Ein genialer Plan

“Er fühlte sich so erleichtert, als wäre er aus Lebensgefahr gerettet worden. Die Vorstellung füllte ihn aus, sich in ein Zimmer zurückziehen, auf einem Bett sich ausstrecken, einen Schluck trinken und irgendeinen belanglosen Film ansehen zu können, während draußen das Unwetter tobte. Seine Nackenmuskeln entspannten sich.
Der Plan, noch an diesem Abend über hundert Meilen zu fahren, war ohnehin völlig verrückt gewesen. Chattanooga lief ihm nicht weg, Atlanta auch nicht. Er hatte eine ganze Woche Zeit, Urlaub, Freizeit ohne Termine. Niemand erwartete ihn. Er konnte herumstreunen, wo und wie es ihm gefiel.
Er würde sich ins Bett legen, noch einen Whisky trinken oder zwei, ausschlafen und morgen früh weiterfahren. Wahrscheinlich war der Himmel bis dahin auch wieder blau. Es konnte ja nicht ewig so gießen.”

Jetzt, da er die Formalitäten an der Hotelrezeption hinter sich gebracht hatte (und wie froh war er gewesen, dass er trotz der stark vorgerückten Stunde überhaupt noch jemanden angetroffen hatte!), konnte er sogar etwas komisches am Stress der letzten Tage sehen. Er kicherte, und betrachtete sein eigenes erschöpftes, regennasses Gesicht in dem einfachen Metallspiegel, der im Inneren des quietschenden alten Hotelfahrstuhls angebracht war, mit dem er gerade in den zweiten Stock fuhr. Der sintflutartige Regen jetzt am Abend war ja nur das letzte Glied in einer langen Kette von anstrengenden, nervenaufreibenden Ereignissen, mit denen die letzten zwei Wochen – genauer betrachtet sogar das letzte halbe Jahr – gespickt gewesen waren:
Angefangen hatte es – wie solche Dinge häufig anzufangen pflegen – mit der Suche nach einem Job. Sein alter Arbeitgeber war nach einer unerwarteten Flaute in finanzielle Schwierigkeiten geraten, und hatte ihm – trotz seiner heftigen Proteste – die Stellung gekündigt. Kurze Zeit zuvor hatte sich seine Frau von ihm getrennt und war mit ihrem Liebhaber in die Toskana durchgebrannt, und die Unterhaltskosten, die er laut Gesetz und dem, wie er feststellen musste, für ihn äusserst ungünstigen Ehevertrag leisten musste, machten ihm arg zu Schaffen. Er war also froh gewesen, ohne großartig suchen zu müssen eine Stelle im Vertrieb eines Grosslieferanten zu bekommen, der sogar in der gleichen Stadt ansässig war, in der er bisher gewohnt hatte. Die Bezahlung war zwar nicht umwerfend, aber erträglich, und auf den ersten Blick machten die Firma und seine neuen Kollegen einen erträglichen, ja sogar netten Eindruck.
Ein Zeitvertrag auf zwei Jahre, mit einer Probezeit von sechs Monaten. Die waren jetzt abgelaufen, und man hatte ihm eine Woche Urlaub gewährt. Gottseidank! Er hatte es dringend nötig, mal wirklich abzuschalten. Der erste, positive Eindruck, den er von seinem neuen Arbeitgeber gehabt hatte, hatte ihn nämlich gründlichst getäuscht: mal ganz abgesehen von dem rauhen, äusserst rüden Umgangston, den man sich ihm gegenüber herausnahm (übrigens nur ihm gegenüber, untereinander waren seine Kollegen halbwegs freundlich zueinander) , hatte er auch zunehmend den Eindruck gewonnen, dass die Firma regelmäßig in Geschäfte verwickelt war, für die „an der Grenze der Legalität“ ein über alle Massen beschönigender Ausdruck gewesen wäre – allzu häufig wurde Ware des Nachts – ohne Eintrag in die Buchführung – angeliefert, und ebenso viele Lieferungen verließen das Lager auf ganz ähnliche Weise. Das offizielle, nicht sehr umfangreiche „Tagesgeschäft“ schien ihm manchmal fast nur als Tarnung zu dienen….

Während er mit seinen Gedanken den Ereignissen der letzten Monate nachhing, war er mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock hinaufgefahren, und hatte begonnen, in dem langen, nur schwach beleuchteten Etagenflur nach der Zimmertüre mit der gleichen Nummer zu suchen, die dem kleinen, abgenutzten Schlüssel mit dem protzigen Messinganhänger entsprach, den er von dem – schließlich doch schlechtgelaunten – Nachtportier erhalten hatte.
Endlich war er fündig geworden, schloss jetzt die Türe auf und ging hinein ins Zimmer.
Er sah sich um: sein Blick glitt über eine einfache, aber zweckmässige Zimmereinrichtung – ein Bett mit Nachttischchen, ein Einbauschrank sowie ein kleiner Tisch. Auf dem Tisch stand ein alter Schwarzweißfernseher mit einer rostigen kleinen Zimmerantennte. Das reichte ihm – er würde nur bis morgen früh bleiben, und außer Schlafen würde er heute sicher nichts mehr unternehmen. Er würde keinen Whisky mehr trinken – die Hotelbar hatte im Vorbeigehen einen wenig gemütlichen, geradezu unheimlichen Eindruck auf ihn gemacht, und überhaupt hatte er keine Lust, noch einmal den Weg an dem knurrigen Nachtportier vorbei ins Erdgeschoss zu machen.
Er legte seine grosse dunkelblaue Reisetasche in die nächste Ecke, schaltete den Fernseher ein und ließ sich erschöpft auf das – augenscheinlich jedenfalls – frisch bezogene Bett fallen.
„…Lotto: in der Ziehung vom heutigen Samstag, den dritten Dezember wurden folgende Ergebnisse ermittelt: 3, 7..“
Er wollte gerade auf ein anderes Programm schalten, als ihm einfiel, dass er ja – ausnahmsweise – diese Woche selber gespielt hatte. Der Tippschein war ein Abschieds-Geschenk von seiner Exfrau und ihrem Liebhaber gewesen. Sonderlich interessiert hatte ihn das ganze nicht, aber naja, warum nicht.Wenn er den Schein nun schonmal hatte…Was waren seine Zahlen noch gleich gewesen? 3, 7, 34, 35,….verdammt.
„Verdammt!“
Ungläubig starrte er die Zahlenfolge auf der verstaubten Mattscheibe an. Dann sprang er auf, griff zu seinem Portemonnaie und verglich sie mit der, auf dem kleinen gelben Schein, den er vorgestern morgen eingesteckt hatte….
Nein, der Zettel war noch da. Nein, er hatte nicht im letzten Moment doch noch etwas anderes getippt. Nein, er hatte nicht vergessen zu unterschreiben oder seine Adresse einzutragen. Hier stimmte alles. Und auch die Zahlen stimmten. Alle.
Es war einer von den Momenten, von denen er schon immer gerne hatte wissen wollen, wie er sich anfühlen würde – und jetzt, wo er da war, war es enttäuschend harmlos. Ok, er hatte da offenbar einen Haufen Geld gewonnen. Einen wirklich großen Haufen, wenn er Glück hatte. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit sogar einen ziemlich großen Haufen. Was bedeutete das? Das bedeutete – nun, er würde fürs erste schonmal nicht mehr arbeiten müssen. Sein Urlaub würde länger dauern als nur die eine Woche, die geplant war. Wesentlich länger….und jetzt erst, ganz allmählich, breitete sich ein tiefes Glücksgefühl in ihm aus, und irgendjemand tief in seinem Innern begann, wie irre zu kichern.
Er schaute aus dem kleinen schmutzigen Fenster hinaus nach draußen – das bedeutete auch, er würde diese Gegend mit ihrem vermaledeiten Dauerregen für immer verlassen können. Er würde irgendwo in den Süden ziehen, nach Kalifornien oder irgendwohin sonst, wo es warm war. Aber vorher könnte er…ihm kam eine Idee, und der irre kichernde Jemand in ihm begann, lauthals zu lachen.



