August

Die Hitze, die von dem kahlen Hügel herabstrahlte, war unerträglich.

Ströme von Schweiss rannen von unseren schmächtigen Körpern, als wir zögerlich die Reihen unserer wenigen Soldaten an der Lichtung postierten, die die Grenze zwischen dem noch unbesetzten freien Land und dem Territorium der Hügelmenschen bildete. Keiner von uns redete, denn es gab nichts mehr, worüber man reden konnte. Diese Schlacht war unvermeidlich, und der Feind war übermächtig; ein kraftstrotzendes Heer erwartete uns, lebendiges Abbild der mit schweren, tonfarbenen Steinen gemauerten Burg, die über unseren Köpfen vom flachen Gipfel des Hügels in den Himmel emporragte.

Natürlich gab es kein Entrinnen. Der unerwartet grosse zeitliche Abstand, der zwischen der letzten Schlacht und der Ankündigung des heutigen Angriffs gelegen hatte, war wohl nicht mehr als ein glücklicher, wenn auch bedeutungsloser Zufall gewesen…

Und mit einem Male war jetzt auch die Zeit für wehmütig-grüblerisches Zaudern vorbei, denn vom Gipfel des Hügels herab quoll eine unüberschaubare Zahl junger, starker Krieger, jeder bewaffnet mit einem eisernen Schild und einem scharfen Schwert, deren Scheiden jetzt zahllos in der brennend heissen Mittagssonne funkelten. Die ledernen Helme verbargen die dahinterliegenden Gesichter fast völlig. Vergeblich versuchte ich, in den starren Zügen der heraneilenden Feinde so etwas wie eine Gefühlsregung zu entdecken, aber ich sah nur starre, ausdruckslose Masken – sogar Zorn und Hass schien jenseits von Ihnen zu sein. Ich warf einen letzten Blick auf die starre Burg auf dem Hügel, dann waren sie heran, fielen über uns her, überschwemmten uns, ich hatte alle Hände voll zu tun, nicht auf der Stelle mein Leben zu lassen.

Der Kampf erzeugte einen unglaublichen Lärm – Schwerter prallten aufeinander, Schilde dröhnten von der Wucht abgewehrter Schläge, und das Ächzen und Stöhnen der kämpfenden Menge erfüllte die Welt. Die wenigen freien Augenblicke, die der Ansturm der Feinde mir liess, nutzte ich, um abwechselnd zu meinen Kameraden und immer wieder auch zur Burg auf dem Hügel zu sehen – meinte ich es nur, oder begannen die Mauern der Burg, sich langsam nach innen zu neigen? Waren es wirklich Risse, die sich in dem alten, unfruchtbaren Lehm zeigten, der das steinerne Fundament umrahmte? Immer öfter stahl sich mein Blick hinauf, und obwohl ich zu jeder Zeit drei bis vier Feinde gegen mich hatte, geschah mir nichts, keiner der Schwerthiebe traf, und meinen Kameraden schien es ähnlich zu gehen – der Ansturm war auch, näher betrachtet, gar nicht so stark gewesen, die feindlichen Truppen bildeten zwar, daran bestand kein Zweifel, eine unüberwindlich starke Wand, rückten aber doch keinen Schritt weiter vor. Ich warf einen Blick auf die Gesichter der Soldaten, die mir am nächsten waren, und meinte jetzt, soetwas wie Trauer in ihren braunen Augen zu erkennen, die unter den dunklen Helmen hervor an mir vorbeiblickten.

Der Kampflärm war jetzt überlagert vom lauten Krachen der einstürzenden Türme und Mauern der Burg – ich war einen Moment lang achtlos und bewegte meinen Leib so ungünstig, das ich in quasi direkt in das Schwert meines Gegeners hineinschob – ich rechnete mit dem sofortigen Tod, doch spürte ich, wie eine starke Hand mich mit einem Druck auf die Brust aus der Gefahrenzone stiess – oder hatte ich mir das nur eingebildet?

Der Blick meines Feindes traf mich, und mit Entsetzen erkannte ich die schreckliche Leere, die sich in diesen warmen, braunen Augen zeigte…mittlerweile war die einst so starke und solide Burg vollständig eingestürzt, und der Gipfel des Hügels hatte sich in ein dunkles, leeres Loch verwandelt. Die Hänge kippten nach, sogen langsam die wenigen Bäume und Sträucher, den lehmigen Boden und zuletzt auch die Körper des Feindes mit sich ins Nichts.

Das Nichts war jetzt bis kurz vor unsere Füsser herangekommen, die direkt vor uns stehenden Krieger stürzten einer nach dem anderen hinein – ich sah kein Erstaunen, kein Zeichen von Gegenwehr, nur diese unendlich traurige Leere im Gesicht meines Feindes, der, als der Sog mich mit sich zu reissen drohte, mich mit einem letzten Ruck seines starken Armes zurück auf festen Boden schob, bevor er für immer in der finsteren Tiefe verschwand.

Der Wanderer in der Wüste

Es war einmal ein Wanderer, der befand sich auf einer langen, langen Wanderung durch ein fernes, ihm unbekanntes Land. Er hatte keine genaue Vorstellung von seinem Ziel – aber die ungefähre Richtung wusste er, und das genügte.
Eines Tages geschah es, dass sein Weg ihn in eine trockene, nur wenig bewachsene Gegend führte – anstelle des Waldes, der ihn bisher fast fortwährend begleitet hatte, standen jetzt nur noch vereinzelte Sträucher am Wegesrand, und auch diese begannen nach einiger Zeit zu verschwinden: es schien ganz, als stünde er am Rande einer Wüste.
Zuerst sorgte der Wanderer sich ein wenig – was würde werden, wenn die Wüste lang und weit war, und es in ihr keine Oasen oder Wasserstellen geben würde? Er bekam Angst, er könnte verdursten. Kurz kam ihm der Gedanke, umzukehren, aber er verwarf ihn schnell wieder: er sah, dass auch viele andere Wanderer in die Wüste hineinliefen, einige von ihnen mit ähnlichem Zaudern wie er, andere aber recht sorglos. Ausserdem konnte er gar nicht umkehren, er musste diesen Weg gehen, es war dies seine Aufgabe.
Er setzte seinen Weg also fort, hinein in die sich vor ihm scheinbar endlos erstreckende Sandwüste. Und schon bald trat ein, was er befürchtet hatte: seine begrenzten Trinkwasservorräte gingen ihm zu Neige, und er fühlte einen grossen, schrecklicken Durst in sich erwachen. Mit wachsender Verzweiflung begann er, nach einer Wasserstelle Ausschau zu halten, aber so sehr er auch suchte, er konnte keine entdecken. Er entsann sich der anderen Wanderer, die mit ihm den Weg durch die Wüste angetreten waren, und fand sie grösstenteils in weit frischerem Zustand als sich selbst. Als er einige von ihnen etwas länger beobachtete, stellte er fest, dass sie scheinbar durchaus hier und da Wasserstellen zu finden vermochten, teils am Wegesrand, teils abgelegen hinter hoch aufgewehten Sanddünen – aber sie fande sie, und jeder schien eine genaue, instinktive Vorstellung zu haben, wo er nach seiner Wasserstelle suchen musste.
Dem Wanderer kam kurz der Gedanke, nun eben seinen Durst an den Wasserstellen seiner Mitwanderer zu stillen, aber diesen Gedanken verwarf er recht schnell wieder – zum einen schien es ihm nicht recht zu sein, zum anderen hatte er bereits mehrmals gesehen, dass eine Wasserstelle sich auf der Stelle leerte und verschwand, sobald jemand aus ihr getrunken hatte.
Der Wanderer suchte also weiter nach seiner eigenen Wasserstelle, er hielt die Augen weit offen, so gut, wie dies bei der sengenden Hitze möglich war, und er versuchte auch, in seinem Inneren soetwas wie ein Zeichen oder einen Hinweis darauf zu entdecken, wo die ihm zugedachten Wasserstellen zu finden sein könnten.
Aber er fand nichts. Mittlerweile waren seine Beine sehr schwach geworden, und er konnte sich nur noch mit Mühe fortbewegen. Die Sehnsucht nach Wasser, und sei es nur nach einem einzelnen, kühlen Schluck, war jetzt so gross geworden, dass sie sein Denken vollständig ausfüllte. In dieser Zeit passierte es auch, das er über einen Stein stolperte, der vor ihm auf dem Weg lag – er stürzte auf die Knie, und trotz allem Bemühen gelang es ihm nicht, wieder auf die Beine zu gelangen.
Als dies geschah, dachte zuerst, er müsste jetzt sterben – wie sollte er jetzt noch Wasser finden, wo er doch fast unfähig war, sich weiter fortzubewegen? Von den anderen Wanderern sah er nichts mehr.
Aber er starb nicht – nach einiger Zeit merkte er, dass es ihm, trotz allen Durstes und trotz der lähmenden Trockenheit, die er in sich spürte, nach wie vor möglich war, zu denken, zu atmen und sich langsam, sehr langsam fortzubewegen.
Er ging jetzt auch nicht mehr auf Knien – er lag ausgestreckt im Staub, und das, was er als Fortbewegung bezeichnete, war eigentlich nicht mehr als ein mehr oder weniger regelmässiges Zucken seiner Gliedmassen. Es war bewundernswert, das er in all den Jahren – und es waren viele lange Jahre, denn er konnte ja nicht sterben – die Sehnsucht und die Hoffnung auf Wasser nicht aufgab.
Aber sinnlos war es trotz allem – er hätte keine Wasserstelle gefunden, auch wenn er jung und stark gewesen wäre, und seine Beine ihn noch getragen hätten.

Denn in dieser Wüste
gab es
kein
Wasser.


Nicht für ihn.

Endzeit

Es ist schon spät, ich bin sehr müde, als ich endlich nach Hause komme.
Eigentlich hatte ich für den Abend noch Pläne gehabt – ein wenig rauszugehen, irgendwohin.
Doch auch wenn es für späten November ungewöhnlich mild draußen ist, kann ich mich nicht mehr dazu aufraffen. Ich lege mich auf mein Bett und lasse den Tag enden.
Ich lasse auch kein Licht brennen – im Dunkel der Welt werden die Schatten in meinem Kopf nur umso deutlicher.
Es ist eine tiefe Zufriedenheit, die mich erfüllt – willenlos lausche ich den Bilder.
Eines taucht aus der Tiefe empor, mit einem eigenen, unverwechselbaren Leuchten – es ist ein Ort, den ich kenne, Gesichter, die mir vertraut sind. Noch nie habe ich etwas so schönes gesehen – diese Ruhe, der Friede und ihre endlose liebevolle Geduld. Ich bewege mich zu auf diesen Ort, leicht und selbstverständlich wie von selbst.
Ich merke wohl, die Schönheit der Ewigkeit fordert einen Preis von mir: Dieser Ort gehört ganz mir, und deshalb muss auch ich ganz ihm gehören.
Es ist die Vollkommenheit dieses Zuhauses, das alles enden lässt – ich spüre noch, wie es mich langsam meiner selbst enthebt, dann bin ich eins geworden.

————–
(Autopsiebericht:
Der Tod trat am 17.11.06 um 22:42 Uhr ein. Ursache war ein Arterienverschluss im vorderen Stammhirn, vermutlich trat hier eine angeborene und unerkannt gebliebene Gewebeschwäche zutage. Derartige Vorkommnisse sind leider nicht völlig auszuschließen, da eine wirkungsvolle Prädiagnosetechnik bis heute fehlt.)

Elfenzauber

Des Nachts in Mondlicht’s gold’nem Schein
Schreit‘ ich mit meinem Stahl zum Berge.
Es muss ein starker Zauber sein,
Mit dem ich meine Waffe stärke!

Die Stunde der verwunsch’nen Elfe
Wird mir zu Diensten sein in dieser Nacht,
Dass sie gehorsam mir verhelfe
Zu Stärke, Tapferkeit und Macht!


Bald wird es soweit sein – es ist bewölkt und regnet in Strömen, trotzdem kann ich sehen, dass der Vollmond kurz vor seinem Zenit steht. Eine, vielleicht zwei Stunden – es ist Zeit, dass ich mich auf den Weg mache.

Vorsichtig stehle ich mich aus dem Holzschuppen, in dem ich mich den Tag über versteckt gehalten habe. Was wohl geschehen würde, wenn man mich entdeckt? Denn der Meister ist streng, und ich darf nach Einbruch der Dämmerung nicht mehr vom Haus fort sein. Wenn die Sonne untergeht, muss ich mich dorthin zurückziehen, in meine kleine Kammer unter dem Dach, und warten, bis man mir mein altes Stück Brot und meinen Becher abgestandenen Wassers hereinbringt – mein Abendessen, und ich muss noch Dankbarkeit dafür zeigen, dass ich es bekomme.

Ich weiss, dass die anderen Knechte hinter meinem Rücken über mich lachen – ich höre sie, oft sitze ich in einem Busch oder hinter einer Hecke und lausche. Und oft genug lachen sie mir auch direkt ins Gesicht. Über meinen Fuss, den ich seit meiner Geburt hinter mir her schleife, und über mein entstelltes Gesicht. Ich kann froh sein, sagen sie, dass ich überhaupt eine Anstellung gefunden habe, einen Meister, für den ich arbeiten darf, und der mir ein Dach über dem Kopf gibt.

Sie lachen auch über meine Herkunft, darüber, dass ich ein Kind ohne Vater bin, und dass meine Mutter eine Hure sei – das Gerede über meine Mutter ist das, was mich am meisten schmerzt. Ein nichtsnutziges Luder, sagen sie – eine, bei der es gut ist, dass sie so früh gestorben ist. Nur dass sie vor ihrem Tod noch ein Kind in die Welt gesetzt hat, das hätte nicht sein müssen.

Die Kammer, in der ich wohne, ist so dunkel – es ist nur ein kleines, ganz kleines Fenster, durch das Licht hineindringt. Manchmal, wenn ich eingesperrt bin, verrenke ich mir den Kopf, bei dem Versuch, nach draussen auf die Strasse zu schauen – solange, bis ich die Schmerzen nicht mehr ertragen kann. Aber ich möchte doch die Menschen sehen, die anderen, freien Menschen, draussen im Sonnenschein. Es gibt auch Tage, an denen ich nach der Arbeit hinaus darf, aber es sind nur wenige – denn der Meister ist jähzornig, und ich bin nicht geschickt bei meiner Arbeit. Erst gestern habe ich ein schönes, neues, glänzendes Hufeisen zerschlagen – sagt er, ich selber weiss nichts davon. Ich habe gesehen, wie ein anderer Knecht es behauen hat, viel zu früh, als es noch nicht heiss und rotglühend war, wie der Meister es wünscht. Heute also hätte ich wieder eingesperrt werden sollen, aber ich habe mich versteckt – denn ich habe einen Plan, heute ist Vollmond, und ich werde nicht mehr länger warten.

Ich habe es schon so lange nicht mehr gewagt, dem Meister zu widersprechen, dass er nicht immer kontrolliert, ob ich wirklich in mein Gefängnis gehe. Früher habe ich mich oft dagegen gewehrt, war verzweifelt und wütend, aber der Meister ist brutal, und ich habe mich in mein Schicksal ergeben. Aber nur für die Augen der anderen – ich habe einen Plan, von dem keiner weiss.

Ich habe jetzt die Scheune verlassen, niemand hat mich bemerkt, denn ich war leise und sehr vorsichtig. Aber der gefährlichste Teil meines Vorhabens steht mir noch bevor: ich muss hinein in die Schmiede, muss das Eisen holen, das ich im Verlauf vieler Wochen heimlich angefertigt habe – in den wenigen, kurzen Momenten, in denen der Meister mich unbeaufsichtigt gelassen hat. Gestern habe ich es fertiggestellt, die Gelegenheit war günstig: ein reicher Händler hatte um die Hand der Tochter des Meisters angehalten, und man hatte gefeiert. Der Wein war in Strömen geflossen, und am Schluss hatten sie alle benebelt am Boden gelegen und ihren Rausch ausgeschlafen. Ich war als einziger wach geblieben – und konnte so endlich den letzten, den kompliziertesten Arbeitsschritt ausführen, und mein Eisen mit der schützenden Legierung überziehen, die sonst nur für die luxuriösen Feuerhaken bestimmt war, die reiche Gutsbesitzer manchmal orderten.

