Der feste Grund

Ein starker Zaun ist um das Gut gezogen,
Und grosse Bäume steh’n an seinem Rand.
Bist Du, Besucher uns gewogen,
Setz‘ Deinen Fuss auf unser Land!

Aus reicher Frucht von uns’rem Gute
Lass‘ uns Dir ein Mahl bereiten,
Dass wieder Du mit gutem Mute
Mög’st uns’re Schwelle überschreiten!

1.



Als die kleine, rundliche Köchin zum ersten Mal an diesem Vormittag von ihrer Arbeit aufsah, hatte sie die schwere Steinschale vor sich bereits zur Hälfte mit Salat und frisch geschälten Kartoffeln gefüllt. Ihr Blick fiel durch das grosse Küchenfenster hinaus auf das offene Feld, wo die aufgehende Sonne die Umgebung der Plantage in ein warmes, helles Licht getaucht hatte und gerade dabei war, den letzten Morgennebel aus dem nassen Gras zu verscheuchen.

Es versprach, ein ruhiger und friedlicher Tag zu werden. Direkt vor dem Hauptgebäude, dort, wo auf zwei kleinen Feldern Obst und Gemüse angebaut wurde, war John, einer der ältesten Sklaven, damit beschäftigt, die erst letzte Woche gepflanzten Setzlinge vorsichtig mit Brunnenwasser zu giessen, das er in einer kleinen Kupferkanne von der Wasserstelle herübergetragen hatte. Gleichzeit zupfte er die letzten Reste Unkraut aus dem Beet. Das Küchenfenster stand offen, und Maria konnte ihn bei seiner Arbeit leise vor sich hin summen hören.

Weiter draussen, auf den grossen Baumwollfeldern, hatten bereits die Erntearbeiten begonnen. Wenn sie die Augen zusammenkniff, sah Maria die lange Reihe der jüngeren Sklaven, die breitbeinig und mit entblösstem Oberkörper im Sonnenlicht standen, jeder mit einer schweren Machete in der Hand.

Die Köchin wandte sich wieder der schweren Steinschale zu, die vor ihr auf dem Tisch stand – die Arbeit draussen auf dem Feld war anstrengend und hart, und wenn die Feldarbeiter zur Mittagszeit müde und erschöpft zum Gutshaus zurückkehren würden, würden sie hungrig sein.



2.



An einem grossen, kahlen Baum, der irgendwo im Niemandsland zwischen den grossen Baumwoll-, Obst- und Kaffeplantagen am Rande einer kleinen Grasfläche stand, waren bunte Lampignons angebracht, deren hell flackerndes Licht weit in Steppe hinaus leuchtete. Die Lampignons waren wichtig, nicht nur, um den unter dem Baum fröhlich feiernden Menschen Licht zu spenden, sondern auch, um sie nach dem Ende der Feier sicher durch die dunkle Steppe nach Hause zu geleiten. In den afrikanischen Ländern, vor allem in denen, die dem Äquator am nächsten gelegen sind, ist die Dämmerung nur eine sehr kurze, kaum wahrnehmbare Zwischenphase – die Dunkelheit kommt schnell und ohne Vorwarnumg über das Land. Die Arbeiter jeder Plantage hatte ein Licht mit hierhergebracht und würden es spät in der Nacht, wenn sie sich müde getanzt und geredet hatten, wieder mit nach Hause nehmen.

Am Sonntag hatten sie traditionsgemäss ihren freien Tag, und gelegentlich trafen sie sich hier oder an einem andern Ort, um zu Feiern. Zu besonderen Anlässen, wenn jemand heiratete, ein Kind geboren wurde – oder auch einfach so, ohne bestimmten Grund. Das Leben auf den Plantagen war hart, und sie brauchten das ausgelassene Tanzen und Singen als ausgleich zu ihrer schweren Arbeit.

“Ist es nicht unglaublich? Dieser Zwerg spielt, als hätte er den Teufel im Leib!”

Mike und Stuart, zwei junge, kräftige Kerle, die auf derselben Plantage wie die alte Maria arbeiteten, standen am Rande des Geschehens und beobachteten fasziniert das kleine, bucklige Männlein, das schon seit Beginn der Party unter dem Baum sass und ein merwürdiges, offenbar selbstgebautes Instrument malträtierte, dass aus nichts weiter als einem einem hohlen Kürbis, einem alten Besenstiel sowie vier dünne Saiten undefinierbarer Herkunft zu bestehen schien. Dennoch gelang es dem Männlein, aus seinem Instrument ununterbrochen wilde Folgen elektrisierender, aufpeitschender Melodien hervorzubringen. Es gab in der Gegend ungefähr eine Handvoll Figuren wie ihn – Schwarze, die aus den verschiedensten Gründen keinem Herren mehr dienten, sei es, weil ihr alter Herr sie verstossen hatte, oder weil sie – wie in diesem Fall – aufgrund eines körperlichen Gebrechens für die Plantagenarbeit nutzlos waren. Die meisten von ihnen fristeten ein elendes Dasein als Bettler, zogen von einer Plantage zur anderen, auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf während der Regenzeit oder nach einem Teller Suppe, den ihnen einer der Sklaven zukommen liess, zumeist heimlich und ohne Wissen der Plantagenbesitzer.

Einigen wenigen unter diesen Ausgestossenen gelang es aber, sich auf andere Weise ihr Brot zu verdienen – sei es als Händler für die eine oder andere Ware, die auf dem legalen Markt nicht erhältlich war, als Regenmacher, selbsternannter Wunderheiler, Geisterbeschwörer – oder aber als Musiker, wie eben diese Gestalt, die hier unter dem Baum hockte und jetzt gerade eine Pause einlegte, um einen Schluck selbstgebranntes Bier zu sich zu nehmen. Seine Dienste auf dieser Feier waren selbstverständlich nicht kostenlos, und da die Sklaven ohne Ausnahme über keinerlei Bargeld verfügten, bezahlten sie ihn mit Nahrungsmitteln, mit Kartoffeln, Gemüse – oder eben mit alkoholischen Getränken.

“Prost!” rief er jetzt seinen beiden Bewunderern zu, wobei nicht ganz klar war, ob er sie wirklich gesehen hatte oder einfach wahllos in die Menge hineinrief – er hatte an diesem Abend so einige Krüge Bier zu sich genommen und war schon seit geraumer Zeit sturzbetrunken.

Jetzt, da die Musik vorübergehend aufgehört hatte, gesellte sich eine andere Gruppe Sklaven zu ihnen – sie arbeiteten auf einer einen halben Tagesmarsch entfernten Kaffeeplantage, und Mike und Stuart kannten sie flüchtig.

“Good Evening, Boys! Ich glaube, ich träume! Als ich Euch beide das letzte Mal gesehen war, schien es mir, als wäret Ihr zwei junge, kräftige Burschen – selbstveständlich nichts im Vergleich zu den starken Kerlen, die bei uns auf dem Feld schuften, aber doch nicht ganz übel – aber jetzt? Steht hier die ganze Zeit und glotzt, während um Euch herum das schönste Fest tobt! Was ist los – habt Ihr vor lauter Arbeit das Tanzen verlernt?”

Ein baumlanger, riesiger Kerl war aus der Gruppe hervorgetreten und begrüsste Mike und Stuart jetzt mit einem kräftigen Schlag auf die Schulter. Ein Mensch, dessen Muskeln nicht von der täglichen, harten Feldarbeit gestählt worden waren, wäre von diesen Schlägen vielleicht umgehauen worden, aber Mike und Stuart schwankten nicht einmal – stattdessen gingen sie ohne sich vorher abzusprechen auf ihr Gegenüber zu, fassten ihn bei den Hüften und machten Anstalten, ihn hinauf in den Baum zu heben, der in ungefähr zwei Metern Höhe eine breite Astgabel aufwies.

Der baumlange Kerl liess sich das ganze erst überrascht und scheinbar widerspruchslos gefallen, dann begann er, wild mit Händen und Füssen zu rudern, mit dem Erfolg, das alle drei unter dem Gelächter der anderen umstürzten und der Länge nach auf den staubigen Boden schlugen.

“So! Da siehst Du, wohin Du uns gebracht hast! Eben noch standen wir hier und haben Euch andere friedlich tanzen lassen, haben dem alten Jesse erst beim Spielen und dann beim Saufen zugeschaut – wobei er beim Spielen bleiben und das trinken lieber uns überlassen sollte!” Mike warf seinem Gegenüber einen gespielt leidenden Blick zu. “…und jetzt liegen wir hier auf der Erde und haben uns womöglich alle Knochen gebrochen!” Er setzte einen Fuss auf die Erde und tat so, als könne er ihn nicht mehr belasten.

Anstelle einer Antwort stand der baumlange Kerl vom Boden auf und reichte zuerst Mike und dann Stuart die Hand “Verweichlichtes Volk – von so einem kleinen Sturz bricht sich kein Mensch ein Bein! Aber sag, Bruder, wie ist das Leben bei Euch? Wenn man Euch denn leben lässt, und ihr nicht nur von früh bis spät schuften muss, wie wir – unser Herr scheint seine Ernte allein einholen zu wollen, denn er ist drauf und drann, uns alle zu Tode zu schinden.”

Mike und Stuart schauten betreten zu Boden – es war weithin bekannt, dass der Eigentümer der benachbarten Plantage seine Sklaven nicht viel besser als sein Vieh behandelte.

“Ist es immer noch nicht besser geworden? Man hört, dass Philipp, der gemeinste und niederträchtigste Aufseher auf Eurem Gut, vor wenigen Wochen gestorben ist – wir hatten alle gehofft, das hätte Eure Lage verbessert!”

Der baumlange Kerl schüttelte verächtlich den Kopf.

“Von Wegen. Es stimmt, das Philipp, der alte Schinder, tot ist – und es freut mich, dass er gestorben ist, so sehr Gott weiss, dass ich keiner menschlichen Seele etwas Böses wünschen möchte! Aber sein Tot hat unsere Lage nur noch schlimmer gemacht – unser Herr selbst ist es jetzt, der uns unsere täglichen Schläge verabreicht und uns dazu entreibt, immer noch mehr und noch härter zu arbeiten – dabei leistet jeder von uns schon ebenso viel wie zwei andere auf jeder anderen Plantage in der Gegend hier. Aber es ist ihm immer noch nicht genug. Er ist so dumm, dass er nicht merkt, dass er sich mit seiner Strenge und mit seiner Gier ins eigene Fleisch schneidet. Immer öfter passiert es jetzt, dass einer meiner Brüder bei der Arbeit auf dem Feld zusammenbricht und nicht mehr aufstehen kann. Und nicht, dass er dann einen Tag ausruhen dürfte! Er bekommt ein paar Peitschenhiebe und muss am nächsten Tag wie alle anderen weiterschuften….wenn es so weitergeht, wird bald der erste von uns den Wahnsinn unsers Herrn mit seinem Leben bezahlen!”

Wut sprach aus seinen Augen, Wut und auch Angst und Verzweiflung – sie alle hier wussten, dass einfache Sklaven wie sie gegen die Willkür ihrer Herrscher kaum etwas ausrichten konnten.