Nachdem ihm dieser – wie er fand – geniale Gedanke gekommen war, war er quasi sofort aufgestanden, hatte sein Zimmer verlassen und dem jetzt deutlich verärgerten Nachtportier den eben erst in Empfang genommenen Schlüssel wieder ausgehändigt. Dann war er durch den immer noch Bindfadendicken Regen zu seinem Auto gelaufen, war wieder auf den dunklen Highway eingebogen, den er gerade eben erst verlassen hatte und war dann in Richtung der gut zwölf Meilen entfernten Firma gefahren. Er wusste, um diese Zeit würde niemand mehr dort sein. Und glaubte auch zu wissen, wie man das unzureichende Sicherungssystem der hinteren Eingangstür unbemerkt umgehen konnte.
Der Ausliefertermin für den Deal mit den reichen, aber höchst sensiblen asiatischen Geschäftspartnern war morgen früh um halb sieben – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde vorher niemand mehr die nötige Zeit haben, um all die Pakete kontrollieren. Jetzt, da er nicht mehr auf seinen Job angewiesen war, verspürte er eine grosse Freude bei der Vorstellung, mit einer geschickt angelegten Verwechslungsaktion den ganzen Laden in den Ruin zu treiben – und genau zu diesem Zweck war er hier. Er musste lachen, wenn er an die dummen Gesichter seiner verhassten Kollegen dachte, wenn sie merkten, was sie da wirklich ausgeliefert haben würden…Er musste bloß in die Lagerräume einsteigen und ein paar kleine, klitztekleine Änderungen in der Beschriftung vornehmen….eine der illegalen Lieferungen, so vertauscht, dass sie zwangsläufig direkt ins Licht der Öffentlichkeit geraten würde – und niemand würde ihn verdächtigen… ihn doch nicht, den kleinen Angestellten am Ende der Probezeit, der froh war, den Job überhaupt bekommen zu haben, und den man zu alle dem in Urlaub im fernen Atlanta wähnte..



Die Nerven der Mitglieder der kleinen Gruppe, die sich in dieser Nacht in der dunklen Lagerhalle zusammengekommen war, waren zum Zerreißen gespannt – es hatte immer wieder illegale Geschäfte gegeben, völlig klar, aber noch niemals eines von einer solchen Brisanz wie heute. Wenn alles glatt ging, würden sie alle für den Rest ihres Lebens ausgesorgt haben, im Grunde war diese Gelegenheit nur mit einem Sechser im Lotto zu vergleichen – und zwar einer für jeden von ihnen. Und das Risiko war minimal. Aber trotzdem…eine gewisse Angespanntheit ließ sich nicht leugnen. Eine so grosse Lieferung an qualitativ hochwertigem, reinen Heroin gab es nur ganz selten, und noch nie war die Polizei einem Deal dieser Größenordnung auf die Schliche gekommen. Wenn irgend jemand sie bei dem erwischen würde, was sie heute hier taten, würden sie für die nächsten zwanzig oder dreißig Jahre nur noch gesiebte Luft atmen…
Aber, wer sollte sie schon entdecken? In der Firma hatte man bezüglich dieser Sache absolutes Stillschweigen bewahrt, und der grösste Idiot von allen war genau passend heute Mittag in Urlaub gefahren – nach menschlichem Ermessen konnte also gar nichts schiefgehen…

***

Immer noch fiel schwerer Regen auf den schmalen Seitenstreifen am Rande des verlassenen Highways – es musste sich hierbei um eine wirklich ganz erstaunliche Schlechtwetterperiode handeln. Eine dunkles Paket lag am Boden – es hatte entfernte Ähnlichkeit mit einer Teppichrolle, war aber dafür in der Mitte etwas zu dick. Wenn jemand genau hinsähe, würde er vielleicht die leichte Krümmung feststellen, die das Paket aufwies, und dann könnte ihm ein Verdacht kommen. Er würde dann vielleicht noch genauer hinschauen, und dann würden ihm mit Sicherheit die eingetrockneten Blutspuren auffallen, die von außen zu sehen waren. Und dieser Jemand würde sich erst sehr erschrecken, dann die Polizei rufen und schließlich mit bestürzter oder auch – je nach Typ – hektisch aufgeregter Mine zuschauen, wie die Beamten einen höchst grausigen Fund zu Tage förderten. Aber es kam niemand – und deshalb blieb alles, wie es war, und der Regen prasselte weiter laut auf den schwarzen Asphalt.

Golem

Niemand sagte etwas, ab jetzt war es unmöglich, etwas zu sagen, wir hätten gehört werden können. Im Stall war es noch wärmer als draußen. Er war niedrig, ziemlich groß, weiß gekalkt und leer bis auf ein Gestell, so ähnlich wie das, was in der Schule zum Bockspringen benutzt wird. An den Wänden waren ein paar Ringe eingemauert, vielleicht hatten da früher Pferde gestanden. Es brannte das rötliche Licht, das für die Ferkelaufzucht gebraucht wird. In diesem Stall kam er mir plötzlich größer vor, auch seine Stimme klang anders, als er uns sagte, dass wir uns ganz ruhig verhalten sollten.