Hinter einem losen Brett habe ich es versteckt – und jede Nacht gebetet, dass es niemand entdeckt. Das Brett nehme ich geräuschlos beiseite – ich habe keine Eile, noch ist Zeit. Ich wickle das Eisen in ein altes Tuch und lege es mir über die linke Schulter – es ist schwer, aber ich bin stark, es wird keine Schwierigkeiten geben. Vielleicht werde ich es auf dem langen Weg den Berg hinauf das eine oder andere Mal absetzten müssen, aber das macht nichts. Wenn ich das Dorf einmal verlassen habe, bin ich in Sicherheit.

Und dann wird auch das Gerede über meine Mutter verstummen, ich werde dafür Sorgen. Ich werde dafür sorgen, dass ihr bestraft werdet, ihr alle, die ihr sie als Flittchen, als Hure und sogar als Hexe beschimpft habt. Eure gerechte Strafe – dabei weiss nur ich allein, dass ihr mit einem Teil Eurer Schmähungen der Wahrheit viel näher kommt, als ihr Euch jemals zu träumen wagen würdet.

Hexe – was ihr Euch nur darunter vorstellt? Ihr, mit euren kleinen, wohlgeordneten Leben, brave, anständige Bürger, die nie die wichtigsten Dinge entbehren mussten: Eine Familie, ein eigenes Heim, Respekt, Freunde, und einen Dummen, auf den ihr Spucken könnt.

Ich habe von meiner Mutter Dinge gehört, die Euch die Haare zu Berge stehen lassen würden. Ich war noch klein und habe vieles wieder vergessen, nur eines einzelnen Zaubers erinnere ich mich – auf ihrem Sterbebett hat sie ihn mir aufgesagt, bevor sie in der schmutzigen Waldhöhle, in der sie hausen musste, ihr Leben aushauchte.

Ich habe jetzt den Dorfrand erreicht, es regnet noch immer, aber das stört mich nicht. Im Gegenteil, es hilft, meine Spuren zu verwischen – doch wenn mein Plan gelingt, wird das egal sein. Wenn alles so wird, wie ich hoffe, werde ich keine Angst mehr vor Euch haben müssen.

Der Weg hoch zum Berg verläuft in steilen Serpentinen – auf halbem Wege muss ich mein Bündel absetzen, meine Schultern schmerzen zu sehr. Ich werfe einen Blick auf das Dorf – es sieht so klein aus von hier oben. Eine lächerliche handvoll windschiefer Hütten, nur zwei oder drei richtige Häuser – eins davon gehört dem Kaufmann, dem seit Gestern die Tochter des Meisters versprochen ist.

Wie verhasst ihr mir alle seid – alle, die kleinen Dorfjungen, die sich immer einen Spass daraus gemacht haben, mich mit Steinen zu bewerfen, die älteren Burschen, die über mich gelacht haben, die Mädchen, die ihren Blick erschreckt und angewidert abgewand haben, wenn sie zufällig auf der Strasse den meinen gekreuzt haben – wenn ich sie auch nur eine Sekunde zu lange angesehen habe.

Der Mond ist jetzt aus den Wolken hervorgebrochen – das ist gut, ich brauche sein Licht. Ich habe das Plateau erreicht, dass den Gipfel des Berges bildet – eine freie Fläche, nur in der Mitte liegt ein Felsbrocken, etwa hüfthoch und oben abgeplattet. Ein Altar, ein Ort mit einer starken Magie, die nur ich allein zu nutzen weiss.

Ich spüre jetzt, die Zeit ist gekommen. Ich fühle eine innere Spannung, die grösser ist, als ich selbst. Ich habe mein Eisen auf den Altar gelegt, so, wie meine Mutter es mir erklärt hat.

Ich glaube, zuerst werde ich meinen Meister besuchen. Der Meister ist mächtig, aber ich werde keine Angst mehr haben. Dann die anderen Knechte, und danach…ich glaube, es wird egal sein, wer mir über den Weg läuft, es wird eine zeitlang dauern, bis mein Hunger nach Rache gestillt ist. Auch den Kaufmann, der mir meine Geliebte stehlen will, werde ich nicht vergessen. Und dann wird sie mir in die Arme sinken und wird mir zu Willen sein, nur mir….

Ich hebe die Hände zum Himmel empor, mein Mund öffnet sich, und wie von selbst fliessen die Worte aus mir heraus, die alten, machtvollen Worte, die ich so oft vor mich hingemurmelt habe, und wegen derer mich die anderen schliesslich für verrückt gehalten haben.

Ein Blitz zerspaltet die Luft, schlägt direkt vor mir in den Altar ein und versengt mir die Hand, die eben noch mein Eisen gehalten hat, das Eisen, das jetzt anfängt, rot zu glühen. Ein starker Wind kommt auf, ein Heulen, dann ist alles vorbei. Es ist ruhige Nacht, und der Mond scheint.

Als ich mein Schwert vom Altar nehme, spürt meine Hand keinen Schmerz.

L’histoire d’un condamné




Bar-le-duc, 19. Oktober 1597



Gestern am späten Abend sind wir bei Wind und strömendem Regen am Schlossportal angekommen. Wir, das sind neben mir noch zwei arme Teufel, die sich mir als Pascal und Michiel vorgestellt haben. Beide bezeichnen sich als Zuckerbäcker und behaupten, einst im Dienste des Grafen von Venedig gestanden zu haben – ehrlich gesagt bezweifle ich dies aber. Es sind zwei ungepflegte, ausgemergelte Kerle von schlechten Umgangsformen. Beim Grafen von Venedig, der für sein vornehmes Hofleben weithin bekannt ist, wären zwei solche Figuren höchstens als Stallknechte untergekommen – wenn man sie nicht einfach direkt aus der Stadt gejagt hätte. Was meines Erachtens nach auch der Fall gewesen ist.

Der Oberkörper des einen ist von einem eitrigen Ausschlag bedeckt, während der andere so schlechte Zähne hatte, das es mir unbegreiflich ist, wie er es überhaupt anstellte, standesgemäß zu speisen. Während der zwei Tage und zwei Nächte dauernden Kutschfahrt, die im schönen Nizza ihren Anfang genommen hatte, hatte ich mich, soweit es möglich gewesen war, von ihnen ferngehalten.

Ich selbst bin Bildhauer, ausgebildet beim grossen Meister Michelangelo, der Zeit seines leider viel zu kurzen Lebens grösste Stücke auf mich gehalten hat. Ich bin hier, um dem Stadtfürsten bei der figürlichen Ausgestaltung seiner Kirchenfassade zu unterstützen. Mich reizt die Herausforderung, die mit dieser Aufgabe verbunden ist – zum ersten Mal werde ich die Gelegenheit haben, völlig frei und ohne die Bevormundung eines Meisters meine eigenen Ideen und Fantasien zu verwirklichen. Allein deshalb habe ich auch die beschwerliche Reise hierher auf mich genommen und die geringe Bezahlung von 500 Goldtalern akzeptiert, was für eine Arbeit, die mit Sicherheit mehrere Monate in Anspruch nehmen wird, äusserst kärglich ist.

Nachdem wir das Schlossportal erreicht hatten, wurden wir von zwei Wachleuten äusserst unsanft in eine kleine Kammer im Untergeschoss des Wirtschaftsgebäudes geleitet. Als mir klar wurde, dass man offenbar plante, mich zusammen mit meinen unappetitlichen Begleitern in einer einzigen Kammer unterzubringen, legte ich sofort schärfsten Protest ein, der aber unbeantwortet blieb – offenbar ist den beiden Wachleuten mit südprovenzialischer Dialekt nicht geläufig.

Wider erwarten bin ich schnell eingeschlafen, die Reise hat mich offenbar mehr erschöpft, als ich gedacht hatte.



Gerade eben bringe ich diese Zeilen zu Papier, die Sonne ist bereits aufgegangen, und ich bin sicher, gleich wird jemand erscheinen, der mich in den weiteren Ablauf der Arbeiten einweisen wird – und mir eine andere Kammer besorgt.



(Abends)

Irgend etwas stimmt hier nicht.

Anstatt mich, wie es für einen Kunstmeister meines Standes angemessen wäre, dem Fürsten oder zumindest dem obersten Bauleiter vorzustellen (und dieses letzte wäre auch unabdingbar für den ordnungsgemässen Verlauf der Arbeiten), hat man mich gleich heute früh in eine einige Kammern weiter im selben Gebäude gelegene Werkstatt geführt und mir einige Pergamente mit schlampig hingeworfenen Skizzen der Kirchenfassade in die Hand gedrückt. Ich wollte protestieren, aber offenbar scheint hier niemand meine Sprache zu verstehen. Ausserdem warf man, kaum das ich den kleinen, spärlich beleuchteten Raum betreten hatte, die Türe hinter mir zu.

Vielleicht ist der für mich verantwortliche Bedienstete erkrankt oder zur Zeit mit anderen Aufgaben beschäftigt – wahrscheinlich wird sich alles bald klären.



Einmal eingesperrt in meiner kleinen Werkstatt blieb mir wenig anderes zu tun als mit mit meiner Arbeit zu beginnen. Ich fand die nötigen Materialien und Gerätschaften sowie einige geeignete Steinblöcke.



Kurz nach Sonnenuntergang brachte man mich wieder zurück in unsere Zelle. Als wenig später die anderen Beiden – Pascal und Michiel, wie ich mich erinnerte – hineingestossen wurden, versuchte ich sie nach dem Verlauf ihres Tages zu fragen, erhielt als Antwort aber nur das gleiche spöttische Lachen, mit dem sie mich schon während der Fahrt hierher bedacht hatten, und das neben den bereits erwähnten anderen Umständen der hauptsächliche Grund war, weswegen ich sie gemieden hatte.

Bis auf Weiteres bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als ohne weitere Rücksprache mit meiner Arbeit zu beginnen. Allerdings werde ich es, wenn der Verantwortliche in den nächsten Tagen erscheint, nicht unterlassen, mein Missfallen über die bisherigen Umstände kund zu tun.



26. Oktober 1597



Eine Woche bin ich jetzt hier. Offenbar kommen sie heute etwas später, um mich zu holen, denn die Sonne ist bereits aufgegangen und noch war niemand hier. Ich nutze die wenigen freien Minuten, um mein Tagebuch auf den neuesten Stand zu bringen.

Die Dinge stehen schlecht. Bisher hat sich nicht mehr ereignet, als dass ich jeden Morgen in meine Werkstatt gestossen und jeden Abend ebenso unsanft wieder zurückgebracht werde. Nach wie vor wird jedes Gespräch verweigert. Wenn nicht bald etwas geschieht, muss ich irgendetwas unternehmen – was, ist mir allerdings schleierhaft.

Das Licht schwindet immer mehr. Für heute werde ich die Aufzeichnungen beenden.



30. Oktober 1597



Heute haben sie mich geschlagen.

Ich bin jetzt zwölf Tage hier, und noch immer habe ich niemanden gesprochen, der mir das alles hier erklären kann. Als sie mich eben aus meiner Werkstatt abgeholt haben, habe ich die Beherrschung verloren, bin auf einen von ihnen losgegangen und habe ihm das Gewand zerrissen. Ich weiss nicht, ob ich damit einen Fehler begangen habe, aber ich muss doch wissen, was los ist!

Sie haben mir mit ihren schweren Knüppeln so oft in den Bauch und in die Seiten geschlagen, dass ich am Ende die Besinnung verloren habe. Ich weiss nicht, wie ich wieder in meine Kammer gelangt bin – als ich aufgewacht bin, lag ich in einer Ecke, mein Kopf dröhnte, und mein Gewand war mit Blut bedeckt. Die anderen Beiden haben sich nicht um mich gekümmert, und ich habe mich ihnen auch nicht bemerkbar gemacht – wozu auch? Auf das Hohngelächter, mit dem sie jede meiner Aüsserungen bedenken, kann ich verzichten.

Der Vollmond gibt mir, jetzt, wo ich mich etwas besser fühle, das nötige Licht, um diese Aufzeichnungen anzufertigen. Mein Kopf tut mir so weh – ich hoffe, morgen kommen sie nicht, um mich zu holen.



15. November 1597



Was soll ich tun? Ich weiss jetzt, niemand wird mehr kommen, um nach mir zu sehen. Ich sitze hier in der Falle. Was soll ich nur tun?



(Abends)

Habe damit begonnen, einen kleinen Engel zu modellieren. Ich kann vom Fenster meiner Werkstatt aus das Kirchenportal sehen, das muss mein einziger Anhaltspunkt sein. Was bleibt mir anderes übrig, als mich in das Los meiner Gefangenschaft zu fügen?



(Winter)

Es ist so kalt hier drinnen!

Jede Nacht wache ich auf, weil ich am ganzen Leib zittere. Und am Tage, bei der Arbeit, bin ich dann Müde und unkonzentriert.

Ich habe den ersten meiner Engel fertiggestellt – in Anbetracht der Bedingungen, unter denen ich hier arbeiten muss, habe ich meine Sache erstaunlich gut gemacht.



(Zwei Tage später)

Diese verdammte Kälte!



(Später)

Heute morgen ist Michiel gestorben. Steif und unbeweglich lag er auf den kläglichen Bisschen Stroh, mit dem seine Schlafstätte ausgestattet ist.

Am Abend war seine Leiche fort, und uns beiden haben sie jeweils einen alten, mottenzerfressenen Mehlsack hingeworden.



Ich habe mit einer neuen, grossen Figur begonnen – die beiden Engel, die ich bereits fertiggestellt habe, haben sie abgeholt, und irgendwer hat sie an der vorgesehen Stelle des Portals anmontiert.



(Frühjahr)

Heute habe ich die letzten Nachbesserungen an Gesicht und Händen vorgenommen. Die Figur ist fertig, eine grosse, würdevolle Gestalt, die über der Mitte des Portals fixiert werden muss.

Es wird wärmer, die Sonne scheint in meine Werkstatt, und das erste Grün kommt zum Vorschein.



Seit einiger Zeit versuche ich, Abends einige Worte mit Pascal zu wechseln. Nach dem Tod seines Freundes war er zuerst völlig verstummt – offenbar haben auch diese Beiden nicht wirklich gewusst, worauf sie sich hier eingelassen haben.

Ich bin so weit gekommen, dass er mir mit einfachen, kurzen Sätzen antwortet. Ich kann nicht viel aus ihm herausbringen, nichts über seine Herkunft, seine Vergangenheit – aber das Frühjahr kommt, und ich versuche, Hoffnung zu schöpfen.



(Später)

Mit Pascal stimmt etwas nicht. Er hat aufgehört, zu reden, und sein Gesicht ist immer häufiger mit Schwielen und Wunden übersäht, wenn er abends zurück in unsere Zelle kommt. Ich versuche, aus ihm herauszubekommen, was passiert, ich frage ihn eindringlich, bekomme aber keine Antwort.



(Später)

Musste heute eine schreckliche Szene miterleben.

Man hatte mich eher in unsere Zelle zurückgebracht als Pascal, ich war also dabei, als er kam. Wieder trug er neue Verletzungen im Gesicht, schlimmer noch als bisher. Die Wachen stiessen ihn brutal zur Türe hinein, er stolperte und fiel dabei hart auf den kalten Steinboden. Das alleine ist allerdings nichts ungewöhnliches, nicht mehr als die übliche Behandlung, die sie uns hier angedeihen lassen. Schlimm wurde es, als Pascal sich direkt nach seinem Sturz wieder aufrichtete – ich konnte kurz in sein Gesicht sehen und fand darin eine blinde, irrsinnige Wut geschrieben – dann stürzte er sich blind auf seine Peiniger, wurde zurückgestossen, griff erneut an….was folgte, ist zu brutal, um es in Worten niederzuschreiben.



Wie es war im Winter, als es so kalt war, als wir beide Angst hatten zu erfrieren, so wie Michiel, und als wir dann nichts anderes mehr wussten, als uns aneinander zu wärmen…

Jetzt bin ich alleine.



Morgen werde ich einen Fluchtversuch starten, egal wie. Das hier muss ein Ende haben.



(Herbst)

Es wird jetzt wieder kälter. Da mein linkes Auge erblindet ist, geht meine Arbeit nur noch langsam vorran. Auch ist meine rechte Hand nicht mehr voll belastbar, sie muss wohl – mangels ordnungsgemässer Behandlung – schief zusammengewachsen sein.

Aber es muss doch weitergehen. Abends, wenn es dunkel wird, sehe ich die Figuren am Schlossportal geheimnisvoll leuchten – mein Auftrag ist noch nicht beendet.



(Drittes Jahr)

Was sagt mir dieser Blick?

