Das Weihnachtskonzert

für Juliane

1.

Hoch oben im Norden, in einem Land, in dem es noch grosse dunkle Wälder gibt und die Nächte im Winter sehr lang und sehr kalt werden, lebte einmal ein kleines, kleines Mädchen.

Sie hatte keinen Vater und keine Mutter, deshalb musste sie mit vielen anderen armen Kindern zusammen in einem Waisenhaus leben. Eines Abends, als die Nächte schon sehr lang und sehr dunkel waren, sass sie auf ihrem Bett im grossen Schlafsaal im Dachgeschoss des Waisenhauses und schaute wieder einmal in den dunklen Himmel hinauf. Der Mond war gerade hervorgekommen, und so konnte sie einen Teil der Häuser und Gassen des kleinen Dorfes sehen, in dem sie lebte. Es schneite, und die Menschen froren und gingen schnell, um möglichst bald in ihren warmen Häusern anzukommen.

Das Mädchen liebte es, kurz vor dem Schlafen gehen noch einen Moment so hinaus zu sehen, denn sie liebte ihr kleines Dorf und die Menschen, die dort wohnten. Manchmal lehnte sie dabei den Kopf an das Fenster, und wenn es kalt war, so wie heute, war die Scheibe nach kurzer Zeit ganz beschlagen von ihrem warmen Atem. Heute aber fror es sie an der Stirn, so kalt war es draussen, und sie wollte den Kopf schon wegziehen und endgültig schlafen gehen, als sie meinte, von draussen eine wunderschöne Musik zu hören.

Sie horchte, aber durch die dicke Fensterscheibe konnte sie nur ein paar leise, ferne Töne hören. Und doch wollte sie wissen, was das war, denn eine solche Musik hatte sie noch nie gehört! Ehrlich gesagt hatte die kleine Juliane, denn so hiess das Mädchen, bis zu diesem Tag überhaupt noch keine richtige Musik gehört, nur ein paar schief gesungene Kinderlieder, die ihre Aufseherin manchmal mit ihnen sang – aber das hier war ganz etwas anderes!

Sie sah sich um – die anderen Kinder schliefen schon. Niemand würde es merken, wenn sie das Fenster einen Spalt breit öffnete! Aber sie musste vorsichtig sein – es war sowieso schon ordentlich kalt im Schlafsaal, und es wäre vielleicht nicht so gut, wenn man sie dabei ertappen würde, wenn sie mitten in der Nacht noch mehr kalte Luft hereinliess. Ganz langsam kletterte sie auf das schmalte hölzerne Fenstersims. Sie musste sich weit strecken, um an den eisernen Griff heranreichen zu können, und gleichzeitig musste sie höllisch aufpassen, nicht vom Fenstersims ab zu rutschen – dann würde es zwar nicht kalt werden, aber sie würde sich mächtig weh tun, und das wollte sie natürlich auch nicht!

Es gelang ihr, den Griff herunter zu klappen, und mit klopfendem Herzen öffnete sie das Fenster einen Spalt breit. Die Musik war jetzt tatsächlich viel lauter, sie konnte die einzelnen Töne und Melodien deutlich hören! Und was sie da hörte, war so schön, dass sie für einen Moment alles um sich herum vergaß. Sie öffnete das Fenster noch weiter, man könnte eigentlich fast sagen, dass sie es sperrangelweit aufriss, und es knarzte fürchterlich.

Erschrocken sah sie sich um – ein paar der anderen Kinder drehten sich am Schlaf um, aber wach geworden war wohl niemand. Sie schloss das Fenster wieder, kletterte vorsichtig in ihr Bett zurück und zog die Decke über den Kopf – die Luft da draussen war wirklich sehr kalt, und sie schlotterte jetzt am ganzen Körper.

Doch nie vergaß sie die wunderbare Musik, die sie gehört hatte, und in der Nacht träumte sie von einem fernen Tag, an dem sie….aber daran konnte sie sich am nächsten Morgen leider nicht mehr erinnern.

2.

In einem anderen Strasse des kleinen Dorfes sass zur etwa gleichen Zeit ein Mann traurig auf einem alten Holzstuhl. Tränen liefen ihm über die Wangen. Seine Hand lag auf der Stirn seiner Frau, die mit geschlossenen Augen im Bett lag und nur noch flach atmete.

Sie war noch nicht alt, aber dennoch war klar, dass sie sich von diesem Fieber nicht mehr erholen würde. Ihre Wangen waren eingesunken, ihre Stirn brannte wie Feuer, und die Hand, die angespannt und zitternd auf der wollenen Bettdecke lag, war nicht mehr viel mehr als ein abgezehrtes Gerippe.

Ein letzter, verzweifelter Atemzug bebte durch den von der Krankheit ausgemergelten Körper, und ein Stöhnen drang über die ausgetrockneten Lippen, dann war es vorbei.

Der Mann auf dem Stuhl sank in sich zusammen. Lange, sehr lange blieb er so sitzen, während der kalte Wind heftig gegen die Hauswand blies und die Nacht endgültig über das Dorf hereinbrach.

3.

Einige Jahre waren vergangen.

Die kleine Juliane war jetzt gar nicht mehr so klein, sondern sie war schon fast ein großes Mädchen. Sie war neun Jahre alt, sie konnte schon lesen und schreiben, sie wusste, wieviel Einwohner das Land hatte, in dem sie lebte, wie die größten Flüsse und Berge hießen, und heute war erste Advent!

Aufgeregt lief sie hinaus in den Schnee. Es war zwar kalt draussen, aber sie hatte eine warme Wollmütze auf dem Kopf, und Handschuhe hatte sie auch. Sie lief zusammen mit den anderen Kindern quer über den Marktplatz zur großen Kirche, in dem heute der Adventsgottesdients stattfinden würde. Die Kirche stand genau gegenüber dem Waisenhaus auf der anderen Seite des Marktplatzes, und von dort hatte sie auch zum ersten Mal die wunderschöne Musik gehört. Denn sie hatte die Nacht, in der sie das Fenster geöffnet (und sich ganz nebenbei übel erkältet hatte) nie vergessen! Natürlich wusste sie heute viel mehr über Musik als damals, als sie noch klein war. Musik machte man, wenn sie nicht gerade gesungen wurde, auf Instrumenten. Instrumente waren entweder aus Holz oder aus Metall, und man konnte wahlweise hineinblasen oder mit einem Stab darauf hin- und herstreichen. Je nachdem, und auch abhängig von der Größe des Instruments, klang es dann etwas anders, höher oder tiefer, aber immer wunderschön!

Eigentlich war das schon alles, was die kleine Juliane über Musik wusste. Und das wusste sie auch nur, weil’s ihr die großen Kinder und die Erwachsenen gesagt hatten. Wirklich gesehen hatte sie noch kein Musikinstrument. Musik wurde überhaupt nur in der Kirche gespielt, und in die durften die Kinder vom Waisenhaus erst hinein, wenn sie so gross waren, dass sie sich ein bisschen benehmen konnten und nicht ständig störten, das hiess konkret ab neun Jahren, also genau so alt, wie Juliane jetzt war.

Sie hatte – wie schon gesagt – ihren Traum von der Musik nie vergessen, und sie hatte von dem Tag an immer begeistert die Lieder mitgesungen, die die Aufseherin mit ihnen zum Aufstehen und zum Schlafengehen sang, aber so richtig zufrieden war sie damit nicht. Zum einen konnte die Aufseherin nur ganz schlecht singen und hatte eine alte, krächzende Stimme, die in etwa so klang wie ein rostiges Gartentor, und zum anderen – ja, zum anderen fand Juliane, das richtige Musik eben mit Instrumenten gemacht werden musste, denn nur so klang es auch wirklich schön!

Und deshalb freute sie sich auch so, und lief so schnell sie konnte, so schnell, dass die kalte Luft ihr in die Lunge stach und ihre Augen vom kalten Wind tränten. Denn an jedem Adventssonntag, und auch am Weihnachtsabend, wurde in der großen Kirche Musik gespielt! Heute würde sie die Musik von ganz nahe hören, und sie würde die Instrumente sehen, auf denen sie gespielt wurde. Völlig ausser Atem kam sie am Kirchenportal an, nahm ihre Mütze ab – denn mit einer Mütze auf dem Kopf darf man eine Kirche nicht betreten! – und trat mit klopfendem Herzen ein.

4.

Der alte Ebenezer sass in seiner Werkstatt feilte mürrisch an einem Steg für eine seiner Geigen herum. Sollten sie doch zur Kirche gehen und Advent feiern, die Leute! Für ihn war das nichts, er mochte die Leute nicht, die Leute mochten ihn nicht, und das war auch gut so. Solange sie seine Geigen kauften und ihm dabei nicht zu sehr auf die Nerven gingen. Gerade eben hatte ihn einer dieser dämlichen Fiedler aus dem Bett geklingelt, weil er dringend eine neue hohe Saite benötigte. Sollte er sich seine Musik doch sonst wohin stecken! Wahrscheinlich würde es sowieso keiner merken, wenn im Gottesdienst ein paar seiner krummen Töne fehlten.

Er nahm den fertigen Steg, setzte ihn auf eine gerade gestern fertig gestellte Geige, zog die Saiten auf und hängte sie ins Schaufenster. „Johann Ebenezer – Streichinstumente“ stand dort in schlichten weissen Buchstaben geschrieben. Beim aufhängen viel sein Blick auf eine alte, wurmstichige Geige, die in einer dunkleren Ecke des Fensters hing und schon etwas Staub angesetzt hatte.

„Wegwerfen sollte ich dieses Mistding!“ schimpfte er. Die Geige war alt, die Wirbel funktionierten nicht richtig, waren auch wohl nicht mehr zu richten, und zu alledem hatte der Boden einen Riss. Eine Schande für meinen Laden, dachte er. Am Ende würden die Leute über ihn Lachen, wenn sich herumsprach, dass der alte Ebenezer so einen Ramsch in seinem Sortiment hatte.

Die Leute nannten ihn den „alten Ebenezer“, auch wenn er noch gar nicht so alt war. Seine Haare waren aber schon grau, sie waren in den Jahren grau geworden, seitdem seine Frau gestorben war. Seit dieser Zeit war er auch so grimmig und unfreundlich geworden, dass sich eigentlich kaum mehr jemand in seinen Laden hinein traute. Ab und an verkaufte er eine der besseren Geigen an Kunden von ausserhalb, und davon lebte er.

Im Vorbeigehen sah er noch, dass von aussen an der Fensterscheibe wieder Abdrücke von Kinderhänden waren – er würde morgen wiedermal saubermachen müssen.Kinderhände, am besten noch mit Dreck und Resten von Süßigkeiten verschmiert! Kinder waren überhaupt das Schlimmste!

Er grummelte noch etwas, dann ging er wieder in seine Werkstatt zurück. Und wehe, wenn ihn heute nochmal jemand stören würde..

5.

“Heh, pass doch auf!”

Die kleine Juliane war soeben geradewegs in einen der anderen Kirchenbesucher hineingelaufen, der jetzt stehenblieb und sie böse anglotzte.

“Ungezogenes Balg…” grummelte er noch, drehte sich um und verschwand im großen Strom der Menschen, der sich gerade träge aus der Kirche hinauswälzte. Juliane sah ihm mit großen Augen nach und wurde im nächsten Moment selbst von jemandem angerempelt, allerdings von hinten.

Sie war in einer völlig anderen Welt und bekam nur ganz am Rande mit, was um sie herum passierte. Die Musik war so unglaublich schön gewesen! Die Musiker hatten in einem großen Halbkreis um den Altar herum gesessen und am Anfang, am Ende und ab und zu in der Mitte des Gottesdienstes gespielt. Und es stimmte, einige der Instrumente waren aus Holz, die mussten mit einem Bogen gestrichen werden, und andere waren aus Metall, in die musste hineingeblasen werden. Die Instrumente aus Metall waren sehr laut! Die kleine Juliane hatte genau aufgepasst, und es schien, dass die Instrumente aus Metall immer an wichtigen, bedeutsamen Stellen in der Musik spielten, sozusagen als Bestätigung für das, was die anderen Instrumente vorher vorgeschlagen hatten – jawoll, so ist’s, und darüber wird jetzt nicht mehr diskutiert!

Die laute Stimme und auch das Leuchten des Metalls gefielen ihr sehr. Sie hatte bemerkt, dass es – und sie hatte dabei ganz genau hingesehen – auch Instrumente aus Holz gab, in die hineingeblasen wurde. Diese Instrumente klangen etwas leiser, und sie hatten einen verträumten, flüsternden Ton, und sie klangen auch nicht alle gleich! Jedes schien seine eigene Stimme zu haben, genau wie die Menschen, die ja auch alle ein bisschen anders klangen, wenn sie sprachen.

Am meisten angetan hatten es ihr aber die Instrumente, die mit einem Bogen gespielt werden mussten! Da gab es ganz grosse, eins von ihnen war tatsächlich größer gewesen als die kleine Juliane selbst! Dieses Instrument war sehr drollig, es schien immer irgendwie mitzuspielen, es war also wohl sehr wichtig, aber so richtig hören tat man es doch nicht. Nur manchmal hatte die kleine Juliane geglaubt, dass das Holz der Kirchenbank bei besonders tiefen Tönen ein wenig mitbrummte – das war spannend! Vielleicht waren die Kirchenbank und das große Instrument ja aus dem gleichen Baum gemacht worden, und die Kirchenbank wollte jetzt gerne auch mitmachen, wenn ihr Bruder so schöne Musik spielen durfte?

Am allerschönsten waren aber die Instrumente, die ganz links in dem großen Halbkreis gesessen hatten. Sie waren sehr klein gewesen, was die kleine Juliane sehr passend fand, sie wurden mit einem Bogen gespielt, und aus ihnen kamen – auch da hatte sie genauestens hingehört – immer die schönsten und tollsten Melodien. Auch wenn diese Instrumente sehr klein waren, überstrahlte ihr Klang doch sden der anderen Instrumente, und diese schienen, auch wenn sie selber spielten, eigentlich doch im Grunde das nachzuspielen und aufzunehmen, was diese kleinen Instrumente gerade vorgespielt hatten. So ein Instrument wollte die kleine Juliane spielen!

Aber ach – was dachte sie denn da? Sie war doch nur ein armes Waisenmädchen, wie sollte sie denn ein Instument lernen können? Und so ein schönes noch dazu! Denn dass man das Spielen eines Instruments erst lernen musste, das hatte sie sich schon lange gedacht und mittlerweile – wieder von den großen Kindern und den Erwachsenen – auch schon bestätigt bekommen.

Ein Instrument konnten nur die Kinder reicher Leute lernen. Sie als Waisenmädchen – das hatte ihr die Aufseherin gesagt, als sie tatsächlich so unverfroren gewesen war, danach zu frage – könne froh sein, dass sie überhaupt ein Dach über dem Kopf hatte, Lesen und Schreiben lernen durfte und nicht auf der Straße leben musste, wo sie eigentlich hingehörte!

Die kleine Juliane blieb stehen und senkte traurig den Kopf. Was sollte denn jetzt werden? Sollte sie denn die Musik, die sie so sehr liebte, nur jedes Jahr zur Weihnachszeit hören dürfen? Das wäre schrecklich. Und auch wenn sie es nicht wollte, und auch, wenn es ihr nur noch ganz, ganz selten passierte, weil sie ja schon fast ein großes Mädchen war, begannen jetzt Tränen über ihre Wangen zu laufen.

Sie konnte sie nicht stoppen, obwohl sie es mit aller Kraft versuchte. Die Tränen liefen und liefen und hinterließen warme, feuchte Spuren auf ihrem kalten, eingefrorenen Gesicht.

6.

Nach einiger Zeit trocknete die kleine Juliane ihre Tränen und sah sich um. Wo befand sie sich überhaupt? Sie war so sehr in ihren Tagträumen versunken gewesen, dass sie überhaupt nicht darauf geachtet hatte, wohin sie gegangen war! Die kleine Gasse, durch die sie gerade lief, hatte sie noch nie gesehen, die ganze Gegend hier kannte sie überhaupt nicht. Ihr wurde ein bisschen mulmig im Bauch. Die anderen Kinder vom Waisenhaus waren längst fort, und sie hatte sich offensichtlich verlaufen! Eigentlich kannte sie auch nur wenige der Strassen und Plätze des Dorfes – sie durfte das Waisenhaus nur unter Aufsicht verlassen, sie war immer noch zu klein, um alleine herumzustreifen.

Aber so schlimm war das alles nicht – das Dorf war ja nicht groß, die Kirche müßte man von überall her sehen können, und von der Kirche her nach Hause zu finden, das getraute sie sich wohl. Schlimmer würde wohl eher die Strafe werden, die sie dafür bekommen würde, dass sie heimlich weggelaufen war. Dass sie nichts Böses im Sinn gehabt hatte, dass die nur den Kopf voller Träume und Musik gehabt hatte, das würde man ihr sicher nicht glauben.

Langsam ging die kleine Juliane den Weg zurück, den sie gekommen war – zumindest an die letzten paar Meter konnte sie sich noch erinnern – und stand plötzlich vor einem grossen Schaufenster mit weissen Buchstaben auf der Scheibe. „Johann Ebenezer – Streichinstumente“ stand da geschrieben! Konnte das möglich sein? Sie hielt den Atem an, und – richtig! Da vor ihr im Fenster hingen tatsächlich Musikinstrumente! Es gab auch hier verschiedene Größen, und auch die kleinen Instrumente, die sie so sehr mochte waren da! Von denen gab es sogar eine ganze Menge in dem Laden, eigentlich war er sozusagen vollgestopft mit…

„Geigen!“ sagte die kleine Juliane laut, und ein klein wenig erschreckte sie sich vor dem Klang ihrer eigenen Stimme in der ansonsten völlig stillen Gasse. Sie hatte das Wort auf einem der Zettel gelesen, die neben den vielen Instrumenten hingen. Sie ging noch näher an die Scheibe heran. Sie sah, dass auch die Geigen nicht alle gleich aussahen, da gab es hellere und dunklere, und es gab sogar einen Bereich im Fenster, in dem nur die Bögen hingen, mit denen die Geigen gespielt werden mussten. Und ganz hinten im Fenster, in einem Bereich, in den fast kein Licht hineindrang, hing eine ganz alte, wunderschöne Geige, mit dunklem Holz und einem schön geschwungenen Kopf. Die kleine Juliane stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte sich so hoch sie konnte, um die Geige genauer erkennen zu können. Dabei stützte sie sich mit beiden Händen an der Fensterscheibe ab, um nicht den Halt zu verlieren. Sie..

„Scherr dich weg, du elendes Balg! Warte nur, gleich…“

Ein böser, zornig roter Kopf streckte sich aus einem Fenster direkt über ihr heraus und starrte sie grimmig an – die kleine Juliane dachte zuerst, ihr Herz würde vor Schreck stehen bleiben, dann rannte sie fort, so schnell sie ihre Beine trugen, und so schnell sie in dem dicken Schnee vorwärts kam.

7.

Die kleine Juliane lag auf ihrem Bett und betrachtete traurig den Mond, der hell und klar am dunklen Nachthimmel hing. Was sollte denn nun werden? In ihrem Kopf erklang noch immer die Musik, die sie am Abend in der Kirche gehört hatte. Dieser Tag war das schönste gewesen, was sie je erlebt hatte, und gleichzeitig hatte er sie tieftraurig gemacht. Sie wollte so gern mehr von dieser tollen Musik hören, und nicht nur dass – sie wollte, und dieser Entschluss hatte eigentlich von dem Moment an fest gestanden, als sie die ersten Töne des Adventskonzerts gehört hatte, sie musste die Musik auch selber spielen!

Als sie völlig verstört und verheult zuhause angekommen war, hatte man nur ein wenig mit ihr geschimpft und sie dann ohne Abendessen ins Bett geschickt – man hatte ihr wohl tatsächlich geglaubt, dass sie sich ganz einfach verlaufen hatte. Sie konnte hören, wie die anderen Kinder jetzt unten im Speisesaal Adventslieder sangen – ohne sie, aber das war ihr ganz recht, sie wollte alleine sein.

Sie brauchte einen Plan – ob es möglich war, irgendwie an ein Musikinstrument zu kommen? An eine eigene kleine Geige, auf der sie spielen konnte? Vielleicht war es ja möglich, dass sie erstmal nur für sich selbst spielte? Die kleine Juliane hatte nämlich schon genau hingesehen wie die Sache mit dem Bogen funktionierte! Man musste die Geige auf die Schulter nehmen, und zwar auf die linke, und den Bogen hielt man dann in der rechten Hand und bewegte ihn schön gerade hin und her. Etwa so!

Die kleine Juliane kroch aus ihrem Bett heraus und und stellte sich vor die Fensterscheibe. Ein paar Meter hinter ihr stand die grosse Kerze, die nachts im Schlafsaal immer brennen gelassen wurde, damit die Kinder keine Angst bekamen und nicht stolperten, wenn sie Nachts aufstehen und zur Toilette gehen mussten. Die Kerze gab ein schönes, dämmriges Licht, und die kleine Juliane konnte ihr Spiegelbild in der Scheibe deutlich erkennen. Sie streckte sich und drehte den Kopf nach links, genau, wie sie es in der Kirche gesehen hatte, und stellte sich vor, in ihrer Hand läge die schöne alte Geige, die sie im Schaufenster gesehen hatte. Wie schön mussten die Melodien aus dem Konzert auf dieser Geige klingen! Sie begann, eine der Melodien leise zu singen und tat so, als würde sie im Takt dazu mit einem Bogen die Saiten streichen. Das klappte doch schonmal ganz gut! Überhaupt erschien ihr der Bogen das wichtigste zu sein, abgesehen von der Geige selbst natürlich. Für die genaue Höhe der Töne schien wohl eher die linke Hand zuständig zu sein, aber das, fand Juliane, war erstmal nebensächlich. Das würde dann schon kommen, wenn man hörte, was wirklich dabei herauskam, wenn man mit einem echten Bogen über echte Saiten strich!

Sie schloss die Augen und stellte sich die Geige in ihrer Hand vor, den Geruch von altem Holz, den sie heute in der Kirche gerochen hatte, die Geräusche von anderen Musiker um sich herum, das Rascheln der Notenblätter, und das Gefühl von Saiten unter ihren Fingern.

Die kleine Juliane versank ganz tief in ihrem Traum, und ein wunderschönes, warmes Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus.

Sie wusste zuerst gar nicht mehr, wo sie sich befand, als plötzlich etwas von aussen an die Fensterscheibe klopfte.

8.

„Sie kommt! Sie hat tatsächlich geschrieben, ich war auf dem Postamt, und: Sie kommt!“

Atemlos und mit leuchtenden Augen kam ein kleiner, runzliger alter Mann in die Kirche hineingewatschelt, der auf den Schultern einen großer Lederkoffer trug, der offensichtlich ein Orchesterhorn enthielt.

„Ich bin so glücklich, dass sie sich gemeldet hat…“

Er zog mit dem Fuss einen Stuhl heran, was auf dem Marmorboden der Kirche fürchterlich quietschte, setzte den Koffer darauf ab und begann mit schnellen, geübten Bewegungen, sein Instrument auszupacken. Die übrigen Mitglieder des kleinen Kirchenorchesters waren schon vollzählig versammelt, und er beeilte sich nach Kräften.

Für das Weihnachtskonzert war ein wunderschönes Arrangement von einer Arie aus Bachs Weihnachtsoratorium geplant, und die Tochter des Hornisten sollte die Solostimme singen.

Deshalb musste bis zum großen Weihnachtskonzert noch viel geübt werden. Sie war schließlich eine berühmte Sängerin – das heisst, sie war nicht wirklich berühmt, aber immerhin hatte sie an der staatlichen Musikhochschule Gesang studiert, und sie hatte ein Engagement an der Oper in der Hauptstadt. Das wollte schon etwas heissen!

Das Orchester begann mit dem ersten Durchlauf der Arie, aber schon bald winkte der Musiker an der ersten Geige – es handelte sich dabei um den Bäckermeister des Dorfes – ab.

„Das ist einfach zu wenig! Die Geigen sind viel zu leise. Wenn das Fundament nicht stimmt, bricht das ganze Stück bei der ersten Gelegenheit auseinander…“

Das Orchester probte nun schon seit einigen Jahren ohne Dirigenten. Bei der geringen Größe – zusammen waren sie genau zehn Musiker – war das möglich, aber manchmal war es doch schwierig. Gerade heute im Adventsgottesdient hatten sie beinahe abbrechen müssen, als die zweite Geige einen Einsatz komplett verpasst hatte. Und der Cellist hatte leider trotz größtem Bemühen die Neigung, in längeren Stücken immer schneller zu werden.

Das Hauptproblem waren aber die hohen Streicher – es gab nur drei, zwei erste Geigen und eine zweite, und Bratschen gab es überhaupt keine!

Es fehlten Neuzugänge, das war eben die Schwierigkeit in einem kleinen Dorf. Seit zwei Musiker aus Altersgründen nicht mehr am Orchester teilnehmen konnten, fiel der Gesamtklang leider zunehmend auseinander.

Und gerade jetzt, wo sich so prominenter Besuch angekündigt hatte, wollte man sich doch nicht blamieren…

9.

Ein kleiner Vogel war es, der da rhythmisch mit seinem langen Schnabel gegen die Fensterscheibe hämmerte! Er hatte einen blauen Kopf, blaue Flügel und an der Brust war er ganz orange. Ein Eisvogel, erkannte die kleine Juliane sofort. Aber ein Eisvogel im Winter? So hoch im Norden blieben Eisvögel sonst nur im Sommer, im Winter flogen sie dann ins warme Afrika. Das wusste die kleine Juliane ganz genau, sie hatte es erst letzten Monat in der Schule gelernt.

Der kleine Vogel hämmerte wieder gegen die Scheibe. Was er wohl wollte? Ob ihn etwa ihre Musik gestört hatte? Aber, das konnte ja gar nicht sein, die Musik hatte ja nur im Kopf der kleinen Juliane stattgefunden – fast hatte sie das schon vergessen. Trotzdem, sie hatte jetzt schon von „ihrer Musik“ gesprochen – das war super!

Als sie sich den kleinen Eisvogel genauer ansah, bemerkte sie, dass er erbärmlich zitterte. Es stimmte wohl tatsächlich, dass er bei der Kälte nicht hierher gehörte.

„Du armer, möchtest du vielleicht reinkommen?“ fragte die kleine Juliane. Und der Vogel, gerade, als ob er sie gehört hätte, fing an, noch viel heftiger zu zittern und noch viel heftiger mit dem Schnabel gegen die Scheibe zu hämmern.

Nicht, dass er hier vor ihren Augen starb? Über diesen schrecklichen Gedanken hatte die kleine Juliane jetzt sogar das Geige spielen vergessen, wenn auch natürlich nur für kurze Zeit. Sie öffnete das Fenster. Es knarzte wieder schrecklich – daran hatte sich in den letzten Jahren nichts geändert – und der kleine Vogel flatterte sofort herein und liess sich auf dem Fensterbrett nieder.

„Und nun? Was mache ich denn jetzt mit dir?“ sagte sie. Vorsichtig schloß sie das Fenster wieder und setzte sich auf ihr Bett.

Der Vogel sah sie mit großen Augen an.

„Möchtest du hier einziehen und bei mir wohnen?“ Das hatte die kleine Juliane natürlich nicht ernst gemeint – so etwas war hier im Waisenhaus nämlich auf gar keinen Fall möglich. Und überhaupt, wenn, dann würde ein Vogel doch nicht irgendwo „einziehen“, sondern allenfalls „regelmäßig ab und zu vorbei schauen“, um sich zu wärmen und satt zu essen, oder? Trotzdem war sie höchst erstaunt, als der Vogel auf ihre Frage hin heftig den Kopf schüttelte.

„Kannst du mich etwa verstehen, Eisvogel?“ fragte die kleine Juliane.

Der Vogel nickte langsam mit dem Kopf! Die kleine Juliane war jetzt völlig verwirrt. Sie wollte gerade den Mund auf zu machen, als sie plötzlich Stimmen und Schritte auf der Treppe hörte – das Adventssingen war vorbei, und die Aufseherin würde zusammen mit den anderen Kinder würde jeden Moment in den Schlafsaal kommen! Jetzt war schnelles Handeln angesagt.

„Lieber Vogel, du kannst über Nacht hier bleiben, aber dann darfst du keinen Mucks machen, ok? Wenn dich jemand hört, wirft man dich sofort wieder hinaus in die Kälte! “ Und mich gleich dazu, dachte sie, sagte es aber nicht. Der Vogel musste ja schliesslich nicht alles wissen. „Du kannst hier unter meinem Bett in meinem Pantoffel schlafen, dort ist es schön warm.“

Der kleine Eisvogel schien sie tatsächlich zu verstehen, denn er machte einen Hüpfer, schlug ein paarmal mit den Flügeln und landete auf dem Fussboden, direkt neben dem linken Pantoffel der kleinen Juliane. Dann piepte er einmal freudig und machte noch einen Hüpfer, genau in den warmen Pantoffel hinein.

Die Juliane hörte, wie sich die große Tür des Schlafsaals öffnete. Sie schob beide Pantoffeln ein Stück weit unter ihr Bett, kroch unter die warme Decke und stellte sich schlafend. Gerade noch rechtzeitig!

Die Kinder kamen herein, schwatzten, und legten sich in ihre Betten, während die Aufseherin mit ihnen ein Abendgebet sprach und sie dazu ermahnte, keinen unnötigen Lärm zu machen.

Das war ein langer, ereignisreicher Tag für die kleine Juliane gewesen! Und noch bevor die anderen Kinder mit dem Schwatzen aufgehört hatten, war sie eingeschlafen…

10.

Mitten in der Nacht aber wachte die kleine Juliane plötzlich wieder auf. Sie hörte ganz deutlich ein Piepsen unter ihrem Bett! Das war natürlich der Vogel, dachte sie. Hatte er nicht versprochen, leise zu sein? Aber was für ein Unsinn war das – der Vogel hatte natürlich überhaupt nichts gesagt, er war eben einfach in den warmen Pantoffel gehüpft, und überhaupt hatte sie sich das mit dem Kopfschütteln wahrscheinlich nur eingebildet. Die kleine Juliane beugte sich vor und schaute unter ihr Bett.

„Piieeep!“ machte der Vogel, hüpfte aus dem Pantoffel heraus und piekste der kleinen Juliane in die Wange.

„Au!“ flüsterte sie, und zog den Kopf weg. Der Vogel kam ihr hinterhergehüpft und sprang auf die Bettdecke.

„Was machst du denn da?“ flüsterte die kleine Juliane vorwurfsvoll. So hatte sie sich das aber nicht vorgestellt! „Lieber Vogel, du musst unbedingt leise sein, und…“

„Piieep!“ machte der Vogel, und zwar richtig laut! Die kleine Juliane sah sich erschrocken nach den anderen Kindern um, aber die schienen alle noch zu schlafen.

„PIEEEP!“ machte der Vogel wieder, und hüpfte dabei heftig auf und ab.

„PIEEEP! PIEEEP! PIIEEEEEEEEEP!“

Der Vogel machte einen unglaublichen Lärm, dabei hüpfte er wie verrückt, wie ein kleiner Gummiball ging es auf und ab. Dabei flatterte er mit den Flügeln, und schlug immer so heftig auf der Bettdecke auf, dass es der kleinen Juliane anfing, weh zu tun.

„PIEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEE….“

Das war fast wie ein Schrei! Und der Vogel wurde auch größer, und er hüpfte jetzt so schnell auf und ab, dass die kleine Juliane ihn überhaupt nicht mehr richtig erkennen konnte. Dafür klapperte jetzt ihr ganzes Bett und die Matraze quietschte, jedes Mal, wenn der Vogel auf der Bettdecke aufschlug. Und er wurde immer größer! Nach einiger Zeit – die kleine Juliane hatte der Atem angehalten und sass mit schreckgeweiteten Augen da – begannen die ersten Federn, aus dem blau-orangen Farbwirbel zu fliegen, in den sich der Vogel verwandelt hatte.

„PPPPPPIEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEP!!!“ hörte man, und dann war plötzlich Ruhe. Auf ihrem Bett, direkt vor der kleinen Juliane, saß eine Frau von vielleicht dreißig Jahren, sie hatte rotblondes Haar, dass sie zu einem Dutt zusammengesteckt hatte, und trug ein schönes blaues Kleid.

„“Mensch, war das anstrengend!“, sagte die Frau, und wischte sich den Schweiss von der Stirn. „Entschuldige bitte, wenn ich dich …. dich erschreckt habe!“ Sie war ganz ausser Atem und musste erst mal Luft holen.

„Wer…..wer bist denn du?“ fragte die kleine Juliane. Abgesehen davon, dass sie nicht so richtig verstand, warum der kleine blaue Vogel sich einfach so in eine hübsche Frau verwandeln konnte, wunderte sie sich auch sehr darüber, dass die anderen Kinder trotz des Höllenlärms, den das Verwandeln gemacht hatte, immer noch nicht aufgewacht waren.

„Ich bin, äh – “ die Frau in dem blauen Klein zögerte einen Moment, als müsse sie über Antwort zuerst selbst nachdenken, „Ich bin eine Fee! Und zwar eine gute Fee. Ich kann mir meinen Herzenwunsch erfüllen!“

„Wie bitte?“ sagte die kleine Juliane.

„Ich habe gesagt: Ich bin eine Fee und kann dir deinen Herzenswunsch erfüllen. Sag mal, hört du mir etwa nicht zu?“

„Doch, doch…“ sagte die kleine Juliane. Hatte die Fee gerade gesagt, dass sie sich ihren eigenen Herzenswunsch erfüllen könne? Aber wahrscheinlich hatte sie sich da nur verhört.

„Du hast doch einen Herzenswunsch, hoffe ich!? Sonst wär die ganze Verwandlung für die Katz‘ gewesen.“ Die Fee begann, ungeduldig mit den Fingern auf die Bettkante zu trommeln.

„Ich…äh…ja, natürlich!“ sagte die kleine Juliane. Sie verstand zwar nicht im geringsten, was hier gerade vor sich ging, beschloss aber, die Gelegenheit beim Schopfe zu fassen.

„Ich möchte gerne Geige spielen lernen!“ sagte sie. „Ich liebe Musik so sehr, und ich möchte Geige spielen!“

Die letzten Worte hatte sie ziemlich laut gerufen – die anderen Kinder wachten ja wohl gerade sowieso nicht auf, und sie wollte sicher gehen, dass die Fee sie auch ja richtig verstand.

„Das dachte ich mir!“ sagte die Fee und lächelte die kleine Juliane an. „Dann ist ja aller klar, und wir können mit dem Unterricht anfangen. Steh mal auf und stell dich vors Fenster!“

„Wie – jetzt gleich?“ fragte die kleine Juliane, der das alles jetzt doch ein bisschen zu schnell ging. „Aber ich habe doch gar keine Geige!“

Die Fee im blauen Kleid lächelte immer noch, sie war jetzt viel freundlicher und entspannter als gerade eben noch – offenbar hatte sie die Verwandlung einfach sehr in Anspruch genommen.

„Stell dich vors Fenster, du wirst schon sehen! Gerade vorhin hast du doch schon so schön gespielt.“

Also stand die kleine Juliane auf und stellte sich vors Fenster.

11.

Die kleine Juliane sah sich vorsichtig um, dann stahl sie sich aus der Hintertür des Waisenhauses. Wenn man sie jetzt erwischen würde! Aber sie musste unbedingt hinaus, sie musste zu dem Laden mit den Streichinstumenten.

Es war jetzt mittag, und noch immer wusste sie nicht, was sie denken sollte. Sie hatte am Morgen beim Aufwachen keinen Vogel mehr unter ihrem Bett oder sonst wo vorgefunden – es schien fast, als ob sie die ganze Geschichte nur geträumt hatte! Aber wenn sie die Finger ihrer linken Hand betrachtete, so sah sie dort – wenn auch nur ganz schwach – die Spuren, die die Saiten der Geige dort gestern Nacht hinterlassen hatten.

Als sie sich, wie die Fee es befohlen hatte, vor das große Fenster gestellt hatte, hatte sie dort natürlich wieder ihr Spiegelbild gesehen – aber dieses mal lag dort eine echte kleine Geige in ihrer Hand! Sie konnte die Geige auf ihrer Schulter fühlen, und auch die Saiten, und den Bogen! Ausserhalb des Spiegelbilds konnte sie von all dem gar nichts sehen, was etwas merkwürdig war. Aber diese Bedenken hatte die Fee schnell zerstreut – Geige üben solle man sowieso am besten mit geschlossenen Augen.

