Wahre Verschmelzung

Aus dem Panorama-Teil einer Fernsehzeitschrift:Lange glaubten die Forscher, die Ausbeulungen an den Körpern weiblicher Tiefseetaucher seien Tumoren. Heute wissen wir: Es sind Männchen. Oder besser: Das, was von den Männchen übrig blieb. Denn beim Liebesakt verbeissen sich die Kerle in die Körper ihrer Partnerinnen; ihre Organe degenerieren, ihr Blutkreislauf verbindet sich mit dem des Weibchens. Was den ‚harten Kerlen‘ bleibt, sind ihre Hoden – den Rest ihres Lebens verbringen sie mit blosser Spermaproduktion.

Es ist heiss, wie nun mittlerweile schon seit Wochen hängt die Sonne auch heute wieder wie ein glühender Ball am Himmel. Schwitzend quäle ich mich die Straße entlang, sorgfältig jeden sich anbietenden Schattenplatz nutzend.
Als ich endlich mein Ziel erreicht habe – ein von mir seit einigen Wochen bevorzugtes kleines Café in einer der weniger belebten Seitenstrassen – fühle ich mich völlig erschöpft. Ich lasse mich an einem kleinen, von drei leeren Plastikstühlen umringten Tisch nieder.

Jetzt, im Schatten der auf der Terrasse stehenden Sonnenschirme, geht es mir ein wenig besser, meine Atmung beruhigt sich. Während ich auf den Kellner warte, bei dem ich mir ein grosses Glas kühles Mineralwasser bestellt habe, nutze ich die Zeit, um die übrigen Gäste in Augenschein zu nehmen.
Vorne links haben sich einige junge Leute drei der kleinen Tische zusammengeschoben und sind in eine angeregte, laute Unterhaltung vertieft. Auf den Tischen haben sich schon einige Flaschen und Gläser angesammelt, was mir den ersten Eindruck bestätigt, den ich von dieser Gruppe habe – sie sind betrunken. Unkultiviertes Volk – ich wende meinen Blick ab, diese Art ausgelassener Vergnüglichkeiten sind mir schon immer unangenehm gewesen.
Weiter hinten – wie es scheint – ein älteres Ehepaar, sie sitzen friedlich auf ihren Stühlen und betrachten einander, gelegentlich tauschen sie ein paar freundlich klingende Worte aus. Auch dieses Bild löst ein unangenehmes Gefühl in mir aus, leiser und dumpfer diesmal, dafür aber um viele Male schmerzhafter – es zeigt mir eine Harmonie, die ich nicht erreicht habe – Glück, Liebe, eine dauerhafte Partnerschaft.
Ich lasse meinen Blick weiter schweifen – zuerst scheint es, als ob alle übrigen Tische des Cafés leer sind – es muss an dem anstrengende, viel zu warmen Wetter liegen. Die Menschen bleiben lieber verborgen in ihren Häusern und Wohnungen als hierherzukommen.
Aber dann fällt mir auf, dass zwei Tische weiter – wie konnte ich nur Glauben, es gäbe keine weiteren Gäste? – jemand Platz genommen hat, eine Frau.
Verstohlen, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, sie anzustarren, betrachte ich sie:
Sie ist ein dunkler Typ, ihre fast schwarzen Haare hängen ihr bis auf die Schultern. Trotz des heissen Wetters ist sie in ebenso dunkle Farben gekleidet: sie trägt einen weiten Rock, keins von diesen dünnen Sommerkleidern, die dem Betrachter bei jeder Bewegung die genaue Form jedes einzelnen Körperteils der Trägerin deutlich ins Auge springen lässt, sondern ein dickes, schweres Stück Stoff, dass sich bis hinunter zu ihren schwarzen Schuhen erstreckt. Auch ihr Oberkörper und ihre Arme sind vollständig von einem schwarzen Pullover bedeckt, allerdings aus etwas dünnerem Material als der schwere Rock. Sie sitzt geistesabwesend da und nimmt ab und zu einen Schluck aus einer großen Tasse Kaffee, die direkt vor ihr auf dem Tisch steht.