Nachts, im Mondschein, ich sehe die Figuren jetzt auch, wenn ich schlafe, in meiner Zelle. Es ist merkwürdig – was ist nur aus den holden kleinen Englein geworden, die ich für meinen Herrn gefertigt habe? Es scheint mir fast, als wären es düstere Teufelsfratzen, die mich mit wilden Augen anstarren. Ich gehe noch täglich meiner Arbeit nach, oh ja. Was ich dort tue, was dort passiert, in meiner Werkstatt, ich weiss es nicht. Aber ich muss doch wohl arbeiten, denn mein Gebieter hat mich noch nicht entlassen, und noch immer klafft ein Loch in dem grossen, stolzen Portal.



(Fünftes Jahr)

Ich spüre es, wie es lauert, und kann doch nichts dagegen tun. Wenn sie kommen, morgens und abends, die Wachen.

Ich möchte sie warnen, aber mein Mund bleibt verschlossen, das ist der Schwur, an den ich gebunden bin. Und nur ich weiss, dass sie leben, sie alle, und in ihrer Mitte, hoch über dem Portal, die stolze Königin der Nacht, sie, die ich allein mit meinen Händen schuf, in demütigstem Auftrag meines Meisters.

Es wird bald geschehen, sehr bald. Ich spüre schon, wie sie ihre Schwingen erhebt, sich aufmacht von ihrem Thron und herabkommt um zu richten. Ich kann sie nicht warnen, die Wache, mein Mund ist verschlossen, willenlos schweigend sehe ich zu, wie die Nacht über sie kommt und ihre Glieder zerfetzt, ihre Köpfe und Augen zermalmt und ihre Herzen in Stücke reisst.



(Später)

Jetzt ist das Portal vollendet. Die Lücke ist gefüllt und die Königin an ihren Platz zurückgekehrt. Mein Auftrag ist ausgeführt.

Alles ist vorbei, und auf mich wartet nur noch die Finsternis.

Das Land am Schwarzen See


Prolog


Es ist soweit, ich habe ihn gefunden.
Jetzt ist der Augenblick, in dem zwischen jetzt und gleich Welten liegen, in dem sich alles ändern kann, muss – wird. Auf diese Konfrontation habe ich mich mein ganzes Leben lang kontinuierlich zubewegt.
Momenten wie diesem ist eine gewisse Abgeklärtheit zu eigen – gleichsam als ein letzter Rettungsanker vor dem Kommenden entsteht eine Sphäre der Zeitlosigkeit, in der Platz ist für eine Rückschau, für die grosse Rekapitulation: letzte Gelegenheit für Rechtfertigung.
Ich betrete also diese Sphäre: kurz und flüchtig, aber zugleich für eine Ewigkeit. Meine Gedanken schweifen, gehen zurück…

I. Teil
1.
Ich erinnere mich an einen Morgen, an dem meine Mutter schon sehr früh in mein Zimmer kam. Die ersten Sonnenstrahlen fielen gerade durchs Fenster, es sah nach einem schönen Tag aus.
„Guten Morgen, mein Schatz, Frühstück ist fertig. Hast Du gut geschlafen?“
Ich tat so, als hätte ich sie nicht gehört und drehte mich zur Sicherheit noch etwas tiefer in mein Bettzeug hinein. Schliesslich war ich erst vier Jahre alt, und meiner festen Überzeugung nach für solch grausame Erwachsenen-Verpflichtungen wie frühes Aufstehen noch viel zu klein.
Auf diese Weise gut versteckt wähnte ich mich in Sicherheit und versuchte, unbekümmert von den nahenden Schritten meiner Mutter, wieder einzuschlafen. Allerdings, daraus sollte leider nichts werden:
Plötzlich, unvermittelt und mit einigem Schwung traf mich ein nasser, kalter Waschlappen mitten ins Gesicht. Ich quieckte entrüstet.
„Na, bist Du jetzt wach? Komm, ich helfe Dir beim Anziehen!“
Ich musste lachen und ließ mich jetzt ohne großen Widerstand von meiner Mutter aus dem Bett heben. Mich ärgerte nur die Tatsache, dass sie den Trick mit dem Waschlappen schon ziemlich oft angewandt hatte, und ich jedesmal wieder drauf hereinfiel.

2.
Beim Frühstück kämpfte ich ein wenig mit meiner Müslischüssel, irgendwie schien sie sich mit dem zugehörigen Löffel abgesprochen zu haben, ihren Inhalt nur unter grösstem Widerstand herzugeben. Ich leistete wahre Schwerstarbeit, während meine Mutter und mein Vater lachend zusahen und gelegentlich kleine Milchpfützen vom Tisch wischten.
„Sag mal, mein Sohn, hast Du nicht Lust, heute wieder Deinen Drachen steigen zu lassen? Die Sonne scheint, und es weht genau der Wind, den ein wilder Drache braucht, um richtig hochfliegen zu können!“
Ich grinste erst, wobei ich wieder etwas Milch über den Tisch verteilte, dann nickte ich. Das mit dem Drachen war ein guter Plan: Ich hatte ihn vor zwei Wochen geschenkt bekommen, er war fast so groß wie ich selbst, hatte grosse blaue Flügel, einen roten Kopf der finster dreinblickte, und zwei tolle lange Schnüre – an denen hatten wir ihn neulich so hoch steigen lassen, das ich ihn am Himmel kaum noch hatte erkennen können.
Ich beeilte mich, mit meinem Müsli fertig zu werden, und dann wartete ich ungeduldig, bis mein Vater soweit war, sich den Drachen unter den Arm klemmte und mit mir zur nahgelegenen Wiese ging.
3.
„Papi, schau!“
Den Kopf in den Nacken gelegt, sah ich gebannt zu dem Drachen hinauf, der langsam weiter und weiter den Himmel hinaufkletterte.
Mein Vater zog abwechselnd mal an der linken, mal an der rechten Schnur, und der Drache folgte gehorsam und drehte seine Kurven am Himmel, sein langer Schwanz aus bunten Papierecken wehte im Wind. Für mich war der Drache längst schon zu einem eigenständigen, lebendigen Wesen geworden, der am Himmel Vögel verscheuchte, wilde Kämpfe mit Luftgeistern führte und den scharfen Blick seiner grünen Augen über das weite Land schweifen liess.
Als wir den Drachen schließlich einholten, begann es schon dunkel zu werden. Ich weiss noch, das ich mich sehr müde, aber auch sehr glücklich fühlte, als ich, die Schnur des Drachen noch in den Händen, auf dem Arm meines Vaters lag und langsam einschlief, während er mich vorsichtig nach Hause trug.
4.
Während der nächsten Tage blieb das Wetter warm und sonnig. Ich verbrachte die meiste Zeit damit, unseren Garten zu erkunden, mir Bilderbücher anzusehen oder einfach meiner Mutter bei ihrer Arbeit im Haus zuzuschauen.
Auf diese Weise vergingen ein oder zwei Wochen, und eines Tages wehte wieder ein schöner, kräftiger Wind draussen, und ich hatte die Idee, wieder mal nach meinem Drachen zu schauen. Ich schaute in den großen Flurschrank, in den mein Vater ihn gehangen hatte, konnte ihn aber nicht finden.
„Mami, weisst Du, wo der Drachen hin ist?“
Meine Mutter stand hinter unserem großen klappbaren Bügelbrett und war gerade damit beschäftigt, einen Berg Hemden zu bügeln. Sie drehte mir den Rücken zu.
„Welcher Drachen? Ach, der…“
Sie faltete das Hemd zusammen, mit dem sie gerade beschäftigt gewesen war, legte es in den Wäschekorb und nahm sich dann das nächste vor, diesmal ein rotes.
„Deinen Drachen haben wir dem Schwarzen See gegeben. Komm, spiel was anderes.“
Ich verstand nicht, was das bedeutend sollte, wer oder was der Schwarze See war und wieso meine Eltern ihm einfach so meinen Drachen gegeben hatten. Ich fing an zu weinen.
Meine Mutter bügelte den Kragen des roten Hemdes. Als es fertig war, begann sie damit, es ebenfalls einzufalten.
Mittlerweile rannen mir die Tränen übers Gesicht, ich schluchzte.
„Mami?“
Meine Mutter war jetzt mit dem Bügeln fertig geworden, nahm den Wäschekorb und trug ihn den Keller.

II.Teil
1.
Einige Jahre waren vergangen. Mittlerweile hatte ich eingesehen, dass ich mich nicht vor dem Aufstehen drücken konnte, indem ich mich tiefer in meine Bettdecke wickelte, und auch den Umgang mit Müsli und Frühstückslöffeln beherrschte ich jetzt ganz gut.
Ich war 16 Jahre alt, gerade dabei, die Schule zu beenden und mir über meine weitere Zukunft Gedanken zu machen.
Die Möglichkeiten waren dort, wo ich lebte, nicht sehr gross. Neben den vielen Guts- und Bauernhöfen, die für den Grossteil der Einwohner den Broterwerb darstellten, gab es nur einige wenige Handwerker, bei denen man mit Fleiss und Geschick eine Lehre absolvieren konnte.
Für mich bedeutete dies, das ich mich in den nächsten Wochen würde entscheiden müssen zwischen der Möglichkeit, auf dem Hof meines Vaters zu bleiben, oder, wie es zum Erlernen eines Handwerks üblich war, für ein oder zwei Jahre auf Wanderschaft zu gehen, auf der Suche nach einem Meister, bei dem ich lernen konnte.
Im Grunde fiel mir die Entscheidung nicht all zu schwer; mich hatte nie wirklich viel mit meinem Zuhause verbunden. Zwar hatten meine Eltern immer gut für mich gesorgt, aber ich spürte schon seit langem, dass mein Herz nicht hierhin gehörte.

2.
Als ich noch ein kleiner Junge war, war das anders gewesen: Ich fühlte mich wohl in unserem kleinen Dorf, ich verbrachte viel Zeit in den Wäldern der Umgebung, und ich hatte einen Freund, mit dem zusammen ich neugierig die Welt erkunden konnte.
Hans war der Kind eines Antiquitätenhändlers, der sein Geschäft ein Stück weit die Straße herunter hatte. Er war ungefähr genau so alt wie ich, und wir waren schnell dicke Freunde geworden.
Eines Tages aber war Hans verschwunden. Er tauchte eines Morgens nicht an unserem gemeinsamen Treffpunkt auf dem Weg zur Schule auf, und auch an all den anderen Orten, an denen wir gemeinsam unsere Zeit verbracht hatten, und die ich wochenlang regelmäßig und verzweifelt besuchte, fand ich ihn nicht.
Merkwürdigerweise schien sich niemand so recht für sein Verschwinden zu interessieren; auf meine Fragen bekam ich von meinen Eltern, von den Lehrern in der Schule und allen anderen, bei denen ich es versuchte, keine Antwort, fast schien es, als könnten sie sich nur mit Mühe an denen kleinen, schwarzhaarigen Jungen erinnern, der mir so vertraut gewesen war, dass ihn – bis er verschwand – beinahe jeder für meinen Bruder gehalten hatte.
Natürlich hatte ich auch seine Eltern gefragt, aber auch sie wollten mir keine Auskunft geben, fast schien es, als würden sie mich gar nicht kennen – sehr zu meiner Verwunderung, war ich doch in den letzten zwei Jahren beinahe täglich bei ihnen zu Besuch gewesen.
Der einzige Unterschied zu den anderen Erwachsenen, die ich gefragt hatte, war der, dass ich bei ihnen hinter der Gleichgültigkeit, die mich so sehr erstaunte, wenigstens so etwas wie Verwirrung und Trauer zu spüren glaubte.
Dieser Eindruck verdeutlichte sich in der Zeit der ersten Monate nach Hans‘ Verschwinden immer mehr, auch wenn sie auf meine regelmäßigen Fragen immer noch keine Antwort geben wollten oder konnten. Irgendwann gab ich es auf und besuchte sie nicht mehr.
Etwa ein halbes Jahr später fand man dann eines Morgens den Antiquitätenladen geschlossen und verbarrikadiert vor. Anders als beim Verschwinden ihres Sohnes erinnerten sich die Dorfbewohner aber durchaus noch an die Beiden; nach einiger Zeit tauchten Zeugen auf, die gesehen hatten, wie sie bei Nacht und Nebel das Dorf verließen.

Seit dieser Zeit war mein Verhältnis zu meinen Mitmenschen, meinen Lehrern, Mitschülern, und auch zu meinen Eltern, deutlich kühler geworden. Ich ging nach wie vor zur Schule und erledigte meine anfangs kleinen, mit zunehmendem Alter dann immer grösseren Aufgaben auf dem Hof meiner Eltern.
Den grössten Teil meiner freien Zeit aber verbrachte ich allein. Ich machte lange Spaziergänge durch die Wälder, wie damals, als Hans noch da war, oder verbrachte Stunden damit, in meinem kleinen Zimmer alte Bücher zu lesen, die ich auf dem Dachboden gefunden hatte.
Als ich alles gelesen hatte, was ich dort finden konnte, begann ich damit, Bücher zu lesen, die ich auf Jahrmärkten gekauft hatte; ein paar sehr alte Exemplare hatte ich auch aus dem Nachlass von Hans‘ Eltern erstanden, der einige Zeit nach deren Verschwinden auf dem Marktplatz versteigert worden war.
Ich begann, zuerst unbewusst, dann immer zielgerichteter, mich für die Geschichte des Landes, in dem ich lebte, zu interessieren. Zu Anfang wusste ich selbst nicht genau, warum ich all diese alten Bücher las und was mich so sehr zu ihnen hinzog, aber dann wurde mir klar, dass ich auf der Suche nach etwas war: Ich wollte herausfinden, was mit diesem Land nicht stimmte, was mit Hans passiert war, warum sich niemand mehr an ihn zu erinnern schien, warum seine Eltern sich heimlich davonschleichen mussten, um ihren Sohn so zu betrauern wie es ihnen zustand. Und ich wollte herausfinden, was es mit dem Schwarzen See auf sich hatte, der mir als Kind meinen Drachen gestohlen hatte.

3.
Wie ich vermutet hatte, war mir die Entscheidung über die ersten Schritte meines künftigen Lebensweges nicht schwer gefallen. Zu Beginn des Sommers war meine Schulzeit zu Ende gegangen, ich hatte mir ein paar Tage Zeit genommen, um einige Dinge auf unserem Hof zu erledigen und mich von meinen Eltern zu Verabschieden, und würde den nächsten schönen Tag nutzen, um mich auf Wanderschaft zu begeben. Mein Bündel hatte ich bereits geschnürt, es enthielt mein leidlich gutes Schulzeugnis, ein altes Buch, an dem ich sehr hing und ein bisschen Geld, das ich mir zur Seite gelegt hatte.
Ich hatte mich dafür entschieden, das Handwerk des Tischlers zu erlernen. Die Arbeit mit Holz schien mir angenehm und interessant zu sein, und es war ein Beruf, den man, hatte man einmal seine eigene Werkstatt, zum allergrössten Teil allein ausüben konnte.
Mein Ziel war es also, möglichst bald einen Meister zu finden, bei dem ich lernen konnte. Aber wie jeder junge Mensch fühlte auch ich in mir auch den starken Drang, neues zu Entdecken, meine Umgebung zu erforschen und vielleicht eine bessere Welt zu finden.
Am nächsten Tag war es soweit. Früh am Morgen stand ich auf, umarmte meine beiden Eltern, wobei ich in Augen meiner Mutter Tränen schimmern sehen konnte, und machte mich leichten Herzens auf den Weg. Ich fühlte durchaus Anteilnahme für die Traurigkeit meiner Eltern, und für einen winzigen Moment dachte ich daran, doch dazubleiben, aber dann schlug ich diese Bedenken schnell in den Wind. Es war alles so geplant, es war das, was ich wollte, und im Grunde fiel mir der Abschied auch nicht allzu schwer.

