Werwolf

Werwolf

I. Teil

  1. Mai 1538

Heute habe ich es getan. Heute habe ich meinen Herrn verlassen.

Ich weiss wohl, dass es vielen so schlecht ergeht wie mir. Viele, vielleicht sogar die meissten meiner Standesgenossen müssen ein ähnliches, vielleicht sogar schlimmeres Verhalten über sich ergehen lassen.

Aber macht es das denn besser? Oder macht es mich am Ende sogar zu einem Verräter an meinen Landsleuten, wenn ich mich weigere, ihr Los zu teilen und stattdessen meine Freiheit suche?

Dieses Denken ist mir eingehämmert worden, von frühester Jugend an. Bleib bei deinem Stand, arbeite, sei demütig und fleissig, denn so will es Gott. Der gleiche Gott, der aber auch Milde und Barmherzigkeit predigt – vielleicht für andere dann, aber nicht für mich.

Früher dachte ich auch so. Ich schämte mich dafür, dass mich eine Sehnsucht ergriff, jedesmal, wenn ich oben auf dem höchsten Punkt des Anwesens meines Herrn stand und heimlich einen Blick über die endlosen Hügelketten am Horizont schweifen ließ. Dort, wo die Morgennebel sie noch unkenntlich machten und die aufgehende Sonne ihnen dennoch einen stillen, verheißungsvollen Glanz verlieh.

Ich habe mir meine Freiheit selbst geben müssen, weil niemand sie mir schenke wollte. Gehört sie mir denn nicht von Natur aus, meine Freiheit? Frei wie die Vögel, die sich um nichts sorgen müssen, wie die Tiere des Feldes, die sich keine Sorgen um das Morgen machen müssen, weil der Herr es für sie einrichtet.

Das Gott und die Herren unter einer Decke stecken, habe ich schon als kleines Kind vermutet, als ich zum ersten Mal geschlagen wurde, weil ich meine gottesfürchtige Arbeit nicht schnell genug zur Zufriedenheit meiner Herren verrichtet habe. Erbarmen, Liebe, Vertrauen, Gott?

Ich weiss jetzt, Gott ist ein Verräter.

18. Mai 1538

Ich habe diesen Tag in schrecklicher Angst verbracht, erst nach Beginn der Dämmerung wurde es etwas besser. Auf Flucht vor dem Herrn steht in diesem Land die Todesstrafe. Die armen Teufel, die sich fangen lassen, werden vor den Toren der Stadt aufgeknüpft und dann wochenlang dort hängen gelassen – als Warnung für alle, die vielleicht mit einem ähnlichen Gedanken spielen.

Die meiste Zeit habe ich mich versteckt, aus Angst, gesehen zu werden. Aber ich muss doch fortkommen! Gestern, nach meiner Flucht, bin ich die ganze Nacht gerannt, bis ich bei Morgengrauen vor Erschöpfung zusammengebrochen bin. In einem dichten Busch habe ich dann ein paar unruhige Stunden geschlafen, und dann weiter, die Berge hinauf, bloss nicht ins Tal. Im Tal sind Menschen, und Menschen sind gefährlich.

Meine Kutte ist alt, ich habe sie schon vor einem Jahr heimlich zur Seite gelegt. Sie ist so zerschunden, dass mich nicht mal mein gestrenger Herr damit herumlaufen lassen wollte. Vielleicht erkennt man mich nicht, aber ich sehe aus wie ein Landstreicher, jedem ehrbaren Bürger wäre ich verdächtig.

Das Herumirren bei Nacht ist gefährlich, mehrmals bin ich gestolpert und der Länge nach hingeschlagen. Aber es geht vorran, vielleicht erreiche ich morgen den Gipfel des Berges und kann mich dann zum Steilpass vorarbeiten, der dieses Tal von der nächsten Grafschaft trennt. Der Pass ist ein sehr steiler und schmaler Weg, kaum jemand wagt es, ihn zu überqueren. Wenn ich die Passage überlebe, bin ich vielleicht in Sicherheit.

19. Mail 1538

Ich habe es geschafft! Gestern Abend, mit dem Licht der letzten Sonnenstrahlen, habe ich die gefährliche Überquerung gewagt.