Was mir aber am meisten auffällt, ist ihre Grösse: Während mir, dem leider eher kleinwüchsigen Mann, die Kante des Tisches bis ans Brustbein heran kommt, stossen ihre Beine fast von unten gegen die Tischplatte, ihre Gestalt scheint irgendwie die gesamte Umgebung zu überragen.
In habe ein etwas flaues Gefühl im Magen – schon immer habe ich mich sehr zu grossen, vereinnahmenden Frauen hingezogen gefühlt, und auch jetzt erwacht, fast gegen meinen Willen, eine bohrende Unruhe in mir. Gegen meinen Willen deshalb, weil ich eigentlich beschlossen habe, mich dem ewigen Spiel von Liebe und Verletztheit für immer, oder doch für längere Zeit, fern zu halten. Ausserdem ist mir die Person unheimlich, sie strahlt eine Soldität und Unberührbarkeit aus, die mir Angst macht.
Ich wende den Blick ab und trinke einen Schluck von meinem Mineralwasser, das mir der Kellner mittlerweile serviert hat. Ich versuche, mich in das bunte Treiben der jungen Leute am Nebentisch hereinzuhören, um vielleicht doch an ihrem Gespräch teilzunehmen, aber irgendwie will es mir nicht gelingen. Meine Gedanken kehren unaufhörlich zu dieser merkwürdigen Frau zurück, und schließlich wende ich ihr doch wieder den Blick zu.
Ich erschrecke und habe für einen Moment das Gefühl, das mein Herzschlag aussetzt – saß sie nicht gerade noch zwei Tisch weit von mir entfernt, war nicht der Tisch direkt zu meiner Rechten eben noch frei? Vielleicht ist mir aber auch nur diese unsägliche Hitze zu Kopf gestiegen – jedenfalls sitzt sie jetzt am Tisch direkt neben mir. Wenn sie ihren Kopf ein wenig drehen würde, könnte sie mich anschauen.
Mir fällt ihr stilles, würdevolles Gesicht auf, und so etwas wie Ehrfurcht erfasst mich. Gerade als ich meinen Blick wieder abwenden möchte, scheint sie mich zu bemerken: sie setzt ihre Tasse Kaffee, die sie ruhig in ihren grossen, schweren Händen gehalten hatte, wieder auf dem zerbrechlichen kleinen Plastiktisch ab und sieht mir direkt in die Augen.
Mir wird schwindelig und auf meinen Händen bildet sich ein feuchter Schweissfilm – dennoch kann ich meinen Blick nicht abwenden. In diesen grossen, graugrünen Augen meine ich etwas zu sehen, das mich in allertiefster Seele berührt, das mich verändern und über mich hinausheben könnte, ich fühle plötzlich, das ich in Wirklichkeit nur ein kleiner, unbedeutender Teil von etwas bin, das grösser und mächtiger ist als ich selbst.
Mir fällt auf, wie unhöflich mein fortwährendes Starren ist, es beginnt, mir fürchterlich peinlich zu werden. Um wenigstens irgendetwas zu tun, hebe ich unsicher meine Hand, mir ist nicht ganz klar, mit welchem Ziel. Es ist mir zuerst unangenehm, als ich ihre Hand versehentlich dabei berühre. Die direkte Nähe zu dieser Frau macht mir jetzt sehr zu schaffen – ich glaube jetzt, dass sie schon von Anfang an hier an meinem Tisch gesessen hat, vielleicht schon, bevor ich gekommen bin. Ich fühle jetzt ganz deutlich, dass hier irgendetwas nicht stimmt – einen Moment lang habe ich den Wunsch aufzuspringen und durch den grellen Sonnenschein davon zu laufen, doch in diesem Augenblick ergreift sie meine Hand, und mir schwinden die Sinne.

