Der alte Mann und der Zug

Der Tag unterschied sich eigentlich nicht sehr von allen anderen Tagen; vielleicht war es, dass die herbstlichen Wolken am Himmel etwas tiefer standen und weiter ins Land hineinragten als sonst, aber das war alles – wenn überhaupt.

Der alte Mann nahm seinen wurmstichigen Spazierstock aus dem Ständer in der Diele seiner kleinen Wohnung, nahm auch seinen Hut und seinen im Laufe der Jahre blass gewordenen Mantel und ging auf die Strasse hinaus. Der Weg war gar nicht weit – es waren nur eine handvoll vertrauter Strassen, die er entlanggehen musste. Auch das Laufen viel ihm leichter als er geglaubt hatte; er hatte ein wenig Angst gehabt, es nicht zu schaffen, aber vielleicht – so glaubte er – war auch das nur ein Vorwandt gewesen, wie alles andere.

Er nahm sich die nötige Zeit, als er die Strassen entlangging – was für einen Grund zur Eile sollte es noch geben?

Die Stadt, in der er sein gesamtes Leben verbracht hatte, floss langsam an ihm vorbei: Die Häuser, die im Dunkeln lagen, eingebettet in verträumte, längst vergessene Vorgärten. Die hell erleuchteten Wohnungen der jungen Familien, der Pärchen und der wenigen alleine lebenden Leute. Einige Male war er fast geneigt, stehenzubleiben und einen Blick in die bunten Fenster zu werfen, aber er besann sich schnell eines besseren – ungehörig wäre es doch gewesen, ungehörig und aufdringlich.

Er erreichte sein Ziel ohne Schwierigkeiten, schneller und leichter als er erwartet hatte. Dennoch spürte er in sich das Bedürfnis, einen Moment auszuruhen, und er gab diesem Bedürfnis nach – es gab für ihn keinen Grund mehr zur Eile.

Er setzte sich auf eine der hölzernen Bänke, die am Rande des Bahnhofs aufgestellt war.

Es gab hier eine kleine Allee aus uralten, hochgewachsenen Eichen, die man entlang der Bahnlinie gepflanzt hatte. Die Allee stand jedes Jahr zur Sommerzeit in heller Blüte, doch jetzt im Herbst war nur ein karges Skelett zurückgeblieben, das den wolkenbehangenen Himmel nicht verdecken konnte. Es schien auch, als habe das zuständige Amt es versäumt, den Bahnsteig fegen zu lassen wie es Vorschrift war – er war bedeckt mit Blättern und kleinen, unscheinbaren Eicheln, die darauf warteten, in frische Erde gepflanzt zu werden und dort auszuschlagen. Hier, auf dem harten, undurchdringlichen Zement, waren sie fehl am Platze – wenn es regnete, würden sich aus all dem einen nasser, glitschiger Matsch bilden, und irgend jemand würde sich den Hals brechen.

Der alte Mann sass auf der Bank und wartete.

“Hallo du?”

Er schreckte aus seinen Gedanken auf und sah direkt in das Gesicht eines kleinen Jungen, der an seiner Seite aufgetaucht war.

“Ist dir nicht kalt?” fragte der kleine Junge ihn.

“Meine Mami sagt immer, man soll sich nicht einfach so draussen irgendwo hinsetzten, wenn es so kalt ist wie heute. Man könnte sich erkälten, sagt Mami, dann hustet man, und am Ende muss man für eine ganze Woche ins Bett!”

Der alte Mann sah in die grossen fragenden Augen des Jungen und sagte nichts.

“Ich glaub‘, du bist komisch!” sagte der Junge jetzt entrüstet, drehte sich um und rannte schnell wieder die Strasse hinauf, aus der er gekommen war.

Er sah dem Jungen lange nach. Er sass auf der Bank und wartete auf den Zug – Angst hatte er keine, darüber war er längst hinaus.

Der alte Mann betrachtete traurig die welken Blätter auf dem Bahnsteig. Dann stand er auf und machte sich langsam auf den Weg nach Hause.

An einem Sonntag im August

...einer gleichnamigen Kneipe am Prenzlauer Berg gewidmet

Es war ein ganz gewöhnlicher Sommertag, der mein Leben verändern sollte. Ich kam von der Schule, und die Welt mochte mich nicht wirklich. Vor mir lag die blaue Fläche des Müggelsees, ich war müde, und der Weg nach Hause war, einfach so geradeaus gegangen, für heute einfach nicht weit genug.
Ich setzte mich, ich weiss nicht mehr, auf einen Stein, neben mir war Gras. Ein Feuerzeug fand ich in meiner Tasche, und ich begann zu rauchen, meine Seele wanderte, und mein Blick glitt weiter und weiter über den blauen See.
Mir war so, mir wurde – und auf einmal fand ich mich wieder, in einer hellen Kugel, hoch über dem See. Meine Arme und Beine waren ausgestreckt, sie formten die Begrenzung der Sphäre, in der ich schwebte. Ein sanftes Zucken mit der Hüfte, und ich drehte mich um mich selbst. Mein Kopf blickte in den Himmel, das Blau öffnete mir die Augen und ich erkannte Sterne und Planeten, Gasnebel und Kometenschwärme.
Wieder ein Zucken der Hüfte, ich stand jetzt – mit dem Kopf nach unten, eins meiner Augen starrte in den See, und sah auch dort – sah bis auf den Grund, sah durch das Blau hindurch Schlösser und Meerjungfrauen. Ein weiterer Stoss, und noch einer, ich begann zu rotieren, immer schneller, auf und ab.
Das Blau erfüllte mir den Kopf, drang in mich ein – das Blau, und gleichzeitig die Freiheit, und aller Glaube und Zuversicht dieser Welt.
Ich öffnete den Mund, ich weiss nicht mehr, um zu schreien oder nur um Atem zu holen.
Aber dann zerplatzte die Kugel um mich herum, ich fiel zu Boden, fiel schneller als ein Stein, doch schlug sanft auf, leicht und zart wie eine Feder, ohne mich zu verletzen.
Etwas benommen richtete ich mich auf, nahm meine Schultasche, die willenlos im Gras lag, hängte sie mir um und ging langsam nach Hause. Glücklich war ich, und zufrieden – nichts ist seitdem, wie es war.

Messer

Frei nach dem Film ‚Die Frau auf der Brücke‘

Sie lernte den Messerwerfer ganz zufällig kennen, irgendwo an einem gewöhnlichen, unbedeutenden Ort: eine unscheinbare Kneipe am Rande des grossen Geschehens. Es war spät, sie hatte schon etwas getrunken, alleine an der Bar – sie merkte wohl, dass er sie schon seit einiger Zeit beobachtet hatte, aber sie spendete ihm keine Beachtung. Es war ihr nicht mal unangenehm, dass er sie beobachtete – es war ihr egal. So egal, wie ihr alles in dieser Zeit egal war. Er beobachtete sie also, ohne dass sie seine Blicke erwidert hätte. Als die meisten Gäste gegangen waren, setzte er sich zu ihr.

Sie wurden sich überraschend schnell handelseinig – er suchte ein ein neues Mädchen, sie hatte nichts besseres vor, und so sagte sie zu. Über das Risiko machte sie sich keine Gedanken – wozu auch? Er würde sein Handwerk schon beherrschen, und wenn nicht …was solls.

Und dann sagte sie zu für eine kleine Vorstellung in einem Variete am Ende der Stadt, direkt am nächsten Abend. Eine kleine Vorstellung, Probe kurz vorher – oder auch gar nicht.



*



Sie war sich nicht ganz sicher, ob es die Augen des Publikums waren, die sie auf ihrer Haut spürte – oder die Kälte, hervorgerufen durch das billig-aufreizende, eng geschnittene Kostüm, das mehr von ihrem gut gewachsenen Körper zeigte als es verhüllte. Sie wusste es nicht, aber die Frage löste eine gewisse Neugierde in ihr aus, fesselte ihren Verstand gerade eben so lange, bis das erste Messer auf sie zuraste und sich mit einem dumpfen Klopfen direkt neben ihrer Hüfte ins Holz bohrte. Ein weiteres Messer folgte, an der anderen Seite. Dann ihre Unterarme, die Schultern, schliesslich der Kopf. Tock, tock….ein paar bange Sekunden, dann war es vorbei. Keine grosse Sache.

Das Publikum war zufrieden gewesen, die Bezahlung stimmte – der Messerwerfer wollte sie für eine weitere Show haben, in einem grösseren Laden, schon übermorgen. Sie sagte zu.



*



Wieder die Augen des Publikums, diesmal war ihr deutlich bewusst, wieviel Haut sie zeigte – fast mehr noch, als beim ersten Mal, wie ihr schien. Aber es waren auch mehr Menschen. Wieder das elektrisiernde Kribbeln, als die Vorführung begann….dasselbe Spiel – zweimal Hüfte, Arme, Schultern, Kopf – und, ein letztes Messer zwischen ihre gespreitzten Beine – sie fand gefallen an dem Spiel: morgen die nächste Vorstellung.



*



Abends im Casino, vor dem Spieltisch. Der Stapel mit Chips vor ihr, der Lohn des Abends. Und wieder dieses Kribbeln, angenehm aufregend. Sie setzte zuerst vorsichtig, Rot oder Schwarz, kein Risiko. Als sie gewann, wurde sie mutiger. Eine spontane Eingebung: 23. Die Kugel rollte, schwankte, tanzte auf dem flirrenden Rat hin und her – ein letzter Moment das Zweifels – und dann, gewonnen. Zuerst dachte sie, sie würde weiterspielen, nocheinmal setzten, aber dann dachte sie an die Vorstellung morgen Abend – und beschloss, vorsichtig zu sein. Ein kleiner, wärmender Funke war in ihr entstanden, den sie hüten wollte – was Kälte war, wusste sie bereits.