Und die Fee hatte sie ganz schön hart rann genommen! Die erste Unterrichtsstunde hatte so ziemlich die ganze Nacht gedauert, und sämtliche Erklärungen der Fee, dass sie die Zeit einfach angehalten hätte, weswegen auch die andere Kinder nichts hören würden, und weswegen es auch gar nichts machen würde, die ganze Nacht lang zu üben, weil sie ja danach dann nochmal die ganze Nacht zum ausschlafen hätte, änderten nichts daran, dass die kleine Juliane jetzt doch ziemlich müde war. Müde, aber sehr glücklich! Denn sie hatte gemerkt, dass Geige spielen ihr wirklich, wirklich Spass machte. Und sie lernte recht schnell – sie wusste jetzt schon wie die vier Saiten der Geige hießen, wie sie den Bogen genau halten musste, und sie konnte schon schöne, lange Töne spielen. Die Sache mit der linken Hand war dann zuerst doch nicht ganz so einfach gewesen, und die kleine Juliane hatte sich mächtig erschreckt, als der erste Versuch, einen Ton nachzuspielen, den die Fee ihr vorgesungen hatte, fürchterlich schief klang. Aber die Fee hatte ihr auch gesagt, dass Geiger eigentlich immer falsch spielten, dass es nur wichtig sei, die falschen Töne so schnell richtig zu schieben, dass es nicht auffiel, und damit war die kleine Juliane wieder glücklich. Denn sie hörte sehr genau, ob es richtig war, was sie spielte! Sie hatte auch schon ein wenig gelernt, Noten zu lesen und zu schreiben, und in der nächsten Nacht sollte es weiter gehen.

Die Fee hatte ausserdem ständig von einem Konzert gesprochen, es klang fast wo, als würde sie das große Konzert in der Christnacht meinen! Sollte… sollte die kleine Juliane da etwa selber mitspielen? Das wäre schöner als alles, was sie sich vorstellen konnte. Aber es gab da doch ein Problem: sie hatte ja immer noch keine Geige! Und sie wollte so gerne wissen, ob sie jetzt auch tatsächlich auf einer echten Geige würde spielen können! Ausserdem würden die Privatstunden bei der Fee sicherlich nicht ewig dauern, die kleine Juliane hatte mächtig Angst, dass es zu Weihnachten damit aus sein würde, ob Konzert oder nicht, und dann? Sie konnte vielleicht bis dahin so viel lernen, dass sie erstmal alleine weiterkam, und dann irgendwann später bei dem Orchester mitspielen konnte – aber ohne Geige?

Und die einzige Möglichkeit, an eine Geige zu kommen, war doch eben ein Laden, in dem man Geigen kaufen konnte. Womit sie eine Geige bezahlen wollte, wusste sie selber nicht, und sie hatte auch Angst, überhaupt zu dem Laden hin zu gehen! Sie musste immer an den bösen roten Kopf denken, der sich gestern – war das alles wirklich erst einen Tag her? – aus dem Fenster gelehnt hatte. Der hatte ja nicht gerade so gewirkt, als ob er einem kleinen Waisenmädchen einfach so mal eine Geige ausleihen würde! Aber sie hatte keine andere Möglichkeit.

Die kleine Juliane hatte mittlerweile den Kirchplatz überquert und war in die kleine Gasse eingebogen, in der sich der Laden von Johann Ebenezer befand. Ihr Herz pochte immer noch vor Angst, entdeckt zu werden, als vor ihr das Schaufenster mit den vielen Geigen auftauchte. Anders als beim letzten Mal war der Laden aber nicht leer! Es war ja nicht mehr Sonntag, der Laden hatte geöffnet, und gerade war ein dicker großer Mann darin.

Die kleine Juliane kam näher – sie wollte sich ja eigentlich nur die Preise für die Geigen ansehen, und schauen, ob irgendwas dort stand, dass man eine Geige vielleicht auch ausliehen konnte – was natürlich doch alles Unsinn war, sie hatte ja kein Geld! – aber jetzt hörte sie, dass die Leute in dem Laden sich unterhielten. Das war doch vielleicht ganz spannend! Ausserdem konnte sie die Frage, was sie nun eigentlich in dem Laden wollte, noch ein wenig hinauszögern. Sie stellte sich in der Nähe der Eingangstüre vor das Fenster und lauschte neugierig.

„…überhaupt wäre es besser, wenn du wieder dirigieren würdest, Johann. Das läuft doch so nicht! Hast du beim Konzert gestern nicht gehört, wie wir auseinander gehangen haben? Richtig peinlich war’s mir zum Teil!“

Erst jetzt sah die kleine Juliane, dass auch der Mann mit dem roten Kopf im Laden war – auch wenn der Kopf jetzt gar nicht so rot war. Er war groß und mager, sah blass und eigentlich auch ziemlich unglücklich aus, fand die kleine Juliane.

„Wie soll ich das gehört haben? Ich war nicht da. Und du weisst genau, dass ich das mit dem Dirigieren nicht mehr möchte. Seit..“

Der große dicke Mann unterbrach ihn: „Die Tochter vom Schorsch kommt, die Helene. Weißt du noch? Sie hat studiert und arbeitet jetzt an der Oper. Wir möchten den Bach nochmal aufführen.“

Johann Ebenezer grummelte irgend etwas und kramte in einer der vielen Schublade herum, die an einer Seitenwand des Ladens angebracht waren. Die kleine Juliane war jetzt noch ein bisschen näher getreten, um das Innere des Ladens besser erkennen zu können. Das ein Laden für Streichinstumente auch noch ein Innenleben hatte, das vielleicht noch viel spannender war als das Schaufenster, hatte sie gar nicht bedacht! Was wohl in den vielen Schubladen drin war…?

„Und alleine schaffen wir’s halt nicht. Auch sind wir viel zu wenig Leute. Es fehlt uns an Geigen! Hier im Dorf gibt jetzt auch keiner mehr Unterricht…“

Ebenezer sagte nichts und kramte weiter in seinen Schubladen herum. Die kleine Juliane stand jetzt – ohne das sie es gemerkt hatte – mitten in der Eingangstüre. Auf dem Tisch in der Mitte des Ladens lag die schöne alte Geige, die sie gestern noch im Fenster hatte hängen sehen!

„Johann. Du kannst dich nicht für immer hier verschliessen. Wir alle müssen mal Verluste hinnehmen, aber das Leben geht weiter, weisst du…“

Ebenezer sagte immer noch nichts und ging jetzt zu der alten Geige hinüber, nahm sie in die Hand und zupfte mit grimmigem Blick nacheinander die vier Saiten an. Es klang entsetzlich schief.

„Falsch!“ sagte die kleine Juliane laut, ohne dass sie es wollte. Sie hatte gestern Nacht in ihrer ersten Stunde bei der guten Fee natürlich zuerst das Stimmen gelernt, und die Fee hatte auch immer „Falsch!“ gerufen, wenn sie es nicht richtig gemacht hatte. Aber das war gar nicht so oft vorgekommen, die kleine Juliane hatte nämlich tatsächlich ein sehr gutes Gehör.

Die beiden Männer hatten die kleine Juliane bis zu diesem Moment überhaupt nicht bemerkt und drehten sich jetzt um.

„Die Geige klingt falsch!“ sagte die kleine Juliane nochmal, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte. Dass die beiden Männer sie so anstarrten, war ihr ziemlich unangenehm.

„Na, ist das eine Art für ein kleines Mädchen, ‚Hallo‘ zu sagen? Kommst einfach so in den Laden des alten Ebenezers hereinspaziert und behauptest, seine Geigen klängen nicht ordentlich!“

Der große dicke Mann sah die kleine Juliane jetzt etwas freundlicher an, allerdings war sie sich nicht ganz sicher, ob er sie auch wirklich ernst nahm.

„Nein, nein!“ beeilte sie sich zu sagen. „Nur diese Geige da, sie – “ sie war sich nicht sicher, ob es wirklich klug war, noch länger bei dem Thema zu bleiben.

„Sie ist wunderschön, aber ich glaube, sie müsste mal gestimmt werden.“ Sie versuchte ein Lächeln, um zu zeigen, dass sie es nicht böse meinte. Sie wollte doch nicht unverschämt wirken!

„Das Stimmen kannst du dir bei dem alten Ding schenken. Die Geige ist kaputt und kommt auf den Müll!“ sagte der alte Ebenezer patzig „Ich hab sie lange genug hier herum hängen lassen…“

Der große dicke Mann machte ein erschrecktes Gesicht.

„Johann, das kannst du nicht tun! Ist das nicht die alte Geige von…“

„Ja, und?“ Ebenezer war jetzt auf einmal laut geworden, aber die kleine Juliane verstand nicht, warum. „Ich will sie nicht länger hier haben!“ herrschte er den großen dicken Mann an.

„Aber sie ist doch so schön!“ sagte die kleine Juliane leise.

Der alte Ebenezer drehte sich zu ihr um und starrte sie an. Es schien fast, als ob er ihre Anwesenheit schon völlig vergessen gehabt hatte.

„Was geht dich das an?“ jetzt war der Kopf des alten Ebenezers wieder zornrot.

Der kleinen Juliane kamen die Tränen. „Aber ich wollte doch nur…“

„Raus aus meinem Laden!“ schrie er. „Kinder haben hier nichts verloren…“

12.

Einige Tage waren vergangen. Der heimliche Ausflug der kleinen Juliane war glücklicherweise nicht bemerkt worden, und sie hatte seitdem jede Nacht ausführlichen Unterricht von der guten Fee bekommen. Die Sache mit dem Vogel und dem verwandeln hatte sie weggelassen – die kleine Juliane hatte einfach immer irgendwann in der Nacht ein lautes Klopfen an der Fensterscheibe gehört, und dann war es losgegangen.

Sie konnte jetzt schon Tonleitern spielen und einfache, kleine Melodien! Der Unterricht ging jede Nacht sehr lange, aber die kleine Juliane störte das nicht – zum einen war es wirklich so, wie die Fee gesagt hatte – sie konnte offenbar die Zeit anhalten, und somit konnte die kleine Juliane wirklich jede Nacht noch ein paar Stunden schlafen. Und zum anderen machte Geige spielen ihr einfach unglaublich viel Spass!

Dennoch war sie jeden morgen hundemüde. Das lag zum Teil daran, dass sie abends nach dem Unterricht noch so aufgeregt war, dass sie lange nicht einschlafen konnte. Sie war so glücklich, dass sie jetzt selber Musik machen konnte! Sie merkte schon, dass das, was sie da spiele, verglichen mit der Musik in der Kirche noch recht einfach war, aber dennoch! Ausserdem spielten im Konzert ja viele Musiker gleichzeitig, und sie machte das hier alles alleine – das musste man schliesslich auch bedenken, fand sie.

Es war aber noch etwas anderes, was die kleine Juliane nicht schlafen ließ – es war natürlich der Gedanke an den alten Ebenezer und an das, was er zu ihr gesagt hatte. Zuerst hatte sie einfach nur Angst gehabt, aber mittlerweile war sie – es hatte eine Zeit gebraucht, das zu zu geben – auch ganz schön wütend! Sie hatte nichts böses getan, und trotzdem war sie einfach aus dem Laden geworfen worden. Und, was noch viel schlimmer war – der alte Ebenezer hatte gesagt, er wollte die schöne alte Geige einfach wegwerfen! Dabei hatte sie in den Augen der kleinen Juliane gar nicht so kaputt ausgesehen.

Ausserdem – wenn der alte Ebenezer die Geige unbedingt wegwerfen wollte, dann könnte er sie doch auch der kleinen Juliane schenken, oder? Sie würde bestimmt darauf spielen können! Eigentlich musste sie jetzt also nur nochmal zu dem Laden rübergehen und den alten Ebenezer danach fragen. Und ihn davon überzeugen, dass das eine tolle Idee war. Und es bei all dem irgendwie schaffen, nicht gleich wieder aus dem Laden herausgeworfen zu werden.

Es war Samstag morgen, als sie sich endlich dazu entschloss, zu handeln. Sie war jetzt alt genug, um Samstags vormittags mit den anderen größeren Kindern auf den Markt gehen zu dürfen. Sie hatte die Aufgabe bekommen, drei Kohlköpfe für die Küche zu besorgen, hatte sich beeilt und stand jetzt zum dritten Mal – völlig ausser Atem – vor dem Laden des alten Ebenezers. Sie war sich nicht ganz sicher, ob der Laden am Samstag wohl geöffnet haben würde, und freute sich, als sie sah, dass die Ladentür offenstand. Vorsichtig kam sie näher.

In dem Laden stand der alte Ebenezer. Er war allein und hielt eine besonders helle Geige in der Hand – als die kleine Juliane genau hinsah, merkte sie, dass die Geige noch nicht lackiert war, offenbar hatte er sie gerade erst fertiggestellt. Auch das war wieder sehr spannend! Die kleine Juliane wusste von der guten Fee, dass der Lack für den Klang einer Geige sehr wichtig war. Überhaupt neigte die Fee dazu, ihr zwischen den einzelnen Übungen manchmal sehr lange Vorträge zu halten. Das war immer sehr interessant und die kleine Juliane hörte immer gerne zu, aber manchmal war es schwierig, auch, weil die kleine Juliane in solchen Momenten immer ein bisschen den Eindruck hatte, dass die Fee ihre Anwesenheit irgendwie völlig vergessen hatte.

Wie eine Geige ohne Lack wohl klingen würde?, fragte sich die kleine Juliane. Aber gerade in diesem Moment nahm sich der alte Ebenezer einen Bogen, stimmte ein wenig an den Saiten herum, und begann, ein wunderschönes Lied zu spielen! Die Geige klang tatsächlich noch etwas nackt, die Fee wusste offensichtlich, wovon sie sprach, aber was der alte Ebenezer da spielte, sorgte dafür, dass der kleinen Juliane der Mund offen stehen blieb.

Bisher hatte sie immer gedacht, dass man auf einer Geige immer nur eine Melodie gleichzeitig spielen konnte, und das man für alles andere eben ein Orchester brauchte. Aber hier hörte sie zwei, manchmal sogar drei Stimmen gleichzeitig!

Es begann mit einer langsamen, getragenen Melodie, die aber – und das verblüffte die kleine Juliane völlig – schon nach ein paar Takten wiederholt wurde, allerdings ein paar Töne höher. Und dabei lief die erste Melodie einfach weiter! Und wieder ein paar Takte später meinte die kleine Juliane, die Melodie noch ein drittes Mal zu hören. Nach einiger Zeit wurde alles von ein paar großen, schweren Akkorden beendet, und es ging wieder mit einer einzelnen Melodie weiter – ganz ähnlich wie die erste, aber doch etwas anders.

Das Stück dauerte ein paar Minuten, und die kleine Juliane hörte die ganze Zeit zu, ohne sich zu bewegen und ohne ein Wort zu sagen. Trotz all der vielen Töne und Stimmen war es ein sehr trauriges Stück! Sie sah, dass der alte Ebenezer die Augen beim Spielen geschlossen hatte, genau, wie die Fee es ihr selbst immer sagte. Als das Stück zu Ende war, nahm er die Geige von der Schulter, liess die Augen aber noch einen Moment geschlossen. Meinte die kleine Juliane es nur, oder waren da Tränen in seinen Augenwinkeln?

Sie machte einen kleinen Schritt auf den alten Ebenezer zu, und dabei knarzte der Boden unter ihren Füssen. Der alte Ebenezer öffnete die Augen und sah die kleine Juliane direkt an.

„Du schon wieder!“ sagte er. Seine Stimme war dabei aber nicht so laut wie bisher, wenn er mit ihr gesprochen hatte.

„Das war wunderschön, was sie da gespielt haben!“ sagte die kleine Juliane.

Dann stand sie eine Zeit lang da und wusste nicht so recht, was sie sagen sollte.

„Ich wollte sie etwas fragen…“ sagte sie dann leise, weil sie befürchete, gleich wieder angeschrien zu werden.

Ihr Blick fiel auf den großen Tisch in der Mitte des Ladens, und zu ihrer Erleichterung sah die kleine Juliane, das die schöne alte Geige dort immer noch lag. Er hatte sie also noch nicht weg geworfen!

„Die alte Geige gefällt dir, nicht wahr?“ sagte der alte Ebenezer jetzt. Er legte die Geige, auf der er gerade gespielt hatte, aus der Hand und ging zu dem Tisch herüber. „Kannst du denn Geige spielen?“

Der kleinen Juliane schlug das Herz bis zum Hals – was um Himmels willen sollte sie denn jetzt sagen? „Nein“ wäre äußerst unklug, denn da wäre jede Hoffnung dahin, die Geige auch nur in die Hand zu nehmen. Aber sollte sie „Ja“ sagen? Nachdem sie gerade mal seit sechs Tagen spielte? Das konnte auch ziemlich nach hinten losgehen!

„Ein bisschen“ sagte sie schliesslich. Und das stimmte! Schliesslich war sie in den letzten Nächten ordentlich fleißig gewesen.

„Bei wem hast du gelernt?“ fragte der alte Ebenezer jetzt, und seine Stimme hatte einen bohrenden Unterton bekommen.

Und nun? Sollte sie jetzt sagen, dass sie bei einer Fee gelernt hatte, die erst ein kleiner blauer Eisvogel gewesen war, dass sie schon ein paar Melodien konnte aber noch nie eine echte Geige in der Hand gehabt hatte?

„Ich…“ fing die kleine Juliane an, und sagte dann nichts mehr. Sie war ebenfalls zu dem Tisch in der Mitte des Ladens herübergegangen, und beide standen jetzt da und betrachteten die alte Geige, die so ruhig und friedlich da lag, als würde sie schlafen.

„Sie ist so schön!“ sagte die kleine Juliane, und dann nahm sie all ihren Mut zusammen und legte vorsichtig eine Hand auf den Hals der Geige. Als der alte Ebenezer nichts sagte, nahm sie die Geige in die Hand und setzte sie vorsichtig an die Schulter. Das passte wie angegossen! Während ihrer nächtlichen Unterrichtsstundem hatte die kleine Juliane auch immer das Gefühl gehabt, es wäre genau diese Geige gewesen, auf der sie gespielt hatte, auch wenn sie sie ja immer nur undeutlich in der Fensterscheibe hatte sehen können.

Die zupfte die Saiten mit den Fingern an und hörte, dass sie immer noch verstimmt waren. Sie warf einen scheuen Blick auf den alten Ebenezer – der stand jetzt mit verschränkten Armen da und musterte sie kritisch. Was auch immer hier vor sich ging, sie durfte jetzt keinen Fehler machen!

Sie nahm die Geige wieder von der Schulter, stellte sie vorsichtig senkrecht auf den Tisch und drehte langsam an dem Wirbel für die D-Saite. Dabei achtete sie darauf, dass sie mit der anderen Hand einen leichten Gegendruck ausübte, wie sie es gelernt hatte. Sie überprüfte die Stimmung der Saite und korrigierte noch einmal, bis es stimmte. Genauso machte sie es mit der G-Saite und der E-Saite. Ob die A-Saite genau gestimmt hatte, wusste sie nicht, aber irgendwomit musste sie ja anfangen. Jetzt setzte sie die Geige wieder ans Kinn und griff nach einem Bogen, der ebenfalls auf dem Tisch lag. Nun kam der definitiv schwerere Teil. Das mit dem Stimmen war im Grunde nicht weiter schwierig, man brauchte nur manchmal etwas Geduld dafür. Jetzt aber musste sie auch wirklich etwas spielen! Sie dachte kurz nach und entschloss sich dann dazu, eine kleine Melodie zu spielen, die die Fee ihr vorgestern Abend beigebracht hatte, und die sie in dieser Nacht wiederholt hatten. Es war eine harmlose kleine Melodie mit vielen leeren Saiten, bei der aber doch jeder Finger irgendwann mal dran kam, und die einen schönen, verträumten Rhythmus hatte.

Sie war noch nicht ganz fertig, als der alte Ebenezer sie heftig unterbrach:

„Stop! Woher kennst du diese Melodie?“

„Die – äh – hab ich irgendwo gehört…“ sagte die kleine Juliane vorsichtig. Das war ja nicht mal gelogen, denn lügen wollte sie nicht, aber woher sie die Melodie wirklich kannte, konnte sie doch nicht sagen.

„Möchten sie die Geige denn wirklich wegwerfen?“ fragte die kleine Juliane. Einerseits, weil sie diese Frage jetzt mehr als je zuvor beschäftigte, die Geige hatte nämlich wirklich wunderschön geklungen! – andererseits aber, weil sie dringend vom Thema ablenken wollte.

Der alte Ebenezer sagte lange Zeit gar nichts, dann seufzte er.

„Nein, dass möchte ich nicht.“ Er machte wieder eine lange Pause. „Weisst du, diese Geige hat einmal einer großen Geigerin gehört. Hinten an der Wand hängt ein Bild von ihr.“ und er deutete auf ein kleines Bild mit einem schwarzen Rahmen, das ganz in der Nähe an der Wand hing. Ein Bisschen in der Ecke, so, dass man es nicht gleich sehen konnte, wenn man in den Laden herein kam. Das Bild war ganz in Schwarz-Weiss, trotzdem erkannte die kleine Juliane die Frau auf dem Bild sofort.

„Wer…“ setzte sie an, aber sie wurde von Ebenezer unterbrochen.

„Weisst du, seitdem sie gestorben ist, kann man die Geige nicht mehr stimmen. Die Wirbel halten einfach nicht mehr. Ich hab es dutzende Male versucht, aber es hat nie geklappt. Bis heute morgen. Bis du gekommen bist…“

Die kleine Juliane sah Ebenezer ziemlich erstaunt an, dann glaubte sie, ein paar Sachen zu verstehen, und sagte lieber gar nichts.

„Möchtest du nocheinmal auf ihr spielen?“ fragte er, und das liess sich die kleine Juliane natürlich nicht zweimal sagen.

13.

Die kleine Juliane sass auf einem Stuhl in der Kirche und war fürchterlich aufgeregt. Um sie herum sassen die anderen Musiker des Orchesters, vor ihr war ein klappriger alter Notenständer, und gleich würde es losgehen!

Es war so viel passiert in den letzen Wochen! Als sie vom alten Ebenezer zurück gekommen war – fast zwei Stunden später als verabredet – hatte die kleine Juliane wirklich mächtigen Ärger bekommen, weil man ihr zuerst nicht geglaubt hatte, wo sie gewesen war.

Dann aber war alles wieder gut gewesen, weil der alte Ebener tatsächlich wie versprochen herübergekommen war und der Aufseherin erklärt hatte, wo die kleine Juliane gewesen war, und dass er ihr eine seiner Geigen leihen wolle. Und das sie bitte an zwei Abenden in der Woche frei haben sollte, weil sie an den Proben des Kirchenorchesters teilnehmen solle, man brauche dringend Nachwuchs. Ob er denn das Orchester wieder dirigieren würde? Ja, das würde er.

Und diese Nachricht war fast so etwas wie eine Sensation in dem kleinen Dorf! Nach dem Tod seiner Frau vor einigen Jahren hatte Johann Ebenezer die Leitung des Orchesters aufgegeben, und da seine Frau, eine ausgezeichnete Geigerin, immer den Geigenunterricht im Dorf gegeben hatte, hatte es auch keinen Nachwuchs mehr gegeben. Ebenezer war traurig und verbittert geworden, und irgendwann hatte sich kaum noch jemand daran erinnern können, wie er früher gewesen war – ein freundlicher junger Mann, der Kinder sehr mochte und dem die Arbeit mit seinem Orchester über alles ging.

Die Proben mit dem Orchester waren zuerst sehr sehr anstrengend für die kleine Juliane gewesen! Sie hatte am Anfang längst nicht alles verstanden, und sie war heilfroh, dass direkt nach der Probe immer die Stunden mit der Fee kamen, die ihr dann alles nochmal in Ruhe erklärte.

„Wie kann es denn überhaupt sein, dass ich nach ein paar Wochen schon bei einem Orchester mitspielen kann?“ fragte die kleine Juliane eines Abends, nachdem sie ein paar Dinge endlich verstanden hatte, mit denen sie sich schon seit Tagen herumquälte. „Die anderen Musiker haben mir gesagt, dass sie meine Stimme etwas vereinfacht hätten, aber trotzdem…“

Die Fee hatte darüber etwas herumgedruckst und dann etwas gesagt, dass in etwa so klang, als dass die kleine Juliane bei ihr schneller lernen würde, weil sie die Zeit während ihren Stunden angehalten hätte und sie deshalb das, was sie lernte, besonders gut behalten könne.

„Alles, was du kannst, hast du selber gelernt“, sagte sie, „aber unter normalen Umständen hättest du sicherlich viel länger dafür gebraucht. Unsere Stunden hier sind ein kleines Stück der Ewigkeit, und das, was man in der Ewigkeit gelernt hat, das kann man wirklich und vergisst es niemals.“

Das leuchtete der kleinen Juliane ein. Und sie verstand auch, dass sie deshalb nicht weniger stolz sein durfte auf das, was sie mittlerweile konnte. Sie überlegte kurz, ob sie, wo man gerade schon bei solch mystischen Themen war, die Sache mit dem Foto, den Wirbeln, dem Herzenswunsch und den Schlüssen, die sie daraus gezogen hatte, ansprechen sollte, denn das hatte sie immer noch nicht ganz verstanden, aber sie zog es vor, zu schweigen und die Dinge sich entwickeln zu lassen. Die Fee wusste schon, was sie tat, dachte sie.

Und während der Generalprobe gestern Abend hatte tatsächlich alles so geklappt, wie es sollte! Die Sängerin war tatsächlich gekommen, hatte ihren alten Vater umarmt – die beiden hatten sich seit langer, langer Zeit nicht mehr gesehen – und hatte dann angefangen zu singen, und zwar so schön, dass die kleine Juliane beinahe für einen Moment mit dem Spielen aufgehört hätte. Und das wäre dann übel schiefgegangen, weil nämlich auch Ebenezer, der ihr und den anderen Geigen eigentlich einen Einsatz hätte geben müssen, für einen Augenblick mit dem Dirigieren aufgehört hatte. Sonst war aber alles glatt gelaufen, und die kleine Juliane hatte später am Abend mit glühenden Wangen ihrem Bett gelegen und hatte von der wunderschönen Musik geträumt. Es war ihr fast gar nicht aufgefallen, dass die Fee zum ersten Mal seit ihrer ersten Unterrichtsstunde nicht erschienen war! Wirklich klar wurde ihr das erst am nächsten Morgen, als sie aufwachte – die Fee betrachtete ihre Aufgabe jetzt wohl als abgeschlossen, was die kleine Juliane stolz und auch ein wenig traurig machte. Aber sie war sehr glücklich und sehr dankbar für das, was sie bekommen hatte.

All diese Gedanken gingen der kleinen Juliane durch den Kopf, als sie jetzt auf ihrem Stuhl sass, die Geige erwartungsvoll am Kinn, und auf den Einsatz von Ebenezer wartete, der in einem schwarzen Frack vor dem Orchester stand und überhaupt nicht mehr traurig und unglücklich aussah. Er lächelte das Orchester an, bedachte die kleine Juliane mit einem aufmunternden Blick und hob den Taktstock.

Das Orchester begann zu spielen, und als die Sängerin einsetzte und sich das Stück weiter und weiter entwickelte, konnte die kleine Juliane nicht verhindern, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen. Nie hätte sie vor ein paar Wochen noch zu träumen gewagt, dass sie einmal hier sitzen würde, als sie nach dem ersten Adventsgottesdient aus der Kirche gekommen war und ihr Traum von der Musik hoffnungslos und unerreichbar weit weg zu sein schien.

Die Stück war in zwei Teile geteilt, und in der kurzen Pause zwischen den beiden Sätzen bemerkte die kleine Juliane, dass auf einem der Kirchenfenster, durch den bei Tag Licht in den Altarraum hereindrang und das jetzt nur von dern vielen Kerzen der weihnachtlich geschmückten Kirche beleuchtet wurde, ein kleiner blau-orangener Eisvogel sass und aufgeregt piepste. Sei freute sich, dass die Fee extra gekommen war, um ihr und dem Orchester beim Spielen zuzuhören, auch wenn sie ein wenig traurig war, weil dies nun wohl wirklich das allerletzte Mal war, an dem sie die Fee zu Gesicht bekommen würde. Plötzlich merkte sie aber, dass der kleine Eisvogel wieder begonnen hatte, heftig auf und ab zu hüpfen. Das Piepsen war auch schon viel lauter geworden.

„Nein!“ dachte die kleine Juliane. „Bitte nicht jetzt! Wir haben doch gerade Konzert, und wenn du jetzt…“

Aber sie sah, dass die Menschen um sie herum sich nicht bewegten, offenbar stand die Zeit wieder still. Sie sah auch, dass Ebenezer gerade den Taktstock gehoben hatte um der Sängerin, die beim zweiten Satz einen Auftakt hatte, den Einsatz zu geben. Die beiden sahen sich in die Augen, und die kleine Juliane merkte, dass beide langsam rot im Gesicht wurden, obwohl die Zeit ja eigentlich stillstand. Die kleine Juliane meinte jetzt, den Herzenswunsch der Fee etwas besser zu verstehen, und hatte jetzt doch vor, ihr einen etwas anzüglichen Spruch zu dem Thema zu geben, als sie merkte, dass der kleine blaue Vogel mit dem Hüpfen aufgehört hatte und einfach verschwunden war, ohne Fee. Zwei kleine Federn schwebte langsam vom Kirchenfenster herab, eine blaue und eine orangene, und fielen auf den Boden, genau vor den Notenständer der kleinen Juliane.

Was das wohl bedeuten sollte? Fragte sie sich, konnte dieser Frage aber nicht nachgehen, weil in genau diesem Moment der Einsatz des Diregenten kam, Helene mit dem Singen begann und die kleine Juliane alle Hände voll zu tun hatte, hinterherzukommen.

Nach dem Konzert standen die Musiker des Orchesters vor dem Altar und verbeugten sich, während die Kirchenbesucher heftig applaudierten. So schön hatte das Orchester seit Jahren nicht mehr gespielt! Als der Applaus auch nach etlichen Minuten einfach nicht enden wollte, mussten die Sängerin und Ebenezer nochmal alleine nach vorne gehen und sich Hand in Hand verbeugen. Dann sahen sie zu der kleinen Juliane herüber und beide streckten die Hand aus. Die kleine Juliane legte ihre Geige vorsichtig auf den Stuhl, und bevor sie nach vorne zum Publikum ging, las sie schnell noch die beiden Federn auf, die vorhin auf den Boden gefallen waren. Dies war offensichtlich ein Moment mit einer großen Magie, und den konnte man nicht so einfach verstreichen lassen.

Sie nahm die blaue Feder in die rechte Hand, die Orangene in die Linke, und dann ging sie herüber zu Ebenezer und Helene, die sie freundlich ansahen. Sie dachte an ihren eigenen Herzenswunsch, nicht an den mit der Geige, sondern an den, den sie schon immer gehabt hatte, schon, als sie noch ganz ganz klein war und von Musik noch überhaupt nichts wusste.

Sie ging fröhlich nach vorne und nahm die beiden Erwachsenen bei der Hand. Wie schon gesagt wusste die Fee sicherlich, was sie tat, denn das ist bei guten Feen schliesslich immer so, nicht wahr..?

Das Märchen vom König mit den traurigen Augen

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, ein kleiner Junge. Er lebte zusammen mit seinen Eltern in einer kleinen, windschiefen Holzhütte mitten im Herzen eines grossen, dunklen Waldes.

Eines Tages, es war tiefster Winter, sprachen seine Eltern zu ihm:

„Höre, Sohn. Es ist notwendig, dass wir dich und unser Haus für einige Tage verlassen und noch tiefer hinein in den Wald auf die Jagd gehen. Du siehst, es ist kalt draussen, und wenn es noch ein paar Tage so weiter friert, haben wir nichts zu essen mehr. Wir haben aber, weil wir wussten, dass es in diesem Jahr einen langen, harten Winter geben wird, Vorräte angelegt und diese tief im Wald versteckt. Diese werden wir jetzt holen gehen. Doch hab acht: wir werden, wenn wir in zwei oder drei Tagen zurück kommen, müde, hungrig und durchgefroren sein, und wir werden uns, wenn wir nicht an der Kälte und an Erschöpfung sterben wollen, an das Kaminfeuer setzen und uns aufwärmen müssen. Passe also gut auf, dass das Feuer in unserer Abwesenheit nicht erlischt! Denn wenn wir nach unserer Ankunft kein warmes Heim vorfinden, müssen wir sterben.“

Der Junge hörte die Worte seiner Eltern und prägte sie sich ein so gut er konnte. Es war dies eine grosse Aufgabe für ihn, und er war noch weit vom Erwachsenenalter entfernt. Dennoch versprach er seinen Eltern, alles so zu tun, wie sie es gesagt hatten. Am nächsten Morgen dann, nachdem sie ihm nocheinmal genaustens eingeschärft hatten, wie er auf das Haus und vor allem das Feuer aufzupassen hatte, verliessen sie, schwer bepackt mit Rucksäcken und Jagdgerät und eingehüllt in warme Mäntel, das Haus.

Der Junge stand am Fenster und sah zu, wie sich ihre Spuren langsam im Schneegestöber verloren. Dann setzte er sich vor das Kaminfeuer und wartete.

Er wusste, wenn das Feuer so und so hoch brannte, musste er mit dem Feuerhaken in die Flammen stossen und das Holz auseinanderschieben, und wenn die Glut so und so hoch lag, musste er einen Teil der Asche entfernen und neues Holz nachlegen.

So vergingen einige Stunden, und schliesslich begann der Junge, müde zu werden. Er machte sich grosse Sorgen, denn er erkannte, dass er keinesfalls die ganze Nacht und den nächsten Tag und die darauffolgende Nacht hindurch würde wachbleiben können. Was sollte er nur tun, wenn das Feuer verlöschte, während er schlief? Wie man ein Feuer neu anzündet, das wusste er nicht.

Aber trotz seiner Sorge war er nur ein kleiner Junge, und schliesslich schlief er ein. Es war aber ein unruhiger Schlaf, einer, wie man ihn hat, wenn man an einer Krankheit oder einem Fieber leidet. Der Junge sah vor sich den Kamin, und er sah auch die Flammen, aber in seinem Traum erschienen sie ihm schrecklich klein, und es spukten ihm böse Fantasien von arglistigen Kobolden und hinterhältigen Trollen im Kopf herum, die ihm einredeten, dass Feuer müsse nur noch grösser und grösser werden, die Flammen müssten das ganze Haus bedecken, nur dann könne er seiner Aufgabe gerecht werden und zudem in Ruhe schlafen.

Der Junge warf Holzscheit um Holzscheit in die Flammen, und auf jeder seiner beiden Schultern sass ein böser Kobold, der ihm ins Ohr raunte, so sei es gut und er solle nur weiter machen und noch mehr Holzscheite ins Feuer werden.

So kam es, dass schliesslich die ganze Hütte lichterloh brannte. Der Junge spürte ein Sengen und Brennen auf seiner Haut, er musste Husten, die Kobolde sprangen eilig von seinen Schultern und lösten sich mit einem gemeinen Kichern in grünen und roten Rauch auf – und mit einem Male war der Junge wach.

Er war wach und erkannte mit Schrecken, was er getan hatte. Die Hütte brannte und war nicht mehr zu retten. Der Brunnen neben dem Haus war schon seit Wochen eingefroren, und trotz der Kälte lag kein Schnee, den er in die Flammen hätte werden können um sie zu ersticken. Gerade schaffte er es noch, die Türe aufzureissen und sich mit einem grossen Sprung heraus in die Kälte zu retten.

Dann stand er dort und sah zu, wie die kleine Holzhütte, sein zuhause seit er denken konnte und auch das zuhause seiner Eltern, mit einem langsamen, lauten Krachen in sich zusammenbrach.

Doch damit nicht genug; die Flammen waren gierig, sie hungerten nach viel mehr Holz als die kleine Hütte ihnen geben konnte, und sie griffen nach den Bäumen und Sträuchern, unter denen die kleine Hütter verborgen gewesen war, nach Ästen und Zweigen, nach den Wurzeln und schliesslich nach dem ganzen Wald. Der kleine Junge drehte sich um und rannte um sein Leben, während ihm selbst heisse Tränen der Schuld über die Wangen rannen.