Und ich habe ein neues Gewand – und bin vielleicht darüber zum Mörder geworden. Auf dem Höhepunkt des Passes kam mir eine dunkle Gestalt entgegen. Bisher war es mir gelungen, allen Menschen auszuweichen, aber dieser Mann stand wie aus dem Nichts direkt vor mir – es muss an dem Nebel gelegen haben, der bis tief in die Wipfel der Bäume hing. Seinem Äußeren nach zu urteilen hätte es ein Edelmann oder sonst ein Reicher sein können, merkwürdig, einen solchen Menschen hier zu treffen.

Ich weiss nicht, wer zuerst auf den anderen losgegangen ist, wahrscheinlich war ich es wohl, verängstigt und nervös wie eingehetztes Tier. Aber meine Erinnerung sagt, dass er mich zuerst angefallen hat.

Es gab ein heftige Ringen, und er setzte mir hart, sehr hart zu, und ich bin schon immer sehr kräftig gewesen.

Letztlich war es Glück, was den Kampf für mich entschied – er verhakte sich mit einem Fuß, stürzte und fiel fast zwanzig Meter in die Tiefe, wobei er mit dem Kopf aufschlug.

Ich hatte ihn nicht töten wollen – dass ich mich nachher seines Gewandes bemächtigt habe, geschah aus bitterer Not heraus.

Da ich mit Gott gebrochen habe – bei wem soll ich jetzt Vergebung finden?

Zerschunden, zerbissen und zerkratzt setzte ich meine Flucht fort.

20. Mai 1538

Der Tag erschien mir heute seltsam unwirklich, vielleicht lag es an der ungewöhnlich klaren, hellen Sonne, die mich verwirrt hat. Dieses Licht – bisher bin ich ja nur nachts gewandert.

Auch die Kutte des Fremden hat ihren Teil dazu beigetragen. Hatte ich nicht erst jetzt die richtige Kleidung, die mir als freier Mann zustand? Oder sollte ich etwa weiter die Kleidung eines Knechts tragen, wo mein Herz jetzt doch anders schlug, mir den Puls eines anderen Lebens vorzugeben schien?

Gegen Mittag habe ich einen anderen Wanderer getroffen, und einer spontanen Regung folgend habe ich mich ihm angeschlossen. Warum auch nicht? In diesem Tal kennt man mich nicht, und ich würde mich nur verdächtig machen, wenn ich die Gesellschaft anderer Menschen meiden würde.

Meine Kleidung zeichnet mich als einen Menschen gehobenen Standes aus, ich habe mich als Unterhändler eines Kaufmanns ausgegeben. Das klingt glaubwürdig und kann nur schwer überprüft werden. Vor allem, weil mein neuer Gefährte eines niederen Standes zu sein scheint,während ich mich jetzt einer gehobeneren Ausdrucksweise zu bedienen versuche – was mich einiges an Anstrengung kostet. Ich spreche die Sprache der Unterdrückten – die Zunge sollte mir dafür im Munde verfaulen, wenn ich nicht dazu gezwungen wäre!

Etwas schwerer war es, die Biss- und Kratzwunden zu erklären, mit denen ich seit dem Kampf mit dem Fremden übersäht war. Ich sagte, ich wäre von einem Wolf angefallen worden, was hier in der Gegend schonmal passieren kann.

21. Mai 1538

Gestern Abend haben wir an einer Waldlichtung Halt gemacht, die hinter einem Felsvorsprung versteckt liegt. Die Gegend wirkt hier sehr düster, nach Beginn der Dämmerung beherrschen dunkle Schatten das Land. In meiner Kindheit habe ich mir Schauergeschichten anhören müssen, von Gespenstern, Werwölfen und üblen Dämonen, die in die Körper unschuldiger Menschen fahren und von ihnen Besitz ergreifen. Mir haben diese Geschichten damals Angst gemacht, auch wenn ich für mein Leben nicht zugeben wollte, dass ein Teil von mir nicht der starke, unnahbare Junge war, der ich immer hatte sein wollen. Im Grunde war ich häufig zutiefst verstört gewesen, nicht nur von den Gespenstergeschichten, sondern viel mehr noch von dem, was die fahrenden Händler, Landstreicher und Söldner, die Gelegentlich durch Land reisten, von der Welt draussen zu Berichten wussten. Es gab da soviel Gewalt, soviel Blut und soviel Grausamkeit – und viel Ungerechtigkeit, die aber nie von irgend jemandem erwähnt wurde. Totgeschwiegen, und dann aber immer das Gerede von großen, allmächtigen und gerechten Gott, das ich deshalb nicht verstehen konnte oder wollte.

