit: Nachdem wir uns schon seit einiger Zeit mit bestenfalls Schritttempo durch eine zähflüssige, sumpfige Brühe geschoben hatten, war Brancroft der Erste, der feststeckte. Ich musste aussteigen, und zu zweit haben wir sein Kanu dann in einen Bereich geschoben, der wieder genügend Fluss hatte, um befahrbar zu sein. Brancroft dankte mir meine Hilfe mit einem dünnen Lächeln und einem durch die Zähne geflüsterten “kay‘, aber hinter seinen Augen meinte ich düstere Wolken zu sehen. In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal klar, das Brancroft uns noch Schwierigkeiten bereiten würde.
Die nächste, die feststeckte, war Laura, dann kamen Smith, Wilson und schließlich ich selbst. Die Strecken, die wir gehen mussten, wurden immer länger; am Schluss mussten wir alle sieben Kanus Meter für Meter durch ein Labyrinth aus Ästen und Baumstämmen schleusen. Smith rutschte dabei mit dem linken Fuss von einem glitschigen Baumstamm ab und zog sich eine böse Schürfwunde am Schienbein zu.

Seit einigen Stunden geht es jetzt besser, und wir machen wieder ordentlich Fahrt. Wir beschliessen, heute – unter Zuhilfenahme unseres Petroleumvorrats und unserer Lampen – zwei Stunden länger zu fahren, um das Etappenziel noch zu erreichen.

Wieder lagern wir auf einer kleinen Lichtung. Diese ist etwas höher gelegen als der Fluss und wird an drei Seiten von Felsen abgeschlossen. Heute können wir es riskieren, an Land zu schlafen.
Ich sitze mit Laura, Smith und den beiden Anderen eng an die Felswand gedrückt, die noch Reste der Mittagshitze verströmt, und wir planen die Route für Morgen.
Brancroft und Wilson halten sich abseits. Man hört sie flüstern, und ich sehe, wie Brancroft heftig gestikulierend auf Wilson einredet.
Später gesellen sie sich zu uns, und es scheint alles in Ordnung zu sein – aber ich beginne, mir Sorgen zu machen. Meine Führung über die Gruppe ist durch keinerlei Rangunterschied legitimiert, sondern hat sich während der Zeit unser Zusammenarbeit von selbst ergeben, wofür ich in erster Linie meinen bei Weitem grössten Erfahrungsschatz, was diese Art von Expeditionen angeht, verantwortlich mache.

Im Grunde ist es mir gleich, wer die Entscheidungen trifft, solange wir als Gruppe reaktions- und handlungsfähig bleiben. Und zwar schnell, im Ernstfall ohne überflüssige Diskussionen.
Ich lege meinen Kopf auf den Rucksack, der mir als Kopfkissen dient, und schaue nachdenklich zum sternenbedeckten Himmel hinauf, während Laura, die schon eingeschlafen ist, ihren Kopf an meine Schulter gelehnt hat. Was wird er uns bringen, der nächste Tag, frage ich mich…?

Dienstag, 8.August

Nur mit grosser Mühe gelingt es mir, diese Zeilen niederzuschreiben.
Während ich den Stift langsam über das fleckige, zerknitterte Papier bewege, von dem ich seit Beginn der Expedition einen kleinen Vorrat in der Innentasche meiner Jacke trage, werde ich regelmäßig von heftigen, schmerzhaften Krämpfen geschüttelt,
Unsere Fahrt war an diesem Tag gut vorran gegangen, bis wir zur Zeit der grössten Mittagshitze in einen sumpfigen, stinkenden Teil des Flusses vorgedrungen waren.
Der Schweiss lief uns in dicken, penetranten Strömen von Gesicht, Armen und Beinen, trotzdem vermieden wir es, zu viel von unserer Kleidung abzulegen. Grund hierfür war das an dieser Stelle des Flusses in unvorstellbaren Massen auftretende Ungeziefer, das nach kurzer Zeit jeden freien Quadratzentimeter unserer Haut bedeckte.
Auch wenn wir weiterhin gut Strecke machten, zehrte das fortwährende Stechen und Zwicken an den Nerven – die Stimmung war gereitzt, und sie wurde nicht besser, als wir gegen Abend feststellen mussten, das unsere Trinkwasservorräte aufgebraucht waren.
Prinzipiell ist das Wasser des Amazonas trinkbar, da es sich – wie bei sämtlichen Flüssen – um Süßwasser handelt. Da seine Verschmutzung aber streckenweise die Grenze gesundheitlicher Unbedenklichkeit deutlich überschreitet, führen wir immer einen kleinen Vorrat an (mehr oder weniger) unbedenklichem Wasser mit, den wir dann bei Gelegenheit auffüllen.
Das Auffüllen wäre meine Aufgabe gewesen, gestern hätte es gute Gelegenheiten gegeben, aber ich hatte sie nicht genutzt. Die Misere, in der wir uns befanden, war einzig und allein meine Schuld.

Da wir auf jeden Fall irgend etwas trinken mussten, blieb uns nichts anderes übrig, als das Risiko einzugehen und – nachdem wir es Liter für Liter abgekocht hatten, was uns Zeit und wiedereinmal etwas von unserem kostbaren Petroleumvorrat kostete – das sumpfige, von Insektenlarven durchtränkte Wasser zu uns zu nehmen.

Wir liegen jetzt gut vertaut an einer etwas zurückgelegenen, leidlich geschützten Stelle des Flusses und bereiten uns auf die Nacht vor. Während jeder mit den notwendigen Vorbereitungen für die Nacht, dem Anbinden der Kanus und Aufspannen unserer provisorischen Moskitonetze, beschäftigt ist, spricht niemand ein Wort, aber die Anklage in den Blicken der Anderen ist nicht zu übersehen.
Später, als alles an Ort und Stelle ist und die Zeit der Nachtruhe beginnt (und ich als letzte Handlung dieses missglückten Tages an meinen Aufzeichnungen sowie der Route für Morgen arbeite) bemerke ich ungewohnt viele, unruhige Bewegungen bei den Kanus der Anderen – offensichtlich leiden sie unter den gleichen merkwürdigen Krämpfen wie ich …

Ich bete, dass wir alle die Nacht überleben, und unsere Reise nicht schon hier ein vorzeitiges Ende findet…



