Mental Mechanics

Manchmal denke ich mir:

Die Ursache für alle negativen Prozesse,
für alle unauflösbaren Blockaden,
für alles scheinbar Unerreichbare,
für alle Kreisgedanken,
für alle Neurosen,
für alles ewig rotierende verweigerte Glück
sind nicht Unvollkommenheit,
sind nicht Schwäche oder Feigheit,
sind nicht fehlende Energie oder Inspiration,
nicht fehlende Chancen,
sind nicht früher erfahrenes Leid,
auch nicht fehlende Unterstützung, nicht fehlende Hoffnung, fehlender Mut,
sondern einzig und allein
ein kleines verstecktes Rädchen,
tief verborgen in unserem Zentrum,
das Grau in Grau auf ewig bürokratisch tickt,
unerkannt, gleichgültig, blind,
und sagt:
„das haben wir immer schon so gemacht!“

Das kleine Mädchen von den Sternen

Weil ihr Herz brannte.

Ihr Herz brannte, und über ihr

der kalte, schwarze Himmel

voller Sterne.

Es gab nur diese beiden Dinge,

diesen immer währenden Gegensatz:

Den kalten Himmel

und ihr brennendes Herz.

Schon ewig ging dies so.

Und während der schwarze Himmel

mit den wenigen immer gleichen Sternen

nichts weiter tat als kalt zu sein,

brannte das Herz des kleinen Mädchens,

schuf Energie,

strahlte diese ins All hinaus,

immerfort.

Zwei Teile eines Ganzen deshalb,

untrennbar, abhängig,

das große schwarze Nichts

und das kleine Mädchen

mit dem brennenden Herz?

Und das Nichts expandiert,

dehnt sich aus,

treibt seine Sterne weiter hinaus in die kalte Ewigkeit.

Im Zentrum bleibt nur

alleine

das kleine Mädchen

mit dem brennenden Herz.

Doch eines Tages,

wenn das Nichts endgültig seine Kraft verliert,

wenn sich zeigt,

dass der Kampf doch nicht ausgewogen war,

dass doch eine Partei

von Beginn an

die stärkere war,

Dann wird sich alles wieder vereinen,

im Zentrum,

im Ursprung der Sterne,

dem kleinen Mädchen

mit dem brennenden Herz.

Der Vogel

N.B.: Es handelt sich hierbei um ein Gemeinschaftswerk mehrerer WG-Mitglieder; das Gedicht wurde zu einem Selbstläufer und erlangte so eine fast schon sprichwörtliche Berühmtheit.

Einst sah zum Himmel ich empor,
Da kackt‘ ein Vogel mir ins Ohr.
Gar Wutentbrannt sah ich ihm nach,
Doch lacht er nur ob meiner Schmach!

Einst flog am Himmel ich entlang,
als unter mir der Christian gang.
‚Sieh doch nicht hoch, Du armer Thor!‘
Zu spät – jetzt ist der Schiss im Ohr.

Einst saß beim Vogel ich im Arsch
(Es ist die Wahrheit, klingt’s auch barsch)
Da fiel ich durch die Luft, blieb hängen
Dem Christian in den Ohrengängen


So sprach er und knallt ein paar Meter weiter
Mit grosser Wucht vor einen Blitzableiter
Mit starrem Blick sinkt er hernieder, und denkt:
‚Das mit dem Ohr, das mach ich nie mehr wieder!‘

Ich kam zurück nach einem Jahr,
Und sah, der Vogel lag noch da.
Dort wo er starb, schuf ich ein Grab,
Und wünscht‘ ihm traurig ‚Ohr-Revoir‘..

Der Frosch

Anlässlich eines Gemeinschafts-Päckchens für mein Brüderchen und dessen jüngsten Spross, enthielt u.a. einen grünen Frosch.

Und wieder naht die Reimesfülle,
Ein ungeordnet Wortsalat
Mit dem poetisch ich umhülle
Was Dir mit diesem Päckchen naht:

Ein Gegenstand, der, buntumschlungen,
Das Licht der Welt zu schauen harrt
Und jetzt, so hab ich’s ausgedungen,
Dich noch mit ’ner Verpackung narrt.

Der Inhalt? Da tu‘ ich noch zaudern,
Was drinn ist, das verrat‘ ich nicht.
Doch eines kann ich aus wohl plaudern:
Der Frosch, mein Freund, ist nicht für Dich!