Und natürlich die grausamen Geschichten von der Hölle und von ewigen Seelenqualen für arme Sünder, die sich dem Gesetz Gottes nicht fügen wollten – dies Geschichten ängstigten mich am meisten von allen.

Wir hatten also an jener Lichtung halt gemacht, es schien ein sicherer Platz zu sein, da sie fast völlig von Sträuchern überwuchert wurde. Die Beeren der Sträucher waren zudem essbar.

Inzwischen waren wir übrigens zu dritt, ein halbwüchsiger Knabe hatte sich uns angeschlossen.

Er redete nur wenig, und schon gar nicht über seine Herkunft – zerzaust und halb verhungert hatten wir ihn aufgelesen.

Da sein Wandern kein Zeil zu haben schien, nahmen wir ihn mit, warum auch nicht? Hier draussen in der Wildnis kann eine einzelne arme Seele kaum überleben, und schon gar nicht ein halbes Kind.

22. Mai 1583

Dieser fremde Junge hat etwas merkwürdiges an sich. Heute ist er schon vor Morgengrauen aufgewacht und hat wirres Zeug geredet – meinem Begleiter zufolge hat er sogar zuerst um Hilfe gerufen, ich bin erst kurz nach ihm mit Kopfschmerzen aus unruhigen Träumen aufgewacht.

Es hat lange gedauert, ihn wieder zu beruhigen, zumal er unsere Sprache nur sehr schlecht zu sprechen und zu verstehen scheint. Zuerst schien er sogar Angst vor mir zu haben, er wehrte sich mit Händen und Füßen, als ich mir die leichte Kratzwunde anschauen wollte, die er an seiner Wange trug.

Auch nachdem wir aufgebrochen waren, machte er einen verängstigten, verschlossenen Eindruck – vielleicht war es ein Fehler, ihn überhaupt mitzunehmen.

Gegen Mittag erreichten wir ein kleines Dorf. Ein paar baufällige Hütten am Rande des Weges, auf einer nahegelegenen Anhöhe stand etwas, das wohl eine Kirche sein sollte. Aus einigen zusammengesuchten Steinen war eine kleine Rundmauer mit drei kleinen Fenstern und einer großen Türe errichtet worden, das Dach bildeten die Stämme einiger Bäume, von denen Äste und Rinde entfernt worden waren. Die Stämme trafen sich in etwa zweieinhalb Metern Höhe, an der Spitze thronte ein rustikales Holzkreuz. Eine Dachbedeckung fehlte.

In Anbetracht der ärmlichen Verhältnisse, in denen die Menschen hier lebten, immer noch ein beachtliches Bauwerk.

Ich frage mich, was die Leute zu so einem Bauwerk antreibt? Hier gibt es niemanden, der unterdrückt werden müsste, und für Gnade lässt die harte Arbeit auf dem Feld keine Zeit.

Die Kirche blieb mir deshalb im Gedächtnis, weill wir dort unseren jetzt also vierten Mitreisenden aufgelesen haben. Ein schweigsamer älterer Mann in einer abgetragenen Kutte. Wir trafen ihn, kniend in einer Ecke der Kirche, in die der Junge aus unerfindlichen Gründen gestürmt ist, sobald sie am Wegesrand aufgetaucht war.

Ich ging hinein, um ihn zurückzuholen – meine Geduld mit diesem Kind ist jetzt mittlerweile fast am Ende. Als ich über die Schwelle trat, schrak der alte Mann aus seinem Gebet auf und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ich gebe zu – da die Wunden, die ich im Kampf mit dem Fremden davongetragen habe, noch immer nicht verheilt sind, bot ich vielleicht einen für einfältige Gemüter etwas furchteinflößenden Anblick. Besonders dei große Wunde an meinem Hals schmerzte noch und war wohl gerade, als ich die Kirche betreten hatte, wieder aufgebrochen.

Nachdem ich die Kirche mit dem Junge wieder verlassen hatte, trat ich zu meinem Begleiter, der mit zwei Dorfbewohnern in ein Gespräch vertieft war, um sich nach dem Weg zu erkundigen.