*

Er konnte nicht sagen, wie lange er gerannt war, es musste wohl eine kleine Ewigkeit gewesen sein. Das, oder zumindest die ganze Nacht, den gegen Morgengrauen erreichte er eine kleine Felshöhle, in die er sich legte, denn er war zu Tode erschöpft und sein Herz brannte vor Trauer und Wut auf sich selbst. Die Höhle war voll mit Blättern und kleinen Ästen, fast wie ein Nest – vielleicht hatte hier jemand seinen Winterschlaf halten wollen, war dann aber fortgegangen und nie mehr zurückgekehrt. Dem Jungen war es egal, ausserdem musste er schlafen, er hatte keine andere Wahl. Und draussen im Freien würde er erfrieren.

Am nächsten Tag wachte er auf und lief weiter, er wusste nicht wohin, es waren seine Füsse, die einfach beschlossen, den einmal eingeschlagenen Weg beizubehalten.

Wieder lief er lange, es hätte wohl wieder eine Ewigkeit sein können, und schliesslich gelangte er an den Rand einer grossen Stadt. Erleichterung überkam ihn, würde er hier doch sicherlich etwas zu Essen und ein warmes Dach über dem Kopf bekommen – so dachte er, und als ihm auf seinem Weg zwei Gestalten in Stiefeln und ordentlich aussehenden Pelzmänteln entgegen kamen, lief er schnellen Schrittes auf sie zu.

„Helft mir!“, wollte er ihnen zurufen, aber er merkte, dass der Rauch, den er in den Flammen, die das Haus seiner Eltern aufgezehrt hatten, eingeatmet hatte, sich wie eine Fessel auf seine Zunge und seine Lungen geleggt hatte. Zudem war er vom langen, schnellen laufen in der grossen Kälte sehr heiser geworden, und als er schliesslich den Mund auftat, konnte er nichts weiter als ein garstiges Krächzen hervorbringen.

Die Wachen – denn Wachen waren es, denen er begegnet war, Wachen des Königs – sahen ihn zuerst vertändnislos, und dann, als er von neuem versuchte, seine Stimme zu erheben, und wieder nur ein hässliches Krächzen erklang, sogar böse und feindselig an.

„Wer seid Ihr?“ fragten sie, und „Was habt ihr hier verloren?“.

Es war wohl verboten, an diesem Tag und zu dieser Stunde an diesem Ort zu sein – vielleicht hätte der Junge sich verteidigen und sich erklären können, hätte er sprechen können. So aber nahmen ihn die beiden Wachen mit sich und warfen in hinein in den dunkelsten Schlosskerker.

*

Wieder verging eine lange Zeit, der Junge sass eingeschlossen in seinem Verliess und wusste nicht von Tag oder Nacht. Wohl fand er nach einger Zeit seine Stimme wieder, aber der Klang seiner Stimme hatte sich so sehr verändert, dass er selbst meinte, einen Fremdem sprechen zu hören.

Eines Tages geschah es – es war dies wohl eine Tradition – dass alle Gefangenen des Schlosskerkers dem König vorgeführt wurden. Ihnen war an diesem Tag die Möglichkeit gegeben, beim Herrscher des Landes um Gnade für ihr armseliges Leben zu bitten.

Der Junge wurde also einen dunklen Gang entlang geführt und stand mit einem Male im hellen, gleissenden Licht des von hundert Kerzen erleuchteten Thronsaals. Seine Augen brauchten eine Weile, um sich nach der langen Zeit im Kerker an das helle Licht zu gewöhnen, und zuerst war er wie erschlagen von der Pracht und der Herrlichkeit, die er hier erblickte. Dann aber merkte er, dass mit diesem Thronsaal etwas nicht stimmte. Die Wände wiesen an eingen Stellen Risse auf, über den Boden wucherten Schlingpflanzen, und von der Decke tropfte an einigen Stellen eine dunkle, schwarze Flüssigkeit herab, die tiefe Löcher in den Boden brannte.

Dann wandte er seinen Blick zu dem Königspaar, dass inmitten des Thronsaals auf zwei golden Stühlen sass, und er erstarrte – denn es war niemand anders als seine lieben Eltern, die dort sassen und offenbar König und Königin über dieses Land waren!

Er stiess einen lauten Freudenschrei aus und lief auf sie zu, wurde aber im gleichen Augenblick hart von den Wachen zurückgerissen.

„Schweigt, Elender, was fällt Euch ein!“ rief einer der Wachen und schlug ihn mit der Hand ins Gesicht, so dass er eine Zeitlang nur noch Sterne sah. Dann aber sah er, wie der König den Wachen ein Zeichen gab, und er wurde – wenn auch sehr grob – in die Mitte des Saales geführt.

„Wer seid Ihr, und was ist Euer Verbrechen?“ fragte ihn der König.

Noch immer erkannte er in der Gestalt, die vor ihm auf dem Thron sass, seinen Vater, aber eine schreckliche Veränderung war mit ihm vorgegangen. Er war sehr blass, sein Gesicht wies nicht mehr Farbe auf als weisser Marmor, er war abgemagert bis auf die Knochen, und wo seine Augen hätten sein sollen, sah man nur zwei tiefe, weisse Löcher, wie zwei Eisflächen im tiefen Winter, die einen zugefrorenen See bedecken. Er sah zur Königin, seiner Mutter, und fand sie auf die gleiche schreckliche Weise verändert.

Zu seiner grossen Verwunderung aber war die Stimme des Königs warm und freundlich, er wiederholte sogar seine Frage:

„Sagt mir, wer seid ihr, und was habt ihr verbrochen?“

Der Junge aber konnte nicht antworten. Er verstand nicht, warum seine Eltern ihn nicht erkannten, und noch grösser war sein Entsetzen über die Veränderung, die mit ihnen vorgegangen war, und die Erkenntnis, dass es die Kälte des Waldes war, die in sie eingedrungen war, seine Schuld, die sie zu dem gemacht hatten, was sie jetzt waren.

Der Junge konnte nicht antworten, und sah seinen Vater und seine Mutter nur stumm an. Er sah auch, dass links und rechts vom Thron jeweils zwei junge Drachen lagen und schliefen, Drachen mit hässlichen, flammend roten Köpfen und faltigen, geschuppten Rückenpanzern, auf denen Ungeziefer langsam hin und herkroch.

Er sah seine Eltern stumm an, und schliesslich sagte der König:

„Ich weiss nicht, wer du bist, und wie ich höre, hat dich auch niemand anders jemals in dieser Stadt gesehen. Du bist deshalb ein unfreier Mann. Dein Schweigen aber berührt etwas in mir, und so verspreche ich dir die Freiheit, wenn du in sieben Jahren harter Arbeit zeigst, dass du bereit bist, treu und hart für unser Land zu arbeiten. Ich werde dich zu sieben verschiedenen Zunftmeistern meiner Stadt schicken, und für jeden wirst du ein volles Jahr arbeiten. Am Ende eines jeden Jahres wirst du mir die Ergebnisse deiner Arbeit vorstellen. Gelingt es dir, dies sieben Jahre lang zu meiner Zufriedenheit zu vollbringen, so schenke ich dir die Freiheit.“

Dann winkte er den Wachen, und diese führten ihn fort, aber nicht zurück in den Kerker, sondern hinaus zum Schlosstor, wo bereits ein breit gebauter, grimmig dreinschauener Kerl auf ihn wartete.

Es war dies der Meister der Maurer- und Bildhauerzunft, und zu diesem wurde er jetzt für ein Jahr in die Lehre geschickt.

Der Junge arbeitete, und da er seine Freiheit wiederhaben wollte, tat er sein Bestes, um seinem Meister zu gefallen und gute, ordentliche Arbeit abzuliefern. Niemals aber vergass er während des ganzen Jahres das schreckliche Bild, dass ihm seine Eltern im Thronsaal geboten hatten, und niemals vergass er die zu Eis erstarrten Augen seines Vaters und seiner Mutter.

Am Ende des Jahres nahm es seine besten Werkstücke und trug sie zum Schloss hinauf.

Er wartete eine Zeitlang, bis man ihn einliess und zum König und zur Königin vorliess.

Er hatte gehofft, beide in einem besseren Zustand als vor einem Jahr vorzufinden, aber seine Eltern sassen nur da und sahen ihn nicht. Nachdem er eine Zeitlang gewartet hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Werkstücke vor den Thron auf den Boden zu legen und das Schloss wieder zu verlassen. Beim herausgehen merkte er aber, dass sich die Risse in den hohen Marmorwänden geschlossen hatten und diese wieder in ihrer alten, ursprünglichen Pracht erstrahlten.

Das nächste Jahr verbrachte der Junge bei einem Förster. Dort lernte er, wie man die Wildnis des Waldes und der Pflanzen bändigte und aus einem verkommenen Urwald einen schönen Garten machte. Am Ende des Jahres ging er wieder zum Schloss hinauf.

Wieder hoffte er, seinen Eltern möge es besser gehen, und wieder fand er sie unverändert vor. Allerdings hatten sich die garstigen Schlingpflanzen, die den Marmorboden überwuchert hatten, in die schönsten Rosen verwandelt, die jetzt säuberlich aufgereiht an den Wänden emporwuchsen.

In den folgenden Jahren arbeitete der Junge noch für eine Reihe anderer Zunftmeister, und jedesmal fand er das Schloss noch Ablauf eines Jahres in einem besseren Zustand vor als vorher. Seine Eltern sassen aber nach wie vor unbeweglich auf ihrem Thron und erkannten ihn nicht.

Das letzte Jahr schliesslich brachte er bei einem weisen alten Mann zu, der ihn in der Kunst unterrichtete, Menschen gute Ratschläge zu erteilen, sie von Ihren Krankheiten zu heilen und auf ihrem Lebensweg stützend zur Seite zu stehen. Während dieses Jahres verbrachte der Junge auch viel Zeit damit, um seine Eltern zu trauern, denn er glaubte nicht mehr wirklich daran, dass sich ihr Zustand jemals verändern würde. Wohl aber hatte der Thronsaal seine gesamte Pracht wiedererlangt, und auch die hässlichen, stinkenden Drachen zu Füssen des Königs und der Königin waren verschwunden.

Auch nach Ablauf dieses Jahres ging er wieder zum Schloss hinauf, und diesmal gelangte er direkt und ohne aufgehalten zu werden zum Thronsaal. Wachen sah er keine.

Er betrat den Thronsaal und sein Herz wollte einen Sprung machen, denn er fand sein Eltern in ihrer alten Gestalt, und das kalte Eis hatte ihre Augen verlassen, die wieder ihre ursprüngliche Farbe zurückerhalten hatten, braun die seines Vaters, grün die seiner Mutter.

Sie aber traten auf ihn zu und sagten: „Herr…“

Der Junge verstand zuerst nicht, dann sah er sein eigenes Bild in einem Spiegel, der an einer Seite des Thronsaals an der Wand angebracht war.

Er war kein Junge mehr, und auch kein junger Mann. Während seine Eltern sich in all den Jahren nicht verändert hatten, war er gealtert, zweimal so schnell, denn er hatte ihrer beider Zeit gelebt, als sie zu Eis erstarrt waren.

Und nochimmer erkannten sie ihn nicht, hatten sie ihn doch das letzte Mal gesehen, als er ein kleiner Junge war. Sie erkannten ihn nicht, und es waren auch nicht mehr König und Königin, sondern nur ein einfaches Bauernpaar, dass sich – niemand weiss, wie – in den Thronsaal des Schlosses verirrt hatte. Sie warfen ihm, dem König, noch einen ehrfürchtigen Blick zu, dann wurden sie von den Wachen mit harten Griffen aus dem Palast gejagt.

Eine tiefe Traurigkeit erfüllte den König, als er sich jetzt auf den Thron setzte und sich daran machte, das Land zu regieren – weise und gerecht, so gut er eben dazu in der Lage war.

Der Spiegelprinz



Prolog



Neben dem kleinen Küchentisch, den kleine Stühlen und den winzigen Tellerchen sahen die Hände der kleinen Xenia beinahe riesig aus. Sie hatte sich grosse Mühe gegeben, der kleinen Familie, die in ihrem Puppenhäuschen wohnte, ein gutes, reichhaltiges Abendessen zu bereiten – es war ein besonderer Anlass, und sie wollte, dass heute jeder satt und zufrieden zu Bett gehen würde.

Denn das kleine Mädchen, das gerade eben am Tisch Platz genomme hatte, das einziges Kind der armen, aber freundlichen Leute, die in dem kleinen verwunschenen Häuschen lebten, hatte eine grosse Tat vollbracht: Sie hatte einem schönen, jungen Prinzen dabei geholfen, einen bösen, feuerspeienden Drachen zu besiegen und ihm ausserdem noch das Leben gerettet.

Sie hatte den Prinzen zufällig getroffen, als sie zum Blumenpflücken auf die Wiese vorm grossen Wald gegangen war. Er war schwer verwundet und halb ohnmächtig aus den Bäumen hervorgestolpert, denn sein erster Versuch, den Drachen zu töten, war ziemlich misslungen. Das kleine Mädchen hatte ihm die Stirn mit wohltuenden Kräutern eingerieben, die sie am Wegesrand gefunden hatte, und ihm Wasser aus dem Fluss zu Trinken gegeben – das war das einzige, was sie hatte tun können. Dann hatte sie die Augen geschlossen und gebetet, dass der Prinz nicht sterben möge. Der aber hatte sich glücklicherweise schnell erholt, war wieder zurück zu dem Drachen gegangen, tief in den Wald hinein, und hatte ihn in einem langen, erbitterten Kampf getötet.

Die kleine Xenia beobachtete zufrieden, wie die kleine Puppenhausfamilie sich an den Küchentisch setzte, den sie mit so viel Mühe gedeckt hatte, und ihr Abendessen einnahm. Sie sah, dass das kleine Mädchen vor Glück strahlte, dass ihre Eltern sie mit stolzen Blicken bedachten, und sie beschloss, dass der Prinz am nächsten Tag an die kleine Holztüre des Puppenhauses klopfen würde – er würde vielleicht in einem unverwundbaren Panzer aus Drachenhaut erscheinen, oder auch mit einem riesigen Strauss Blumen, den er selbst für das kleine Mädchen gepflückt haben würde – auf jeden Fall aber würde er kommen und das kleine Mädchen auf sein Schloss einladen, und sie darum bitten, seine Frau zu werden. Und die armen Eltern würden in ein wunderschönes Landhaus nahe des Schlosses ziehen, sie würden nie mehr wieder arbeiten müssen, und …

Die kleine Xenia lehnte zufrieden ihren Kopf die Wand ihres Puppenhauses und schloss die Augen. Sie war schnell eingeschlafen, und schon bald träumte sie von einer grossen, prunkvollen Hochzeit in einem verwunschenen Schloss…

I. Teil

Prinz Adrian

Ein leichter Wind wehte und bliess sanft in die jungen, grünen Bäume des Schlossparks hinein. Hier und da sah man einige emsig zwischen den eleganten Baumreihen hin- und hereilende Gärtner, die damit beschäftigt waren, frische Setzlinge in die den Wegesrand säumenden Beete einzupflanzen oder den einen oder anderen ungestüm aufgeblühten Rosenstrauch in seine Schranken zu verweisen.

Die Anlagen des Schlosses waren elegant und weitläufig – der Innenhof wurde vom Hauptflügel mit den Gemächern der Königsfamilie sowie den Seitenflügeln mit dem grossen Thronsaal und den Wirtschaftsräumen, dem Küchentrakt und den Vorrats- und Schatzkammern umschlossen. Dahinter schlossen sich die Wohnungen der Bediensteten des Schlosses an, der Kammerdiener und Knechte, Hofgärtner und Küchenmeister. Zahllose Hektar vielfältig bebauten Ackerlandes begrenzten die Anlage an der Südseite, während sich im Norden ein fast endloses Waldgebiet anschloss.

Prinz Adrian lehnte am grossen, breiten Fenster seines Schlafgemachs und sah gedankenverloren in den Hof hinaus – nach dem langen, anstrengenden Tag heute schmerzten ihn seine Glieder, und er fühlte sich müde und erschöpft. Er würde bald erwachsen werden und das brachte eine zunehmende Anzahl von Verpflichtungen mit sich – für ihn, den einzigen Sohn des Königs und zukünftigen Thronfolger.

Unterricht im Reiten und Fechten erhielt er – neben dem normalen Schulunterricht, der ihm von einer Heerschar ausgewähler Privatgelehrter erteilt wurde – bereits seit seinem zwölften Lebensjahr. Der Umgang mit den Pferden und die frische Waldluft hatten ihm immer Freude gemacht, und er hatte diese Aufgaben nie als Belastung empfunden. Seit einigen Wochen aber waren zu seinen bisherigen Verpflichtungen noch die schwierigen Unterweisungen in Staatsführung und Kriegsstrategie hinzugetreten – unverzichtbarer Lehrstoff für einen zukünftigen König.

Prinz Adrian wandte seinen Blick wieder dem prächtigen Hofgarten zu – der Wind in den Blättern hatte jetzt stärker zu wehen begonnen. Er betrachtete die breite, stolze Treppe am gegenüberliegenden Schlossflügel , die zum Thronsaal hinauf führte… und mit einem Male begannen seine Muskeln, zu schmerzen – nicht mehr nur dumpf und verhalten wie eben, sondern eindringlich und fordernd. Eine zentnerschwere Last schien sich auf seinen Rücken zu legen, er hatte Mühe, aufrecht stehen zu bleiben. Das helle Sonnenlicht um ihn herum verschwand, die grünen Bäume, die leuchtenden, farbenfrohen Blumenbeete wurden dunkel und grau. Er senkte den Kopf, wie jedes Mal konnte er den Schmerz kaum ertragen. Dann zersplitterte das Bild vor seinen Augen, und er sank kraftlos in sich zusammen.



Als er wieder klar denken konnte, fand er sich niedergekauert in seinem schwarzen Verlies – erhellt nur durch die eine Glaswand, die, durch die er gerade jetzt nicht schauen wollte.

Stattdessen richtete er sich auf, soweit, wie seine verkrümmte Gestalt ihm dies gestatte, nahm einen vor ihm auf dem staubigen Boden liegenden Stein und schleuderte ihn gegen eine der schwarzen Wände. Eine Fledermaus kreischte auf, flog dicht an seinem Kopf vorbei und liess sich dann am anderen Ende des Verlieses auf einem Mauervorsprung nieder.

(der Trank – I)



Die kleine Hütte stand weit draussen am Rande des Dorfes, versteckt und unbemerkt vom Auge der Menschen. Ein eventueller Besucher hätte sich beim Eintreten vielleicht über die trübe, rauchschwangere Luft gewundert, die ihm in ihrem Innern entgegengeschlagen wäre. Wenn dieser Besucher sich dann langsam vorgetastet hätte – immer vorausgesetzt, dass sich überhaupt jemals ein Besucher in dieses Zimmer verirrte – wäre er schnell auf einen grossen, kupfernen Kessel gestossen, in dem eine merkwürdige, zähe Masse eifrig vor sich hin brodelte. Vielleicht wäre er erleichtert gewesen, weil er nun eine Erklärung für die Rauchschwaden gehabt hätte, die einen seltsamen Geruch verbreiteten und seine Lungen schmerzen liessen.

Vielleicht wäre sein Blick dann weitergewandert, und hätte die hochgewachsene, vermummte Gestalt entdeckt, die vor dem brodelnden Kessel stand und diesen aufmerksam beobachtete. Er würde dann vielleicht den Kopf heben und versuchen, in das Gesicht dieser merkwürdigen Kreatur zu schauen – und sein Herz wäre wohl zu Eis erstarrt, denn das, was da vor ihm stand, war kein Mensch. Vielleicht gab es deshalb keine Besucher in diesem Zimmer – jeder, der zufällig in die Nähe der baufälligen Hütte kam, wurde von einer geheimnisvollen Furcht ergriffen, die ihn schleunigst unter irgendeinem eilig erdachten Vorwand das Weite suchen liess.

Der Gestalt hinter dem Kessel war das nur Recht, ja, sie führte diesen Effekt sogar mit voller Absicht herbei – denn für das, was sie hier tat, konnte man Besucher nicht brauchen. Sie wollte ungestört sein, ungestört und vor allem unentdeckt.

Gerade eben schob sie eine ihrer knochigen, fauligen Hände aus ihrem Umhang und warf ein geheimnisvolles Kraut in den Kessel. Einen Moment lang geschah nichts, dann verstummte das wüste Brodeln, und die Oberfläche der Flüssigkeit wurde spiegelglatt.

Bilder erschienen, ein Schloss, ein grosser Thronsaal, eine stolze Königin in einem prachtvollen Hochzeitskleid – und irgendwo ein kleiner, verängstigter Junge in einem dunklen Verlies – es mochten wohl die Fantasien der Kreatur sein, die sich dort spiegelten. Eine weitere Zutat wurde hineingestreut, ein vermaledeites Pulver, das den gesamten Kessel erzittern liess. Die zähe Masse in seinem Innern erkaltete urplötzlich, die Rauchschwaden verschwanden – und das Gesicht der Kreatur verzog sich zu dem, was in ihren Augen einem Lächeln gleichkam…



der Ministerrat – I



Es war ein kleiner, eher unscheinbarer Raum, in dem sich die führenden Köpfe des Königreiches versammelt hatten. Neben zwei roten Samtsesseln, auf denen der König und die Königin Platz genommen hatten, befanden sich dort nur einige einfachere Sitzgelegenheiten für die Minister des Rates.

Ein klein gewachsenes, untersetztes Männlein trat vor und wies auf die halbkreisförmig angeordneten Stühle, die jetzt vollständig besetzt waren.

“Eure Hoheit?”

Die Neigung des Zeremonienmeisters zur Kahlköpfigkeit war während der letzten Jahre immer deutlich hervorgetreten – als er seinen Worten jetzt die seinem Stande angemessene, tiefe Verbeugung anschloss, blieb ihm nichts anderes übrig, als dem vor ihm sitzenden Königspaar sein kahles, entblösstes Haupt entgegenzusenken.

“Der Rat ist vollständig versammelt, die Sitzung kann nun beginnen.”

Hiermit war seine Arbeit getan. Er zog sich in einen Winkel des Raumes zurück und verfolgte den weiteren Verlauf der Sitzung schweigend. Es war jetzt Aufgabe des Königs, die Sitzung zu eröffnen und seine Pläne für ihren weiteren Verlauf bekanntzugeben.

Betrachtete man ihn, wurde schnell klar, dass auch an ihm die langen Jahre seiner Regierungszeit nicht spurlos vorüber gegangen waren. Nachdem seine erste Frau plötzlich und völlig unerwartet verstorben war, hatte er sich, obwohl schon in reiferen Jahren, neu verheiratet. Sein einziger Sohn stammte noch aus der ersten Ehe und war erst vor kurzem dem Knabenalter entwachsen – die zweite Ehe war bisher kinderlos geblieben. Gerade in den Jahren nach seiner erneuten Eheschliessung war der König jedoch stark gealtert. Ein dünner grauer Bart hatte die stolze schwarze Mähne ersetzt, die das Gesicht des Herrschers einst in jungen Jahren geziert hatte, und offenbarte dem Betrachter jetzt ein von tiefen Falten durchzogenes, verlebtes Gesicht, dessen grau-blaue Augen sich hinter eingefallene Wangen zurückgezogen hatten.

Die grosse Freude des Volkes, eine neue Königin zu haben, war durch die Sorge um ihren Herrscher merklich getrübt worden. Es gab üble Gerüchte, die nur leise und hinter vorgehaltener Hand weitergeflüstert wurden, Gerüchte über eine geheimnisvolle, unheilbare Krankheit des Königs; niemand wusste wirklich genau, ob dahinter ein wahrer Kern steckte.

Die Königin, die neben dem König auf ihrem bequemen, stoffgefütterten Stuhl sass, betrachtete das Geschehen um sie herum scheinbar ohne grosse Anteilnahme. Der auffällig starke Unterschied zwischen beiden stach dem Betrachter ins Auge: Während ihr Gemahl zusehends verfiel, hatte man den Eindruck, dass sich die Königin in den zehn Ehejahren kaum verändert hatte – sicherlich zogen sich auch durch ihr Haar mittlerweile einige graue Strähnen, aber ihr Gesicht strahlte noch dieselbe hintergründige, unnahbare Schönheit aus wie am Tage der Hochzeit. Dennoch war es ihr nie gelungen, die gleiche warmherzige Liebe beim Volke zu erlangen, wie ihr Gatte – böse Zungen wagten sogar zu behaupten, sie sei es, die Schuld am frühen Niedergang des Königs war – einige gingen selbst soweit, ihr auch die Schuld für all das andere Unglück zuzuschreiben, dass im letzten Jahrzehnt über das Königreich gekommen war – die vielen schlechten Ernten, die harten Winter, die jetzt viel mehr armen und kranken Menschen das Leben zu kosten schienen als früher, die ständigen Spannungen mit den umliegenden Königreichen, die Schuld daran waren, dass man sich ständig am Rande eines Krieges befand.

Selbstverständlich wagte es niemand, diese Gedanken öffentlich auszusprechen – aber es war kein Geheimnis, dass keiner– mit Ausnahme ihres Gatten – die Königin wirklich ins Herz geschlossen hatte.



Der König räusperte sich, und das leise Gemurmel, das sich in dem kleinen Raum breitgemacht hatte, verstummte augenblicklich.

“Meine lieben Getreuen, ich danke Euch, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid. Zu Beginn unserer Versammlung möchte ich, dass Ihr mir, wie es Tradition ist, Bericht erstattet über den Zustand meines Reiches, ein Jeder über sein Ressort, so dass sich aus unserem vereinigten Wissen ein vollständiges, umfassendes Bild der Lage unseres geliebten Königreichs ergibt. Denn nur gestützt auf umfassendes Wissen lassen sich weitreichende Entscheidungen treffen.”

Einen Überblick über die Lage zu fordern, war in der Tat kein unüblicher Beginn für eine Sitzung des Ministerrats; wohl aber fiel der versöhnliche, ausgesprochen warmherzige Ton auf, in dem der König seine Ansprache formuliert hatte. In den letzten Jahren war, scheinbar einhergehend mit seinem körperlichen Verfall, sein Verhalten gegenüber den Ministern – und überhaupt allen seinen Untertanen gegenüber – immer schroffer und unnahbarer geworden. Das einzige, was das Volk dazu veranlasste, an der Liebe zu seinem König festzuhalten, war die Offensichtlichkeit der hinter diesem Verhalten stehenden Schwäche und Erschöpfung.



Traditionsgemäss war es der Minister für Krieg und Landesverteidigung, der sich als erster erhob; es war ein dicklicher, rotwangiger Bursche, ein Mensch, dem man anzusehen glaubte, dass er gern mal ein Glas Wein trank und auch sonst den Vergnügungen des Lebens nicht abgeneigt sei. Seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren aber war seine Gesichtsfarbe zusehends blasser geworden, und die früheren Lachfalten um seine Augen herum schienen zur Gänze verschwunden.

“Mein König, liebe Kollegen – ich glaube, ihr alle wisst, das es um die Sicherheit unseres Königreichs nicht zum Besten bestellt ist – zwar ist unsere Armee hinreichend ausgestattet, und wir haben eine ausreichend grosse Zahl junger, kampfeswilliger Soldaten, aber die Kräfte der möglichen Gegner sind trotz allem übermächtig.”

Der Kriegsminister hielt einen Moment inne, um seine Gedanken zu sammeln, dann fügte er hinzu:

“In jeder der vier Himmelsrichtungen lauert ein Feind, es gibt kaum ein Königreich in der Umgebung, dass uns nicht den einen oder anderen Besitz neidet, sich ein vermeintlich ertragreiches Ackergebiet zu eigen machen möchte oder darauf erpicht ist, unserem Land eine seiner Gold- oder Kupfermienen zu stehlen – gerade so, als unser Königreich besonders reich oder wohlhabend wäre! Zwar droht zur Zeit kein direkter Konflikt, so dass wir trotz allem in einer Zeit des Friedens leben, aber dieser ist brüchig und besteht oft nur auf dem Papier.”

Er seufzte, und sah einen Moment lang aus einem der kleinen Dachfenster, die sich in einer langen Reihe dicht unter der Decke des Raumes befanden. Es schien, als ob er den folgenden Teil seiner Rede lieber für sich behalten hätte.

“Zudem gibt es Raubzüge in den Grenzgebieten, und immer wieder Übergriffe und kleine Scharmützel. Gerne würde ich eine Ursache für all diese Dinge festmachen können, aber ich vermag es nicht. Es bleibt nur, uns auf die wenigen Freunde und Verbündeten zu stützen, die zu uns stehen, und ansonsten das Beste zu hoffen. Ich wünschte, mein Bericht würde positiver und hoffnungsvoller ausfallen, aber die Lage ist leider ganz so, wie ich sie schildere.”

Er senkte betreten den Kopf, dann liess er sich wieder auf seinem Platz nieder.



Einen Moment lang herrschte Stille in dem kleinen Saal, dann erhob sich zögerlich der Minister für Landwirtschaft, Ackerbau und Viehzucht – es war an ihm, die Rede fortzusetzen.

“Leider muss ich mich den düsteren Worten meines Vorredners anschliessen – die Lage auf den Höfen und Farmen des Reiches ist schlecht. Seit Jahren werden wir von Dürren und Unwettern heimgesucht, auch in diesem Jahr wird es, wenn kein Wunder geschieht, eine Missernte geben.”

Er schaute jetzt ebenso betreten drein wie eben der Minister für Krieg und Landesverteidigung – hochgewachsen und dürr von Gestalt, schien es gerade so, als ob er die Folgen des schlechten Zustands seiner Ressorts bereits jetzt am eigenen Leibe zu spüren bekam,

“Zualledem brechen regelmässig Seuchen in unseren Viehställen aus, und erst im letzten Jahr haben Schädlinge einen grossen Teil der Kornernte vernichtet. Eine direkte Hungersnot droht dem Volke nicht, aber in den letzten Jahren – und aller Vorraussicht nach auch in diesem – mussten wir von unseren Nachbarn Getreide und Feldfrüchte in grossen Mengen einkaufen – zu horrenden Preisen, wie sich leider versteht.”

An dieser Stelle erhob sich der Minister für Handel und Gewerbe, ein bereits ergrautes, altgedientes und treues Ratsmitglied, und warf ein:

“Ich erinnere mich an Zeiten, an denen die Ausfuhr von Getreide eine der Hauptstützen unserer Wirtschaft war – in den letzten Jahren hat sie sich, wie mein Kollege gerade eben dargelegt hat, zusehends zum Verlustgeschäft entwickelt. Auch die sonstigen Exporte – Erz und Mineralien aus unseren Mienen, Stoffe, Werkzeuge und Fuhrwerke – sind zurückgegangen, wenn auch in geringerem Masse. Zwar kann die Grundversorgung des Volkes mit den notwendigsten Dingen aufrechterhalten werden, aber von Wohlstand oder gar Reichtum sind wir weit entfernt.”

Es war wie gewohnt der Minister für Gold und Staatsfinanzen, der das Schlusswort sprach:

“Ohne eine gesunde, florierende Wirtschaft bleibt leider auch dem Staatshaushalt wenig Geld – die Versuche, ein öffentliches Schul- und Gesundheitswesen einzuführen, mussten leider wieder gestoppt werden, und die Schulden des Königsreichs bei benachbarten Herrschern sind bedeutend. Gerne würde ich eine positive Bilanz abgeben, Eure Hoheit, aber – ebenso wie meine Kollegen – kann ich es leider nicht. Die Lage ist zwar nicht hoffnungslos, aber alles andere als glücklich – es tut mir leid.”



Eine zeitlang herrschte betretenes Schweigen. Die Augen der Minister waren jetzt auf den König gerichtet, der den Bericht seines Rates geduldig mit angehört hatte und jetzt wieder das Wort ergriff:

“Es betrübt mich, Eure Worte zu hören, wenngleich ich nichts anderes erwartet habe. Es gibt sich das gleiche Bild wie schon seit Jahren, und auch ich weiss keine Lösung für die Probleme unseres Landes.

Vielleicht ist es gut, dass mein einziger Sohn, Prinz Adrian, am nächsten Sonntag das Alter der Volljährigkeit erreichen wird – wie ihr wisst, bedeutet dies, dass er schon bald die Regierungsgeschäfte übernehmen wird. Vielleicht wird ein neuer Kopf an der Spitze des Reiches eine Veränderung bringen – ich selbst bin alt, und vielleicht fehlen mir die nötigen Kräfte, um noch etwas zu bewirken.”

Der König schwieg einen Moment, man hatte den Eindruck, er müsse seine Gedanken erst sammeln, bevor er fortfuhr:

“Es ist nun unsere Aufgabe, den Traditionen und Sitten unseres Volkes genüge zu tun und für den künftigen König eine junge und schöne Königin zu finden – und es sollte eine Verbindung sein, die den Geschicken des Landes zum Wohle gereicht. Ich richte deshalb das Wort an unseren Minister für Diplomatie und zwischenstaatliche Beziehungen – ich habe Euch bei unserer letzten Unterredung beauftragt, eine Liste aller geeigneten Prinzessinnen der Umgebung aufzusetzten. Lasst uns hören, zu welchen Resultaten ihr gekommen seid!”

Es erhob sich nun ein äusserst unscheinbarer, in schlichten Farben gekleideter Herr, zog eine Rolle Pergament aus seinem Umhang hervor und sprach:

“O mein König, wohl war ich eifrig beschäftigt, Eurem Wunsche zu entsprechen, habe in den letzten Wochen zahllose Boten versand und habe auch selbst einige Reisen in die nahegelegeneren Königreiche unternommen. Hört nun also meinen Bericht:

Es sind der möglichen Kandidatinnen nur wenige. Die Königreiche der Nachbarschaft sind fast ohne Ausnahme entweder verarmt oder uns so spinnefeind, dass an eine Verheiratung einer ihrer Prinzessinen mit Prinz Adrian nicht zu denken wäre. Wieder andere befinden sich im Krieg miteinander und sind für diplomatische Bemühungen momentan nicht zugänglich. Dennoch ist es mir gelungen, einige Mädchen ausfindig zu machen, die den Ansprüchen unseres Prinzen genügen könnten: da wäre Prinzessin Maria, deren Vater ein kleines Fürstentum jenseits des nördlichen Waldes regiert – sie soll sehr schön sein, leider aber von unstetem Charakter. Auch ihr geringes Alter – sie ist gerade dreizehn Jahre alt geworden – könnte eine mögliche Hochzeit erschweren. Dann Prinzessin Franziska, deren Vater sich aber bis vor kurzem im Krieg mit zweier seiner Nachbarländer befunden hat – eine Verbindung mit einem instabilen Reich ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Desweiteren Prinzessin Sarah, deren Antlitz noch kein Besucher jemals hat schauen dürfen – man munkelt aber, dass sie hässlich wie die Nacht sein soll. Das dürfte auch Grund für ihr bereits stark fortgeschrittenes Alter sein – sie befindet sich bereits in ihrem vierunddreissigsten Jahr und ist noch immer unverheiratet.

Eine weitere…”

Während der König und die anderen Minister mit schwindender Begeisterung der Aufzählung der Vorzüge und Nachteile der fraglichen Prinzessinnen lauschten, entfernte sich die Aufmerksamkeit der Königin zusehends vom Geschehen. Sie drehte den Kopf und sah durchs Fenster hinaus auf den Hof, ihre Gedanken schweiften ab und gingen zurück zum Zeitpunkt ihrer Ankunft in diesem Königreich, damals, vor jetzt mehr als einem Jahrzehnt…







(der Trank– II)



Im selben Moment, in dem das wüste, ungeduldige Brodeln verstummte und die Oberfläche der Flüssigkeit spiegelglatt wurde, wusste sie, das der Trank gelungen war. Es hatte sie lange Monate der Vorbereitung gekostet, und die Zubereitung war nicht ohne Risiko gewesen. Sie wusste nur zu genau, dass zum Brauen magischer Tränke viel, viel mehr gehörte als nur das Sammeln von Kräutern und das Anmixen bestimmter geheimnisvoller Tinkturen. Sicher waren all diese Dinge ein wichtiger Bestandteil des Zaubers – für diesen speziellen Trank, der jetzt ruhig und friedlich vor ihr im Kessel schlummerte, nachdem er drei Tage und drei Nächte lang gewütet und getobt hatte, benötigte man zum Beispiel eine spezielle Wurzel, die nur in an einigen wenigen, auserlesenen Stellen dieser Erde wuchs – und nur alle hundert Jahre die richtige Reife erlangte, um brauchbar zu sein. Die Königin – wenn wir sie denn weiterhin so nennen wollen – hatte sie mit Glück von einem fahrenden Händler erwerben können – wobei “erwerben” nicht ganz der richtige Ausdruck war, und “Glück” sich sicherlich nicht auf des Schicksal dieses Händlers bezog, der für diesen Handel mit dem Leben hatte bezahlen müssen. Und noch weitere Zutaten waren nötig gewesen, viele von ihnen hochgiftig, und fast alle den gewöhnlichen Sterblichen völlig unbekannt. Aber dennoch, die Zutaten waren nicht das Problem – einen Trank zu brauen, der Leib und Seele veränderte und das eigene Selbst zu etwas werden liess, für das es nicht geschaffen war, war wider die Natur – und musste immer mit einem Teil der Seele des Ausführenden bezahlt werden. Und wenn der Trank misslang, wenn bei der schwierigen und äusserst komplizierten Zubereitung etwas schief ging, wenn auch nur einer der zahllosen Arbeitsschritte ausgelassen, eine der jahrhunderte alten, strengen Anweisungen vergessen wurde, dann war dieses Stück Seele für immer verloren.