*



Vor ihr die Augen der Menge, auf ihrer nackten Haut. Das Gesicht des Messerwerfers, ernst und konzentriert. Sie selbst im Licht der Scheinwerfer. Angebunden an eine Drehscheibe – etwas neues für heute Abend, immer etwas neues, das Publikum musste bei Laune gehalten werden. Die Scheibe begann sich zu drehen, langsam, dann immer schneller.

Tschok.

Das erste Messer traf sie direkt neben dem linken Oberschenkel, die Welt um sie herum rotierte.

Tschok. Rechter Oberschenkel. Sie merkte, wie ihr schwindelig wurde, für einen Moment dachte sie, sie würde die Nummer verpatzen.

Tschok. Linke Hüfte. Sie versuchte sich zu entspannen, und mit einem Male wurde alles einfach, das Publikum und die Anspannung traten in den Hintergrund, die Welt wurde zu einem bunten Kaleidoskop aus rotierenden Farben.

Tschok. Tschok. Taille Rechts und Links. Tschok.

Sie dachte an das Geld, das sie bisher verdient hatte, an ihren Gewinn von Gestern abend – aber das nur am Rande. Sie hatte ein Ziel, der kleine Funke in ihrer Seele begann sich auszubreiten, zu wachsen und sie zu wärmen.

Tschok.

Sie träumte von einem geregelten Leben, einer Wohnung, Küche, Bad, Wochenende und regelmässige Vorstellungen an den Abenden. Sie schloss die Augen und vergass die Welt um sich herum.

Der Messerwerfer holte aus, und das nächste Messer traf sie direkt ins Herz.

Sonntag

1.



Der Tag brach mit einer Übelkeit erregenden Mischung aus Lärm, schmutzigem Licht und einem nur allzu wohlbekannten Gestank auf ihn herein – mal wieder. Er machte sich nicht die Mühe, zu versuchen, eine Erinnerung an den letzten Abend aus seinem schmerzhaft pulsierenden Kopf herauszusaugen – was sollte es bringen? Er war hier, lag in Jeans und karriertem Hemd auf seinem schlampig bezogenen Bett und der Geruch von Erbrochenem stieg ihm in die Nase – das sagte genug; mehr wollte er gar nicht wissen.

Er gähnte noch einmal, dann stand er auf und warf einen angewiderten Blick auf seinen vollgekotzten Teppichboden.

“Scheisse!”

Dabei war der Geruch von seinem letzten Absturz noch nichtmal vollständig verschwunden gewesen – was sollte nur aus einem Tag werden, der so anfing? Draussen auf dem Etagenflur musste irgendwo ein

Putzeimer mit einem alten Aufnehmer stehen. Er sah kurz in den Spiegel, der über dem kleinen Waschbecken hing, das neben der Eingangstüre seines kleinen Einzimmerappartements angebracht war: Hackfresse – dabei sah er, wenn man seinen Zustand berücksichtigte, heute eigentlich gar nicht so

schlecht aus. Sein dünnes, fettiges Haar fiel ihm nicht platt in die Stirn hinein, wie sonst, wenn er es

gewaschen hatte, wodurch seine blauen Augen und seine markante Nase besser zur Geltung kamen. Eine Ironie, dass er immer dann gut aussah, wenn er sich eigentlich beschissen fühlte.

Er öffnete die Wohnungstüre und ging schwankend auf den Flur hinaus – keine heftigen Bewegungen, ihm war immer noch übel. Erst jetzt machte er sich Gedanken darüber, wie spät es wohl sein mochte –

es war noch fast dunkel draussen, also wohl so etwa 5 Uhr morgens. Offenbar hatte er nur sehr kurz geschlafen. Aber gut, so würde ihm jedenfalls keiner der anderen Mieter dabei zusehen, wie er verkatert und und übellaunig über den Flur stampfte. Besser so.

Er nahm den Eimer, der wie immer hinter dem Vorhang am Fenster stand, ging zurück in sein Zimmer und begann, die Spuren der letzen Nacht zu beseitigen. Dann spülte er ihn im Waschbecken aus und stellte ihn erstmal neben den Kleiderschrank auf den Boden – zurückbringen konnte er ihn später, erstmal würde er sich wieder schlafen legen. Es war Sonntag – also keine Schicht heute.



2.



Was sie wohl dachten, wenn sie so an ihr vorbeiliefen? Die meisten warfen ihr wenigstens einen kurzen Blick zu, bevor sie sich wieder eines besseren besannen und wohlerzogen geradeaus schauten.

Lüsterne, verlogene Schweine, dachte sie. Diese abfällige Blicke, aber dann spät nachts, wenn Frau und Kind sicher verstaut in ihren Betten lagen, zu ihr kommen und mal eben eine schnelle Nummer im Auto schieben. Strassenhure – viel tiefer konnte man wohl nicht sinken, und die meisten ihrer Freier liessen sie das deutlich spüren.

Jetzt gerade kam wieder eine zu ihr herüber, glotzte, und stellte sich dann wie zufällig vors nächste Schaufenster. Alles für den Modellbau – völlig klar, du Idiot.

“He, Süsser! So allein heute abend?”.

Der älteste Spruch, aber der zog immer noch am besten. Der Idiot schaute kurz zu ihr rüber, tat dann aber so, als ob er sie nicht gehört hätte.

“30 Euro, für 40 darfst Du sogar zweimal rann!”

30 Euro? 30 Euro. Das Geschäft war hart geworden…

Jetzt endlich drehte er sich um und kam langsam auf sie zu – na also.

“30 Euro, für eine Stunde. Wofür hältst Du Dich – für Cindy Crawford?”

Cindy Crawford würde einen notgeilen Versager wie Dich nicht mal für 30 Millionen ranlassen, dachte Sie – aber sie wusste, wenn sie mit solchen Sprüchen erstmal anfing, könnte sie einpacken – einpacken

und dann unter der Brücke schlafen, wie letztes Jahr, als ihre Neurodermitis wieder ausgebrochen war und sie kurzfristig ihre Wohnung verloren hatte.

“35, Süsser, und Du wirst diesen Abend nie vergessen…”

Offenbar reichte es ihm, ihr die fünf Euro abgerungen zu haben – nötig hatte er es nicht, dass sah man deutlich an dem teuren Jacket und den ledernen Designerschuhen, die er trug. Aber von einer billigen Nutte wie ihr liess sich ein anständiger Mann wie er doch nicht den Preis vorschreiben.

Er fasste sie am Arm und zog sie herüber zur nächsten Strassenecke, wo sein Auto stand – Mercedes S-Klasse, augenscheinlich ein Neuwagen.

“Komm rein und mach keine Zicken. Und mach mir bloss keine Flecken auf die Polster.”

Das, und der goldene Ehering an seinem Finger.

Noch zwei Kunden, dann würde sie ihr Soll für heute erfüllt haben.



3.



Das zweite Aufwachen war etwas besser. Zwar brummte ihm immer noch der Schädel, aber wenigstens war ihm nicht mehr so speiübel wie beim ersten Mal. Er verspürte sogar einen gewissen Appetit. Er schaute auf seine abgeschlissene Armbanduhr – Viertel vor fünf, abends. Kein Wunder also, das er Hunger hatte.

Er brauchte nicht erst in den Kühlschrank zu schauen, um zu wissen, dass er keine Vorräte mehr hatte – das Frühstück musste also ausfallen. Würde er eben an der nächsten Bude einen Döner essen gehen – spät genug war es ja.

Er warf sich seine zerlumpte Jeansjacke über die Schultern und lief polternd die schmutzige Flurtreppe hinab. Draussen empfing ihn mieseliges, unangenehm kaltes Oktoberwetter. Der Vorsatz, noch einen

Spaziergang zu machen und sein Mittagessen an einem etwas ausserhalb gelegenen Stand zu besorgen, schwand dahin – er würde zum Istambul-Grill

zwei Strassen weiter gehen. Und danach vielleicht wieder schlafen – heute war eh nichts los, die Strassen waren leer bis auf ein paar einzelne Muttis, die

mit blöde entrücktem Lächeln ihre Kinderwagen durch die Gegend schoben. Sonntag eben.



4.



Wieder die gleiche Strassenecke wie vor drei Stunden. Der Idiot mit dem Mercedes war nachher richtig ätzend geworden, hatte sie schlagen wollen. Sie hatte Glück, dass sie überhaupt ihr Geld bekommen hatte. 35 Euro für einmal einen anderen Menschen wie den letzten Dreck behandeln dürfen – ein Spottpreis, eigentlich. Der nächste war auch nicht besser, hatte sie erst mit seinem Auto zu seiner Wohnung gefahren, ihr freundlich und zuvorkommend ein Glas Wasser angeboten, um ihr dann zu eröffnen, dass er auf ihre Brüste urinieren wolle – dabei hatte sie gesagt, dass diese Dinge für sie tabu waren. In solchen Momenten fürchtete sie, dass ihr all das eines Tages einfach zu viel werden würde, und sie fragte sich, wie es dann wohl weitergehen würde.

Erstmal aber stand sie wieder hier, ihr Gesicht verdeckt unter einer dicken Schicht billiger, aufreizender Schminke, und hielt Ausschau nach dem letzten Kunden für heute.