Mittwoch, 9.August

Es ist mir wichtig, diesen Bericht vollständig zu halten, deshalb zuerst ein positiver Eintrag: wir haben Glück gehabt, keiner scheint sich ernsthaft vergiftet zu haben. Wie ich vermutet habe, hatten die meisten von uns in der Nacht mit Magenkrämpfen und Übelkeit zu kämpfen, aber heute Morgen fühlen wir uns alle gesund und den Umständen entsprechend gut ausgeruht. Ich schaue jedem der Reihe nach in die Augen, kann aber nirgendwo den für beginnende Krankheit so typischen fiebrigen, abwesenden Blick finden.
Wir setzen unsere Fahrt fort und haben bis zum Mittag bereits etwa acht Kilometer zurückgelegt, was die allgemeine Stimmung deutlich verbessert,
Das Problem taucht irgendwann am frühen Nachmittag auf, als der Fluss sich in zwei Hauptarme teilt, wohingegen auf der Karte keinerlei Abzweigung verzeichnet ist.
Das die Karte lückenhaft und teilweise schlichtweg falsch ist, war uns allen schon bekannt, derartige Unstimmigkeiten hat es schon öfters gegeben. Bisher ist es nie zu Streitigkeiten gekommen, was die Wahl der geeigneten Route angeht, aber meine Autorität, die sich wie gesagt nur auf meinen Erfahrungsvorsprung stützt, hat seit dem gestrigen Disaster offenbar erheblich an Rückhalt verloren.
Ich merke das, als Brancroft offenkundig Anstalten macht, dem rechten Flussarm zu folgen, obwohl ich mich einen Moment vorher deutlich für den linken entschieden habe.
Der rechte Arm scheint aufgrund seines klareren Wassers und vor allem seiner weitaus höheren Fließgeschwindigkeit auf den ersten Blick sicherlich die bessere Alternative zu sein, aber ich habe in leidvollen Erfahrungen gelernt, solchen vermeintlichen Abkürzungen zu misstrauen: eine zu hohe Fließgeschwindigkeit lässt – wenn der Parallelarm nicht steht, was hier deutlich nicht der Fall ist – auf einen sehr unruhigen Stromverlauf schliessen, in neun von zehn Fällen verursacht durch einen Wasserfall, Ein Risiko, das wir trotz oder gerade wegen unseres Zeitdrucks nicht eingehen können, zumal das Umgehen eines Wasserfalls in diesem völlig unerschlossenen Gebiet ein völlig unabwägbares Potential an Verletzungsgefahr und Zeitverlust bietet.
All dies versuche ich Brancroft in der folgenden Besprechung zu erklären, aber – wie erwartet – lässt er sich nicht umstimmen. Am Ende stellen sich Graham Smith, der mit seiner immer noch problematischen Beinverletzung kein Risiko eingehen möchte, Thomas Garrison, Clara Fenton und Laura auf meine Seite, während Pete Wilson es vorzieht, zusammen mit Brancroft dem rechten Flussarm zu folgen.
Eine Trennung der Gruppe ist – bezüglich unserer Ausrüstung – problemlos möglich, jedes Kanu ist prinzipiell eigenständig und eine Kopie der Karte sowie ein zweiter Kompass sind vorhanden.
Erstaunlich schnell geht die Trennung dann auch vonstatten, ich vermute, das Brancroft und Wilson die Flussgabelung nur als Vorwandt für eine Trennung genommen haben, die sie schon an unserem zweiten Abend geplant hatten.

Während die anderen in ihren Kanus liegen und schlafen, sitze ich am Ufer und schaue den Fluss hinab, der im schwachen Mondlicht gerade noch zu erkennen ist.
Meine Anwesenheit hier, ungeschützt und so spät am Abend, ist im nachtaktiven Dschungel nicht ganz ungefährlich, aber das nehme ich in Kauf – ich brauche den Abstand, ich muss nachdenken. Ich mache mir heftige Vorwürfe wegen des Vorfalls heute nachmittag. Zum einen weiss ich, dass der Flussarm, den Brancroft und Wilson eingeschlagen haben, nicht befahrbar ist – die beiden müssten schon grosses Glück haben, wenn es ihnen gelingen sollte, ihren Weg ohne allzu großen Zeitverlust fortzusetzen. Ausserdem sind sie nur zu zweit und haben schon deshalb in dieser lebensfeindlichen Hölle kaum eine Überlebenschance.
Als – wenn auch inoffizieller – Anführer bin ich für alle Mitglieder meiner Gruppe verantwortlich; sicherlich habe ich probiert, den beiden die Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens klarzumachen, aber habe ich auch wirklich alles versucht? Oder war es mir nicht im Grunde sogar lieber, zwei potentielle Unruhestifter und Störenfriede loszuwerden?
Zum anderen sind da die restlichen Vier – wie mag die Trennung auf sie gewirkt haben, auf ihr Vertrauen in unsere Flucht, unseren Zusammenhalt als Gemeinschaft und auf mich als ihren Anführer?
Begleitet vom leisen Rauschen des Flusses beginnen sich meine Gedanken mehr und mehr auf düsteren Pfaden zu bewegen, als ich an einem der Kanus eine Bewegung zu sehen glaube. Eine Augenblick später höre ich Fussstapfen im Wasser, und eine Gestalt taucht neben mir auf.
Es ist Laura – wir sehen uns einen Moment lang wortlos an, dann streckt sie ihre Hand nach mir aus, wir schliessen einander in die Arme, und für einen kurzen Moment scheint mir die Welt weniger grau und hoffnungslos zu sein.

Donnerstag, 10.August

Wieder befinden wir uns auf dem Fluss, die Reihe ist kürzer geworden, seit gestern fehlen zwei von uns.
Wie bereits am letzten Abend redet keiner von uns wirklich über das Vorgefallene, merkwürdigerweise ist die Stimmung erfreulich unbelastet und gelassen – vielleicht haben wir alle insgeheim beschlosssen, zu versuchen, dem ganzen etwas positives abzugewinnen: immerhin ist ein Konflikt, der tagelang in der Luft gelegen hat, nun aufgelöst.
Während wir gleichmässig Ruderschlag um Ruderschlag aneinanderreihen, beginnt sich der Morgennebel langsam zu lichten, und das Sonnenlicht bricht sich in dem von vereinzelt im Fluss liegenden Steinen hoch aufschäumenden Wasser.
Wegen der starken Strömung geht unsere Fahrt gut vorran – ich schaue in meine Aufzeichnungen und stelle fest, dass wir, wenn keine unvorhergesehenen Ereignisse eintreten, bereits einige Kilometer über unserer Zeitplanung liegen.
Später stossen wir in ruhigere, fischreiche Teile des Flusses vor, und da unsere Vorräte langsam zu Ende gehen, beschliessen wir, ein oder zwei Stunden Pause zu machen, unsere Netze aufzuspannen und Fische zu fangen.
Wir verteilen uns so auf dem Fluss, das jeweils am linken und rechten Ufer ein Kanu steht, das drei Netze zu den drei im Abstand von einigen Metern auf der Länge des Flusses verteilten Kanus spannt.
Während der nun folgenden Wartezeit geht jeder von uns seinen Gedanken nach, wir alle sind dankbar für diesen ersten friedlichen Moment seit Langem. Zum ersten Mal wird mir die unglaubliche, wilde Schönheit der Natur bewusst, in deren Mitte ich mich befinde.
Die links und rechts am Flussufer hoch aufragenden Bäume scheinen mir wie eine schützende Umarmung, und mein Blick verliert sich in den endlosen Tiefen der Baumkronen. Nach kurzer Zeit kann ich Unterschiede und Details in dem erkennen, was mir bisher nur ein endloses, bedrohliches Dunkel zu sein schien. Ich sehe ein kleines Pavianpärchen, das verliebt zwischen den Ästen heurmtollt, während eine kleine Gruppe gelb-roter Papageien sich offensichtlich gestört fühlt und den beiden Eindringlingen hinterherkräht. Mein Blick wandert weiter, die grün bewachsenen Stämme hinab, in denen ich die Wohnung einer kleinen Familie rot-brauner, eichhörnchenähnlicher Tiere mit grossen, buschigen Schwänzen entdecke, zum Flussufer, das mit allen Arten von Sträuchern und Blumen, die mit aberwitzig bunten, wagemutig geformten Blüten geschmückt sind, bedeckt ist, hin zu dem Netz, das ich seit etwa einer halben Stunde selbstvergessen in meiner Hand halte.