4.
Während der ersten Tage verlief meine Wanderung ohne grosse Vorkommnisse. Ich hatte mein Dorf und seine Umgebung verlassen und war schnell in eine Gegend vorgestoßen, die mir noch unbekannt war. Ich hatte einige kleine, unbedeutende Dörfer vorgefunden, in denen ich manchmal gegen ein geringes Entgeld, meist aber völlig kostenlos, eine Nacht in einer Scheune oder einem Stall verbringen konnte. In der Regel durfte ich auch am Frühstück am nächsten Morgen teilnehmen – Wandersgesellen wie ich waren, solange sie sich höflich und zuvorkommend verhielten, gern gesehene Gäste: Sie versprachen etwas Abwechslung in den immer gleichen Ablauf des alltäglichen Lebens zu bringen und wussten häufig interessante Neuigkeiten zu berichten, und seien es nur die neuesten Gerüchte aus dem Nachbardorf.
Einen Meister hatte ich bisher noch nicht gefunden, aber ich hatte damit auch keine wirkliche Eile – wen es nach mir ging, konnte meine Wanderschaft durchaus noch einige Zeit lang so fortdauern.
Allerdings musste ich mich nach einiger Zeit um meine doch etwas geschrumpften Geldvorräte kümmern – zwar hatte ich noch genügend Reserven, um mich noch eine Zeitlang sicher zu fühlen, wollte aber auch dafür sorgen, dass dies so blieb. Ich begann also, nach einer einfachen Arbeit zu suchen, die ich für die Dauer von zwei oder drei Wochen ausüben konnte.
Ich fand ein Unterkommen auf einem Gutshof am Rande des ersten etwas grösseren Dorfes, durch das ich kam. Die Gutsherren suchten gerade jemanden, der einfache Arbeit im Stall und auf dem Feld verrichten konnte – interessanterweise deshalb, weil ihr eigener Sohn vor kurzem auf Wanderschaft gegangen war und seine Arbeitskraft somit fehlte.
Man gab mir ein Nachtlager in einem kleinen Zimmerchen unter dem Dach, ich durfte an den Mahlzeiten der Familie teilnehmen und hatte Abends und am Sonntag frei.

5.
Wie in vielen anderen Dörfern auch, fand das gesellschaftliche Leben hier hauptsächlich auf dem großen Marktplatz statt – gerade zur Sommerzeit, also auch jetzt, füllte er sich Abends mit Menschen aller Altersgruppen, die teilweise auf mitgebrachten Stühlen, teilweise aber auch einfach auf den noch warmen Pflastersteinen sassen.
Die neue Umgebung schien mir gut zu tun; nach getaner Arbeit verspürte auch ich – ganz im Gegensatz zu meinen sonstigen Gewohnheiten – das Bedürfnis nach menschlicher Gesellschaft.
Eines Abends, gut zwei Wochen waren seit meiner Ankunft im Dorf vergangen, meinte ich in der Menge ein Gesicht zu sehen, dass mir bekannt vorkam. Für einen Moment glaubte ich tatsächlich, Hans, den verlorenen Spielgefährten aus meiner Kinderzeit wiedergefunden zu haben, aber der Eindruck verflog schnell, als ich näher kam: es war sein Vater, der dort am Rande des Marktplatzes auf einem Stein saß und gedankenverloren in den Sonnenuntergang schaute.
Ich war zuerst sehr erfreut und wollte auf der Stelle zu ihm herübergehen und ihn begrüssen, aber dann erinnerte ich mich an das gleichgültige, abweisende Verhalten, das er und auch Hans‘ Mutter in den Monaten nach Hans‘ verschwinden mir gegenüber an den Tag gelegt hatten. Und ich erinnerte mich auch daran, dass beide sich schon damals kaum an mich zu erinnern schienen – wie würde es jetzt sein?
Langsam ging ich auf ihn zu – da er seinen Blick vom bunten Treiben auf dem Marktplatz abgewandt hatte, konnte er mich zuerst nicht sehen. Ich blieb ein paar Schritte entfernt von ihm stehen und betrachtete ihn.
Es war jetzt ziemlich genau zehn Jahre her, seit ich ihn zum letzten mal gesehen hatte. Er war alt geworden, sein früher schwarzer, dichter Haarwuchs, den er seinem Sohn vererbt hatte, war völlig ergraut, und in sein Gesicht hatten sich tiefe Falten eingegraben.
Es kostete mich einigen Mut, mich vor ihn hinzustellen und ihn anzusprechen. Er hob langsam den Kopf und schaute mich an, aber ich konnte in seinen Augen keinerlei Anzeichen dafür finden, dass er mich erkannte. Ich sprach ihn nochmal an, aber er reagierte nicht. Nach einiger Zeit wandte er sich wieder ab und fuhr damit fort, mit leerem Blick in den Sonnenuntergang zu schauen.
Ich hatte, um ehrlich zu sein, nicht erwartet, dass er mich erkennen würde, aber mit so einem Verhalten hatte ich dann doch nicht gerechnet. Etwas unschlüssig stand ich da und dachte nach, als ich hinter mir eine Stimme hörte:
„Nehmen Sie’s ihm nicht übel, er meint es nicht böse, wenn er so schweigsam ist. Er war schon immer so, jedenfalls, seit er hierher gekommen ist, und seitdem seine Frau letzten Winter gestorben ist, redet er überhaupt nicht mehr.“
Ich drehte mich um und sah, dass ein junges Mädchen, blond und etwa in meinem Alter, sich aus der Gruppe der Anderen gelöst hatte und auf mich zuging.
„Sie sind nicht von hier, oder? Ich hab Sie letzte Woche auf dem großen Hof arbeiten sehen. Bleiben Sie länger?“
Sie stand jetzt direkt vor mir, und ich schaute geradewegs in ihre grossen, leuchtend blauen Augen.
„Das weiss ich noch nicht – nein, eigentlich bin ich auf der Suche nach einem Tischlermeister, bei dem ich lernen kann. Ich arbeite ein paar Wochen hier, weil mir das Geld ausgegangen ist.“
Immer noch hatte sie ihre Augen direkt auf mich gerichtet, und ein paar Sekunden schwiegen wir beide. Dann fielen mir ihre ersten Worte wieder ein, und ich fragte:
„Wie lange ist er schon hier, und woher kennst Du ihn? Ich kannte ihn, als ich ein kleiner Junge war, da – „
Freudiges Erstaunen huschte über das Gesicht des Mädchens, und sie fiel mir ins Wort:
„Du kanntest ihn? Dann weisst Du ja sicher, woher er gekommen ist! Mein Vater sagt, er und seine Frau seien vor etwa zehn Jahren hierher gekommen. Eine Zeitlang haben sie Arbeit auf dem Feld gefunden, aber es ging ihnen nie wirklich gut hier – sie haben sehr zurückgezogen gelebt. Bis seine Frau gestorben ist, da haben wir ihn bei uns aufgenommen – er hätte es alleine nicht mehr geschafft. Wir haben immer gerätselt, warum sie eigentlich hierher gekommen sind. Weisst Du es vielleicht?“
„Sie kommen aus dem gleichen Dorf, aus dem ich auch komme. Sie hatten dort ein Antiquitätengeschäft, bis sie eines Tages verschwunden sind.“
Eine Zeitlang herrschte wieder Schweigen zwischen uns, dann sagte sie:
„Möchtest Du vielleicht mit rüber zu uns kommen? Ich würde Dich gerne meinem Vater vorstellen, ich bin sicher, Du wirst ihn interessieren.“
Und mit einem Blick auf den alten Mann, der uns den Rücken zukehrte, fügte sie hinzu:
„Er sucht sich immer diesen Platz hier – setzt sich hin und schaut stundenlang nur in die Gegend hinaus. Komm, lass uns gehen!“
Ohne eine Antwort von mir abzuwarten, drehte sie sich um und lief davon. Ich warf noch einen kurzen, traurigen Blick auf Hans‘ Vater, dann folgte ich ihr.

Eine gute Viertelstunde später wusste ich, dass das junge Mädchen Christina hiess und die Tochter des Ortsvorstehers des kleinen Dorfes war. Sie lebte zusammen mit ihren Eltern und einer kleinen Schwester namens Katharina in einem großen Haus direkt am Marktplatz – ebenso wie ich hatte sie die Schule im Frühjahr abgeschlossen, wollte aber zumindest fürs Erste bei Ihren Eltern bleiben.
Ihre Eltern hatten mich sehr freundlich in Empfang genommen, und nachdem sie mir einen Sitzplatz und etwas zu Trinken besorgt hatten, zeigte vor allem Christinas Vater ein sehr lebhaftes Interesse dafür, dass ich den schweigsamen alten Mann, den er seit letztem Winter bei sich beherbergte, offenbar kannte.
Unsere Dörfer waren etliche Tagesreisen voneinander entfernt, und so war es nicht verwunderlich, dass er die Gegend, aus der ich kam und von der ich ihm jetzt erzählte, nicht kannte. Ich entschied mich dafür, die Umstände, unter denen Hans‘ Eltern unser Dorf verlassen hatten, erstmal für mich zu behalten. Ich sagte nur, dass beide ein Antiquitätengeschäft gehabt hatten und eines Nachts ohne Ankündigung oder erkennbaren Grund weggegangen wären.
Es war so, wie Christina es schon vorher gesagt hatte – Hans‘ Eltern hatten hier im Dorf immer schweigsam und sehr zurückgezogen gelebt. Nie hatten sie jemandem erzählt, woher sie gekommen waren, und auch nicht, dass sie einen Sohn gehabt hatten.
Ähnlich wie ich interessierte Christinas Vater sich sehr für die Geschichte unseres Landes, und auch er hatte irgendwann begonnen, nach alten Büchern zu suchen und sie zu sammeln.
Mittlerweile war es spät geworden, es war fast dunkel, und der Marktplatz begann sich zu leeren. Auch Christinas Familie machte Anstalten, nach Hause zu gehen – ich hätte mir für mein Leben gern die Bibliothek angeschaut, die Christinas Vater in jahrelanger Arbeit aufgebaut hatte, und ich begann darüber nachzudenken, ob ich es wagen konnte, ihn danach zu fragen.
Gerade als ich den Mund öffnen wollte, um mein Anliegen vorzubringen, wurde ich selbst von ihm eingeladen – zum Abendessen am folgenden Sonntag. Hocherfreut nahm ich die Einladung an, verabschiedete mich von ihm, seiner Frau und von Christina, die mir einen langen, warmen Blick zuwarf, und ging ebenfalls zurück nach Hause.

6.
Am Sonntag Abend klopfte ich pünktlich um sechs Uhr an die Türe meiner Gastgeber.
Es war eins der grössten Häuser im Dorf; der reich bepflanzte Garten und der gute Zustand des Mauerwerks liessen darauf schliessen, das die Familie vielleicht nicht reich war, jedenfalls aber keinerlei materielle Not kannte. Mein Blick fiel auf eine Inschrift, die direkt neben der Türe angebracht war:
„-@-„
Noch während ich die Inschrift betrachtete, öffnete sich die Türe, und Christina empfing mich in einem schönen, blauen Kleid und einem strahlenden Lächeln. Sie führte mich in die Essstube, wo ihr Vater und ihre Mutter am Tisch sassen und warteten. Katharina, die kleine Schwester, war bereits schlafen gegangen.
Mein Auge suchte nach Hans‘ Vater, aber er war ebenfalls nicht da – es war noch hell draussen, und wie man mir sagte saß er wieder irgendwo am Dorfrand auf seinem Stuhl und beobachtete den Sonnenuntergang.
Nachdem ich auch von beiden Eltern herzlich begrüsst worden war, nahm ich auf dem einzigen noch freien Stuhl Platz. Der Tisch war reichlich gedeckt mit Brot, verschiedenen Salatsorten und einem großen Topf mit fantastisch duftendem Gulasch, und ich langte gut zu, während Christinas Vater begann, über das Leben im Dorf, die Menschen und seine Arbeit als Dorfvorstehen zu reden. Seine Frau sprang ihm ab und zu mit einigen erklärenden Worten bei, überhaupt schien sie die Rolle der Gastgeberin sehr zu geniessen und erkundete sich aufmerksam nach meiner Arbeit auf dem großen Hof, nach meiner Familie, meinem Dorf und dem Ziel meiner Wanderschaft. Christina war nach ihrer überschwänglichen Begrüssung auffällig schweigsam geworden und bedachte mich nur gelegentlich mit einigen schüchternen Blicken.
Kurze Zeit, nachdem wir das Essen beendet hatten, zogen sich zuerst Christina, dann ihre Mutter zurück um schlafen zu gehen; ich machte aus Höflichkeit Anstalten, mich ebenfalls zu verabschieden, wurde aber von Christinas Vater freundlich, aber bestimmt zum Bleiben aufgefordert – ich leistete seiner Bitte nur zu gerne Folge, hatte ich doch die Bibliothek, wegen der ich eigentlich hierher gekommen war, noch nicht gesehen.
Christinas Vater und ich sassen allein am großen Esszimmertisch, auf dem jetzt eine Flasche Wein stand, die Christinas Mutter uns gebracht hatte, bevor sie uns endgültig eine gute Nacht gewünscht hatte.
Eine zeitlang herrschte Schweigen zwischen uns, nicht unangenehm – nur etwas verwunderlich, da der Abend bisher sehr angeregt und lebhaft gewesen war.
Dann fragte mich Christinas Vater unvermittelt: „Hat unser gemeinsamer Bekannter eigentlich Kinder gehabt?“
Ich wusste zuerst nicht, was ich ihm antworten sollte, hatte ich doch Hans und alles was mit ihm zusammenhing eigentlich verschweigen wollen. Dann aber entschloss ich mich aus einem spontanen Gefühl heraus, ihm die Wahrheit zu sagen:
„Ja, die Beiden hatten einen Sohn. Er hiess Hans, und war mein Spielkamerad, als ich ein kleiner Junge war. Eines Tages ist er verschwunden, und ein paar Monate später haben seine Eltern bei Nacht und Nebel das Dorf verlassen.“
Christinas Vater schaute mich einen Moment lang schweigend an, dann nickte er langsam und nahm einen Schluck Wein aus seinem Glas, das vor ihm auf der hölzernen Tischplatte stand.
„Genau das hatte ich erwartet. Es passiert öfter in diesem Land, das Kinder plötzlich verschwinden. Sie sind eines Tages einfach fort, aber niemand spricht darüber, es ist, als hätte es sie nie gegeben. Nur die Eltern scheinen sich noch an sie zu erinnern, und meistens verlassen sie dann kurze Zeit später das Dorf oder die Gegend, in der sie gewohnt haben. Sie versuchen, irgendwo von vorne anzufangen, aber den meisten gelingt es nicht. Dann führen sie bis zu ihrem Tod eine schweigsame, abgeschiedene Existenz – so wie der Vater von Deinem Spielkameraden.“
Wieder sprach lange Zeit niemand von uns. Dann fragte ich, ohne lange darüber nachzudenken:
„Die Bücher, die Sie gesammelt haben – war es deshalb? Steht dort eine Erklärung für diese Vorkommnisse? Ich habe selber zuhause in meinem Dorf angefangen, Bücher zu sammeln und etwas über diese Vorkommnisse herauszufinden.“ Ich zögerte einen Moment, dann fügte ich hinzu: „Ich habe nicht wirklich etwas gefunden – aber ab und zu war von einem Schwarzen See die Rede…“
Dass ich von dem Schwarzen See zum ersten Mal von meiner Mutter gehört hatte, als sie mir als kleines Kind meinen Drachen weggenommen hatte, erwähnte ich nicht. Ich erwähnte auch nicht, das ich eins meiner Bücher von zuhause mitgenommen hatte – in diesem Buch hatte ich eine alte Karte gefunden, worin der Weg zum Schwarzen See eingezeichnet war – ich verstand sie allerdings nicht ganz, denn sie hörte kurz vor ihrem Ende auf – das letzte Stück war herausgerissen worden.
Das Buch hatte ich aus dem Nachlass von Hans‘ Eltern erstanden, und ich hatte es niemals jemandem gezeigt.
Die Reaktion von Christinas Vater auf das, was ich gerade gesagt hatte, bestätigte mich in meiner Vorsicht: er erschrak sichtlich, und für einen kurzen Moment sah ich nackte Angst in seinen Augen. Dann hatte er sich wieder gefassst und antwortete:
„Es ist gefährlich, was Du da redest, weisst Du das? Erwähne den Schwarzen See niemals irgendwem gegenüber. Es gibt nur wenige Menschen, die von ihm wissen, und wenn sie die Unvorsichtigkeit begehen, über ihr Wissen zu reden, leben sie meist nicht mehr lange. Sie verschwinden, genau wie die Kinder, wie Dein Spielkamerad – und wie viele, viele andere Dinge, die auch einfach so verschwinden, ohne das sie jemals wieder von irgend jemandem erwähnt werden. Auch ich habe eine Zeitlang nach dem Schwarzen See gesucht, solange, bis ich Christinas Mutter kennengelernt habe und mit ihr eine Familie gründen wollte. Und Du hast recht, auch heute noch fasziniert mich sein Geheimnis, und deshalb habe ich all die Bücher gesammelt.“
Er sah mir fest in die Augen, bevor er weitersprach: „Wenn Du mir schwörst, niemandem davon zu erzählen, bin ich bereit, Dir Einblick in meine Bibliothek zu geben. Ich verstehe Deine Neugierde, und wenn ich Dir einen ungefährlichen Weg zeigen kann, sie zu stillen, bin ich froh darüber.“