5.



Träge stützte er sich mit dem linken Ellbogen auf den weiss gestrichenen Metalltisch, der am Fenster der Imbissstube stand. Während er mit mässigem Appetit an einem zweitklassigen Dönerburger herumkaute, betrachtete er die Leute, die auf beiden Seiten der Strasse an ihm vorbeiliefen. Neben den zu erwartenden entrückten Muttis traf man auch vereinzelte Pärchen – es hatte zu regnen aufgehört, und sie nutzten diese Gelegenheit zu einem Spaziergang, romantisch und engumschlungen – ebenfalls nicht der richtige Anblick für einen verkaterten Sonntag Nachmittag.

Ein Stück weiter hinten, direkt neben einem Fachgeschäft für Modellbau, stand eine von diesen billigen Strassenhuren – aufgedonnert wie ein Weihnachtsbaum in einer amerikanischen Kitsch-Schnulze. Das sie sich nicht schämte – wobei, wenn er an seinen Tag heute dachte, sollte er sich solche Sprüche vielleicht lieber sonstwo hinstecken. Ausserdem – jetzt, wo er sie näher betrachtete, merkte er, wie traurig sie aussah. Wahrscheinlich schämte sie sich tatsächlich.



6.



Irgendwie lief es heute nicht. Sie hatte vorgehabt, rechtzeitig zuhause zu sein, um in Ruhe vor dem Fernseher zu Abend essen können – ein Rest Wochenende, sozusagen. Aber mittlerweile war es spät geworden, ihr Magen knurrte, und ausserdem taten ihr die Füsse weh nach dem langen Stehen. Würde sie halt zur Pommesbude gegenüber gehen und da zu Abendessen – eine Currywurst, oder einen Bigmac.

Während sie die Strasse überquerte, fragte sie sich, was sie in den Augen der Passanten jetzt wohl darstellte – war sie immer noch die Nutte vom Strassenrand, oder war es ihr vielleicht gelungen, ihren Beruf an ihrem Standplatz zurückzulassen, um wenigstens für die Zeit ihrer Essenspause so etwas wie ein Mensch zu werden? Sie dachte an ihr grelles, dickes MakeUp,

an ihre hohen Stiefel, die enge Hose und die überdeutlich weit ausgeschnittene Bluse – dann warf sie einen Blick auf die Gesichter der

seligen Muttis mit ihren Kinderwagen und verwarf diesen Gedanken wieder. Und zog sich wieder auf ihre Gleichgültigleit zurück – abendessen, noch irgendso ein lahmarschiger Freier, und dann nach Hause ins Bett. Sollten die Leute doch denken, was sie wollten.



7.



Als er sie über die Strasse auf sich zukommen sah, dachte er zuerst, sie hätte seine Blicke bemerkt.

Deshalb wollte er schon wegschauen, ihm war nicht nach einer schnellen Nummer für billiges Geld zumute. Dann aber bemerkte er, dass sie ihn gar nicht ansah – sie wirkte im Gegenteil abwesend und völlig gedankenverloren. Einen Moment lang schien es, als sähe sie eines der an ihr vorbeirasenden Autos nicht – er verkrampte sich auf seinem Stuhl, wobei es sowieso zu spät gewesen wäre, ihr zu helfen – aber dann blieb sie doch noch rechtzeitig stehen. Er sah, dass sie den Mund öffnete, wohl, um dem Fahrer hinterherzurufen – hören konnte er nichts, die Türe der Imbissbude war jetzt im Oktober natürlich geschlossen.

Einen Moment später hatte sie die andere Strassenseite erreicht, schob die Türe auf und betrat den lieblos dekorierten Verkaufsraum – er sah, wie sich ihr Körper entspannte, sobald sie ins Warme gekommen war. Ihm

wurde bewusst, wie durchgefroren man sich fühlen musste, wenn man bei

diesem Wetter draussen auf der Strasse stand – stundenlang, mit der knappen, viel zu dünnen Kleidung, die ihr Beruf ihr aufzwang.

Sie bestellte ein einfaches Standardmenu, setzte sich ein Stück weit von ihm entfernt an einen unbesetzten Tisch und schaute mit stumpfem, teilnahmslosen Blick aus dem Fenster. Wieder fiel ihm auf, wie traurig dieses Gesicht aussah, das sie so sorgfältig hinter einer dicken Schicht Schminke zu

verstecken versuchte. Er zögerte einen Moment, dann stand er auf, bestellte an der Theke zwei heisse Tassen Kakao und setzte sich zu ihr.



8.



Sie sah den dampfend heissen Pappbecher erst, als er direkt vor ihr stand.

Verstört blickte sie auf und sah in das Gesicht des übernächtigt aussehenden Mannes, der sich gerade zu ihr gesetzt hatte – ihr erster Impuls war es, den Typen mit irgendeiner patzigen Bemerkung zu verscheuchen – wenigstens beim Essen wollte sie ihre Ruhe haben. Dann aber entschied sie sich doch

dagegen – der heisse Kakao war genau das, was sie im Moment brauchte, und was sie sich nur aus Gründen der Sparsamkeit, die sich sich momentan nunmal auferlegen musste, nicht selbst gekauft hatte. Ausserdem fühlte sie sich zu müde, um irgendeinen unnötigen Streit vom Zaun zu brechen. Und,

schliesslich, sie war ja nach wie vor auf der Suche nach ihrem letzten Kunden für heute.

“Vielen Dank…”

Mehr fiel ihr nicht ein. Sie legte ihre Hände, die immer noch rot von der Kälte draussen auf der Strasse waren, um den dampfenden Becher und hielt dem Blick ihres Gegenübers stand.

Rot

Lang war sie, die Zeit. Lang, gemütlich und auch von einer nicht von der Hand zu weisenden Trägheit. Die Zeit nämlich, die ich regelmässig in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr auf dem Sofa meiner Eltern verbrachte. Sämtliche vermeidbaren Tätigkeiten wurden in dieser Phase vermieden, meine Handlungen beschränkten sich auf Essen, Schlafen sowie das gelegentliche Bespassen meiner Nichten und Neffen. Ein angenehmer Zustand, sollte man meinen, und nichts, was ich im Folgenden mit zitternder Hand niederschreiben werde, soll dieser Auffassung zu widersprechen geneigt sein – im Gegenteil.

Dennoch, meine Erfahrungen aus den letzten Jahren liessen mich, nach dem Dahinstreichen des harten Kerns der Feiertage, die über jede Änderung ihres Status Quo selbstverständlich erhaben sind, in diesem Jahr einen Entschluss fassen: ich würde mich zu einem Spaziergang aufmachen. Um zu vermeiden, dass ich spätestens am Sylvesterabend einen somnabulisischen Trancezustand erreicht haben würde, der dann sogar mir zu träge ist, um für die am selben Abend geplante Party zumindest ein Minimum an psychischer Präsenz zu zeigen, und um ganz allgemein dem sich breitmachenden Vorurteil entgegenzuwirken, dass „Frischluft“ das Gegenteil von „Weihnachten“ sei, raffte ich mich am 27. Dezember um Punkt 17.30 Uhr auf, griff entschlossen nach Schuhen, Mantel und Mütze und stand, eh ich mich versah, draussen in der Dunkelheit.

„Brr!!“ – wobei, ich erinnerte mich, dass es in diesem Jahr ja gar nicht kalt, sondern im Gegenteil erstaunlich mild war – auf den Weichei-November mit blühenden Krokussen und frühlingshaften Temperaturen, den ich so genossen hatte, war nahtlos ein ebensolcher Winter gefolgt. Also kein „Brr!“, um so besser.

Gemütlichen Schrittes schlenderte ich die Strasse entlang, mein Brustkorb hob und senkte sich und füllte mit belebender Regelmässigkeit meine freudig überrascht dreinschauenden Lungenflügel mit frischer Luft.

Dieser Spaziergang stellte sich als eine fantastische Idee heraus, ich beschloss, ihn von jetzt an in jedem Jahr durchzuführen, am besten an genau diesem Tag zu genau dieser Uhrzeit.



Inzwischen hatte ich das erreicht und hinter mir gelassen, was in unserem kleinen Städtchen die Bezeichnung „Innenstadt“ trägt, und ich spazierte eine etwas abgelegenere Strasse entlang, die für mich aber um so erinnerungsträchtiger war. Zu meiner Rechten lag meine alte Grundschule, noch immer umrundet von dem gleichen verträumten Mäuerchen wie vor – hmm, wie vor mittlerweile tatsächlich 25 Jahren. Eine gewisse Wehmut überkam mich, die auch durch den direkt vor mir stehenden Neubau nicht getrübt wurde – irgendetwas musste sich ja verändern, in einer so langen Zeit.

Ich fühlte mich zurückversetzt in die Zeiten meiner frühesten Kindheit, ein kleiner Knirps mit einem zerbeulten Schultournister. Das Mäuerchen an meiner Seite schien höher geworden zu sein, ich wartete wie früher ungeduldig auf die Zeit, in der ich gross genug wäre hinaufzusteigen und auf ihr entlang zu balancieren.

Aber wenige Schritte später lag das Schulgebäude bereits hinter mir, schon merkte ich, dass ich langsam wieder in meine vertraute Erwachsenenwelt zurückkehrte, als eine alte, längst vergessen geglaubte Angst von mir Besitz ergriff: Vor mir – nur noch knapp hundert Meter entfernt – lag ein schmaler, nur spärlich beleuchteter Seitenweg. Eine Abkürzung, die ich früher regelmässig benutzt hatte – eigentlich gegen meinen Willen, war doch der normale Weg über die Strassen für meine kurzen, unsicheren Beine unüberschaubar weit gewesen.