Dort finde ich einen kleinen, bunten Fisch mit einer etwas lädierten Schwanzflosse, der verdutzt und ungläubig die Grenzen seiner Gefangenschaft erkundet und wieder und wieder gegen die Maschen des Netzes stösst.
Ich schaue mich nach den anderen Kanus um, und als ich sicher bin, dass mich niemand beobachtet, nehme ich den kleinen Fisch mit etwas Wasser in meine Hand und schenke ihm die Freiheit.

Freitag, 11.August

Es ist, als ob der Amazonas uns bestrafen will für den unproblematischen, friedlichen Tag, den wir gestern hatten.
Zum erstenmal gibt es konstitutionelle Probleme in unserer Gruppe: Schon vorm Ablegen am Morgen beklagt sich Clara Fenton über heftige Schmerzen in der Schulter, im Laufe des Tages kommen wir nicht umhin, das Tempo etwas zu drosseln. Als Einzelereignis mag dies unproblematisch sein, aber auf Dauer müssen wir auf unser bisheriges, in der Tat hohes Tempo bestehen. Wir sind jetzt fast eine Woche unterwegs, und die Zeit beginnt, uns davon zu laufen. Auch Smith macht heute einen erschöpften, abgekämpften Eindruck, sagt aber nichts, und ich frage nicht nach.
Aber nicht nur die Gruppe scheint mit den Strapazen unserer Reise zu kämpfen – auch an unserer Ausrüstung zeigen sich die ersten Schwachstellen:
Während der Flusslauf gestern offen und leicht zu befahren war, sind wir heute wieder in dunklere, langsam fliessende Bereiche vorgedrungen, die von weit über das Ufer hinausragenden Baumkronen fast völlig vom Tageslicht abgeschnitten sind.
Schlimmer ist, das wir zum ersten Mal mit der wohl grössten Gefahr konfrontiert werden, die uns auf diesem Fluss begegnen kann: Krokodile, die träge im Wasser liegen und, im dämmrigen Halbdunkel kaum von einem Baumstamm zu unterscheiden, auf wehrlose Beute lauern.
Die Grösse und Höhe unserer Kanus macht uns gegen einen direkten Angriff mehr oder weniger unempfindlich, aber der Zustand dieser Kanus ist, wie wir schon direkt zu Anfang feststellen mussten, mehr als bedenklich. Im letzten Moment können wir heute verhindern, das Grahams Kanu nach einer kurzen Rast mir nichts, dir nichts ohne Vorwarnung schlichtweg absäuft. Wäre das Leck während der Fahrt entstanden, in einem unsicheren Gewässer wie dem, durch das wir heute fahren, hätte er keine Chance gegen das unverhoffte, blitzartige Zuschnappen eines der Krokodile gehabt.

Am Abend legen wir uns ohne weitere Gespräche schlafen. Verschwommen nehme ich ein krabbelndes Etwas an meinem rechten Bein war, gefolgt von einem kurzen, unangenehmen Stechen, aber ich habe nicht mehr die Kraft, noch darauf zu reagieren.
Ich schlafe ein, und während ich mich in meinem engen unbequemen Kanu unruhig hin- und herwälze, werde ich von zunehmend düsteren, fiebrigen Träumen heimgesucht.

Samstag, 8.August

Ich merke schon beim Aufstehen, dass etwas nicht stimmt. Mein Kopf schmerzt, und als ich mich aufrichte, stellt sich ein ungutes Schwindelgefühl ein. Ich erinnere mich an das krabbelnde Stechen gestern Nacht und untersuche – viel zu spät – mein rechtes Bein. Zwei dunkelrot gefärbte Einstiche an der Innenseite meiner Wade, und nach kurzem Suchen finde ich auch den entsprechenden zerdrückten Skorpion dazu. Ein roter, von der nur hier im Amazonasgebiet vorkommenden Sorte. Ein Biss wirkt unter normalen Umständen tödlich, allerdings befindet sich in unserer kleinen Reiseapotheke das entsprechende Gegenmittel. Ich öffne die kleine braune Tasche, und reibe, nachdem ich einen schrecklichen Augenblick lang glaube, das entsprechende Fläschchen wäre bei Brancroft und Wilson gelandet, die rötliche Flüssigkeit auf die Wunde, die sich gottseidank noch nicht geschlossen hat – dann nämlich wäre es zu spät gewesen, das Mittel sollte eigentlich spätestens drei Stunden nach dem Biss angewendet werden. Ich kann nur hoffen, dass es jetzt noch anschlägt.

Unser Weg führt uns weiter durch düstere, von Baumkronen zugewachsene Abschnitte des Flusses. Nach wie vor müssen wir auf Clara Rücksicht nehmen, deren Schulter zwar besser geworden ist, aber immer noch Schwierigkeiten macht. Heute bin ich froh darüber – von meiner Vergiftung habe ich den Anderen noch nichts erzählt, aber jeder Ruderschlag treibt mir den Schweiss auf die Stirn, und mir treten schwarze Flecken vor die Augen.