“Himmel, das tut mir leid, was ich da hören muss – du weisst wahrscheinlich, dass unser Herr da ganz anders ist – sicher müssen auch wir hart schuften, aber wir werden fair und ehrlich behandelt. Kann man nicht irgendetwas tun, um einen Tyrannen wie Euren Herren in seine Schranken zu verweisen?”

Stuart hatte seine letzten Worte eher an die Allgemeinheit gerichtet, die auf das Gespräch der drei aufmerksam geworden war und jetzt aufmerksam zuhörte.

“Tja, man könnte…aber das ist gefährlich, einen Aufstand anzuzetteln, selbst wenn alle zusammenhalten. Ich habe von Plantagen gehört, wo die Hälfte der Arbeiter fast zu Tode gepeitscht worden sind, weil sie den Gehorsam verweigert haben. Aber dennoch, manchmal denke ich, es wäre einen Versuch wert…”

Unter den Zuhörern machte sich zustimmendes Gemurmel breit. Mike sah, wie einige Köpfe zusammengesteckt wurden, es wurde geflüstert.

“Aber wir wollen heute nicht über so unerfreuliche Dinge reden – das hier ist eine Party, lasst uns weiterfeiern – he, Jesse, was ist los – wir wollen tanzen!”

Aber Jesse lag hatte seinen Kopf an den knorrigen Stamm des Baumes gelehnt und schnarchte – offenbar war all das Bier heute zuviel für ihn gewesen. Mit dem Tanzen würde es nichts mehr werden. Die Sklaven redeten noch eine Zeitlang, dann nahmen die ersten ihre Lampignons aus dem Baum und gingen nach Hause – die Party war beendet, das Alltagsleben hatte wieder begonnen.



3.



Die brütende Hitze, die sich an windstillen Tagen wie diesem über die Plantage legte, machte manchmal sogar den Einheimischen zu schaffen – an Tagen wie heute ging den Sklaven die Feldarbeit längst nicht so schnell und reibungslos von der Hand wie sonst, und es machte keinen Sinn, ihnen Peitschenhiebe oder Streichung des Abendessens anzudrohen – sie konnten einfach nicht schneller, weil ihnen bei jeder Bewegung, jedem Atemzug der Schweiss in Sturzbächen über den Körper lief.

Don Marco sass auf der grossen Veranda, die an der Südseite des Hauptgebäudes angebracht war, und seufzte – manchmal fragte er sich, wie eigentlich die anderen Gutsherren ihre Verantwortung ihren Arbeitern gegenüber empfanden. Wenn er versuchte, mit ihnen über dieses Thema zu reden, hatte er meist den Eindruck, dass das Wort “Verantwortung” in ihrem Wortschatz überhaupt nicht vorkam. Sie betrachteten die Sklaven als ihr Privateigentum, wie es ihnen erging und ob sie neben der harten Arbeit, die ihnen aufgebürdet wurde, noch ein lebenswertes Leben führten, war ihnen völlig gleich. Manchmal machte ihn das regelrecht wütend – aber er sah es auch nicht als seine Aufgabe an, sich um die Angelegenheiten anderer Leute zu kümmern – sollten sie ihre Plantagen führen wie sie wollten. Das würden sie sowieso, und er hatte genug mit seinen eigenen Problemen und Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Ernte des letzten Jahres war nicht sonderlich gut ausgefallen, ein Teil des Tabbaks war von Käfern vernichtet worden. Und auch dieses Jahr waren die Aussichten Trübe – kein Anlass, sich ernsthaft Sorgen zu machen, aber dennoch…

Don Marco seufzte erneut, als er plötzlich Schritte und aufgeregte Stimmen hörte, die sich der Veranda näherten. Er sah von seinen Briefen und Rechnungen auf und erkannte die korpulente Gestalt seines Aufseher, der wutentbrannt auf ihn zugeeilt kam – und zwei seiner Arbeiter, Mike und Stuart hinter sich herschleifte. Sie leisteten ihm zwar keinen Widerstand, aber der Streit, den sie gerade mit ihrem Aufseher gehabt hatten, war ihnen ebenfalls deutlich anzusehen.

“Herr!” keuchte er. “Diese Beiden sind heute Morgen gegen jede Vorschrift…sind…” mit vor Empörung hochrotem Kopf stand er vor ihm und zeigte erregt mit dem Finger auf die beiden Sklaven, die jetzt trotzig und hoch erhobenen Hauptes darauf warteten, ihre Strafe entgegen zu nehmen. Strafe – wofür eigentlich?

“Langsam, langsam, beruhigt Euch. Was ist passiert?”

Der Aufseher sammelte sich, holte einige Male tief Luft und sagte dann, in etwas ruhigerem, aber keinesfalls weniger anklagenden Tonfall:

“Zu spät gekommen sind sie, und zwar nicht ein paar Augenblicke, sondern mehrere Stunden! Als sie endlich ihren Platz auf dem Feld eingenommen hatten, war es schon fast Mittagszeit, es lohnte sich für sie kaum noch, dass sie ihre Machete in die Hand nahmen.”

Er warf Mike und Stuart einen wütenden Blick zu, dann fuhr er fort:

“Und das allerdreisteste ist, dass sie sich weigern, zu sagen, wo sie gewesen sind. Es kommt ja schonmal vor, dass der eine oder andere nach dem Sonntag Abend nicht rechtzeitig zurück ist, und wir haben noch keinen von ihnen deswegen umgebracht. Ein paar Peitschenhiebe, ein oder zwei Tage nur altes Brot als Mittagsspeisung, dann haben wir die Sache vergessen. Aber diese beiden hier…”

Er hatte sein Pulver verschossen, die Anklage war ausgesprochen und jetzt stand er da und wartete lechzend, wie ein Jagdhund, dem es endlich gelungen war, seine Beute in die Enge zu treiben, auf Don Marco’s Urteil – auf das Urteil, und natürlich auf eine saftige Bestrafung.

Don Marco liess sich etwas Zeit, bevor er antwortete – da der Vormittag sowieso vorbei war, brauchte man sich mit der Klärung der Angelegenheit auch nicht zu sehr zu beeilen. Er betrachtete seine beiden Arbeiter, und stellte fest, dass sie erschöpft und sehr aufgebracht aussahen – es kam ihm der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht der Streit mit ihrem Aufseher oder diese Unterredung hier war, die sie so in Aufregung versetzte – da beide sich schon seit etlichen Jahren in seinem Besitz befanden, wussten sie, dass ihnen nichts wirklich schlimmes passieren würde – das harte Leben auf der Plantage hatte sie ziemlich unempflindlich gegen Schmerzen werden lassen, und die Peitschenhiebe, von denen der Aufseher gesprochen hatte, und die letztlich sowieso kaum jemals vollstreckt wurden, hätten sie nicht grossartig aus der Ruhe gebracht. Nein – diese gehetzte Rastlosigkeit in ihren Augen musste eine andere Ursache haben.

“Vielleicht fragen wir sie zuerst mal selber, diese beiden”, sagte er schliesslich. Beim Anblick seines wutschnaubenden Aufsehers musste er unwillkürlich schmunzeln – der gute war manchmal etwas übereifrig, würde aber keiner Fliege etwas zu Leide tun.

“Was ist passiert, dass Ihr nicht rechtzeitig zu Eurer Arbeit erscheinen konntet? Ich denke doch, dass es nicht nur blosse Faulheit war, die Euch dazu veranlasst hat, Eure Pflichten zu vernachlässigen?”

“Nein, Herr.” sagte Mike. Er und Stuart standen nach wie vor stolz und unbeweglich da und sahen mit festem Blick an ihm vorbei, auf den Horizont, an dem sich jetzt kleine Regenwolken zu bilden schienen.

“Sondern? Ich habe Euch eine Frage gestellt, und eine Frage seines Herrn sollte man beantworten, findet ihr nicht?”

Trotz aller Nachsicht wusste Don Marco, dass er dieses Gespräch nicht ohne jede Strenge führen durfte – eben weil er Gewalt verabscheute, wollte er die Zügel nicht soweit locker lassen, dass er sie irgendwann würde einsetzen müssen.

Als er – wie er es erwartet hatte – keine Antwort bekam, stand er auf und lief ein paar Schritte die Veranda auf und ab. Er liess ganz bewusst eine Pause entstehen, um seinen nun folgenden Worten mehr Nachdruck zu verleihen.

“Ihr wisst, was in dieser Gegend für gewöhnlich mit Sklaven geschieht, die ihrem Herrn den Gehorsam verweigern?”

“Oh ja, das wissen wir.” Stuart hatte seinen Blick vom Horizont gelöst und sah seinem Herrn jetzt direkt in die Augen. “Wir wissen es nur zu genau….”

Als Don Marco den heissen, brennenden Hass in Stuarts Augen sah, war er einen Moment lang zutiefst erschrocken. Er hatte diesem Vorfall bisher keine grössere Bedeutung beigemessen, es kam eben ab und zu mal vor, dass einige seiner Sklaven einen über den Durst tranken, es nicht mehr schafften, nach Hause zu laufen und sich dann am nächsten Morgen schämten, es zuzugeben – aber das hier? Er hielt Stuarts Blick so lange stand, bis dieser sich wieder abwandte und wieder schweigend den Horizont beobachtete.

“Verdammt, ich will wissen, wo ihr gewesen seid!”

Don Marco stand jetzt direkt vor seinen beiden Arbeitern und versuchte, in ihren Gesichtern zu lesen. “Ich kann Euch nicht zwingen, mir die Wahrheit zu sagen, aber ich kann und ich werde Euch bestrafen, wenn ihr weiterhin schweigt.”

Er drehte sich um und ging wieder hinter seinen Schreibtisch.

“Zehn Hiebe mit der Peitsche für jeden von Euch, wenn Ihr bis heute Abend nicht geredet habt.”

Den Blick auf seinen Aufseher gewandt fügte er hinzu:

“Passt auf, dass die beiden sich heute während der Arbeit nicht versuchen, sich zu verdrücken. Und jetzt fort mit Euch, ich muss Arbeiten.”



Als er wieder alleine war, versuchte Don Marco, mit dem Erledigen seiner Briefe fortzufahren, stellte aber schon bald fest, dass er sich nicht konzentrieren konnte. Er ahnte, wo die Ursache für das merkwürdige Verhalten von Mike und Stuart zu suchen war – die Eigentümer und Verwalter der umliegenden Plantagen waren noch nie zimperlich mit ihren Sklaven umgegangen waren, und in letzter Zeit hatte er Dinge gehört, die ihm heftige Kopfschmerzen bereitet hatten. Auf vielen Plantagen mussten die Sklaven tagein, tagaus bis weit über die Erschöpfungsgrenze hinaus schuften, und jede Form von Protest wurde brutal mit der Peitsche niedergeschlagen.

Er wusste, dass die Feindseligkeit und der Hass, den er in den Augen der Beiden gesehen hatte, mit nichts zu erklären war, dass hier auf seiner Plantage geschehen war – sicherlich mussten auch seine Sklaven hart arbeiten, aber Schuld daran waren die Lebensbedingungen in diesem Land, mit dem spärlichen Regen und der fast permanenten, sengenden Hitze. Sie wussten, dass die Plantage nicht viel mehr abwarf als dass, was sie alle zum Leben brauchten, und dass sie ohne die Arbeit bei ihm nur schwer würden überleben können.