Die Situation, in der wir uns befanden, war höchst brisant – wenn wir nicht höllisch aufpassten, würden sie uns hier finden. Und das würde bedeuten, das nicht nur wir, sondern auch die grauenhafte Entdeckung, die wir gemacht hatten, verloren war. Der Konzern würde sein verbrecherisches Handeln fortsetzen, und niemand würde etwas dagegen unternehmen können.
Ich sah wieder auf zu unserem Anführer, dessen breites Gesicht mit den tief in ihren Höhlen liegenden grauen Augen in diesem rötlichen Licht noch unheimlicher wirkte als bisher. Ich wusste nicht recht, was ich von ihm halten sollte: er hatte meine Gefährten und mich unter Einsatz seines Lebens hierhergeführt und uns damit vor dem sicheren Tod bewahrt – das sprach für ihn. Andererseits…es war nicht nur sein Gesicht, das mir ein tiefes Misstrauen einflößte – dafür konnte er nichts, das war dem Konzern zuzuschreiben, der mit seinen jede Ethik verhöhnenden Experimenten Wesen wie ihn geschaffen hatten. Es war vor allem sein Verhalten – er hatte uns hier hereingeführt, aber darüber, wie es von hier aus weitergehen sollte, schwieg er sich beharrlich aus.
Auf dem Weg hierhin hatten wir wenig Gelegenheit gehabt, zu sprechen. Unsere Flucht aus dem unterirdischen Labor war nur durch einen unglaublichen Zufall möglich gewesen – jeder von uns war auf einem anderen Weg in die Gefangenschaft des Konzerns geraten, jeder in diesem zusammengewürfelten Haufen hatte seine Geschichte. Bei mir war es vor allem Neugierde gewesen, gepaart mit Sensationslust und einem gewissen Geltungsdrang. Als kleiner Reporter bei einem unbedeutenden Käseblatt war ich durch Zufall auf die Spur der skandalösen Vorgänge geraten, hatte recherchiert, nachgeforscht, und schließlich auf eigene Faust einen Alleingang unternommen.
Eine Sache hatten wir alle hier gemeinsam – wir hatten den Konzern unterschätzt, und deshalb waren wir ihm blindlings in die Falle gelaufen.
Ich schaute mich um in dem niedrigen Raum, in dem wir jetzt seit schon einer Viertelstunde schweigend warteten – die Ringe an den Wänden, so stellte ich mit wachsender Beunruhigung fest, waren viel zu niedrig, um für die Haltung von Pferden gemacht worden zu sein – einem normal gewachsenen, mittelgroßen Menschen reichten sie gerade bis zur Hüfte. Sollte etwa…?
Man hatte uns in enge, dunkle Zellen gesperrt, manche von uns hatten etliche Wochen dort zugebracht, während denen man sie regelmäßig mit brutalsten Methoden geführten Verhören unterzogen hatte – als ob einzelne Menschen wie wir dem Konzern wirklich ernsthaft gefährlich werden könnten.
Die Fleischskandale hatten in letzter Zeit von sich reden gemacht, waren trotz allen Vertuschungsversuchen in die Presse gewandert, aber niemand ahnte wirklich, was hinter all dem stand – ein paar Tonnen vergammeltes Fleisch hier und da, das war alles. Oh wenn sie wüssten…..
Nachdem man uns für ungefährlich erklärt hatte, musste man uns irgendwie los werden. Klar, dass der Konzern uns jetzt, nach all dem, was wir gesehen hatten, nicht mehr gehen lassen konnte. Wir mussten beseitigt werden, und so dienten wir durch eine bösartige Ironie des Schicksals der gleichen perversen Maschinerie als Nahrung, die zu entlarven unser Ziel gewesen war.
Eigentlich war es erstaunlich, wie leicht die breite Öffentlichkeit sich mit den wenigen Meldungen, die über die Fortschritte und Methoden der Gentechnik an die Presse gelangten, zufrieden gab. Offenbar glaubten die Menschen wirklich, das wäre alles….als ob die gewissenlose, geld- und machtgierige Industrie der modernen kapitalistischen Welt es dabei belassen würde! In dieser neuen Technologie steckten Milliardengewinne – was zählten da schon die kleingeistig-naiven, rückständigen Moralvorstellungen, in denen unsere Gesellschaft jetzt noch gefangen war?
Auch hier zählte, wie überall, nur, wer zuerst ans Ziel gelangte, wessen Experimente zuerst von durchschlagendem Erfolg gekrönt waren, wer es als erster wirklich schaffte: alles tun zu können, was der menschlichen Phantasie in den Sinn kam und gottgleich die Natur zu beherrschen.
Man hatte Experimente an uns durchgeführt – da wir uns als Feinde des Konzerns gezeigt hatten, und da wir ja sowieso für immer verschwinden würden, hatte man besonders uns gegenüber jede vielleicht noch vorhandene Rücksichtnahme aufgegeben. Für einige von uns war es wirklich schlimm gewesen. Auf dem Weg hierhin, in den engen und verwinkelten Gängen, hatte es nur wenig Gelegenheiten gegeben, mehr als nur einen oberflächlichen Blick auf meine Kumpanen zu werfen, aber dass, was ich jetzt sah…
Ein Geräusch von Aussen ließ mich aus meinen Gedanken aufschrecken – etwas, dass wie eine hohe, schrille Signaltrompete klang, brach in unsere angespannte Stille ein und schlug sie entzwei. Instinktiv richteten wir alle unsere Blicke auf die grosse, schwerfällige und seltsam verkrümmte Gestalt unseres Anführers. Ich erschrak, als ich in seine Augen sah – irgendetwas dort hatte sich verändert, das stumpfe, leblose Grau war einem hektischen Flackern gewichen. Das Unbehagen, das ich von dem Moment an empfunden hatte, in dem wir unser Schicksal in Ermangelung einer Alternative und wider besseren Wissens in seine Hände gelegt hatten, wuchs.
Als wir in einem abgelegenen Versorgungstunnel auf seine grosse, bedrohlich aussehende Gestalt gestoßen waren, waren wir schon davon überzeugt gewesen, dass unsere von vorneherein aussichtslose Flucht hier ihr frühzeitiges Ende gefunden hätte – er war plötzlich einfach da gewesen, es wäre völlig zwecklose gewesen, davon zu laufen. Aber dann hatte er uns mit seiner dumpfen, emotionslosen Stimme versprochen, uns heraus ans Tageslicht zu führen. Und nach dem stundenlangen, panischen herumirren in den unterirdischen Gängen, verzweifelt und zu Tode erschöpft, hatten wir ihm geglaubt.
Jetzt stand er vor uns, und ein leichtes, fortdauerndes Beben lief durch seinen missgestalteten Körper. Einem plötzlichen Gefühl folgend drehte ich mich um und sah zu dem an einer der weiss gekalkten Wände des niedrigen Raumes stehenden Gestell herüber. In diesem Augenblick wurde aus der Furcht, die mehr und mehr in mir gewachsen war, eine schreckliche Gewissheit: das, was mir im ersten Moment wie eine harmlose Konstruktion aus Holz und Metall erschienen war, hatte sich ebenfalls verändert – wahrscheinlich im gleichen Augenblick, in dem von draußen das Signal ertönt war und wir die merkwürdigen Veränderungen an unserem Anführer beobachtet hatten. Aus dem Gestell waren einige metallene Arme und Stangen gefahren, jede von ihnen mit chirurgischen Werkzeugen und Apparaturen versehen. Ihr Zweck war eindeutig, und es gab hier nichts mehr zu hoffen.
Einen Moment später spürte ich die harten, kräftigen Arme unseres Anführers, die sich auf meine Schultern gelegt hatten und mich langsam, aber unerbittlich zuschoben auf das, wovon zu berichten ich keine Gelegenheit mehr haben würde…

Neid

Eine Kriminalgeschichte, mit:

Giovanni Manguera, einem reicher Kaufmann

Der Komtess von Vegnova, seiner jungen, schönen Gattin

Francesco Varguez, seinem schlecht bezahlten Diener

Maria Varguez, dessen Gattin

Marietta Manguera, der Schwester des Kaufmanns

Antonio Forguez, einem Geschäftspartner

…sowie dem Botenjungen der Familie Manguera

Prolog

Lieber Leser, sei mir willkommen!
Schenke mir einen kurzen Augenblick Deiner Zeit, und lasse mich Dir die dramatischen und turbulenten Ereignisse meiner Jugend enthüllen, die die Stadt, in der ich lebte, in grosse Aufruhr versetzten und mich selbst schließlich zum reichen Mann machten. Lehne Dich zurück, während auch ich mich in meinen bequemen Sessel setze, die Augen schliesse und die Bilder wieder wach rufe, die ich seit damals noch unverändert in meinem Gedächtnis trage…

I. Kapitel

1.

(worin ein reicher Kaufmann ein Glas Wein auf den Abschluss eines guten, erfolgreichen Monats trinkt und ganz gegen seine Erwartung elendig krepieret)

Giovanni Manguera strich noch einmal zufrieden über die letzten Golddukaten, dann legte er sie zu den anderen in den grossen, eisernen Schrank an der Hinterseite seines Geschäftszimmers. Dieser Monat war gut verlaufen, er hatte einen wichtigen Handel ganz in seinem Sinne (und ganz und gar nicht in dem seines Geschäftspartners) abschliessen können.
Er nahm sich einen Moment Zeit und ließ seinen Blick durch sein Arbeitszimmer schweifen. Stolz erfüllte ihn – sein Handel wurde grösser und grösser, es gab in dieser Stadt zur Zeit keinen, der ihm an Reichtum und Macht gleichkam. An den Wänden hingen Bilder der berühmtesten Maler des Landes, der Boden war mit edelsten Teppichen geschmückt, und vor ihm auf dem Tisch stand eine kleine Büste seiner selbst, gegossen aus purem Gold.
Vor einem Jahr hatte er die schöne Komtess von Vegnova zur Frau genommen – auch diese Verbindung wäre für ihn, den nicht-Adligen Bürger, ohne seinen geschäftlichen Erfolg (und ohne die finanziellen Probleme des von Verarmung bedrohten Geschlechts der Vegnoser) nicht möglich gewesen. Die Liebe seiner jungen Gemahlin war wie ein Lichtschein durch sein von harter Arbeit und Streit mit seinen Geschäftspartnern geprägtes Leben gedrungen.
Bevor er für diesen Tag seine Arbeit beenden und seine Schritte in sein nur wenige Straßen entfernt stehendes Wohnhaus lenke würde, wollte er noch in aller Ruhe ein Glas guten Weines trinken, wie er es immer nach wichtigen Geschäftsabschlüssen zu tun pflegte.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch, nahm einen reich verzierten Kelch, füllte ihn mit Wein aus der Flasche, die er sich von seinem Diener eben zu diesem Zwecke hatte bereitstellen lassen, und setzte ihn an die Lippen.
Der erste Schluck schmeckte vollmundig und süss, und ein wohliges Gefühl begann sich in Giovanni Mangueras Magen auszubreiten. Das merkwürdige Stechen in seiner Brust begann erst, als er nach einem kurzen Moment zum zweiten Mal trank.
Fast noch grösser als der Schmerz, der sich ausbreitete und schnell, sehr schnell seinen Beine, seine Arme und schließlich seinen Kopf erreichte, war die Verwunderung darüber, dass ihm ein so elendiges Ende zuteil werden konnte. Er kippte langsam vornüber, und noch bevor er mit dem Kopf hart auf der Holzplatte des auf goldenen Füßen stehenden Schreibtischs aufschlug, war er tot.