Gegen Mittag gelangen wir an die Mündung eines Nebenflusses – es ist der Flussarm, den Brancroft und Wilson genommen haben, als sie sich vor drei Tagen von unserer Gruppe getrennt haben. Es gibt eine kurze Diskussion, ob es unsere Kameradschaft erfordern würde, nach einem Zeichen zu suche, dass die Beiden vielleicht für uns hinterlassen haben, oder, falls wir nichts entsprechendes finden, wenigstens bis zum Ende des Tages warten.
Die Diskussion ist schnell beendet, als Laura eine Entdeckung macht, die uns das Blut in den Adern gefrieren lässt und unserer Reise von jetzt an wieder den Charakter einer verzweifelten Flucht geben wird: In einer aus dem Wasser ragenden Baumwurzel hängen die Leichen von Brancroft und Wilson, beziehungsweise das, was die als Kopfjäger bekannten Eingeborenen des Amazonasgebiets von ihnen übriggelassen haben: zwei verstümmelte, von Pyranjas angefressene Körper, deren Identität wir leider nur noch an einigen blutigen Kleidungsresten feststellen können.

Den Rest des Tages rudern wir schweigend, wie überhaupt während dieser Reise nur sehr wenig Worte gewechselt werden. Unser Tempo ist aber auch ohne das irgendeine Absprache nötig gewesen wäre ungleich höher als am Morgen, und wieder stellt sich eine nervöse Angst ein, die uns bis in die Nacht hinein begleitet.
Während ich in meinem Kanu liege und auf den Schlaf warte, spüre ich sehr deutlich das Gift, das mir noch immer durch die Adern rinnt – es denkt noch nicht daran, sich geschlagen zu geben und lässt meinen Puls rasen, versorgt meinen Magen mit wilden Krämpfen und schickt meinen Geist auf eine wilde, blutige Fieberreise, von der es vor dem Morgengrauen keine Wiederkehr geben wird.

Sonntag, 13.August

(Es ist dunkel, das einzige Licht kommt vom Vollmond, der fast ganz von schweren Wolken verdeckt ist. Ich weiss nicht, warum wir plötzlich bei Nacht fahren. Ich weiss nur, dass ich schreckliche Angst habe, und dass ich so schnell rudere wie noch nie zuvor in meinem Leben. Es ist merkwürdig – mit mir zusammen im Boot sitzt Laura, sie klammert sich an mich, kann mir aber beim Rudern nicht helfen – wir haben nur das eine Paddel, das fest in meiner Hand liegt und wie ein scharfes Messer wieder und wieder das schwarze Wasser durchteilt.
Hinter uns ist jemand, ich merke, das er näher kommt, ich versuche, das Tempo noch zu erhöhen, aber es gelingt mir nicht. Weil ich so angestrengt auf mein Paddel starre, sehe ich den grossen, kantigen Felsblock nicht, der vor uns aus dem Wasser ragt – mit einem lauten, berstenden Geräusch zerbricht unser Kanu, Laura und ich fallen ins Wasser.
Ich weiss plötzlich, Laura wird hier nicht schwimmen können, ich versuche, ihr die Hand zu reichen, aber ich komme zu spät. Sie wirft mir einen entsetzten Blick zu und versinkt langsam im Fluss, der hier sehr tief ist.
Währenddessen hat unser Verfolger uns eingeholt, ich drehe mich um und sehe Brancroft. Brancroft, der in einem mit den Farben der Eingeborenen bemalten Boot sitzt und mich hämisch anlacht. Ich versuche zu fliehen, aber natürlich habe ich keine Chance – er hebt sein Paddel aus dem Wasser, holt aus und schlägt mir mit einer einzigen lässigen Bewegung den Kopf ab.)

Das Erste, was ich wahrnehme, ist der pochende Schmerz, der irgendwo in meinem Kopf anfängt und sich rücksichtslos bis in jeden einzelnen Finger fortpflanzt. Gleich darauf stellt sich ein brennender Durst ein, und ich versuche mich aufzusetzen, um etwas zu trinken. Bei dieser Bewegung explodiert der Schmerz in meiner Brust – eine Welle unerträglicher Übelkeit überrollt mich, und mir schwinden die Sinne.

Dieses Mal geht es mir ein klein wenig besser, ich kann die Augen öffnen und sehe ein Gesicht über mir – es ist Laura, die mir den Schweiss von der Stirn wischt und mir in kleinen Schlucken Wasser einflößt. Ich spüre mit einem Male eine unbeschreibliche Müdigkeit in mir aufsteigen und schliesse die Augen wieder.
Zwei Dinge gehen mir durch den Kopf, bevor ich einschlafe: die Feststellung, dass sich unser Kanu in voller Fahrt befindet, und das leise, durchdringende Trommeln, das in der Luft liegt und vom Rauschen des Flusses nur unzureichend übertönt wird.

Montag, 14.August

Es scheint, als hätte ich noch einmal Glück gehabt – schon gestern Abend bin ich noch mal für eine gute halbe Stunde wach gewesen und habe mich zwar schwach und elend, aber doch deutlich auf dem Weg der Besserung gefühlt – das Gegenmittel hatte endlich begonnen, seine Wirkung zu tun.
Zu diesem Zeitpunkt lagen wir mit unseren Kanus den Umständen entsprechend gut versteckt in einer kleinen, von grossblättrigen, grünen Stauden verdeckten Flussnische. Das Trommeln hatte aufgehört, und da wir irgendwann Rast machen mussten, hatte Garrison, der während meiner Bewusstlosigkiet die Führung übernommen hatte, sich für diesen Platz entschieden.
Ich ließ mich von Laura, die kurz nach meinem Aufwachen kam, um nach mir zu sehen, in die Ereignisse des Tages einweihen und versuchte dann, wieder zu schlafen. Nicht ohne die Erleichterung zu bemerken, die ihr deutlich ins Gesicht geschrieben stand, als sie mich wach und bei Bewusstsein antraf.

Seit dem Aufwachen heute morgen bin ich wieder grösstenteils einsatzfähig. Ich nutze die Gelegenheit um eine kurze Bilanz der ersten neun Tage unserer Reise zu ziehen: Wir haben bisher 141 km zurückgelegt, was einem Tagesdurchschnitt von etwas mehr als 15 km entspricht, womit wir nur wenig unter unseren Vorgaben liegen. Wir haben zwei Mann verloren, und die Eingeborenen haben unsere Spur ganz offensichtlich wiedergefunden. Claras Schulter ist – auch bedingt durch das etwas langsamere Tempo der letzten Tage – wieder voll belastbar.