Den grossen Profit, den versuchten die anderen Plantagenbesitzer zu machen – ohne Rücksichtnahme und sonstigen Skrupel ihren Arbeitern gegenüber. Don Marco seufte zum dritten Mal und ging wieder an seine Arbeit.



4.



Die hoffnungsvollen Regenwolken, die Mike und Stuart am frühen Nachmittag am Horizont hatten aufkeimen sehen, hatten sich in dünne, kaum wahrnehmbare Dunstschleier verwandelt, die jetzt langsam und ohne jede Folge über das Hauptgebäude der Plantage hinwegzogen. Die alte Maria betrachtete den Berg schmutziger Schüsseln, Teller und Töpfe, der sich vor ihr auf dem Küchenboden auftürmte. Es bereitete ihr Freude, die alten und jungen Sklaven dabei zu beobachten, wie sie mit zufriedenem Grunzen und Schnauben einen nach dem anderen Teller der Kartoffelsuppe, des Bohneneintopfs oder des Maisbreis in sich hineinschaufelten, die sie Tag für Tag in der kleinen Küche zubereitete – aber das Geschirrabwaschen hasste sie wie die Pest, auch nach all den Jahren noch, die sie hier auf der Plantage verbracht hatte.

Bevor sie damit begann, die grossen Kochschüsseln der Reihe nach mit feinem Sand auszuscheuern, blickte sie noch einmal auf das Feld hinaus, das mittlerweile schon zur Hälfte abgeerntet war – und was sie sah, liess sie einen Moment innehalten.

Anstatt des gewohnten Anblicks von im gleichmässigen Rhythmus die Machete schwingenden Männern fiel ihr Auge auf kleine, eng zusammenstehende Grüppchen, die heftig gestikulierend miteinander redeten und stritten. Die Mittagspause war erst seit wenigen Augenblicken vorbei, weswegen der Aufseher noch nicht vom Hauptgebäude zurückgekehrt war – er, dessen Arbeit körperlich am wenigsten anstrengend war, benötigte meist einen kurzen Mittagsschlaf, um nach dem Essen wieder auf die Beine zu kommen. Dies liess den Sklaven eine gewisse Freiheit, was das Ende ihrer eigenen Mittagspause anging, wobei diese Freiheit selten genutzt wurde – die Arbeiten begannen in aller Regel pünktlich, auch wenn der Aufseher sich verspätete.

Heute hatte niemand mit seiner Arbeit begonnen – was auch immer die Arbeiter untereinander zu bereden hatten, augenscheinlich hatte es sie alles andere vergessen lassen. In eben diesem Moment aber kam Bewegung in die einzelnen Gruppen, offenbar war der Aufseher erschienen und versuchte, die Sklaven auseinanderzutreiben.

Maria vermeinte, laute, erregte Stimmen zu hören, was bei dem doch recht grossen Abstand zur Plantage auf einen äusserst hitzigen Streit schliessen liess – dann lösten sich die einzelnen Gruppen auf, die Sklave begannen mit ihrer Arbeit.



5.



Der Wind hatte die kleinen, unscheinbaren Dunstschleier, die aus den um die Mittagszeit so hoffnungsvoll emporgestiegenen Wolken entstanden waren, weiter mit sich fortgetragen. Langsam waren sie über die Steppen und Felder gezogen, die das weite Land zwischen den einzelnen Plantagen ausfüllten, und hatten sich auf diesem langen Weg fast vollständig in Nichts aufgelöst. Als sie jetzt, am frühen Abend, auf der grossen, stattlichen Plantage des Don Antonio ankamen, waren sie kaum noch zu sehen.

Allerdings hätte sich dort auch niemand die Zeit und die Ruhe genommen, sie zu bemerken – es herrschte Streit, schon seit Tagen.

Angefangen hatte es mit der Ankündigung Don Antonios, er wolle die gesamte Tabbak-Ernte des Jahres innerhalb einer Woche einholen, um danach genug Zeit zu haben, noch vor der Regenzeit das Waldstück hinter dem grossen Fluss zu roden – er habe es gekauft, es gehöre jetzt also mit zur Plantage und müsse dementsprechend auch bewirtschaftet werden.

Wer das machen sollte, hatte man gefragt – es ging nicht nur um die Erntearbeiten dieser einen Woche oder um das Roden einiger hundert Meter Wald. Das allein war zwar eine elende Schinderei, aber die Sklaven auf Don Antonios Farm waren diese Art von Grausamkeiten bereits gewohnt – sowohl von ihrem alten Aufseher, Philipp, als auch von Don Antonio selbst, in den wenigen Wochen, die seit Philipps Tod vergangen waren.

Es ging darum, dass Don Antonio mit keinem Wort erwähnt hatte, dass er plane, für das neue Stück Land auch zusätzliche Arbeitskräfte anzuschaffen, sich also eine der zusätzlichen Arbeit angemessene Anzahl neuer Sklaven zu kaufen.

Was bedeutete, die bisherigen Sklaven würden die Arbeit zusätzlich mit erledigen müssen. Sie würden in derselben Zeit fast die doppelte Menge an Land bepflanzen, pflegen und ernten müssen wie bisher. Und auch bisher hatten sie schon soviel geschuftet, dass ihr Leben aus nichts anderem mehr als Arbeit und einem Minimum an Schlaf bestand.

Der freie Sonntag solle gestrichen werden, hatte man gehört. Solange, bis sich das neue Stück Land rentiert hatte – dann würde vielleicht darüber nachgedacht werden, zusätzliche Arbeitskräfte zu erwerben.

Es war zu Protesten gekommen, man hatte die Arbeit niedergelegt – und dutzende und aberdutzende Peitschenhiebe ertragen, mit denen der jähzornige Don Antonio ihnen seinen Willen einzuprügeln gedachte.

Vorgestern war dann einer von ihnen, Bob, ein nicht mehr ganz junger Sklave, dessen Haar schon fast grau geworden war, nach seiner “Bestrafung” nicht mehr vom Boden aufgestanden. Man hatte versucht, ihm mit kalten Umschlägen, Kräutern und schliesslich mit verzweifelten Gebeten wieder auf die Beine zu bringen, aber es war zu spät gewesen – gestern Morgen kurz nach Sonnenaufgang war Bob in den Armen seiner jüngsten Tochter verstorben.

Als Don Antonio dann beim morgendlichen Arbeitsantritt über den Vorfall kommentarlos hinweggehen wollte, war es zum Eklat gekommen: Joshua, der als Sprecher der Arbeiter fungierte, hatte die Hand gegen seinen Herrn erhoben und ihn mit einem einzigen Fausthieb niedergeschlagen. Joshua war daraufhin geflohen – er wusste, wenn man ihn jetzt finden würde, würde man ihn ohne weitere Verzögerung am nächsten Baum aufknüpfen.

Niemand vermochte zu sagen, wo Joshua sich aufhielt – wenigstens war das das Bild, dass sich Don Antonio bot, als er kurze Zeit später wieder aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte. Er schickte Suchtrupps aus, mit dem Befehl, Joshua aufzuspüren und zurückzubringen, oder ihn, im Falle eines Fluchtversuchs wie einen Hund niederzuschiessen.

Die Sklaven auf seiner Plantage hatten die Arbeit wieder aufgenommen, aber es war wie die Ruhe vor dem Sturm – ein falsches Wort, und die Situation würde umkippen, und es würde ein Blutbad geben, wie es schon sehr, sehr lange auf keiner Plantage dieser Gegend mehr vorgekommen war.



6.



Ebenso schnell, wie in den Ländern Afrikas die abendliche Sonne hinter dem Horizont verschwindet und die eben noch lichtdurchflutete Landschaft vorwarnungslos in tiefe Finsternis hüllt, folgt auch der nächste Tag wieder fast ohne vorbereitende Morgendämmerung auf die Nacht.

Die Bewohner dieser Gegend wissen dies natürlich, und sie wissen auch, wann die Sonne aufgehen wird um ihnen den Schutz der Nacht zu rauben – und wenn sie diesen Schutz brauchen, wissen sie schnell und unauffällig zu handeln.

Ein Schatten schlich sich am frühen Morgen auf die Plantage des Don Marco, und sofort erschienen weitere Schatten, um ihn fast im selben Moment, in dem er das Plantagengelände betreten hatte, in einer der klapprigen, baufälligen Hätten zu ziehen, die während der Regenzeit den Sklaven als Unterkünfte dienten. Er verschwand, als wäre er nie dagewesen. Trotzdem hatte das Leben, das nach dem schon bald danach stattfindenden Sonnenaufgang wieder erwachte, eine andere Farbe, einen anderen Klang als sonst – ohne, das auch nur ein Wort darüber verloren wurde, wusste jeder, was passiert war. Man begann den Tag wie jeden anderen, der alte Joseph goss die Setzlinge auf den beiden kleinen Beeten vor der Küche, die Sklaven bereiteten die Arbeit auf dem Feld vor, der Aufseher sah ihnen dabei verschlafen und mürrisch auf die Finger – und während man all diese Dinge tat, wartete man. Man wartete darauf, was geschehen würde, wartete, wie sich dieser ungewöhnliche neue Klang, der sich unverhofft in das tägliche Konzert von Schweiss und Arbeit gemischt hatte, entwickeln würde, wenn er schliesslich zu seiner vollen Entfaltung gelangte – würde er leise und folgenlos verklingen, oder würde er zu einem Paukenschlag werden, der das Leben auf der kleinen Plantage nachhaltig verändern würde…?

Don Marco hatte schlecht schlafen können in dieser Nacht, es gab ungute Neuigkeiten. Die Vorfälle auf Don Antonio’s Plantage bestätigten die Befürchtungen, die er seit langem hatte, wenn er sah und hörte, wie die anderen Plantagen geführt wurden.

Ganz abgesehen davon, dass es eine dumme, kurzsichtige Illusion war zu glauben, ein System menschenverachtender Unterdrückung könne dauerhaft funktionieren – woher namen diese Leute das Recht her, andere Menschen wie Vieh zu behandeln? Sicherlich musste auch er ab und an ein strenger Herr sein, aber er ging mit dieser Strenge nie über das hinaus, was notwendig war, um ein reibungsloses Funktionieren der Plantage sicherzustellen – im Interesse aller. Die Peitschenhiebe, die er Mike und Stuart angedroht hatte, waren nicht ausgeführt worden – wozu auch? Ihr Hass und ihr Ungehorsam hatten nichts mit den Verhältnissen auf seiner Plantage zu tun – er hatte sich ernste Gedanken über die Ursache dieses Konfliktes gemacht, jetzt kannte er sie.

Als er am späten Vormittag hinaus auf die Veranda trat, um eine kurze Pause bei seiner Verwaltungsarbeit zu machen, sah er fern am Horizont eine ganze Karawane der erst seit kurzem in dieser Gegend üblich gewordenen Reitpferde auftauchen – er dachte einen Moment nach und schüttelte dann langsam den Kopf. Die Vorfälle auf Don Antonio’s Plantage gingen ihn nichts an: Er hatte sich nie in die Angelegenheiten anderer Leute eingemischt und gedachte dies auch in Zukunft so zu halten. Sollte Don Antonio seine Probleme alleine lösen.