Gespannt beobachtete die Königin jetzt die Bilder, die vor ihren Augen entstanden: Das Schloss des Königs, das nur wenige Kilometer von hier entfernt war, der stolze Garten. Und dann, neue Bilder, Bilder einer möglichen Zukunft – alles erschien so, wie sie es geplant hatte, und die letzten Zweifel wichen aus ihrer Seele.

Die Oberfläche des Trankes zeigte ihr auch Mauern und Wachen – aber Wachen würden sie nicht aufhalten. Wahrscheinlich würde sie sich als einfache Dienstmagd verkleiden, und sie würde die Strecke zu Fuss gehen. Dann würde sie demütig und mit gesenktem Haupt an das Schlosstor klopfen – wie es in schlechten Zeiten viele einfache Menschen taten. Sie würde ihre Dienste anbieten, oder vielleicht etwas verkaufen, Kämme und Bürsten für die Kammerzofen, oder frische Äpfel für die Bediensteten des Schlosses – und ein kleines, goldenes Fläschchen für den Herrscher…





der Ministerrat – II



“…und schliesslich Prinzessin Xenia, die Tochter König Richards, des Herrschers über das am Ufer des grossen Sees gelegenen Reiches. Sie ist jung, unverheiratet und von schöner Gestalt. Zudem haben ihre Eltern ihr eine solide Bildung zukommen lassen, und sie soll angenehm und sanft von Gemüt sein. König Richards Reich ist zwar nicht gross und verfügt über keinerlei Schätze oder sonstige Reichtümer, aber es herrscht dort schon lange Friede, und er selbst geniesst einen ausgezeichneten Ruf unter den anderen Herrschern in der Umgebung. Ich habe Prinzessin Xenia leider nicht selbst in Augenschein nehmen können, aber der Bote, den ich zum Hofe ihres Vaters geschickt habe, schwärmte in höchsten Tönen von ihr. Sie selber weiss noch nicht, dass sie verheiratet werden soll, aber ihre Eltern sind dieser Idee durchaus zugetan. ”



Die Königin vernahm die Worte des Ministers zuerst nur im Hintergrund – ihre Gedanken weilten weit fort in der Vergangenheit. Dann aber kehrte ihr Bewusstsein schlagartig in den kleinen Versammlungsraum zurück: Sie spürte plötzlich, dass das Mädchen, von dem gerade die Rede war, ihr Unheil bringen würde. Ihr Blick verdüsterte sich – sie hatte schon früher derartige Ahnungen gehabt, und nur sehr selten hatte ihre Empfindung sie getäuscht.

Sie hatte in ihrem langen, sehr langen Leben mal die eine, mal die andere Rolle angenommen, hatte sich verkleidet, wie andere Leute es zum Karnveval oder zum Fasching taten – nur mit dem Unterschied, dass die Verkleidungen der anderen meist nur ein paar Stunden dauerten, während sie manche ihre Masken ein ganzes Leben lang trug – ein ganzes Menschenleben lang, um genau zu sein.

Und sie hatte es immer gut verstanden, ihre wahre Identität vor ihrer Umwelt zu verbergen. Während um sie herum der Ministerrat eifrig damit beschäftigt war, den Schilderungen der Vorzüge Xenias zu lauschen, die aller Vorraussicht nach die zukünftige Frau des Prinzen werden würde, arbeitete es in ihrem Inneren – sie musste wissen, was für eine Art Bedrohung es war, die von dieser jungen Prinzessin ausging. Gedanken begannen in ihrem Hirn zu kreisen, es entstanden Bilder, ähnlich denen, die vor über zehn Jahren auf der Oberfläche ihres Kessels erschienen waren. Nur waren diese Bilder jetzt düsterer und grausamer – es waren Fantasien und Träume, unbeständig und wahllos wie Spukbilder. Ein Bild aber blieb bestehen und überlagerte alle anderen – und ein schrecklicher Verdacht keimte in ihr auf.

Sie erhob sich, verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken von den versammelten Ministern und verliess dann eilig den Raum.





der Kurier – I



Das schlechte Wetter hatte dem Kurier schon während des gesamten Weges zu schaffen gemacht. Am frühen Morgen war er bei strahlendem Sonnenschein losgeritten, aber dann hatte der Himmel sich innerhalb von kürzester Zeit zugezogen, und gegen Mittag waren die ersten schweren Regenfälle niedergegangen. Selbstverständlich hatte er keine Sekunde lang darüber nachgedacht, seinen Ritt deswegen zu unterbrechen – er war der erste Kurier des königlichen Hofes, hatte in den langen Jahren seiner Dienstzeit immer und immer wieder absolute Treue und Zuverlässigkeit bewiesen, und die Aussicht, bis auf die Haut nass zu werden und die Tage nach seiner Rückkehr vielleicht mit einer schweren Erkältung im Bett zu verbringen, störte ihn nicht im Geringsten.

Aber die Sicht reichte jetzt stellenweise nur wenige Meter, und durch den stundenlangen Regen waren die Wege weich und matschig geworden – immer wieder kam es jetzt vor, dass sein Pferd strauchelte. Es war merkwürdig – ein Wetter wie dieses war für die Jahreszeit vollkommen unüblich, und vor seiner Abreise war der Himmel tagelang blau und wolkenlos gewesen.

Die tiefstehende rote Sonne liess darauf schliessen, dass ihm bis zum Eintreten der Dunkelheit noch allerhöchstens anderthalb bis zwei Stunden Zeit blieben. Der Kurier kannte die Strecke, wie er überhaupt die gesamte Umgebung des Königreiches wie seine Westentasche kannte, und rechnete sich kurz aus, dass er, wenn er sein gegenwärtiges Tempo beibehielt, das Schloss König Richards nicht mehr rechtzeitig erreichen würde. Dass hiesse, er würde während der Nacht eine Pause einlegen müssen. Sich irgendwo eine Unterkunft suchen müssen. Einen sicheren Platz und Futter für sein Pferd. Und das hiesse auch, dass er sich verspäten würde – zum ersten Mal in fünfundzwanzig Jahren Dienst als Kurier des Königs.

Er stiess einen lauten Fluch aus, dann trieb er sein Pferd mit einem kräftigen Druck seiner Schenkel zu noch grösserer Eile an.

hinter der Spiegelwand – I



Er hockte auf dem Boden, die Beine angewinkelt – in dieser Stellung spürte er die Verkrümmungen seines Körpers am wenigsten. Oft sass er tagelang einfach so da und starrte ins Nichts – oder er beobachtete die Fledermäuse, die wie riesenhafte, schwarze Regentropfen zäh und träge an der Decke hingen. Er sie nicht treffen wollen – gerade eben, als er direkt nach seinem Erwachen aus Wut und Enttäuschung einen Stein gegen die Felswand geschleudert hatte.

Er wollte ihnen nichts böses, eigentlich mochte er sie, und machmal hielt er regelrecht Zwiesprache mit ihnen. Wenn das winzige Bisschen Tageslicht, dass durch die grosse Spiegelwand vom Prinzengemach aus hereindrang, verschwunden war, erwachten sie aus ihrem Schlaf und durchkreuzten mit langen, weiten Schwingen die wenigen Meter seines Verlieses.

Früher, als er noch klein gewesen war, hatten sie ihm manchmal Angst gemacht, wenn er geschlafen hatte und sie sich aus einer Laune heraus auf seine Beine oder Arme gesetzt hatten. Oder auf seine Brust. Mittlerweile aber war er froh über das Bisschen an Gesellschaft, das er hatte. Wenn genügend Mondlicht durch die Spiegelwand hineinfiel, konnte er sie deutlich erkennen, konnte ihnen beim Fliegen zuschauen und in ihre kleinen, roten Augen sehen – er fragte sich auch, ob sie schon immer hier gehaust hatten, oder ob sie erst zusammen mit ihm hier eingesperrt worden waren, damals, vor – aber das war zulange her, und er konnte sich nicht erinnern. Auf jeden Fall aber teilten sie sein Schicksal – es waren immer dieselben, die gleiche Anzahl, unverändert. Nicht einmal eine Fledermaus konnte aus diesem Gefängnis entkommen.

Manchmal, während der vielen Tage und Nächte, die er eingeschlossen in seinem Verlies hinter dem Gemach des Prinzen verbrachte, fragte er sich nach dem Grund seiner Gefangenschaft. Er lebte eigentlich nur in seinen Träumen – und in den Träumen war er Prinz Adrian, Sohn des Königs und zukünftiger Thronfolger.

Er drehte sich um und wagte es zum ersten Mal seit seinem Erwachen, durch die Spiegelwand hindurch hinein in das Gemach des Prinzen zu sehen – es war leer. Wahrscheinlich hatte Prinz Adrian, nachdem er der Betrachtung des Gartens überdrüssig geworden war, es vorgezogen einen Spaziergang zu machen, oder sich von einem seiner adligen Freunde auf eine Tasse Tee einladen zu lassen. Meist konnte er auch im Wachzustand spüren, was der Prinz tat – gerade jetzt amüsierte er sich, ging einer seiner eitlen kleinen Freuden nach, während er selber hier sass und die schwarze Wand anstarrte.

Wütend betrachtete er die Fledermäuse, die jetzt wieder ruhig und träge die Decke hinab hingen – und dann musste er stutzen: es schien ihm mit einem Male so, als wären sie gewachsen…



der Kurier – II



Der Kurier sah die Wegbiegung erst in allerletzter Sekunde, und musste sein gesamtes Körpergewicht einsetzen, um sein Pferd zu einem drastischen Richtungswechsel zu bewegen, der sie beide davon abhielt, mit voller Wucht gegen eine wegen dem immer noch bindfadendicken Regen beinahe unsichtbare Felswand zu prallen.

Aber sein rasantes Tempo hatte sich ausgezahlt – direkt hinter dem Fels befand sich der grosse See, an dessen Ufern das Schloss König Richards lag: Es schien, als würde er sein Ziel noch rechtzeitig erreichen. Er atmete auf – niemals hatte er es sich verziehen, wenn er den ihm befohlenen Termin nicht hätte einhalten können, wenn er seine Botschaft an Prinzessin Xenia zu spät abgeliefert hätte.

Der Weg verlief jetzt eben und geradlinig, und er konnte es sich leisten, seinen Blick abzuwenden und nach dem Schloss ausschau zu halten. Gerade eben hatte er die stolzen Kuppeln und Türme durch die Bäume leuchten sehen, als sein Pferd plötzlich strauchelte und fiel. Er selbst wurde von dem Sturz, auf den er in keiner Weise vorbereitet war, aus dem Sattel gehoben und mit voller Wucht zu Boden geschleudert.

Einen Moment lang blieb er wie betäubt liegen, aber dann spuckte sein Gehirn in sauberer, geordneter Reihenfolge all die Fragen und Gedankengänge aus, die in einer Situation wie dieser notwendig waren. Er untersuchte zuerst seinen eigenen Körper: sein Kopf schien unverletzt zu sein, er konnte beide Arme bewegen, seine Handgelenke waren unverletzt und belastbar. Aber seine Beine …bei dem Versuch, sich aufzusetzen, spürte er einen unerträglichen Schmerz im linken Oberschenkel. Er machte noch einen weiteren Versuch, das Bein zu belasten, dann sah er ein, dass es sinnlos war: sein Oberschenkel war offensichtlich gebrochen. Sein zweiter Blick galt seinem Pferd – es lag auf der Seite und röchelte, den rechten vorderen Huf, in einem bizarren Winkel von sich gestreckt – ganz offensichtlich würde er seine Reise nicht wie geplant fortsetzen können.

Er schaute auf den See hinaus, und ein Anblick von wilder, urwüchsiger Schönheit erschloss sich ihm– grosse, schwere Wolken schwebten dicht über der Wasseroberfläche, und die untergehende Sonne tauchte die Landschaft in ein rotes, düsteres Licht. Was konnte es gewesen sein, das den Sturz ausgelöst hatte? Der Weg war vollkommen eben, und er hatte sein Pferd keinesfalls so sehr gefordert, dass es aus purer Erschöpfung einen solchen Fehltritt hätte begehen können.

Eine gefährliche Müdigkeit drohte, von ihm Besitz zu ergreifen. Die meisten anderen Reiter an seiner Stelle hätten sich diesem trügerisch-einlullenden Gefühl wohl widerstandslos hingegeben, er aber wusste, dass dies wahrscheinlich seinen Tod bedeutet hätte. Die Nächte waren noch sehr kalt, und es war völlig ungewiss, ob und wann ihn hier jemand finden würde.

Der Kurier des Königs beugte sich zu seinem Pferd herüber und löste vorsichtig seine Trinkflasche und den kleinen Essensvorrat vom Sattel – das versiegelte Kuvert, das ihm übergeben worden war, trug er selbstverständlich an seinem Körper. Er nahm sich einen Augenblick Zeit, legte dem röchelnden Tier die Hand auf die Schläfe und sagte ihm lebewohl – er war unbewaffnet, wie es für Kuriere seit langem schon Tradition war, ansonsten hätte er das arme Gescchöpf jetzt töten müssen.

Dann begann er, gestützt auf seine Ellenbogen und mit Hilfe seines gesunden Beines, sich langsam in Richtung des Schlosses vorzuarbeiten…



der erste Ball – I



Hoch oben unter der Decke des riesigen Thronsaales hingen zwei lange Reihen gigantischer Kronleuchter. Jeder von ihnen trug mehrere Dutzend grosser Wachskerzen, die kurz vor Beginn des Balls von einer Schar fleissiger Diener angezündet worden waren – sie tauchten den Raum trotz der fortgeschrittenen Stunde in ein fast taghelles Licht.

An einer Seite des Raumes war auf einer langen Tischreihe ein reichhaltiges Buffet aufgebahrt, mit allen Köstlichkeiten, die die königliche Küche hatte hervorbringen können. Wild und Geflügel aus dem zum Schloss gehörenden Waldgebiet lagen neben zahllosen Gemüsen und Feldfrüchten, geerntet auf den Äckern des Königs.

Die erlesenen Gäste hatten sich gerade in zwei Reihen einander gegenüber aufgestellt, auf einem Podest am Ende des Saales war eine achtköpfige Kapelle plaziert, die nach der offiziellen Begrüssung der Gäste durch den Prinzen zum Tanz aufspielen würde. Der achtzehnte Geburtstag eines Thronfolgers war traditionsgemäss der Zeitpunkt, an dem dieser offiziell in die Gesellschaft der Hofleute und Adligen eingeführt wurde. Prinz Adrian war zu diesem Anlass in ein besonders festliches, samtrotes Gewand mit einer reich bestickten Weste und goldenen Schleifen gekleidet worden – und allein dieses Gewand hatte mehr gekostet, als ein gewöhnlicher Landmann im Königreich im Laufe eines Jahres verdiente.

Stolz schritt er jetzt an der Reihen der adligen Gäste entlang und warf einem nach dem anderen wohlwollende Blicke zu oder begrüsste diejenigen, die ihm namentlich bekannt waren, mit einigen freundlichen Worten. Er hatte sich lange auf diesen Abend vorbereitet, hatte die verschiedenen, zum Teil äusserst komplizierten Regeln des höfischen Protokolls auswendig lernen müssen, und bildete sich einiges darauf ein, seine neuerworbenen Fähigkeiten am heutigen Abend im Kreise dieser erlesenen Gesellschaft demonstrieren zu dürfen.

Wie zu erwarten gewesen war, bewunderte jeder den schönen jungen Prinzen, und die versammelten Gräfe und Herzöge beeilten sich, sich ihm ihrerseits vorzustellen und seine Bekanntschaft zu machen.





Königin – I



Während sich die Hofgesellschaft beim Ball amüsierte und ganz nebenbei dem immerwährenden Spiel des Knüpfens diplomatischer Veflechtungen, unverbindlicher Kontakte und heimtückischer Intrigen nachging, befand sich die Königin alleine in einer kleinen, verborgenen Kammer im Dachgeschoss eines Seitenflügels des Schlosses. Sie hatte sich unter dem Vorwand der Migräne die Erlaubnis erbeten, dem Ball fern zu bleiben. Vielleicht würde sie später noch erscheinen, hatte sie gesagt, und das hatte ihren Gatten milde gestimmt.

Die Kammer, in der sie sich jetzt aufhielt, befand sich hinter einer verborgenen Türe – niemand im Schlosse kannte sie, dafür hatte sie gesorgt. Dies war der Ort, an den sie sich zurückzog, wenn sie aus dem einen oder anderen Grund die Rolle verlassen musste, in die sie geschlüpft war. In den zehn Jahren ihrer Anwesenheit hier war dies nur sehr, sehr selten notwendig gewesen – einmal, direkt im ersten Jahr nach ihrer Hochzeit, als eine vorlaute Dienstmagd sie entdeckt hatte, dann einmal völlig unverhofft vor vier Jahren, als es schien, die Wirkung ihres Trankes würde nachlassen (aber das hatte sich als Irrtum herausgestellt, der König hatte lediglich eine ungewöhnlich heftige Form von Sommergrippe gehabt) – und eben jetzt. Seit der Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit des Prinzen mit Prinzessin Xenia verbrachte sie regelmässig alle paar Tage eine Stunde oder mehr in dieser Kammer. Genauer gesagt, verbrachte sie sie auf einem kleinen Stuhl sitzend, den Blick angespannt auf eine grosse, kristallene Kugel gerichtet. In dieser Kugel konnte sie jeden Ort dieser Welt betrachten, völlig gleichgültig, wo er sich befand. Einzige Vorraussetzung war, dass sie mit dem Ort in irgendeiner Weise verbunden sein musste. Meist war es die eine oder andere böse Tat, die sie begangen hatte, und die noch lange nachwirkte, manchmal Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte lang.

Die Königin starrte in die Kugel, in der jetzt das Verlies hinter dem Gemach des Prinzen Gestalt annahm. Sie wollte etwas herausfinden, der Verdacht, der in derselben Sekunde in ihr erwacht war, in der sie den Namen Prinzessin Xenias zum ersten Mal gehört hatte, liess ihr noch immer keine Ruhe.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, dass sie bei dem Gedanken an Xenia empfand – sie spürte ganz deutlich eine Bedrohung, wenn sie ehrlich war, sogar stärker als jemals vorher in ihrem Leben, aber gleichzeitig vermochte sie nicht zu sagen, worin die Gefahr bestand, die von der Prinzessin ausging.

Sie starrte also in die Kugel, sah die verkrümmte Gestalt, die dort an der schwarzen, kalten Felswand lehnte, sah die Fledermäuse, die träge an Decke hingen, sah die Steine, den Staub und die Dunkelheit – und wartete.





der Kurier – III



Der kleine, untersetzte Nachtwächter glaubte zu erst, irgendein wildes Tier vor sich zu haben, als er wie vorgeschrieben kurz vor Mitternacht einen Kontrollgang um das Schloss machte. Aus dem Dunkel des Waldes heraus hatte sich langsam ein dunkler Schatten auf das Schlosstor zugeschoben, war Stück für Stück näher gekommen und hatte schliesslich die Gestalt eines am Boden kriechenden Menschen angenommen. Der Anblick des zerschundenen, zu Tode erschöpften Mannes erregte tiefes Mitleid in ihm, dennoch war es seine erste Reaktion, sein Schwert zu ziehen und die anderen Wachen herbeizurufen – man konnte nie wissen, ob es sich nicht um einen heimtückischen Überfall handelte, auch wenn der Mann, der jetzt gerade mühevoll versuchte, sich aufzurichten, nicht so aussah, als ob er in seinem gegenwärtigen Zustand noch irgendjemandem etwas zuleide tun könnte.

Der Nachtwächter ging langsam auf den Fremden zu, und schliesslich erkannte er die Uniform König Johanns, sah das königliche Siegel auf dem Kuvert, dass ihm jetzt von einer zitternden Hand entgegengestreckt wurde.

Er liess sein Schwert sinken und nahm die Botschaft entgegen, verstaute sie sorgsam in seinem Umhang und kniete dann vorsichtig neben dem Kurier nieder, der jetzt das Bewusstsein verloren hatte und besinnungslos auf der nachtschwarzen Erde lag.

der erste Ball – II



“O mein Prinz, stimmt es, was man sagt – dass Ihr einer der vorzüglichsten Bogenschützen des Landes sein sollt? Mein Gatte sagt, er habe Euch neulich bei einem Sportschiessen begleitet, und konnte sein Lob über Eure Treffsicherheit kaum zügeln…!”

Die füllige, in grelles Rot gekleidete Figur der Gräfin von Rosburgh hatte sich vor Prinz Adrian aufgebaut und war eifrig damit beschäftigt, einen guten, nach Möglichkeit unvergesslichen Eindruck bei ihm zu Hinterlassen. Neben ihr stand ihr Gatte, Graf von Rosburgh und Besitzer eines kleinen Hofes am Südrand des Reiches – seiner leicht betretenen Miene war anzumerken, dass er Veranstaltungen wie dieser eher ungern beiwohnte; ganz im Gegensatz zu seiner Frau, die sich vorzüglich zu amüsieren schien. Gerade hatte sie dem Prinzen ganz unprotokollgemäss einen Klaps auf die Schulter gegeben und grinste ihn verschwörerisch an.

“Ich selber kann mit so einem grossen Ding ja gar nicht umgehen. Aber ein junger, starker Mann wie Ihr…”

Prinz Adrian schien sich hier, umschwärmt von seinen zahlreichen Gästen, ebenfalls ausgesprochen wohlzufühlen. Er warf dem Grafen einen um Verzeihung heischenden Blick zu, dann legte er dessen Gattin zuvorkommend einen Arm um die Schulter und führte sie zum Buffet, wo er sie mit Sicherheit gut aufgehoben wusste.

“Ich bin sicher, Verehrteste, Eure Fähigkeiten im Bogenschiessen würden die meinen bei weitem überschreiten, würdet ihr so ein Gerät nur ein einziges Mal in die Hand nehmen. Aber ich bin sicher, eine Dame wie Ihr habt in der Gesellschaft zu viele unaufschiebbare Verpflichtungen, um ihre Zeit an dererlei Kindereien zu verschenken, habe ich Recht? Mein Vater, der König, berichtete mir erst vor wenigen Tagen in schönsten Worten von einem grossen Hoffest, dass ihr abzuhalten beliebtet – er sagte, die Creme de la Creme der Gesellschaft wäre geladen gewesen – und auch erschienen!”

Währenddessen hatten sie beide das Buffet erreicht, und der Prinz dirigierte die Dame an seiner Seite geschickt in Richtung des Schweinebratens, für den diese – wie allgemein bekannt war – eine grosse Vorliebe hegte. Und liess sich gleich darauf in das nächste Gespräch verwickeln: der Herzog von Hohenfels war an seiner Seite aufgetaucht und brannte darauf, seine neueste Strategie über die Verwendung von fahrbaren Geschützen in Rückzugsgefechten mit ihm zu diskutieren.





Prinzessin Xenia – I



Es war später Nachmittag, und Prinzessin Xenia sass alleine auf dem grossen, samtgepolsterten Sofa, dass vor der Fensterfront des kleinen Saales stand, in dem sie zusammen mit ihren Eltern das Abendessen einzunehmen pflegte – wobei es nur selten vorkam, dass auch ihr Vater, der König, anwesend war – zumeist speiste sie mit Ihrer Mutter alleine, und ihr Vater war mit wichtigen Regierungsangelegenheiten beschäftigt.

Heute aber wusste sie, dass ihr Vater kommen würde – vor nicht ganz einer Stunde war ein Kammerdiener auf sie zugeeilt und hatte ihr atemlos berichtet, ihr Vater habe ihr eine wichtige Mitteilung zu machen, und sie solle sich eine Stunde vor Abendessenszeit hier einfinden.

Prinzessin Xenia fühlte eine bohrende Unruhe in sich erwachen – was könnte es mit dieser Nachricht auf sich haben? Sie schaute durch die Fenster auf den spiegelglatte Fläche des grossen Sees hinaus, und ihr kam die kleine, süsse Geschichte in den Sinn, die sie am Tag zuvor mit ihrem geliebten Puppenhaus zusammengeträumt hatte. Sie fragte sich, ob es dem Prinzen wirklich gelungen war, den Drachen zu töten, ob er wirklich am nächsten Tag an die Türe des kleinen Häusschens geklopft hatte, und ob er das kleine Mädchen wirklich zu seiner Frau genommen hatte? Sie legte den Kopf auf die Knie und seufzte – um wieviele Male schöner musste es sein, dachte sie, sich solche Geschichten auszudenken, wenn man nicht selbst eine Prinzessin war, sondern als armes Mädchen in einem kleinen, heruntergekommenen Haus leben musste….?

In diesem Moment öffnete sich die grosse Holztüre, und ihre beiden Eltern traten herein.





der erste Ball – III



“…aber sagen Sie, lieber Prinz, stimmt es, was man sagt?”

Prinz Adrian hatte sich seinen Weg vom Büffet hin zum Podium, auf dem die Band immer noch spielte, und zurück zur Tanzfläche gebahnt und hatte mit über der Hälfte der Gäste kleine, höfliche und wunderbar unbedeutende Gespräche geführt, als er sich plötzlich und unverhofft wieder an der Seite der Gräfin von Rosburgh wiederfand. Er drehte sich um und versuchte, mit einem behenden Satz in Richtung des Weintresens zu entfliehen, aber dafür war es zu spät. Die Gräfin reckte sich zu ihm empor, legte ihm eine Hand auf die Schulter und flüsterte:

“…man sagt, dass Eure Hochzeit so gut wie beschlossene Sache wäre, dass Ihr verlobt wäret mit der Tochter König Richards, der schönen Prinzessin Xenia!”

Der Prinz überlegte kurz, dann entschied er sich zu einem ganz und gar unkonventionellen Schritt: Er gab der verdutzt dreinschauenden Gräfin einen schmatzenden Kuss auf die Wange, ergriff die Fleischgabel, die sie seit ihrem ersten Kontakt mit dem königlichen Schweinebraten nicht mehr aus der Hand gelegt hatte, stiess damit einige Male kräftig gegen sein mittlerweile leeres Weinglas und rief in die unverhofft entstandene Stille hinein:

“Meine Edlen Gäste, ich habe die Ehre, ihnen meine Verlobung mit der schönen Prinzessin Xenia zu verkünden…!”

Dann löste er sich aus der Umklammerung der Gräfin, wich einigen auf ihn zueilenden fragenden Gesichtern aus und ging jetzt ohne Umschweife zum Tresen, um sein Glas mit frischem Wein zu füllen. Die Fleischgabel drückte er dem Grafen von Rosburgh in die Hand, der nun fast ebenso verdutzt dreinschaute wie seine Gattin.





hinter der Spiegelwand – II



Etwas zerrte an seinem Inneren, er spürte einen Sog, der ihn aus seinem Gefängniss hinaus in die weite Welt schleudern wollte. Es war sein Gespür für den Prinzen, von dem dieser Sog ausging. Der Prinz war ausgelassen und fröhlich, er feierte im grossen Thronsaal mit seinen Freunden. Wie gerne wäre er jetzt an dessen Stelle gewesen! Aber die Mauern seines Verlieses hielten ihn unerbittlich fest.

Es war fast Dunkel, die Fledermäuse waren wach und durchkreuzten den Raum, hin und her, auch sie waren rastlos und unruhig. Er betrachtete sie und stellte erneut fest, dass sie grösser geworden waren, er war sich jetzt sicher, dass sie seit einiger Zeit zu wachsen begonnen hatten. Eine von ihnen hatte sich gerade auf der Spitze seines linken Fusses niedergesetzt, und er hatte Gelegenheit, sie genauer zu betrachten: Ihre beiden Beine schienen sich nach hinten verschoben zu haben, sie hatte sichtlich Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Sie musste sich hoch aufrichten, und dadurch konnte man erkennen, dass sich ein kleines Stück unter dem Flügelansatz ein weiteres Beinpaar zu bilden schien. Noch waren es nicht mehr als kurze, unfertige Stummel, die sich ihren Weg bahnten, aber schon bald….



Prinzessin Xenia – II

“Xenia, Deine Mutter und ich haben beschlossen, dass es für Dich an der Zeit ist, Dir einen Mann zu suchen und zu heiraten”.

Die Worte drangen undeutlich und verschwommen ihr Ohr. Fast schien es, als wäre es nicht ihr eigener Vater, der sie gerade eben ausgesprochen hätte, der ihr direkt gegenüber sass, in seinem grossen, schweren Holzsessel, sondern jemand fremdes, der sehr weit von ihr entfernt war – am anderen Ufer des Sees vielleicht, der jetzt im Licht der untergehenden Sonne geheimnisvoll zu funkeln begonnen hatte. Sie wandte ihren Blick von der Wasseroberfläche ab und sah ihren Vater an.

“Ein Bote König Johanns ist gestern Nacht noch hier eingetroffen – er hat bewundernswerte Treue und Tapferkeit bewiesen, denn sein Pferd stürzte auf dem Wege hierher, und er selbst brach sich ein Bein; die letzten Kilometer hat er sich auf allen Vieren wie ein Tier hierher geschleppt. Die Botschaft, die er brachte, enthält eine Nachricht von Prinz Adrian, dem einzigen Sohn des Königs – er möchte um Deine Hand anhalten.”

Es war dass, was sie erwartet hatte – sie war in dem Alter, in dem Mädchen der höheren Gesellschaft für gewöhnlich verheiratet wurden, das wusste sie. Trotzdem fühlte sie sich jetzt, wo dieser Gedanke, der seit dem letzten Winter von Woche zu Woche mehr und mehr Raum in ihrem Kopf eingenommen hatte, mit einem Male Realität geworden war, betäubt und vor den Kopf gestossen. Unfähig zu antworten sah sie ihrem Vater weiter stumm in die Augen.

“Man sagt, Prinz Adrian soll wohlerzogen und von ausgezeichneten Manieren sein.” ergriff jetzt ihre Mutter das Wort, “ er ist belesen und sehr gebildet, aber am liebsten verbringt er seine Zeit im Freien bei den Pferden und der Jagd. Der Bote hat ausserdem ein kleines Porträt von ihm mitgebracht”.

Die Königin lächelte und reichte ihrer Tochter ein mit einer roten Schleife umwickeltes Pergament.

“Schau es Dir an, er ist ziemlich hübsch!”

Prinzessin Xenia nahm ihrer Mutter das zusammengerollte Porträt aus der Hand und faltete es vorsichtig auseinander – dann musste sie plötzlich lachen.

“Und wenn er mir nicht gefällt? Vielleicht….vielleicht mag ich ja seine Nase nicht!”

Sie beobachtete amüsiert, wie sich ihre Eltern einen kurzen, entsetzten Blick zuwarfen.

“Liebes Kind, Du weisst, dass….”

Xenia stand auf und ging zum Fenster hinüber und warf noch einmal einen langen Blick auf den See – als sie sich wieder zu ihren Eltern umdrehte, war sie völlig ruhig.

“Ich muss ihn heiraten, nicht wahr? Ich könnte gar nicht nein sagen, selbst wenn ich nicht wollte.”

Es war ihr Vater, der jetzt wieder das Wort ergriff:

“Nun, so will es das Gesetz – weisst Du, die Verheiratung einer Prinzessin hat grossen Einfluss auf das Königreich, und mit König X verbindet uns eine lange Freundschaft…”

Der König zögerte einen Moment, dann sprach er weiter:

“Ja, Du musst ihn heiraten, aber ich bin sicher, er wird Dir ein guter Ehemann sein – und Du ihm eine gute Frau.”

Dann stand er auf und verliess den Saal.

Xenias Mutter ging langsam zu ihrer Tochter herüber und legte schützend einen Arm um sie.

die Kammerjungfer – I



Am hinteren Seitenflügel des Schlosses öffnete sich mit leisem Quietschen eine kleine, klapprige Holztüre. Heraus trat ein blondes junges Mädchen, das seine Haare zum Schutz gegen den aufkommenden Wind in ein rotes Seidentuch gehüllt hatte. Sie war spät dran heute – die Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit ihrer Herrin mit einem jungen, schönen Prinzen hatte einigen Tumult unter dem knappen Dutzend Kammerjungfern ausgelöst, das für die standesgemässe Kleidung und das sonstige Wohlbefinden Prinzessin Xenias zuständig war, und deshalb war sie mit dem Einlegen der Wäsche etwas in Verzug geraten.

Es gab schon jetzt eine ganze Reihe haarsträubender, unbestätigter Gerüchte über die Sache: die Prinzessin wäre eigentlich jemand ganz anderem versprochen gewesen wäre, dieser wäre aber beim König in Ungnade gefallen und hätte heimlich bei Nacht und Nebel das Land verlassen müssen. Dann hatte jemand zu berichten gewusst, die Hochzeit wäre zwar geplant, aber schon längst wieder abgeblasen worden, weil Prinz Adrian, der Bräutigam, sich weigere, zur Vermählung anders als in einen alten Mehlsack gekleidet zu erscheinen; wieder ein anderer behauptete, der Prinz wäre in Wirklichkeit ein verwunschener Drache und würde Prinzessin Xenia direkt nach der Hochzeitsnacht verspeisen….natürlich stimmte nichts von alledem, und natürlich wusste das auch jeder – aber das blosse Ersinnen und Weitertragen dieser wilden Gerüchte und Spekulationen brachte hochwillkommene Abwechslung in das manchmal doch recht eintönige Hofleben.





(die Ankunft der Königin – I)



Sie hatte leicht Einlass gefunden, fast noch leichter, als sie erwartet hatte.

Den Weg von ihrer kleinen Holzhütte bis hin zum Schloss war sie tatsächlich zu Fuss gegangen. Es handelte sich dabei um eine Strecke, die einen gewöhnlichen Sterblichen mehrere Tage gekostet hätte – sie aber hatte längst nicht so lange dafür gebraucht. Von Zeit zu Zeit hatte sie längere Passagen einfach übersprungen, war in einen Wald hiningegangen und gleich darauf, nur einen Wimpernschlag später, auf der anderen Seite wieder erschienen. Im Grunde war die Entfernung für sie völlig unbedeutend – den Fussmarsch benötigte sie nur als Vorbereitung für ihre Rolle, zur Einstimmung auf das, was kommen würde. Er war Teil ihrer Verkleidung, so wie das ärmliche Kopftuch, die ausgetretenen Schuhe und der beschauliche Korb mit handgestrickten Hemdchen, Kräutermarmelade und Wachskerzen.

Als sie am Schloss angekommen war, hatten die Wachen sie anstandslos passieren lassen – niemand ahnte, welches Unglück da in Gestalt einer einfachen Bettelmagd Einzug ins Königreich hielt. Sie hatte leise und zaghaft ans Schlosstor geklopt, dem Blick demütig zu Boden gesenkt – und ein einfältiger, verschlafen dreinschauender Pförtner hatte ihr geöffnet.

Die Dinge hatten begonnen, ihren Lauf zu nehmen…



die Kammerjungfer – II



Die Kammerjungfer war mittlerweile am Rande des Schlossgeländes angelangt und bog jetzt auf eine mit grossen, hochgewachsenen Erlen gesäumte Allee, die hinunter zum Dorf führte, wo sie mit ihrer Mutter und zwei kleinen Geschwisterchen lebte. Der Wind war noch stärker aufgefrischt, genau wie sie es erwartet hatte – bei der stundenlangen Arbeit in der grossen, feuchten Waschküche des Schlosses waren ihre Haare nass und klamm geworden, und ohne das Kopftuch hätte sie sich mit Sicherheit erkältet. Sie hob den Kopf und beobachtete, wie der Wind mit den Blättern und Ästen der Bäume spielte, sie hin- und herwarf wie ein ungestümes Kind, das seinen Unwillen an einem wehrlosen Spielzeug ausliess. Plötzlich vermeinte sie, hinter sich eine leise Stimme zu hören, kaum mehr als ein Flüstern:

“Oh holde Junger, haltet ein….”