Gegen meinen Willen deshalb, weil das Passieren dieses Weges seit jeher mit einer grossen Gefahr verbundenn gewesen war – eine kleine Hofeinfahrt, ein nur hüfthoher Metallzaun, der nur all zu oft offen stand – ein kleines, unauffälliges Schild an der Garagenwand, weisse Schrift auf rotem Hintergrund: „Warnung vor dem Hund“.

Heute musste ich natürlich über meine damalige, kindliche Angst schmunzeln – hatte man denn jemals gehört, dass auch nur ein Kind von eben diesem Hund gebissen worden war? Mir fiel sein Name ein: Aros, ein kleiner, bulliger Boxer mit vorstehenden Beisszähnen und dem für seine Rasse typischen Gesichtsausdruck. Im Grunde war es ja nur sein lautes Gebell, dass uns solche Angst eingejagt hatte – vielleicht war es ja sogar freundlich gemeint gewesen? Ich näherte mich dem Eingang des Seitenweges und schaute interessiert in Richtung der bewussten Einfahrt, die aus meiner jetzigen Position heraus aber selbstverständlich noch von einer Reihe hochgewachsener Ziertannen verdeckt wurde. Früher war ich diesen Weg nur mit klopfendem Herzen und schweissnassen Händen gegangen – heute war das natürlich etwas anderes.

Allerdings war es wirklich blöd, dass man von hier aus noch nichts sehen konnte! Ich ging zum rechten Wegrand herüber, um mein Blickfeld nach links ein wenig erweitern zu können – mir fiel ein, dass ich genau denselben Trick früher auch immer probiert hatte – im Übrigen genauso vergeblich wie heute. Wie alt dieser Hund heute wohl sein mochte? Knapp 25 Jahre war das alles her – und mit einem Male musste ich über die Albernheit meiner Nervosität lachen: Bekanntermassen stehen sieben Hundejahre einem Menschenjahr gegenüber, ich musste mir also nicht mal die Mühe machen, die genaue Zahl auszurechnen, um zu wissen, das Aros schon vor langer, langer Zeit gestorben sein musste. Ganz bewusst kehrte ich wieder auf die Mitte des Weges zurück – um die Sache völlig klar zu machen.

Einen Augenblick später tauchte die Einfahrt vor mir auf, und ich musste nochmal lachen: nicht nur, dass Aros längst verstorben war – Ruhe er in Frieden, fügte ich der Pietät halber hinzu – offenbar war es seinem Besitzer ähnlich ergangen, oder er war weggezogen, oder hatte zumindest gründlich seinen Lebensstil verändert: Dort, wo früher eine harte, graue Garagenwand gewesen war, leuchtete mir jetzt ein freundliches Gelb entgegen, überdeckt von aus liebevoll angebrachten Blumenkübeln herabhängenden Zierpflanzen. Auch von dem gefürchteten Metallzaun sah ich nichts mehr – klar, nach einem gewissen bedauernswerten traurigen Ereignis war er unnötig geworden. Ich ging weiter und betrachtete den kleinen, gemütlichen Innenhof, der sich vor meinen Augen auftat. Ich merkte nicht, wie die Geräusche der Natur um mich herum verstummten, wie es plötzlich totenstill wurde. Ich war mittlerweile soweit vorangekommen, dass ich, wenn ich den Kopf zurückdrehte, jetzt auch die Hinterseite der Einfahrt einsehen konnte. Ein plötzlicher Schreck durchfuhr mich, als ich den weit geöffneten Torflügel sah – der Metallzaun war noch da, unverändert, nur stand er soweit offen, dass ich ihn erst jetzt sehen konnte. Himmel, dachte ich, wenn ich das vorher gewusst hätte… Aber, wie war das noch – 25×7, würde ungefähr….

In diesem Moment hörte ich ein leises, aber sehr eindringliches Knurren aus dem hintersten Winkel der Einfahrt dringen. Mein Herz blieb stehen, als ich die gedrungene, mir wohlbekannte Gestalt auf mich zuschnellen sah…

25×7, das wären – auf jedenfall gut über 100, und zwar…

Vielleicht hätte ich eine Chance gehabt, wenn ich sofort die Beine in die Hand genommen hätte, wie damals als Schuljunge. Jetzt aber hatte ich die Vermessenheit gehabt, stehenzubleiben, in dem festen Glauben, dass nach 25 Jahren, also 25×7, was dann sogar über 150 wären…

Anstatt davonzulaufen stand ich da und rechnete, während zwei muskulöse Vorderpfoten vor meinen Brustkorb stiessen und mich zu Boden warfen…

25×7, und die Jahre, die er vorher schon auf dem Buckel gehabt haben musste, dachte ich verzweifelt.

Sein Gesicht tauchte vor mir auf, dieses gedrungene, bösartige Gesicht mit den weit vorstehenden Vorderzähnen, die sich jetzt langsam meiner Kehle näherten.

25×7 sowie schätzungsweise zwei Jahre, also 27×7, dachte ich.

Ich roch den heisssen Atem der wütenden Bestie über mir.

„Einhundertneunundachtzig!“ wollte ich noch schreien, aber ich kam nicht mehr dazu, weil sich kraftvolle Zähne gierig in meine Kehle zu bohren begannen und sich mein Blickfeld schnell mit dunkelrotem Blut füllte.



(Dann wachte ich auf, erhob mich vom Sofa und machte mit einer schnellen, gezielten Bewegung das grosse Wohnzimmerfenster auf, bevor ich mich mit klopfendem Herzen wieder schlafenlegte.)

Provence

Ruhig und gleichmässig frass der fabrikneue Wasserstoffmotor meines grossräumigen Dienstwagens Liter um Liter des modernen Superkraftstoffs in sich hinein. Mein Weg führte mich ausgehend von Berlin über Köln und Paris direkt nach Avignon, und damit ins Herz der Provence. Die mir gestellte Aufgabe war Routinearbeit, nichts, worüber es nötig gewesen wäre, sich Sorgen zu machen.
Eben hatte ich Paris mit seinem dichten Verkehr und seinen vertrackten Umgehungsstrassen hinter mir gelassen und hatte jetzt Zeit, meinen Gedanken nachzugehen.
Ich erinnerte mich an meinen ersten Aufenthalt in der Provence – ich war anfang 20 gewesen, ein junger Student, dem seine Semesterferien die Zeit für einen vierwöchigen Urlaub gelassen hatten – die Zeit, aber nicht das nötige Geld, um sie anders als mit Fahrrad und Zelt auf preisgünstigen Campingplätzen zu verbringen.
Ich war damals spontan und völlig ungeplant losgefahren, mit einem geliehenen, halb schrottreifen Rad, das ich schlussendlich beinahe die Hälfte der Strecke hatte schieben müssen.
Ganz deutlich erinnerte ich mich an die vielen Momente, in denen entweder meine Ventile oder mein Schlauch defekt gewesen waren, meine Luftpumpe nicht funktioniert hatte oder von den eigentlich 21 Gängen nur ein einziger einsatzfähig gewesen war, und ich mein hoch mit Gepäck beladenes Fahrrad über Stunden hinweg den Berg hatte hinaufschieben müssen – Abfahrten von manchmal bis zu zehn Kilometern Länge mit endlos an mir vorbeirauschenden Obstbaumplantagen, verträumten Felsvorsprüngen und leuchtenden Lavendelfeldern hatten mich für diese Mühen aber mehr als belohnt.
Die Landschaft um mich herum war manchmal von einer Schönheit gewesen, dass ich vor lauter Staunen am liebsten geweint hätte.
Und ich erinnerte mich auch an einen verwunschenen Abend, an dem ich mit einem hübschen, 19jährigen Mädchen auf einem Hügel gesessen habe, wir gemeinsam den Mond betrachteten, uns über unsere Zukunft, unser Leben unterhielten und von Baumhäusern in Indien geträumt haben.
In der Zwischenzeit war ich beinahe am Ende meines Weges angekommen. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, das ich noch etwas Zeit übrig hatte – ich verliess die erst kürzlich fertiggestellte Europastrasse, bog ab und war nach etwa zwanzig Minuten an derselben Stelle angelangt, an der ich 25 Jahre zuvor spät Abends auf dem Zeltplatz von apfelpflückenden Saisonarbeitern untergekommen war – mit viel Glück und kurz vor Einbruch der Dämmerung.
Ich parkte meinen Wagen am Straßenrand, stieg aus und betrachtete die Landschaft.
Spätestens seit den Pestizitskandalen in Südfrankreich, der Unfähigkeit der ersten europäischen Regierung, die Giftmüllkrise verantwortungsvoll zu lösen und schließlich dem ersten weltweiten Zusammenbruch der Biosphäre gab es in der Provence keine Obstpflücker mehr. Die grüne, blühende Landschaft war schwarz geworden, und mein Blick fiel auf eine öde, leblose Wüste aus Steinen und oxydiertem Staub.
Ich ging einige Schritte, um mir nach der langen Fahrt die Beine zu vertreten, dann setzte ich mich ein Stück abseits vom Straßenrand auf einen Stein und weinte.

Klassenfete

1.