7.



Das Herz der alten Maria klopfte so laut und stark wie schon seit Jahren nicht mehr – während sie wie jeden Tag damit beschäftigt war, die Zutaten für das Mittagsmahl vorzubereiten, warf sie alle paar Sekunden einen ängstlichen Blick auf den erschöpften, ausgemergelten Jungen, der in einer Ecke auf einem Stuhl hockte und hungrig einen Teller Suppe in sich hineinschaufelte.

Sie hatte sich seine Geschichte angehört, nachdem die anderen Sklaven ihn heute Morgen in aller frühe in ihre Obhut gegeben hatten, und was sie gehört hatte, hatte sie zutiefst verängstigt – verängstigt, aber auch empört. Es konnte nicht recht sein, dass man diesen jungen Menschen hier seinem sicheren Tod auslieferte, nur weil er für einen kurzen Moment die Nerven verloren hatte – insgeheim wünschte sie sich, er hätte noch etwas härter zugeschlagen und dieser Hund von einem Gutsherren wäre erst gar nicht wieder aufgewacht. Sie wusste nicht, was mit ihr passieren würde, wenn Don Marco Joshua bei ihr finden würde. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er sie auspeitschen oder davonjagen würde, aber dennoch hatte sie Angst.

Ihre Angst erreichte gerade in diesem Moment einen schrecklichen Höhepunkt, denn sie sah, dass vor den Toren der Plantage sechs oder sieben Reiter auftauchten, bewaffnet und mit finsteren, bedrohlichen Mienen – in einem der Reiter erkannte sie Don Antonio selbst. Zur gleichen Zeit sah sie, wie ihr eigener Herr dicht am Küchenfenster vorbeilief. Er warf einen kurzen, beiläufigen Blick durch das Fenster, und ein kaum wahrnehmbarer Ruck ging durch seine Gestalt – in diesem Moment glaubte Maria, sie müsse vor Angst sterben. Einem ahnungslosen Beobachter wäre die winzige Pause, die Don Marco auf seinem Weg zum Plantagentor machte, wahrscheinlich nicht mal aufgefallen – sie aber hatte genau gesehen, wie Don Marcos Blick auf Joshua gefallen war, der mit schreckgeweiteten Augen nach draussen gestarrt hatte – es war klar, warum die Reiter vor dem Tor standen, und seit eben war auch klar, dass Don Marco wusste, wen sie hier in ihrer Küche versteckt hielt.



8.



Während des winzigen Augenblickes, in dem sein Blick den des jungen Joshua gekreuzt hatten, waren ihm zwei Dinge klar geworden: zum einen wusste er jetzt, dass er ein grösseres Problem hatte als die gelegentlichen Verspätungen einiger seiner Sklaven – und zum anderen wurde ihm klar, dass das Leben dieses jungen Mannes, über dessen Schuld er im grossen und ganzen das gleiche dachte wie die alte Maria, jetzt in seinen Händen lag.

Er war sich sicher, dass keiner der sechs Männer, die vor seinen Toren standen und die er im nächsten Augenblick wie es die Gastfreundschaft gebot in den Hof hinein geleiten würde, etwas von seinem Zögern bemerkt hatte – dafür hatte er sich zu schnell wieder gefangen. Er war sich aber auch sicher, dass Joshuas Leben keinen Pfifferling mehr wert sein würde, wenn sie einmal begonnen haben würden, auf seiner Plantage nach ihm zu suchen.

“Good Morning, Gentleman – was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?”

Vielleicht, dachte er, könnte er etwas Zeit gewinnen und somit Joshua Gelegenheit geben, sich ein sicheres Versteck zu suchen – eine Illusion, wie er selber wusste.

“Was oder wen wir suchen dürfte Euch bekannt sein – ein Teil meines Eigentums hat sich versehentlich auf Eure Plantage verirrt, und falls Ihr erlaubt, würde ich es gerne wieder mit nach Hause nehmen.”

Don Antonio sass stolz und aufrecht in seinem Sattel, und dass, was er sagte, ging nur haarscharf an einer bewussten Drohung Don Marco gegenüber vorbei – es war allgemein bekannt, dass die beiden sich nicht mochten.

“Euer Eigentum auf meiner Plantage? So müsstet Ihr es selbst hier hereingebracht und bei Eurer Abreise vergessen haben – denn Eigentum kann sich doch nicht von selbst fortbewegen. Aber das ist merkwürdig – ich kann mich an keinen Besuch innerhalb der letzten Zeit von Eurer Seite erinnern…”

Don Marco war erschreckt darüber, wie angriffslustig seine eigene Stimme klang – was war es, dass sich hier anbahnte?

“Es ist ein ganz spezielles Eigentum, dass mir verlustig gegangen ist – ein Eigentum mit zwei Beinen, um genau zu sein, und ein solches Eigentum kann sich durchaus von selbst auf Euren Grund und Boden bewegen. Allerdings, sich dort zu verstecken und sich vor den Augen seines Herrn verborgen zu halten, dazu braucht es Jemanden, der ihm hilft…”

In diesem Moment erst wurde Don Marco bewusst, dass die sechs Männer, die ihm gegenüber standen, bewaffnet waren – offenbar hatte Don Antonio geahnt, dass …ja, was eigentlich? Hatte er nicht eben noch gesagt, die Angelegenheiten anderer Plantagen gingen ihn nichts an? Don Marco zögerte…dann fielen ihm die gehetzten, angstgeweiteten Augen wieder ein, mit denen Joshua ihn gerade eben noch angeschaut hatte. Wenn er jetzt nachgeben würde, würde das nicht heissen, dass er bewusst und willentlich das geschehen liess, Schuld an dieser panischen Angst war?

Don Marco holte tief Luft und traf dann eine Entscheidung.

“Ich bin mir sicher, Don Antonio – auf meiner Plantage befindet sich nichts, was Euch gehört. Du hast den weiten Weg umsonst gemacht.”

Er hielt Don Antonios wütenden, bohrenden Blick noch einige Sekunden stand, dann drehte er sich um und ging langsam zurück zum Hauptgebäude der Plantage. Gegen die Weigerung, ihn bei seiner Suche zu unterstützen, war Don Antonio machtlos. Es stand im Ermessen eines jeden Plantagenbesitzers, etwaigen Besuchern das Gastrecht zu verweigern – und genau das hatte er eben getan. Don Antonio würde unverrichteter Dinge wieder nach Hause reiten müssen. Während er an den links und rechts von ihm stehenden Sklaven vorbeischritt, spürte er ihre Blicke auf ihm ruhen.

Er hatte die Treppe, die zur Veranda des Hauptgebäudes führte, beinahe erreicht, als ihn eine Kugel in die linke Schulter traf und ihn zu Boden riss.



9.



Die Regenzeit würde bald beginnen, jeden Tag türmten sich mehr und höhere Wolkenberge am Himmel auf, und nur noch vereinzelt drangen die wärmenden Strahlen der Sonne direkt und ungehindert auf die Erde.

Die alte Maria stand in der Küche und bereitete – wie schon seit Jahren – das Essen vor. Sie tat dies heute mit etwas mehr Ruhe und Bedacht als sonst, und wahrscheinlich würde sie sich gleich ordentlich beeilen müssen, um noch rechtzeitig fertig zu werden. Aber das war nicht schlimm – in ihrem Herzen herrschte Frieden, und die friedlichen Momente des Lebens sollte man ehren und ihnen den Raum geben, den sie benötigen – sind sie doch selten genug.

Maria sah auf die Veranda hinaus, dorthin, wo Don Marco mit einem grossen, sorgsam gewickelten Schulterverband in seinem Stuhl sass und sein Gesicht in die Sonne hielt. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre tot gewesen, letzte Woche, als der Streit, der schon lange zwischen ihm und Don Antonio geschwelt hatte, eskaliert war. Jetzt aber war alles gut – die Verwundung war nicht schwer, und Don Marco würde seinen Arm bald wieder gebrauchen können. Joshua hatte ein Unterkommen hier auf der Plantage bekommen, und Don Antonio war, nachdem der alte John die jüngeren – und auch die älteren – Sklaven nur mit Mühe hatte davon hatte abhalten können, ihn zu lynchen – nie mehr wieder hier aufgetaucht. Man hörte, er zeige jetzt mehr Respekt vor seinen Sklaven – vielleicht nicht mal deshalb, weil er von dem, was vorgefallen war, auch nur das Geringste verstanden hatte, sondern weil der Wind in dieser Gegend Neuigkeiten schnell verbreitet und es eine Zeitlang so schien, dass auch nicht einer der anderen Gutsherren noch bereit gewesen wäre, mit ihm Geschäfte zu machen.

Maria wandte sich wieder ihrer Gemüsesuppe zu, während draussen vor dem Fenster der alte John die Setzlinge mit frischen Wasser aus der kleinen, kupfernen Kanne goss und dabei friedlich vor sich hinsummte.

Leonie

1.



Es war immer noch da – dieses dumpfe, benommene Gefühl beim Aufwachen. Immer noch, obwohl sie sich mittlerweile schon deutlich besser fühlte. Seitdem sie vor einigen Tagen zum ersten Mal für einige Stunden ohne Unterbrechung wach gewesen war, hatte sie wieder Hoffnung geschöpft – an die Zeit vorher dachte sie nur ungerne. Man hatte ihr gesagt, das sie fast einen Monat lang im Koma gelegen hatte, und als sie dann Stück für Stück aus der langen Bewusstlosigkeit aufgetaucht war, war dies nur langsam und sehr mühselig geschehen. Sie konnte sich verschwommen an lange, schwarze Nächte erinnern, während denen sie in einem zermürbenden, trüben Halbbewusstsein in ihrem Bett gelegen hatte und darauf gewartet hatte, dass endlich der langersehnte Schlaf kam, um sie zu erlösen. Der Schlaf, oder auch der Tod – es gab Momente, in denen war ihr das egal gewesen. Momente, in denen die Schmerzen in ihrem Kopf oder ihrem Bauch so schlimm gewesen waren, dass sie meinte, es nicht mehr aushalten zu können.

Aber das war jetzt vorbei. Sie schlief regelmässig jede Nacht, und tagsüber war sie wach und bei Bewusstsein, konnte sich mit den Pflegern unterhalten und sogar Bücher lesen. Ihr Zustand war jetzt stabil genug, um ihr Schmerzmittel geben zu können, und das machte vieles einfacher. Und auch das dumpfe Gefühl beim Aufwachen würde bald verschwinden, da war sie sich sicher.

Leonie setzte sich in ihrem Krankenbett auf und schaute sich um – sie war allein in ihrem Zimmer, aber ein Blick auf den kleinen roten Wecker auf ihrem Nachttisch sagte ihr, dass dies nicht mehr lange so bleiben würde. Es war viertel vor Acht, um Acht würde jemand mit dem Frühstück kommen, und bisher war danach jeden Tag jemand erschienen, um sie zu besuchen und mit ihr zu reden. Es waren Leute aus dem Krankenhaus – niemand, den sie kannte, aber sie war dennoch dankbar dafür.