Das Trommeln ist seit gestern Nachmittag verstummt, aber sowieso bleibt uns keine andere Möglichkeit, als unsere Fahrt wie bisher fortzusetzen und den Angriff der Eingeborenen, wann und in welcher Form er auch immer kommen wird, abzuwarten. Es gibt keinen anderen Weg als den über den Fluss, und dort befinden wir uns schutzlos und angreifbar wie auf einem Präsentierteller – es beruhigt unsere Nerven nicht gerade, das zu wissen, aber wir haben keine Wahl.
Als gegen Mittag das Trommeln wieder einsetzt, nimmt kaum jemand von uns wirklich Notiz davon – was für ein seltsames Spiel es auch ist, das die Eingeborenen hier mit uns spielen, was sie mit dieser nervenaufreibenden Hetzjagd bezwecken, mit der sie uns über den Fluss jagen – wir wissen es nicht, können es nicht wissen und setzen ihnen die einzigen Waffen entgegen, die uns in unserer momentanen Situation zur Verfügung stehen: unsere Ausdauer und unseren Überlebenswillen.
Am Abend machen wir an einem ähnlich gelegenen Stelle Rast wie gestern, nicht ohne zu wissen, dass es den Eingeborenen ein leichtes sein muss, uns zu finden, wenn sie es wirklich wollen.
Mit der Zeit beginnen auch permanente Angst und Anspannung zur Normalität zu werden – ich lege mich schlafen, nicht ohne mich – bevor ich diese Zielen zu Papier bringe – bei Laura zu bedanken, die sich gestern um mich gekümmert hat, und Smith, der währenddessen die Last von zwei, zeitweise sogar drei Kanus bewältigt hat.

Dienstag, 15.August

Garrison ist tot.
Das Leck in seinem Kanu, das wir vor ein paar Tagen geflickt haben – offenbar zu notdürftig – muss heute Nacht in den frühen Morgenstunden wieder aufgebrochen sein.
Mehrere von uns haben eine Reihe von knarzenden Geräuschen gehört, gefolgt von einem lauten Splittern.
Die Einzelteile von Garrisons Boot schwimmen verteilt auf eine Fläche von mehreren Quadratmetern auf der Wasseroberfläche, von ihm selber ist nichts zu sehen.
Die Krokodile sind schon seit einiger Zeit unsere stillen, ständigen Begleiter gewesen, bis heute hatten sie sich aber friedlich verhalten – heute haben sie bei der ersten Chance, die sich ihnen bot, zugeschlagen.
Unsere Reise hat jetzt also ihr drittes Opfer gefordert – völlig unerwartet hat sich unserer Zahl auf vier reduziert, uns bleibt nichts anderes, als unseren Weg fortzusetzen und zu hoffen, dass wenigstens ein paar von uns überleben.
Sobald wir uns ein wenig von unserem Schock erholt haben, brechen wir auf, kommen heute aber kaum vorran – der Fluss steht an dieser Stelle beinahe vollständig, und wir haben soviel Gegenwind, das unsere Kanus zeitweise quasi still zu stehen scheinen.
Als wir spät am Abend schließlich anlegen, keine sechs Kilometer von unserem Ausgangsort entfernt, sind wir zu erschöpft, um noch groß zu reden und legen uns sofort schlafen.

Mittwoch, 16.August

Heute ist schon Mittwoch – laut den Aufzeichnungen haben wir noch fast 100 km vor uns, und noch sechs Tage Zeit – fünf eigentlich, da wir nicht wissen, wie lange man am Camp auf uns warten wird, Langsam macht sich Nervosität breit – eine Etappe wie gestern darf jetzt nicht mehr vorkommen.
Dementsprechend verbissen legen wir am Morgen nach Garrisons Tod von unserem mehr schlecht als recht geschützten Versteck ab – wir sind in dieser Nacht an Land gegangen, keiner hat jetzt noch den Mut, die Nacht im Kanu auf dem Wasser zu verbringen.
Zu unserer Erleichterung hat sich der Wind, der uns gestern so zu schaffen gemacht hat (und zur mit Abstand kürzesten Etappe unserer Reise gefühlt hat), vollständig gelegt. Das Wasser liegt spiegelglatt vor uns, eine leichte Strömung unterstützt unsere Fahrt flussabwärts.
Während ich in meinem Kanu sitze und einen Ruderschlag an den anderen Reihe, nehme ich mir etwas Zeit, die drei neben mir noch verbliebenen Gruppenmitglieder zu betrachten:
Vorne fährt Smith, der mit unbeirrbarem Gleichmut sein Kanu vorwärtstreibt. Sein Gesicht ist starr wie eine Maske und lässt erst auf den zweiten Blick die Anspannung und die tiefe Erschöpfung, die die letzten Tage bei ihm hinterlassen haben, erahnen. Ich sehe, wie er ab und zu für einen kurzen Moment die Augen schliesst, nur um gleich darauf genauso unbeirrbar wie zuvor weiter zu rudern.
Ich habe noch nicht vergessen, dass er es war, der sich einen vollen Tag lang die Last aufgebürdet hat, mein Kanu hinter sich herzuschleppen – niemand hätte ihm oder den Anderen einen Vorwurf machen können, wenn sie ihre Fahrt ohne mich fortgesetzt und mich meinem Schicksal überlassen hätten.
Hinter Smith sehe ich Lauras Kanu – Laura, der ich ebenso viel Dank schulde wie Smith, ohne deren Pflege ich ebenfalls nicht überlebt hätte. Ich glaube, sie ist diejenige von uns, der Garrisons Tod am meisten nahe geht und hoffe, dass sie die nötige Kraft hat auch noch die letzten Tage unserer Reise durchzustehen.
Clara Fenton ist die vorletzte im Bunde, während ich heute das Schlusslicht bilde. Während ich mir vor einigen Tagen Sorgen bezüglich ihr und ihrer körperlichen Verfassung gemacht habe, macht sie auf mich heute einen gesunden, zuversichtlichen Eindruck.
Während mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, merke ich zuerst kaum, wie die Strömung des Flusses zusehends stärker wird – unsere Fahrt, die gestern noch in mühevollen Schritten dahingekrochen war, führt uns jetzt rasend schnell an den riesigen Bäumen und Sträuchern des Ufers vorbei. Der Flusslauf wird aber auch zunehmend unruhig – es gelingt uns teilweise nur noch mit viel Glück, bei den schnell aufeinanderfolgenden Stromschnellen nicht das Gleichgewicht zu verlieren und zu kentern.