7.
Nach dem Abendessen mit Christinas Familie ging mein Leben nach außen hin weiter seinen Gang – tagsüber arbeitete ich auf dem großen Hof, und Abends ging ich auf den Markt, um mich mit den Leuten aus dem Dorf zu unterhalten, oder ich machte lange Spaziergänge, um die Gegend zu erkunden. Gelegentlich begleitete Christina mich dabei.
Wie verabredet besuchte ich aber jeden Sonntag Abend ihren Vater, manchmal leisteten seine Frau oder Christina uns Gesellschaft, meist aber waren wir alleine. Ich lernte viel über das Dorf, seine Geschichte und auch über die verschwundenen Kinder, die es offenbar zu jeder Zeit gegeben hatte – nie aber war dieses Phänomen offen untersucht worden, es war immer nur ein kleiner, verschworener Kreis, der sich dessen überhaupt bewusst war und der darüber redete.
Auch der Schwarze See wurde erwähnt – selten, und die Bücher, in denen etwas über ihn zu lesen stand, trugen nie den Namen eines Verfassers. Es schien so, als wäre das Wissen um die Existenz des Schwarzen Sees etwas gefährliches – auch Christinas Vater hatte mir ja bezüglich aller Dingen, die wir während unserer Treffen besprachen, absolutes Stillschweigen befohlen. Er als Ortsvorsteher war eigentlich über jeden Verdacht erhaben, trotzdem schien er Angst zu haben.
„Was passiert mit den Menschen, die offen vom Schwarzen See reden? Werden sie beseitigt, und wer ist dafür verantwortlich?“ fragte ich ihnen eines Abends.
„Niemand weiss das – zumindest mir ist es nie gelungen, herauszufinden, was wirklich mit den Menschen passiert, den Kindern – oder den Gegenständen, die auch immer wieder verschwinden.“
„Aber gibt es ihn wirklich, den Schwarzen See? Ist er real?“
Langes Schweigen herrschte, und dann kam langsam die Antwort:
„Ja, es gibt ihn. Und es gibt Menschen, die in der Nähe seines Ufers leben und versuchen, gegen ihn zu Kämpfen und seine Macht zu brechen. Aber kaum jemand kennt den Weg dorthin – und es soll sehr gefährlich sein, ihn zu gehen.“
Christinas Vater zögerte einen Moment, dann sagte er plötzlich: „Es ist spät, Du musst gehen. Wir sehen uns in der nächsten Woche wieder.“
Mir aber brannte eine Frage auf der Seele, eine, die sich mir bereits in dem Moment gestellt hatte, als Christinas Vater zum ersten mit mir über den Schwarzen See gesprochen hatte:
„Haben Sie selbst einmal versucht, den Schwarzen See und die Siedlung dieser Menschen zu finden? Kennen Sie den Weg dorthin?“
Christinas Vater deutete auf die Türe. „Es wird bereits dunkel, und soweit ich weiss, musst Du morgen in aller Frühe aufstehen und auf dem Feld arbeiten.“
Ich wiederholte meine Frage, während ich langsam zur Türe ging: „Wissen Sie, wie man zur Siedlung am Schwarzen See gelangt? Sind Sie dort gewesen?“
Aber ich bekam keine Antwort.



8.
Meine Zeit im Dorf von Christina und ihrer Familie neigte sich ihrem Ende zu. Ich hatte durch meine Arbeit auf dem großen Hof genügend Geld gespart, um davon in den nächsten Monaten mein Wanderleben finanzieren zu können. Auch über mein Ziel war ich mir klar geworden – meine Lehre konnte durchaus noch ein wenig warten, viel wichtiger schien es mir, die Siedlung am Ufer des Schwarzen Sees zu finden, von der Christinas Vater gesprochen hatte.
Die Wegbeschreibung in meinem alten, schon halb zerfallenen Buch reichte von einem ganz in der Nähe gelegenen Wald bis zum Schwarzen See – der See selbst war nicht eingezeichnet, er wurde auch mit keinem Wort direkt erwähnt, aber anhand der Schilderungen, die ich in dem Buch fand, und auch anhand der Tatsache, dass auch dieses Buch anonym verfasst worden war, war ich mir sicher, dass es sich um nichts anderes handeln konnte.
Der Weg führte durch grosse, wenig bewohnte Waldgebiete bis hin zu einer großen Schlucht – danach würde ich mir selbst weiterhelfen müssen, da das letzte Stück der Karte herausgerissen worden war.
Der Tag des Abschieds rückte näher, und ich stellte fest, dass mich die Vorstellung, dieses Dorf, Christinas Vater mit seiner Bibliothek für immer oder zumindest auf unbestimmte Zeit hin zu verlassen, durchaus wehmütig stimmte, viel mehr, als es der Abschied von meinem Heimatdorf getan hatte. Wie damals hatte ich mein Bündel geschnürt, mich von meiner Gastfamilie verabschiedet, und wollte zuguterletzt noch einmal bei Christina und ihrer Familie vorbeischauen. Ich klopfte an die Türe, und genau wie beim ersten Mal vor vielen Wochen fiel mein Blick auf das neben der Tür angebrachte Schild:
„-@-„
Die Türe öffnete sich, und anders als beim ersten Mal war es Christinas Vater, der mir öffnete. Er begrüsste mich herzlich, aber ich meinte auch, eine Spur von Traurigkeit in seinen Augen sehen zu können. Dieses Bild rührte mich und machte auch mir den Abschied nicht gerade leichter.
Im Inneren des Hauses erwarteten mich Christinas Mutter, ihre jüngere Tochter Katharina sowie Christina selbst. Auch der Abschied von ihr würde mir weh tun, und ehrlich gesagt enttäuschte es mich, zu sehen, dass es ihr offenbar überhaupt nicht schwer fiel, mir lebewohl zu sagen. Sie stand freudestrahlend vor mir, und als sie mich umarmte, drückte sie mir einen fröhlichen Kuss auf die Wange.
Die nächste Umarmung kam von ihrer Mutter, und dabei klärte sich das Missverständnis sofort auf:
„Leb wohl, und pass gut auf unsere Tochter auf. Sie hat beschlossen, ebenso wie Du eine zeitlang auf Wanderschaft zu gehen – und sie möchte Dich gerne begleiten.“
Ich gab mir keine Mühe, meine Freude über diese Nachricht zu verbergen – ich nahm Christina noch einmal in die Arme, und nun endlich sah ich auch das grosse, liebevoll geschnürte Bündel, das reisefertig neben ihr in der Ecke lehnte.
Danach fiel mir die kleine Katharina um den Hals, und zuletzt verabschiedete ich mich von Christinas Vater. Wieder fiel mir der traurige Ausdruck in seinen Augen auf – und jetzt verstand ich auch, warum. Er reichte mir die Hand, und sagte:
„Pass gut auf Dich auf, mein Sohn, wo immer Du auch hingehen magst. Auf Dich – und auf meine Tochter. Ich kann Dich nicht aufhalten, und ich kann sie nicht daran hindern, Dir zu folgen. Wenn ich es könnte, würde ich es tun – so bleibt mir jedoch nur, Euch viel Glück zu wünschen.“
Er hatte sehr leise gesprochen, so dass seine Frau und seine Töchter ihn nicht hatten hören können. Christina umarmte erst ihre kleine Schwester, dann ihre beiden Eltern, und dann machten wir uns gemeinsam auf den Weg.
III. Teil



1.
Ich konnte meinen Blick einfach nicht lösen von dem Wald, vom Himmel und den atemberaubend schönen Pflanzen und Tieren, die uns umgaben.
Wir waren heute früh direkt nach Sonnenaufgang aufgebrochen, hatten unsere Zeche der noch schlafenden Wirtin auf den Küchentisch gelegt, uns für den Tag mit Vorräten ausgerüstet und dann unseren Weg zur großen Schlucht wieder aufgenommen.
Ich drehte den Kopf und schaute zu Christina hinüber, die ein paar Schritte zurückgeblieben war und mit großen Augen einen alten Baum bewunderte, der am Rand des Weges stand.
Ich rief sie, aber sie schien mich nicht zu hören. Zuerst blieb ich stehen um auf sie zu warten, dann ging ich den Weg zurück und hockte mich neben sie ins Gras.
In Höhe von einem knappen Meter gähnte ein etwa fussbreites, schwarzes Loch im Stamm des alten Baumes, und als Christina mich bemerkte, legte sie bedeutungsvoll den Zeigefinger an ihre Lippen – ich sollte schweigen.
Ich legte einen Arm um ihre Schulter und wartete. Nach einiger Zeit hörten wir es Rascheln, und wenig später schob sich ein rotbraunes, spitzes Schnäuzchen aus dem Baumloch hervor, gefolgt von zwei neugierig dreinschauenden Augen.
Christina hatte die Wohnung einer Familie von Baumhörnchen entdeckt, die in der Gegend hier recht häufig vorkamen. An der Art, wie sie sich jetzt an mich drückte, merkte ich, wie aufgeregt sie über ihren Fund war. Ein zweiter kleiner Kopf erschien, und beide zusammen fühlten sie sich mutig genug, um uns frech und erwartungsvoll anzuschauen – sie hatten Hunger.
Vorsichtig und ganz langsam streckte Christina den Arm aus, um eins der Tiere zu streicheln – sie kam näher, und fast hätte sie mit ihrer Hand einen der fellbewachsenen Rücken gestreift, als die beiden Erdhörnchenjungen mit einem leisen Rascheln plötzlich verschwunden waren.
Zuerst sah ich tiefe Enttäuschung in ihrem Gesicht, aber dann drehte sie den Kopf, lächelte mich an und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Ohne etwas zu sagen stand sie auf und ging weiter den ausgetretenen Pfad entlang.


Gegen Mittag erreichten wir eine kleine Waldlichtung und beschlossen, dort eine Pause zu machen und die mitgebrachten Brote zu verzehren.
In Christinas Bündel befand sich auch ein etwas grösseres Leinentuch, auf das setzten wir uns und betrachteten gemeinsam den blauen Himmel.



2.
Es war heute nicht ganz so warm und sonnig wie bisher – bis zum Abend hatte sich der Himmel fast vollständig zugezogen, und zusätzlich kam ein unangenehm kühler Wind auf. Mir war kalt, und am Zucken ihrer Schultern sah ich, dass auch Christina fror. Zudem wurde das Waldstück, durch das wir gerade gingen, zunehmend dichter und unzugänglicher; der Weg war stellenweise zugewachsen, und wir mussten über wild wuchernde Büsche und umgestürzte Baumstämme klettern.
Nach einiger Zeit war ich mir nicht mehr ganz sicher, ob wir überhaupt noch auf dem richtigen Weg waren – ein paar Abzweigungen waren einfach zu verwahrlost gewesen, um wirklich eindeutig zu sein. Wir sprachen nicht darüber, aber ich merkte an Christinas Blicken, dass auch sie meine Unsicherheit bemerkt hatte.
Wir passierten gerade wieder eine Stelle des Weges, die so zugewachsen war, das wir nicht einmal sicher waren, ob wir vor einer Abzweigung standen oder ob der Weg einfach eine Kurve machte, als wir plötzlich neben uns eine dünne, hohe Stimme hörten:
“ Nicht weiter, nicht weiter – brrrr!“
Wir konnten zuerst nicht erkennen, woher die Stimme gekommen war – verwundert sahen wir uns um.
„Nicht weiter. Brrrr – hier ist es falsch!“
Dann hob Christina langsam den Arm und deutete Stumm auf einen seitlich von uns stehenden Baumstumpf. Ich drehte mich um und sah dort ein kleines, einen guten halben Meter grosses Wesen, dass eine gelb-blaue Mütze trug und unruhig von einem Fuss auf den anderen trat.
„Falsch! Ihr müsst dort entlang…“
Jetzt, wo das kleine Wesen sah, dass wir es bemerkt hatten, deutete es wild gestikulierend in einen dunklen, zugewachsenen Winkel des Waldes, und begann hektisch auf und ab zu springen.
Ich sah, dass Christina neben mir hinter vorgehaltener Hand anfing zu kichern. Ich stiess sie vorsichtig mit dem Ellenbogen an – schließlich wollten wir das merkwürdige Wesen ja nicht beleidigen, dass uns da so freundlich den Weg wies.
Aber Christinas Lachen hatte der Situation ihre Anspannung genommen.
„Guten Abend sagt man erstmal!“ rief ich zu ihm herüber. „Wer seit Ihr überhaupt?“
„Brrr….der Wald hat tausend Bäume, und seine Luft ist klar und rein…fragt mich nicht wer ich bin. Und ändert Euren Weg…Brrr!“
„Du weisst ja gar nicht, wo wir hinwollen..!“ sagte jetzt Christina, wobei sie neugierig auf das immer noch ungeduldig hüpfende kleine Wesen zuging.
Jetzt, wo wir nähergekommen waren, konnten wir uns unseren merkwürdigen Freund genauer ansehen. Unter der sehr kleidsamen blau-gelben Mütze hatte er ein junges, kindliches Gesicht, das ebenso wie seine Hände und die unbekleideten Füsse eine frühlingshaft hellgrüne Farbe hatte. Um den dünnen Leib hatte er ein rotes Gewand gewickelt, und in einer Hand hielt er einen knorrigen Wanderstock, der fast ebenso groß war, wie er selbst.
Jetzt aber blies das Wesen plötztlich still stehen und sah vorwurfsvoll zu uns hinauf:
„Ich kenne das Ziel Eurer Reise sehr wohl, ich kenne es sogar besser, als ihr selbst. Und ich weiss auch, dass es Euch dort nicht gut ergehen wird. Aber geht nur dort entlang, dort! Brrr.“
Und es begann wieder auf und ab zu springen und mit einem Arm in die besagte Richtung zu weisen.
„Woher führt denn der Weg, den Ihr uns weisst, unbekannter Freund?“ fragte ich. „Und warum zeigt Ihr ihn uns, wo er uns doch soviel Unglück bringen wird?“
Ich stellte meine Frage in dem selben unbekümmerten, scherzhaften Tonfall, in dem wir bisher mit dem Wesen gesprochen hatten, aber gleichzeitig wurde mir etwas flau im Magen. Es war nicht das erste Mal, dass wir gewarnt worden waren.
„Soll ich denn auch noch für Euch entscheiden, wo Ihr Eure riesengrossen, tolpatschigen Füsse hinlenken sollt? Ich habe Euch gewarnt, und wir werden Euch erst viel später für Eure Dreistigkeit bestrafen – erst wenn Ihr sie erreicht habt, die grosse Schlucht, zu der Ihr so gerne wollt. Und dort wird es Euch schlecht ergehen, denn wir machen keine Scherze. Brrr! Aber geht nur, und dort ist Euer Weg!“
Bei diesen Worten hatte das Wesen wieder begonnen, hektisch von einem Bein aufs andere zu hüpfen. Es fiel mir deshalb schwer, die Drohung ernstzunehmen, die es ausgesprochen hatte – trotzdem hatten mich seine Worte beunruhigt. Woher wusste es, wohin wir unterwegs waren? Und wen meinte es mit ‚Wir‘?
„Gibt es denn mehrere von Deiner Sorte? Ich sehe hier nur Dich!“ sagte Christina – ich vermochte nicht zu erkennen, ob sie meine Besorgnis teilte. „Wieviele seit Ihr, und wo sind die Anderen?“
„Brrr…ich sagte doch, der Wald hat tausend Bäume, und seine Luft ist klar und rein – fragt mich nicht danach. Wir sind viele, wir sind hier und dort, aber vielleicht sind wir dort nicht so wie hier…“
Dann hörte das Wesen unvermittelt auf, hin und her zu springen, und auf seinem kindlichen Gesicht erschien ein breites Lächeln. „Aber jetzt kommt, ich werde Euch ein Stück weit begleiten!“