2.
(worin ein junger Bursche eine Botschaft durch die Stadt trägt und dabei frohen Mutes seinen Gedanken nachgeht)

Der Frühling versprach in diesem Jahr besonders schön zu werden. An den Bäumen hatten sich schon vor ein paar Wochen die ersten Blätter gezeigt, und mittlerweile grünte und blühte die ganze Stadt. Während ich mir zielsicher meinen Weg durch die Straßen und verwinkelten Gassen suchte, hingen meine Gedanken den dramatischen Ereignissen nach, die die Öffentlichkeit in den letzten Tagen in Atem gehalten hatte.
Ich fühlte in mir eine tiefe innere Zufriedenheit, eine Sorglosigkeit, wie man sie wohl nur als junger Mensch empfinden kann, den Kopf voller aussichtreicher Zukunftspläne und das Herz frei von Ängsten und Sorgen.
Meine Aufgabe war es, eine Botschaft zu überbringen, und als ich um die nächste Straßenecke bog, begann ich ohne es zu merken laut zu pfeiffen.

II. Kapitel
1.
(Worin der Kaufmann sich als launische Herrschaft zeigt, und sein armer Diener jedermann leid tut)

‚Herr, die Arbeit wäre jetzt fertiggestellt. Die Ware befindet sich sortiert und gezählt im Lager, und die Bücher sind kontrolliert und bereinigt.‘
In demütiger Haltung wartete der klein gewachsene, etwas untersetzte Diener darauf, dass sein Herr von seiner Arbeit aufschaute.
‚Ich würde dann nach Hause gehen, es ist schon später Abend…‘
Widerwillig sah der reiche Kaufmann von seinem Schreibtisch auf, auf dem das grosse Handelsregister der weiteren Umgebung aufgeschlagen lag.
‚So, spät ist es – wäre Euch wohl am liebsten, ihr kämet gar nicht hierher? Ich seh’s Euch an, jede Form von Arbeit ist Euch doch eine Zumutung. Na, schert Euch weg, und kommt Morgen gefälligst eine Stunde eher, es müssen einige Rechnungen geschrieben werden. Was ist, worauf wartet Ihr noch?‘
Der Diener senkte den Kopf und zögerte einen Augenblick, bevor er mit leiser Stimme erwiderte:
‚Herr, der Lohn – Ich habe seit vorletztem Monat kein Geld mehr bekommen, und ihr wisst, meine Frau und die Kinder, sie…‘
‚Ha!‘ der Kaufmann machte sich jetzt erst die Mühe, von seinem Buch aufzuschauen und seinen Diener anzusehen.
‚Geld – denkt lieber an Eure Arbeit, anstatt Euch schon vorher auf den Lohn zu freuen, den Ihr doch nur wieder verjubeln wollt! Wo wir schon bei dem Thema sind – in der Abrechnung der letzten Woche waren Fehler. 400 Golddukaten Differenz! Wisst Ihr, wohin sowas führen kann?!‘
‚Aber Herr, zu diesen Einnahmen gibt es keinerlei Schriftstücke, ich…‘
‚Das weiss ich, die soll es auch nicht geben. Trotzdem müsst Ihr dafür sorgen, dass die Abrechnung stimmt, Eure Sache, wie Ihr das anstellt. Und nun geht zum Teufel!‘



2.
(worin der Diener auf dem Heimweg die schöne Gattin des Kaufmanns trifft und sie ihm verheissungsvolle Dinge offenbart)

Wenig später schloss Francesco Varguez die Pforte des Geschäftshauses hinter sich, stieg müde die wenigen Stufen der zur Straße führenden Steintreppe hinab und machte sich trübsinnig auf den Weg nach Hause. Er würde am nächsten Tag nicht nur eine, sondern zwei Stunden eher kommen müssen, um die fehlerhaften Abrechnungen zu korrigieren. Wut stieg in ihm auf – die Unstimmigkeiten waren nicht sein Verschulden, sondern waren auf heimlichen und ungesetzlichen Handel zurückzuführen, den sein Herr immer wieder trieb. Es waren dies immer Geschäfte, die ihn noch reicher und irgendeinen armen Tropf nur noch ärmer machten. Das Übel – wenn dies alles nicht schon übel genug war – bestand darin, dass das Risiko dabei letztlich bei ihm, bei Francesco lag. Er musste die Abrechnungen fälschen, er musste dafür sorgen, dass der Rat der Stadt, der immer ein wachsames Auge auf die Geschäften seines Herrn warf, von diesen geheimen Aktionen nichts erfuhr, und er war es, der im Zweifelsfalle dafür in den Stadtkerker wanderte. Und dabei speisste man ihn mit einem Hungerlohn ab.
Sein Weg führte ihn gerade an der grossen, prunkvollen Villa seines Herrn vorbei, und er warf einen düsteren, neidvollen Blick auf das stolze Anwesen.
‚Hallo Franceso! Na, so spät noch bei der Arbeit gewesen?‘
Es dauerte einen Moment, bis er aus seinen dunklen Gedanken aufgetaucht war und sich umgeschaut hatte, um zu sehen, wer ihm da zugerufen hatte – es war eine angenehme, weibliche Stimme, die ihm bekannt vorkam.
‚Guten Abend, gnädige Frau – ja, der Handel Eures Gatten wächst und gedeiht, und die Bücher müssen nunmal geschrieben werden.‘
Es war merkwürdig – so sehr er seinen geizigen und raffgierigen Herrn hasste und verabscheute, desto angenehmer war ihm dessen Ehefrau, die junge Komtess von Vegnova.
‚Aber Ihr habt Recht, heute abend ist es sehr spät geworden.‘
Die schöne, dunkelhaarige Frau hatte sich aus einem Fenster im Erdgeschoss gebeugt und sah freundlich zu ihm herüber.
‚Ja. Auch mein Gatte kommt meist sehr, sehr spät nach Hause, und wenn er dann da ist, ist er meist mürrisch und müde. Manchmal fühle ich mich richtig einsam…‘
Eine bohrende Unruhe begann sich in Francescos Magen breit zu machen. Er dachte an seine Frau, die zuhause mit den drei Kindern auf ihn wartete, dann sah er wieder hinauf zu der jungen Komptess, die ihn mit ihren blauen Augen direkt ansah.
‚Das ist sehr bedauerlich, Gnädige Frau. Aber ich bin sicher, Euer Gatte würde gerne mehr Zeit mit Euch verbringen, wenn seine Geschäfte ihn nicht so in Anspruch nehmen würden. Er…‘
‚Gibt es nicht einen Tag in der Woche, an dem Ihr frei habt und nicht Arbeiten müsst?‘ unterbrach sie ihn, ‚ich sehe, dass Ihr am Sonnabend meist viel früher das Geschäft verlasst. Mein Gatte dagegen ist immer bei der Arbeit, es ist ihm gleich, ob Sonntag oder Werktag…‘
Francesco hielt dem Blick dieser wunderschönen Augen nur mit Mühe stand. Wenn das wahr wäre, was er da in diesen Augen zu sehen glaubte, dann….
‚Geht nach Hause, lieber Francesco, grüßt Eure Frau, Eure Kinder und denkt ab und zu mal an mich – ich wünsche Euch eine gute Nacht!‘
Dann strich sie ihm – nachdem sie links und rechts die Straße entlang gesehen hatte, um sich zu vergewissern, dass sie niemand sähe – mit der Hand über den Kopf, bedachte ihn mit einem letzten warmen Blick, schloss das Fenster und ließ den armen Diener ihres Gatten erfüllt von einer tiefen, tiefen Unruhe auf der nur von einer einsamen Laterne beleuchteten Straße zurück.
Francesco stand noch eine ganze Weile so da, dann lenkte er langsam und verwirrt seine Schritte nach Hause.