Einen Moment später senkte sich wie erwartet die Türklinke, und der kleine, etwas abgewetzte Essenswagen wurde hereingeschoben. Leonie wartete gespannt, wer hinter dem Wagen durch die Türe treten und ihr das Essen bringen würde – gestern war es Mario gewesen, ein langhaariger, etwas untersetzter Pfleger, vielleicht ein Zivi oder sowas.

Sie freute sich, als ihre Erwartung bestätigt würde – sie mochte Mario, und einen besseren Beginn für einen neuen Tag, als von einem sympathischen, blendend aussehenden jungen Mann das Frühstück serviert zu bekommen, konnte man sich ja wohl nicht vorstellen.



2.



“Guten Morgen, Leonie!”

Mario hatte, nachdem er es geschafft hatte, den sperrigen, quietschenden Essenswagen ins Innere des kleinen Krankenzimmers zu manövrieren, die Türe geschlossen und warf jetzt einen neugierigen Blick auf das kleine Mädchen, das vor ihm auf dem weissen Bett lag. Sie machte einen glücklichen Eindruck – bewundernswert, wenn man wusste, was für Schmerzen sie bis vor kurzem gehabt hatte. Dieser Gedanke machte ihn sofort ein wenig unglücklich, denn er wusste, dass dieses Glück nur von sehr kurzer Dauer sein würde. Leonie hatte, wie sie alle hier, neben ihren sonstigen Verletzungen eine viel zu hohe Dosis Radioaktivität abbekommen, um noch länger als maximal ein paar Monate zu leben zu haben. Manchmal fragte er sich, warum man den Betrieb hier überhaupt noch aufrecht erhielt – nicht allzu lange, und alles würde genauso zusammenbrechen wie der Rest der Welt da draussen, daran war nichts zu ändern.

Aber er wollte der kleinen Leonie nicht die Laune verderben, sie sah heute so glücklich aus – er ging zu ihr herüber, setzte ihr den Teller mit belegtem Brot und dem Orangensaft auf die Bettdecke und dachte sich irgendeinen Spruch aus – das fiel ihm leicht, irgendwas zu den Blumen auf ihrem Nachtisch oder ihren Sommersprossen – und beschloss, sich wenigstens für die Zeit, die er hier mit ihr verbrachte, keine trüben Gedanken zu machen.



3.



Als sie fertig gefrühstückt hatte und Mario wieder gegangen war, blieb Leonie eine zeitlang alleine – der Besuch liess wohl noch einige Zeit auf sich warten. Sie nutzte die Zeit, um aus dem Fenster zu schauen. Ihr Zimmer lag an der Westseite eines weiträumigen Innenhofs: Im Zentrum stand ein alter, hoch gewachserer Baum; da der Baum keine Blätter trug, konnte Leonie ihn nicht genau einordnen – sie war sich aber fast sicher, dass es sich um einen Kirschbaum handelte. Obwohl offensichtlich Winter war, lag kein Schnee. Bei den Temperaturen war das aber auch kein Wunder; es war fast sommerlich warm; vielleicht hatte das Krankenhaus aber auch nur eine gut funtionierende Heizung.

Ein paar schmutziggraue Wolken verdeckten die Sonne und tauchten den Innenhof und die angrenzenden Fassaden in ein düsteres, dunkles Dämmerlicht. Leonies Blick löste sich von dem alten Kirschbaum und wanderte hinauf in den Himmel. Zum ersten Mal, seit sie wieder etwas besser fühlte, machte sie einen ernsthaften Versuch, sich zu erinnern, weshalb sie eigentlich hier war – irgendetwas war mit ihr passiert…



4.



Schon seit einiger Zeit hatte es Spannungen gegeben – zuerst beinahe unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, hatte sich ein kompliziertes Geflecht von diplomatischen Unstimmigkeiten, versteckten Drohungen und heimlichen Allianzen zwischen der neuen, ehrgeizigen Grossmacht China, den in eitler Selbstgefälligkeit erstarrten Vereinigten Staaten sowie einigen versteckt agierenden opportunistischen Terroristengruppen entwickelt.

Es hatte andere Dinge gegeben, die das allgemeine Interesse auf sich gezogen hatten – der zunehmend spürbare Klimawandel war eins davon gewesen, aber auch der fortwährend schwelende Nahost-Konlikt, Krisen in Afrika, und nicht zuletzt die immer knapper werdenden Rohstoffe. Überhaupt – wer dachte im fortschrittlichem 21. Jahrhundert, dem, das ja bekanntlich den kalten Krieg längst hinter sich gelassen hatte, denn noch an die Möglichkeit einer offenen Konfrontation zwischen zwei Grossmächten? Vielleicht war man etwas blauäugig gewesen, aber es war auch nur allzu verständlich, dass man geglaubt hatte, das bizarre, absurde Gespenst der geplanten gegenseitigen Vernichtung zweier Hälften der Welt würde der Vergangenheit angehören.

Wie auch immer – als man merkte, was sich wirklich hinter den Kulissen anbahnte, noch dazu mitten im Sommerloch, wo niemand überhaupt mit irgendetwas rechnete, war es bereits zu spät. Die letzten, ultimativen Drohungen waren ausgesprochen worden, die Situation schon längst viel zu verfahren, um noch von der verzweifelt einberufenen diplomatischen Bemühungen der UN und der EU aufgehalten werden zu können.

Die Dinge nahmen ihren Lauf, und die Menschheit stand hilflos und mit leeren Händen vor der drohenden, endgültigen Katastrophe.



5.



Das sie ohne es zu merken und durchaus gegen ihren Willen wieder eingeschlafen war, bemerkte Leonie erst, als sie von einem fröhlichen Klopfen an der Tür aufgeweckt wurde. Schnell rieb sich sich den Schlaf aus den Augen, setzte sich in ihrem Bett auf und sagte: ”Herein!”. Sie ärgerte sich ein wenig über sich selbst – zuerst beklagte sie sich darüber, dass sie heute offenbar niemand besuchen wollte, und dann pennte sie einfach so weg!

Die Tür öffnete sich, und Katharina kam herein, eine kleine, blonde Krankenschwester, die hier auf der Station arbeitete und in ihren Freistunden ab und zu zu ihr hereinschaute.

“Guten Morgen Leonie, geht’s Dir gut?”

Katharina griff nach einem Stuhl, der in der Ecke neben dem Nachttisch stand, setzte sich an das Kopfende von Katharinas Bett und strahlte ihr ins Gesicht. Katharina war manchmal ein wenig aufdringlich, fand Leonie, aber sie freute sich trotzdem über dem Besuch. Sei beeilte sich zu sagen, dass es ihr schon viel besser gehe, dass sie gut geschlafen habe und fast gar keine Schmerzen mehr habe.

“Schön!” sagte Katharina und lächelte – Katharina lächelte überhaupt immer, jedenfalls hatte Leonie diesen Eindruck von ihr. Plötzlich kam ihr eine Idee – sie würde eine der vielen Fragen stellen, die ihr in den wenigen Tagen, die sich jetzt wieder voll bei Bewusstsein war, in den Kopf gekommen waren, und die zu stellen sie dann aber doch wieder vergessen hatte.

“Wenn ich doch wieder fast gesund bin – wann darf ich nach Hause gehen?” Und, wo sind meine Eltern und warum besuchen sie mich nicht, fügte sie im Geiste hinzu, sprach es aber nicht aus – sie spürte instinktiv, dass die Antwort auf diese Frage Katharina in Schwierigkeiten bringen würde.

Katharina zögerte merklich, bevor sie eine Antwort gab – in diesem Moment wirkte das Lächeln auf ihrem Gesicht, das Leonie eigentlich sehr symphatisch fand, unecht und aufgesetzt.

“Weisst Du, das kann man jetzt noch nicht sagen. Du warst sehr krank, Leonie, und es ist wirklich super, dass Du Dich schon wieder so gut fühlst – trotzdem müssen Dich noch eine Weile hier behalten. Aber weisst Du was?” Es war deutlich zu sehen, dass Katharina krampfhaft nach einem Weg suchte, um das Gespräch auf ein anderes Thema hinzulenken. “Der Arzt hat gesagt, Du könntest Morgen vielleicht für eine Zeitlang aufstehen – wir können einen Spaziergang durch den Innenhof machen, was meinst Du?”

Eigentlich wollte sich Leonie nicht so leicht abspeisen lassen – es war zu deutlich, dass Katharina ihr etwas verheimlichte. Aber dann sah sie das Leuchten in Katharins Augen, das um so vieles gelöster und echter war als ihr gezwungenes Lächeln von eben, und beschloss, die Frage vorerst auf sich beruhen zu lassen – und sich auf einen gemütlichen Spaziergang unter dem alten Kirschbaum zu freuen.





6.



“Schwester Katharina?”

Dr. Merfeld wandte sich um, und sein Blick glitt suchend den kleinen, gelb gestrichenen Stationsflur entlang – eben meinte er dort jemanden gesehen zu haben. Diese Wahrnehmung bestätigte sich umgehend, den Schwester Katharina trat aus einem Seitengang heraus und eilte mit schnellem Schritt auf ihn zu.

“Was gibt’s, Chef?”

Dr. Merfelds Stirn legte sich in Falten – er mocht Schwester Katharina und auch ihre lockere Art, aber ein gewisses Mass an Korrektheit im dienstlichen Umgang musste schon sein – auch jetzt noch.

“Wie bitte?”

Schwester Katharina hielt mitten im Schritt inne, legte die Hand vor den Mund und wurde mit einem Male krebsrot im Gesicht.

“Entschuldigung – Ich meine, was gibt es, Herr Doktor?”

Dr. Merfeld beschloss, nicht weiter auf die Sache einzugehen – sie alle hatten genug um die Ohren, und überhaupt, lieber Himmel, sie waren hier nicht beim Militär.

“Was ich sie fragen wollte, Schwester Katharina – wie geht es der kleinen Leonie? Den Daten zufolge müsste sie jetzt fast wieder Gesund sein – EEG und EKG sind in Ordnung, und die Blutwerte sind im normalen Bereich – sie hat ihren Unfall erstaunlich gut verkraftet. Unter normalen Umständen könnte sie morgen oder übermorgen entlassen werden. Aber soweit ich weiss gibt es in ihrer Familie keinerlei Überlebende?”

Die Frage war überflüssig, das wussten sie beide. Die Menschen, die im näheren Umkreis noch lebten, waren hierher gekommen – und das waren so wenige, dass man sie an zwei Händen abzählen konnte. Was weiter draussen war, wusste der Himmel – aber es gab keinen Grund anzunehmen, dass die lage woanders besser war. Die erste nukleare Schlag hatte die Welt völlig unvorbereitet getroffen, und danach hatten offenbar einige wichtige Leute die Nerven verloren – die ganze Welt war hochgegangen wie ein Pulverfass. Soviel hatte man gerade noch mitbekommen, dann waren sämtliche Radio- und Fernsehsender verstummt, das Stromnetz war zusammengebrochen – im Krankenhaus gab es einen Notstromgenerator, deshalb konnte man sich hier noch halbwegs über Wasser halten.