Ich wache nur noch einmal auf und befinde mich in einem düsteren, müffigen Raum. Ich liege in einem grossen, sehr weichen Himmelbett, über dass sich sehr niedrig ein weinroter Betthimmel spannt. Ich fühle mich sehr schwach, und zu meinem Entsetzen merke ich, dass ich vollkommen unbekleidet bin. Ich unternehme einen hilflosen Versuch aufzustehen, mich zu befreien – doch meine Gliedmassen gehorchen mir nicht mehr – nicht mal den Kopf kann ich bewegen. Das, was ich eben als meinen Körper wahrgenommen habe, gehört nicht mehr wirklich zu mir – unfähig, mich aus eigenem Antrieb heraus zu bewegen, schwindet jetzt langsam und endgültig mein Bewusstsein, während sich das dunkle Zimmer in meinem Blickfeld langsam hebt und senkt, ebenso wie sich mein Kopf zusammen mit der Atmung dieses großen Körpers gleichmässig und unbeirrbar auf und ab bewegt.

Ex Comunio Sancto

23 November, Anno Domini 1673



Mit diesen Zeilen werde ich Zeugnis ablegen. Zeugnis von dem, was mir widerfährt in meiner Tätigkeit, meinem Heiligen Amt als Priester einer kleinen verschlafenen Gemeinde in Siebenbürgen. Denn ich nehme ihn ernst, meinen Auftrag: Das Volk von der Sünde abzuhalten, die abtrünnigen Lämmer zurückzuführen auf den rechten Weg Gottes.

Schon zu lange habe ich nur zugesehen, habe es geschehen lassen, dass die Welt um mich herum ihren verruchten Gang nimmt. Jetzt werde ich handeln.



24 November, Anno Domini 1673



Vor mir stehen sie, scheinheilige Lügner ausstaffiert in ihren eleganten Sonntagskleidern. Ich kann die Falschheit in ihren Gesichtern sehen, in jedem einzelnen von ihnen. Aber heute werde ich es ihnen zeigen. Ich werde eine Predigt halten, wie sie sie niemals vorher gehört haben.

Ich habe eben damit begonnen, mit ekstatischen Worten ein düsteres, beklemmendes Bild des Fegefeuers zu zeichnen, als ich sehe, dass sich die elegante Kopfbedeckung einiger älteren Damen in der ersten Bank um wenige Zentimeter angehoben hat – offensichtlich stehen ihnen die Haare zu Berge. Das ist gut. Ein erster Schritt, alles weitere wird sich ergeben.

Ich vollende mein Plädoyer gegen die Sünde im gleichen martialischen Stil, bekomme dabei selber ein wenig Angst. Abbruch.



27 November, Anno Domini 1673



Das Kirchenvolk strömt zur wöchentlichen Beichte. Vor mir sitzen sie, plötzlich verwandelt in reumütige Schäfchen, schwitzend im Halbdunkeln des Beichtstuhls. Ich höre Dinge, von denen mir übel wird, nehme mir vor, die nächste Beichte nicht mehr auf nüchternen Magen anzuhören.

Eine Frau, die ihr Kind schlägt. Eine andere, die ihren Ehegatten betrügt. Lange kann ich das hier nicht mehr aushalten.

Ein Schmied aus dem Dorf gesteht mir unter Tränen, er gehe heimlich der Trunksucht nach. Ich gebe ihm zehn Vaterunser auf und lasse ihn gehen – heute will ich nicht streng sein.

Nach Beendigung der Beichte ziehe ich mich mit dem Messwein in die Krypta zurück, ich muss nachdenken.



1 Dezember, Anno Domini 1673



Mir sind einige Dinge klar geworden. Ich weiss jetzt, das Worte nicht ausreichen werden, meine Schäfchen auf den rechten Weg zurückzuführen. Ich muss zu härteren Massnahmen greifen. Vor mir steht das Gefäss mit dem Weihrauch – in meiner Jugend bin ich selbst auf allerlei Abwegen gewandelt, Gott sei mir gnädig, und seitdem besitze ich Kenntnis über verschiedene bewusstseinserweiternde Substanzen. Auch die Substanzen selbst besitze ich, aufbewahrt in einem fest verschlossenen Schrein, dessen Schlüssel ich seit Jahrzehnten unter meinem Kopfkissen aufbewahre.

Während ich heute die Predigt halte, schwenke ich ihnen das heilige Gefäss entgegen, ich habe mit einer geringen Dosis begonnen. Aufmerksam beobachte ich die Veränderung in ihren Augen.