3.
(worin des Kaufmanns Schwester ihm ihre tiefsten Sorgen anvertraut und dieser nur sehr wenig Geschwisterliebe zeigt)

Ein Blick hinunter auf die Bühne bot dem Betrachter aus dieser stolzen Höhe eine fantastische Übersicht. Zur Uraufführung der neuen Oper des aufstrebenden jungen Kompositeurs Claudio Monteverdi hatte das grösste Theater der Stadt alles aufgeboten, was es zu bieten hatte: während sich im Vordergrund die Hauptdarsteller in prunkvollen Kostümen gegenseitig mit kunstvoll dargebotenen Arien überboten, warteten im Hintergrund wohl an die fünfzig reich ausstaffierte Chorsänger auf ihren Einsatz, um den Mut siegreicher Helden zu besingen oder das tragische dahinscheiden zurückgewiesener Geliebter zu beklagen.
Gerade war der erste Akt zuende gegangen, und die Menge klatschte tosend Beifall. Von hier oben, der Ehrentribüne auf der vierten Etage, hatte man das Gefühl, in einen brodelnden Kessel hinabzublicken.
‚Ein gelungenes Stück, nicht wahr, mein Herz? Dieser Monteverdi wird noch von sich reden machen!‘
Marietta Manguera sah erwartungsvoll zu ihrem Bruder hinüber, der mit abwesendem Blick das Spektakel auf den unteren Rängen verfolgte.
‚Schade nur, dass es soviel kostet. Stimmt es, was man sagt – dass ihr die Hälfte der Unkosten zu all dem hier beigesteuert habt…?‘
Giovanni wandte sich vom Geschehen ab und betrachtete seine Schwester. ‚Ja, es stimmt, liebe Marietta, diese Aufführung ist nur durch mich zustande gekommen. Es sind einflussreiche Gäste geladen, und ich weiss, was ich meiner Stellung in dieser Stadt schuldig bin.‘
‚Eurem Geschäftssinn gebührt Bewunderung, werter Bruder. Wie Ihr das ohnehin schon grosse Vermögen unseres seligen Vaters in den letzten vierzehn Jahren vermehrt habt, ist erstaunlich. Ich dagegen…‘
Betreten schaute sie zu ihrem Bruder hinüber, als warte sie auf eine Erwiderung. Dieser aber hatte sich bereits wieder dem Bühnengeschehen gewidmet, wo gerade der zweite Akt begonnen hatte.
‚Wisst ihr, auch ich habe eine gewisse Stellung in der Gesellschaft dieser Stadt, die ich nicht verlieren möchte…‘
Unten tobte gerade ein Streit zwischen zwei wetteifernden Rivalen, die sich offensichtlich um die Gunst der gleichen schönen Frau bemühten.
‚Ihr meint, die ihr nicht so verlieren möchtet, wie Ihr den Teil des Vermögens unseres Vaters verloren habt, der Euch zugesprochen worden war, und der, wenn ich mich recht erinnere, fast ebenso groß war wie meiner?‘
Einer der beiden Rivalen schien die Oberhand im Kampf zu gewinnen, er setzte dem am Boden liegenden Kontrahenten sein Schwert an die Kehle.
‚Ich stimme Euch zu, es war ein Vermögen, das unter uns geteilt wurde, auch wenn der Eurige Teil der weitaus grössere war. Und meint ihr nicht, dass diese Verbundenheit auch heute noch in gewisser Weise…‘
Eine dritte Figur hatte die Bühne betreten: ein Schütze mit einer Armbrust hatte seinen Platz – gut versteckt hinter einer Marmorsäule – eingenommen.
‚Meine liebe Schwester, ihr habt Recht, die Verantwortung für das Vermögen unseres Vaters liegt in gewisser Hinsicht gemeinsam auf unserer beider Schultern, nur seit Ihr leider nicht fähig, sie zu tragen. Deshalb wäre es um so unsinniger, wenn ich…‘
‚Ach ja, das sieht Euch ähnlich..‘
Der Bogenschütze war aus seinem Versteck hervorgetreten und zielte jetzt – deutlich sichtbar für das Publikum – auf den vermeintlich siegreichen Helden.
‚Ihr redet von Verantwortung für die Familie, und Eure eigene Schwester lasst ihr…‘
‚Meine eigene Schwester hat bekommen, was ihr zusteht. Ihr selbst seid es, die sich unserer Familie und unserem Vater als unwürdig erweist!
Mit diesem Worten wandte sich Giovanni wieder der Handlung auf der Bühne zu – für ihn war das Gespräch beendet, und nach einem kurzen Moment folgte Marietta seinem Beispiel, nicht ohne ihn vorher mit wütenden Blicken zu bedenken.
Der Bogenschütze hatte nur auf einen passenden Moment gewartet, jetzt ließ er seinen Pfeil von der Sehne schnellen. Sein ahnungsloses Opfer fasste sich an die Brust, erstarrte einen Moment und sank dann getroffen zu Boden.
4.
(worin der Kaufmann sich mit einem Geschäftspartner unterhält, diesen übelst aufs Glatteis führt und sich mal wieder als sehr unangenehmer Zeitgenosse zeigt)