Nach einiger Zeit, die wir hochkonzentriert mit waghalsigen Lenk- und Ausweichmanövern verbracht haben, wird der Flusslauf etwas breiter, und in seiner Mitte bildet sich eine Schneise, die zwar ein klein wenig langsamer fliesst als die nach wie vor wild bewegten Uferbereiche, die aber relativ unproblematisch zu befahren ist.
Gleichzeitig sind die letzten Wolken vom Himmel verschwunden, und die schnell vorbeiziehende, wildblühende Dschungellandschaft erstrahlt in ihrer ganzen Schönheit.
Während um uns herum das Wasser zum Teil über einen Meter hoch aufspritzt und das Sonnenlicht zu einem endlosen Reigen aufblühender und gleich wieder zerberstender Regenbögen bricht, zieht eine Landschaft an uns vorbei, deren unerschöpflicher Reichtum an Formen, Farben und Arten uns für eine kleine Weile unsere Anspannung vergessen lässt.
Nach zwei Stunden beruhigt sich der Flusslauf wieder, und wir legen eine kurze Pause ein, um anhand der Karte unsere Position zu bestimmen: über 34 km haben wir seit dem Morgen zurückgelegt. Als ich diese Nachricht an die anderen weitergebe, meine ich, trotz den Strapazen der letzten Tage so etwas wie Glück in ihren Gesichtern zu sehen.
Leider zeigt sich am Abend, das das hohe Tempo auch zu Vereinzelten Materialverlusten geführt hat: wir werden unsere Vorräte noch einmal auffüllen müssen, das gesamte Petroleum und unsere Reiseapotheke sind verloren gegangen – wir können nur hoffen, das jetzt nichts mehr schiefgeht – aber dennoch: was für eine Fahrt!

Leider muss ich den Aufzeichnungen für heute noch einen unguten Nachtrag hinzufügen: kurz vorm Schlafengehen ist Smith vor seinem Kanu zusammengebrochen und bewusstlos liegengeblieben. Als wir ihn untersucht haben, um hinter die Ursache seines Zusammenbruchs zu kommen, viel uns auf, dass seine Hose am linken Bein deutlich dicker zu sein schien als am rechten. Uns fiel die Verletzung ein, die er sich am zweiten Tag zugezogen hatte, als wir mit unseren Kanus zwischen Baumstämmen feststeckten. Wir alle hatten diese Verletzung, da Smith sie schon sehr bald nicht mehr erwähnt hatte, für ausgeheilt oder zumindest unproblematisch gehalten – jetzt mussten wir seine Hose mit einem scharfen Jagdmesser aufschneiden, um überhaupt einen Blick auf die Wunde werfen zu können. Was wir sahen, erschreckte uns: Angefangen vom Knie bis hinunter zum Knöchel bestand Smith‘ linkes Bein nur noch aus einer grossen, eitrigen Wunde, die an einigen Stellen bereits verfaulte und auch auf Fuss und Oberschenkel überzugreifen drohte.
Welche Schmerzen ihm diese Wunde in den letzten Tagen bereitet haben muss, und welche übermenschliche Willenskraft es ihn gekostet haben musste, seine tägliche Fahrtleistung zu vollbringen, ohne das wir etwas von seiner Verletzung erfuhren, können wir bestenfalls erahnen.

Der Grund für sein Schweigen ist jedoch leicht zu erraten: Die Entzündung in seinem Bein wäre mit den Mitteln unserer Reiseapotheke – auch wenn wir sie noch hätten – nicht zu heilen gewesen, wir hätten ihm also gar nicht oder doch nur kaum helfen können. Er hätte uns aufgehalten, und das hat er um jeden Preis vermeiden wollen.
Beim Zustand der Wunde ist es fraglich, ob Smith die nächsten Tage überleben wird – unsere Reise entwickelt sich einmal mehr zu einem Wettlauf mit der Zeit.
Rudern wird Smith jedenfalls nicht mehr können – ab Morgen werde ich sein Kanu an das meine binden, und ich werde ihn ziehen.

Donnerstag, 17.August

Und wieder auf dem Fluss, diesmal in einer neuen Variante: Clara vorne, dann mein Kanu, daran angebunden Smith, der das Bewusstsein seit seinem Zusammenbruch gestern Abend noch nicht wiedererlangt hat. Zum Schluss Laura.
Ich fange an, jedes Zeitgefühl zu verlieren. Wie lange sind wir jetzt unterwegs – zwölf Tage, dreizehn? Eine scheinbar endlose, ermüdende Aneinanderreihung der immer gleichen Abläufe. Das zusätzliche Kanu, das ich seit heute Morgen hinter mir herschleppe, zehrt an meinen Kräften.
Der Flusslauf erreicht heute nicht ganz die rasante Geschwindigkeit von Gestern, ist aber dafür um so heimtückischer: spitze, scharfkantige Steine ragen überall aus dem Wasser, wir sind vollauf damit beschäftigt, nicht aufzulaufen und unsere Kanus aufzuschlitzen.
Zu spät ertappe ich mich dabei, wie ich für einen kurzen Augenblick die Augen geschlossen habe – vor mir aus dem Wasser ragt plötzlich ein wie eine Messerschneide geformter, länglicher Fels auf – ich muss mein Paddel senkrecht ins Wasser stossen und mit aller Kraft gegenhalten, um meins und Smith‘ Kanu im letzten Moment vor einem Zusammenstoss zu bewahren. Es bleibt mir keine Zeit, Laura zu warnen, die hinter uns fährt – Laura, deren Kanu jetzt mit einem lauten Krachen gegen den Fels stösst und sofort auseinanderbricht – Laura, die in den Fluss fällt, mit dem Kopf hart, viel zu hart gegen einen Stein prallt, versinkt und nicht mehr aus dem Wasser auftaucht, das jetzt schnell anfängt, sich rot zu färben.