Das Gespräch zog sich einige Minuten hin, wenigsten glaubte ich jetzt den Grund für das Erschrecken des alten Mannes zu kennen: es ging das Gerücht um, in der Gegend würde ein bösartiges Monster sein Unwesen treiben, ein Mann, der den Teufel im Leib hatte, oder wie auch immer. So ein Gerücht, in Verbindung mit meinem zerschundenen Äußeren…

Der Mann schien sich auch wieder beruhigt zu haben, denn er war einen Moment später ebenfalls aus der Kirche herausgetreten und gesellte sich zu unserer Gruppe, nahm mit ruhigen, freundlichen Worten an unserem Gespräch teil, und als sich herausstellte, dass wir das gleiche Ziel hatten, bot er an, uns zu begleiten. Er schien den Weg sowie die Gegend im Allgemeinen gut zu kennen, und so nahmen wir das Angebot gerne an.

23. Mai 1538

Ich schlafe so schlecht in der letzten Zeit, Ich komme kaum zur Ruhe, und wenn ich es dann geschafft habe, die Augen zu schließen, suchen mich schreckliche Albträume heim. Immer wieder taucht der Fremde darin auf, dessen Gewand ich jetzt trage. Es muss mein schlechtes Gewissen sein, das mich nachts nicht zur Ruhe kommen lässt. Ich sehe immer wieder die starren Augen des Toten, und sie sind rot und blutunterlaufen. Wenn ich dann schliesslich aufwache, zittere ich am ganzen Körper und bin in Schweiß gebadet. Auch wollen die Wunden nicht verheilen, sie reissen immer wieder von Neuem auf.

Aber mir scheint, wir haben hier ein noch viel größeres Problem. Heute morgen hat sich beinahe genau das Gleiche zugetragen wie gestern Morgen: Der Junge begann in aller Hergottsfrühe verzweifelt und in panischer Angst, um Hilfe zu schreien. Aufgrund meiner eigenen unruhigen Nacht habe ich ihn wieder als letzter gehört.

Er hat wieder neue Verletzungen im Gesicht, ein blutiger Kratzer läuft ihm quer über die Stirn. Der alte Mann, der seit Gestern unser Begleiter ist, scheint die Sprache des Jungen leidlich zu sprechen und zu verstehen und sagt, der Junge habe im Mondlich zuerst ein paar rote Augen gesehen, und dann habe ihn irgend etwas aus dem Dunkel heraus angegriffen.

Der alte Mann blieb erstaunlich ruhig, während er dies erzählte, fast, als hätte er nichts anderes erwartet. Es scheint mir, als würde er eine Verbindung sehen zwischen den Gerüchten über ein Monster, dass in dieser Gegend umgeht, und dem heutigen Vorfall. Ich selber weiss nicht recht, was ich denken soll – die Sache ist merkwürdig, und es gibt zweifelsfrei solche Wesen. Immer wieder hat man uns als Kindern davon erzählt.

Ich weiss jetzt aber, was mich an dem alten Mann stört, und mich schon vom ersten Augenblick an gestört hat: es ist das silberne Kreuz, dass er auf seiner Brust trägt. Seit meiner Flucht habe ich auch mit Gott endgültig gebrochen, udn der Anblick dieses Kreuzes löst bei mir körperliche Übelkeit aus.

Was bleibt uns anderes übrig, als unsere Reise fortzusetzten? Der Junge ist blass und sehr verängstigt, er spricht kaum ein Wort und weicht dem alten Mann nicht von der Seite. Meine Wunden wollen nicht heilen und verleihen mir ein etwas wildes Aussehen – manchmal kommt es vor, dass wir auf unserem Wege andere Wanderer treffen und sie erschreckt vor mir zurückweichen.

25. Mai 1538

Wieder ist etwas merkwürdiges geschehen – am Abend hätten wir die Stadt erreichen sollen, aber wir befinden und jetzt stattdessen in einem engen, kleinen Tal. Wie kann das sein? Wir haben uns der Führung des alten Mannes anvertraut, schliesslich ist er der Ortskundige unter uns. Deshaln haben wir ihn schliesslich mitgenommen! Unseren Vorwürfen gegenüber verhält er sich schweigsam. Es täte ihm Leid – mehr sagt er nicht.

Ich glaube, es war überhaupt ein Fehler, mich anderen Leuten anzuschiessen.

26. Mai 1538

Jetzt endlich verstehe ich. Deshalb die Albträume, deshalb diese Wunden, die nicht heilen wollen, und deshalb diese unerklärlichen Angriffe auf den Jungen.