Sie wandte sich um, konnte aber nichts hinter sich entdecken als die menschenleere, verlassene Allee. Sie musste sich wohl verhört haben. Einen Moment später aber vernahm sie die Stimme wieder:

“Haltet ein, holde Jungfer….”

Dieses Mal blieb sie stehen – sie war sich jetzt sicher, etwas gehört zu haben. Sie drehte sich um und ging langsam einige Schritte des Weges zurück, den sie gekommen war. Sie sah aufmerksam nach links und rechts, konnte aber nichts entdecken. Schliesslich meinte sie, hinter einem der Bäume so etwas wie einen dunklen Schatten wahrzunehmen. Genau erkenne konnte sie aber nichts, da der Wind, der bisher von Hinten gekommen war, ihr jetzt direkt ins Gesicht blies und ihre Augen tränen liess.

“Haltet ein, und schaut, was für kostbare Schätze ich Euch feilbiete…”

Die Kammerjungfer war weiter auf den Schatten zugegangen, und konnte jetzt auch erkennen, worum es sich dabei handelte: eine altes, hutzeliges Weib war es, das dort hinter dem Baum stand und offensichtlich vor dem Wind Schutz suchte.

Die alte Frau trug ein fest geschnürtes Bündel auf dem Rücken, und in der Hand hielt sie ein kleines, hölzernes Kästchen, dass sie ihr jetzt mit auffordernder Geste entgegenstreckte.

“Die Salbe, die ich hier in meinem Kästchen trage, verleiht überirdische Schönheit demjenigen, der sie trägt – so er sie denn regelmässig anwendet…”

Die Kammerjungfer zögerte – die alte Frau sah verwahrlost und heruntergekommen aus, und der Blick, mit dem sie aus ihren alten, eingefallenen Augen zu ihr herauf sah, war ihr unheimlich.

“Kommt nur her, schöne Jungfer. Es ist gar nicht teuer…”

Unsicher machte sie zwei weitere Schritte auf den Baum zu, hinter dem das alte Weib wartete – sie sah einen klauenartig gekrümmten Zeigefinger, der sie jetzt immer nachdrücklicher herbeiwinkte.

“Gar nicht teuer….und wenn ihr gar plant, es zu verschenken, mein wunderbares Mittelchen, dann ist es sogar ganz umsonst…”

Sie war jetzt ganz nah herangekommen, und mit einem Male begriff sie, was an dem Blick der Frau so unheimlich war: sie konnte in diesem Gesicht überhaupt Augen erkennen – nur zwei dunkle, tiefliegende Höhlen, die ihr zugewandt waren.

“Verschenken – ich könnte vielleicht..” stammelte sie. Und gerade in diesem Moment entschied sie sich, das sie nichts auf der Welt mehr wollte als auf der Stelle von hier fort zu kommen, nur weg, und zwar schnell. Aber ihre Füsse gehorchten ihr nicht mehr, sie stand wie erstarrt.

“Meine Herrin, sie wird…”

Auf dem verwitterten Gesicht der Alten formte sich jetzt so etwas wie ein Lächeln, und die düsteren Augenhöhlen zogen sich zu engen Schlitzen zusammen.

“Sie wird sich vermählen, nicht wahr? So ist es gut. Gebt ihr nur von meiner Salbe, und…”

Sie drückte der vor Angst zitternden Kammerjunger das hölzerne Kästchen in die Hand.

“…und alles wird gut werden.”

Dann hob sie die Hand und machte Anstalten, der Kammerjungfer zärtlich über die Wange zu streichen. Dies war der Augenblick, in dem sich ihre Angststarre löste, und sie machte ein, zwei schnelle Schritte zurück. Sie sah das alte Weib langsam hinter dem Baum vorkommen und auf sie zugehen…gleichzeitig spürte sie, wie der Wind stärker wurde, ihre Augen tränten jetzt noch mehr als eben… eine heftige Windboe, die sie beinahe von den Füssen riss, dann war alles vorbei, die merkwürdige Alte war verschwunden.

Nachdenklich starrte sie auf das hölzerne Kästchen in ihrer Hand…und konnte zuerst nicht sagen, wie es in ihren Besitz gekommen war. Es war ein Geschenk, das wusste sie noch…ein Geschenk, für ihre Herrin. Langsam steckte sie das Kästchen in ihre Rocktasche und machte sich auf den Weg nach Hause.

Der Wind war jetzt schwächer gewesen, und als sie die kleine, ärmliche Hütte erreicht hatte, in der sie mit ihrer Familie wohnte, hatte er vollständig aufgehört.



(die Ankunft der Königin – II)



“Oh gütiger Herr, habt Mitleid mit einer armen, alten Frau. Ich habe mich den weiten Weg vom den Bergen her bis hier zum Schloss gequält, um Euch die bescheidene Ware feilzubieten, die ich an langen Wintertagen beim Schein des Kaminfeuers angefertigt habe.”

Der arglose Mann konnte ihr nicht viel Widerstand leisten – im selben Moment, in dem sie ihm in allerdemütigster, unterwürfiger Geste ihr kleines Köfferchen geöffnet hatte, hatte sie ihm eine kleine Prise eines ganz besonderen Pulvers in die Augen gestreut: der zerlumpte, mottenzerfressene Schal ihres Gewandes hatte sich von ihren Schultern gelöst, und sie hatte ihn sich notdürftig wieder über die Schulter geworfen – eine kleine, mitleidserweckende Geste, die ihre Wirkung noch nie verfehlt hatte.

Der Pförtner hatte sie, nachdem sie ihn mit einigen wenigen Zaubersprüchen vollends seines Willens beraubt hatte, ohne Umschweife direkt ins Gemach des Königs geführt – dabei hatte er auch sich selbst in grosse Gefahr gebracht, denn für einen einfachen Untertan wie ihn bedeutete es den Tod, ohne triftigen Grund in den Räumlichkeiten der Königsfamilie angetroffen zu werden.

Sie selbst nahm das nur am Rande war – zwar wäre sie, hätte man sie erwischt, selbstverständlich ebenfalls gefangen genommen und zum Tode verurteilt worden. Aber für sie wäre es ein leichtes Gewesen, sich aus den Kerkern des Schlosses zu befreien: ein weiteres Schwenken ihres Schals hätte genügt, und die Wärter hätten ihr ebenso willenlos gehorcht wie der arglose Pförtner, der gerade eben unverdrossen die Tür zum Schlafgemach des Königs öffnete.

Sie schaute sich kurz in dem prunkvollen Raum um, und als sie sah, dass niemand dort war, befahl sie ihrem Begleiter mit einem kurzen Kopfnicken, zu verschwinden. Dieser ging den Weg zur Schlosspforte wie in Trance zurück und nahm seinen Dienst wieder auf, als ob nichts gewesen wäre – am nächsten Tag hatte er keine Erinnerung mehr an den Vorfall.

Deshalb reagierte er auch völlig verständnislos, als die Schlosswache ihn am nächsten Tag abführte, ihn verhörte und wegen dem dringenden Verdacht, ein Spion im Dienst des Feindes zu sein, in den Kerker warf – ein Kammerdiener wusste sicher zu berichten, dass er ihn am Vortag im Korridor vor dem Königlichen Schlafgemach gesehen habe.

Als der ehemalige Pförtner nach zwei Wochen Gefangenschaft bei Wasser und Brot noch immer keinerlei Erinnerung an den Vorfall zeigte, glaubte man ihm schliesslich und liess ihn gehen. Er wurde aus dem Schlossdienst entlassen und kam nach langer Wanderung bei einem weit entfernt wohnenden Bauer als Stallknecht unter – er hatte Glück gehabt.



die junge Braut – I



Der Ablauf war derselbe wie an jedem Morgen, aber aus irgendeinem Grunde genoss Prinzessin Xenia das Aufstehen heute ganz besonders. Gleich nach dem Aufwachen war sie von ihren beiden engsten, allerpersönlichsten Kammerjungfern ins Badezimmer geführt worden. Dort hatte sie sich in die auf wuchtigen Elfenbeinfüssen ruhende königliche Wanne begeben und ein langes, intensives Bad genommen. Man hatte ihr die Füsse massiert und eine pflegende Kräutermischung in ihr langes, rotblondes Haar gerieben, danach hatten die beiden Mädchen sich entfernt und sie für einen Augenblick alleine gelassen.

Das Bad war ganz bewusst so angelegt worden, dass es in den frühen Morgenstunden genau im Sonnenlicht lag. Prinzessin Xenia schloss die Augen, legte ihren Kopf auf das kleine rote Samtkissen, dass extra zu diesem Zweck angebracht war, und genoss die Wärme der Morgensonne hinter ihren Lidern. Wie schon während der gesamten letzten Woche ging ihr die bevorstehende Hochzeit nicht aus dem Kopf, und wieder fiel ihr das Bild von Prinz Adrian ein, das ihre Mutter ihr gezeigt hatte. Sie dachte an ihre Kammerjungfern und das verschwörerische Lächeln, dass sie in letzter Zeit in ihrer Gegenwart aufsetzten, und musste lächeln – seitdem offiziell verkündet worden war, dass sie heiraten würde, kannten ihre Kammerjungfern kein anderes Thema als den jungen Prinzen. Wo er herkam, wie alt er war, ob er schon einmal gegen einen Drachen gekämpft hatte, und, nicht zuletzt, natürlich, wie er aussah. Zwar verstummten Gespräche dieser Art immer in der selben Sekunde, in der sie oder ein anderes Mitglied der Königlichen Familie den Raum betraten, aber dennoch war es überdeutlich: die jungen Mädchen waren neidisch, viel mehr noch als sie früher wegen ihrer hübschen Kleider, ihrem Spielzeug oder ihrem angenehmen, schönen Leben neidisch gewesen waren.

Was sie wohl sagen würden, wenn sie den Prinz leibhaftig zu Gesicht bekamen? Denn, ihre Mutter hatte vollkommen Recht gehabt: Prinz Adrian war alles andere als hässlich, genau genommen war er sogar, so hatte Xenia es sich nach ein paar Tagen, während denen sie sich vergeblich darum bemüht hatte, zerknirscht und beleidigt zu sein, eingestehen müssen, der hübscheste junge Mann, den sie jemals gesehen hatte…



Kurze Zeit später riss ein Klopfen an der Türe sie aus ihren Tagträumen – die Kammerjungfern traten herein, um ihr die Kräuter aus den Haaren zu waschen und sie anzukleiden.







(die Hochzeitsnacht – I)



Musik und Tanz waren verstummt, man hatte die Gäste der Reihe nach verabschiedet und aus dem Schloss hinaus geleitet. In kleiner Runde hatte man dann ein letztes Glas Wein getrunken, hatte die Feier ruhig und angemessen ausklingen lassen, solange, bis sich auch die engsten Vertrauten und Freunde schliesslich zurückgezogen hatten. Und während alledem hatte eine zunehmende Unruhe von König Johann Besitz ergriffen…

Man hatte die üblichen Scherze gemacht – während des offiziellen Teils des Abends natürlich leise und hinter vorgehaltener Hand, im Bewusstsein des gesellschaftlichen Standes des Paars entsprechend – es handelte sich schliesslich um die Hochzeit des Königs. Später dann, als die Runde kleiner und vertrauter geworden war, als der Wein seine Wirkung zu zeigen begann, immer deutlicher – für den König und seine Braut war es an der Zeit, sich zur Hochzeitsnacht zurückziehen.

König Johann stand alleine mit seiner Frau im grossen Thronsaal. Die meisten der an den Kronleuchtern und auf den Fensterbänken angebrachten Kerzen waren verloschen, und die wenigen, die noch brannten, verbreiteten ein verhaltenes, dämmriges Licht.

Wie jedesmal, wenn er mit ihr alleine war, spürte er eine seltsame Mischung aus Anziehung, Bewunderung und einer unbestimmten Sehnsucht – Sehnsucht nach einer Frau, die er eigentlich immer noch kaum kannte, und die er heute geheiratet und damit zur Königin gemacht hatte.

“Mein Schatz, hat Dir die Feier gefallen? Das Büffet war grossartig, der Koch hat alle Register seiner Kunst gezogen, und der Wein gehörte zu den Besten seines Jahrgangs…”

An manchen Tagen fand er, dass ein unbestimmbarer Ausdruck in ihren blau-grauen Augen lag – dieser Ausdruck löste ein Gefühl in ihm aus, dass er, wenn er es sich eingestanden hätte, wohl als Angst bezeichnet hätte. Es war noch nicht einmal zwei Monate her, dass sie in sein Leben getreten war – eine reiche Adlige, über deren Herkunft immer noch der Schleier der Ungewissheit lag. Sie hatten sich auf einem rauschenden Ball kennengelernt, den der König wegen….wenn er es recht bedachte, hatte er keinerlei Erinnerung an den genauen Anlass des Balls – er wusste nur, dass die schöne Unbekannte ihn am späteren Teil des Abends, zum Tanze aufgefordert hatte; ein höchst unkonventionelles Vorgehen, widersprach es doch deutlich dem Protokoll – auch das wurde ihm jetzt klar. Er erinnerte sich daran, wie es gewesen war, sie zum ersten Mal in seinen Armen zu halten, und daran, wie er im gleichen Moment beschlossen hatte, sie niemals wieder loszulassen.



die junge Braut – II



Frisch gebadet und in ihren eleganten, schneeglöckchengelben Morgenmantel gehüllt sass Prinzessin Xenia in ihrem Schlafgemach vor ihrem grossen Spiegel und liess sich von ihren Kammerjungfern das lange, rotblonde Haar kämmen. In ihren Gedanken war sie immer noch bei dem Prinzen, und plötzlich fragte sie sich, was dieser wohl über die bevorstehende Hochzeit dachte – ob er auch ein Bild von ihr erhalten hatte? Ob es ihm wohl gefallen hatte…?

Sie drehte ihr Gesicht so, dass die Morgensonne genau auf ihr schön geschnittenes Profil traf.

“Einen klitzekleinen Moment noch, Prinzessin!”

Die Zofe, die gerade damit beschäftigt war, Xenias Haar zu einem grossen, Dutt zusammenzustecken, versuchte vergeblich, das, was von ihren Bemühungen noch übrig war, zu retten.

“Oh, verzeiht! Ich bin so unruhig heute Morgen…”

Prinzessin Xenia hatte jetzt wieder gehorsam das Kinn auf die Schulter gelegt, und die Kammerzofer konnte den Dutt mit einem fein geflochtenen, dunkelgrünen Haarband festschnüren.

“Aber ist das denn nicht normal?”

Eine weitere Kammerzofe trat heran – ein junges Ding mit blonden Haaren. Es war dasselbe Mädchen, das einen Tag zuvor auf dem Heimweg einer geheimnisvollen Fremden begegnet war. Bis eben war sie damit beschäftigt gewesen, das Bett der Prinzessin aufzuschütteln und es mit einer hellblauen Tagesdecke zuzudecken.

“Schliesslich werdet ihr in wenigen Tagen heiraten!”

“Und kennt Euren zuküntigen Gatten nicht einmal…”

Wieder meinte Xenia, dieses merwürdige Lächeln auf ihren Gesichtern zu sehen – aber jetzt gerade begann ihr dieses Lächeln auf einmal sehr angenehm zu werden.

“Ja. Und er mich nicht. Was, wenn ich ihm nicht gefalle…?”

Sie sah nochmals in den Spiegel, und fand sich plötzlich blass und unscheinbar.

“Meine Wangen…”

“Herrin, ihr seid schön wie der junge Tag! Wenn der Prinz Euch nicht mag, dann kann keine Frau der Welt es ihm recht machen!”

“Und wenn dem nun so ist? Ausserdem, schaut mich an – wie bleich ich im Gesicht bin…ob ich vielleicht krank werde?”

“Nein.”

“Nein?”

“Nein, meine Prinzessin! Ein blühender Rosengarten könnte nicht schöner sein als ihr!”

“Und wenn der Prinz nun Rosengärten nicht mag?”

“So gleicht ihr eben einer zarten Schneelandschaft!”

Die Prinzessin sich auf ihrem Stuhl um, sah ihre beiden Dienerinnen verdutzt in die Augen, und auf einmal brachen alle drei in wildes Gelächter aus.

“Halt, wartet!” rief da die jüngere der beiden Kammerzofen aus, diejenige, die eben noch das Bett gerichtet hatte.

“Gerade gestern kam ein wundersames Schönheitsmittelchen in meinen Besitz, ich erhielt es…bekam es geschenkt von einer guten Freundin.”

Sie sprang auf, griff in ihre Rocktasche und hielt der Prinzessin das kleine Holzkästchen hin, dass sie seit gestern dort aufbewahrte: zu dem einzigen Zweck, es in einem passenden Moment der ahnungslosen Xenia unterzuschieben – allerdings war ihr selbst nichts von alledem bewusst.

“Hier, meine Prinzessin, wenn ihr diese Salbe vor jedem Schlafengehen auf Eure Haut reibt, wird der Prinz gar nicht anders können, als sich sofort unsterblich in Euch zu verlieben!”

Xenia betrachtete neugierig das kleine Kästchen, dass die jüngste ihrer Kammerzofen ihr jetzt mit vor Begeisterung leuchtenden Augen in den Schoss gelegt hatte. Aber es war nicht nur Neugierde, was sie fühlte – eine innere Stimme warnte sie davor, dieses Kästchen anzufassen: ein unguter, böser Pfand, der ihr nichts als Elend und Verderben bringen würde. Sie zögerte.

“Ha, willst Du damit sagen, unsere Herrin sei nicht schon von selbst schön genug, um das Herz eines jeden Mannes zu erweichen? Unverschämtes Jungvolk…”

Die alte Kammerzofe nahm ein Kissen aus der Ecke und drohte damit, es auf ihre junge Kollegin zu werden – und damit war der Bann gebrochen.

“Aber selbstverständlich – kein Mann kann einer jungen, schönen Prinzessin widerstehen…aber schaden kann es dennoch nicht, oder?”

Xenia nahm das Holzkästchen in die Hand, öffnete es und steckte neugierig ihre Nase hinein – es roch unschuldig und süss wie ein Rosengarten.

“Ich danke Euch, meine liebe Freundin. Ich werde dem Koch sagen, dass er Euch beiden heute eine besonders grosses Stück Brot zustecken soll. Und nun trollt Euch fort, mein Vater und meine Mutter erwarten mich im Speisesaal zum Frühstück.”



die junge Braut – III



Am Abend, als sie schon fertig zur Nacht gekleidet in ihrem Bett lag, fiel Xenia die geheimnisvolle Salbe wieder ein, die ihre jüngste Zofe ihr am Morgen geschenkt hatte. Ob sie ihr wirklich helfen würde, die Gunst des Prinzen zu erringen?

Ein Schimmer goldenen Mondlichts fiel durch das Fenster ihres Schlafgemachs auf das kleine Holzkästchen. Es stand noch an der gleichen Stelle, an der sie es heute Morgen abgestellt hatte, sein Schatten zeichnete sich deutlich an der fahlen Wand ab. Der liebliche Rosenduft, der sie so betört hatte, stieg ihr wieder in die Nase; sie schlug die Bettdecke zurück und begann, aus dem Bett zu steigen.

Mit einem Male aber war da wieder dieses unerklärliche Gefühl, diese innere Stimme, die ihr sagte, dass von dem kleinen Kästchen eine grosse Gefahr ausging….

Sie war auf halber Strecke des Weges, als sie plötzlich stehen blieb. Eine ganze zeitlang verharrte sie unbeweglich in der Mitte des Zimmers – dann begann sie, sich steif und mechanisch weiter auf das Kästchen zuzubewegen. Sie öffnete es, fasste hinein und bestrich sich langsam Stirn und Wangen mit der duftenden Salbe. Sie schloss das Kästchen wieder, ging zurück zu ihrem Bett und legte sich hinein.

Sie nahm sich nicht die Zeit, es sich bequem zu machen und sich wieder mit der warmen Bettdecke zuzudecken – sobald ihr Kopf die Kissen berührt hatte, schlossen sich ihre Augen, und sie fiel in einen tiefen, todesähnlichen Schlaf.





(die Hochzeitsnacht – II)



Sie hatten die Vorhänge des Schlafgemachs zugezogen, ein kleiner Kerzenleuchter spendete unstehtes, flackerndes Licht – es waren nur Schatten, die sie beide voneinander sahen. Der König und seine Frau lagen einander in den Armen – einen kurzen Moment lang musste er an die verstorbene Königin denken – zum ersten Mal an diesem Abend, wie ihm auffiel.

“Liebling…”

Er spürte ihre Hände auf seinem Körper, spürte, wie sie an seinem Rücken, seinen Hüften entlangglitten -langsam entledigten sie sich ihrer Kleider. Der weiche, wohlriechende Körper seiner Frau begann, ihn zu umschliessen.

Eine merkwürdige Erinnerung kam ihm – er war noch ein kleiner Junge gewesen, und es war ihm gelungen, für einen kurzen Moment seinen Dienern zun entwischen. Es hatte stark geregnet, ein düsterer, nebliger Herbsttag, und er war wahllos in der Strassen und Gassen der Stadt hineingerannt.

Hinter einer unzugänglichen, verwinkelten Häuserzeile hatte er einen kleinen Schuppen gefunden, er war hineingelaufen um sich vor dem immer stärker werdenden Regen zu schützen. Nachdem er sich das nasse Haar aus dem Gesicht gestrichen hatte, hatte er sich umgesehen, und sein Herz war stehengeblieben: direkt vor ihm hockte ein riesiger, schwarzer Wolfshund – eben, als er atemlos und halb blind vom Regen in den Schuppen hineingelaufen war, hatte er ihn nicht bemerkt, und jetzt versperrte er ihm mit bösem Knurren den Weg.

Der Körper seiner Frau umschloss ihn, mit einem Male empfand er ihre Umarmung als gewaltsam und fesselnd.

Er hatte damals lange in dem Schuppen gestanden, hatte mit mit klopfendem Herzen und steif vor Angst in die Augen des knurrenden Hundes gesehen und verzweifelt überlegt, was er tun sollte.

Irgendetwas stimmte nicht – der Köper seiner Frau war nicht mehr weich und angenehm – die Haut, die er unter seinen Händen spürte, war ledrig und kalt. Er versuchte, den Kopf zu drehen, aber eine unsichbare Kraft schien ihn festzuhalten.

Damals hatte er nicht gewusst, wovor er mehr Angst haben sollte: vor dem Hund, der ihm den Weg nach draussen versperrte und drohte, ihn bei der geringsten Bewegung zu zerfleischen, oder vor den Wachen, die ihn jetzt mit Sicherheit bereits suchten und der Tracht Prügel seines Vaters, die ihn erwarten würde, wenn sie ihm von seinem Ausriss erzählten.

Er versuchte jetzt mit aller Kraft, sich zu bewegen, versuchte, aus sich aus einer Umarmung zu befreien, die diese Bezeichnung schon längst nicht mehr verdiente. Es war zu dunkel, um etwas anderes erkennen zu können als dunkle Schatten- trotzdem meinte er, dass das, was da unter ihm lag, sich verändert hatte – ein riesenhafter, verkrümmter Leib, der keine Ähnlichkeit mit dem Körper einer Frau mehr hatte.

Irgendetwas fasste nach seinem Kopf, umschloss ihn und drückte langsam zu.

Damals waren nach einiger Zeit die Wachen gekommen, hatten den Hund mit ein paar Fusstritten vertrieben und ihn zurück nach Hause gebracht, wo ihn sein Vater zwar wütend, aber letztlich auch erleichtert erwartete – die Strafe war milde ausgefallen.

Diesmal kam niemand, um ihn zu befreien. Als die Umklammerung des bösartigen Wesens, dem er so leicht und ahnungslos in die Falle gegangen war, noch stärker wurde, schwanden dem König langsam die Sinne. Für einen kleinen Moment, kurz bevor sein Geist sich für lange, lange Zeit von der Wirklichkeit verabschiedete, lüftete sich der Vorhang, den das Wesen über sein Gedächtnis gelegt hatte. Er erinnerte sich an alles, und ein nie gekanntes Entsetzen erfüllte sein Herz. Dann war nichts mehr.

Xenias erster Traum



Das Dunkel, in das Prinzessin Xenia gefallen war, umschloss ihren Geist nicht vollständig. Zuerst war es nur ein ungeordnetes Durcheinander von fahlen Schatten, das vor ihrem inneren Auge enstand – gerade genug, um ihr zu vergewissern, das sie noch am Leben war. Dann aber begannen sich festere Formen herauszubilden, ein düsteres Farbenspiel entstand, verdichtete sich und wurde zu etwas, das sie langsam und unerbittlich in sich hineinsog.



Xenia befand sich in einem dunklen, staubigen Verlies, dessen Wände aus rohem Stein gehauen zu sein schienen. Licht drang nur von einer Seite her in den Raum – die Wand an dieser Seite war anders beschaffen als die übrigen, sie war glatt und kalt und schien irgendwie durchlässig zu sein – aber Xenia konnte nicht erkennen, was dahinter lag. Sie ging ein paar Schritte nach vorne, um herauszufinden, wo sie sich befand, als sie plötzlich von einem dunklen, glitschigen Etwas am Kopf gestreift wurde. Sie erschrak und stiess einen Schrei aus – eine Fledermaus war eben haarscharf an ihr vorbeigefahren, eine ziemlich grosse sogar.

Xenia blieb einen Moment stehen und wartete, bis ihr wild klopfendes Herz sich wieder beruhigt hatte, dann ging sie weiter. Mittlerweile hatten ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt, und sie konnte ihre Umgebung besser erkennen. Der Boden war mit Schmutz und handgrossen Steinen bedeckt, und an den Wänden und Decken konnte sie jetzt noch weitere Fledermäuse entdecken – sie hingen dort, mit dem Kopf nach unten, und schliefen.

Sie hatte das Ende der kleinen Höhle beinahe erreicht, als sie auf einmal glaubte, in hintersten Winkel ein dunkles Etwas am Boden liegen zu sehen. Vorsichtig, ganz langsam, begann sie auf den verkrümmten Schatten zuzugehen, als dieser plötzlich anfing, sich zu bewegen. Er erhob sich, richtete sich auf und schleppte sich langsam in Richtung der Wand, aus der das wenige Licht zu kommen schien, das in das Verlies eindrang. Xenia wollte sich zuerst umdrehen und davonlaufen, aber dann, einem plötzlichen inneren Drang folgend, ging sie dem unheimlichen Schatten nach.

Dieser hatte inzwischen die Höhlenwand erreicht. Xenia erkannte die gebückte Gestalt eines jungen Mannes, der beide Hände gegen die Steinwand presste, als wolle er sie mit Gewalt zur Seite drücken. Zur gleichen Zeit begann diese, sich zu verändern – sie wurde durchsichtig wie Fensterglas, und Prinzessin Xenia sah in ein reich und prunkvoll ausgestattetes Schlafgemach, an dem purpurne Vorhänge über ein Himmelbett aus dunkelblauen Samt gespannt waren. Abgesehen von der edlen Einrichtung war das Zimmer leer.

Urplötzlich stiess die Gestalt vor ihr einen langen, markerschütternden Schrei aus. Xenia sah in ein Paar stumpfer, eingefallener Augen – dann erwachte sie.





II. Teil

Prinz und Prinzessin – I



Ging man von der grossen Treppe, die vom Thronsaal hinunter in den Schlosspark führte, weiter in Richtung der Stallungen und Pferdekoffeln, so traf man nach kurzer Zeit auf einen kleinen, blumenumrankten Torbogen, der in einen beschaulichen, kleinen Park führte. Dieser Park diente einzig und allein der Erbauung und Erholung der Königsfamilie – für jeden anderen Schlossbewohner war es unter Androhung der Todesstrafe verboten, sich dort aufzuhalten. Eine Ausnahme wurde allein für den obersten Hofgärtner gemacht, der diesen Garten persönlich pflegte. Während der letzten Tage hatte er ohne Unterlass gearbeitet, und jetzt erstrahlte der Garten in einer nie gekannten Schönheit.

Prinz Adrian und Prinzessin Xenia schlenderten langsam den schmalen Kiesweg entlang. Die wenigen Wolken, die am Vormittag noch am Himmel gestanden hatten, waren verschwunden, und jetzt brach sich das helle Sonnenlicht in dem guten Dutzend Springbrunnen, die umsäumt von Rosensträuchen am Wegesrand standen und eifrig sprudelten. Hier und da sah man einen kleinen Regenbogen, der für kurze Zeit in dem hoch aufspritzende Wasser entstand und dann schnell wieder in sich zusammenbrach.

“Ich hoffe, unser Schlossgarten gefällt Euch, liebste Xenia. Ihr müsst müde sein, nach den Strapazen der langen Reise…”

Prinzessin Xenia war am Vormittag mit einer grossen Kutsche, einer Dienerin und viel Gepäck im Schloss angekommen. Sie hatte das Mittagessen zusammen mit König Johann, der Königin sowie Prinz Adrian eingenommen, und am nächsten Abend wollte man einen kleinen, vertraulichen Ball veranstalten, um die Prinzessin den engsten Freunden und Vertrauten des Königs bekannt zu machen. Man hatte ihr ein luxuriös ausgetattetes Schlafgemach im Flügel der Königsfamilie zur Verfügung gestellt, und bis zum Abend hatte sie jetzt Zeit, sich dort einzurichten und sich auszuruhen. Vorher aber hatte Prinz Adrian sie zu diesem kleinen Spaziergang eingeladen.

“Er ist wunderschön hier…”

Sie blieb stehen und sah den jungen Prinzen an. Es hatte einen Moment gedauert, bis er es gewagt hatte, das Wort an sie zu richten. Während dieser Zeit waren sie schweigend nebeneinander hergegangen, und Xenia war froh, zu merken, dass sich die beidseitige anfängliche Unsicherheit langsam legte.

“Ich danke Euch sehr für die Einladung. Meine Reise hierher war ganz und gar nicht anstrengend. Die meiste Zeit habe ich geschlafen, und während den letzten Meilen habe ich einen guten Teil des Reiches Eures Vaters anschauen können. Es ist ein schönes Land, voller blühender Felder und…netter, zuvorkommender Menschen.”

Es entsprach nicht ganz der Wahrheit, was sie da sagte. Sie wollte den Prinzen nicht verärgern oder enttäuschen, und sie war in der Tat dankbar für die Einladung, aber die Reise hierhin war die Hölle gewesen. Zuerst…



Xenias Anreise – I



…zuerst hatte jeder gedacht, dass die junge Prinzessin einfach gestorben wäre. Am Morgen, nachdem ihre jüngste Kammerzofe ihr ein höchst zweifelhaftes Geschenk gemacht hatte (woran sich weder sie noch irgend jemand anderes am nächsten Tag noch erinnern konnte), war Xenia nicht mehr aufgewacht – sie lag totenbleich in ihrem Bett und ihr Herz schlug nur noch langsam und unregelmässig. Sämtliche Ärzte des Königs waren machtlos, man hatte es zuerst einfach mit kaltem Wasser versucht, dann mit verschiedenen Salben und Kräuterbinden. Schliesslich hatten der König und die Königin vor ihrem Bett gekniet und gebetet, sie möge die Augen auftuen, aber nichts hatte geholfen.

Dann schliesslich, nach drei Tagen und drei Nächten, war Xenia langsam wieder erwacht, zu einer Zeit, als kaum noch jemand an ihr Überleben geglaubt hatte. Sie hatte am Morgen des vierten Tages die Augen aufgeschlagen und mit dünner, aber klarer Stimme nach einem Glas Wasser verlangt.

Niemand vermochte zu sagen, was ihr eigentlich gefehlt hatte, am allerwenigsten sie selber – nur an ihrem Traum konnte sie sich erinnern, aber irgendetwas sagte ihr, dass es besser wäre, über diesen Traum mit niemandem zu Reden. Es war nur ein Gefühl, aber sie glaubte, dass hinter dem, was sie in dem dunklen Verlies gesehen hatte, mehr steckte als eine blosse Fieberfantasie.

Ebenso schnell, wie sie krank geworden war, erholte sich Xenia auch wieder, und nachdem sie sich eine Woche Zeit genommen hatte, sich mit gesundem Essen und vielen Spaziergängen an der frischen Luft zu erholen, fühlte sie sich wieder stark genug, um die Reise zum Reich König Johanns und zu Prinz Adrian anzutreten.

Mit ihr würden nur der Kutscher und ihre älteste Dienstmagd reisen – alles andere wäre unhöflich und ein Affront gegenüber ihrem zukünftigen Gemahl gewesen. Xenia verabschiedete sich von ihren Eltern, die sie erst in einigen Wochen wiedersehen würde, dann, wenn sie verheiratet war und sie sie gemeinsam mit Prinz Adrian besuchen würde, um ihre übrigen Habseligkeiten und Dienerinnen mitzunehmen und dann vollständig ins Schloss König Johanns zu ziehen.



Ob es der Kutscher war, der einen schlechten Tag hatte, oder ob das Kartenmaterial unvollständig war, oder ob einfach der tagelange Regen Schuld daran war – jedenfalls verschlammte der zuerst breite, gut ausgebaute Weg schon wenige Meilen nach ihrer Abfahrt so sehr, dass die beiden Pferde, die die Kutsche ziehen sollten, nicht mehr weiterkamen – so sehr sie sich auch in die Riemen legten, sie brachten die Kutsche, die mittlerweile fast einen ganzen Fuss tief im Schlamm eingesunken war, keinen Milimeter mehr von der Stelle. Was sollte man tun? Es gab nur eine Möglichkeit: die Prinzessin musste ganz unstandesgemäss mit ihrer Dienstmagd aussteigen, um dadurch das Gewicht der Kutsche zu reduzieren – als auch das nicht half, beschloss der Kutscher, die Kutsche von ihrem Gepäck zu befreien, dass er abladen und Stück für Stück zu Pferd soweit tragen würde, bis der Weg wieder fester und gut befahrbar wurde. Die Dienstmagd wurde damit beauftragt, leichtere Gepächstücke mit auf ihren Rücken zu laden und so dabei mitzuhelfen, die leidige Sache möglichst schnell hinter sich zu bringen.

Währrenddessen blieb für Prinzessin Xenia nichts anderes übrig, als in ihrer Kutsche zu sitzen und zu warten.

Gerade, als ihre beiden Begleiter sich zum erstenmal entfernt hatten, meinte sie ein merkwürdiges Rauschen in den Baumwipfeln um sich herum zu hören. Sie schaute nach draussen, aber ihr fiel nicht ungewöhnliches auf.

Wieder ein Rauschen, diesmal aber direkt ihrer Nähe. Zudem spürte sie, dass die Kutsche leicht erbebte.

Sie steckte den Kopf zum Fenster heraus, aber ausser dem leichten Regen, der sie schon den ganzen Tag lang begleitet hatte, konnte sie nichts entdecken, was die Ursache sein könnte für…gerade, als sie sich besonders weit aus dem Fenster herausgebeugt hatte, um nach vorn auf den Kutschbock schauen zu können, wurde die gesamte Kutsche von einem heftigen Schlag getroffen, der die Türen gegen die Rahmen schlagen liess und Xenia beinahe nach draussen in den Schlamm geworfen hätte. Erschreckt zog sie den Kopf wieder zurück, um das Gleichgewicht zu halten, als sie von einem weiteren Schlag getroffen wurde, nicht weniger heftig als der erste. Sie stiess zuerst mit dem Kopf gegen die Decke ihrer Kabine und wurde dann hart und unsanft in ihren Sitz zurückgeworfen.

“Ist dort jemand?” rief sie. Sie drehte sich nach hinten, um durch das hintere Fenster schauen zu können, um herauszufinden, ob vielleicht dort jemand…ein weiterer Schlag, und direkt noch einer. Der Platz hinter der Kutsche war leer, soviel konnte Xenia gerade noch erkennen, bevor sie von ihrem Sitz geschleudert wurde und hart auf den Kutschenboden prallte. Die Stösse kamen jetzt schnell und regelmässig, sie waren noch härter geworden, und allmählich hörte man im Holz der Kutsche erste Knackgeräusche, die ahnen liessen, dass es dieser hohen Belastung nicht mehr lange standhalten würde. Xenia begann laut um Hilfe zu rufen, während die Stösse und das Knacken im Holz immer schneller und heftiger kamen.

Prinz und Prinzessin – II



“…und heute Morgen sind wir dann in aller Frühe aufgebrochen und haben den letzten Teil des Weges bis hierher zurückgelegt. Und Ihr? Habt ihr jemals eine längere Reise hinter Euch gebracht?”