Hafenlyrik

I.

Vor mir die trübe Suppe schwappt-
Und dachte ich doch immer:
So richt’ges Wasser, das ist Blau!
Wie mit dem Sommer, der nicht klappt-
Von wegen Sonne:
Alles grau!

II.
(Gottseidank ist dieses Werk endgültig der Zensur zum Opfer gefallen. Gründe hierfür waren der erhebliche Mangel an Qualität sowie an grundlegendem sittlichem Anstand;O)

Du blonder Schopf zu meiner Rechten,
Was tust Du meine Blicke meiden?
Tust ….

III.

Schon von frühen Kindesbeinen
Fühlte ich die großen Werte,
Und ich dacht‘, dass will ich meinen,
Nur braves Zeug, nie das Verkehrte.

Als dann die Jugend ich erklomm,
Die manchen schwachen Geist verwirrte,
War all mein Handeln gut und fromm –
Dann ging’s mir auf, dass ich mich irrte.

Doch war ich da schon recht betagt,
Und mir ward klar mit großen Schrecken:
Ich hatte niemals was gewagt –
Jetzt war’s zu spät, da ließ ich’s stecken.

So lebte ich noch manche Jahre,
Bis das ich eines Tages starb –
Ganz plötzlich lag ich auf der Bahre,
Da war’s vorbei: Brav bis ins Grab!

IV.

Vor mir quillt die Menschenmasse:
Ein Wust von Leibern aller Art.
Ich grübel‘ so: Ob ich Euch hasse?
(Mein Denken ist heut‘ sehr apart!)

Im Stillen denk‘ ich vor mich hin,
Erwäge alles ‚Für‘ und ‚Wieder‘,
Und schließlich kommt’s mir in den Sinn:
Am Besten währ’s, ich mäh‘ Euch alle nieder!

oder:

Und schließlich wandelt sich mein Sinn:
Begehren fährt mir in die Glieder!

V.

Der Tag war hart,
Ich bin erschöpft,
Und, in der Tat,
Fühl mich geschröpft.

An Arm‘ und Beinen
Tut’s mir so weh,
Man könnte meinen,
Ich vergeh’…

November II

Du hellblaue Glocke, sanfter beschützender Ring,
warst Du es wirklich, die neulich am Morgen
so trübe und dunkel über mir hing,
mich fülltest mit finstersten Sorgen?

Friede und Stille, die mich jetzt erfüllen,
die senkten sich auf mich mit wärmender Hand,
die Geist und Seele mir klangvoll erhellen,
erstrahlen jetzt dort wo nur Dunkel ich fand.

Trägst Wind, Luft und Sonne wie himmlischen Segen,
umhüllst mir die Seele mit wohligen Licht,
lässt Hoffnung und Glück in mir fröhlich sich regen,
an die Schatten von Gestern denke ich nicht!

November I

Dunkle Landschaft, die sich vor mir erstreckt,
ein langer Weg der nicht verschwinden kann;
Ein Himmel, mit schwarzen Schatten bedeckt,
Dunkle Zeit, rührst meine Seele an.

Refr.:
Wann wirst Du verschwinden,
Du graues, gefräßiges Nichts,
und wirst Dich wieder verwandeln
in Strahlen hellen Lichts?

Ziele und Träume, die zu Nichts zerfallen,
Verlassen mein Hirn, nichts bleibt zurück,
bevor sie im Dunkeln sinnlos verhallen,
klägliche Spuren einstigen Glücks.

(Refr.)

Die Angst wächst in mir: ich hab‘ Dich verloren,
im Schlund dieses Sogs, in dem ich mich winde.
Hat alles denn nun sich verschworen,
dass ich keine Zuflucht mehr finde?

(Refr.)

Nachtgedanken II: Der Chronograph

Zeit
Verstreicht,
Und ich merke,
wie sie mich verändert:
prägt, formt – bindet.

In meinem Kopf
Gibt es jetzt
Eine Instanz,
Unbeirrbar, konstant, nüchtern.


Einen Chronographen,
Wächter über die Zeit,
der er ist,
weil sie ihn nicht berührt.
Er schreibt, notiert, hält fest –
Gleichgültig und korrekt,
Ein Stück Ewigkeit in mir.

Das Erschreckende:
Ich kann in ihm lesen,
Wie in einem Buch,
Trotz meines freien Falls
Durch die Zeit.