“Was ich gerne von Ihnen wüsste, ist…”

Er stand Schwester Katharina jetzt direkt gegenüber, und die professionelle Distanz, auf die er gerade eben noch so viel Wert gelegt hatte, störte ihn. Dies war kein Gespräch, bei dem er als kompetenter und Entscheidungsbefugter Arzt einer unbedarften kleinen Krankenschwester Anweisungen erteilen wollte.

“Weiss sie immer noch nicht, was passiert ist?”

Glücklicherweise schien Schwester Katharina ganz genau zu verstehen, worum es ihm ging – sowohl gerade eben, als er – vielleicht etwas übergenau – ihren laschen Tonfall kritisierte, als auch jetzt, als er ihr offen seine Unsicherheit zeigte. Verwunderlich war das allerdings nicht – über irgendwelche Spielchen waren sie alle hier längst hinaus.

“Nein. Sie fragt, aber – bis jetzt ist mir noch immer etwas eingefallen, um sie abzulenken. Morgen werde ich mit ihr einen Spaziergang machen, das wird sie freuen.”

“Ja, das wird es – und, jetzt, wo ich darüber nachdenke, meine ich auch, dass wir sie noch eine zeitlang hierbehalten sollten – es gab da eine kleine Unregelmässigkeit im EKG von gestern Vormittag, und man sollte ja kein Risiko eingehen, nicht wahr, Schwester?”

“Natürlich nicht, auf keinen Fall. Ich bin ganz Ihrer Meinung, Herr Doktor.”

Schwester Katharina lächelte – wie bereits erwähnt, tat sie das eigentlich immer. Dann ging sie mit dem gleichen schnellen Schritt, mit dem sie gekommen war, wieder zurück an ihre Arbeit.





7.



Der Spaziergang im Innenhof war wunderschön gewesen – als sie ihn aus der Nähe betrachtet hatte, war Leonie sich völlig sicher gewesen, dass der grosse alte Baum in der Mitte ein Kirschbaum war, und sie hatte sich zusammen mit Schwester Katharina in seinen Schatten gesetzt und in den Himmel hinauf geschaut.

Gerade eben sass Mario neben ihr auf der Bettkante und hörte ihr zu, als sie ihm davon berichtete, wie schön es gewesen war, wieder im Freien sein zu dürfen, nachdem sie wochenlang immer nur im Bett gelegen hatte.

“Hast Du nicht Lust, morgen mit mir nach Draussen zu gehen?”

Es hatte Leonie einigen Mut gekostet, diese Frage zu stellen – schliesslich wollte sie Mario nicht unbedingt auf die Nase binden, wie gern sie ihn hatte. Jetzt aber merkte sie, dass dieser ihr offenbar gar nicht zugehört hatte – er hatte den Blick an ihr vorbei auf den Hof hinaus gerichtet und schaute gedankenverloren ins Leere.

Leonie schlug ihm mit der Hand vor den Bauch – nicht feste, aber doch so, dass er aus seinen Gedanken aufschreckte.

“He, Schlafen im Dienst ist verboten! Gib Dir gefälligst mehr Mühe…”

Mario zuckte zusammen und versuchte dann, langsam und theatralisch vorüber zu kippen – es gelang ihm nicht wirklich, sein schlampig inszenierter K.O. wurde schon bald von Leonies angewinkelten, gut unter der Bettdecke verpackten Beinen gestoppt.

“Tut mir leid…ich musste gerade an zu Hause denken. In dem Dorf, in dem meine Eltern wohnen, bin ich auch oft spazieren gegangen, und ich – aber egal.”

Mario sah plötzlich sehr traurig aus – etwas, das Leonie bei ihm bisher überhaupt noch nicht erlebt hatte.

“Stimmt etwas nicht mit Deinem Zuhause?” fragte sie, “ist es weit von hier?”

“Nein, gar nicht, es ist gleich hier in der Nähe…”

Plötzlich änderte sich sein Gesichtsausdruck wieder, aber das, was dabei rauskam, war genauso wenig überzeugend, wie der K.O., den er eben probiert hatte.

“Alles in Ordnung- ich komme dann Morgen direkt nach dem Mittagessen, um Dich abzuholen. ok?”



8.



Leonie liess den Blick langsam aus ihrem kleinen Fenster hinaus über die karge, blattlose Landschaft schweifen. Es war warm draussen, so warm, wie es für Ende August üblich war.

Sie dachte über das nach, was Mario ihr heute Morgen nach dem Frühstück gesagt hatte – sie dachte daran, wie traurig er ausgesehen hatte, als er ihr von seiner Familie erzählt hatte. Sie dachte auch an Katharina, an das Leuchten in ihren Augen und an das Lächeln auf ihrem Gesicht, an dieses Lächeln, das so schnell zu einer Maske erstarren konnte. Sie war nicht dumm, sie hatte durchaus verstanden, was sie in den letzten Tagen vor ihrem Unfall, an die sie sich mittlerweile wieder erinnern konnte, im Radio und im Fernsehen gehört und gesehen hatte – und sie war dazu in der Lage, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Sie beschloss, die Fragen, die in ihrem Kopf kreisten, auf sich beruhen zu lassen.

Sie würde sich weiterhin von Mario das Frühstück ans Bett bringen lassen, und darüber lachen, wenn er Witze über die Sommersprossen auf ihrer Nase machte; sie würde Doktor Merfeld geduldig zuhören, wenn er über immer neue, überraschende Komplikationen in ihrem Heilungsprozess sprach, und sie würde weiterhin mit Katharina kleine, gemütliche Spaziergänge im Innenhof des Krankenhauses machen und ihren Freund, den Kirschbaum besuchen.

Und wenn es wirklich einmal Winter werden würde, würde sie eine Mütze tragen.

Der Fluch von Schloß Darkmoore

I.

Schwere Nebelschwaden zogen über Schloss Darkmoore und verdeckten beinahe den Vollmond, der ein unheilverkündendes Licht auf den das Schloss umgebenden Wald warf. Ein Licht, das der Fantasie Spukgestalten und Geister eingab, die zwischen den Bäumen und Sträuchern ihr geheimnisumwobenes Dasein fristeten.
Plötzlich wurde dies schaurige Szenario von zwei Scheinwerfern zerrissen, deren gleißende Lichtkegel den von der Straße herführenden Weg entlangglitten, anhielten und das große alte Schlossportal beleuchteten.
„Liebling, glaubst Du wirklich, das uns hier jemand helfen kann?“
„Sicher doch, Schatz, mach dir keine Sorgen mehr, jetzt wird alles gut.“
Konnte es wirklich sein, dass…? Seit langem war es nicht mehr vorgekommen, man glaubte schon, niemand wäre jemals wieder so unvorsichtig und …
Aber offenbar war es passiert, würde passiere – möge Gott diesen beiden armen Seelen gnädig sein und das Grauen vielleicht doch noch an ihnen vorübergehen lassen!

II.

„Beeil Dich, Liebes, wir kommen noch zu spät!“
Schon den ganze Tag über lief ständig irgendwas schief: zuerst völlig überraschend dieser Anruf der Foxworth University, Jane war – entgegen des vorhergehenden Absageschreibens – für die Aufnahmeprüfung für das Studium der internationalen Rechtssysteme zugelassen worden, der ursprünglich vorgesehene Kandidat hatte unerwartet abgesagt. Dann die ganze Organisation, Koffer packen, Termine absagen, Hotel anmieten…
„Martin, weißt Du vielleicht, wo ich den Autoschlüssel gelassen habe? Diese Sucherei macht mich noch ganz krank!“
Seit zwei Jahren waren sie nun ein Paar, seit drei Monaten sogar Verlobte: Er, Martin, Geschichtsstudent im 4. Semester, hochgewachsen, dunkelhaarig, ein solider, aufrechter Charakter, mit einem leichten Hang zur Tollpatschigkeit. Sie, Jane, bis vor kurzem noch Schülerin an der örtlichen Highschool, Abschluss als Jahresbeste, seitdem auf der Suche nach einem Studienplatz, mit dem Ziel, Expertin für internationales Recht zu werden. Blond, außergewöhnlich hübsch, immer ein wenig schüchtern und zurückhaltend, harmoniebedürftig, aber ausgestattet mit einem starken Gerechtigkeitssinn und bereit, sich für ihre Überzeugungen einzusetzen (keine Angst, die zwei kriegen schon noch ihr Fett weg!).
„Ich glaube, ich hab ihn, er war unter den Sitz gerutscht. Haben wir jetzt alles?“
Mit prüfendem Blick begutachtete er die beiden Koffer, die neben dem alten 2CV von Janes Mutter standen: Nach einem gehetzten Nachmittag, an dem sie eilig alles nötige zusammengepackt hatten für die 200 km-Fahrt zum Hotel „Visitors Pleasure“, indem Gott sei Dank noch ein Doppelzimmer für die nächsten zwei Nächte frei gewesen war, waren sie jetzt fertig. Und die Zeit drängte, denn der Prüfungstermin war am nächsten Tag auf 9 Uhr festgesetzt, und natürlich wollten sie, bzw. Jane, dort nicht erschöpft und übermüdet erscheinen.
„Ich glaube, wir haben alles, Marty. Lass uns fahren, ich werde schon mal versuchen, im Auto ein bisschen zu schlafen.“

III.

Es schien so, als konnte, oder vielleicht auch als wollte es einfach nicht gut gehen; ca. 60 km vor Foxworth, mitten auf der kaum befahrenen Route durch den Darkmoore Forest, mischte sich plötzlich ein deutlich vernehmbares Pfeifen in das bis dahin einschläfernd monotone Motorengeräusch.
„…Martin? Martin, was ist das – stimmt irgendwas nicht?“
Jane, die bis dahin friedlich auf dem Beifahrersitz geschlummert hatte, räkelte sich und setzte sich dann in ihrem Sitz auf.
„Dieses Geräusch, das klingt irgendwie eigenartig!“
Martin, der zwar über keinerlei handwerkliches Geschick verfügte, sich aber mit Automotoren, gerade mit dem von Janes Mutter, mittlerweile zu genüge auskannte, wusste ziemlich genau, wo hier das Problem lag: Der Keilriemen war zwar nicht gerissen, lag aber doch in den letzten Zügen und musste dringend erneuert werden. Im jetzigen Zustand würden Sie den Weg nach Foxworth nicht mehr schaffen, soviel stand fest.
Und eben deshalb waren die beiden seitdem auf der Suche, um im düsteren Darkmoore Forest einen Ersatz zu finden, sei es eine ausgediente Damenstrumpfhose oder irgendetwas anderes, das den störrischen Motor des 2CV wieder zur Vernunft bringen würde.

IV.

Knaarrzz…

Die alte Holztüre quietschte schwerfällig in ihren Angeln.
„Eure Lordschaft?“
Die krächzende Stimme von James, dem alten, buckligen Butler, der schon seit Generationen im Besitz des Darkmoore-Clans war, zerschnitt die düstere Stille.
„Seit Ihr noch wach, Herr? Ein Besuch steht an der Pforte und wünscht Euch zu sprechen.“ Er räusperte sich, wobei ein hohles Pfeifen aus seiner Kehle drang. „Zwei junge Seelen. Was soll ich ausrichten lassen, Herr?“
Eine eilige Folge von Schritten erklang, vermischt mit dem tickenden Klopfgeräusch eines Gehstocks – Lord Darkmoore war mit dem Alter etwas unsicher auf den Beinen geworden.
„Ein Besuch zu so später Stunde? Nun, James, wir Darkmoores waren immer schon eine gastfreundliche Familie, nicht wahr? Richten Sie den beiden aus, ich würde sie empfangen, und führen Sie sie in den Salon. Und beeil er sich! Es ist unhöflich, Gäste vor der Türe warten zu lassen.“

V.