Prinz Adrian brauchte zuerst ein wenig Zeit, um zu bemerken, das Xenia die Schilderung ihrer Anreise beendet hatte und ihm eine Frage gestellt hatte. Während ihrer letzten Worte war er mehr und mehr in seinen Gedanken versunken und hatte Xenia angeschaut, war überwältigt von ihrer Schönheit gewesen. Diese Schönheit übertraf noch bei weitem das, was man ihm berichtet hatte, und was auf der kleinen Portraitzeichnung, die er von ihr besass, zu sehen war.

“…Hallo? Werter Prinz, seit ihr vielleicht derjenige, der müde ist, und der vor dem morgigen Ball noch dringend eine Mütze voll Schlaf benötigt?”

Prinzessin Xenia lachte, und das brachte ihn endgültig in die Wirklichkeit zurück.

“Nein, gar nicht. Ich war nur gerade – etwas abwesend. Ich musste an eine Jagdgesellschaft denken, an der ich vor einiger Zeit teilgenommen habe – ihr fragtet nach einer längeren Reise, und der Weg, den diese Gesellschaft zurückgelegt hat, ging weit über die Grenzen unseres Landes hinaus. Seht ihr, wir waren auf die Spur eines grossen Braunbären gestossen, und…”

Prinz Adrian nahm Xenia bei der Hand, und während sie gemeinsam den schmalen Kiesweg entlanggingen, berichtete er ihr in allen Einzelheiten von der wilden Jagd auf den Braunbären, wie sie ihn über mehrere Königreiche hinweg verfolgt, schliesslich in einem unzugänglichen Gebirge gestellt hatten, und wie er, Prinz Adrian, ihn endlich mit einem wohlgezielten Schuss seines Bogens erlegt hatte.

Währenddessen warf er immer wieder kleine Seitenblicke auf Xenias Profil, sah, wie sie bei der einen oder anderen erheiternden Begebenheit ein Kichern unterdrücken musste, und auch, wie sie im letzten Teil der Erzählung, in der die Jagd zunehmend wagemutiger und gefährlicher geworden war, immer öfter bewundernd zu ihm aufschaute.

Als sie am Ende der Erzählung stehenblieb und zu ihm aufschaute, meinte er sogar, ein leichtes Erröten in ihrem wunderschönen Gesicht zu sehen.

“Wisst ihr – ich glaube, ich bin nicht so mutig wie ihr. Als ich noch ein kleines Mädchen war, bin ich regelmässig davongelaufen, wenn sich eine Maus oder eine grosse Spinne in mein Schlafgemach verirrt hatte. Dann bin ich zu meinem Vater gelaufen, und der hat einen Diener gerufen, der das arme Tier dann entfernen musste.”

Sie musste lachen und schaute einen Augenblick lang nach unten auf ihre Füsse. Dann kam ihr eine Idee:

“Aber als Kind bin ich auch auf die Jagd gegangen, sehr oft sogar! ”

Sie machte eine Pause, um Prinz Adrians Reaktion abzuwarten, dann sagte sie:

“Zuhause, in unserem Schlosspark. Ich habe Schmetterlinge gejagt! Wisst ihr, wenn sie sich auf eine Blüte gesetzt haben, um den Nektar zu trinken, falten sie manchmal ihre Flügel zusammen. Man kann sie dann ganz leicht mit zwei Fingern anfassen und mit sich fortnehmen,”

Prinz Adrian schaute ihr in die Augen und hatte ein merkwürdiges im Bauch. Eine zeitlang standen sie beide so da, sahen sich an, und keiner sagte ein Wort.

“Los, lasst uns jetzt einen Schmetterling fangen gehen! Die vielenRosensträuche hier sind voll von ihnen!”

Xenia nahm ihn bei der Hand und zog ihn ungeduldig mit sich fort.

Prinz Adrian hatte immer noch dieses merkwürdige Gefühl in seinem Bauch. Während er Xenia in Richtung der nächsten Rosensträuche folgte, wurde es stärker, es veränderte sich, wurde beissend und unangenehm. Sein Magen krampfte sich zusammen, und die Welt um ihn herum wurde grau. Ihm blieb gerade noch Zeit für einen letzten, verzweifelten Gedanken – nicht jetzt, bitte nicht gerade jetzt – dann begann sich das vertraut-verhasste Gewicht auf seine Schultern zu legen und er sank in sich zusammen – der Schmerz war diesmal noch unerträglicher als sonst. Er verlor das Bewusstsein, schnell und brutal wurde er aus der Idylle herausgerissen, die ihn und die Prinzessin bis gerade umgeben hatte – als er wieder zu sich kam, lag er ausgestreckt auf dem staubigen Boden seines Verlieses und starrte in die roten Augen einer riesigen, monströsen Fledermaus.



(die Wäschemagd– I)



An manchen Tagen geschah es immer noch, dass sie morgens aufwachte – aufwachte aus dem schwarzen Nichts, in das dieses Wesen eintauchte, wenn es das tat, was gewöhnliche Sterbliche als schlafen bezeichnen würden – und sich darüber wunderte, wie einfach alles gewesen war. Denn wenn ihm auch die meisten menschlichen Gefühle vollkommen fremd waren, so kannte es doch ein Gefühl sehr gut: Angst. Angst, irgendwann keinen Menschen mehr zu finden, an dem es sich nähren und dessen Lebensenergie es aussaugen konnte, wie sie es jetzt mit dem König tat (der König zeigte zwar bereits einige Anzeichen von Schwäche und vorzeitiger Alterung, würde aber, wenn sie weiter vorsichtig blieb, noch etliche Jahre durchhalten). Angst auch, das Ansehen bei den Menschen zu verlieren – denn auch daraus schöpfte es Lebensenergie, wenn auch auf eine abstrakte, weniger fassbare Weise als in den Nächten, die es in enger Umarmung mit seinen Opfern verbrachte und an die diese sich – wie an soviele andere Dinge – gnädigerweise nicht erinnern konnten. Aber vor Allem: Angst, entdeckt zu werden. Angst davor, dass jemand – irgendjemand – seine sorgfältig gespielte Rolle durchschauen könnte und ihm…es gelang ihm nie, über diesen Punkt hinauszudenken, denn es konnte sich beim besten nicht vorstellen, wer oder was ihm gefährlich werden könnte, auf welche Weise auch immer.

Aber dennoch blieb diese nagende Angst – und wehe jedem, der es wagte, auch nur die leiseste Anstalt zu machen, hinter seine Maske zu schauen…

Xenias Anreise – II



Sie wusste nicht, wie lange sie geschrien hatte, aber es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie schliesslich die Stimme ihres Kutschers hörte, der von seinem ersten Transport zurückgekehrt war und jetzt auf die Kutsche zueilte, um nach dem Befinden seiner Herrin zu sehen.

Im gleichen Moment hörten die wilden Stösse und Schläge auf, so abrupt, als wären sie nie dagewesen. Xenia stand vom Boden der Kutsche auf, rieb sich ihren schmerzenden Körper, und…sie versuchte, dem Kutscher und der kurz darauf eintreffenden Dienstmagd zu erklären, was vorgefallen war, aber sie kam sich dumm und albern dabei vor – irgendein Tier, dass sich wohl an der Kutsche gerieben habe…eine verzogene kleine Prinzessin, die Angst vor der Hochzeit hatte und deshalb gerne mal ein wenig hysterisch geworden war – natürlich sagte das keiner von ihren beiden Begleitern, aber Xenia konnte in ihren Augen nur zu gut sehen, was sie dachten. Deshalb schwieg sie, und war froh, als klar wurde, dass schon die erste Gepäckladung ausgereicht hatte, um die Kutsche wieder fahrbar zu machen.

Der Weg wurde fortgesetzt, und als sie Abend wie geplant in einer Raststätte am Ende des Königreichs einkehrten, hatte Xenia wieder halbwegs zu sich selbst gefunden. Trotzdem wusste sie, dass es kein Tier und auch keine Einbildung gewesen war, was sie am Nachmittag erlebt hatte – dafür waren die zahllosen blauen Flecken an ihrem Körper noch zu deutlich, dafür tat ihr noch zu sehr jeder Knochen im Leib weh, als sie spät Nachts auf dem halbwegs bequemen Bett der Raststätte lag und vergeblich versuchte, Schlaf zu finden.

(die Wäschemagd – II)



Gleichmässig schob die alte Frau ihren kleinen Wäschewagen den langen, breiten Korridor entlang. Früh am Morgen hatte sie die frisch gewaschenen Laken aus der grossen Waschküche geholt, hatte sie eingefaltet, mit einer dezenten Prise Parfum besprüht, wie es die Vorschrift verlangte, und sie dann, sorgfältig geordnet nach den Namen ihrer Besitzer, auf den Wagen geladen. Jetzt, da die königliche Familie, die Ratsherren und all die anderen Schlossbewohner beim Frühstück im grossen Esssaal weilten, musste sie die Laken wieder auf die zugehörigen Zimmer verteilen – undes musste schnell gehen, sie hatte nicht viel Zeit, bis die ersten Bewohner in ihre Zimmer zurückkehren würden. Es wurde gar nicht gerne gesehen, wenn dann noch Dienstpersonal angetroffen wurde.

Aber das würde nicht passieren. Sie liebte ihre Arbeit, sie war dankbar für ihre Stellung, die sie immer als eine besondere Ehre empfunden hatte – und als eine segensreiche Verbesserung im Vergleich zu den Zeiten, als sie noch eine einfache, unterbezahlte Näherin im Dienste eines geizigen alten Schneiders gewesen war, der ihr kaum jemals den korrekten Lohn gezahlt hatte und der sie geschlagen hatte, wenn sie sich deswegen beklagte.

Schnell und routiniert hatte sie den ersten Flur hinter sich gebracht und schob ihren mittlerweile halb leeren Wagen um die Ecke, die in den besonders edel eingerichteten Flur führte, der der Königsfamilie gehörte. Was sie dort sah, bewog sie zum ersten Mal in den sechs Jahren, während denen sie jetzt im Schloss arbeitete, dazu , eine unerlaubte Pause zu machen: Die Tür, die zum Schlafgemach der Königin führte, stand weit offen – ein Ding der Unmöglichkeit eigentlich, da diejenige Magd, deren Aufgabe es war, die benutzte Bettwäsche früh morgens aus den Zimmern zu entfernen und in die Waschküche zu bringen, mit Sicherheit schon dagewesen war und die Tür, wie es Vorschrift war, hinter sich geschlossen haben musste.

Jetzt aber stand sie auf, und sie konnte direkt ins Innere des Zimmers sehen. Der Anblick war ihr natürlich vertraut – das Laken, dass für das Bett der Königin bestimmt war, lag gleich zuoberst auf ihrem Stapel. Es war etwas anderes, dass ihren Blick fesselte, und dass es ihr unmöglich machte, einfach weiter zu gehen, wie es mit Sicherheit ihre Aufgabe gewesen wäre: Vor dem grossen, dreiflügligen Spiegel, der an einer Seitenwand angebracht war, stand die Königin selbst. Sie stand da und war offensichtlich in die Betrachtung ihres eigenes Spiegelbildes versunken, ohne ihre Umwelt wahrzunehmen. Sie stand da wie erstarrt, in einer merkwürdig steifen, unnatürlichen Haltung – dann begann sie, langsam sich zu verändern: ihre Schultern zogen sich hoch und wurden gleichzeitig breiter, während der Kopf etwas nach unten sackte. Durch ihr Kleid hindurch konnte man sehen, wie die Muskulatur der Ober- und Unterarme überproportional anschwoll, gleichzeitig verformten sich die Hände zu etwas, das wie schwarzen Klauen aussah. Die Wäschemagd stand wie erstarrt im Türrahmen, unfähig sich zu bewegen oder gar zu fliehen, wie ihr hektisch rasender Verstand es ihr in panischem Entsetzen befahl. Sie stand da und starrte auf das Ding vor dem Spiegel – der Bund mit den Zimmerschlüsseln, den sie gelegentlich benötigte, wenn eins der Zimmer von seinem Bewohner verschlossen worden war, glitt ihr langsam aus den Fingern und fiel mit unüberhörbarem Klirren zu Boden.

Ein Ruck ging durch das Ding vor dem Spiegel, und langsam, ganz langsam drehte es sich in Richtung der Türe. Ein Paar hässlicher, grün-gelber Augen starrte aus einem entstellten, fratzenhaften Gesicht heraus auf die kreideweisse Magd – ein paar Sekunden lang geschah nichts, dann hörte man ein leises, sonores Knurren, das tief in der Brust des unheimlichen Geschöpfs zu entspringen schien. Dieses Geräusch lösste endlich Starre der alten Frau, sie rannte so schnell sie konnte den Korridor entlang, die Treppe hinunter und hinein in die Waschküche, wo sie schliesslich wortlos und erschöpft vor den erstaunten Augen der Wäscherinnen zusammenbrach.



Als sie aus ihrer Starre erwachte, hatte sie zuerst keine genaue Erinnerung an das, was passiert war. Irgendetwas hatte sie gestört, hatte sie während des letzten Rests ihrer Metamorphose angetroffen und verhindert, dass sie sie vollständig hatte abschliessen können – sie war in ihre Ursprungsgestalt zurückgefallen, aber leider nicht schnell genug, um noch reagieren zu können. Der Störenfried war entwischt, und dass konnte schlimme Folgen haben – was war, wenn er oder sie weitererzählte, was er oder sie gesehen hatte? Es war unverzeihlich, dass soetwas hatte passieren können. Die wenigen Momente, während denen sie in ihre Ursprungsgestalt zurückkehrte – zurückkehren musste, da sie sie sonst zu sehr von sich selbst entfremdete und vielleicht für immer auf ihre momentane Gestalt festgelegt sein würde – diese wenigen Momente waren genauestens geplant, und noch nie hatte sie jemand dabei entdeckt. Diesesmal aber….diesesmal war das Verlangen, die Verkleidung, die sie wie alle Verkleidungen als hässlich und beengend empfand, abzulegen, einfach übermächtig gewesen, und sie hatte alle Vorsicht fahrenlassen -und hatte umgehend die Strafe dafür erhalten. Die Situation war gefährlich, ihr Leben hier war in Gefahr geraten, und wenn sie nicht schleunigst etwas unternahm, würde es vielleicht zu spät sein. Sie begann, angestrengt nachzudenken, und zu ihrer Erleichterung tauchte schon bald ein klares, deutliches Bild aus ihrer Erinnerung auf. Sie wusste jetzt, was genau passiert war, und würde die notwendigen Schritte unternehmen.





Prinz und Prinzessin – III



Xenia zog den Prinzen ungeduldig mit sich fort. Sie hatte ganz in der Nähe einen besonders schönen, gelblich-blauen Schmetterling entdeckt, der ahnungslos auf einer Blüte sass. Kurz vor dem Rosenstrauch blieb sie stehen: Sie legte einen Finger vor die Lippen, um dem Prinz zu zeigen, dass er sich ruhig verhalten solle. Dann pirschte sie sich langsam an die Blüte heran, streckte die Hand aus und griff vorsichtig nach den Flügeln des ahnungslosen Schmetterlings. Sie hatte Glück.

“Hier, bitte!”

Stolz präsentierte sie Prinz Adrian ihre Beute. Schmetterlinge zu fangen war gar nicht so einfach, wie es aussah, und es funktionerte längst nicht immer. Oft flogen sie im allerletzten Moment noch fort, auch wenn man sich noch so grosse Mühe mit dem Anschleichen gegeben hatte und noch so vorsichtig gewesen war, kein Geräusch zu machen.

Sie setzte den Schmetterling auf Prinz Adrians ausgetreckte Hand und liess ihn vorsichtig los.

“Nett. Aber, besonders eindrucksvoll ist das nicht. Und überhaupt nicht gefährlich! Damals, als ich den Bären gejagt habe, da…”

Irgendetwas im Gesichtsausdruck des Prinzen hatte sich verändert – Xenia versuchte, seinen Blick einzufangen, so wie eben, als sie einander im warmen Licht der Nachmittagssonne gegenüber gestanden hatten, und als sich etwas wunderschönes zwischen ihnen seinen Weg zu bahnen begann – jetzt aber war da nichts mehr.

“Das letzte Stück des Gebirgspfads bin ich ganz alleine gegangen, niemand hat es gewagt, mir zu folgen. Und dann, als der Bär vor mir stand, habe ich…”

Vielleicht bin ich nur müde, dachte Prinzessin Xenia. Der Tag war so anstrengend gewesen, und sicher waren sie beide nervös wegen der bevorstehenden Hochzeit. Sie beschloss, nicht mehr weiter über das merkwürdige Gefühl, dass sie gerade gehabt hatte, nachzudenken. Sie bemühte sich, aufmerksam Prinz Adrians Bericht von einer weiteren spektakulären Bärenjagd zuzhören, und nach einer Zeit fand sie sogar Gefallen daran. Später am Abend, als sie wie erschlagen in ihr Bett fiel, dachte sie noch einmal an den wunderschönen Moment, als sie beide einander in die Augen gesehen hatten – sie spürte ein warmes Gefühl in ihrem Bauch, und versuchte es zu nähren – sie dachte an die Hochzeit, die in den nächsten Tagen stattfinden sollte. Dann fielen ihr die Augen zu.



Xenias erste Nacht im Schloss



Als sie mitten in der Nacht aufwachte, wusste sie zuerst nicht, wo sie sich befand. Sie öffnete die Augen und sah auf die beiden grossen, halb geöffneten Fensterflügel. Helles Mondlicht fiel auf ihr Gesicht – hatte sie überhaupt schon geschlafen? Es kam ihr so vor, als hätte sie sich erst gerade eben niedergelegt. Die Erinnerungen an den Tag, die anstrengende Reise, der Spaziergang im Park mit dem Prinzen, ihre bevorstehende Hochzeit – das alles spukte ihr noch im Kopf herum, sie fühlte sich ausgelaugt und erschöpft.

Nun aber hörte sie draussen, direkt vor ihrem Fenster, ein lautes, deutliches Kratzen…..war es wirklick nur der Mond gewesen, der sie aufgeweckt hatte?

Irgend ein Tier, dachte sie. Vielleicht ein Eichhörnchen. Sie setzte sich in ihrem Bett auf und wartete, ob sich das Geräusch wiederholen würde.

Einer der beiden Fensterflügel begann, sich langsam hin- und her zu bewegen.

Ein Eichhörnchen…..ein Eichhörnchen kann unmöglich dieses grosse, schwere Fenster zur Seite schieben, dachte Xenia. Sie bekam Angst. Wieder bewegte sich das Fenster, und sie hörte das kratzende Geräusch wieder, noch näher als beim ersten Mal.

Xenia sass stocksteif in ihrem Bett und sah, wie langsam, ganz langsam, ein schwarzer dunkler Schatten vor dem Fenster auftauchte, sich emporzog…

Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in die Nacht hinaus – geschah das wirklich, was sie zu sehen glaubte…? Ein heftiger Wind kam auf, blies in die Vorhänge hinein, blähte sie auf, und einen Wimpernschlag lang verdeckten sie das, was sich gerade ungeladen ins Zimmer hatte schleichen wollen. Xenia meinte, so etwas wie das helle Zucken eines Blitzes zu sehen – dann legte sich der Wind, die Vorhänge hingen wieder glatt herunter und gaben den Blick auf das leere Fenster frei. Nichts ungewöhnliches wahr zu sehen – der schwarze Schatten war verschwunden, wenn er überhaupt jemals dagewesen war.

Am nächsten Morgen hatte Xenia den Vorfall beinahe vergessen – sie erinnerte sich nur vage an einen düsteren Traum, der sie geängstigt hatte, und die Hochzeitsvorbereitungen nahmen sie völlig in Anspruch. Sie dachte nicht mehr an den umheimlichen Schatten, der in ihr Zimmer hatte eindringen wollen und der sie beinahe das Leben gekostet hätte.



hinter der Spiegelwand – III



Wieder so ein Erwachen – ein Erwachen, nach dem er rücksichtlos aus dem schönen, sonnigen Leben herausgerissen worden war, dass ihm eigentlich zustand. Er wusste nicht, wer er war, oder warum er in diesem dunklen, staubigen Verlies gefangen war – er wusste nur, dass dies hier nicht sein wirkliches Leben sein konnte.

Vor ihm auf einem Stein hockte eine der Fledermäuse.

Wer bin ich?, fragte er sie stumm.

Irgendetwas grosses bahnte sich an – er hatte mehr und mehr das Gefühl, dass in seiner trüben, sinnlosen Existenz bald etwas bedeutsames geschehen würde. Es reichte, einen Blick auf die Fledermäuse zu werfen – die Veränderungen an ihrem Körper waren jetzt noch weiter fortgeschritten: jede von ihnen hatte ein zweites Beinpaar entwickelt, und sie waren grösser und viel, viel kräftiger geworden. Ihre Augen hatten den gleichen starren, teilnahmslosen Ausdruck behalten, aber ihre Kiefer waren stärker hervorgetreten – ein einzelner Biss dieser mit starken Reisszähnen bewaffneten Mäuler könnte für einen erwachsenen Mann lebensgefährlich, wenn nicht gar tödlich sein.

Sie waren jetzt auch einfach zu schwer geworden, um sich länger als ein paar Sekunden in der Luft zu halten – auch wenn ihre Flügel noch intakt zu sein schienen, sah er nur noch sehr selten eine von ihnen fliegen. Stattdessen hatten sie damit begonnen, sich auf allen Vieren fortzubewegen – zuerst langsam und unbeholfen, nach und nach aber mit einer beängstigenden Gewandheit.

Wer bin ich?, fragte er noch einmal.

Das Tier sah ihn aus seinen starren, roten Augen heraus an.

Wer bin ich und warum bin ich in diesem Loch gefangen?

Er hatte nicht mit einer Antwort gerechnet – derartige Zwiegespräche führte er regelmässig mit ihnen, und noch nie hatten sie irgendeine Reaktion gezeigt.

Hinter der Spiegelwand bewegte sich etwas – offenbar hatte jemand das Gemach des Prinzen betreten.











(die Wäschemagd – III)



Es war ihr nicht leicht gefallen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, gar nicht leicht. Zuerst hatte sie allen von ihrem Erlebnis erzählen wollen, den Wäscherinnen, die sie ohnmächtig in der Waschlüche aufgefunden hatten, den Kammerzofen – dann aber besann sie sich, gerade noch rechtzeitig. Wer würde ihr glauben? Eine einfache Wäschemagd, die auf einmal anfing, zubehaupten, die Königin habe sich vor ihren Augen in eine dunkle Gestalt, in ein Monster verwandelt? Im günstigsten Falle würde man sie einfach auslachen, viel wahrscheinlicher aber war, dass…das alte, rostige Schaffot im Hinterhof des Schlosses war zwar lange nicht mehr benutzt worden, aber offiziell ausser Dienst gestellt worden war es nie. Ihr nächster Gedanke war gewesen, ihre Stellung hier aufzugeben, das Schloss zu verlassen und zu fliehen. Aber was dann? Wer würde einer alten Frau wie ihr noch Arbeit geben? Sie war nicht mehr die jüngste, und sie wusste sicher, das ein einziges Jahr auf Wanderschaft, draussen im Freien, ihr den Tod bringen würde.

Also hatte sie sich schweren Herzens dazu entschlossen, weiterzumachen, einfach so zu tun, als ob nichts gewesen wäre. Was passieren würde, wenn sie der Königin – durch welchen Umstand auch immer – nocheinmal Auge in Auge gegenüberstehen würde, vermochte sie nicht zu sagen. Wahrscheinlich würde sie einen lauten Schrei aussstossen und dann tot zu Boden sinken.

Wieder schob sie den kleinen Wäschewagen den Korridor entlang. Verzweifelt versuchte sie, an nichts böses zu denken, nicht auf ihr vor Angst wild pochendes Herz zu hören, nicht auf ihren Verstand, der ihr entgegenschrie, so schnell wie möglich das Weite zu suchen.

Etwas am Verlauf des Korridors kam ihr plötzlich merkwürdig vor – hatte es diese Biegung hier schon immer gegeben? Sie war sich sicher, dass der Gang an dieser Stelle völlig gerade verlief. Und es stimmte auch irgendetwas mit den Wänden nicht. Düstere Spinnweben hingen von der Decke, die Vorhänge waren modrig und halbverfault – es stank so sehr, das man sich die Nase zuhalten wollte. Die Wäschemagd beschloss, alle ihre Vorsätze, ihre Pläne und ihre Vernunft in den Wind zu schiessen und auf der Stelle von hier zu verschwinden, aus dem Schloss, aus diesem Land. Sie drehte sich um – und starrte auf das, was ihr Auge bereits bei ihrer letzten Begegnung mit dem, was hier anstelle einer Königin lebte, geschaut hätte, wenn sie bis zum Ende der Verwandlung ausgeharrt hätte.

Sie braucht nicht mehr zu schreien – ihr Blut gefror in den Adern und sie fiel leblos zu Boden.



die junge Braut – IV

“Was meint Ihr – ist dieses Kleid nicht etwas zu dunkel für einen Verlobungsball? Die Leute sollen doch sehen, dass ich mich auf die Hochzeit freue!”

Prinzessin Xenia sass in ihrem Schlafgemach vor dem Spiegel und warf einen prüfenden Blick auf das dunkelblaue Abendkleid, dass man ihr speziell für den Ball, der gleich stattfinden würde, genäht hatte.

Hinter ihr stand ihre Kammerzofe, diejenige, die sie während der weiten Reise begleitet hatte. Sie legte zum letzten Mal Hand an das schöne, rotblonde Haar der Prinzessin, dass zu einem eleganten Turm gebunden war. Noch ein oder zwei silberne Zierschleifen, dann würde das Werk vollbracht sein.

“Aber gar nicht, Herrin. Das Kleid ist wunderbar und wie geschaffen für diesen Anlass. Ich habe Euch ja schon gesagt, der Prinz wird sich schon sehr bald unsterblich in Euch verlieben – wenn er es nicht überhaupt schon hat! Sagt mir, meine Prinzessin, hattet Ihr einen schönen Spaziergang, gestern im Park?”

Amüsiert beobachtete sie, wie Prinzessin Xenia errötete.

“Ach, ich weiss gar nicht – ich war schon so müde gestern, sicherlich habe ich Prinz Adrian fürchterlich gelangweilt. Und wenn ich jetzt noch heute Abend mit diesem düsteren Kleid auftauche, dann…”

Die Kammerzofe vollendete die letzte Zierschleife an Xenias Frisur und griff nach einem kleinen Kamm, um einige ungestüme Haarstränen zu ordnen.

“Denn, wisst ihr, ich habe auch noch dieses gelbe Kleid mitgebracht, Ihr wisst schon, jenes, welches Vater mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt hat.”

Sie machte einen Schritt zurück, um ihr Werk mit etwas Abstand zu betrachten.

“Ist Euch das gelbe Kleid denn nicht mittlerweile zu klein geworden? Ich vermeine mich zu erinnern, dass ihr Euch noch unlängst am Sonntag darüber beklagt habt! Aber, wenn Ihr meint, dass dem Prinzen Eure Erscheinung vielleicht nicht gefällt, warum geht Ihr ihn nicht einfach fragen?”

“Wie bitte!?”

Prinzessin Xenia drehte sich auf ihrem Stuhl um und schaute ihre Kammerzofe, die sie seit ihrer Geburt kannte und die für sie längst so etwas wie eine grosse Schwester geworden war, erschrocken an.

“Ich soll einfach so in sein Gemach hineinlaufen und ihn fragen, ob ihm mein Kleid gefällt?”

“Sicher doch – schliesslich sollt ihr ihn doch demnächst heiraten, oder etwa nicht? Wenn es soweit ist, werdet Ihr schliesslich vielmehr als nur eine Kammer mit dem Prinzen teilen!”

Sie betrachtete die unruhig auf ihrem Stuhl hin- und herzappelnde Xenia und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Prinzessin hin oder her, vor ihrer Hochzeit waren die jungen Mädchen alle gleich. Genau wie sie selbst, als sie vor jetzt mittlerweile mehr als fünfunddreissig Jahren ihren Mann geheiratet hatte, der dann leider…aber das war eine andere Geschichte.

“Na los, geht schon!”

Prinzessin Xenia warf ihr einen hocherfreuten, wenn auch etwas unsicheren Blick zu, erhob sich von ihrem Stuhl und lief eilig in Richtung des Gemachs ihres zukünftigen Ehemanns, wobei sie sich sehr bemühte, nicht über die weite Schleppe ihres anmutigen blauen Ballkleides zu stolpern, in dem sie wunderschön und so sehr wie eine zukünftige Königin aussah, dass es selbst ihrer altgedienten Kammerzofe zuerst die Sprache verschlagen hatte.

vor der Spiegelwand



Mit klopfendem Herzen erreichte Prinzessin Xenia die schön geschnitzte Holztüre, die zum Schlafgemach des Prinzen führte. Die ungestüme Zuversicht, mit der sie aus ihrem Zimmer herausgestürmt war, hatte sie schon ein wenig zu verlassen – war es wirklich eine gute Idee, einfach hier rein zu platzen? Aber unverrichteter Dinge wieder zurückgehen wollte sie auch nicht, also fasste sie sich ein Herz und klopfte dreimal kräftig gegen die Türe.

Nichts geschah.

Sie wartete einen Moment, wobei sei unruhig von einem Fuss auf den anderen trat. Gerade wollte sie wieder klopfen, als sie merkte, dass die Türe nur angelehnt war – durch einen schmalen Spalt konnte man ins Innere des Zimmers sehen. Das, was sie da sah, kam Xenia seltsam vertraut vor, fast, als hätte sie dieses Zimmer schon früher irgendwo gesehen…sie überlegte, konnte sich aber nicht erinnern. Es war ja auch nur ein kleiner Teil des Zimmers, den sie sehen konnte. Vielleicht, wenn die Türe noch ein klein wenig weiter auf stünde, dann….sie klopte nocheinmal, so kräftig, dass die Tür ein Stück weiter aufschwang, nur ein kleines bisschen…Prinzessin Xenia sah, dass das, was sie bisher gesehen hatte, nur ein Spiegelbild des Zimmers war…ein grosser Spiegel, der diese Wand des Zimmers vollständig ausfüllte. Ein Spiegel…..eine Wand aus Glas…irgendetwas arbeitete in ihr, ein Bild, das kurz davor war, an die Oberfläche zu stossen…es konnte noch nicht lange hergewesen sein, dass sie…dass….und dann fiel ihr dieser Traum wieder ein, diese düstere Fieberphantasie, die sie gehabt hatte, als sie vor gar nicht langer Zeit krank in ihrem Bett gelegen hatte.

Wie war es möglich, dass sie diesen Ort hier in ihrem Traum gesehen hatte? Sie war mit Sicherheit niemals zuvor hier gewesen….ihre Neugierde wurde so gross, dass sie alle Vorsicht fahren liess, die Tür aufschob und sich ins Innere des Zimmers schlich.

Es war leer, aber damit hatte sie gerechnet, denn sonst hätte ja jemand auf ihr Klopfen reagiert. Trotzdem konnte der Prinz oder irgendjemand anderes natürlich jeden Moment hereinkommen. Und wenn man sie hier finden würde, wäre das – wobei, es wäre sicherlich nicht schön, aber es würde auch keinen diplomatischen Zwischenfall`geben und die Hochzeit würde deswegen nicht abgeblasen werden, schliesslich hatte sie ja einen glaubhaften Grund gehabt um hierher zu kommen.

Das Zimmer sah tatsächlich genau so aus, wie Xenia es in ihrem Traum gesehen hatte. Die edle Einrichtung, das grosse Himmelbett mit den purpurnen Vorhängen – alles entsprach exakt ihrer Erinnerung…merkwürdig war auch, das Prinzessin trotz allem das Gefühl hatte, in dem grossen Raum nicht alleine zu sein….es schien ihr, als wäre da jemand, der sie still und leise beobachtete…das Gefühl war nicht mal unangenehm, nur etwas verunsichernd, aber gleichzeitig intensiv und eindringlich wie ein im Dunkeln geflüstertes Gespräch.

Wie von selbst lenkte Xenia ihre Schritte zu dem grossen Spiegel…ob der andere Teil ihres Traumes auch der Realität entsprach? Ob hinter diesem Spiegel tatsächlich ein verborgenes Verlies lag? Sie stand jetzt direkt vor der Wand, sah ihr eigenes Spiegelbild, aber das Gefühl, nicht alleine zu sein, war jetzt noch stärker als eben. Sie spürte, das hinter dieser Wand jemand war, der sie ansah, der jede ihrer Bewegungen genau verfolgte. Sie hob einen Arm, senkte ihn, machte einen Schritt zur Seite – ihr war klar, dass es nur ihr Spiegelbild sein konnte, dass sich mit ihr zusammen bewegte, und doch – plötzlich hob sie ihre Hand und legte sie langsam und vorsichtig auf den Spiegel – es kam ihr ganz selbstverständlich vor, dass die Berührung weich und warm war, so als ob es nicht glattes, kaltes Glas wäre, dass sie berührte, sondern eine lebendige menschliche Hand…sie meinte, weiche Fingerkuppen zu spüren, die sich unsicher und tastend an die ihren legten und….

Ein Geräusch hinter ihr liess sie herumfahren – die Tür hatte sich geöffnet und Prinz Adrian war ins Zimmer getreten. Zutiefst erschrocken stellte Xenia fest, dass sie völlig vergessen hatte, dass ihre Anwesenheit hier eigentlich eine äusserst ungezogene Verletzung des höfischen Protokolls war…







der zweite Ball



Als Prinzessin Xenia eine knappe halbe Stunde später im Kreise der anderen Gäste im Thronsaal stand, ein Glas Sekt in der Hand, und vor den Augen aller mit ihrem Verlobten anstiess, war die merkwürdige Begegnung, die sie in Prinz Adrians Schlafgemach gehabt hatte, längst noch nicht aus ihren Gedanken verschwunden. Als der Prinz sie dabei überrascht hatte, wie sie gedankenverloren vor der Spiegelwand stand, war sie zuerst vollkommen sprachlos gewesen, viel zu verwirrt und aufgewühlt von dem, was sie gerade erlebt hatte.

Mit Mühe hatte sie etwas von ihrem Kleid und von dem Ball gestammelt, und zu ihrer Erleichterung war Adrian schnell darüber hinweggegangen, hatte ihr sogar Komplimente für das Kleid und für Ihre Schönheit gemacht – erst später wurde ihr klar, dass die Geste, in der er sie angetroffen hatte – ganz offensichtlich in die Betrachtung ihres Spiegelbilds versunken – viel dazu beigetragen haben musste, ihrer Ausrede Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Sie und der Prinz eröffneten den Ball mit einem eleganten Schreittanz – beide hatten ihn vorher unabhängig voneinaner ausführlich unter der Anleitung erfahrener Lehrer einstudiert. Danach stand die Tanzfläche allen Gästen offen, und die rhythmische, lebendige Musik tat ihr übriges, um den Abend zu einem Erfolg werden zu lassen. Der Sekt stieg Xenia schnell zu Kopfe – vielleicht wegen der vielen Aufregung der letzten Tage, vielleicht aber auch einfach deshalb, weil sie das Trinken von Alkohol nicht gewöhnt war.

Das Kerzenlicht, die Musik und der Wein, der – wenn auch in geringen, anständigen Mengen – dem Sekt bald gefolgt war, taten ihre Wirkung – die Feier wurde ausgelassen, und nachdem man des Tanzens müde geworden war und sich in die weichen Sessel begeben hatte, wurde das Essen serviert.

Vielleicht war es der Anblick des frisch zubereiteten Wildes, oder auch nur der unauslöschliche Drang der männlichen Gäste (Prinz Adrian eingeschlossen), sich gegenseitig mit Erfolgen und grossen Taten zu übertrumpfen (und damit nicht zuletzt ihre weiblichen Begleiterinnen für sich zu gewinnen), der das Gespräch wieder auf den Wald, die Pferde und die Jagd brachte.