3.
Christina und ich liefen Hand in Hand den breiten Weg entlang, auf den unser neuer Freund geführt hatte. Wir hatten uns dazu entschlossen, ihm zu vertrauen und ihm zu folgen – er selber schien uns ja nichts zu Leide tun zu wollen, und nachdem er seine Warnung ausgesprochen hatte, war er überaus liebenswert und freundlich zu uns.
Mittlerweile hatten sich auch die grauen Wolken wieder aufgelöst, der Wind hatte sich gelegt und die Sonne schien wieder. Das kleine grüne Wesen antwortete bereitwillig auf jede Frage, die man ihm stelle, nur Fragen, die mit seiner eigenen Person zusammenhingen, ließ es offen.
„Der Wald hat tausend Bäume, und seine Luft ist klar und rein….fragt mich nicht danach!“ sagte es wieder, als Christina sich vorsichtig nach seinem Alter und nach seinem Zuhause erkundigte.
Christina gab es auf und erkundigte sich stattdessen eifrig nach den Tieren, die uns über den Weg liefen, den Bäumen und Pflanzen am Wegesrand und allem anderen, was der Wald an unbekannten und rätselhaften Schönheiten bereit hielt.
„Wie weit ist es noch bis zur Grossen Schlucht?“ fragte ich schließlich . Ich war neugierig, ob ich auf diese Frage eine Antwort erhalten würde.
„Es ist genau mein halbes Leben weit!“ sagte das kleine Wesen wie aus der Pistole geschossen. „Ich werde älter mit jedem Schritt, den ich gehe – und am Rande des Waldes muss ich Euch verlassen. Seht, seitdem ich Euch getroffen habe, bin ich bereits um etliche Jahre gealtert.“
Das kleine grüne Wesen blieb stehen und sah uns von unten herauf an. Und wirklich, es war nicht mehr das Gesicht eines Kindes, in das wir da sahen, sondern das eines jungen Mannes. Um den Mund herum und an den Wangen konnte man die ersten Spuren eines dunkelgrünen Bartes hervorspriessen sehen.
„Du Armer! Du wirst alt, nur weil Du uns begleitest?“ fragte Christina betroffen, als sie die Veränderungen im Gesicht unseres Begleiters sah. „Wie kommt es, dass Du ein so grosses Opfer für uns bringst?“
Das Wesen blieb stehen und sah zu uns herauf:
„Ihr habt Recht, ich vergiesse mein Leben am Rande des Weges, und wenn ich Euch verlasse, wird es mit meiner Jugend vorbei sein. Aber sobald ich den Weg wieder zurückgehe, werde ich wieder jung werden. Ich habe Euch ja gesagt: wir alle sind hier und dort, aber dort sind wir nicht wie hier…“
Dann lachte es wieder, schlug einen übermutigen Purzelbaum auf einem am Wegesrand stehenden Baumstumpf und lief ein Stück voraus den Weg entlang.
Christina und ich beeilten uns,das Wesen wieder einzuholen – der Weg machte gerade hier eine Kurve, und für einen Moment verloren wir unseren kleinen Freund aus den Augen. Gleich darauf sahen wir ihn wieder, aber er hatte sich verändert. Seine bisher gelb-blaue Mütze hatte eine bräunliche, erdgleiche Farbe angenommen, ebenso der Umhang, den er trug. Seinen Wanderstab trug er jetzt geschultert, und an einem Ende hing ein kleines rotes Bündel. Wir liefen zu ihm herüber, und Christina rief:
„He, willst Du uns jetzt völlig abhängen? Nicht so schnell, wir kommen nicht mit!“.
Zuerst zeigte das Wesen gar keine Reaktion, dann drehte es langsam seinen Kopf und sah zu uns herüber. Wir erstarrten, denn in den wenigen Minuten, die wir es aus den Augen verloren hatten, schien es nach menschlichen Massstäben nochmal um Jahre gealtert zu sein. Um seine Augen herum hatten sich die ersten Falten eingegraben, und der dunkelgrüne Bart, der eben noch nicht mehr als ein hoffnungsvoller Flaum gewesen war, war jetzt zu einem dichten Vollbart geworden. Das Wesen sah uns lange an und sagte dann:
„Ach, ihr seit es. Es ist gut, dass wir uns noch einmal sehen – meine Beine werden müde, mein Leben beginnt bereits, zu verwelken. Der Wald ist fast zu Ende, und ich werde Euch bald verlassen müssen. Es ist an Euch, den Weg weiterzugehen, der Euch zu Eurem Ziel führt. Ich werde Euch nicht mehr weiter helfen, nicht hier.“
Ich vermochte nicht zu sagen, ob in seinem Blick so etwas wie Sorge um uns stand – für einen Moment glaubte ich das, aber dann merkte ich, dass es wohl nur Müdigkeit war.
Wir merkten auch, das der Schritt des Wesens zusehends langsamer wurde – es waren jetzt wir, die immer wieder stehen bleiben mussten, damit es nicht den Anschluss verlor.
Wie das Wesen vorhergesagt hatte, wurde der Wald hier zusehends lichter, immer wieder klafften grosse Lücken in dem bisher dichten Baumbestand. Durch diese Lücken hindurch fiel unser Blick auf eine mit Gras und niedrigen Sträuchern bewachsene grüne Hügellandschaft. Die Gegend schien – soweit wir es von hier aus überblicken konnten – unbewohnt zu sein, nirgendwo sah man bebaute Felder oder Häuser, die auf die Anwesenheit von Menschen schliessen lassen konnten. Die Landschaft war friedlich und unberührt, nur durchschnitten von einem breiten Fussweg, der vom Rande des Waldes bis weit in die Ferne führte. Mit zusammen gekniffenen Augen konnte ich am Horizont ein Gebirge erkennen.
Schliesslich blieb unser Begleiter stehen, hob die Hand uns sagte.
„Ich verlasse Euch jetzt. Ich bin schon fast alt, und habe den Punkt erreicht, an dem Ihr beginnt, mir gleichgültig zu werden. Dieser Gruss hier ist das letzte, was ich Euch zu geben habe.
Dann drehte er sich ohne eine Antwort abzuwarten um und ging zurück in den Wald hinein. Wir blieben stehen und sahen ihm eine Zeitlang nach – mit dem gleichen behäbigen, unbeirrbaren Gleichmut, mit dem er den Weg bis hierher mit uns gegangen war, ging er ihn jetzt wieder zurück. Und mit zunehmendem Abstand wurden seine Schritte schneller und kräftiger.



4.
Ich hatte gewusst, das es nicht mehr weit sein konnte – nach der Karte hätten wir die Schlucht schon am Abend des Vortages erreicht haben müssen. Trotzdem stockte uns der Atem, als wir um den letzten großen Felsen bogen und der Weg, dem wir wochenlang gefolgt waren, jetzt urplötzlich endete: Vor uns hatte sich unvermittelt ein grosses, schwarzes Loch aufgetan. Wegen der frühen Tageszeit trafen die Sonnenstrahlen noch sehr flach auf – Nur ganz unten am Boden der noch fast völlig im Dunkeln liegenden Schlucht konnte schwach einige Konturen erkennen.
„Das ist es, nicht wahr? Das ist die grosse Schlucht, nach der wir so lange gesucht haben!“
Christina hatte es zuerst ebenso wie mir die Sprache verschlagen. Jetzt stand sie neben mir und sah mich mit besorgten Augen an: „Um ehrlich zu sein frage ich mich, was wir hier finden sollen?“
Das merkwürdige Wesen, dass auf so rätselhafte Weise im Wald zu uns gestoßen war und uns bis an seinen Rand begleitet hatte, hatte nicht nur mir Angst gemacht, sondern auch ihr.
Das Ziel unserer Reise war eins der häufigsten Gesprächsthemen während unserer langen Wanderung gewesen. Nach und nach hatte ich ihr alles erzählt – angefangen von dem Drachen, den meine Eltern mir weggenommen hatten, als ich noch ein kleines Kind war, über Hans und sein ungeklärtes Verschwinden bis zu den langen Abenden mit ihrem Vater in dessen Bibliothek. Auch seine Sorge um uns und seine düsteren Ermahnungen hatte ich ihr nicht verschwiegen.
Nachdem unser Begleiter uns verlassen hatte, waren wir einige Tage lang durch eine friedliche, unberührte Graslandschaft gelaufen, bis wir den Fuss des Gebirge erreicht hatten, das schon lange vorher am Horizont zu sehen gewesen war. Dieser Teil unserer Reise war fast völlig ereignislos verlaufen: unseren Nahrungsbedarf hatten wir an den vereinzelt am Wegesrand stehenden Obstbäumen und mit Resten unserer Vorräte gestillt, Wasser fanden wir in Form von vereinzelten Seen und Teichen, die wir in dem hügeligen Gelände recht häufig angetroffen hatten.
Wir hatten in dieser Zeit auch häufig über die Gefahren gesprochen, die uns vielleicht auf unserem weiteren Weg und später in der Schlucht erwarten würden. Für mich war klar, das Geheimnis des Schwarzen Sees war wichtiger als alles andere in meinem Leben – ich würde meinen Weg weitergehen, notfalls auch alleine.
Ich war mir nie sicher, inwieweit Christina wirklich verstand, wovon ich redete, wenn ich vom Ziel unserer Reise, vom Schwarzen See und den Menschen, die an seinem Ufer lebten, redete, und ob sie die Gefahr spüren konnte, die von all dem ausging. Sie hatte sich aus freien Stücken dazu entschieden, mit mir zu gehen, und auch dazu, sich an meiner Suche zu beteiligen, aber im Grunde zweifelte ich daran, ob sie die angstvolle Sorge teilen konnte, die Menschen wie ihren Vater oder mich antrieb, dem Geheimnis des Schwarzen Sees auf den Grund gehen zu wollen. Vielleicht war ihr Wesen einfach zu offen, zu heiter und unverletzt, als das solch düstere Gedanken darin hätten Platz finden können.
Was war es, dass sie dazu brachte, sich freiwillig in diese Gefahr zu begeben, mal ganz abgesehen von den Strapazen, die so eine lange Reise mit sich brachte? Es war klar, dass es vor Allem ihre Liebe zu mir war, die sie zu all dem veranlasste – sie wollte mein Leben teilen, und mein Leben war ohne die Suche nach dem Schwarzen See nicht denkbar. Ich fühle mich nicht sehr gut deswegen, und mehrmals hatte ich versucht, Christina zur Umkehr zu bewegen – ich hätte sie den ganzen Weg zurück begleitet und wäre dann von Neuem alleine los gegangen. Aber sie wollte bei mir bleiben, und am Schluss hatte ich ihre Entscheidung akzeptiert. Es war ihr eigener Entschluss, und ich hätte das Gleiche für sie getan.
„Das ist es, ja. Das ist die Schlucht, die in dem Buch abgebildet ist. Von jetzt an müssen wir auf uns alleine gestellt weitersuchen – du weisst ja, die Karte ist nicht ganz vollständig. Aber es kann nicht mehr weit sein bis zur Siedlung, denn es ist nur ein sehr kleiner Fetzen, der fehlt.“
Für einen Moment blieben wir so stehen – eng aneinandergeschmiegt im Licht der aufgehenden Sonne. Ich lehnte meinen Kopf an Christinas Stirn und versuchte, in ihren großen blauen Augen zu lesen. Ich wusste, dass sie müde war – die Reise hatte sie mehr angestrengt als mich. Aber neben der Erschöpfung sah ich noch etwas anderes, etwas, das sie völlig unabhängig von ihrer Liebe zu mir dazu bewegt hatte, diesen langen Weg zu gehen: wilde, ungebändigte Abenteuerlust. Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn, dann nahm ich sie bei der Hand und zog sie weiter in Richtung des ausgetretenen Fussweges, der von hier an in Serpentinen die Schlucht hinunter führte.
„Los, komm!“



5.
Der Weg war schon bald zu schmal geworden, als das Christina und ich uns weiterhin bei den Händen hätten halten können. Wir gingen eng hintereinander, und während wir langsam tiefer in die Schlucht eindrangen, verwandelte sich die Welt um uns herum mehr und mehr in eine dunkle Wüste aus schroffem, zerrissenen Fels.
Still war es geworden – die Bergwelt, durch die wir in den letzten Tagen gewandert waren, hatte zwar nicht den gleichen dichten Teppich aus Klängen und Geräuschen geliefert wie der Wald oder auch die Graslandschaft, die wir vorher durchquert hatten, aber wir hatten doch immer wieder vereinzelt das Zwitschern der Vögel oder das Fiepen einer aufgeschreckten Murmeltierfamilie gehört. Hier aber existierten nur die vom Echo vervielfachten Geräusche unserer eigenen Schritte.
Ich blieb kurz stehen und blickte in den Himmel. Es war immer noch zu früh, als dass die Sonne in die Schlucht hätte eindringen können – unser Weg würde noch eine ganze Weile im Dunkeln bleiben. Auch Christina, die dicht hinter mir lief, war stehengeblieben, und nutzte die Pause, um sich an mich zu lehnen und kurz zu verschnaufen.
Da wir beide stehengeblieben waren, hätten die Geräusche unserer Schritte eigentlich ebenfalls verstummen müssen – es beunruhigte uns, als weiterhin ein leises, regelmäßiges Schlurfen an unsere Ohren drang.
Das Geräusch kam von oberhalb – wir sahen hinauf zu den in Schlangenlinien verlaufenden Serpentinen, die wir bisher zurückgelegt hatten. Zuerst konnten wir nichts erkennen, dann aber schälte sich, direkt über uns, eine hagere, in einen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt aus der Dunkelheit. Der Weg eine Kurve, und dann drehte die Gestalt uns ihr kaputzenbedecktes Gesicht zu. Schlohweisses Haar flutete um ein grünes, eingefallenes, uns dennoch vertrautes Gesicht.
„Hallo?“ rief Christina, ohne lange darüber nachzudenken.
Die Kreatur, die ihren Blick bis jetzt auf den Boden gerichtet hatte, hob den Kopf und sah uns mit feurigen, hasserfüllten Augen an.
„Weg!!“ krächzte sie.
Sie war stehengeblieben und hob langsam ihren alten, abgewetzten Wanderstab, den sie jetzt wieder als Stock benutzte – trotz der Kraftlosigkeit dieser Geste war sie von erschreckender Deutlichkeit. Christina klammerte sich ängstlich an mich.
„Weg hier! Wehe Euch…“
Ein grauenhaftes Krächzen schloss sich an, als der Kreatur die Stimme versagte. Wir blieben stehen – weder Christina noch ich wussten, was wir tun sollten.
Die Kreatur hob noch einmal den Stab, und man sah, wie der Zorn über uns und über ihre eigene Hilflosigkeit sie heftig erbeben liess. Urplötzlich machte sie einen Schritt auf uns zu, wobei sie den Halt verlor. Sie stürzte, schlitterte direkt an unseren Füßen vorbei und fiel kopfüber hinab in die Schlucht.
Wir blickten ihr nach, dann gingen wir schließlich langsam und zögernd weiter. Einige Minuten später, wir befanden uns bereits eine Serpentine weiter unten, hörte ich Christina Schluchzen. Nach dem schrecklichen Vorfall von vorhin verlor sie jetzt die Fassung. Ich drehte mich zu ihr um und nahm sie in die Arme.
„Es ist alles in Ordnung, Schatz. Das Wesen ist verschwunden. Und von jetzt an müssen wir keine Angst mehr vor all den Drohungen haben, dass es im Wald gegen uns ausgesprochen hat.“.
Christina presste sich an mich, und ihre Schultern zuckten. Es viel ihr schwer, sich zu beruhigen. Lange standen wir so da, hielten uns in den Armen und schauten hinab in die Dunkelheit.
Schliesslich hob sie den Kopf, sah mich aus tränenverschmierten Augen an und lächelte.
Im gleichen Moment aber ertönte direkt hinter uns ein lautes Fauchen. Wir drehten uns um und schauten direkt in das Gesicht der grüngesichtigen Kreatur. Sie schien grösser geworden zu sein, ihr Kopf befand sich jetzt auf Augenhöhe mit uns.
„Haben wir Euch nicht gesagt, Ihr sollt nicht hierher kommen?“
Die Stimme war immer noch heiser und krächzend, aber die Schwäche, die wir vorhin gespürt hatten, war restlos verschwunden.
Ich spürte, wie Christina sich panisch an mich klammerte.
„Du bist tot!“ rief. „Geh‘ zurück in den Abgrund, wo Du hingehörst!“.
„Ahh…Die Schlucht ist tief, und über ihr schwebt der Hauch der Verdammten!“ krächzte die Kreatur. Sie schien noch näher gekommen zu sein. Wir sahen jetzt, dass sie nicht mit den Füßen auf dem Boden stand – sie schwebte in der Luft, und ihr Unterleib verlor sich schemenhaft irgendwo in der Dunkelheit. „Wir sind viele hier…und hier, hier sind wir nicht mehr wie dort…“
Christina schrie plötzlich auf – neben ihr war eine zweite Kreatur aus der Schlucht aufgetaucht – eine weitere hassverzerrte grüne Fratze, die direkt vor ihrem Gesicht schwebte.
„Töten wir sie….unsere Hände sind kalt, und ihre Berührung trägt den Geruch der Gräber…“ Mit Entsetzen sah ich, dass die Kreatur eine bläulich-grüne, halb verrottete Hand nach Christina ausgestreckt hatte. Ich wollte einen Schritt nach hinten machen, um uns beide von dem Ungetüm weg zu reissen, aber ich stolperte und verlor den Halt. Einen schrecklichen Augenblick lang glaubte ich, ich würde ähnlich wie die grüne Kreatur in die Schlucht hinabstürzen, aber dann fand ich Halt – zwei Serpentinen tiefer als zuvor und getrennt von Christina.
Christina? Ich hörte sie über mir schreien und sah, wie beide Kreaturen jetzt ganz dicht bei ihr schwebten. Eine von beiden begann gerade, ihr ihre verderbten Hände um den Hals zu legen.