Es war früher Nachmittag, und der kleine Tom stand vor dem Waschbecken im elterlichen Badezimmer und musterte kritisch sein Spiegelbild. Er tat dies recht häufig, gerade in letzter Zeit, genaugenommen, seitdem ihm der kleine, handliche, Bravo-Taschenkalender, dem seine geistig umnachtete Grosstante Erna ihm im letzten Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte, am 11.2. des Jahres den Beginn seiner Pubertät verkündet hatte. Vorletzten Sonntag war das gewesen, und er meinte auch, im nachhinein den genauen Zeitpunkt dieses Ereignisses angeben zu können: Nachmittag, 15.34 Uhr, und zwar genau in dem Moment, in dem Frieda, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, um die Ecke gebogen war und aufgrund der ihr eigenen verträumten Geistesabwesenheit mit einem vorbeifahrenden Moped kollidiert war – sie war gestürzt, kein schöner Anblick.

Tom hatte sich bereits wieder pietätsvoll der aktuellen Folge seiner Lieblings-Reality-TV-Show zuwenden wollen, als sich plötzlich tief in seinem Innern etwas bewegte – mit verträumtem Blick sah er den von einem spontan herbeigeeilten zufälligen Passanten verständigten Rettungssanitätern dabei zu, wie sie sorgfältig Friedas langes, blondes Haar aus den Speichen des gegnerischen Fahrzeugs herauslösen, mit denen es sich im Moment des Zusammenpralls spontan verquirrlt hatte. Ein unbekanntes Gefühl von Wärme hatte ihn erfasst und ihn seitdem nicht mehr wirklich losgelassen.

Und heute stand er nun wieder vor dem Spiegel, betrachtete sich, und fühlte sich unruhiger und nervöser als jemals zuvor in seinem Leben. Hierfür gab es einen Grund, der weit über das Schicksal der kleinen Frieda oder die Weissagungen seines Taschenkalenders hinausging: sein Freund Peter würde heute eine Party geben, und würde hingehen, er musste hingehen, denn er war eingeladen, die ganze Klasse war eingeladen, auch Frieda, die sich mittlerweile wieder so leidlich erholt hatte, und es war seine erste Party, und er hatte eine Scheissangst.

Würde er dieser gnadenlosen Konfrontation mit der harten Seite des Lebens wohl gewachsen sein? Schon als kleines Kind hatte er schnell gemerkt, dass er kein Typ war, nach dem die Frauen sich umdrehten – nicht freiwillig, jedenfalls. Es war ihm gelegentlich gelungen, diesen Effekt herbeizuführen, in dem er ihnen faule Tomaten oder eilig aufgesammelte, dem Dosenpfand glücklich entkommende Konservenbüchsen an den Kopf geworfen hatte, aber das war nicht ganz dasselbe, wie er fand.

Er beschloss, sich einmal eingehend von Kopf bis Fuss zu betrachten und dann ein für allemal ein Urteil über seine Zukunft zu fällen.

Er begann mit seinen Haaren. Seit der letzten Inspektion waren sie länger geworden -damit kam er klar. Was ihn mehr bestürzte, waren die kleinen, höckerförmigen Ausbuchtungen an direkt über der linken bzw. rechten Schläfe. Die waren beim letzten mal noch nicht dagewesen, und waren sie auch sehr klein, kaum spürbar eigentlich, so erfüllten sie ihn doch mit einer tiefen Unruhe. Die gestern Abend unverhofft stattgefundene Kollision seines Kopfes mit dem untersten Brett seines Bücherregals fiel ihm ein, und er beruhigte sich – aber ein etwas mulmiges Gefühl blieb.

Der Rest schien zu stimmen – Augenbrauen, Nase, Hals sowie der übrige Restkörper entsprachen den Vorschriften, die er ebenfalls seinem Taschenkalender entnommen hatte – es gab da eine kleine Sonderrubrik “Wenn ich mich schlecht fühle – ein Notleitfaden für kleine und mittlere Notlagen”

Hinter ihm im Spiegel sah er das Bild seiner Mutter auftauchen.

“He Schatz, mach Dir keine Sorgen. Ich bin sicher, Du wirst grossen Spass haben. Denn weisst Du, Du hast die gleichen Sorgen und Ängste wie alle anderen kleinen Jungen in Deinem Alter.”

So sprach seine Mutter, dann gab sie ihm einen Klaps auf den Rücken und schob ihn zur Türe hinaus – gerade, als es sowieso Zeit zum gehen war. Tom beschloss, diesen Worten Glauben zu schenken und stieg in den nächsten Bus, der ans andere Ende der Stadt fuhr, dorthin, wo die Party in einer knappen halben Stunde beginnen würde. Seine Mutter würde ihn dann wie besprochen gegen elf abholen. Er war ihr dankbar, dass sie ihm nocheimmal Mut zugesprochen hatte – sie schien bemerkt zu haben, wie sehr er das in diesem Moment gebraucht hatte. Allerdings meinte er, ein schelmisches Grinsen auf ihrem Gesicht bemerkt zu haben, kurz bevor er das Badezimmer verliess. Was das bedeuten sollte, verstand er nicht, aber er beschloss, es auf sich beruhen zu lassen. Erwachsenen sind manchmal komisch,



2.



Es war unfassbar – er stand tatsächlich hier unten, in Peters Partykeller, hatte er doch diesen Moment Wochenlang gefürchtet und sich aberdutzende Flucht- und Vermeidungsstrategien überlegt, die in Invention, Duktus und strategischer Verschlagenheit zum Teil von einer derartigen Brillianz gewesen waren, das es fast schon schade war, dass – nunja, dass er jetzt eben hier stand und also offenbar keine von ihnen wahr gemacht hatte. Selbst den allerletzten, wagemutigsten aller Pläne, der im Bus seinen Anfang genommen hätte, eine bewaffnete Entführung mit Hilfe eines unter das T-Shirt geschobenen Schokoladenriegels, eine atemlose Flucht in die Staaten und das Annehmen einer neuen Identität inklusive einer geradezu persönlichkeitsverändernden Gesichtsoperation einschloss, hatte er im letzten Moment fahren lassen – und jetzt gab es kein zurück mehr, denn er war bereits gesehen worden – sein Freund Peter hatte ihm höchstpersönlich zugewunken, wobei es ihm gleichzeitig gelungen war, seine Hand aus der Umklammerung von Henrietta, eines kleinen pummeligen Mädchens aus der Parallelklasse, die nur allzu offensichtlich einen Narren an ihm gefressen hatte, zu befreien (was dazu geführt hatte, das auch Henrietta ihn gesehen hatte, was seine Situation nicht besser machte), Tobias und Elke, die sich allerdings nicht die Mühe gemacht hatten, ihre knutschversiegelte Umarmung aufzulösen und ihm stattdessen nur kurz zugeblinzelt hatten, Frieda, die er mit ihren neuen Haarnetz beinahe nicht erkannt hätte, ausserdem Markus, Christoph und Nadine.

Claudia. Maria. Und Gabi.

Mist.

Er sass also in der Falle und beschloss, das beste draus zu machen: Er ging rüber zu Claudia und sagte: “Hi”.

“Hi Tom!” sagte Claudia und lächelte ihn an.

Und jetzt? Die Eröffnung war auf jeden Fall schonmal gründlich schiefgegangen. Tom hatte einige Zeit darauf verwendet (und etliche Seiten seines Taschenkalenders in- und auswendig gelernt), um sich darauf vorzubreiten, dass er abgelehnt wurde. Verschmäht. Verspottet. Die alte wir-bewerfen-dich-mit-Tomaten-und-sperren-dich-dann-ins-klo-variante.

Und jetzt sass Claudia vor ihm, lächelte ihn an und sagte einfach nur “Hi”….obwohl, eigentlich war das gar nicht schlecht. Er mochte Claudia nämlich. Deshalb stand er ja hier. Hätte ja auch woanders stehen können. Irgendwo. Der Raum war ja gross. Waren auch noch andere Leute da. Ganze Haufen andere Leute. Bei Peter zum Beispiel hätte er stehen können, der ihm mittlerweile nun schon seit fünf Minuten zuwinkte, wobei er die dicke Henrietta schon mehrmals versehentlich geohrfeigt hatte, ohne es irgendwie bemerkt zu haben.

Stand er aber nicht. Er stand hier, zwanzig Zentimeter von Claudias Gesicht entfernt, die ihn immer noch anlächelte, sich allerdings mittlerweilte zu wundern schien, warum er gar nichts sagte. Das sah er daran, dass sie die Augenbrauen hochzog. Beim lächeln. Gleichzeitig. Sah komisch aus.

Tom sagte:

“Bist Du schon lange hier?”

Seite 28 des Taschenkalenders. Das entkrampfte die Situation.

“Nein, ich bin erst gerade…”

Während er ihr zuhörte, fuhr Tom sich lässig mit der Hand durch die Haare – sollte cool wirken, wie er gelesen hatte (Seite 34 des Taschenkalenders). Dabei erstarrte er plötzlich mitten in der Bewegung. Die Ausbuchtungen über seinen Schläfen waren grösser geworden, er war ganz sicher. Er fühlte, und stellte fest, dass sich seine Haut an zwei Stellen, kurz über seinen Augenbrauen, geöffnet hatte, und..

“…und meine Freundinnen sind auch erst….”

Claudia steckte in einem Redeschwall fest, was ihre Aussenwahrnehmung offenbar beeinträchtigte – das gab ihm einige rettende Sekunden. Er murmelte etwas, und schoss dann pfeilschnell quer durch den Raum hin zur Toilette, nicht ohne der armen Henrietta ebenfalls gründlich eins zu verpassen, was ihr, zusammen mit allem anderen, was an diesem Abend noch passieren sollte, ein tiefes seelisches Traume injinzierte, das zwanzig Jahre später….aber das ist eine andere Geschichte.