Es war der Herzog von Hohenfels, der den Vorschlag machte: er hatte vorher ausgiebig von einer heissblütigen Wildschweinjagd schwadroniert, die er, wie zu erwarten war, letztlich ganz alleine zum Erfolg geführt hatte, und deren Trophäe in Form eines riesenhaften Eberkopfes noch heute über seinem Kamin zu bewundern wäre. Man sollte doch, so sagte er (wobei seine Aussprache aufgrund jetzt doch fortgeschrittenen Weingenusses nicht mehr ganz deutlich war) so bald wie möglich eine grosse Gesellschaft bilden, zusammengesetzt aus allen jetzt anwesenden Gästen, und in den Wäldern hinter dem Schloss sein Glück probieren – die Zeit für Hirsche und Wildschweine wäre gerade besonders gut. Der Vorschlag traf auf begeisterte Zustimmung, nicht zuletzt von Prinz Adrian, bei dem allerdings nicht ganz genau feststellbar war, ob seine ebenfalls nicht mehr ganz klare Sprache am Wein lag oder nur an der Anwesenheit seiner Verlobten.

Für den nächsten Tag war ursprünglich eine langwierige Konferenz mit den verschiedensten Ministern des Königreiches angesetzt gewesen – eine zwar notwendige, aber totlangweilige und mit Sicherheit nicht unverschiebbare Angelegenheit. Man beschloss (und da der König ebenfalls mit von der Partie war, war dies ohne weiteres möglich) die Konferenz durch eine grosse Jagdgesellschaft zu ersetzten, unter der Führung von Prinz Adrian und mit Teilnahme von – Prinzessin Xenia.







Xenias zweite Nacht im Schloss



Als Xenia spät in der Nacht in ihrem Bett lag und zu schlafen versuchte, war es bereits weit nach Mitternacht. Ihre Wangen glühten noch von dem Wein, den sie getrunken hatte, und sie hatte das Gefühl, dass ihr ganzes Zimmer leicht hin- und herschwankte.

Sie fühlte sich, trotz ihrer Müdigkeit, unruhig und seltsam benebelt. Zahllose Gedanken und Bilder spukten in ihrem Kopf herum – der Prinz, die vielen vornehmen Gäste, und natürlich immer wieder die bevorstehende Hochzeit – übermorgen würde es soweit sein. Aber auch der Traum, den sie gehabt hatte, als sie so krank war, die traurige, eingesunkene Gestalt hinter dem Spiegel, und die unendlich warme Berührung, die sie offenbar heute mit ihr geteilt hatte. Irgendwie schien ihr diese Berührung viel realer, intensiver zu sein als all die vielen Tänze mit Prinz Adrian – sie konnte sich einfach nicht vorstellen, sich alles nur eingebildet zu habe. Aber sollte wirklich jemand dort eingesperrt sein, in einer verborgenen Kammer hinter dem Spiegel…?

Sie hatte versucht, die Augen zu schliessen, ruhig liegen zu bleiben, aber es ging nicht – sie wälzte sich rastlos in ihrem Bett hin und her, und schliesslich lag sie mit offenen Augen da und schaute den Mond an, starrte in sein helles Licht – es war beinahe Vollmond.





(ein kleiner Knabe – I)



Es war alles ganz harmlos, denn er war ja noch klein. Früh morgens konnte er aufstehen, wann er wollte – niemand zwang ihn zu etwas, denn er war ja der Prinz, und das war etwas besonderes, soviel hatte er schon mitbekommen. Wenn er ganz früh aufwachte, kam es vor, dass alle anderen im Schloss noch schliefen, und das war schön, denn dann konnte er im ganzen Schloss hin- und herlaufen, konnte nach verborgenen Winkeln, Geheimgängen und verwunschenen Schätzen suchen.

Gerade gestern hatte er irgendwo in einer abgelegenen Ecke eine grosse, verzauberte Holztruhe gefunden – er hätte zu gerne probiert, sie aufzumachen, aber gerade da war ein alter, buckliger Diener den Gang entlanggeschlurft gekommen, und er hatte sich schnell hinter einer Säule versteckt – dieser alte Diener hätte ihn auf der Stelle zurück in sein Spielzimmer geschickt, und hätte gar nicht danach gefragt, ob er nicht viel lieber hier bleiben wollte, Prinz hin oder her. Später hatte sich dann etwas anderes ergeben, und er hatte die Truhe vergessen. Aber heute…

Heute war er so früh aufgewacht, dass noch nichtmal die grosse Kohleheizung des Schlosses in Betrieb genommen worden war – als er vorsichtig ein Bein unter der Decke hervorschob, fing er sofort jämmerlich an zu frieren. Er überlegte zuerst, vielleicht einfach weiter zu schlafen, aber dann kam ihm die geheimnisvolle Truhe wieder in den Sinn, und er beschloss, trotz der Kälte auf Entdeckungsreise zu gehen.

Vorsichtig glitt er aus dem noch etwas zu grossen Bett heraus, in dem er seit ein paar Wochen schlafen durfte – vorher hatte er noch in einer kleinen Kinderkrippe gelegen, mit Gitterstäben an den Seiten, um nächtliche Ausflüge – so wie diesen hier – zu verhindern. Als seine nackten Füsse den kalten Steinboden berührten, zuckte er zuerst zurück – vielleicht sollte er doch besser im Bett bleiben? Dann hatte er die handgestrickten Wollpantoffeln ertastet, die dicht neben dem Bett auf dem Boden stande, und schlüpfte hinein. Die Türe zu seinem Schlafgemach war nur angelehnt, für den Fall, dass er nachts Durst verspührte, oder nach einem schlimmen Albtraum die tröstende Umarmung seiner Amme benötigte. Ganz leise, um ja niemanden aufzuwecken (was seine morgendliche Entdeckungsreise sofort wieder beendet hätte), schlich der kleine Adrian sich auf den Flur hinaus. War es in seinem Zimmer noch fast stockfinster gewesen, so war es hier gerade hell genug, um nicht Gefahr laufen zu müssen, sich versehentlich den Kopf an einem Mauervorsprung oder einer Tischkante anzustossen – der Flur wurde nachts von in regelmässigen Abständen an den Wänden angebrachten Kerzenleuchtern erhellt. Er versuchte sich zu erinnern – wo war noch gleich die kleine Nische gewesen, in der er die Truhe gesehen hatte? Unsicher tastete er sich den Gang entlang, nach wie vor darum bemüht, kein Geräusch zu machen, und schliesslich fiel es ihm wieder ein: eine Abbiegung links, dann noch ein paar Meter geradeaus – und er stand stolz vor genau der geheimnisvollen Truhe, die er gestern gesehen, und die er mit Sicherheit aufbekommen hätte, wenn er nicht dabei gestört worden wäre.

Die Truhe war fast genau so hoch wie er selbst, und er musste seine ganze Kraft aufwenden, um den Deckel hochzustemmen – Stück für Stück, denn die Scharniere der Truhe waren alt und hätten dringend geölt werden müssen: es quietschte fürchterlich, und dem kleinen Adrian stand vor Aufregung der Schweiss auf der Stirn – wenn er jetzt entdeckt werden würde, würde man ihn mit Sicherheit schwer bestrafen.

Dann war die Truhe auf, der schwere Deckel lehnte sicher an der kalten Steinwand, und Adrian stellte sich neugierig auf die Zehenspitzen und sah mit klopfendem Herzen hinein. Aber was für eine Enttäuschung! Bis auf ein altes, verwaschenes Bettlaken war sie völlig leer, nicht mal eine Maus oder eine kleine Kröte hatte sich hier ihr Zuhause gesucht…

Xenias zweiter Traum



Xenia lag in den Armen des Prinzen, sie hielten einander engumschlungen, und die Welt drehte sich, verschwand in einem bunten Schleier aus Farben und rhythmisch pulsierender Musik. Sie wusste nicht, wie lange sie schon miteinander getanzt hatten, aber sie fühlte sich beschwingt und frei wie nie zuvor in ihrem Leben.

Um sie herum drehten sich die anderen Paare, der Ball war noch immer in vollem Gange. Sie wandte ihren Kopf vom Geschehen um sie herum ab und schaute Prinz Adrian in die Augen. Sie spürte wieder die gleiche warme Gefühl in sich wachsen, das sie zum erstenmal während ihres gemeinsamen Spaziergangs empfunden hatte. War es das, was die Leute als “Liebe” bezeichneten, und wovon all die wunderschönen Liebeslieder und -gedichte handelten? Sie sah, wie der Prinz sich zu ihr herunterbeugte, um sie zu küssen, und liess es geschehen. Ihre Lippen berührten sich, und das warme Gefühl in ihrem Bauch explodierte.

Gleichzeitig aber merkte sie, wie etwas um sie herum sich veränderte. Sie löste sich von Prinz Adrian und schaute sich verunsichert um. Sie sah, dass einige der Gäste zu tanzen aufgehört hatten – sie standen einfach bewegungslos da und starrten sie erwartungsvoll an.

Was wollt ihr? – Sie öffnete die Lippen, konnte aber ihre eigene Stimme nicht hören. Mittlerweile hatten sich alle Gäste zu ihr hingedreht, ein beklemmendes Netz aus düsteren, fordernden Blicken umschloss sie. Sie sah wieder herauf zu Prinz Adrian, aber auch er hatte sich verändert. Er hatte die Augen geschlossen, stand geistesabwesend und mit hängendem Kopf vor ihr – unwillkürlich machte sie einen Schritt zurück. Dann spürte sie, wie seine Hand langsam und suchend nach der ihren tastete; sie nahm diese Hand vorsichtig in die ihre…und im gleichen Moment hörte sie hinter sich das Geräausch von Schritten: die Menschen um sie herum hatten sich langsam in Bewegung gesetzt, kamen auf sie zu. Der Kreis um sie herum wurde enger und enger, und ihr Herz begann vor Angst zu rasen. Sie wollte schreien, aber auch dieses mal verliess kein Laut ihre Lippen. Prinz Adrian war zu einem steifen, unbeweglichen Etwas erstarrt, er würde ihr nicht helfen können. Die ersten Hände berührten sie, fassten sie bei den Schultern, den Armen…Xenia versuchte mit aller Kraft, sich umzudrehen und die fremden, feindlichen Berührungen von sich fortzustossen….



Schweissgebadet setzte sie sich in ihrem Bett auf, atmete tief durch und sah im letzten Moment einen schwarzen Schatten, der offenbar dicht vor ihr gestanden hatte, schnell wie der Wind durchs Fenster enteilen – durch das Fenster, dass sie vor dem Schlafengehen fest verschlossen hatte und das jetzt sperrangelweit offenstand…





eine Jagdgesellschaft – I



Diesesmal hatte Xenia ihren Traum nicht so leicht vergessen können wie in der ersten Nacht. Als sie am Morgen aufgewacht war, war ihr übel gewesen, und sie hatte Kopfschmerzen gehabt. Es wäre nur in ihrem Sinne gewesen, hätte man die ganze Sache mit der Jagdgesellschaft einfach vergessen – aber ihre Hoffnung wurde leider enttäsucht: direkt nach dem Frühstück, dass sie wie auch schon gestern in Gesellschaft des Königs und Prinz Adrians einnahm (die Königin hatte sich zu beiden Gelegenheiten entschuldigen lassen, sie litt gegenwärtig unter starker Migräne und war leider bettlägerig), wurde klar, dass schon alles vorbereitet war für einen langen Ausritt: Man würde direkt nach dem Frühstück aufbrechen, würde das Mittagsmahl in Form eines Picknicks im Freien einnehmen, und nach erfolgreichem Abschluss der Jagd würde man spät am Abend die Beute am offenen Feuer braten.

Eine knappe Stunde später sass Xenia in der kleinen Kutsche, mit der sie die Jagdgesellschaft begleiten würde – ein Ausritt zu Pferde kam für eine Frau, noch dazu für eine junge Prinzessin, natürlich nicht in Frage. Dieser Umstand versöhnte sie schliesslich mit dem Vorhaben: sie würde auf ihrer gepolsterten Bank sitzen, sich die Landschaft anschauen und sich dabei langsam von ihren Kopfschmerzen erholen – und gleichzeitig genug Zeit und Musse haben, um über die Hochzeit, ihren Traum und die Gestalt hinter dem Spiegel nachzudenken.





Königin – II



Die Königin hockte in ihrer kleinen, versteckten Kammer und starrte wütend in die Kristallkugel hinein – noch immer wusste sie nicht, was es war, dass sie an Xenia so beunruhigte. Sie hatte sie gesehen: am Tag, als sie hierher gekommen war, und nocheinmal bei der Ballveranstaltung am vorigen Abend – sehr kurz allerdings, denn sie hatte sich nur allzu bald wieder zurückgezogen, Es war nichts aussergewöhnliches an ihr. Ein kleines Mädchen, unscheinbar, hübsch vielleicht – dennoch war da in ihr dieses beklemmende Gefühl von Angst, stärker sogar noch als vor einigen Wochen. Diese Angst war es auch, die sie gegenwärtig daran hinderte, am gemeinsamen Frühstück teilzunehmen – sie war sich nicht sicher, ob sie im Beisein von Xenia ihre Rolle weiter würde spielen können. Die Rolle der Schwiegermutter, die sich über eine Braut für ihren Sohn freute, über ein ach so nettes, liebenswertes und angenehmes Geschöpf – sie befürchtete, dass sie sich verraten würde, dass es ihr nicht gelingen würde, den wild in ihr lodernden Hass zu verstecken. Und dann, wenn die Prinzessin tot war, würde der Verdacht vielleicht auf sie fallen…

Denn sterben würde Xenia, das stand fest. Schon in der ersten Nacht hatte sie versucht, sie umzubringen, hatte sich einfach in ihr Zimmer schleichen und sie erwürgen wollen, aber irgendetwas war schiefgegangen – etwas, dass sie nicht verstehen konnte, das ihr ebenso rätselhaft und unerklärlich war, wie die Angst, die sie vor ihr verspürte. Heute Nacht hatte sie es wieder versucht, und wieder war etwas dazwischengekommen – sie hatte bereits ihre Hände um Xenias Hals gelegt, war bereit gewesen, jeden Augenblick zuzudrücken, aber dann….eine unbekannte Kraft hatte sie gegen ihren Willen von ihrem Opfer weggedrückt, hatte sie zurückgestossen und dazu gezwungen, zum zweiten Mal fliehen…

Die Königin starrte wütend in ihre Kugel hinein, sah dass Verlies hinter dem Spiegel, und sah nichts anderes als das, was sie immer dort gesehen hatte – eine jämmerliche Missgeburt von einem Mensch, der kläglich auf dem Boden hockte und wahrscheinlich einfach irgendwann sterben würde. Sie fühlte, dass sich auch hier etwas verändert hatte, aber auch hier konnte sie nicht ausmachen, was es war. Nur die Ahnung von einer gefährlichen Bedrohung, die über ihr schwebte…

Wütend ergriff sie die Kugel und schmetterte sie mit voller Wucht gegen die Wand, wo sie in tausend Stücke zersprang. Prinzessin Xenia würde sterben, und zwar noch heute nacht. Sie wusste, dass es zu spät sein würde, wenn sie und der Prinz einmal verheiratet waren. Heute Nacht – und wenn es das letzte war, dass sie in ihrem Leben tun würde. Von den Scherben der Kugel begannen dunkle Rauchschwaden aufzusteigen.

eine Jagdgesellschaft – II



Später, als die Jagd in vollem Gange war, fiel es Xenia ein, dass ein Ausritt zu Pferde vielleicht doch die bessere Alternative gewesen wäre, Stand hin oder her. Gleich zu Anfang hatte man die Spur mehrerer grosser Hirschkühe entdeckt und war ihr eifrig gefolgt, aber schon bald hatte sie sich im dichten Gebüsch verloren, und seitdem war man dabei, kreuz und quer auf immer abgelegeneren Pfaden den Wald zu durchforsten. Xenia wurde auf ihrem Sitz in der Kutsche hin- und hergeworfen, sofern es für den Kutscher überhaupt möglich war, dem Rest der Gesellschaft zu folgen und sie nicht einfach am Wegesrand stehenbleiben musste um zu warten, bis die Männer von einem erfolglosen Ritt nach dem anderen zurückgekehrt waren.

Am späten Nachmittag hatte man deshalb ausser einigen Hasen, Kaninchen und Fasanen noch keine nennenswerte Beute gemacht, und die allgemeine Begeisterung, die am Morgen noch bei allen deutlich zu spüren gewesen war, begann bereits stark nachzulassen. Auf einer kleinen Waldlichtung hatte man Rast gemacht, war von den Pferden abgestiegen, und hatte sich zur Beratung ins Gras gesetzt. Auch Prinzessin Xenia war aus ihrer Kutsche ausgestiegen und hatte sich zu den anderen gesellt.

Die anfängliche Fährte, die auf eine grosse, reiche Beute hatte hoffen lassen, war leider verloren, soviel musste man sich trotz allem Jagdstolz eingestehen. Sämtliche Abstecher, Schleichwege und Trampelpfade, denen man nachgeritten war, hatten daran nichts ändern können. Und eine neue Spur war nicht aufgetaucht – nur die eines alten Bären, aber den hatte man dann ein paar hundert Meter von hier entfernt verendet aufgefunden, aufgebracht und ausgeweidet – vermutlich von einem grossen Wildschwein, dass in dem alten verendenden Tier eine willkommene leichte Beute gesehen hatte. Die Wahrscheinlichkeit, jetzt noch auf eine neue Spur zu stossen, wahr relativ gering – zumal es schon zu dämmern begann, und man auf dem dunklen Waldboden kaum noch Details erkennen konnte.

Es erhoben sich schon die ersten Stimmen, man solle die Jagd abbrechen, das erlegte Kleinwild braten und dann zum Schloss zurückkehren, als man plötzlich in einem nahegelegenen Gebüsch ein lautes Rascheln vernahm. Das Gebüsch war zu klein, um einer ausgewachsenen Hirschkuh Schutz zu bieten, aber das Geräusch war viel zu laut, um von einem harmlosen Tier, einem Kaninchen oder Eichhörnchen zu stammen es musste sich auf jeden Fall um etwas grosses handeln – ein grosses Raubtier, dass die Lichtung zuerst heimlich umstrichen hatte und sich jetzt entdeckt fühlte. Die Männer sassen im Gras, hatten ihre Jagdmäntel abgelegt, um etwas Luft an ihre vom langen Reiten verschwitzten Körper zu lassen – und waren in diesem Moment vollkommen unbewaffnet. Die Degen und Gewehre hingen an den Satteln der Pferde, die jetzt ebenfalls ängstlich zu schnauben begonnen.

Dies zu realisieren dauerte nur wenige Sekunden, dann sprang die gesamte Jagdgesellschaft auf und brachte sich so schnell wie möglich in Sicherheit. Einzig Prinzessin Xenia verstand nicht sofort, was passierte – wie sollte sie auch, kannte sie doch bisher nur die Jagd auf Schmetterlinge, die tatsächlich – wie ihr merkwürdigerweise jetzt auffiel – vollkommen ungefährlich war. Als ihr klar wurde, dass sie in Lebensgefahr schwebte, war der riesige Wildschweineber bereits aus dem Gebüsch hervorgebrochen und raste auf sie zu. Sie sprang auf, drehte sich um und rannte so schnell sie konnte auf ihre Kutsche zu, die am anderen Ende der Lichtung abgestellt war – es war ihr klar, dass die Strecke fiel, fiel zu weit war, dass sie viel zu langsam sein würde, dass ihr sinnloser Fluchtversuch schon nach wenigen Metern kläglich Scheitern musste – jeden Augenblick rechnete sie damit, dass sich die Eckzähne des hinter ihr wild schnaubenden Geschöpfs in ihren Rücken bohren würden, sie stellte sich auf einen brutalen Schmerz ein – dann hörte das Schnauben hinter ihr auf einmal abrupt auf, sie hörte ein dumpfes Geräusch, als das Tier zu Boden fiel und liegenblieb. Gleich darauf ertönten Jubelrufe und lautes Klatschen von den Männern, die am Rande der Lichtung auf ihren Pferden sassen und dort Schutz gesucht hatten. Sie drehte sich um, und sah Prinz Adrian, wie er mit gezogenem Degen schweissüberströmt über dem Kadaver des Wildschweins stand – offenbar hatte er als einziger nicht sein Heil in der Flucht gesucht, sondern hatte – wie er Xenia später erzählte – ebenfalls an die Schmetterlingsjagd gedacht und daran, dass Xenia wahrscheinlich keine Ahnung davon hatte, wie sie sich verhalten musste. Er hatte Glück gehabt, dass er seinen Degen nicht an seinem Pferd angebunden hatte, sondern ihn neben sich ins Gras gelegt hatte – ansonsten wäre Xenia verloren gewesen.



Später, als das Lagerfeuer hell aufloderte, man das Wildschwein auf einen Stock gespiesst hatte und es langsam auf offener Flamme briet, fing Xenia heftig zu zittern an, und sie brach – ohne etwas dagegen unternehmen zu können – in Tränen aus. Der Schock, von einem wildgewordenen Raubtier beinahe zu Tode getrampelt zu werden, war zu viel für ihre ohnehin schon überreizten Nerven. Sie schluchzte, und niemand fand etwas dabei, als Prinz Adrian sich zu ihr herübersetze, sie in die Arme nahm und tröstete, bis sich ihre Tränen wieder beruhigt hatten.







Prinz und Prinzessin – IV



Wieder der Staub, die Leere und die steinigen kalten Wände – dabei war für kurze Zeit alles so anders gewesen. In jenem Moment, als…als er der Prinzessin Auge in Auge gegenüber gestanden hatte; es war ihm unerklärlich, warum es ihr möglich gewesen war, ihn durch die Spiegelwand hindurch zu sehen – er war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn überhaupt gesehen hatte. Aber sie war seinen Bewegungen gefolgt, ihre Hand, ihre Blick – und er hatte ihr geantwortet, zum erstenmal seit er denken konnte hatte er selbst Kontakt mit einem menschlichen Wesen gehabt, hatte so etwas wie ein Gespräch geführt, hatte etwas von sich gegeben und etwas zurückbekommen und hatte schliesslich sogar – für einen kurzen, wunderbaren Moment – die Wärme eines anderen Körpers gespürt, eine Hand, die auf der seinen lag, die ihn berührte…seitdem er Prinzessin Xenia in die Augen geschaut hatte, kam ihm sein Gefängnis noch trostloser und sinnloser vor als bisher…. Er betrachtete die Geschöpfe, die seine Behausung mit ihm teilten – es wäre absurd gewesen, sie jetzt noch als Feldermäuse zu bezeichnen, hatten sie doch die Grösse von ausgewachsenen Wolfshunden erreicht. Sie sassen auf dem Boden und reckten träge ihre neu gewachsenen Glieder – was würde passieren, wenn irgendetwas ihren Zorn entfesseln würde? Vor einiger Zeit war ihm der Gedanke gekommen, dass er selbst es sein könnte, dem dieser Zorn gelten würde, dass es vielleicht Sinn und Zweck dieser Geschöpfe war, seine Existenz zu beenden, wenn sie ihm unerträglich werden würde. Aber er glaubte nicht daran, er spürte, dass es etwas anderes war, dass…

Die Türe schwang auf, und jemand betrat das Schlafgemach des Prinzen. Er sah die Prinzessin, sah, wie sie sich langsam und vorsichtig hineinschlich, und sein Herz schlug höher – war sie gekommen, um ihn zu besuchen? Dann aber sah er, dass hinter ihr Prinz Adrian das Schlafgemach betrat – ebenso leise und vorsichtig wie Prinzessin Xenia. Die beiden hielten einander bei den Händen.

“Was ist, wenn man uns hier entdeckt?”

Er hörte die Stimme von Prinzessin Xenia nur leise und gedämpft, so wie hier er alle Stimmen von draussen hörte – dazu kam, dass sie flüsterte.

“Ist es denn nicht egal? Morgen sind wir Mann und Frau!”

Er sah, wie Prinz Adrian sich langsam zu Xenia herüberbeugte, ihr mit der Hand über die Wange strich und…er hätte seine Augen nur zu gerne vor dem verschlossen, was er sah, aber er konnte es nicht. Wie konnte es sein, dass einer in seinem Leben alles bekam, alles hatte, glücklich war und geliebt wurde, während der andere – ohmächtige Wut stieg in ihm auf, er sah vor sich die wunderschönen Augen der Prinzessin, sah ihre Wangen, ihre Haut, ihre Lippen, spürte die Wärme ihrer Berührung… er begann, mit beiden Fäusten heftig gegen die Spiegelwand zu schlagen, wieder und immer wieder, so fest er nur konnte. Er drückt mit seinem ganzen Körper, mit aller Kraft, die sein entstellter, gebeugter Leib ihm zur Verfügung stellte. Es war so sinnlos, und doch konnte er nicht aufhören, er wollte hinaus, wollte…wollte….schliesslich brach er erschöpft zusammen, sank zu Boden und verlor das Bewusstsein.

Xenias dritte Nacht im Schloss



Die Vorstellung, in dieser Nacht zu schlafen, war in etwa so absurd wie die Vorstellung, ein Wildschwein einzufangen, in dem man es mit spitzen Fingern bei den Hörnern nahm und wie einen kleinen Schmetterling davon trug, fand Xenia – sie sass in ihrem Bett, den Rücken an die Wand gelehnt und schaute in die Nacht hinaus, hinauf zum Mond, der jetzt seinen vollen Umfang erreicht hatte. Sie versuchte, in ihrem Kopf zu ordnen, was heute alles passiert war – sie wäre um ein Haar nach gestorben, und war nur durch einen Zufall, durch viel Glück und durch den Mut von Prinz Adrian gerettet worden. Aber hatte dieses schreckliche Ereignis nicht auch etwas Gutes gehabt? Sie dachte an die warme tröstende Umarmung, die sie mit Adrian am Lagerfeuer erlebt hatte, an das wunderbar aufregende Gefühl, Hand in Hand mit ihm über den Schlossflur zu schleichen, und sich einen stillen, ungestörten Winkel zu suchen, um….sie errötete, als sie daran dachte, wie Prinz Adrian sie geküsst hatte. Wie jedes andere junge Mädchen hatte sie sich über das Küssen viele und grosse Gedanken gemacht, hatte sich in lebhaften Farben ausgemalt, wie es sein würde, wenn sie zum ersten Mal geküsst werden würde, und jetzt, da es geschehen war, war es – schön. Trotz ihrer Erschöpfung, trotz ihrer inneren Aufgewühltheit musste sie kichern – es klang so albern und banal, aber es war einfach das beste Wort, um die Sache zu beschreiben. Ein schöner Kuss, der vor Allem dazu geführt hatte, dass ihre Nervosität bezüglich der morgigen Hochzeit – oder vor der Ehe, was die Sache ja eigentlich viel besser traf – einer aufgeregten Vorfreude gewichen war. Wobei – irgendetwas war da noch, dass sie störte. Sie hatte die Umarmung am Feuer sehr genossen, aber da war sie aufgewühlt und zutiefst verängstigt gewesen. Und später, der Kuss in Prinz Adrians Schlafgemach – sie hatte wieder dieses Gefühl gehabt, beobachtet zu werden. Und wieder war es kein unangenehmes Gefühl gewesen, viel weniger sogar noch, als beim ersten Mal – es war eher ein Gefühl von Vertrautheit, von Heimkehr und Geborgenheit. Hatte sie, während sie Prinz Adrian küsste, nicht an die Gestalt hinter dem Spiegel gedacht? An diese eine, unendlich intensive Berührung, die sie miteinander geteilt hatten? Das seltsamste war, dass ihr dieser Widerspruch erst jetzt auffiel, vorher hatte sie ihn zwar registriert, aber wie selbstverständlich hingenommen…fast so, als ob…

Ein Geräusch von draussen riss sie aus ihren Gedanken, und sie erschrak, erschrak viel tiefer, als man es gewöhnlich wegen eines knackenden Astes, dem fiepen einer Maus oder sonst einem Geräusch der Nacht tut. Denn ihr fiel wieder ein, was ihr – überlagert von allem anderen, was heute passiert war – während des ganzen Tages auf der Seele gelegen hatte. Der Traum von letzter Nacht, von dem sie sicher gewesen war, dass er zumindest am Ende kein Traum gewesen war.

Dieses Mal war die Sache völlig klar – sie war wach, und sie konnte den schwarzen Schatten nur zu deutlich erkennen, der von aussen an der Mauer heraufgeklettert kam und sich langsam zum Fenster hereinschob. Xenia wusste genau, dass sie jetzt nicht mehr entkommen würde, indem ein zufäülliger Windstoss die Vorhänge zur Seite wehte oder sie sich aus der Umklammerung einiger Traumfiguren losriss – dies hier war echt, real, und der Schatten im Fenster war gekommen, um sie zu töten.

Xenia sprang aus ihrem Bett auf und rannte so schnell sie konnte zur Türe – gerade noch rechtzeitig, wie sie aus einem Augenwinkel heraus sehen konnte – der Schatten war schneller als gestern und vorgestern, viel schneller – wäre sie eine Sekunde länger untätig geblieben. dann…aber sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, was mit ihr passiert wäre – sie benötigte ihre ganze Energie, um sich hier und jetzt in Sicherheit zu bringen. Sie lief den Flur hinunter, und zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, wohin sie sich wenden sollte – sie dachte zuerst an ihre Kammerzofe, die sie von Kindheit an beschützt hatte – entschied sich dann aber, einem inneren Impuls folgend, für (den Mann hinter dem Spiegel) Prinz Adrian, der ihr heute ja schon einmal das Leben gerettet hatte. Sie bog nach links in den ihr mittlerweile vertrauten Korridor, warf eine dünne, hölzerne Durchgangstüre auf und rannte um ihr Leben.





(ein kleiner Knabe – II)



Enttäuscht liess sich der kleine Prinz wieder am Rande der Truhe heruntergleiten, in die er vor lauter Neugierde halb hineingeklettert war, drehte sich um und wollte wieder zurück in sein Schlafgemach gehen, als ein lautes Geräusch ihn zusammenfahren liess – der Deckel der Truhe, den wieder zu schliessen er vollkommen vergessen hatte, war soeben mit ohrenbetäubendem Lärm zugefallen.

Für einen Moment stand Adrian wie erstarrt – dann entschied er, dass die einzige Möglichkeit, einer Bestrafung zu entgehen, in sofortiger Flucht lag. So schnell er konnte, lief er den Korridor entlang, bog mal links ab, mal rechts, und stand urplötzlich, ohne das er so recht wusste, wieso, und ohne es beabsichtigt zu haben, vor der grossen Holztüre, die in das gemeinsame Schlafgemach seiner Eltern führte. Er überlegte – er fühlte sich verängstigt, ihm war kalt, und er war sich nicht ganz sicher, ob er den Weg zurück zu seinem Zimmer überhaupt alleine finden würde. Durch die Flurfenster konnte er sehen, dass es draussen bereits zu dämmern begann – einem plötzlichen Impuls folgend, griff er nach der schweren, goldenen Türklinke und zog mit aller Kraft daran – die Türe öffnete sich einen Spalt breit, und der kleine Prinz schob sich hinein.





der Königin Höllenfahrt – I



Prinz Adrian stand in seinem Schlafgewand neben seinem Bett und schaute verträumt zur Decke hinauf. War das nicht ein schöner Tag gewesen? Die Jagd war letztlich doch noch erfolgreich gewesen, er alleine hatte das einzige bedeutende Stück Wild erlegt und zudem noch seiner Verlobten das Leben gerettet – und damit ihr Herz errungen. Fast hätte er diesem dummen Wildschwein danken wollen, dass es seinen Weg gekreuzt hatte, glaubte er doch noch immer, Xenias Lippen auf den seinen zu fühlen. Wie schön würde es erst werden, mit ihr verheiratet zu sein! Er hörte ein Geräusch hinter sich und drehte sich verwundert um – es war Prinzessin Xenia, die ausser Atem und offenbar zu Tode geängstigt in sein Schlafgemach gestürzt kam, dicht gefolgt von seiner Mutter, der Königin.





(ein kleiner Knabe – III)



Zuerst brauchten seine Augen etwas Zeit, um sich an das dunkle Zimmer zu gewöhnen – hier brannten keine erhellenden Kerzenleuchter, das einzige Licht war das der aufkeimenden Dämmerung. Suchend tastete der kleine Adrian sich nach vorne – war er eben noch begeistert von der Idee gewesen, seine Eltern zu überraschen und zu ihnen unter die Bettdecke zu kriechen, so fühlte er sich nun mit einem Male merkwürdig unsicher. Er konnte jetzt mehr Details seiner Umgebung erkennen: die Vorhänge an den Wänden, der mit kostbaren Schnitzereien verzierte Holzschrank, der Kamin in der Ecke. Und in der Mitte des Raumes das grosse Himmelbett.

Er sah dort etwas, konnte etwas erkennen, dass…und gleichzeitig fiel ihm auf, warum er sich schon die ganze Zeit so merkwürdig fühlte: er hörte ein Geräusch, ein merkwürdiges, angestrengtes Stöhnen, in dem er die Stimme seines Vaters, des Königs erkennen konnte. Und darunter, kaum hörbar, ein dumpfes Grollen, das er nicht einordnen konnte, das er nie zuvor gehört hatte und das er auch eigentlich nie mehr wieder hören wollte. Er sah auf das Bett und sah dort seinen Vater, ausgestreckt, den Kopf seltsam verdreht in Richtung des Fensters gewandt. Und über ihm…zuerst dachte er, es wäre seine Mutter, die aus unerfindlichen Gründen auf ihrem Mann kniete, anstatt zu schlafen, aber dann sah er genauer hin – seine Augen hatten sich jetzt vollständig an die Dunkelheit gewöhnt – das, was da auf seinem Vater hockte, war nicht seine Mutter. Es war ein grosses, widerwärtig proportioniertes Etwas, den hässlichen, schwarzen Kopf tief auf den viel zu breiten Schultern ruhend. Das Etwas bewegte sich langsam, es schien tatsächlich Freude an dem zu empfinden, was seinem Vater so grosse Schmerzen bereitete. Dann wandte ihm das widerwärtige Etwas langsam den Kopf zu, der kleine Adrian sah in ein paar grünlich-gelber, entstellter Augen, und auf einmal verstand er alles. Er verstand, warum ihm seine Mutter manchmal (nie vorher hatte er es gewagt, sich das einzugestehen) unheimlich und unnahbar erschien, warum er manchmal regelrecht Angst vor ihr hatte, ohne dass er einen Grund dafür finden konnte. Er verstand das merkwürdige Schweigen, dass manchmal zwischen seinen Eltern herrschte, dass er bisher nicht hatte begreifen können, und er verstand auch, warum die anderen Schlossbewohner, die Dienstmägde und Knechte, so schlecht über die Königin redeten. Er hatte ihnen das immer übel genommen, hatte sie fast dafür gehasst, dass sie seine Mutter, seine…

…noch immer starrte er wie gebannt in die Augen des schwarzen Geschöpfs, das sich weiter hin- und herbewegte und dessen Lippen sich jetzt zu einem hinterhältigen Lächeln verzogen.

…seine liebe Mutter…

Er spürte, wie etwas in ihm langsam zerriss.

Das Geschöpf streckte die Hand aus, deutete mit dem Zeigefinger auf ihn und begann laut zu lachen. Ein Blitz durchzuckte den Raum, traf den kleinen Adrian mitten in die Stirn und spaltete seinen Leib und seine Seele kalt und mitleidslos in zwei Teile.

der Königin Höllenfahrt – II



Er vermochte nicht zu sagen, wie lange er vergeblich gegen die Wände seines Verlieses geschlagen hatte – jetzt jedenfalls war er wieder ruhiger geworden, Prinzessin Xenia hatte das Schlafgemach schon lange verlassen, und Prinz Adrian stand scheinbar gelangweilt vor seinem Bett und sann darüber nach, ob es jetzt vielleicht an der Zeit sein könnte, sich zur Nacht zu betten. Vielleicht war es auch die Erinnerung an die Küsse der Prinzessin, die ihn wach hielten, dachte er wütend – Neid erfüllte ihn, und am liebsten hätte er wieder begonnen, mit der Faust auf die Spiegelwand einzuschlagen, als die Türe des Schlafgemachs plötzlich aufgestossen wurde und Prinzessin Xenia hereinflog, aufgewühlt, ausser Atem, und – und hinter ihr, direkt hinter ihr schlüpfte etwas in den Raum, das…ein unförmiges, schwarzes Etwas, ein düsteres Wesen mit einem hässlichen, viel zu tief auf den breiten Schultern sitzenden Kopf. Eine Erinnerung erwachte in ihm, eine alte Angst, und für einen Moment war er froh, dass es die Spiegelwand gab, die ihn vor den Augen dieses Wesens verbarg. Doch dann…das Wesen begann sich Xenia zu nähern – Xenia, die ihm in die Augen gesehen hatte, und deren Wärme er gespürt hatte. Xenia, die jetzt hilfesuchend auf Prinz Adrian zustürzte.