In mir hallten noch die letzten Worte der Kreatur nach, die ich gehört hatte, bevor ich abgerutscht war. Ich wusste, Christina schwebte in Lebensgefahr.
„Sie ist unschuldig!“ rief ich, „ich bin es, der unbedingt die Grosse Schlucht hat finden wollen, ich bin es, der sie hierher geführt hat, und ich bin es, der auf der Suche nach dem Schwarzen See ist!“
Mir war, als verlöre ich ein zweites Mal den Boden unter den Füßen – innerhalb von Sekundenbruchteilen wurde ich herumgerissen, Christina verschwand aus meinem Blickfeld, und ich starrte in die Gesichter zweier weiterer Kreaturen.
„Elender!“ fauchten sie „Du wagst es, diesen Namen auszusprechen? Wir sagen Dir, unser Herr ist finster wie die Nacht, seine Ufer tief wie die Ewigkeit, und Dein Herz wird jämmerlich ertrinken an ihm. Deine Seele gehört uns…“
Mit Entsetzen fühlte ich jetzt ihre kalten, großen Hände – an meinen Armen, Schultern, an meinem Rücken. Ich wurde von ihnen emporgehoben, meine Füsse begannen, den Kontakt zum Boden zu verlieren.
Plötzlich erschien, dicht hinter mir, Christina und rief:
„Halt! Es stimmt nicht, was er sagt. Auch ich bin schuldig, habe Eure Warnungen in den Wind geschlagen und bin diesem Weg gefolgt. Auch ich habe nach der Grossen Schlucht gesucht, nach ihr – und nach dem Schwarzen See!“
In ihrer Wut über mich hatten die Kreaturen sie offenbar entwischen lassen, und sie war das kurze Stück zu mir heruntergelaufen. Jetzt stand sie dicht neben mir – und wir waren umringt von vier wutschäumenden Gespenstern.
„Also auch Du…auch Deine Seele ist nun verwirkt…“
Das bedrohliche Krächzen und Keifen der Kreaturen setzte sich fort, aber zugleich schien es mir, als wären sie ein Stück weit von uns weggerückt. Ich ergriff Christinas Hand, und mir war, als ginge von dieser Berührung ein Gefühl der Sicherheit und der Unberührbarkeit aus. Fast meinte ich, so etwas wie ein Leuchten zu sehen, dass von unsere vereinten Hände in die Dunkelheit hinein strahlte.
Offenbar konnten sie uns gemeinsam nichts anhaben. Sie wurden noch wütender und bedachen uns mit bedrohlichen Flüchen, aber es war unübersehbar, dass sie sich dabei von und entfernten.
War es die Tatsache, dass jeder von uns sein Leben für das des anderen riskiert hatte, die sie zurückweichen liess? Machten Vertrauen und selbstlose Liebe ihnen Angst? Aber vielleicht war es besser, gar nicht erst zu lange darüber nachzudenken, wie es zu unserer unerhofften Rettung gekommen war.
Langsam, ganz vorsichtig, begannen wir, weiter bergab zu gehen, begleitet vom lauten Fluchen der Kreaturen, die sich aber gleichzeitig immer weiter von uns zurückzogen. Mit zunehmendem Abstand wurden ihre Stimmen leiser, und nachdem wir etwa fünfzig Meter tiefer hinabgestiegen waren, waren sie ganz verstummt. Gleichzeitig erreichten die ersten Sonnenstrahlen den Boden der Schlucht, der jetzt direkt unter uns lag.
Was uns von oben betrachtet nur als ein schemenhaftes Dunkel erschienen war, entpuppte sich jetzt als eine rauhe, aber dennoch verträumt-schöne, mit vereinzelten dunklen Laubbäumen bewachsene Landschaft. Der Boden war in sich selbst uneben, aber man konnte deutlich einen ausgetretenen, begehbaren Weg erkennen, der sich quer durch das Tal zog.
Christina und ich hielten uns immer noch an den Händen, als wir schließlich erleichtert die letzte Serpentine des steinigen Bergpfads hinter uns liessedn und den festen, sicheren Boden des Tals betraten. Ich warf einen Blick hinauf in den Himmel – vage konnte ich einige dunkle Schatten erkennen, die am Rande der Schlucht vor der aufgegangen Sonne schwebten. Waren es unsere unheimlichen Begleiter, die uns immer noch auflauerten, mit hassverzerrten grünen Gesichtern, voller Wut darüber, dass sie unsere Eintracht und unsere Liebe nicht hatten zerstören können um uns fortzutragen in die dunkle Nacht, in der sie zuhause waren…?



6.
Während die Flammen langsam nach den hoch aufgetürmten Holzscheiten griffen, fühlte ich, wie so etwas wie Frieden in mein Herz einkehrte. Nach der langen, beschwerlichen Reise hierher, dem anstrengend Aufstieg ins Gebirge und der unheimlichen und gefährlichen Begegnung mit den Kreaturen der Schlucht, erschien mir dieser Moment wie ein unerwartetes Geschenk. Christina hatte ihren Kopf an meine Schulter gelegt, und das flackernde Licht des Lagerfeuers schien auf ihr Gesicht.
Nachdem wir am Fusse der Schlucht angekommen waren, hatten wir uns – da dieser Teil des Weges auf unserer Karte ja nicht mehr verzeichnet gewesen war – auf gut Glück Richtung Osten gewandt. Der Weg war, wenn auch hügelig, gut begehbar gewesen, und schon nach kurzer Zeit waren wir auf die ersten Spuren einer menschlichen Ansiedlung gestoßen: Eine an einem vorspringenden Ast angebrachte Tierfalle, ein Stück Boden, das mit Gemüse bepflanzt war – und schließlich die ersten vereinzelten Holzhütten und Zelte.
Ehe wir allerdings tiefer in die Siedlung hatten eindringen können, waren wir aufgehalten worden: Ein hagerer, hochgewachsener Mann war aus einer der Hütten hervorgetreten und hatte sich uns in den Weg gestellt. Nichts weiter – er hatte kein Wort gesprochen, sondern nur dagestanden und uns mit sedinem ruhigem, strengen – allerdings durchaus gutmütigen – Blick angeschaut.
Ich wusste nicht so recht, was ich tun sollte – offensichtlich erwartete er, dass wir uns vorstellten und ihm sagten, warum wir hier waren. Andererseits schien es mir klüger zu sein, erstmal nichts vom Schwarzen See und unserer bzw. meiner Suche nach ihm zu sagen. Schliesslich sagte ich: „Wir haben einen langen Weg hinter uns – und der Abstieg in die Grosse Schlucht war nicht ungefährlich. Seid Ihr die Menschen, die wir gesucht haben?“
Mit klopfendem Herzen warteten wir auf die Reaktion unseres Gegenübers – es kam keine. Der hagere Mann schaute uns nur weiter aus seinen schmalen, dunklen Augen heraus an und wartete.
Ich dachte nach – dann griff ich in meinen Beutel und holte die Zeichnung heraus, die ich irgendwann nach einem langen Abend in der Bibliothek von Christinas Vater von dem merkwürdigen Symbol gemacht hatte, dass er neben der Türe seines Hauses angebracht hatte. Vielleicht war meine Theorie über ihn und seine Vergangenheit schien also nicht völlig falsch gewesen zu sein…
Ich reichte sie dem Wächter, der sie kurz betrachtete und uns dann mit einer knappen Geste bedeutete, ihm zu folgen.

Er führte uns in eine grosse, geräumige Holzhütte, in der eingesunken in einem Berg von Kissen und Decken ein alter Mann sass. Sein Gesicht, das fast vollständig von einem langen, weissen Bart verdeckt wurde, zeigte tiefe Falten, und ich frage mich, wieviele Jahre er wohl schon hier leben mochte. Im Gegensatz zu dem schweigsamen Wächter, dem wir zuerst begegnet waren, empfing er uns überaus freundlich:
„Seid mir gegrüsst, Fremde. Es kommt nicht oft vor, dass jemand den langen, gefährlichen Weg hierher auf sich nimmt – wir bekommen so selten Besuch, und jedesmal ist es uns eine grosse Freude. Setzt Euch doch!“
Er hob langsam eine alte, runzlige Hand und deutete auf zwei grosse Kissen, die neben uns auf dem Boden lagen. Wir merkten erst jetzt wie müde wir von dem langen Weg waren, den wir heute schon zurückgelegt hatten – dankbar nahmen wie sein Angebot an.
„Mein Name ist Bernong, ich bin sozusagen der Anführer der Siedlung, in der Ihr Euch befindet. Jetzt sagt mir – wer seid ihr, uns was hat Euch hierher geführt?“
Es war wieder die gleiche Frage, die an uns gestellt wurde. Beim ersten Mal hatte ich gezögert, es war mir zu gefährlich erschienen, das Ziel unserer Reise laut auszusprechen. Allerdings, unser jetziger Gesprächspartner war ungleich freundlicher als der Erste, und im Grunde war es wohl auch offensichtlich, wonach wir suchten. Ich zögerte nicht länger und sagte:
„Wir sind auf der Suche nach dem Schwarzen See. Er hat mir meinen Drachen und meinen Spielkameraden genommen, als ich noch ein Junge war, und wir haben diesen langen Weg auf uns genommen, um hinter sein Geheimnis zu kommen.“
Der alte Mann erwiderte meinen Blick schweigend, dann drehte er langsam seinen Kopf zu Christina herüber und schaute sie fragend an.
„Ich bin seine Gefährtin, sein Wunsch ist auch meiner. Auch ich möchte wissen, was mit seinem Drachen und mit seinem Spielkameraden geschehen ist, und auch ich möchte den Schwarzen See finden.“
Sie hielt dem Blick des alten Mannes noch einen Moment stand, dann senkte sie den Kopf.
Schliesslich sagte der alte Mann: „Ich heisse Euch willkommen. Bei Dir, mein Sohn, spüre ich ein starkes, ehrliches Verlangen, die Wahrheit zu suchen, die hinter dem Geheimnis des Schwarzen Sees liegt. Die meisten von uns, die wir hier leben, sind aus diesem Grund hierher gekommen, und so gut wir können, werden wir Dir helfen, Deinen Wunsch zu erfüllen. Deine Gefährtin – “ und bei diesen Worten sah er wieder zu Christina herüber – “ ist erfüllt von ihrer Liebe zu Dir, und dem Wunsch, Dein Leben zu teilen. Eure Liebe ist stark und unschuldig, sonst hättet ihr den Weg die Schlucht hinab nicht überlebt. Auch sie kann bleiben. Ausserdem “ – und nun glitt ein sanftes Lächeln über sein altes, faltiges Gesicht – “ ausserdem kannte ich ihren Vater recht gut. Auch er hat eine lange Zeit hier gelebt, bis es für ihn an der Zeit war, wieder in die gewöhnliche Welt zurück zu kehren.“
Es war also genau so, wie ich es vermutet hatte – Christinas Vater hatte ebenfalls in der Siedlung gelebt, offenbar eine lange Zeit. Zu gerne hätte ich gewusst, wann und vor Allem warum er sie wieder verlassen hatte…

7.
Ich ließ meinen Blick über die mit uns am Feuer sitzenden Menschen schweifen. Wie uns der alte Mann erzählt hatte, lebten die meisten von ihnen schon seit einigen Jahren hier, es kam tatsächlich relativ selten vor, das sich jemand – so wie wir – den langen Weg durch die Wälder und die Schlucht hindurch bis hierher wagte.
Was immer sie hierher geführt hatte – ob es der Zufall war, pure Wanderlust, oder persönliche Niederlagen oder Schicksalsschläge, die sie dazu gebracht hatten, ihr Leben in der gewöhnlichen, bürgerlichen Gesellschaft aufzugeben, oder die Suche nach dem Schwarzen See, so wie bei mir: Auf mich machten sie einen glücklichen Eindruck. Hier waren sie frei, und wahrscheinlich war es das Bewusstsein für den Wert dieser Freiheit, das sie alle gemeinsam hatten, und der das Leben hier relativ ungestört von Auseinandersetzungen und Konfliken ablaufen liess.
Der beste Beweis für dieses Glück waren die Kinder, die fröhlich und völlig selbstverständlich zwischen den einzelnen Feuern umherliefen.
Man hatte uns eine kleine Hütte gezeigt, in den wir fürs erste leben konnten. Danach musste man schauen, welches unser Beitrag zum Gemeinschaftsleben sein würde. Ich hatte die Arbeit auf dem Feld gelernt, und man hatte mir bereits gesagt, dass man darüber nachdachte, ein weiteres Feld für den Anbau von Korn anzulegen. Ich hatte mich auch nach einem Tischlermeister erkundigt – es gab keinen Grund, von meinen Vorstellungen bezüglich meines Berufes abzuweichen. Christina hatte in ihrem Dorf und vor allem von ihrem Vater eine gute, solide Bildung erhalten und konnte, wie es aussah, als Lehrerin in der kleinen Schule der Siedlung anfangen.
Es gab hier keine Familien im engeren Sinne – dies war eines der Dinge, die Bernong uns über das Leben in der Siedlung erzählt hatte, nachdem er uns willkommen geheissen hatte: die Menschen lebten hier in einer großen Gemeinschaft – es gab zwar die Verbindung zwischen Mann und Frau, aber die einzelnen Paare bildeten keinen eigenen Hausstand. Die Mahlzeiten, die Versorgung mit Kleidung und allem anderen erfolgte über die Gemeinschaft, die auch die Erziehung der Kinder übernahm.
Dieser Gemeinschaftsgedanke war es, den die Siedler der direkten Nähe des Schwarzen Sees entgegensetzten. Es war ihr Weg, ihn zu bekämpfen, und in gewisser Weise waren sie damit erfolgreich: hier kam es nicht vor, das Menschen und Dinge spurlos verschwand, und Gespräche über den Schwarzen See konnten offen geführt werden – auch wenn das Thema letztlich eher selten zur Sprache kam. Wenn ein Paar sich von der Gemeinschaft abgrenzen und eine Familie gründen wollte, verliess es die Siedlung. Dies war kein geschriebenes Gesetz, aber fast alle handelten danach. Bernongs Gesicht hatte einen besorgten und sehr ernsten Ausdruck angenommen, als er von den wenigen Paaren gesprochen hatte, die dem zu wider gehandelt hatten. Im übrigen vermutete ich, dass Christinas Vater aus eben diesem Grunde von hier fort gegangen war – fürs Erste behielt ich diesen Gedanken aber für mich.