‚Damit wäre dann alles gesagt. Ihr könnt gehen.‘
Giovanni Manguera lehnte sich in seinem schweren Lehnstuhl zurück, faltete die Hände zusammen und betrachtete sein Gegenüber mit einem abschätzigen Blick.
‚Oder seht Ihr das anders, Forguez?‘
Der Mann, der vor ihm stand, war etwas jünger als er selbst, etwa achtunddreissig Jahre alt. Hochgewachsen, schlank und gut gekleidet, machte er den Eindruck eines reichen, begehrten Mannes, dem das Leben keinerlei grössere Hindernisse in den Weg stellte – beide Männer wussten allerdings nur zu gut, dass dem nicht so wahr.
‚Wir haben einen Vertrag, Herr Manguera. Den könnt auch Ihr nicht so einfach außer Kraft setzen. Ihr schuldet mir noch 400 Golddukaten!‘
Die Unsicherheit, die in seinen Worten lag, war deutlich zu spüren. Offenbar ahnte er, dass dieser Handel nicht zu seinem Gunsten ausgehen würde.
‚Der Vertrag bezieht sich auf eine Lieferung von drei Dutzend Fässern guten provenzalischen Weines an den zweiten Bürgermeister der Stadt. Diese Lieferung ist nicht erfolgt. Wovon also redet Ihr?‘
‚Drei Dutzend Fässer provenzalischen Weines an Alessandro Remioni‘, entgegnete Antonio Forguez, diesmal mit deutlich mehr Selbstbewusstsein in der Stimme. ‚Die Ware wurde gestern Abend übergeben. Hier ist der Beleg.‘
Er zog eine Pergamentrolle aus seinem Umhang, reichte sie seinem Gegenüber und warf diesem einen triumphierenden Blick zu. ‚Ich habe es Euch gesagt – diesmal könnt Ihr Euch Euren Verpflichtungen nicht entziehen!‘.
Manguera nahm das Pergament und warf einen flüchtigen Blick darauf.
‚Eine Lieferung an Alessandro Remioni, richtig. Allerdings ist Remioni nicht der zweite Bürgermeister dieser Stadt. Er wurde vor zwei Tagen in einem verbindlichen Ratsbeschluss abgewählt.‘ Ein abfälliges Lächeln umspielte seine Mundwinkel. ‚Ihr hättet Euch die Mühe machen sollen, Euch besser zu informieren, als Ihr aus der Provence zurückgekehrt seid. Aber redet doch noch einmal mit Allesandro – vielleicht gibt er Euch die Fässer ja wieder zurück?‘
‚Ach ja?!‘ Forguez verlor in diesem Augenblick seine bis hierher mit Mühe aufrechterhaltene Fassung ‚Wie habt Ihr das wieder hinbekommen, Ihr geldgieriger Schuft? Wieviele der Ratsherren habt Ihr bestechen müssen?‘
Giovanni Manguera lachte seinem Gegenüber jetzt offen ins Gesicht
‚Nun, ich kenne einige von ihnen recht gut – aber Ihr wisst doch, die Ratsherren sind in ihren Wahlentscheidungen völlig frei- und wählen den, der für das Wohl der Stadt am besten sorgen kann – sei es durch die Weisheit seiner politischen Entscheidungen oder auch durch …Gelder vermögender Freunde.‘
Forguez‘ Widerstand brach jetzt vollständig zusammen. Er ließ den Kopf hängen, dann ging er zum Fenster des Arbeitszimmers und schaute einen Moment lang auf die belebte Straße hinaus.
‚Wisst Ihr, was das für mich bedeutet?‘ sagte er schließlich leise, ‚Ich brauche die Dukaten – Ihr kennt meine finanziellen Verhältnisse, und Ihr wisst, wieviel…‘
‚…wieviel Schulden Ihr durch Eure Trunk- und Spielsucht habt? Ja, ich weiss es, aber das ist nicht mein Problem. ‚ Auf Manguera’s Stirn hatten sich plötzlich Zornesadern gebildet, und er war aus seinem Sessel aufgestanden. ‚Und jetzt raus hier! Geht mir aus den Augen!‘
5.
(worin der Diener und die Gattin sich sehr nahe kommen)
Francesco Varguez ging langsam auf das Haus der Manguera’s zu – noch konnte er sein Vorhaben aufgeben und sich einreden, dies wäre nur der ganz normale Rückweg von seiner täglichen Arbeit: am Sonnabend, und deshalb etwas früher als an normalen Wochentagen.
Er zweifelte immer noch, ob es die richtige Entscheidung sei, auf das völlig unerwartete Angebot der Komtess einzugehen. Sein schlechte Gewissen machte ihm zu schaffen – er war verheiratet, Vater dreier Kinder, und – Streitigkeiten und schlechte Zeiten gab es immer, aber seine Ehe war im Grossen und Ganzen eine durchaus glückliche. Es war einfach nicht recht, dass er hier stand und ganz offensichtlich die Absicht hatte, ein Verhältnis mit einer anderen Frau anzufangen, sei sie auch noch so schön und diese Aussicht noch so verlockend.
Andererseits aber – er wusste von seinen Freunden und deren Erzählungen, dass die meisten Ehemänner ihren Frauen irgendwann im Laufe der langen Jahre das ein oder andere Mal untreu wurden; das war nicht schön, aber die meisten Ehen überstanden dies doch letztlich ganz gut – ausserdem würde ja von diesem Verhältnis, so es denn überhaupt zustande kam, niemand jemals etwas erfahren.
Mit einer entschlossenen Geste verdrängte er seine Gewissensbisse und klopfte an die grosse, reich verzierte Holztüre.
Mit pochendem Herzen stand er vor der Türe und wartete – wieder kamen ihm Zweifel: wenn er aber nun alles einfach nur falsch verstanden hatte? Wenn das Gespräch neulich abend für seine Herrin nur ein bedeutungsloser Spaß gewesen war? Ein Zeitvertreib, um sich auf Kosten des kleinwüchsigen, schlecht bezahlten Dieners ihres Gatten lustig zu machen? Allerdings, diesen Eindruck hatte sie auf ihn nicht gemacht – und selbst wenn, konnte er für seinen Besuch immer noch einen plausiblen Grund finden. Es war schon des öfteren vorgekommen, das er im Hause der Manguera’s Bücher oder Belege einsehen musste. Dann wüsste sie zwar, warum er wirklich hier war, und er wüsste es, und sie würde ihn erst auslachen und dann nach Hause schicken – aber damit konnte er leben, und niemand sonst würde etwas davon erfahren.
Er hatte sich entschieden und wollte jetzt auch nicht mehr zurück – und sei es nur, um dem alten Giersack eins auszuwischen.
Er wartete noch einen Moment, dann klopfte er noch einmal. Diesmal öffnete sich die Türe, und er sah in die strahlend blauen Augen der Gattin seines Herrn, die ihn in einem weit ausgeschnittenen Kleid empfing und ihn wortlos ins Haus liess.
6.
(Worin man überraschenderweise die Komtess in den Armen eines noch anderen Mannes findet und somit ein böser Plan allmählich Gestalt annimmt)

Ein kleines Zimmer, in dem außer einem Bett und einem kleinen Schrank nur wenig steht – mehr ist auch nicht nötig. In dem Haus gibt es mehrere solcher Zimmer, niemand stellt hier Fragen – unerkannt bleiben, unentdeckt, das ist hier wichtig.
Auf dem Bett zwei nackte Leiber, die einander eng umschlingen und etwas später dann ruhig in den Armen halten.
‚Wie oft muss ich es noch tun, mein Liebster? Es ist so schrecklich mit ihm!‘
Die junge Frau sah ihren Liebhaber mit grossen, verletzten blauen Augen an.
Dieser strich ihr zur Beruhigung sanft durch das lange dunkle Haar.
‚Nicht mehr oft, meine kleine Blume. Er wird dir schon bald völlig verfallen sein, und dann wird er alles tun, worum Du ihn bittest. Und dann sind wir frei, können diese graue Stadt verlassen und unsere Liebe offen leben. Glaubst Du daran?‘
Er sah ihr fest in die Augen.
‚Ja, ich glaube daran, und ich möchte mit Dir fortgehen. Die Provence ist schön, und mit dem Geld meines verhassten Gatten werden wir dort ein sorgenfreies Leben führen können…Ich glaube, das ist es Wert, diesen Zwerg noch ein paar Mal zu ertragen, nicht wahr?‘ Sie lächelte verkrampft und gab sich dann wieder der Umarmung ihres Geliebten hin, der sie fest an sich drückte und sich – nicht zum ersten Mal – fragte, ob er das, was er da ausgesonnen hatte, und dessen Ausführung jetzt nicht mehr aufzuhalten war, wirklich gutheißen konnte – das zarte, verletzte Wesen in seinen Armen begann ihm Leid zu tun…aber nur einen Moment, dann war dieses Gefühl verflogen. Er hatte seine eigenen Pläne und seine eigene Liebe, und er würde sich nicht aufhalten lassen.
7.
(worin sich zeigt, das es niemals gut ist, sich zuviele seiner Mitmenschen zum Feind zu machen)

Eine vermummte Gestalt näherte sich langsam der kleinen Brücke, die am Rande der Stadt lag. Hier gab es keine Laternen mehr, die – so der zuständige Nachtwächter ordnungsgemäss seiner Pflicht nachkam – dem Vorbeigehenden etwas Licht und Orientierung spenden konnte. Bis auf das wenige Mondlicht, das unruhig hinter den schwarzen Wolken hervorschien, lag die Szenerie vollständig im Dunkeln.
Die Gestalt betrat mit leisen Schritten die aus groben Steinen gehauenen Stufen, setze sich auf das die Brücke an den Seiten umschliessende Mäuerchen und wartete.
Einige Minuten später erschien eine zweite Gestalt und ging vorsichtig auf den wartenden Schatten zu. Die Beiden schienen sich erkannt zu haben, denn schon bald begann ein leises, mit eifrigem Flüstern geführtes Gespräch zwischen ihnen.
‚Antonio – wie gut es tut, Euch zu sehen. Warum kommt Ihr erst jetzt? Ich habe gewartet!‘
Es war eine weibliche Stimme, die da sprach – aufgebracht und vordergründig ärgerlich, ohne aber ihre Nervosität und Angst verstecken zu können.
‚Verzeiht, Gnädigste Marietta – die Straßen waren noch sehr belebt, ich musste vorsichtig sein. Aber es ist notwendig, das wir uns sehen: ich bringe Euch eine schlechte Nachricht. Mein Einfluss auf die Komtess droht zu schwinden, ich bin nicht sicher, ob wir unser Vorhaben noch wie geplant durchführen können‘.
‚Euer Einfluss droht zu schwinden? ‚ Wieder klang ihre Stimme unruhig, aber jetzt lagen Spuren von mühsam zurückgehaltener Verletztheit darin. ‚Oder ist es nicht eher Eure Liebe zu mir, die schwindet, während Ihr selber langsam den Reizen der jungen Komtess verfallt?‘
Unwillig drehte sie sich weg von der anderen Gestalt, die gerade zu einer beschwichtigenden Geste angesetzt hatte.
‚Doch lasst gut sein, ich will Euch glauben. Ich werde mich der Sache jetzt selbst annehmen.‘
Die beiden vermummten Gestalten setzten ihr leise geflüstertes Gespräch noch eine Weile fort und verschmolzen dabei langsam zu einem einzigen schwarzen Punkt in der Dunkelheit. Vielleicht hätten sie weniger und noch leiser geredet, und ihre Zusammenkunft wäre schneller beendet gewesen, hätten sie gewusst, dass sie längst nicht so alleine und unbeobachtet gewesen waren, wie die dunkle, verlassene Brücke sie hatte glauben machen..
8.
(worin der Diener eine bedeutungsvolle Botschaft erhält)