Der Salon von Schloss Darkmoore war ein großer, von einem alten, steinernen Kamin beherrschter Raum, in dessen Mitte ein altes Sofa und einige breite, hochrückige Sessel um einen dunklen Holztisch gruppiert waren. Die Wände wurden dominiert von den Portraits einiger finster dreinblickender, längst verstorbener Clanmitglieder, sowie einer Reihe alter Ritterrüstungen, die im Licht des jetzt wieder träge flackernden Kaminfeuers bizarre Schatten an die Wände warfen.
„Martin, meinst Du wirklich, das man uns hier helfen wird? Dieser alte Butler klang so merkwürdig als er uns hereinbat, und dieses ganze Schloss ist mir irgendwie unheimlich!“
Die beiden waren von James hereingeführt worden, nachdem sie nach einigem Zögern in die Zufahrt von Schloss Darkmoore eingebogen waren und an der Pforte geläutet hatten.
Auch wenn beide unsicher waren und diese Entscheidung nur mit gemischten Gefühlen getroffen hatten, blieb ihnen doch nichts anderes übrig, da es auf der Straße durch den Darkmoore Forest kein anderes Anwesen zu geben schien und der Keilriemen immer merkwürdigere Geräusche von sich gab.
„Mach dir keine Sorgen, Liebling. Alte Gemäuer haben immer etwas unheimliches an sich, und das sie uns hereingebeten haben ist doch schon ein gutes Zeichen; ich bin sicher, die Leute hier sind sehr nett und werden uns weiterhelfen, so gut sie können. Sieh mal, ich glaube, da kommt schon der alte Lord Darkmoore.‘
Und tatsächlich öffnete sich in diesem Augenblick die große Holztüre, die in die Wohnräume des Schlosses führte, und eine breite, hochgewachsene Gestalt trat hervor, gestützt auf einen reich verzierten, ebenhölzernen Gehstock, dessen Knauf einen finster dreinblickenden Wolfshund formte.
„Ein angenehmer Abend sei den Herrschaften gewünscht. Mein Name ist Edward Hyronimus Darkmoore III. Ich bin der Herr über dieses Schloss und die umliegenden Länderreien. Nur recht selten geschieht es, das unser abgeschiedenes Leben von Besuchern beehrt wird, noch dazu zu so später Stunde. Sprechen Sie, was führt Sie zu uns?“
Jane und Martin sahen sich unsicher an, und als Martin die Hand seiner Verlobten ängstlich nach der Seinen tasten fühlte, fasste er sich eine Herz und sagte:
„Entschuldigen Sie bitte die späte Störung. Mein Name ist Martin Hilford, und das ist Jane Wyning, meine Verlobte. Wir sind auf dem Weg nach Foxworth, wo Jane morgen einen wichtigen Termin an der dortigen Universität hat. Leider bekamen wir Probleme mit unserem Wagen, ich vermute, der Keilriemen ist defekt. Dieser Termin ist sehr wichtig für uns, und wir hatten gehofft, das uns hier vielleicht jemand helfen kann. Eine alte Strumpfhose oder ein altes Seil würden schon genügen.“
„Hmm.. nein, leider muss ich Sie da enttäuschen. In unserem Haushalt gibt es nichts, dass sich als …“ er räusperte sich leicht, bevor er weitersprach „..’Keilriemen’ nutzbar machen lassen würde. Aber warten Sie, da kommt schon James mit dem Tee – sicher frieren Sie, und ich möchte nicht, das meine Gäste sich unwohl fühlen.“
Während die Enttäuschung über die letzten Worte des Lords noch in ihnen nachwirkte, sahen die beiden, wie der bucklige alte Butler, der ihnen eben die Tür aufgemacht hatte, langsam mit einem Tablett hereingeschlurft kam, auf dem eine dunkelrote Porzellankanne sowie zwei ebenfalls rote Tassen standen. James stellte das Tablett auf dem großen Holztisch ab und verbeugte sich linkisch, wobei er mit dem Fuß leicht gegen den Tisch stieß. „Wohl bekomme es den Herrschaften, zu ihrem Diensten.“ Er richtete sich auf, warf einen kurzen Blick auf eins der alten Portraits an den Wänden, und ging langsam zur Türe hinaus.
„Bedienen Sie sich nur, es handelt sich hier um eine nach alter Tradition zusammengestellte Teemischung; das Rezept geht auf meinen Urgroßonkel zurück, Lord Mortimer V. Dort links über dem Kamin sehen Sie ein Portrait von ihm.“
Er streckte eine mit einem schweren Rubinring geschmückte Hand aus und deutete auf eines des Wandbilder, das einen bärtigen, feistgesichtigen Glatzkopf zeigte, auf dessen Schoss sich ein Frettchen ausruhte.
„Ich bedaure es, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann. Allerdings fährt morgen früh um sieben ein Bus, der nicht weit von hier an einem hohlen Baume hält und auch bis nach Foxworth gelangt. Auf diese Weise währen Sie um …warten Sie … viertel nach acht dort, und für die heutige Nacht könnte ich Ihnen unser Gästezimmer anbieten.“
Während er dies sagte, drehte er den Kopf ein wenig und schaute in das Kaminfeuer, das mittlerweile die aufgetürmten Holzscheite erreicht hatte und jetzt hell loderte.
Die beiden zögerten einen Moment – was sollten sie tun? Die Idee, den Bus zu nehmen, klang eigentlich sehr vernünftig. Mit dem Wagen würden sie die restliche Strecke höchstwahrscheinlich nicht mehr schaffen, und die Aussicht, mitten im Darkmoore Forest stecken zu bleiben und die Nacht frierend im Auto verbringen zu müssen, erschien ihnen wenig angenehm.
Andererseits war ihnen das so bereitwillig gegebene Angebot des alten Lords ein wenig unheimlich – was würde sie in der Nacht erwarten? Ein Gespenst, das plötzlich im Kaminfeuer erschien und nach seiner verlorenen Seele rief? Ritterrüstungen die von selbst durch die Schlossgänge polterten und sich stumme Gefechte mit Werwölfen und Kobolden lieferten? Oder der alte James, der nachts um vier an ihre Türe klopfte um mit irrem Blick einen letzten Tee zu servieren?
Beide waren sie gebildete, aufgeklärte junge Menschen mit einer nüchternen, realistische Weltsicht, und nachdem sie sich mit einem kurzen Blick ihres gegenseitigen Einverständnisses versichert hatten, nahmen sie dankbar Lord Darkmoores Angebot an.

VI.

Hand in Hand gingen Martin und Jane den von Fackeln erleuchteten, engen Treppengang entlang. James, der schwerfällig vor ihnen herstapfte, nahmen sie als eine unheimlich verkrümmte Gestalt war, deren Schatten an der Wand unruhig hin- und herzuckte.
Nachdem sie noch einige Worte mit dem Schlossherren gewechselt hatten, hatte dieser sich unter Berufung auf die nun schon merklich vorgerückte Stunde in seine Ruheräumlichkeiten zurückgezogen und sie in die Obhut des Butlers übergeben, mit der Bemerkung, James würde sie zu dem bewussten Gästezimmer führen.
Die steinerne Treppe endete abrupt vor einer schmalen Holztüre.
„Bitte sehr, die Herrschaften, Ihre Gemächer.“
James öffnete die Türe, und die beiden blickten in einen quadratischen, etwa vier Meter langen und breiten Raum mit steinernen Wänden und ebensolchem Fußboden. An einer Seitenwand stand ein großes Himmelbett, dessen dunkelblaues Gewölbe bis dicht unter die Decke reichte; die der Tür gegenüberliegende Wand umschloss in der Mitte einen kleinen, erloschenen Kamin, über dem ein in düsteren Farben gemaltes Bild hing, dessen Inhalt sich dem Betrachter auf den ersten Blick nicht erschließen wollte. Auf dem Boden vor dem Bett lag das Fell eines großen Braunbären, der wohl noch im Darkmoore Forest selbst erlegt worden war. Fenster gab es keine.
„Falls Sie noch Wünsche haben, bitte ich Sie, die an der Türe angebrachte Glocke zu läuten, das Schloss ist recht hellhörig in diesem Bereich, ich werde es bemerken. Für den Moment wünsche ich Ihnen eine geruhsame Nacht, schlafen Sie wohl!“
Sprach’s, ging unbeholfen durch die Türe hinaus und schloss diese hinter sich, wobei die rostige Klinke ein träges Quietschen von sich gab.
Jane und Martin sahen sich in ihrem Domizil um, und ihre Blicke füllten sich mit Entsetzen, als sie hörten, wie sich von außen langsam der Schlüssel im Türschloss herumdrehte und sich James’ Schritte hastig entfernten. Es schien, als wären sie gefangen.

VII.

Zuerst waren beide vor Schreck wie gelähmt, dann aber sprang Martin eilig zur Tür und versuchte, sie aufzureißen, was erstaunlicher Weise auch widerstandslos gelang; mit einem Mal sah er sich aus dem Zimmer herausschießen und schaffte es nur mit Mühe, nicht die direkt hinter der Tür liegende Treppe hinunterzufallen.
„Haben die Herrschaften noch einen Wunsch?“
James, der sich aufgrund seiner trägen, schlurfenden Fortbewegungsart erst auf der Mitte der Treppe befand, drehte langsam den Kopf und sah mit trübem, seltsam starrem Blick zu der Türe hinauf.
„Nein, es ist nichts, entschuldigen Sie bitte – ich bin nur … gestolpert. Alles in Ordnung bei uns.“ Und er bemühte sich, seinen Worten ein unbekümmert -optimistisches Lächeln anzuhängen. James’ Gesicht war nicht anzumerken, ob er damit erfolgreich gewesen war.
„Dann wünsche ich nochmals eine geruhsame Nacht.“
Er wendete sich wieder den abwärtsführenden Treppenstufen zu und setzte schlurfend seinen Weg fort.
Langsam stieg Martin die zwei oder drei Stufen wieder hinauf und zog – sehr vorsichtig – die Tür hinter sich zu.
„Ich verstehe das nicht – wir haben doch beide ganz deutlich gehört, wie die Türe abgeschlossen worden ist!“
„Ja, ich bin mir auch ganz sicher. Ach weißt du, Liebling, ich glaube, wir sind beide einfach total erschöpft und übermüdet. Lass uns jetzt schlafen gehen, morgen wird ein anstrengender Tag für mich, und für Dich auch.“
Zuerst sträubte Martin sich gegen diesen Gedanken, ungelöste Widersprüche waren ihm ein Gräuel. Schließlich aber gab er seiner Verlobten recht. Es war wohl besser, die Sache auf sich beruhen zu lassen.
Sie löschten die beiden großen Fackeln, die rechts und links neben der Türe angebracht waren, so dass der Raum nur noch von einem kleinen, flackernden Licht über dem Kaminsims erhellt wurde. Dann klappten sie die Überdecke des großen, blauen Himmelbetts zurück und legten sich hinein.
Doch obwohl sich das Bett als warm und erstaunlich bequem herausstellte, wurden beide vor dem Einschlafen von unruhigen, sorgenvollen Gedanken geplagt.
Wie würde der morgige Tag werden? Und würden sie hier wirklich ungestört schlafen können? Sicher schlafen können? James hatte die Tür des Zimmers abgeschlossen, sie hatten es beide genau gehört, Wenn sie dann direkt danach aber offen gewesen war, was war dann passiert? Wie war das möglich?