8.
Unsere ersten Wochen innerhalb der Siedlung gestaltete sich ruhig und friedlich. Ich arbeitete tagsüber draußen auf dem Feld, gelegentlich gab es auch kleinere Aufgaben in der kleinen Tischlerei, die ich übernehmen konnte, unter Anleitung eines erfahrenen und sehr freundlichen Meisters. Christina arbeitete in der Schule der Siedlung.
Die Abende verbrachten wir zumeist gemeinsam mit den anderen Siedlern. Meine Neigung zur Einsiedelei schien vollkommen verflogen zu sein – ich fühlte mich wohl hier, und an Christinas Augen, die vor Glück leuchteten, wenn sie von der Schule und den Kindern erzählte, sah ich, dass es ihr ähnlich erging.
Was fehlte mir noch? In gewisser Hinsicht hatte ich mein Ziel erreicht. Ich lebte unter Menschen, von denen viele mein Gefühl des Verlustes und meine Abneigung gegen die blinde und ignorante Gesellschaft der gewöhnlichen Menschen teilten. Den letzten Teil des Weges zu seinem Ufer zu gehen, schob ich vor mir her. Der Weg war bekannt, ich hätte nur Bernong danach fragen müssen, es waren nur ein paar Tagesmärsche, wie man mir gesagt hatte. Aber irgendetwas hielt mich zurück – ich glaube, es war das Glück, das ich hier zusammen mit Christina empfand, unser gemeinsames Leben, und die Tatsache, das wir es mit anderen teilen konnten. Ich merkte, das im Verlauf der folgenden Monate der Wunsch, den Schwarzen See zu finden, immer mehr verblasste. Er verlor an Dringlichkeit, und manchmal dachte ich, dass ich ihn vielleicht bald vergessen haben würde. Zuerst sträubte ich mich dagegen, aber dann ließ ich es geschehen. Was hätte ich auch dort tun sollen? Das man den Schwarzen See wirklich bekämpfen konnte – anders als wie wir es durch unser Leben hier bereits taten – bezweifelte ich mehr und mehr. Ich würde nur ein unnötiges Risiko eingehen – ein Risiko, unser glückliches, erfülltes Leben hier, eine gemeinsame Zukunft mit Christina, zu verlieren.
Ich ließ es geschehen, dachte schließlich gar nicht mehr an den Schwarzen See. Und eines Tages hatte ich ihn vollständig vergessen…



IV. Teil



1.
Ich erwachte etwas früher als eigentlich nötig – es war Sonntag, und deshalb war, laut Abmachung, Christina damit an der Reihe, Frühstück zu machen. Während ich die Augen noch einen Augenblick geschlossen hielt, spürte ich, dass trotz der frühen Tageszeit die Sonne bereits hell durch das Schlafzimmerfenster schien. Das, und die morgendliche, unberührte Stille genoss ich mit einer Andacht, die wahrscheinlich nur junge Eltern wirklich nachfühlen können – ich tastete schläfrig mit meiner Hand auf die andere Seite des Bettes und stellte befriedigt fest, dass Christina sich an unsere Abmachung gehalten hatte und bereits aufgestanden war. Ich drehte mich noch einmal träge auf die andere Seite, dann schlug ich blinzelnd die Augen auf – mir wurde warm unter der Bettdecke, und ich verspürte den Drang, aufzustehen und den Tag zu begrüssen.
Wieder fiel mir die Stille auf, die mir jetzt fast schon ein wenig unnatürlich vorkam. Ob Christina noch beim Stillen war? Aber selbst dann hörte man meist ihre Stimme, die ihrer kleinen Tochter verträumte Geschichten erzählte oder ihr Lieder vorsang.
Ich trat aus der Schlafzimmertüre heraus und sah zu meiner Verwunderung, dass der Küchentisch bereits fast fertig gedeckt war – sehr reichhaltig, mit sorgfältig aufgestellten Servierten und einer aufwendig aussehenden Salatplatte. Am Waschbecken stand Christina und war gerade damit beschäftigt, eine Schale Tomaten zu waschen und in kleine Stücke zu zerschneiden. Als sie mich kommen hörte, drehte sie sich um und begrüsste mich:
„Guten Morgen, Schatz. Hast du gut geschlafen?“
Ich erwiderte ihren Gruss zuerst nicht – irgendetwas kam mir merkwürdig vor.
„Hast Du die Kleine schon gefüttert? Ich hab Euch gar nicht gehört…“
Ich schaute mich in der Küche um, und jetzt wurde mir auch klar, was genau es war, dass mich störte:
Der kleine Kinderstuhl, der sonst neben den beiden anderen am Tisch stand, fehlte. Ebenso fehlte der Laufstall in der Ecke, der kleine Teddybär, der immer über dem Waschbecken saß und ohne den unsere Tochter nicht bereit war, sich füttern zu lassen. Ich sah auch kein Milchfläschchen, keine Zwiebackdose und keine Lätzchen mehr, die sonst zum Trocknen an der Heizung hingen.
Ich starrte Christina an – es konnte nicht wahr sein, es konnte einfach nicht so sein, wie ich glaubte.
„Was ist los – wo ist unser Kind?“
„Was sagst Du, Schatz? Ach so, das meinst Du.“
Sie kam lächelnd auf mich zu, umarmte mich und drückte mir einen Kuss auf den Mund.
„Unser Kind habe ich dem Schwarzen See gegeben. Jetzt komm und setz‘ Dich, ich bin gerade mit dem Salat fertig geworden.“



2.
Seit drei Tagen war ich jetz unterwegs. Ich schlief nicht – ich konnte mir nicht vorstellen, jemals wieder zu schlafen, die Angst vor dem Erwachen wäre zu groß gewesen. Ich ging weiter, und es war mir gleich, ob es Tag oder Nacht war. Ich hätte auch das Mondlicht nicht gebraucht, das mir anstelle der Sonne den Weg leuchtete. Ich spürte die Richtung, in die ich gehen musste, so deutlich, wie ich den Schmerz in meinem Herzen spürte.
Vielleicht war das, was passiert war, die Strafe dafür, dass ich über meine Liebe zu Christina und über das Glück, eine Familie zu gründen, meine Suche nach dem Schwarzen See aufgegeben und vergessen hatte. Ich hatte alle Warnungen, die von Christinas Vater, von den Kreaturen der Schlucht und den Menschen in der Siedlung, in den Wind geschlagen, und nun zahlte ich den Preis dafür.
Jetzt, da es mit allem vorbei war, gab es keine Ausreden mehr, keine Bequemlichkeit und kein Glück, hinter dem ich mich verstecken konnte. Ich würde den Schwarzen See finden, und wenn ich ihn erreicht hatte, würde ich alles tun, was in meiner Macht stand, um ihn zu vernichten.

Epilog

Es ist soweit, ich werde auch diese letzte Sphäre verlassen.
Ich merke, ich habe schon lange keinen freien Willen mehr in dieser Sache.
Ich habe ihn nie gehabt.
Vorwärts, ein Schritt – diesen Weg kann man nicht rückwärts gehen.



„KOMM.“

Bio

(Samstag)

„Guten Tag! Hallo? Das Hackfleisch, ist das auch wirklich echt Bio? Ja? Dann geben Sie mir bitte 3 Pfund davon!“

Ich brauchte einen Moment, um in den morgendlich tiefstehenden Sonne den Verursacher der schrillen, nervenzersetzenden Stimme ausmachen zu können. Verdammt – ich würde mir eine etwas bessere Arbeitsdisziplin angewöhnen müssen, auch auf dem Münsteraner Wochenmarkt konnte man mit den Kunden nicht machen, was man wollte.

Ich wog die gewünschte Fleischmenge ab, wickelte sie in Papier ein und reichte sie der Kundin, die sich jetzt sogar dazu herabliess, mir ein Lächeln zu schenken.

Was war nur los mit mir? Ich fühlte mich fürchterlich heute, war unausgeschlafen und hatte Kopfschmerzen – gerade so, als ob ich gestern Abend die Nacht zum Tage gemacht hätte – aber ich konnte mich an nichts aussergewöhnliches erinnern.

Nachdem sich der Domplatz geleert hatte, machte ich meine Abrechnung, packte meine Sachen zusammen und fuhr zurück in meine Wohnung.

Übrigens liefen die Geschäfte gut, ich konnte mich nicht beklagen. Es mussten die niedrigen Preise sein, die die Kunden in Scharen zu meinem kleinen Biofleisch-Stand trieben. Ich hatte wohl Glück gehabt mit der Wahl meines Zulieferers – oder so.

Ich parkte meinen Wagen und betrat meine ruhige, abgelegene Wohnung nahe der Antoniuskirche – mir ging es zwar schon etwas besser, aber immer noch nicht wirklich gut; wie so oft in letzter Zeit hatte ich das unangenehme, mulmige Gefühl, das irgendetwas nicht stimmte. Ich entschloss mich dazu, einen Spaziergang über die Promande zu machen, vielleicht würde das ja helfen.

Gestern war ich auch schon spazieren gegangen, fiel mir ein, als ich die Haustür hinter mir zuzog und meine Schritte langsam in Richtung Kreisverkehr lenkte.



(Mittwoch)

Die Kpfschmerzen waren diesmal noch schlimmer. Ich musste ein grauenhaftes Bild abgeben, wenn ich nur halb so schlimm aussah, wie ich mich fühlte.

„Ach, geben Sie mir doch bitte wieder 5 Pfund von Ihrem fantastischen Gehackten, mein Mann und meine Kinder können gar nicht genug davon kriegen!“

Wie soll ich den Tag bloss durchstehen?



(Abends)

Es ist schon sehr spät, der Mond scheint, und langsam beginne ich mich zu entspannen. Die Abendlichen Promenadenrundgänge sind mittlerweile zu einer lieben Gewohnheit für mich geworden – ich beobachte die zahllosen Kaninchen, die sich friedlich im silbrigen Mondlicht tummeln, und allmählich füllt sich mein Herz wieder mit Frieden.

Heute Abend dauert es sehr lange, bis ich nach Hause gehe.



(Samstag)

Es gibt hier immer mehr Dinge, die mich zutiefst verwirren. All das Fleisch, das ich hier Tag für Tag verkaufe – ich frage mich, seit wann ich diesen Job überhaupt mache. Wenn ich versuche, weiter als ein paar Wochen zurückzudenken, ist es so, als würde sich eine schwarze Decke über meine Gedanken legen.

Als es Nachmittag wird, nehme ich meinen Rucksack und verschwinde so schnell ich kann in meine Wohnung und lege mich schlafen – ich habe Angst.



(Abends)

Es ist ja nun schon obligatorisch, dass ich meine Abende hier verbringe – wobei von ‚Abend‘ kaum mehr die Rede sein kann – es ist tiefe Nacht, und die Strassen sind menschenleer.

Ein paar Kaninchen hoppeln vorlaut über meine Füsse – in mir ist eine Spannung, die so gross ist, dass ich Himmel und Erde entzweischreien könnte, und doch kann ich nicht reden. Ich weiss nichts, so sehr ich auch versuche, das alles hier zu ergründen.

Irgendetwas zerreisst in mir, und ich gebe mich dem Strom in mir hin. Ich wehre mich nicht mehr. und es ist, als würde sich ein schwarzer Vorhang von meinen Augen lösen – ich kann mich jetzt mit Distanz sehen, und fast umspielt so etwas wie ein Lächeln meine Mundwinkel – was für ein Bild, wie ich hier so stehe, alleine Nachts mit meinem grossen Rucksack, und der kleinen, handlichen Armbrust, die sich so leicht unter der Jacke verstecken lässt.

Gerade hier, an dem albernen Glastunnel, der den Eingang zur Hochschule für Musik bildet, ist die Wiese voller fetter Kaninchen, die im ruhigen, bürgerlichen Münster schon fast zu einer Plage geworden sind. Die letzte Angespanntheit verlässt jetzt meine Seele, und ich fange an laut zu lachen – wen interessieren schon Grund und Ursache, Sinn und Vergangenheit – der Laden brummt und die Kasse stimmt, und niemand wird mir hier jemals in die Quere kommen.

Langsam lege ich die Armbrust an meine linke Schulter, ziele auf den erstbesten Karnickel, der sich vergeblich mit einem ungeschickten Hechtsprung inSicherheit zu bringen versucht, und drücke ab.

Glas

Das Feuer flackert im Kamin, und ich spüre die Wärme auf meiner Haut. Vor mir Dein Gesicht, Deine Haare, Deine Augen – Dein Atem.

Ich weiss, der Abend wird wunderschön werden; wir haben lange darauf zugearbeitet – haben die Unsicherheit, die zermürbende Spannung, die Klippen und Untiefen der Annäherungsphase hinter uns gelassen. Wir beide zusammen haben das geschafft, ich bin froh darüber, stolz – und erleichtert; lange, sehr lange habe ich gezweifelt.

Jetzt ist Friede, Deine Stirn lehnt verträumt an meiner. Ich greife nach Deiner Hand, es geht ganz leicht; ich streichele sie, vorsichtig – wie klein diese Hand ist – ohne Mühe kann ich sie umschliessen. Das gefällt mir, bestätigt mich – ich schaue auf und versuche in Deinen Augen zu lesen. Zu meiner Erleichterung gibt es dort nichts, das mir nicht vertraut wäre, nichts, das mich angreifen könnte. Dieses Bild tut mir gut, ich umschliesse Dein Gesicht mit meinen Händen und drücke Dir einen Kuss auf die Lippen.

Deine Blauen Augen, die an meinen hängen, erwartungsvoll – und plötzlich denke ich: wie schön wäre das, wie richtig würde sich das anfühlen – tief in mir – : Meine Gedanken in Dich hineinzutreiben; ich ahne, wie schwach der Widerstand sein würde – es wäre kein Unrecht, nicht das – nur die reine, klare, Schönheit der Struktur würde zutage treten.

Irgendetwas in Deinem Blick verändert sich, zieht sich zurück – ich glaube, ich habe das getan – habe ich etwas zerstört? Aber was heisst schon Zerstörung, ich fühle den freien Fluss der Energie in mir entstehen – es ist etwas grosses, gewaltiges, das sich aufbaut.

Ich ziehe mich kurz zurück, unerwartet muss ich die Toilette aufsuchen.

Danach möchte ich die Tür wieder schliessen und durch den kalten Flur wieder zurück ins Wohnzimmer gehen, aber ich spüre in meinem inneren eine unbestimmte Leere – das Gefühl verunsichert mich, und einem plötzlichen Impuls folgend hebe ich den weissen ovalen Plastikdeckel an und sehe, dass ich den grössten Teil meiner Gedärme in der Kloschüssel zurückgelassen habe. Zuerst bin ich erschreckt, aber nur kurz – ich fühle mich gut, kein Problem. Dann gehe ich zurück.



Ich gehe zurück und wir nehmen unsere Umarmung wieder auf. Dein Blick hat sich sehr verändert, das merke ich wohl – in meinen Armen bist Du steif wie ein Brett, und ich spüre Deine Angst – aber das ist gut so, es bietet mir einen willfährigen Untergrund. Denn meine Energie ist jetzt stark wie nie zuvor, ungebrochen, sauber und rein, wild und frei. Ich sehe Entsetzen in Deinen Augen, und schaue mich um – dann verstehe ich, klar, hinter mir zieht sich eine Spur roten Blutes über den weissen Wohnzimmerteppich. Ich möchte Dich beruhigen und küsse Deinen Hals und Deine Wangen – alles ist gut. Aber auch meine Lippen hinterlassen eine blutrote Spur, auf Deiner Haut. Dieser panische Blick in Deinen Augen….

Ich höre in mich hinein und kann ich meinen Herzschlag nicht finden; ich versuche, Luft zu holen, aber ich spüre, auch Atmung ist jetzt jenseits von mir – der Prozess, der mich zur äusseren Hülle meiner selbst werden lässt, schreitet unaufhaltsam weiter fort. Bleibt mir nur Deine Verletztheit, nach wie vor ist der Fluss meiner Energie stark – ich fühle mich leicht und frei wie nie vorher. Kann das hier wirklich falsch sein? Ich denke mir einen Satz aus, irgendeinen, um Dich zu trösten – das hier geht ja nicht gegen Dich, diese Energie dient allein sich selbst, ihrer eigenen Grösse, und sie ist schön und brilliant. Ich öffne die Lippen und sage: “Gross….” Dann aber kann ich plötzlich den Mund nicht mehr schliessen, dieses scharfe, harte “ss…” hat die dünne, filigrane Haut, zu der ich geworden bin, in eine unerwartete, tödliche Vibration versetzt.

“sssss…” es zerrt und reisst an mir – wie kann ich dem Stand halten? Dabei war die Energie eben noch so gross, ich habe mich stark und unverwundbar gefühlt.

Der Tod kommt schnell, ich werde zerspringen wie dünnes Glas – was heisst jetzt noch Schmerz. Schmerz sehe ich in Deinen Augen, in Deinen schönen, sanften und unendlich warmen Augen. In meinem Geist formt sich der Satz, der mich vielleicht retten könnte, wenn mein ausgehöhlter Körper noch die nötige Substanz hätte, ihn auszusprechen, die Luft in Schwingungen zu versetzen und sie an Dein Ohr und in Dein Herz zu transportieren. Und es würden mir helfen, das weiss ich, denn ich meine es doch ehrlich – ich habe verstanden.

In dem Moment, wo es zu spät ist und meine Schwingung sich endgültig in eine kalte Nulllinie verwandelt, sage ich: “Es tut mir so leid….”