Freitag, 18.August

Der Vollständigkeit halber mache ich heute noch die Eintragungen, die niederzuschreiben ich Gestern nicht mehr fähig gewesen bin: nach Lauras Unfall haben wir am Ufer angelegt und sie aus dem Fluss geborgen – weder Clara noch ich hatten sich irgendwelche Hoffnungen gemacht, dass sie den Sturz ins Wasser überlebt haben könnte.
Nach kurzem Überlegen haben wir uns dafür entschieden, ihre Leiche mit Blättern und Ästen zuzudecken und im Dschungel zurückzulassen – für ein anständiges Begräbnis fehlte uns leider die Zeit.
Für die noch verbleibende Strecke habe ich die Führung – sofern man bei zwei Personen überhaupt noch davon sprechen kann – an Clara übergeben; ich brauche meine Energie, um mich neben dem Rudern um Smith zu kümmern, der am Abend kurz das Bewusstsein wiedererlangt hat, aber, nachdem er einige Schlucke Wasser zu sich genommen hat, sofort wieder eingeschlafen ist.
Ausserdem mache ich mir schwere Vorwürfe wegen Lauras Tod: wäre ich nicht im entscheidenden Moment geistesabwessend gewesen, hätte sie wahrscheinlich noch ausweichen können. Es hilft mir wenig, mir zu sagen, dass niemand über Stunden hinweg lückenlos konzentriert sein kann und das Fehler zu machen eine normale menschliche Eigenschaft ist – die Zweifel und die Vorwürfe sitzen mir im Kopf fest und senden mir trübe, dunkle Wellen in die Seele, die sich in den letzten Tagen zunehmend düster gefärbt hat.
Trotz allem sind wir gestern ein gutes Stück vorran gekommen; Clara hat deshalb beschlossen, den heutigen Nachmittag für eine letzte Ergänzung unserer Vorräte zu benutzen. Aufgrund der nach wie vor hohen Fließgeschwindigkeit füllt sich unser Netz recht schnell mit den wenigen Fischen, die wir in den verbleibenden drei Tagen brauchen werden.
Petroleum haben wir leider nicht mehr, was und dazu zwingt, abends an Land zu gehen und die Fische über offenem Feuer zu braten – irgendwie stellt sich bei mir der Eindruck ein, dass hiermit der letzte Abschnitt unserer Reise beginnt. Zwei Tage bis zum Camp, der Montag als letzte Reserve, und noch rund 20 km zurückzulegen. Wenn der Fluss uns keine Bösen Hindernisse mehr in den Weg legt, stehen unsere Chancen gut – wie hoch Smith‘ Chancen sind, können wir beide nur vermuten.
Bleiben noch die Eingeborenen, die sich in den letzten zwei Tagen verdächtig ruhig verhalten haben – haben sie unsere Spur tatsächlich wieder verloren, oder planen sie einen Hinterhalt?
Clara und ich schauen uns schweigend an, wie schon während der gesamten Reise gibt es wenig Worte, die zu wechseln sich lohnen würde.
Wir löschen das Feuer, sehen noch einmal nach Smith, dessen Zustand unverändert ist, und legen uns schlafen.
Montag, 21.August

Das Lagerfeuer ist verloschen, nur ein klein wenig beharrliche Restglut zeugt von den hellen Flammen, die hier vor Kurzem noch emporloderten. Die Anderen sind schlafen gegangen, nur ich bleibe noch einen Moment wach, um die Aufzeichnungen zu Ende zu bringen, die ich während er letzten 17 Tage (mit Ausnahme der letzten zwei) so treu geführt habe.
Um das Wichtigste vorwegzunehmen: wir befinden uns in Sicherheit- Clara und ich haben am frühen Morgen das Camp erreicht, und auch Smith haben wir hierherbringen können. Und auch er wird dieses Abenteuer aller Wahrscheinlichkeit nach überleben. Ob er sein linkes Bein jemals wieder gebrauchen können wird, ist hingegen mehr als fraglich – die beiden Ärzte, die wir zusammen mit der Besatzung hier angetroffen haben (Die Erleichterung, die wir verspürten, als wir ausgehungert und völlig erschöpft kurz nach Sonnenaufgang am Camp ankamen, und es voll besetzt fanden, ist so offenkundig, das ich es mir spare, sie hier in Worte zu fassen) wollten hierzu keine Aussage machen.
Die erste Erschöpfung hat sich gelegt, Clara und ich haben uns satt gegessen, getrunken und gründlich ausgeruht; der Kontakt mit der hilfsbereiten und offenen Lagerbesatzung hat geholfen, das drückende Schweigen zu beenden, das sich während unserer Reise auf unsere Lippen gelegt hatte.
Beim gemeinsamen Sitzen ums Lagerfeuer, das wir jetzt ohne Angst entfachen konnten, und bei dem Wein, der zur Feier unserer (wenigstens teilweise) gelungenen Mission geöffnet worden ist, lösten sich unsere Zungen, und wir berichteten unseren aufmerksamen, zum Teil tief betroffenen Zuhörern von den 14 Tagen, die wir in grösstenteils rastloser Flucht in unseren kleinen Kanus verbracht haben, und von der letzten, düstersten Etappe, die begann, als wir am Samstag morgen die Augen öffneten und unseren kleinen Lagerplatz von Eingeborenen umstellt fanden.

Es war Clara, die mich weckte, und ich merkte sofort an der hektischen Unruhe in ihren Bewegungen, das irgendetwas nicht stimmte. Ein Blick genügte, um ihre Angst sofort auf mich übergreifen zu lassen:
Rund um unseren kleinen Lagerplatz standen zwei Reihen von kleinwüchsigen, finster dreinblickenden Gestalten; jeder der Eingeborenen war mit einem langen Speer bewaffnet, ihre Gesichter und ihre Schultern waren mit rot-blauen, bedrohlich wirkenden Mustern bemalt.
Uns direkt gegenüber stand eine Gestalt, die etwas grösser war als die Anderen und eine groteske hölzerne Maske trug. Unter den engstehenden, schlitzförmigen Augen ragte eine lange Nase hervor, die unter anderen Umständen wahrscheinlich lächerlich und albern gewirkt hätte, die uns aber jetzt, zusammen mit dem weit aufgerissenen, mit einigen wenigen, scharfen Zähnen bestückten Mund, einen kalten Schauer über den Rücken laufen liessen.
Die Gestalt begann jetzt, langsam auf uns zuzugehen, während die übrigen Eingeborenen zu einem gleichförmig-monotonen, düsteren Murmeln ansetzten.
Schritt für Schritt kam die Gestalt auf uns zu, während das Murmeln immer lauter und bedrohlicher wurde. Kurz bevor sie uns erreichte, änderte sie ihre Bewegungsrichtung, und begann, uns mit gleichförmigen, immer schneller werdenden Runden zu umkreisen, dabei stiess sie ein markerschütterndes Geheul aus.
Nach ein paar Runden blieb sie stehen, gleichzeitig traten zwei andere, mit Holzkeulen bewaffnete Eingeborene aus dem Kreis hervor, kamen auf uns zu und gaben uns jeder einen kurzen, heftigen Schlag auf den Kopf – wir verloren die Besinnung.

Als ich wieder zu mir kam, war es bereits dunkel geworden und der Mond stand am Himmel. Wir befanden uns immer noch an der gleichen Stelle, allerdings hatte man uns – einschliesslich Smith, der nach wie vor nur selten und dann sehr kurz bei Bewusstsein war – an einen freistehenden Baum gebunden.
Unsere Kleidung hatte man uns gelassen, auch unsere Ausrüstung hatte man aus den Kanus geholt und zu unseren Füßen ausgebreitet. Ausserdem waren wir bedeckt mit dünnen Ästen und trockenem Laub, offensichtlich plante man, uns zu verbrennen, nachdem man uns – wie schon bei Brancroft und Wilson – den Kopf abgeschlagen hatte. Die Eingeborenen lagen am Rande der Lichtung und schienen zu schlafen.
Ich tastete kurz nach meiner Hosentasche, dann wartete ich, bis Clara ebenfalls wieder bei Bewusstsein war und weihte sie leise flüsternd in meinen Plan ein.