Das Licht auf dem Kaminsims warf merkwürdige und schaurige Schatten an die Wand; in diesem unruhigen Licht erschien das Bild über dem Kamin mit einem Male viel mehr sein zu können als nur eine unzusammenhängende Anordnung von düsteren Farben und Formen.
Fast schien es, als würde das Bild jetzt, da Jane und Martin eng aneinandergekuschelt in ihrem Himmelbett schliefen, ein seltsames Eigenleben entwickeln.
Schemenhafte Formen fügten sich zu Gestalten zusammen, zu Gesichtern, die mit abwartendem Lauern das arglos schlafende Paar betrachteten, und Hände, die gierig hin- und herfuhren, als wollten sie aus der Oberfläche des Bildes herausgreifen und alles, was lebendig und wehrlos war, zu sich hineinziehen…

VIII:

„Jane? Jane, schläfst Du schon? Ich glaube, ich habe ein Geräusch gehört.“
Knaarrrzzz….
„Jane?“ aber Jane schlief tief und fest in seinen Armen. Irgend etwas war da draußen, es klang, als würde die Zimmertüre ständig auf- und wieder zu gehen, dabei blieb sie – soviel ließ sich auch im flackernden Kerzenlicht deutlich erkennen – fest und unbewegt an ihrem Platz.
Martin dachte kurz nach und entschied sich dann dafür, seine Verlobte schlafen zu lassen. Er selber wollte aber auf jeden Fall diesem Geräusch nachgehen, das ihn verwirrte und beunruhigte.
Knaarrrzzz….
Dieses mal meinte er auch, ein leichtes Beben der Türe bemerkt zu haben.
Knaarrrzzz….
Jetzt wieder, ganz deutlich – und wieder, mir jedem Mal wurde es eindringlicher.
„Wer ist da? Sind Sie es, James?“
Keine Antwort, statt dessen wieder das Klopfen, das jetzt in ein andauerndes, lärmendes und einlassbegehrendes Poltern übergegangen war.
„Lassen Sie uns in Frieden, wir wollen schlafen!“
Martin war selber erschrocken über die Panik, die er in seiner Stimme hörte. Inzwischen war das Poltern der Türe so laut geworden, das es ihm ein Rätsel war, wie Jane dabei noch völlig ungerührt schlafen konnte.
„Hallo!?“
Wieder bekam er keine Antwort, das Poltern wollte und wollte nicht aufhören, und schließlich nahm Martin all seinen Mut zusammen, ging zu Türe, drückte die Klinke herunter und stieß mit aller Kraft, die ihm seine Angst gab, die Türe auf.

IX.

Hände, die zu bösartigen Klauen gekrümmt an der Oberfläche kratzen. Lechzende, die Zähne bleckende Fratzen, die mit irrem Blick ins Leere starren. Formen, Glieder, Körper, die entstehen, sich winden, hin- und herzucken, zerfallen und wieder neu entstehen.
Doch mit einem Male ist Ruhe, die Bewegungen erstarren, Hände halten inne. Eine Botschaft kommt aus dem Dunkel – die Vorbereitungen sind abgeschlossen, der Moment ist gekommen.
Ein erregtes Flackern huscht über das großem dunkle Bild über dem Kamin, vor dem Jane ahnungslos schlafend liegt – dann zerfallen mit einem Male alle Formen, um sich kurz darauf zu etwas völlig Neuem zusammen zu fügen.

X.

Mitten in der Nacht wachte Jane aus unruhigen Träumen auf. Sie konnte sich nicht erinnern, was sie geträumt hatte, irgend etwas mit dunklen Gängen und einem langen, flachen Gegenstand, an dessen Bedeutung sie sich nicht erinnern konnte. Sie glaubte auch, Martin in diesem Traum gesehen zu haben, aber irgend etwas war seltsam gewesen, denn sie hatten sich nicht erkannt.
Der Traum hatte sie geängstigt; sie öffnete die Augen und versuchte, sich im Bett aufzusetzen. Mit Schrecken stellte sie fest, das sie alleine war – die Bettdecke auf Martins Seite war zurückgeschlagen, und er war fort.
„Martin?“
Natürlich antwortete ihr niemand. Sie sah zur Türe, aber die war zu.
„Liebling, wo bist Du?“ sagte sie, diesmal mehr zu sich selber. Sie sah sich in dem vom flackernden Kerzenlicht nur spärlich erhellten Zimmer um, und ihr Blick fiel auf das Gemälde über dem Kamin. Wie kam es nur, dass sie vorhin nicht hatte erkennen können, was es darstellte?
Eine junge, schöne Frau mit blonden Haaren in einem dunkelroten Ballkleid war darauf zu sehen, im Hintergrund konnte man den Salon erkennen, in dem sie am Abend mit Lord Darkmoore gesprochen hatten.
Er ist fort – sie gehen alle fort und kommen niemals wieder…
Jane zuckte zusammen – woher kam die Stimme, die sie soeben gehört hatte?
Jane…
Es war eine Stimme, die eher in ihrem Kopf entstand als dass sie sie wirklich hörte, trotzdem war sie ganz deutlich.
Er hat Dich verlassen, Jane, Du bist jetzt alleine…
„Wer ist da?“ flüsterte Jane verstört.
Aaah… unsere Seelen sind das Lied des Windes, unsere Träume das Rauschen des Meeres…
Die Worte schienen irgendwie von dem Bild der jungem Frau zu kommen, und obwohl sie sich zunehmend ängstlich und verunsichert fühlte, hatte diese Stimme auch etwas beruhigend-vertrautes an sich, zu dem Jane sich hingezogen fühlte.
Jane…wir alle hier warten auf Dich…
Was passierte mit ihr? Sie hatte Angst vor dieser unheimlichen, körperlosen Stimme, wollte fort und wollte sich um keinen Preis dieser einschläfernden Vertrautheit hingeben, die gegen jede Logik in ihr wuchs. Sie spürte instinktiv, wenn sie diesem Sog nachgeben würde, würde etwas schreckliches mit ihr geschehen.
Sie warf die Bettdecke zurück, sprang auf und rannte so schnell sie konnte zur Türe. Doch noch bevor sie mit ihrer Hand die rostige Eisenklinke erreichte und diese herunterdrücken konnte, keimte ein schrecklicher Verdacht in ihr auf, der sich schnell in tödliche Gewissheit verwandelte: Die Türe war verschlossen.

XI.

Seit Stunden irrte Martin jetzt bereits durch düstere, verwinkelte Gänge, die kein Ziel und keine Ordnung zu haben schienen. Den Salon vom Vorabend oder irgend etwas anderes vertrautes wiederzufinden hatte er längst aufgegeben, ebenso war es ihm unmöglich, den bereits gegangenen Weg zurückzugehen.
Es war ihm, als hätte er sich schon direkt nachdem er durch die Schlafzimmertür getreten war nicht mehr dort befunden, wo er eigentlich hätte sein sollen. Hätte er nicht auf die Treppe gelangen müssen, auf der sie beide mit James zusammen zum Zimmer hinaufgestiegen waren?
Verzweiflung überkam ihn, als er von einem Gang in den anderen stolperte, Türe um Türe öffnete, aber kein Zeichen eines Auswegs oder einer Zuflucht sichtbar wurde. Irgendwann begann er, laut um Hilfe zu rufen, aber niemand hörte ihn.

XII.

Jane stand mit dem Rücken an die Zimmertüre gepresst, die ihr nun zur Falle geworden war, und starrte mit angstgeweiteten Augen auf das Bild über dem Kamin.
Irgendwie schien es größer geworden zu sein, es beherrschte den kleinen Raum auf eine bedrohliche Weise – der Blick der jungen Frau auf dem Bild war jetzt auch nicht mehr abwesend verträumt wie zu Anfang, sondern offensiv und fordernd.
Jane…es ist Zeit, dass Du zu uns kommst…weißt Du, von Zeit zu Zeit brauchen wir eine neue junge Seele…doch zuvor…
Etwas veränderte sich, veränderte sich tief in ihr…die Furcht…sie ließ nach, verwandelte sich in etwas anderes, das sie aber jetzt noch nicht verstand.
„Martin? Wo ist er? Warum ist er fortgegangen?“
Wir haben Dir doch gesagt liebes – er hat Dich verlassen, wie sie es alle tun…
Plötzlich verstand sie – es war, als ob ihr Inneres in ein Magnetfeld geraten war, das ihr Richtung und Bestimmung gab; es bestanden jetzt keine Zweifel mehr, nur noch ein Weg, der vor ihr lag, der zu gehen war, eine letzte Pflicht, die erfüllt werden musste…
Dort, im Kamin…wir werden Dir den Weg zeigen, dann wird alles gut, und Du wirst Teil von uns sein für immer…
Sie bewegte sich langsam auf den Kamin zu und fand nach kurzem Suchen in der Asche des verloschenen Feuers ein Messer. Sie nahm es, drehte sich langsam um und ging dann mit entschlossenem Blick zur Türe hinaus, die für sie jetzt nicht mehr verschlossen war.

XIII.

Lord Darkmoore starrte ins Feuer seines Kamins; eine tiefe Unruhe erfüllte ihn, er wartete.
„Es ist soweit, Sir. Alles ist arrangiert. Die Ereignisse werden jetzt ihren Lauf nehmen.“
Eine lange Zeit geschah nichts, dann drang ein markerschütternder Schrei durch das Schloss.
Lord Darkmoore drehte sich vom Feuer weg und sah James an, und sein Gesicht wirkte wieder entspannt und gelassen.
„Gehen Sie schlafen , James. Ich werde noch einen Moment lang wach bleiben, die Nacht ist noch jung und Mylady wird milde gestimmt sein – endlich wieder, nach langer, langer Zeit…

XIV.

Noch immer ziehen dunkle Nebelschwaden über Schloss Darkmoore. Vor dem Schlosstor parkt ein altes, verrostetes Auto, das schon lange dort steht, offenbar gehört es niemandem mehr; gelegentlich dringt der Schrei eines Tieres durch die Nacht. Die Menschen aus dem Dorf, die manchmal auf der nahegelegenen Straße vorbeifahren, sagen, es spuke hier, und Schloss Darkmoore sei ein übler, gefährlicher Platz. Und nur gelegentlich verirrt sich mal ein Fremder an diesen unheimlichen Ort, und fast immer wird er von einem unerklärlichen, starken Entsetzen gepackt, und macht, das er weiter kommt – schnell, bevor vielleicht etwas schreckliches mit ihm geschieht…