Bitte, wenn Du kannst, dann hilf ihr – ich bin hier gefangen, dachte er. Er schämte sich jetzt für seinen unsinnig sein Neid, seine hämische Verachtung für Prinz Adrian, der…

Prinz Adrian stand einfach da, steif unbeweglich wie eine Pappfigur – dann öffnete er den Mund: ”Mutter…”.

Bitte…wenn Du nichts unternimmst, dann muss sie sterben…

In diesem Moment hörte er hinter sich ein lautes, aus einem guten Dutzend Kehlen dringendes Knurren. Er sah, wie das Wesen langsam nach Xenias Hals griff, die hässlichen Lippen zu einem hämischen Grinsen verzerrt – und drückte mit aller Kraft gegen die Spiegelwand, die Geschöpfe hinter ihm, mit denen er seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, die er als Fledermäuse kennengelernt hatte und die in den letzten Wochen zu wolfsartigen Monstren mutiert waren, stiessen sich mit ihren kraftvollen Hinterläufen ab, schnellte nach vorne – ein Aufprall, ein lautes, tiefes Knacken, wie es zugefrorene Seen manchmal zu Beginn des Tauwetters tun, bevor sie endlich zu schmelzen beginnen – und die Spiegelwand zerbrach, zersplitterte in tausend Stücke… und war verschwunden.

Das schwarze Geschöpf drehte ruckartig den Kopf herum, liess geistesabwesend Xenias Hals los und begann, langsam zurückzuweichen. Er meinte, soetwas wie Angst in seinen Augen zu sehen, dann schlugen die ersten Zähne in sein schwarzes Fleisch und begannen es zerfetzten. Das Geschöpf schlug um sich, versuchte, dem übermächtig starken Ansturm Herr zu werden – es wehrte sich, wehrte sich bis weit über den Punkt hinaus, an dem ein gewöhnliches Lebewesen längst gestorben wäre.

Gleichzeitig hörte er ein tiefes, grunzendes Stöhnen, und er begriff – er erinnerte sich an den Moment, an dem er dieses Stöhnen schon einmal gehört hatte, an einen Tag, als er noch ein kleiner Junge gewesen war, und nichts weiter verbrochen hatte, als sich früh morgens in dem grossen, weiten Schloss zu verlaufen.

Er machte einen grossen Schritt nach vorne und trat aus seinem Verlies heraus. Er ging zu Prinz Adrian herüber, oder zu dem Teil seines Selbst, den er und alle Anderen immer für Prinz Adrian gehalten hatten – er sah wie dessen Gestalt sich auflöste, verschwamm, unscharf wurde, und sich gleichzeitig auf ihn zubewegte – er fühlte, wie seine eigenen Gliedmassen sich veränderten, er meinte zu wachsen, dabei war es nur sein Rücken, der sich jetzt endlich zu seiner vollen Grösse aufrichten konnte – er betrachtete seine bisher staubgrauen Hände, die jetzt endlich die Farbe eines gewöhnlichen Menschen hatten, betastete sein Gesicht, seine Haare….

Inzwischen hatten die Wolfsgeschöpfe das, was von dem, was sich so verlogen als Königin und als seine Mutter ausgegeben hatte, übriggeblieben war, über den Boden des Schlafgemachs bis hinein in sein Verlies geschleift – sein ehemaliges Verlies, dachte er. Er sah, dass sich dort, wo all die Jahre lang kalter Steinboden gewesen war, ein tiefes dunkles Loch aufgetan hatte – und sah auch, wie die Wolfsgeschöpfe mit ihrer schaurigen Beute langsam darin verschwanden.

Als sie völlig verschwunden waren, schloss sich der Abgrund im Boden wieder. Die Wand fügte sich aus den am Boden liegenden Scherben neu zusammen, schloss sich und war jetzt nichts mehr weiter als ein gewöhnlicher Spiegel.

Prinz Adrian betrachtete sich, er fühlte eine Erleichterung, wie sie nur diejenigen unter uns nachfühlen können, die es ebenfalls erlebt haben, eine traurige, sinnlose Existenz im Dunkeln zu fristen und dann erlöst zu werden und ans Licht zurückkehren zu dürfen.

Xenia war an seine Seite getreten – er nahm sie bei der Hand, und beide standen eine Zeitlang da und betrachteten schweigend ihr Spiegelbild. Dann wandten sie sich von der Spiegelwand ab und schlossen einander fest und innig in die Arme.

Epilog



Die Sonne leuchtete vom strahlend blauen Himmel herab und brach sich in den zahllosen Springbrunnen, die am Rande des Kieswegs standen, der durch den kleinen, verträumten Schlosspark führte. Der Weg mündete in einen kleinen, von blauen Veilchen umrahmten Platz, der den Mittelpunkt des kleinen Parks bildete und an dessen Rand einige hochgewachsene Bäume wohltuenden Schatten spendeten. Adrian und Xenia hielten einander bei der Hand und hörten andächtig auf die Worte des Priesters, der vor ihnen stand und gerade eben dabei war, sie Kraft seines Amtes und Kraft der Gnade Gottes für Mann und Frau zu erklären.

Neben ihnen stand König Johann, die Hände zu einem stummen Gebet gefaltet. Nach den Ereignissen der letzten Nacht hatte man die ursprünglich in grossem Stil geplante Hochzeit abgesagt. Keinem von ihnen war nach einer grossen Feier zumute, und mit dem plötzlichen Tod der Königin war es leicht gewesen, diese Entscheidung glaubhaft zu begründen.

“…sie lieben und ehren, bis das der Tod Euch scheidet?”

Prinz Adrian erwachte aus seinen Gedanken, die noch immer um die Ereignisse der letzten Nacht kreisten, die Wand, die plötzlich auseinandergebrochen war und ihm die Freiheit geschenkt hatte, die Freiheit, jetzt all das leibhaftig zu erleben, was er in all den Jahren bisher nur in seinen Träumen gekannt hatte. Sein Blick traf den von Prinzessin Xenia, die ihn erwartungsvoll ansah.

“Ja, ich will.”

“Und willst Du, Xenia, den hier anwesenden…”

Auch Xenias musste an die letzte Nacht denken, daran, wie sie in panischer Angst in das Schlafgemach ihres Verlobten gestürzt war, wie sie Schutz gesucht hatte, und…wie sie dort den Menschen aus ihrem Traum wiedergetroffen hatte, den, den sie gemeint hatte retten zu müssen und der letztlich sie gerettet und sich selbst dadurch befreit hatte.



Nachdem Adrian und Xenia, wie es Tradition war, die Ringe getauscht und einander geküsst hatten, hatte der Priester ihnen seinen Segen ausgesprochen und sie dann alleine gelassen. Eine zeitlang standen sie schweigend im Licht der Sonne, dann ergriff König Johann das Wort:

“Wahrscheinlich werden wir nie erfahren, wo sie hergekommen ist, und warum sie es als Sinn ihres Daseins gesehen hat, Menschen zu quälen und zu unterdrücken. Sie ist tot, und ich glaube, das ist alles, was wir wissen müssen. Wenn ich an die letzten Jahre zurückdenke, ist mir, als würde sich schwarzer Neben auf mich legen und meine Seele verschlingen – möge Gott geben, dass es nie wieder ein solches Wesen geben wird, das die Macht hat, den Menschen soetwas anzutun.

Es gibt keine Worte um Dir, mein Sohn, das Ausmass meiner Scham dafür auszudrücken, dass ich zugelassen habe, dass in meinem Königreich, in meinem Schloss solche Dinge geschehen, dass mein eigener Sohn sein Leben in einem dunklen Verlies verbringen muss ohne Licht, Sonne und die Wärme anderer Menschen.

Auch wenn ich weiss, dass mich keine direkte Schuld an dem Vorgefallenen trifft, so wünsche ich Dir doch, dass Du ein besserer König sein wirst, als ich es war – mögest Du weise und gerecht regieren und unsem Land all das geben, was Du vielleicht mehr zu schätzen weisst als jeder andere Mensch: Liebe, Wärme und das Recht der Menschen, in Freiheit und Würde sich selbst zu finden.”







– E N D E –

Das Verlorene Christkind


Prolog

‚Brrrr….!‘
Kalt war es draußen, der Wind Pfiff einem durch den Mantel, durch die lange, dicken Stoffhose und sogar durch die wollenen Handschuhe, so dass man das Gefühl hatte, die Finger gefrören einem zu lauter Eiszapfen.
Das Christkind stieß einen tiefen Seufzer aus und blieb einen Augenblick stehen. Der Sack auf seinem Rücken war so schwer! Wie jedes Jahr war es wieder unterwegs, um all die Geschenke, die für all die lieben Kinder auf der Erde bestimmt waren, zur großen Geschenk-Verteilungs-Station im großen Wald zu bringen.
Und das waren viele Geschenke, weil es viele liebe Kinder auf der Erde gab und auch wirklich jedes ein schönes Geschenk bekommen sollte.
Dementsprechend schwer war auch der Sack.
Das Christkind liebte die Kinder, und es machte seine Arbeit sehr, sehr gerne, aber manchmal, wenn der Sack besonders schwer war, der Wind besonders kalt Pfiff und seine kleinen Stiefelchen besonders tief in den Schnee einsackten, fühlte es sich auch sehr müde.
Noch einmal seufzte es und sah sich um: Die Straße, die es gerade entlang lief, war groß und breit, und gerade links vor ihm war ein schönes altes Haus mit hell erleuchteten Fenstern voller gemütlicher, bunter Lichter. Wie schön warm und gemütlich musste es in diesem Haus sein! Wenn es doch nur eine kleine Pause machen könnte, nur für einen Augenblick den schweren Sack ablegen und vielleicht die Stiefel ausziehen und die durchgefrorenen Füßchen ein wenig am Kaminfeuer wärmen könnte!
Es zögerte noch einen Moment, dann entschloss es sich, zum erstenmal in all der langen, langen Zeit, in der es den Menschenkindern Geschenke brachte, eine unerlaubte Pause zu machen und klopfte dann vorsichtig an die Glastüre, die in das so warme und so schön beleuchtete Haus führte.

I.

Es waren einmal zwei kleine Mädchen, die kleine Jule und die kleine Marion. Die beiden waren Schwestern und lebten zusammen mit ihren Eltern in einem kleinen gemütliche Haus mit einem kleinen Garten, roten Dachziegeln und Blumenkästen mit bunten Blumen vor den Fenstern.
Seit einiger Zeit aber waren die Blumen in ihren Kästen mit Schnee bedeckt, und auch das Dach war nicht mehr rot, sondern weiß – es war Winter geworden, das Jahr neigte sich seinem Ende zu, und gerade heute war ein ganz besonderer Tag: Heute war der Heilige Abend, die Nacht, in der vor langer, langer Zeit das Christkind geboren worden war.
Das wussten die kleine Jule und die kleine Marion, und sie freuten sich sehr darüber, das Weihnachten war, denn sie wussten auch, das jedes Jahr zu Heilig Abend das Christkind auf die Erde herunter kam und allen Kindern auf der Welt Geschenke brachte.
Aber die beiden waren auch neugierig und vorlaut, besonders die kleine Marion war manchmal richtig frech! Und heute morgen, als ihr Vater im Wohnzimmer den Christbaum geschmückt hatte, hatten die beiden, obwohl es ihnen vorher von der Mutter verboten worden war, heimlich durchs Schlüsselloch geschaut – dabei sollten sie den Baum doch erst sehen, wenn das Christkind die Geschenke gebracht hatte!
Und deshalb (und weil sie sich leider auch noch dabei hatten erwischen lassen), mussten sie jetzt den Nachmittag auf dem Speicher verbringen. Das war eigentlich nicht weiter schlimm, denn der Speicher war herrlich warm und in den Ecken lagen viele alte und geheimnisvolle Gegenstände, mit denen man herrlich spielen konnte.
Die beiden waren sehr oft hier und dachten sich Geschichten und große Abenteuer aus, eigentlich war es für sie das schönste Zimmer im ganzen Haus. Aber sie hatten eine Strafe bekommen, denn sie waren ungezogen gewesen, und Ordnung muss sein!
Traurig sahen die kleine Jule und die kleine Marion zum Fenster hinaus und sahen, wie die Schneeflocken durch die Luft wirbelten. Wie gerne wären sie jetzt draußen im Schnee und würden Schlitten fahren oder einen Schneemann bauen!
Als sie so in die Welt hinaus schauten und gerade von einer wilden Schneeballschlacht träumten (was ihnen im Grunde genommen viel lieber war, als wirklich draußen im Schnee zu sein und kalt und nass zu werden), sahen sie, das von draußen her ein großer bunter Vogel auf sie zu geflogen kam….
Erstaunt sahen sich die kleine Jule und die kleine Marion an: so einen Vogel hatten sie überhaupt noch nie gesehen! Er hatte große, grüne Flügel, sein Bauch war mit flauschigen, gelben Federn bedeckt, und sein Kopf – ja, der Kopf schien Rot zu sein, aber das konnte man nicht so genau erkennen, denn der Vogel hatte sich zum Schutz gegen den kalten Winter eine große, weiße Strickmütze aufgesetzt, die so tief in sein Gesicht gezogen war, dass man eigentlich nur noch den krummen Schnabel sehen konnte, der keck und vorlaut in die Welt hinaus ragte. Außerdem trug der Vogel noch einen langen weißen Schal, den er sich um den Hals gewickelt hatte und der ihn ein wenig beim Fliegen störte, da er sich andauernd in den Flügeln verhedderte.
Mit einem letzten kunstvollen Flügelschlag (bei dem er es irgendwie fertig brachte, den Schal, der sich gerade mal wieder höchst störend unter den linken Flügel geklemmt hatte, mit einem galanten Schwung wieder über seinen Rücken zu werfen), landete der große bunte Vogel schließlich auf dem Fensterbrett.
‚Haa…tschi!!‘ machte er, schnäuzte sich in seinen Schal und sagte: ‚Mann oh Mann, ich kann Euch sagen, Kinder: kalt ist’s da draußen, keinen Hund sollte man vor die Türe jagen, und so einen feinen, empfindsamen Vogel wie mich schon mal gleich gar nicht. Aber das ist eine Sache! Habt ihr’s schon gehört? Es ist schrecklich!‘
Während er das sagte, war er langsam vom Fensterbrett herunter gehüpft und hatte sich unauffällig, aber zielstrebig in Richtung Heizung bewegt, und legte jetzt genussvoll immer abwechselnd den rechten und den linken Flügel obendrauf.
‚Aber ich bin ja schon wieder so unhöflich, platze hier einfach so rein ohne mich vorzustellen: Gestatten: Roberto, ehemals erster Solopfeiffer und -Sänger der Rabensburger Hofoper, Träger des Kann-Arien-Ordens II. Klasse, jetzt aber im Dienst der Grossen Poststation der Waldtiere, Dienstzeit: Dezember bis Januar. Brrrr! Genau dann, wenn all meine Kollegen in den warmen Süden zum Badeurlaub fliegen, oder wenigstens zum Skifahren in die Berge! Aber sagt, wie heißt ihr beide denn?‘.
Zuerst waren die kleine Jule und die kleine Marion vollkommen sprachlos gewesen und hatten sich vorsichtig an einander geklammert, jetzt aber, als sie sahen, dass der Vogel sehr nett war und sogar sprechen konnte, waren sie (wieder) zu aller erst mal neugierig, und die kleine Marion sagte: ‚Ich bin die kleine Marion, und das ist meine Schwester, die kleine Jule. Wir müssen als Strafe hier oben bleiben, weil wir heimlich den Weihnachtsbaum angeschaut haben. Und jetzt langweilen wir uns! Wir wünschten, es würde endlich Abend, und das Christkind käme, damit wir wieder nach unten dürfen!‘
‚Und unsere Geschenke auspacken dürfen!‘ sagte jetzt die kleine Jule, die jetzt auch keine Angst mehr hatte. Sie hatte sich ein rotes Feuerwehrauto gewünscht, und sie konnte es vor Vorfreude kaum noch aushalten. ‚Weißt Du vielleicht, lieber Vogel, wie lange es noch dauert?‘
(…)
Während sie das sagten, wurde der große bunte Vogel ganz unruhig und begann, aufgeregt von einem Bein aufs andere zu hüpfen. „Ihr wisst es also tatsächlich noch nicht! Alle Tiere des großen Waldes sind in heller Aufregung, das Christkind sollte nämlich schon längst da gewesen sein. Es kommt immer kurz nach dem Mittagessen mit seinem großen Geschenkesack zu uns, damit wir ihm bei der Endverteilung helfen können. Bisher ist es in jedem Jahr pünktlich gewesen, weil es nämlich den Schokoladenpudding so gerne mag, den es an Heiligabend bei uns immer gibt. Aber dieses Jahr – nichts! Keine Spur vom Christkind! Zappzarapp, und was nun?
Mit Weihnachten wird es dieses Jahr ein übles Ende nehmen, das kann ich Euch sagen! Und jetzt haben sie mich suchen geschickt. Mich! Als ob ich’s wieder herbeizaubern könnte..“
Sprach’s, und vergrub traurig den Kopf in den Federn. So blieb er einige Zeit, dann hob er den rechten Flügel ein wenig, so dass er mit einem Auge hinausschauen konnte, und sagte: „Habt ihr beide nicht vielleicht Lust, mir ein bisschen unter die Flügel zu greifen und beim Suchen mitzuhelfen?“
Die kleine Jule und die kleine Marion waren geradezu begeistert von dieser Idee, aber plötzlich fiel ihnen ein, dass sie ja auf dem Speicher bleiben mussten.
„Wir würden Dir gerne helfen, lieber Roberto, aber wie sollen wir denn von hier oben runterkommen? Unsere Eltern lassen uns doch erst wieder nach unten, wenn das Christkind da war, und wenn es jetzt doch gar nicht kommt, dann…“
Die kleine Jule fing beinahe an zu weinen, als sie die ganze Tragweite der Problematik erkannte – was wäre, wenn sie beide jetzt für immer und immer oben auf dem Speicher bleiben müssten…?
„Ach, darüber macht Euch mal keine Sorgen.“, sagte da Roberto. „Ihr beide seit ja noch klein, ihr könnt bequem auf meinem Rücken reiten.“
Er nahm den Kopf wieder aus den Federn, hüpfte zum Fenster zurück und spreizte galant die Flügel. „Kommt, steigt auf! Übrigens, ihr könnt mich Rob nennen.“

II.

Mit großen Augen sahen die kleine Jule und die kleine Marion auf die schneebedeckte Landschaft hinunter. Eng klammerten sie sich aneinander und an Robs Hals fest, während die kalte Winterluft ihnen über die Mützen pfiff.
Sie hatten sich dick in zwei alte Mäntel eingemummt, die sie auf dem Speicher gefunden hatten, und waren dann mit klopfendem Herzen auf Robs Rücken geklettert – würde das wohl gut gehen, sie beide alleine auf dem Rücken eines Vogels ? Beide hatten im letzten Sommer die große Schaukel auf dem Spielplatz an der Ecke entdeckt und festgestellt, das man sich, wenn man so richtig hoch schaukelte, beinahe so fühlte, als ob man flöge. Auch waren sie vor einiger Zeit mal auf einem echten Zirkuselefanten geritten, und auch dabei hatten sie nach einiger Zeit keine Angst mehr gehabt. Aber das hier, das war schon noch etwas anderes!
Obwohl, als Roberto eine Kurve nach der anderen drehte, mit großem Schwung einige Bäume umflog und schließlich sogar eine Ehrenrunde um den Kirchturm einlegte, begann die Sache, richtig Spaß zu machen! Nach einiger Zeit merkten sie aber, das sie eigentlich immer dieselben Straßen und Häuser entlang flogen, und nachdem sie die Runde um den Kirchturm zum dritten Mal gemacht hatten, fingen sie an, sich ein wenig zu wundern:
„Sag mal, lieber Rob, wohin fliegen wir eigentlich?“ fragte die kleine Marion, die vorne saß.
Roberto schien sie nicht recht zu hören, und setzte statt dessen zu einem besonders eleganten Looping an, den er mit einer weiteren kunstvollen Kapriole um den Kirchturm abschloss.
„Hallo?“
Die kleine Jule und die kleine Marion überlegten schon, ob Rob vielleicht während des Fliegens eingeschlafen sein könnte, und was in so einem Fall wohl zu tun wäre, als sie plötzlich an Höhe verloren und landeten, zufällig genau neben der großen Schaukel vom letzten Sommer. Roberto spreizte wieder die Flügel, so, wie er es zu Beginn ihres Fluges vor dem Speicherfenster getan hatte, und die beiden stiegen ab.
„Das war aber schön!“ sagte die kleine Jule. „Aber, lieber Rob, warum hast Du uns hierhin geflogen? Können wir das Christkind denn hier irgendwo finden?“
Roberto schaute die beiden Kinder erst mit seinen großen, schwarzen Augen an, dann senkte er etwas betreten den Kopf.
„Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, wo wir hinfliegen sollen. Ich dachte, Ihr hättet vielleicht eine Idee…?“
Die kleine Jule und die kleine Marion wussten auch nicht so richtig, wo man am besten ein Christkind sucht – ratlos standen die drei auf dem Spielplatz, und als sie sich umschauten, merkten sie, dass direkt neben ihnen auf der großen Schaukel ein kleines Mädchen saß, ungefähr genauso groß wie die kleine Jule und die kleine Marion. Es hatte eine dicke blaue Mütze tief in die Stirn gezogen, hatte die Arme fest um sich selbst geschlungen und sah aus, als fröre es ein wenig.
„Hallo, wer bist denn Du?“ fragte Roberto das kleine Mädchen, das jetzt freundlich, wenn auch ein bisschen ängstlich zu ihnen herüber sah. „Du siehst aus, als würdest Du frieren. Können wir Dir vielleicht helfen?“
Während dessen gingen die kleine Jule und die kleine Marion ein Stück auf das kleine Mädchen zu, und auch Rob war ein paar Schritte noch vorne gehüpft, so dass sie jetzt alle vier eng nebeneinander standen.
„Ich bin die kleine Karolin,“ sagte das kleine Mädchen mit der blauen Mütze, und die Schüchternheit war aus seinen Augen verschwunden. Man konnte aber jetzt sehen, dass ihm wirklich sehr kalt war. „Ich bin eine verlorene Glücksfee – eigentlich bin ich dazu da, den Menschen zu helfen und ihnen Gutes zu tun, jedenfalls war das ursprünglich so gedacht – glaube ich. Aber die Menschen wollen eigentlich gar nicht, das jemand ihnen Glück bringt, die haben ja gar keine Zeit. Ich verstehe das alles selber nicht so ganz, ich bin ja noch eine ganz junge Glücksfee. Es ist nur so, wenn ich keine Menschen habe, für die ich da sein kann, dann weiß ich auch nicht, wo ich hin soll, und deshalb sitze ich jetzt hier ganz alleine auf der Schaukel. Habt ihr nicht vielleicht einen Mantel oder eine Decke für mich? Mir ist so kalt!“
„Du Arme!“ sagte die kleine Jule, und zog sofort ihren Mantel aus, um ihn der kleinen Karolin zu geben. Der passte auch wie angegossen, das Problem war nur, das die kleine Jule jetzt selber viel zu dünn angezogen war und fror, auch wenn sie sich bemühte, es nicht zu zeigen.

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Für dieses Problem gab es offensichtlich nur eine Lösung – nach einigem Hin und Her wurde beschlossen, dass eins der Kinder geschlachtet werden musste.

Als dies geschehen war, hatten die drei übrigen eine zeitlang etwas Fleisch und machten jeden Abend ein Feuer und brieten das, was noch übrig war. So lebten sie einige Wochen glücklich und zufrieden, danach ging jeder seiner Wege.

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Das führte dazu, dass jetzt die kleine Marion ihren Mantel auszog und ihn der kleinen Jule gab, und dann selber anfing zu bibbern – so ging es offenbar nicht. Nach einigem Hin und Her nahmen die kleine Jule und die kleine Marion die kleine Karolin in die Mitte und wärmten sie so. Außerdem bekam sie von Rob den Schal und die Mütze.
„Die brauche ich nur, wenn ich Fliege!“ sagte er, und Fliegen, das ging jetzt nicht mehr, denn drei Kinder waren einfach zu schwer. Denn als die drei erzählt hatten, warum sie hier waren, und dass sie das Christkind suchten, wollte die kleine Karolin natürlich unbedingt bei der Suche mithelfen.
Da den drei Mädchen aber trotz allem noch kalt war, gingen sie in Richtung der nächsten beleuchteten Fenster, die sie sahen – vielleicht konnte ihnen da jemand einen Mantel leihen oder einen heißen Tee kochen.
Nachdem sie einige hundert Meter gegangen waren, kamen sie auf eine große, breite Straße, an der links und rechts einige Häuser standen, aus denen Licht nach draußen schien. Die vier hätten gerne irgendwo geklingelt und um Hilfe gebeten, aber sie trauten sich doch nicht so richtig. Was wäre, wenn man sie auslachen oder einfach wieder fort schicken würde?
Aber ihnen war doch kalt, und sie mussten etwas unternehmen. Schließlich, als sie gerade an einem großen, besonders schönen Haus mit einem runden Torbogen vorbeikamen, aus dem es im obersten Stock besonders schön leuchtete, sagte die kleine Karolin:
„Ich glaube, hier sollten wir es mal probieren. Ich habe so ein Gefühl, das hier nette Leute wohnen.“
Zuerst waren die anderen drei etwas skeptisch, aber dann sagten sie sich, den Ratschlägen einer Glücksfee sollte man wohl folgen, auch wenn sie noch ganz klein war und keine rechte Erfahrung im Glückbringen hatte.
Sie traten durch den großen runden Torbogen, suchten einige Zeitlang nach der richtigen Klingel, dann drückte Roberto (die anderen drei waren leider zu klein, da die Klingel für das oberste Stockwerk natürlich auch ganz weit oben war) mit seinem Schnabel zweimal kräftig auf den Klingelknopf.
Die kleine Anja und die kleine Anna-Maja waren schon seit fast zwei Stunden eifrig in der Küche zugange. Während die kleine Anna-Maja zahllose Tomaten, Oliven, Paprika und Zwiebeln säuberlich in kleine Stücke schnitt, knetete die kleine Anja angestrengt an einem großen Klumpen Teig, aus dem die beiden dann zusammen mit den anderen Zutaten eine riesengroße Pizza machen wollten (oder besser, mehrere mittelgroße, den die beiden armen Mädchen hatten nur einen ganz alten, klapprigen Herd mit einem kleinen Backofen, und in den passte der ganze Teig einfach nicht auf einmal rein).
Zusammen mit dem kleinen Sebastian und dem kleinen Christian wollten sie heute den Heiligabend mit einem großen Fest begehen. Am Vormittag hatten die beiden Jungen dann auch alle Zutaten gekauft und sie – zusammen mit vielen schweren Saft-, Wein- und Bierflaschen – nach oben in die Wohnung getragen. Jetzt waren sie, um sich nach all der Schlepperei ein klein wenig auszuruhen, in das Glas-Bier-Geschäft an der Ecke gegangen. Sie hatten fest versprochen, nicht lange zu bleiben und würden sicherlich gleich zurück sein.
Als es an der Türe klingelte, dachten die kleine Anja und die kleine Anna-Maja natürlich sofort an den kleinen Sebastian und den kleinen Christian, und freuten sich, dass sie jetzt nicht mehr alleine sein (bzw. kochen) mussten. Und die Verwunderung war groß, als die Besucher sich als die kleine Jule, die kleine Marion, die kleine Glücksfee Karolin und der Roberto herausstellten, die froren und auf der Suche nach dem Christkind waren….
Einige Zeit später saßen die sechs gemütlich beim Schein einiger Kerzen und einer schönen, bunten Lichterkette zusammen um den Küchentisch herum. Die Pizzas hatten sie alle zusammen schnell fertig bekommen, sie mussten nur noch eine nach der anderen in den kleinen Ofen geschoben werden. Dafür musste man aber noch auf den kleinen Sebastian und den kleinen Christian warten, die beiden waren immer noch nicht aus dem Glas-Bier-Geschäft an der Ecke zurück.
„Da habt Ihr drei aber schon einen langen Weg hinter Euch!“ sagte gerade die kleine Anna-Maja, der die Geschichte, die sie gerade gehört hatte, richtig ans Herz ging. „Aber was machen wir nur, wenn wir das Christkind jetzt gar nicht finden?“
„Ich weiß auch nicht, wo man nach so etwas suchen soll“ sagte die kleine Anja, die ebenfalls sehr betroffen war, allerdings aber auch die allgemeine Betrübtheit dazu benutzte, unauffällig kleine Stücken Paprika vom Backblech zu naschen.
Gerade als niemand mehr einen Rat wusste und sich ein trauriges Schweigen breit zu machen drohte, hörte man, wie sich der Schlüssel im Türschloss herumdrehte und die Türe aufging: Der kleine Sebastian und der kleine Christian waren vom Glas-Bier-Geschäft zurück gekommen.
„Schau an! Wir haben ja klasse vielen Besuch bekommen!“ sagte der kleine Sebastian, als er die vielen besetzten Stühle in der Küche sah.
„Aber warum seht Ihr alle so traurig aus?“ fragte der kleine Christian. „Die Pizza ist doch wohl nicht danebengegangen? Das wäre sehr schlimm!“. Der kleine Christian aß nämlich die Pizza der kleinen Anja für sein Leben gerne, und er hatte sich schon den ganzen Tag darauf gefreut.
„Nein, dass ist es nicht, es ist viel, viel schlimmer!“ seufzte die kleine Anna-Maja, und sie erzählte mit Unterstützung der kleinen Jule und der kleinen Marion die ganze Geschichte. Rob hatte in einer Ecke einen Topf mit Hirsen entdeckt und nickte nur ab und zu, wenn sich die Erzählung gerade um ihn drehte oder etwas besonders dramatisches passierte. Die kleine Karolin hatte sich an die kleine Jule gekuschelt und war eingeschlafen.
„Sagt mal, dieses Christkind, woran erkennt man es eigentlich, wenn man es findet?“ sagte der kleine Sebastian, als die anderen mit ihrer Erzählung fertig waren.
„Also, es ist ganz klein, hat eine rote Mütze, und…“ sagte sofort die kleine Marion, wurde aber von der kleinen Anja unterbrochen. „Nein, das Christkind hat einen dunkelgrünen Schal, ganz genau weiß ich das, und daran kann man es erkennen!“
Die kleine Jule hatte wieder eine andere Vorstellung davon, wie ein ordnungsgemäßes Christkind auszusehen hatte. Nach einigem Hin und Her wurde ihnen klar, das hier wohl etwas nicht so ganz stimmen konnte, und eine gewisse Ratlosigkeit begann sich breit zu machen. Wie sollte man denn um alles in der Welt ein Christkind finden, wenn man nicht einmal wusste, woran man es erkennen kann?
Schließlich hatte die kleine Anna-Maja eine gute Idee: „Sagt man nicht, dass das Christkind den Kindern zu Weihnachten die Geschenke bringt? Und ist es nicht so, dass es diese Geschenke in einem großen, schweren Sack mit sich herumträgt? Daran muss man es doch sicher erkennen können!“.
Das war so einleuchtend, das alle anderen ihr Recht gaben. Ein Christkind erkannte man also immer einfach und zuverlässig an dem großen Sack auf seinem Rücken.
„Ich glaube…“ sagte da der kleine Christian und drehte sich zum kleinen Sebastian um.
„Ja, es könnte sein, dass wir das Christkind gerade eben gesehen haben“ sagte jetzt auch der kleine Sebastian. „Eben, als wir im Glas-Bier-Geschäft an der Ecke waren, haben wir ein armes, durchgefrorenes Kind gesehen, das eingerollt auf einem großen Sack vor der Heizung lag und schlief. Es hatte einen grünen Schal um, und eine rote Mütze hatte es auch auf!“
„Vielleicht sollten wir noch mal rüber gehen und versuchen, es aufzuwecken?“ schlug der kleine Christian vor. Diese Idee war im gleichen Moment auch allen anderen gekommen (außer der kleinen Karolin, die immer noch schlief), und so beschloss man, sofort hinüber zum Glas-Bier-Geschäft zu gehen und das Christkind zu wecken.

(…)

Eine gute halbe Stunde später saßen sie alle acht wieder gemütlich um den Küchentisch herum und aßen Salat und die Pizza, die mittlerweile fertig war. Das Christkind hatten sie tatsächlich schlafend im Glas-Bier-Geschäft gefunden. Als es aufwachte, war es ihm entsetzlich peinlich, dass es sich so verpennt hatte, und machte sich sofort auf den Weg zur Geschenk-Verteil-Station im großen Wald.
Bevor es verschwand, gab es allerdings jedem der Kinder sein Weihnachtsgeschenk, und die kleine Jule bekam wie gewünscht ihr rotes Feuerwehrauto.
Später am Abend, als die Pizza aufgegessen war und auch vom Bier und vom Wein nicht mehr viel übrig war, dachten alle insgeheim an diesen wunderschönen Tag zurück, und daran, wie sie das Christkind gefunden und so Weihnachten gerettet hatten. Aber sie redeten mit niemandem darüber, das hatten sie dem Christkind versprechen müssen. Denn, ein Christkind, das in einem Glas-Bier-Geschäft einschläft und beinahe zu spät zu Weihnachten kommt, wo gibt es denn so was…?

– ENDE –

Das Mädchen und der Drache

Gut versteckt hinter einem Baum stand ein kleines Mädchen und wartete. Sie wartete auf einen jungen Prinzen, der ausgezogen war, einen bösen, gefährlichen Drachen zu töten. Das kleine Mädchen kannte den Prinzen gut, denn der Prinz hatte schon einmal versucht, den Drachen zu töten, und war dabei schwer verletzt worden. Verträumt lehnte es den Kopf an die warme Rinde des Baumes und dachte zurück…

Blutend und auf zwei Holzkrücken gestützt war der Prinz aus dem Wald herausgehumpelt gekommen, und dort hatte das kleine Mädchen ihn zum ersten Mal gesehen. Sie war zum Spielen hierher gekommen, wie sie es öfter tat, aber diesmal hatte sie ein kleines, handgenähtes Täschchen bei sich getragen. Im seinem Inneren befanden sich ein Bündel Kräuter und ein paar Stofftücher. Das Täschchen war ein Geschenk ihrer lieben Mutter – das kleine Mädchen hatte oft bösen Heuschnupfen, und die Kräuter, eingerieben in die Tücher, taten ihr wohl.

Der Prinz war auf sie zugekommen, hatte sich mit letzter Kraft hilfesuchend an den einzigen Menschen gewandt, den er finden konnte, und sei es nur ein kleines Mädchen. Direkt vor seinen Füssen war er dann erschöpft und ohnmächtig zusammengebrochen. Das kleine Mädchen hatte grosse Angst gehabt, der Prinz könnte vielleicht sterben, und hatte verzweifelt darüber nachgedacht, wie sie ihm helfen könne. Und als ihr trotz allem Nachdenken gar keine Lösung einfallen wollte, hatte sie das Täschchen geöffnet, hatte die Kräuter in die Tücher eingerieben und sie dem bewusstlosen Prinzen auf den zerschundenen Körper gelegt. Dann hatte sie die Augen geschlossen und gebetet, der Prinz möge wieder zu sich kommen. Und das Wunder war geschah – nach einiger Zeit hatte sie gefühlt, dass sich neben ihr etwas bewegte. Sie hatte die Augen geöffnet und direkt in das Gesicht des Prinzen gesehen:

„Liebes Mädchen, Du hast mir das Leben gerettet, und dafür werde ich Dir ewig dankbar sein. Ich muss jetzt fort, ich muss zurück zum Schloss meines Vaters, um wieder stark und gesund zu werden. Dann aber werde ich wieder ausziehen und gegen den Drachen kämpfen. Wenn dies soweit ist, wirst Du es fühlen, und ich bitte Dich darum, dann wieder hierher zu kommen, und an genau dieser Stelle, an diesem Baum auf mich zu warten. Wenn ich zum zweiten Mal gegen den Drachen kämpfe, werde ich ihn besiegen, und dann kann ich dich als meine Braut auf mein Schloss führen.“

Nachdem er das gesagt hatte, war der Prinz aufgestanden und zurück in den Wald gegangen. Das kleine Mädchen aber war nach Hause gegangen, und als sie eines Tages tatsächlich spürte, dass der Prinz wieder ausgezogen war, um den Drachen zu bekämpfen und zu töten, war sie wieder hinaus in den Wald gegangen, hatte sich an denselben Baum gesetzt, an dem sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte, und auf ihn gewartet.