Ich bin es, ich bin das Monster, das diese Gegend heimsucht. Oder vielmehr, ich bin es jetzt, denn vor mir ist es der Fremde gewesen, dessen Kutte ich trage, und dessen Blut – wenn auch ungewollt – an meinen Händen klebt. Dadurch, dass ich ihn, dass ich dieses Monster getötet habe, bin ich selbst zum Monster geworden. So sagen es die alten Legenden, man kann einen Werwolf nur endgültig töten, in dem man ihm ein silbernes Kreuz ins Herz stößt. Genau das, was mir jetzt wiederfahren wird.

Ich bin an einen Baum gebunden, gefesselt mit einigen Lederriemen, die meine Gefährten von ihren Gewändern oder ihrer Ausrüstung genommen haben. Der Junge liegt tot mit zerfetztem Leib ein paar Meter weiter am Boden – offenbar ist der Plan des alten Mannes nicht ganz aufgegangen. Jener Plan, den er schon in dem Moment gefasst hat, als er mich in der Kleidung des Fremden die Kirche hat betreten sehen.

Ich sehe an mir herab und sehe nicht meinen Leib, sondern den eines zu Menschengestalt emporgewachsenen Wolfes. Schwarzes, dichtes Fell bedeckt meine Arme, meine Beine und meinen Körper.

Ich betrachte den zerfetzten Leib des Jungen, und ich spüre keine Reue. Mitleid, Nächstenliebe, Erbarmen – was bedeutet das für mich, für das Monster, das sich von Gott losgesagt hat?

Vor mir steht der alten Mann, das Silberkreuz hoch empor gehoben. Er kommt langsam auf mich zu und spricht laut einige beschwörende Worte in derselben Sprache, die nur er und der Junge verstehen. Dann holt er aus und rammt mir das Kreuz mit voller Wucht mitten ins Herz.

Es ist noch fast dunkel, als ich aufwache, auch wenn die ersten Sonnenstrahlen schon langsam am Horizont auftauchen.

Ich reisse meine Fesseln mit einigen wenigen, schnellen Bewegungen von mir, und gehe zuerst zu dem alten Mann, dann zu meinem anderen Gefährten. Dem alten Mann reisse ich mit der rechten Pfote den Kopf ab, dem anderen breche ich einfach das Genick – ich habe noch meine Wolfsgestalt, aber das Fleisch des Jungen hat meinen Hunger gestillt.

Der Sonnenaufgang schreitet rasch voran, und ich beginne, mich zu verwandeln. Langsam nehme ich wieder menschliche Gestalt an. Die dunkle, zottige Behaarung verschwindet, die verkrümmten Gliedmassen gehen zurück auf ihre ursprüngliche Größe. Ich erhebe mich aus dem Blutbad, das ich angerichtet habe, und recke meine menschlichen Arme zur Sonne empor. Gewissensbisse habe ich keine – ich bin ein Monster, ohne Gott, ohne Herrn und ohne Moral.

Nur eine Frage ist es, die groß in meinem Kopf steht – warum, um alles in der Welt, habe ich überlebt?

Prinz und Prinzessin

„Ich will dich nicht heiraten!“

Trotzig warf die junge Prinzessin den Kopf in den Nacken und starrte stur gegen die hellgrüne Wand des Schlafgemachs, an der sich noch schwach die Reste glibbriger Körperflüssigkeit abzeichneten, die der Frosch, den sie einige Augenblicke zuvor protokollgemäss dagegengeschleudert hatte, dort hinterlassen hatte, und der jetzt — verwandelt in einen allenfalls mässigen Standardprinzen — vor ihr stand und sie vorwurfsvoll ansah.

„Ich will einfach nicht, und ich glaube nicht, dass du mich dazu zwingen kannst!“

Die Unterhaltung wurde, trotz ihrer emotionalen Brisanz, leise geführt — beide wussten, dass die Öffentlichkeit im Punkte der Eheschliessung keinerlei Spass verstand, und wenn herauskommen würde, dass es hier gerade Schwierigkeiten gab, würden die Stornierungen für die geplante grossmedial inszenierte Prunkhochzeit in die hunderttausende gehen.

„Jetzt sei nicht albern — meinen Teil der Abmachung habe ich erfüllt, oder etwa nicht?“

Demonstrativ hob der Prinz die Arme und deutete auf seinen muskulösen Körper, vergaß dabei aber leider völlig, seine Finger zusammen zu lassen, so dass Reste blassgrüner Schwimmhäute sichtbar wurden, die die Rückverwandlung merkwürdigerweise überdauert hatten — er hatte versäumt, die letzten Raten seiner Transmagic-Insurance-Police zu bezahlen, und der Konzern begann, ihn dezent auf diesen Umstand hinzuweisen.