‚Francesco?‘
Die kleine, etwas dickliche Frau trug ein einfaches, schmuckloses Gewand, und auf ihrem Arm hielt sie einen Säugling, dem sie wohl gerade eben noch die Brust gegeben hatte. Dabei war sie aber durch ein mehrmaliges Klopfen an ihrer Türe gestört worden.
‚Francesco, bist Du da? Hier ist ein Besuch für Dich.‘
Ein lautes Knarzen ertönte, als Francesco Varguez die klapprige alte Holztreppe hinunterstieg, die zum Schlafraum des kleinen, zweigeschossigen Hauses führte, indem er mit seiner Frau und seinen Kindern hauste.
‚Wer ist es? Wir erwarten doch eigentlich niemanden?‘
Seit seinem Treffen mit der Komtess gestern Nachmittag fühlte er sich unruhig und nervös. Es fiel ihm schwer, seiner Frau in die Augen zu sehen, gleichzeitig spürte er in sich aber jetzt schon eine drängende Vorfreude auf den nächsten Sonnabend.
‚Ein junger Mann ist es, er sagt, er habe eine Botschaft für Dich – von Madame Manguera.‘
Sie drehte sich um und ging, um nun selber nach den Kindern zu sehen, von denen eines gerade zu Weinen begonnen hatte. Als sie ihren Mann am Treppenabsatz traf, raunte sie ihm zu: ‚Was ist los? Hast Du Dir da irgendwelchen Ärger eingehandelt? Sei vorsichtig, und mach‘ nicht wieder irgendwelche Dummheiten!‘
Maria Varguez warf ihrem Gemahl noch ein ernsten Blick zu, dann ging sie selbst die knarzende Treppe zu ihren Kindern hinauf.

9.
(worin der Diener seinem Herrn einen unguten Trank mischt)

Das Gift hatte er schon lange ganz hinten in seinem Schrank aufbewahrt. Als es in seinen Besitz gelangt war, hatte er nicht gewusst, ob und zu welchem Zweck er es irgendwann einmal gebrauchen würde – er hatte nur das Gefühl gehabt, dass es vielleicht mal von grossem Nutzen sein könnte.
Am Morgen hatte er es heimlich – ohne das seine Frau es bemerkte – in seinen alten Umhang gesteckt.
Die Botschaft, die er am Vorabend erhalten hatte, hatte ihn – zum zweiten Mal in dieser Woche – in tiefe Zweifel und Gewissensbisse gestürzt. Es hatte ihn die ganze Nacht gekostet, eine Entscheidung zu treffen, aber am frühen Morgen war er schweren Herzens zu einem Entschluss gekommen.
Er betete, dass er das richtige tat, als er nun vorsichtig den Korken aus der Flasche heraushob, die er aus dem kleinen, aber sehr erlesenen Weinkeller seines Herrn genommen hatte und diesem am heutigen Abend auf eigenen Wunsch servieren würde. Das Gift, das er jetzt langsam Tropfen für Tropfen in die Flasche goss, war, soweit er es feststellen konnte, vollkommen Farb- und Geruchslos. Trotzdem zitterten seine Hände bei der Vorstellung, Giovanni Manguera würde sein Vorhaben entdecken und ihn an die Gerichtsbarkeit der Stadt übergeben – auf Mord oder Mordversuch stand schon seit jeher der Tod am Galgen.
Als die kleine Ampulle leer gelaufen war, versteckte er sie wieder sorgsam in seinem Umhang. Dann begann er, vorsichtig einen neuen Korken an den Platz des alten zu setzten, ganz langsam, damit keine auffälligen Druckstellen entstehen konnten.
Er wischte sich mit dem Handrücken den Schweiss von der Stirn, und nahm sich die Zeit, einige Male tief durchzuatmen. Dann nahm er die Flasche Wein, ging zum Arbeitszimmer seines Herrn hinauf und stellte sie mit klopferndem Herzen auf dem großen Schreibtisch ab.

10.
(worin der Diener seine gerechte Strafe erhält, was außer ihn auch niemanden wirklich wundert)

Langsam, mit gesenktem Kopf stieg Francesco Varguez die hölzernen Stufen zur Tribüne hinauf, auf der in den frühen Morgenstunden der Galgen errichtet worden war. In seinem Herzen regte sich nicht mehr viel.
Schon einen Tag, nachdem er seinen Herrn Giovanni Manguera mit vergiftetem Wein ermordet hatte, war er von der Stadtwache aus seinem Haus geholt und in den Kerker geworfen worden. Man hatte ihm keine Gelegenheit gegeben, sich von seiner Frau und seinen Kindern zu verabschieden, aber im Grunde – so hatte er während langen, langen Nachdenkens in der Nacht, die er in dem dunklen Verliess zugebracht hatte beschlossen – war ihm das auch lieber so. Was hätte er sagen sollen? Es tut mir leid, Schatz, aber eine jüngere, schönere Frau war mir wichtiger als Du? Es tut mir Leid, aber für genügend Geld brachte ich meinen verhassten Herrn nur zu gerne ums Leben?
Er war sich nicht einmal sicher, ob er seine Tat bereute. Kaltblütiger, berechnender Mord lautete die Anklage, die gegen ihn gestellt worden war – und er hatte es zugegeben, ohne einen nennenswerten Versuch zu machen, sich zu verteidigen.
Er fragte sich jetzt nur noch, was ihn mehr erstaunte: Die Selbstverständlichkeit, mit der er seine ruchlose Tat begangen hatte, oder seine Leichtgläubigkeit, die ihn tatsächlich hoffen liess, dass sein feiger Mord unentdeckt bleiben würde.
Mittlerweile war er auf dem Podest angelangt und die Schlinge wurde ihm um den Hals gelegt. Er hob ein letztes Mal den Kopf und blickte in die Menge der Schaulustigen, die sich – wie jedesmal, wenn eine arme Seele aufgeknüpft wurde – auf dem Marktplatz versammelt hatte. In einem letzten, verzweifelten Aufbäumen suchte er nach so etwas wie Verständnis oder Mitleid in den harten, gierigen Augen, die ihn anstarrten – dann löste sich die Klappe unter seinen Füßen, und er fiel hinab in dunkelste Schwärze.

11.
(worin die Dienersgattin diesmal selbst eine Botschaft erhält und sie wenig Gutes über ihren gerade verstorbenen Gatten erfährt)

Wieder klopfte es an der Türe, und wieder war es der gleiche junge Mann, der vor ihr stand, als Maria Varguez die Treppe hinunter stieg und öffnete.
‚Was wollt ihr? Verschwindet von hier, wisst Ihr nicht, dass der Mann, den Ihr sucht, tot ist?‘
Wut sprach aus ihren Augen, die gleichzeitig rot und geschwollen waren – die arme Frau musste die ganze Nacht hindurch geweint haben. Im oberen Stockwerk hörte man die Kinder schreien.
‚Nicht für Euren Gatten ist die Botschaft, die ich Euch bringe, sondern für Euch, gnädige Frau. Sie betrifft wohl Euren Gemahl, aber ich bezweifle, dass sie Euch Freude bereiten wird…‘

12.
(worin das grausige Schicksal sein drittes Opfer fordert)