Ich lese nach,
Manchmal gerne,
Manchmal fasziniert sogar.
Es ist so imposant
Wie man sich verändert.

Unruhe zu Reife,
Neugierde zu Erfahrung –

Doch diesen Weg,
steht deutlich zwischen den Zeilen,
kann man nur einmal gehen.

Und langsam und wie von selbst
Unausweichlich und mit Selbstverständlichkeit
Sogar mit gewissem Stolz
Habe ich längst damit begonnen
Den eigenen Vorhang zu schliessen.

Nachtgedanken

Ein Abend bei einem Bier, wie so oft.
Nichts Neues, nette Menschen,
mehr als Einsamkeit, Zweisamkeit:
Mehrsamkeit.

Ich beobachte,
und denke:
‚Wenn Ihr mal dreißig seid…‘
Fühle mich amüsiert,
fast mütterlich,
angenehm.

Dann erinnere ich mich:
Ein ähnlicher Abend,
eine Kneipe, eine andere Zeit,
ich höre jemand zu mir sagen:
‚Wenn Du mal zwanzig bist…‘

Keine grosse Sache,
nichts Weltbewegendes,
vielleicht nicht mal
diese Zeilen wert.

Und doch
spüre ich
sehr deutlich
wie die Zeit
verstreicht.

Der Spiegel der Königin

Das kleine Mädchen machte sich daran, schlafen zu gehen. Müde zog es das dünne Hemd aus, das an den Ellenbogen schon grosse Löcher hatte, und legte es auf den kleinen Holzhocker, der neben der alten Matratze lag, die sein Bett war. Bevor es in sein altes, zerlumptes Nachthemd schlüpfte, schüttelte es sich ein wenig, den sein kleines Zimmer lag direkt unter dem Dach des Hauses, und es zog jämmerlich durch die Ritzen. Wie klein dort alles war! Neben der Matratze stand noch ein kleiner Kleiderschrank, dem eine Seitenwand fehlte, und ein kleiner Tisch, auf dem ein alter Spiegel lehnte, dessen Glas an einigen Stellen schon matt geworden war und der am oberen Ende einen Sprung hatte. Ansonsten war das kleine Zimmerchen leer.
Den ganzen langen Tag hatte das kleine Mädchen für die Herrschaft des Hauses arbeiten müssen, es hatte Böden gewischt, das Feuer im Ofen geschürt und Kohlen geschleppt, Teller gespült und Wäsche gewaschen. Jetzt war es müde und wollte sich schlafen legen, um am nächsten Morgen wieder ausgeruht sein zu können. Aber vorher warf es noch – wie an jedem Abend – einen langen Blick in den alten Spiegel, der auf dem Tisch stand.

Seid still und habt acht,
denn die liebste und feinste,
die frommste und reinste,
uns’re Königin legt sich zur Nacht!


Ihre Hände, die müden
lasst mit Salben uns pflegen
so lang bis die rüdesten
Schmerzen sich legen.


Vom Ruß und vom Schmutze
soll man sie befreien,
lasst sie in neuem Putze
das Auge erfreuen!


Lasst die Strahlen des Mondes
ihre Augen erfüllen
und die Schatten des
düsteren Tages erhellen!


Ihre schneeweiße Wange
mit emsigem haschen
vom dem täglichen Zwange
lasst sauber uns waschen!


Jetzt zeigt all eure Tugend,
seid gar emsig und rege,
dass nur mit neuer Jugend
sie zur Ruhe sich lege!


Seht nach ihrem Haar!
Ruft die himmlischen Mächte,
auf dass eine Schar
holder Engel es flechte!


Und nun haltet Rast,
seid mit Demut umfangen,
ruft mit leuchtenden Wangen:
Uns’re Königin war heut‘ zu Gast!


Das kleine Mädchen lag auf seiner alten, harten Matratze und wurde von der dünnen Bettdecke nur unzulänglich vor dem kalten Nachtwind geschützt, der jetzt laut durch die Ritzen pfiff. Aber trotz des Windes, ihres löcherigen Nachthemdes und der dünnen Bettdecke schien es nicht zu frieren, und obwohl der nächste Tag wieder genauso einsam, undankbar und hart werden würde wie der letzte und alle anderen, schlief es tief und fest, und auf seinem Gesicht lag ein glückliches Lächeln.