Der peinliche Effekt war unübersehbar.

„Scheisse!“

Resigniert sah der er an sich herab, hob den Kopf aber schnell wieder, als ihm bei dieser Gelegenheit die überdimensionale Grösse seiner ebenfalls nur rudimentär zurückverwandelten Füsse auffiel.

„Meinst du etwa, ich könnte mir nicht auch was besseres vorstellen meinen Samstag Abend zu verbringen als das hier? Verdammt, die haben sich nicht mal die Mühe gemacht, frische Bettwäsche auf das Himmelbett zu ziehen…“

Angeekelt fiel sein Blick auf die dunklen Schmutzflecken, die das abgewetzte Laken zierten, auf das er sich gerade eben hatte setzen wollen — Dornröschen war noch nie besonders reinlich gewesen, und nach hundert Jahren….

„Genau das meine ich ja — wenn wir uns nicht endlich zur Wehr setzen, können die irgendwann alles mit uns machen!“

Die Prinzessin hatte sich jetzt wieder dem Prinzen zugewandt und funkelte ihn an.

„Weisst du, das hier ist doch krank. Ich glaube sowieso nicht, dass auf diesen ganzen Verwandlungs-Humbug heutzutage noch irgendjemand reinfällt. Und dann stecken wir wirklich in der Tinte, oder? Wie hoch ist der Vorschuss, den wir für dieses Dreckloch hier bezahlt haben?“

Der Prinz sah beschämt zu Boden — aber nur kurz, aus bekannten Gründen. Allmählich begann er sich wirklich unwohl zu fühlen.

„Wieviel?“

Wütend klopte die Prinzessin mit dem Fuss auf den Boden und wartete auf eine Antwort ihres Gegenübers. Dieser stand aber nur schweigend da und begann, anstatt zu reden, langsam rot zu werden.

„Nun?“

Keine Antwort. Dafür noch mehr rot.

„Jetzt — heh, was versuchst du da? Hör sofort auf damit!“

Sie ging auf den Prinzen zu und schlug ihm heftig zweimal mit der flachen Hand ins Gesicht — das Rot verschwand.

„Du glaubst aber auch wirklich jeden Scheiss.“

„Du…du hast das Buch gefunden?“

„Lag auf deinem Nachttisch.“

„Mist.“

Eine Gratisbeigabe der Transmagic: ‚Verwandeln Sie sich in einen echten, feuerspeienden Drachen, wann immer sie wollen. Erleben sie, wie Nachbarn Sie beneiden und Feinde vor Ihnen erzittern werden. Frauen werden Ihnen zu Füssen liegen! Nur solange der Vorrat reicht.‘

„Du Idiot! Alles, was du dir holen wirst, ist ein asthmatischer Husten.“

„Hatschi.“

„Sei still. Überleg lieber, wie wir aus dem Schlamassel hier wieder herauskommen sollen.“

Resigniert setzte sie sich auf das durchgelegene Bettlaken. Die Schmutzränder waren ihr jetzt egal; Tränen standen in Ihren Augen.

„Du hast schon wieder Schulden gemacht, oder?“

„Hmmm…..“

„Hast Du?“

„Nein, aber ich ….“

Verschämt wich der Prinz ihrem Blick aus.

„Nicht schon wieder! Du hast nicht schon wieder ein neues Engagement angenommen, oder?“

„Hmmmmmmmm…“

Die Prinzessin sah ihn mit eiskalten Augen an. Jede Spur von Anteilnahme oder gar Mitleid mit der ramponierten Gestalt vor ihr war daraus verschwunden.

„Was ist es diesmal?“

(Schweigen)

„Nun?“

„Brüder….“

Er musste schlucken, bevor er die niederschmetternde Nachricht artikulieren konnte.

„Brüderchen und Schwesterchen.“

Die Prinzessin sass einen Augenblick lang stumm dar, dann brach sie in Tränen aus.