Tom war in der zwischenzeit an der Toilettentüre angekommen, fand diese gottseidank unverschlossen und stürzte hinein. Machte Licht. Stand einige Sekunden mit klopfenden Herzen an der Türe gelehnt. Schaute dann in den Spiegel.

Wow.

Aus seiner Stirn heraus wuchsen jeweils links und rechte zwei kleine, grüne Tentakeln. Sie hatten momentan die Länge von etwa einem Zentimeter, wuchsen aber recht schnell. Tom betrachtete seine Ohren, und stellte fest, dass sie sich ebenfalls zu verändern begannen. Sie waren grösser, ebenfalls grün verfärbt, wobei sie in den Aussenbereichen leicht ins violette tendierten.

Der Gedanke an die Flucht über den grossen Teich, die neue Identität und vor Allem die Gesichtsoperation kam ihm wieder – er spähte nach dem Toilettenfenster und befand es für gross genug, um hindurchzuklettern – auch wenn sein Körper um die Taille herum jetzt deutlich dicker zu sein schien als noch vor zwei Stunden, aber dem schenkte er jetzt keine Beachtung – die Chirurgen in Amerika würden schon eine Lösung finden.

Tom stützte sich mit beiden Händen an Wandfleisen ab und stellte einen Fuss auf den Tiolettendeckel. Doch gerade, als er sich hochziehen wollte, öffnete sich die Türe, und Peter kam herein.

“He, Tom, ich muss Dir…”

“Tom??”

“Oh Man Tom!!”

“Ey, coole Verkleidung! Stark”

Und bevor er sich dessen erwehren konnte, hatte Peter ihn am Arm gepackt und zurück in den Partyraum geschleift. Da stand er nun, inmitten der anderen, umringt, ausgeliefert, schutzlos….

“he Tom, darf ich den Fühler mal anfassen?”

Gabi stand vor ihm und schaute ihn fragend an. Dazu sei bemerkt – wenn Claudia eine scharfe Nummer war, dann war Gabi…hmmmmm.

“Klar darfst Du das, Gabi. Du musst nur…”

Sollte man nicht die Feste feiern, wie sie feiern? Und die Gelegenheiten beim Schopfe fassen? Und überhaupt, seit der vierten Klasse träumte er von Gabi.

“Warte mal, komm mit…”

Er nahm Gabi bei der Hand und zog sie mit sich, wieder quer durch den Raum, allerdings diesmal heraus auf die Gartenterrasse. Legte einen Arm um ihre Hüfte. Und hatte die Tür mit einem Holzkeil verbarrikadiert.

“Du, Tom…”

Gabi sah mit einem Blick zu ihm auf, den Tom nicht wirklich deuten konnte.

“Tom, ich…”

Er hielt ihre hüften mit beiden Händen und neigte den Kopf, um sie zu küssen (Taschenkalender, Seite 54). Allerdings bemerkte er, dass sie ihm auswich. Nunja. Aber da war dieses dumpfe Rumoren in ihm, das er spürte, seit – genaugenommen, seitdem er zum ersten Mal die kleinen Ausbuchtungen an seinem Kopf bemerkt hatte. Und zwar letzte Woche, und nicht erst heute vor dem Spiegel.

Gabi war seinen Lippen zweimal erfolgreich ausgewichen, hatte sich jetzt aber, beim dritten Versuch, für die falsche Ecke entschieden, und Tom, den diese Situation stark an das Elfmeterschiessen seines Fussballvereins erinnerte, wusste dies gekommt auszunutzen.

Schmatz.

Gabi versuchte jetzt, ihn mit beiden Händen an der Gurgel zu greifen. Aber da war es gut, dass er den Sinn der Ausbuchtungen an seiner Taille mittlerweile begriffen hatte. Mit zwei Armen an der Hüfte und zwei zusätzlichen, die ihre beiden Hände festhielten, war Gabi so gut wie wehrlos.

Er hatte nicht mit ihrem Knie gerechnet.

“Aua!!”

Für einen kurzen Moment liess er mit drei der vier Arme los, und diesen Augenblick nutzte Gabi zur Flucht.

“Hiiillffeeee!” Schrie sie, rannte hinaus in die Dunkelheit und ward nie mehr gesehen.



Aber Tom war auf den Geschmack gekommen, er hatte jetzt ein Konzept für den Rest des Abends. Ganz deutlich spürte er, dass ihm heute niemand so recht würde wiederstehen können. Er bückte sich, und ging durch die kleine Türe zurück in den Partykeller.

“Ähh Tom, ähh…wo ist Gabi?”

Die verängstigten Blicke der anderen ..äh…die verängstigten Blicke der Kinder waren auf ihn gerichtet, während Tom in gebückter Haltung, um in dem niedrigen Raum nicht an die Decke zu stossen, zu ihnen herabsah.

“Gabi ist schlecht geworden. Sagt mal, wo ist denn Claudia?”

Zitternd und blass wurde das kleine Mädchen von den anderen nach vorne geschoben, sie hatte offenbar zuviel Angst, um sich ernsthaft zu wehren. Angststarre kam bei höheren Säugetieren recht häufig vor und erleichterte dem Jäger seine Aufgabe ganz erheblich (Brehms Tierleben, Band 2, S. 234.).

Die anderen Kinder standen wie eine Mauer – dann machten sie einen Schritt zurück und liessen ihn gewähren.

Vier Arme, vier Hände, die sedative Flüssigkeit aus seinen jetzt voll ausgebildeten Stirndrüsen, sowie sein neuer und verbesserter Kiefer versetzten Tom in die Lage, die Sache kurz und schmerzlos zu machen – Claudia spürte nicht viel.

Dann kam Peter.

Markus.

Maria.

Christoph.

Nadine.



3.



23.12 Uhr. Vor dem Haus des verschiedenen Peter Holgstett.

Ein Auto biegt in die dunkle, abgelegene Strasse ein und hält am Gehsteig.

Tom öffnet etwas schüchtern die Autotüre – die Veränderungen an seinem Körper sind zurückgegangen, die zusätzlichen Arme und Fühler verschwunden. Einzig seine Stirn verbleibt etwas ausgebeulter als früher – wenn man genau hinsieht.

“Hi Schatz, tut mir leid, dass ich mich etwas verspätet habe. Hattest Du einen schönen Abend?”

Er betrachtet seine Mutter, ihren Kopf, ihre Stirn — und ein langes, breites Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit.

“Ja Mami.”



Epilog



Auszug aus der Krankenakte Henrietta S., Marienhospital Berlin-Tempelhoff, Psychatrische Abteilung:



Die 23-Jährige Henrietta S. wird hiermit offiziell zur Behandlung mittels Elektroschocktherapie freigegeben. Langwierige, wiederholte Gesprächstherapien, Hypnose und Thraumabehandlung haben nicht dazu geführt, sie von ihren absurden, kindischen Wahnvorstellungen abzubringen. Nach reiflicher Überlegung halten wir dies für die einzig noch erfolgversprechende Therapieform, bevor wir zu einer endgültigen Exekution schreiten müssen. Alienmonster, die harmlose Teenager auf einer Party auffressen – sowas gibts doch nur im Kino….

“Wo die Neurosen blüh’n, da möcht‘ ich Gärtner sein…”

Oh wie schön und hell die Sonne heute in meinen verträumten kleinen Garten scheint! Ich spüre schon, bei einem so herrlichen Wetter wird mir die Gartenarbeit eine reine Freude sein. Ein kleines Beet, liebevoll bepflanzt, meine Welt. Am Rande steht ein alter, steinerner Brunnen, und neben diesem eine grosse goldene Gießkanne. Als ich hinübergehe, sehe ich, dass sie fast zugewachsen ist von hoch aufwuchernden Grasbüscheln, die sich, kleinen Sträuchern gleich, die sie wohl sein möchten, an ihr empor ranken – gerade so, als ob schon lange niemand mehr hier gegossen hätte! Eine scheussliche Vernachlässigung der Pflicht wäre es doch, denke ich, und betrachte andächtig das Meer aus tausend bunten Blüten, das vor mit liegt. Rote, blaue, gelbe Farbwolken, die friedlich und still im lauen Sommerwind hin- und hertanzen. Jung und gesund sehen sie aus, alles ist gut.



Ich strecke meine Hand nach der alten, rostigen Kurbel des Brunnens aus und lasse vorsichtig den hölzernen Wassereimer hinab in die Tiefe. Ein leises Quietschen ertönt, und aus meiner Erinnerung ersteht mit einem Male das Bild meiner verstorbenen Eltern – er, einstmals stolzer Kavallerieoffizier, der seine wenigen freien Jahre dazu genutzt hatte, dieser einstmals so unfruchtbaren Erdscholle im Schweisse seines bereits welken Angesichts diesen Brunnen abzuringen, und sie, die ihr liebendes Herz, eines, wie es nur eine Mutter haben kann, ganz in die Pflanzung dieses wunderschönen Gärtchens hat fliessen lassen.

Aber ach, wie unaufmerksam, wie pflichtvergessen stehe ich hier und hänge meinen Gedanken nach! Längst ist der alte Eimer auf Grundwasser geschlagen und harret meiner, wieder die Kurbel zu drehen um das, was ich in der Tiefe gefunden habe, heraufzubefördern. Kühles, lebensspendendes Nass, das nur darauf wartet, danach lechzt, an die Oberfläche gelangen zu können und den im heissen Tageslicht schmachtenden Pflänzchen Linderung zu bringen. Wie sagte schon meine selige Mutter? Einen Tagträumer möge man mich schelten!