Nachtrag: Es scheint, dass ich vorsichtig sein muss. Einige Passagen meiner Predigt sind mir nicht mehr vollständig in Erinnerung, und das, an das ich mich erinnern kann, bereitet mir Sorgen. Offenbar habe ich selbst einen nicht unerheblichen Teil des Rauches abbekommen. Und offensichtlich vertrage ich nicht mehr die gleiche Menge, wie in meiner Jugend. Ich muss vorsichtig sein.



4 Dezember, Anno Domini 1673



Wieder die wöchentliche Beichte. Es kommen weniger Leute als sonst, irgendetwas stimmt nicht. Nach der Mittagspause beschliesse ich, das Weihrauchgefäss mit in den Beichtstuhl zu nehmen – die wenigen Leute, die erschienen sind, will ich nicht enttäuschen.



7 Dezember, Anno Domini 1673



Eine Predigt vor halb leeren Reihen. Dafür werde ich inbrünstiger in meinem Vortrag, diejenigen Gläubigen, die noch herbeigeeilt sind, meine Botschaft zu empfangen, sollen hören, was ich zu sagen habe.

Viel Weihrauch, die Sache beginnt Spass zu machen.



11 Dezember, Anno Domini 1673



Niemand ist zur Beichte erschienen. Während ich alleine mit meinem Weihrauchgefäss in meiner dunklen Kammer sitze, empfinde ich die Luft bald als etwas stickig. Wut erfasst mich. Ich fasse einen Plan.



12 Dezember, Anno Domini 1673, Nachts



Bin in die Backstube des Dorfbäckers eingedrungen. Erwarte für Morgen eine Lieferung frischer Hostien. Vorsichtig sträue ich ein feines, weisses Pulver in den Teig – dann entschwinde ich in der dunklen Nacht.



25 Dezember, Anno Domini 1673



Es ist Weihnachtsfest, die Kirche ist voll, heute müsst Ihr zu mir kommen, Ihr treulosen Verräter.

Aber da ist mein Plan, ich bereite die Mahlfeier vor. Wenn die Sünde nicht stirbt, geht der Sünder an ihr zugrunde, sagt man.

Ich bereite die Mahlfeier vor, nehme eine Hostie aus dem Kelch. Im letzten Moment erkenne ich den grauenhaften Fehler in meinem Plan – dann ist es zu spät. Bevor mir die Sinne schwinden, glaube ich noch, soetwas wie hämische Erleichterung auf Euren Gesichtern zu erkennen – ihr Schweine…

Der Stein des Anstoßes

Heute, heute ist wieder so ein Tag, an dem man mit dem Wetter so rein gar nichts anfangen kann. Was soll das – regnet das jetzt, oder sollte sich hinter diesem kläglichen Fetzen blauen Himmels am Ende doch noch so etwas wie Sonnenlicht hervorquälen? Könnte fast sein – aber sagen wir mal lieber, es regnet – sicher ist sicher. Brötchen holen gehe ich jetzt aber trotzdem, wo ich schonmal hier bin. Schliesslich habe ich mich über drei komplette Stockwerke hinweg hier nach draussen gequält, soetwas darf nicht umsonst gewesen sein.

Der Gehweg vor mir ist ganz schön schmutzig, fällt mir auf – könnte mal wieder ein bisschen regnen, möchte ich fast sagen – aber den Spruch verkneif‘ ich mir. Scheissspruch. Überhaupt ist mit mir heute nicht so richtig was los – allein schon, dass ich nachmittags um vier Brötchen holen gehe, spricht nicht gerade für meine Tagesform. Ok, es ist Sonntag, und Sonntags steh‘ ich eigentlich nie vor Nachmittag auf, aber trotzdem.

Verdammt, hier liegt echt zuviel Müll rum – neben mir fliegen gerade die trägen Überreste eines gelben Sacks vorbei, dem es durch irgendein Schweineglück gelungen ist, die wöchentliche Müllabfuhr zu überleben. Weiter hinten wird es noch schlimmer, Sand und kleine Steine liegen auf den Bordsteinplatten – stimmt, da war die Woche über so ’ne Baustelle, DSL-Kabel, Wasserrohre, oder irgend so’n anderer neumodischer Scheiss.