„Das auch noch….Geschwister! Dabei haben wir uns einmal geliebt, weisst du noch?“

Der Prinz schwieg und nickte stumm. Damals, als noch alles in Ordnung war, waren sie beide ein Paar gewesen…



„Urlaub in den Bergen! Unberührte Natur! Quellwasser! Service & Verpflegung durch internationale Spitzenkräfte!“

Klang gut, für ein junges Paar, das gerade auf Hochzeitsreise war. Frisch verliebt, selig-glücklich, aber leider kein Geld…

Der in frischem Rot gedruckte Zusatz war ihnen deshalb sofort ins Auge gestochen:

„Unterkunft Gratis!“

Syndikat der Sieben — keiner von beiden hatte von denen jemals etwas gehört, aber warum immer misstrauisch sein?

Als die beiden gemerkt hatten, was gespielt wurde, sass er fett und aufgedunsen in einem Holzverschlag, und sie wurde von einem siebenfachen Mentalblock zur Verrichtung von niederen Hausarbeiten gezwungen.

Beim dritten Versuch, seine Angebetete aus der Sklaverei zu befreien, war er erwischt worden — die Verkleidung als Hausierer war einfach zu schlecht gewesen, er selber hatte sich das schliesslich zerknirscht eingestehen müssen.

Der Preis für ihre Freilassung war das Unterschreiben eines Vertrages gewesen, der ihnen beiden auf jahrzehnte hinaus keine Gelegenheit gab, jemals wieder so etwas wie ein freies Leben zu führen — und seitdem hetzten sie von einem entwürdigenden Engagement zum anderen, während die Big Seven, wie sie sich seit einiger Zeit nannten, ein Leben in Saus und Braus zu führen begannen. Vorsichtiges Fragen im Freundeskreis hatte ergeben, dass wohl noch andere auf die Ferienhaus-Masche hereingefallen waren, auch wenn niemand darüber reden wollte.



Dererlei trübe Gedanken gingen dem Prinzen durch den Kopf, während er verzweifelt versuchte, dem vorwurfsvollen Blick seiner Freundin standzuhalten und gleichzeitig diesen beschämenden Hustenreiz zu unterdrücken, der sich seit einigen Minuten in seiner Kehle breitgemacht hatte.

Ein Quietschen der Schlafzimmertüre riss ihn aus seinen Gedanken.

Holunk im Land der Wasserfontäne

I.

(Nur langsam beginnen sich die Nebel zu lichten, und noch immer ist Dunkelheit beinahe alles, was er wahrnimmt)
„He, Du! Was machst Du hier?“
(Plötzlich: Geräusche, Stimmen. Rötliches Licht breitet sich aus, und die Nebel verschwinden)
„Meinst Du, er schläft? Wenn er schläft, könnten wir ihn…“
„Du hast recht – vielleicht hat er Gold bei sich, und er hat hier nichts verloren…“
(Schritte nähern sich,und auf einmal ein Boden, auf dem er liegt, hart, steinig)
„Los, schneid ihm die Kehle durch, und dann nichts wie weg hier!“
(Der Boden, Steine, warme, stinkende Luft, die er einatmet, und plötzlich etwas hartes, kaltes, das sich an seinen Hals drückt)
Er riss die Augen auf und starrte direkt in ein hässliches, rundes Gesicht mit buschigen Augenbrauen und einem gelblichen Bart. In den Augen des Fremden sah er für einen Moment den gleichen Schrecken, den er selber fühlte, und nutzte instinktiv diesen Moment, um die Hand zu ergreifen, die ein langes, gezacktes Messer an seine Kehle gedrückt hielt. Mit aller Kraft, die seine Angst und seine Wut ihm gaben, setzte er sich auf und warf seinen Gegner zu Boden.

Einen Moment später fand er sich selbst auf der Brust seines Gegners kniend wieder, dem er nun seinerseits das Messer an den Hals gedrückt hielt – sie waren alleine, der zweite Angreifer war offensichtlich geflohen.
„Lasst mir mein Leben, Herr, ich bin nur ein armer, wehrloser Zwerg, ich wollte Euch nichts zu Leide tun. Noch nie hat man so tief in den Unterhöhlen einen Menschen getroffen, noch dazu alleine…“
Während er voll Abscheu in das hässliche Gesicht des Zwerges schaute, in dessen Augen bei seinen letzten Worten bereits wieder Habgier und Mordlust aufblitzten, versuchte er sich zu orientieren.
Er wusste weder,wo er sich befand, noch, wie er hierhergekommen war. Er erinnerte sich an seinen Namen: Holunk – aber für den Moment war das alles.