Der alte Eimer kommt empor, und ein heisser Schreck durchfährt meine Glieder: Ich habe jetzt doch ganz gewiss schnell und beflissen das Seil eingeholt, und doch rinnt das Wasser in Strömen aus dem Eimer. Gar tückisch läuft es aus ihm heraus, ein böser Spalt hat sich in seinen Boden eingebissen, klein und unbemerkt zuerst, aber mit der Zeit – es hat wohl doch lange niemand mehr Wasser geholt an diesem Brunnen …

Schnell jetzt, ich darf nicht wieder in Gedanken zerschweifen und meine Pflichten vernachlässigen. Schnell, bevor am Ende noch alles Wasser verloren ist. Flink den Eimer vom Brunnenrand genommen, das Wasser in die goldene Kanne gefüllt, und mit grossen, eifrigen Schritten hin zum Blumenbeet geeilt. Ach wie schwer ist diese Last auf den Schultern, trotz des wenigen Wassers, dass sich in ihr befindet!

Wo ist denn plötzlich das Farbenmeer, das sich eben noch in mein sehnsuchtsvolles Auge schmiegte? Sehe ich doch nur noch…aber halt, es ist gut, nur Ruhe. Für einen Moment war mir, als wären all die herrlichen Blüten vertrocknet, als wären…aber nur Ruhe, alles ist gut, noch immer stehe ich umgeben von tausendfältiger Pracht. Ich kann jetzt mit meiner Arbeit beginnen.



Ich widme mich zuerst einer beschaulichen kleinen Tulpeninsel, rot und gelb leuchten die Blütenkelche zu mir herüber. Die erste von ihnen besprenkle ich liebevoll mit meiner goldenen Kanne, und freudig reckt sie sich zum Himmel empor. Ich eile weiter zu nächsten Blüte, und finde sie zu meiner Freude noch recht lebhaft, nur eine wenige braune und vertrocknete Stellen geben Zeugnis ab von der langen, langen Zeit, die sie ohne eine kümmernde Hand hat darben müssen. Wieder hebe ich meine Kanne, doch sie scheint schon fast leer zu sein – es sind diesmal nur wenige Tropfen, die träge aus der zerrosteten Öffnung hervorquellen…

Die nächste Blüte finde ich in einem ganz und gar vertrocketen Zustand vor, hier komme ich zu spät. Doch was nützt es jetzt, zu klagen und sich Selbstvorwürfe zu machen? So lange war ich fort, und wenn etwas weggestorben ist, währenddessen, während ich fort war, was hätte ich denn tun können?

Die Rosen des Sommers erwarten mich jetzt, doch es sind schwarze Rosen, die trotzig und stolz ihr äschernes, verdorrtes Haupt in die Sonne recken, grad so, als ob sie noch jung und schön währen. Meine Kanne ist noch so schwer, sie drückt und zerrt an meinen Schulter, es muss ein letzter Rest Wasser in ihr sein – vielleicht kann ich doch noch helfen?

Doch die Rosen wenden sich ab von mir. Stolz sind sie, so stolz, lieber verrecken sie in der Sonne als von mir, dem untreuen Sohn, gerettet zu werden. Ich stolpere, lasse meine Kanne fallen, und ein Teil des kostbaren Wassers verrinnt im hitzegespaltenen Erdboden! Ich muss umkehren, umkehren und Wasser holen, einen neuen Versuch wagen…



Als ich mich umdrehe, erhebt sich eine hohe Wand aus Dahlien vor mir. Auch sie müssen schon lange in der Hitze gedörrt haben…So gerne würde ich ihre Blätter und Blüten teilhaben lassen am lebensspendenden Nass! Vielleicht befindet sich ja noch etwas Wasser in der Kanne? Es kostet mich doch so viel Kraft, sie anzuheben…so viel, fast übersteigt es meine Kräfte, sie zu den schönen Blüten emporzuheben… und da, ein Beben meiner Schultern, ein letzter verzweifelter Versuch – es geht nicht. Ich bin wohl wirklich so schwächlich, wie mein seliger Vater immer gesagt hat…

Zu der Blumen Füssen, ab ihren staubigen Wurzeln müsste ich meine Gabe jetzt darbringen, ich, geschützt von ihrem hohen Schatten, geschützt, während die unerbittlich gleissende Sonne ihnen das Leben aussaugt!

Nichts dergleichen werde ich tun. Ich verweigere mich, auch ich bin stolz, stolz wie die Rosen des Sommers. Ich mache einen mächtigen Schritt, ich gehe vorwärts, und dann…dann durchbreche die dunkle Wand vor mir und schreite hindurch.



Ich weiss, was mich erwartet. Eine alte knarzende Kurbel über einem verlassen Brunnen, der Eimer schon vor Jahren in die Tiefe gestürzt. Ein kleiner, verödeter Friedhof am Rande einer kleinen Stadt. Kaum jemand kümmert sich noch um die wenigen Gräber, die hier eingelassen wurden…ich weiss nicht mal, was ich eigentlich hier wollte…

Nur meine goldene Kanne trage ich noch auf dem Rücken, ich trage sie immer bei mir – denn ich weiss einfach nicht, was ich damit anfangen soll.

Raserei

Mein Schloss im Grünen
Ist voll von blauen Räumen,
In denen gelbe Wände
Von roten Zimmern träumen.

Der schwarze Saal
Ist ein türkises Zimmer,
Das braun zu streichen ich befahl,
So ward er weiß für immer.


Sitzen sie auch gut, die eleganten samt roten Stiefel? Hat er auch den echten, standesgemäßen Schnitt, der hochgeschlossene Mantel, den er trägt? Es muss gut geschaut, gut kontrolliert werden, damit auch ja alles recht und ordentlich ist – denn sonst verdirbt es einem den Tag, und man könnte miesepetrig oder gar unleidlich werden.

Doch so nun alles an seinem Platze ist…lasset uns gehen! Lasset uns schreiten durch das große stolze Tor, das hineinführt in den herrlichen Thronsaal!

Gut anzuschauen ist er, auf das die Menge der Bewunderer etwas zu staunen und zu begaffen hat, wenn er eintritt, ihr Gebieter, ihr Herr und Meister – der Graf. Und aus tausend hellen Kehlen erklingen die Jubelrufe.

In der Mitte des Saales steht er jetzt, und wendet den Blick würdevoll in Richtung Spiegel, auf die edle Gestalt hin, die dort wohnhaftig ist – es ist der Gruß zu entrichten, darum geht es, deswegen sind wir hier.

Wie sie sich doch gleichen, die beiden Gestalten, und wie sie in holdem Einklang den Rumpf voreinander beugen – los, aufstellen, in wohl geordneten Zweierreihen, und hurtig dabei es dem Herrscher nach zu tun! Und stoßen sie aneinander, die Köpfe, so waget nicht, zu klagen! Ist es doch, um einer großen Sache zu huldigen.

Ob es heute wohl nach Plan verlaufen wird? Ob des Grafen Tollkühnheit und Mut genügend sind, die alten Regeln zu erfüllen? Es scheint, denn – oh, habt acht, der Herr beginnt sich zu bewegen, nimmt Anlauf, und jetzt läuft er gar, läuft, schnell wie der Wind, nur immerzu und direkt auf den Spiegel hin. Und mit einem Satz ist er hindurch, und ist gleichzeitig wieder da, fällt heraus und herein, wer kann sagen, was zuerst und was später war….und der Thronsaal kaskadiert, multipliziert, eskaliert in tolldreister Wahrhaftigkeit. Wo einer war, da sind jetzt viele, und sie alle sind bunt wie der Regenbogen. Im Lila sieht man in hin stürzen, nach dem großen Satz, der wohl des Guten dann zu viel gewesen. Im Roten bleibt er stehen, antriebslos, was soll er auch – ist doch alles schon gewesen, was fort zu sein nicht allzu sehr gebrach. Im Grün jedoch, da sieht man ihn noch immer — stehen sieht man ihn in inniger Verbeugung, und wie erstarrt ist seine Zeit. Was sollen wir – wir können uns nicht halten, ihm gleichzutun ist eines Meisters Volkes Sinn und Zweck und auch sein Fluch. Zerstreut Euch, hechtet, rennt, und wehe dem, der dort noch steht wo man schon itzt ihn stehen sah…..nur durch die Türen durch, und in die Spiegel rein, vom Rot ins Blau, und vorher durch das Gelb. Im Gelb, da ist er selber grad, läuft kreuz und quer, grad wie es ihm beliebt. Er springt. Er rast. Um ihn herum rotiert die Welt. Und kommt er gar ins Grün, so packt ihn wieder neckische Begier – sieht dort sich selbst, erstarrt, den Hintern zugekehrt, und kann sich nun den Tritt nicht mehr verkneifen—sein Fuß trifft auf, der Fuß, den wir vor Hunderttausend Jahren in edle Stiefel gut verhüllten, der Fuß, den er jetzt schmerzhaft wohl im eigensten Gesäße spürt. Und da ist’s auch vorbei – die Räume schwinden, wo eben noch die Farben lichterbunt rotierten, ist jetzt nur schnöde Wirklichkeit. Wie Schade – benommen stöhnend liegt das Volk am Grunde, doch gut – es war ein herrlich schöner Schabernack.

Der Graf, von all dem nur und tief im weissnichwo berührt, er streicht sich seinen Mantel glatt, er richtet seinen Frack…und eilt von dannen, hin zu andern Orten…fort.