Schon seit Stunden trug ich Smith auf dem Rücken, allmählich glaubte ich, meine Arme müssten jeden Moment aus den Schultergelenken herausreissen und zusammen mit dem bewusstlosen Körper auf meinen Schultern zu Boden fallen – ein Preis, den ich durchaus zu zahlen bereit gewesen wäre, wenn ich nur diese erdrückende Last loswerden würde.
Ich rief zu Clara herüber, die ein Paar Schritte vor mir herlief und versuchte, uns einen Weg durch die Wildnis zu bahnen. Wir hielten einen Moment an, Clara kontrollierte anhand des Kompasses unsere Richtung und ich konnte Smith einen Moment lang abladen.
S schien fast, als wäre unsere Flucht gelungen: nachdem ich in meiner rechten Hosentasche mein Feuerzeug gefunden hatte, kam mir die Idee, die überraschend grosse Bewegungsfreiheit, die uns die Eingeborenen gelassen hatten, zu nutzen, und einen Versuch zu unternehmen, unsere Fesseln zu verbrennen. Das Wagnis gelang, der nächste Griff galt unseren Gewehren, die – wie der Rest unserer Ausrüstung – ganz in der Nähe lagen. Ich feuerte einige Schüsse in die Luft, während Laura Smith losband und gleichzeitig das uns zugedachte Brennmaterial anzündete. Das sofort losbrechende Chaos nutzten wir, um uns ind die Büsche zu schlagen und, so schnell es mit Smith auf dem Rücken möglich war, nach Osten vorzudringen, wo laut Karte unser Camp liegen musste.

Der Respekt und die Angst vor offenem Feuer ist sämtlichen wilden Kulturen zu eigen, und der Effekt, den das Geräusch von Schusswaffen auf Eingeborene des Amazonasgebiets hat, ist zu Genüge bekannt. Es dauerte lange, bis sich das Durcheinander auf dem Platz gelegt hatte und die Wilden zu einer Verfolgung ansetzen konnten. Vielleicht dachten sie auch einfach, wir hätten uns selbst angezündet und währen mit einem lauten Knall in die ewigen Jagdgründe eingegangen.

Wir wagten es dennoch nicht, während der Nacht mehr als nur einige sehr kurze Momente Pause zu machen. Die winzige Petroleumlampe, die ich bisher benutzt hatte, um spät abends meine Aufzeichnungen zu Papier zu bringen, half uns, trotz der Dunkelheit mehr schlecht als Recht unseren Weg zu finden. Als die Sonne nach einer endlos anmutenden Zeit aufzugehen begann, konnten wir die zahllosen blauen Flecken, Beulen und Schürfwunden nicht zählen, die wir während unseres atemlosen Strauchelns durch den nächtlichen Dschungel davongetragen hatten. Irgendwann waren wir auf so etwas wie einen halb zugewachsenen Trampelpfad gestoßen, sonst wären wir wahrscheinlich völlig verloren gewesen.
Wir verbrachten den Tag und auch die nächste Nacht damit, dem Pfad zu folgen, und nur am Abend wagten wir, eine halbe Stunde Pause zu machen, weil wir Smith nicht zurücklassen wollten und ich mich ausserstande fühlte, ihn auch nur noch einen einzigen Schritt weiter zu tragen.
Als wir am frühen Montagmorgen die Holzpalisade des Camps vor uns auftauchen sahen, halb besinnungslos vor Hunger, Durst und Angst, fiel es uns zuerst schwer zu Begreifen, das wir uns in Sicherheit befanden – der wachhabende Soldat erzählte mir später, er habe Erschrecken in unseren Gesichtern gesehen, als er dass Tor öffnete und uns entgegenging, um mir Smith von den Schultern zu nehmen – unsere erste Reaktion, sagte er, sei es gewesen, Kehrt zu machen und zurück in den Dschungel zu laufen, was allerdings dadurch vereitelt wurde, das wir beide vor Erschöpfung zusammenbrachen und die Besinnung verloren.

Dienstag, 22.August

Die Armee wird das Camp noch heute räumen, es gibt jetzt, da unsere Mission beendet ist, keinen Grund mehr für ihre Anwesenheit hier. Gleich nachdem ich heute früh mit dem diensthabenden Kommandanten die von uns gesammelten Informationen durchgesprochen habe, hat er das Signal zum Aufbruch gegeben.

Clara und ich sitzen nebeneinander in den Sesseln der kleinen, zweimotorigen Doppeldeckermaschine, die uns zurück in die Zivilisation bringen wird. Die Motoren starten, und während die Maschine langsam über die von Schlaglöchern übersähte Landebahen rollt, lastet zwischen uns beiden wieder das gleiche düstere Schweigen, das wir miteinander gewohnt sind und das uns wohl für eine sehr lange Zeit nicht völlig verlassen wird. Ich schaue aus dem Fenster und lasse meine Gedanken schweifen.
Ich habe also überlebt, als einer von drei der ursprünglich elf Missionsteilnehmer. Der Kommandant hat per Funk mit dem Hauptquartier gesprochen, er sagt, man habe mich für eine besondere Auszeichnung vorgesehen, einen Orden, eine Medaille, oder wie sie es nennen. Aber ich will nicht, ich werde sie nicht annehmen – zu schwer lasten die schweren Verluste unserer Mission auf meinem Gewissen – Brancroft, Wilson, Garrison und Laura – Laura, die mir stundenlang Schluck für Schluck frisches Wasser eingeflößt hat und mich nicht zurücklassen wollte, als niemand sonst noch an mein Überleben gegblaubt hat, und die schließlich einen grausamen, sinnlosen Tod gestorben ist, weil ich im entscheidenden Moment die Augen nicht habe offenhalten können.
Die Maschine hat abgehoben und schraubt sich unbeirrbar höher und höher in den Himmel hinauf. Ich nutze die Gelegenheit und werfe einen letzten Blick auf den Amazonas, der blau-weiss die riesenhafte, dunkelgrüne Fläche des Urwalds durchteilt. Mein Auge sucht und findet irgendwo eine kleine, abgelegene Flusswindung, die unter grossen, von wilden bunten Vögeln bevölkerten Bäumen dahinfliesst, sucht weiter und findet im Wasser jenen kleinen, lebhaften Fisch mit der lädierten Schwanzflosse, der, nachdem ich ihn aus dem Netz befreit habe, jetzt wieder verdutzt und ungläubig seine faszinierende, bedrohlich-schöne wilde Welt erkundet.
Ich schaue ihm zu, und für einen Moment gelingt es meinem Herzen, Frieden zu schliessen mit dem, was gewesen ist….