Aber echt, mit mir ist nichts los in letzter Zeit – kriege den Arsch nicht hoch. Arbeit und so– morgen soll’s wieder losgehen, dabei hat Chef mir grad vorgestern noch zu verstehen gegeben, dass ich es ihm eigentlich verdammt hoch anrechnen müsste, dass er mich nicht schon längst auf die Strasse gesetzt hat. Wie war das noch? Das mit uns wäre echt der ‚gelebte Sozialstaat‘, hat er gesagt – nur weil ich letzte Woche kurz mal die Werkstatt unter Wasser gesetzt hab‘. Wasserhahn aufgedreht – kein Problem, aber dann halt vergessen und nicht wieder zugedreht – Mittagspause gemacht, mich verquatscht, auch noch zwei Stunden zu spät wiedergekommen – verdammter Mist!

Aber so einen Dreck wie hier auf der Strasse, das gäb’s bei mir nicht (wie auch – wär‘ ja alles weggeschwommen, aber lassen wir das…). An den Steinen, die da hinten vorm Eingang der Bäckerei liegen, könnte sich jemand glatt den Fuss brechen, ich stelle das nur mal so fest! In meine momentane Pechsträne würde das echt perfekt reinpassen – wär auch grade besonders scheisse, weil ich ja momentan nicht krankenversichert bin – sollte es eigentlich gar nicht geben, in einem Rechtsstaat wie dem unseren, aber ich habe das hinbekommen. Falsche Kontonummer…und wer kann schon wissen, dass in all der blöden Werbepost von der AOK auch mal was wichtiges drinsteht? Früher, als ich noch bei Mama gewohnt hab, da lief echt alles besser – aber das darf man ja öffentlich gar nicht sagen. So langsam bekomme ich jetzt richtig Angst vor den Schutt, an dem ich gleich vorbei muss. Scheint auch für die anderen Kunden nicht einfach zu sein – grade sehe ich, wie eine alte, gebrechliche Frau sich mühselig über einen grossen Ziegelstein hinweg quält – beim Abstieg prellt sie sich das Knie und flucht auf der Stelle wie ein Rohrspatz – macht mir aber auch Angst. Ich glaube, ich werde jetzt meine Brötchen kaufen und mich sofort wieder in mein Bett legen, man weiss ja nie.

Und morgen stehe ich am besten gar nicht erst auf – neulich, neulich hab‘ ich von einem Kumpel von mir gehört, der ist auch am Montag morgen aufgestanden, ganz wie normal, und den hats aber dann gleich voll erwischt! Ist gleich draussen von einem Inlineskater gerammt worden, blieb dann hilflos liegen und konnte sich erst am späten Abend wieder in seine Wohnung schleppen – und in der Zwischenzeit hatte sein Chef ihm gekündigt, seine Freundin hatte ihn verlassen und sein Goldfisch war an einer Gallenkolik verendet – keine fünf Monate alt, das arme Tier.

Ich nähere mich langsam der Bäckerei, und die Sonne verschwindet hinter einigen grossen Felsbrocken – ich muss jetzt sehr vorsichtig sein, vielleicht treibt sich hier jetzt Gesindel herum, jetzt, wo die Gegend hier so uneinsichtig geworden ist, quasi von der Aussenwelt abgeschnitten.

Wobei – jetzt mal langsam! Ich werd mich jetzt mal am Riemen reissen und ein ganzer Kerl sein. Hat Mami ja auch immer gesagt. Ich geh da jetzt rein, kauf meine Brötchen, und dann mach ich gleich einen langen Spaziergang. Dann ruf ich Heidi an und lad sie ins Kino ein, und dann…die Welt steht mir offen, ausser ein paar Kieseln und ein bisschen Sand von einer kleinen, unbedeutenden Baustelle steht mir nichts im Wege.

Ich versuche einen grossen Schritt nach vorne in mein Leben zu machen, als ich mit dem Kopf unversehens gegen einen mannshohen Fels knalle und von der Wucht des Aufschlags mitleidslos niedergestreckt werde – ohnmächtig sink ich zu Boden und bleibe regungslos liegen. Eine leere Brötchentüte, die ein leise vorbeifahrender Skater fallen lässt, schwebt zu Boden und bedeckt sanft mein Haupt.