Maßlosigkeit

Das Schöne an Familienfesten ist – neben den mit diesen meist einhergehenden freien Tagen und der Möglichkeit, sich mal wieder auf Kosten der Eltern nach Herzenslust den Bauch vollschlagen zu können – die Tatsache, dass zu diesen Anlässen eben regelmäßig die gesamte oder zumindest Teile der sonst durch Berufs- oder Studienwahl in alle Winde verstreuten Familie an ihren Ursprungsort zurückkehrt, um dort einige Zeit in ungetrübter Ruhe und Harmonie zu verbringen.
In dieser Hinsicht gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen dem „Hauptfest“ Weihnachten, zu dem oben beschriebene Konstellation in aller Regel durch Vollständigkeit besticht, und dem Nebenschauplatz „Ostern“, der durch seine geringere Gewichtung eben diese Vollständigkeit nicht erreicht, dafür aber auch durch ein grösseres sich ergebendes Variationsreichtum interessantere Personenkonstellationen ermöglicht.
In diesem Jahr handelte es sich hierbei um meine Wenigkeit, die nach einer erfolgreich überstandenen Geburtstagsparty am Ostersonntagmorgen eintraf, und meine kleinen Nichte Judith, die allerdings schon seit 10 Tagen meine Eltern mit Ihrer Anwesenheit erfreute, da sich ihre Mutter mit Papi und grossem Brüderchen im Skiurlaub befand.
Hieraus erschliesst sich, dass ich bei meiner Ankunft ein Beziehungsgeflecht vorfand, das die erste schüchterne Phase des Sich-Herantastens bereits hinter sich hatte und in dem die Grundzüge eines beispielhaften Parasitenverhältnisses bereits in schönster Blüte standen.
‚Hallo Onkel Christian – Judith Urlaub!‘
Wie üblich hatte mein Vater mich mit dem Auto vom nahegelegenen Bahnhof abgeholt, und der kleine Feriengast kam uns freudestrahlend entgegen gestackst. Seine Augen leuchteten:
‚Judith viel gefrühstückt!‘
Ich warf einen schnellen Blick auf meinen Vater, dessen von Freud und Leid gleichermassen gezeichnetes Gesicht mir schon während der Autofahrt aufgefallen war, und ich begann erste Zusammenhänge zu ahnen.
‚Judith Popo vollgemacht, Opi das wegmachen!‘.
Ich erfuhr, dass sich dieses Ereignis konstant viermal pro Tag ereignete, wobei Judith die mit Fleiss erkämpfte Aufmerksamkeit ihres Grossvaters jedesmal sehr genoss und auf die Regelmässigkeit ihrer Produktion sichtlich stolz war.
Nachdem der Mittagstisch dem Anlass entsprechend gedeckt war und auch ein für Judiths Alter bzw. Körpergrösse passender Stuhl an seinem Platz stand, setzte ich mich. Was mir auffiel: warum gab es in einem Kinderbesteck grundsätzlich tiefe Teller, also Exemplare mit eher grösserer Füllmenge als z.B. Bei dem eher flach gehaltene Modell, das ich an meinem Platz vorfand? Sollte nicht die Essensmenge eines Kleinkindes eher geringer zu veranschlagen sein als die eines ausgewachsenen, kräftigen Mannes wie mir? Eine gewisse beklommene Vorahnung drohte von mir Besitz zu ergreifen, aber ich schob sie beiseite.
Während für uns drei Erwachsene das Mittagsmahl aus einem Möhrensalat als Vorspeise sowie Nudeln mit Gulasch bestand, zog Judith eine Direktkombination aus Salat mit Nudeln vor.
Nachdem ich den ersten Gang beendet und mir in der Küche die erste Ladung Gulasch besorgt hatte, erkannte ich auch, warum: Auch wenn Judith der Sache an sich großen Eifer widmete, bedeutete der zivilisatorisch korrekte Umgang mit dem Besteck für sie noch eine gewisse motorische Überforderung.
Ihre kleinen Augen leuchteten erwartungsvoll, während sie emsig die ersten Okkupationsversuche bezüglich eines auf dem Teller träge vor sich hinschlummernden Möhrenstückchens einleitete. Als dieser Versuch – erwartungsgemäss – fehlschlug, entbrannte ein auf beiden Seiten mit grosser Heftigkeit geführter Kampf: Das Möhrenstückchen war aus seinem unschuldigen Schlaf erwacht, hatte die Brisanz der Situation blitzartig erfasst und wehrte sich jetzt nach Leibeskräften gegen die ihm zugedachte Opferrolle.
Die übrigen Nahrungsmittel hatten sich in respektvoller Entfernung an den Tellerrand zurückgezogen, so dass die beiden nun untrennbar ineinander verkeilten Kontrahenten sich alleine auf einer nun Arenenhaft geformten Kampffläche wiederfanden. Als ich einen Moment später mit einer neuen Portion Gulasch aus der Küche wiederkam – ich hatte mich von dem fesselnden Schauspiel nur mit Mühe lösen können – war der Kampf entschieden: während Judith mit triumphierendem Blick ihre beiden siegreichen Hände betrachtete und offensichtlich sehr mit sich zufrieden war, war von ihrem Kontrahenten nur eine dünne, fahle Spur Salatöl übriggeblieben. Ein schneller Blick auf den Rest des Tellers zeigte mir, dass dieses Ereignis auch für dessen restliche Belegschaft nicht ohne Folgen geblieben war: Während die noch verbleibenden Salatreste offensichtlich mit dem Leben abgeschlossen hatte und mutlos auf dem Tellerrand pappten, zeigte sich unter den bisher noch unangetastet gebliebenen Nudeln noch ungebrochener Widerstandsgeist: Die streng in Reih und Glied stehenden spiralförmigen Teigwaren dachten offenbar nicht daran, sich einfach so ihrem Schicksal zu fügen.
Gleichzeitig hatte auch Judith instinktiv die Stimmung des Augenblicks erfasst und beschloss, die ohnehin angeschlagene Kampfmoral ihres Mittagessens jetzt ein für allemal zu brechen. Sie überliess den noch verbliebenden Salat seinem Schicksal und wendete ihre volle Aufmerksamkeit nun dem Hauptgang zu.
Der erste Angriff der sturzflugartig herabschnellenden Kinderbestecksgabel ging fehl, da die Nudel, der dieser heimtückische Angriff gegolten hatte, sich im allerletzten Moment herumgeworfen hatte und nun hinter einem Salatblatt in Deckung ging. Ein lautes Quietschen ertönte, als Judith kraftvoll auf dem schneeweißen Porzellan aufstiess.
Ein weiterer Angriff folgte sekundenschnell nach dem ersten – Judith schien zu wissen, das man dem immer noch angeschlagenen Feind jetzt keine Atempause gönnen durfte – aber auch dieser schlug aufgrund eines heldenhaften Ausweichmanövers der betreffenden Teigware fehl.
Für einen kurzen Moment herrschte Stille – Judith schien über ihr weiteres Vorgehen nachzudenken, vielleicht wollte sie ihrem Essen diesen Teilerfolg zugestehen und sich doch erstmal dem leichter Herr zu werdenden Salat widmen? Sekundenlang standen sich beide Kontrahenten Auge in Auge gegenüber, die Luft schien elektrisch aufgeladen zu sein, keiner wagte zu atmen.
Dann öffnete sich Judiths Mund, und die Entscheidung brach wie eine schicksalhafte Verwünschung über die gerade eben noch mit dem Leben davongekommenen Veteranen herein:
‚Judith Nudeln mit Fingern Essen!‘ krähte sie und schaute nach Zustimmung heischend zu uns herauf.
In dem Versuch, mich dem nun folgenden grausigen Schauspiel zu entziehen, ging ich in die Küche, um mir eine neue Portion Gulasch zu besorgen.
Als ich wiederkam, hatte sich, wie ich erwartet hatte, die Situation auf dem Kriegsschauplatz grundlegend verändert: Die eben noch strenge Formation der Nudeln war aufgebrochen, die allgemeine Disziplin brach zusammen und jeder suchte offensichtlich nur noch sein Heil in der Flucht. Nur jetzt nicht gefasst werden, dann lieber Fahnenflüchtig Standgericht und ein schneller, gnädiger Tod am nächsten Galgen. Allerdings, die Fluchtversuche waren vergeblich: mit triumphierendem Blick hielt Judith das erste Opfer ihre neuen Kriegstaktik in die Höhe:
‚Judith Nudeln mit Fingern essen!‘ wiederholte sie triumphierend und zeigte der Tischrunde das hilflos zwischen ihren Fingern zappelnde Etwas. Ich wollte den Blick erst abwenden, konnte es dann aber doch nicht: Ich starrte in ein paar angstgeweiteter Augen.
Ich holte mir eine neue Portion Gulasch aus der Küche – ich wollte nicht mitansehen, was sich da vor meinen Augen abspielte.
Als ich wiederkam, war alles schon vorbei: Judith saß fröhlich glucksend auf ihrem Kinderstühlchen, und von der einstmals stolzen Schar ihres Mittagsessens waren nur vereinzelte Reste zurückgeblieben, die träge im vergossenen Salatöl ihrer verstorbenen Brüder lagen und die jetzt wohl nur noch die Spülmaschine erwartete.
‚Judith viel zu Mittag gegessen!‘ Sie schaute sich um, und ihr Blick traf erwartungsvoll auf den meines Vaters. ‚Judith Popo vollgemacht, Opi das wegmachen…!‘