Die junge Komtess kam mit erhobenem Kopf aus dem Baderaum; ihr Haar war noch nass, und um ihren Körper hatte sie nur ein dünnes Seidentuch gewickelt. Sie war alleine im Haus – nachdem den ganzen Tag lang ein hochgestellter Gast nach dem anderen an die Tür geklopft und sie mit fadenscheinigen Beileidsbekundungen überschüttet hatte, war jetzt endlich Ruhe.
Sie betrat ihr Schlafzimmer, stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich: Sie war schön, das wusste sie, und heute glaubte sie, ein besonderes Leuchten in ihren Augen zu entdecken – nicht, dass sie das wunderte.
Endlich, nach einem Jahr Gefangenschaft in einer verhassten Ehe, die sie nur auf Wunsch ihrer Eltern und aus ihrem eigenen Streben nach Reichtum heraus eingegangen war, war sie nun frei.
Sie hatte sich heute sehr anstrengen müssen, die trauernde Witwe zu spielen, aber sie glaubte, ihre Sache gut gemacht zu haben – besser als viele der Besucher, die im Grunde doch auch froh waren, den verhassten Geizhals Manguera endlich unter der Erde zu sehen. Sie lachte, schloss dabei die Augen und warf den Kopf in den Nacken.
Sie sah die fremde Gestalt nicht, die lautlos hinter dem Vorhang hervortrat, ihr mit schneller Bewegung ein dünnes, aber sehr stabiles Seil um den Hals schlang und dann mit aller Kraft daran zog.
Die Komtess griff sich verzweifelt mit beiden Händen an Hals, um das würgende, schneidende Etwas wegzureißen, das ihr unerbittlich die Luft abdrückte. Sie probierte es etwa eine Minute lang, dann wurden ihre Bewegungen langsam schwächer, und schließlich sank sie besinnungslos auf den Boden.
Die dunkle Gestalt hielt das Seil noch zwei weitere Minuten straff gespannt, dann rollte sie es ein, verstaute es sorgfältig in ihrem dunklen Umhang und verschwand durchs Fenster des Schlafzimmers, ebenso lautlos, wie sie gekommen war.

III. Kapitel

1.

(worin die Botschaft ihr Ziel erreicht und jedermann sehr verwundert ist)

Dies alles ging mir durch den Kopf, während ich durch die frühlingshaften Straßen der Stadt marschierte. Zwei heimtückische Morde, einer davon sofort aufgeklärt und bestraft, der andere immer noch offen. Als Bote der Familie Manguera kannte ihren Hang zu Neid und Intrigen. Ich hatte die Ereignisse, an deren Verlauf ich ja selber umittelbar beteiligt gewesen war, aufmerksam verfolgt, aufmerksamer vielleicht, als es den noch verbliebenen Familienmitgliedern lieb sein konnte.
Ich hatte mein Ziel erreicht und klopfte laut an die Pforte des immer noch stolzen Anwesend von Marietta Manguera, die seit einigen Stunden alleinige Erbin des großen Vermögens ihres Bruders war.

2.

(Worin der Inhalt der letzten Botschaft und auch einige andere Dinge enthüllt werden)

Als ich eines Nachts zufällig das Gespräch zwischen Marietta Manguera und ihrem Liebhaber, Antonio Forguez, belauschte, und sie mich ohne es zu wissen in die Details ihres teuflischen Plans einweihten, war mir eine Idee gekommen. Ich wusste sofort, das sie brilliant war, genauso, wie ich wusste, das es für mich mit hoher Wahrscheinlichkeit die einzige Chance in meinem Leben sein würde, aus meiner von Hunger und Armut geprägten Existenz zu fliehen.
Der sauber ausgetüftelte Plan, sich des feigen und charakterlosen Dieners Francesco Varguez zu bedienen sowie die Liebe der jungen Komtess zu dem windigen Lebemann Antonio ebenfalls auszunutzen, drohte zu scheitern, als die Komtess sich weigerte, ihr vorgetäuschtes Verhältnis zu Francesco Varguez weiterzuführen, und es Antonio Forguez in einer für ihn so typischen Anwandlung von Schwäche nicht gelang, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Der gesamte Plan drohte zu scheitern, weshalb sich Marietta Manguera dazu entschloss, eine Botschaft an den Diener ihres Bruders zu senden, in dem sie ihm eine hohe Belohnung dafür versprach, seinen Herrn zu ermorden. Diese Idee war gar nicht schlecht, glaubte sich doch Franceso, der nicht ahnte, das sein Verhältnis mit dessen Gemahlin nur vorgetäuscht war, über jeden Verdacht erhaben – der Mord würde ihm ja nichts einbringen. Dass jeder Mord einen Mörder braucht und die Familie Manguera nicht zögern würde, ihn schon aus Gründen der eigenen Sicherheit bei der Stadtwache anzuzeigen – dies zu begreifen war zu komplex und durchtrieben für sein schlichtes Gemüt. Das es ausgerechnet seine vermeintliche geliebte, die schöne Komtess von Vegnova war, die behauptete, ihn beim Präparieren des Weines gesehen zu haben, hätte ihm sicherlich das Herz gebrochen, aber zu seinem eigenen Wohl hatte er es nie erfahren.
Meine Eingreifen begann in dem Moment, als ich die von Marietta Manguera an Francesco Varguez gerichtete Botschaft abfing und durch eine eigene ersetzte. In dieser (meiner) Botschaft war nicht von Geld die Rede, sondern nur von einer gemeinsamen Flucht in ein fernes Land, die die Komtess mit dem armen Diener unternehmen wollte, nachdem sie durch den hinterhältigen Mord in den Besitz seines Vermögens gelangt war.
Ein Brief ist nur glaubwürdig mit einem Siegel der Person, die ihn verfasst hat, deshalb war auch der ursprüngliche Brief von Marietta Manguera ein so kostbares Beweisstück. Ein Siegel der Komtess zu erlangen, fiel mir hingegen nicht schwer, erledigte ich doch Woche für Woche zahllose Botendienste ihren Haushalt betreffend für sie.
Auch die Botschaft an Francescos armes Eheweib fing ich ab. In dieser – allerdings anonym und ohne Siegel verschickt – sollte ihr enthüllt werden, welch schändliches und treuloses Verhältnis zwischen ihrem verstorbenen Gatten und der Witwe des Giovanni Manguera bestanden hatte. Auf diese Weise hätte sie ein Motiv für den Mord an der jungen Komtess gehabt, und der saubere Antonio Forguez, dessen Anteilnahme am Schicksal seiner vermeintlichen Geliebten ihn in keiner Weise davon abhielt, sie in ihrem eigenen Schlafzimmer hinterhältig zu erdrosseln, wäre über jeden Verdacht erhaben gewesen.
Anstatt Maria Varguez die Botschaft zuzustellen, weihte ich sie soweit in die Zusammenhänge ein, dass ihr bewusst wurde, in welcher Gefahr sie schwebte, und riet ihr, sich für die nächsten Tage bei Freunden einzuquartieren, wodurch sie ein wasserdichtes Alibi für die Zeit des zu erwartenden Mordes hätte. Das ich es war, der ihrem Gatten schließlich den entscheidenden Impuls für seinen Mord gegeben hatte, verschwieg ich ihr selbstverständlich.

Dies alles offenbarte ich der reichen Alleinerbin des seligen Giovanni Manguera, und verpflichtete sie so zur regelmäßigen Zahlung eines nicht unerheblichen Schweigegeldes. Natürlich wurde sie sehr wütend, konnte aber letztlich nichts gegen mich ausrichten und zahlte einige Jahre lang gehorsam und regelmäßig ihren Teil. Ihre Liebe zum wankelmütigen Antonio war über all dies schnell zerbrochen, und dieser hatte sich, nachdem ihm klar geworden war, das der Verdacht bezüglich des Mordes an der Komtess wahrscheinlich früher oder später auf ihn fallen würde, schnell abgesetzt und war in die Provence geflohen.
Epilog

Der Reichtum der Marietta Manguera hielt nur einige Jahre, dann zeigten sich – wieder mal – deutlich die Folgen ihrer Misswirtschaft, und sie verarmte und starb bald darauf.
Diese Zeit aber hatte mir gereicht, um selbst ein blühendes Geschäft ins Leben zu rufen. Nach einiger Zeit zog ich – eine Ironie des Schicksals – in die gleichen Geschäftsräume, in denen schon der seligen Giovanni Manguera seinen Handel betrieben hatte.
Und ab und zu, nach einem besonders guten Geschäft, nehme auch ich mir die Freiheit, mich in den großen Lehnstuhl des auf goldenen Füßen ruhenden Schreibtischs zu setzen und in aller Ruhe ein Glas ausgesuchten Weines zu trinken, das ich mir von meinem Diener bereitstellen lasse.
Ich erhebe also mein Glas auf die Erfolge meines Lebens, meines Geschäfts und wünsche dem Leser eine geruhsame Nacht…