Schon seit Stunden ging Holunk bereits einen dämmrigen, etwas mehr als mannshohen und ca. 2 Meter breiten Gang entlang. Seinen zwielichten Angreifer hatte er nach kurzem Überlegen ohne weitere Fragen fortgejagt – wenn er schon nichts über den Ort wusste, an dem er sich befand, hielt er es doch für sehr ratsam, dies nicht gleich jedem auf die Nase zu binden.
Nach wie vor konnte er sich an nichts erinnern, was vor dem Angriff der beiden Zwerge stattgefunden hatte, und die unterirdische Höhlenwelt, durch die er gerade schlich, kam ihm völlig unbekannt vor.
Decke und Wände schienen aus einem rötlich-braunen Gestein zu bestehen, das zahllose Spalten und Mulden aufwies, die zum Teil mit einer zähflüssigen, gelblichen Masse gefüllt waren. Hier und da fanden sich moosartige dunkelgrüne Verwachsungen, und mehrmals glaubte Holunk, meterlange, oberschenkeldicke Tentakeln gesehen zu haben zu haben, die wahllos in verschiedene Richtungen zu wachsen schienen. Erhellt wurde das ganze durch in die Wände eingelassene Fackeln, die aber nur ein dämmriges, fahles Licht verbreiteten und teilweise auch vollständig erloschen waren. Immer wieder passierte es, dass er sich einige Meter durch fast völlige Dunkelheit bewegen musste, bis er wieder auf eine Fackel stiess, die noch brannte. Erschwerend kam hinzu, dass Holunk, sich durch zum Teil knöcheltiefen Schlamm kämpfen musste; das gesamte Höhlensystem schien eine penetrante Feuchtigkeit abzusondern, so dass sich am Boden eine undefinierbare schlammige Masse angesammelt hatte.
Seit einiger Zeit war der Weg etwas schmaler geworden und beschrieb ausserdem eine leichte Linkskurve. Holunk stolperte – mittlerweile in durchaus missmutiger Stimmung – vorwärts, wobei er jetzt in zunehmendem Masse an den Wänden anstiess. Einmal musste er sich sogar mit aller Kraft zwischen zwei Felsnasen hindurchquetschen, um nicht steckenzubleiben und den ganzen Weg wieder zurückgehen zu müssen, wobei ihm klar war, das er im Grunde keinerlei Ahnung hatte, wohin er eigentlich unterwegs war.
Während er gerade wieder knietief in einem Schlammloch eingesunken war, weil die schon vorher lückenhaft platzierten Fackeln immer häufiger über längere Strecken hinweg fehlten und er meist den vor ihm liegenden Weg nur noch schemenhaft wahrnehmen konnte, meinte er, ein Geräusch vernommen zuhaben. Eins, das entsteht, wenn sich jemand an Felswänden entlangschiebt, so wie er gerade, oder sich bemüht, seine Füsse fest auf schlüpfrigen Grund zu setzen, wie er selbst, aber mit aus langer Übung erwachsener Erfahrung, leiser und schneller als er – mit einem Mal wurde ihm bewusst, wie ausgeliefert er hier möglichen Angreifern war, während er orientierungslos durch die Gänge stapfte. Noch ein Geräusch, länger diesmal, unüberhörbar – er wusste jetzt, das er viel zu lange viel zu unvorsichtig gewesen war und sich blind seiner schlechten Stimmung hingegeben hatte. Im selben Moment, in dem er dies einsah und sich für eine mögliche Verteidigung bereit machen wollte, legte sich von hinten eine Hand fest auf seine Schulter.

II.

Diesmal ging das Erwachen schneller vonstatten. Holunk schlug die Augen auf und fand sich in einer Höhle wieder, die um ein vielfaches grösser war als der kleine Raum, in dem er zum ersten Mal zu sich gekommen war. Zwei weitere Unterschiede nahm er ebenfalls sofort war: er hatte hämmernde Kopfschmerzen, und er war an Armen und Beinen gefesselt.
Er versuchte sich zu erinnern, und langsam kehrte das Bild des langen, düsteren Ganges zurück, durch den er gestolpert war. Er erinnerte sich an die Schritte, die er hinter sich gehört hatte, seine Angst, und an die Hand, die sich unvermittelt auf seine Schulter gelegt hatte.
Holunk war herumgefahren und hatte versucht, dem unerwarteten Gegner die Faust ins Gesicht zu rammen. Aber er hatte sich noch nicht an die geringe Grösse der hier lebenden Zwerge gewöhnt – sein Schlag traf ins leere, und durch den Schwung seiner eigenen Bewegung fiel er vornüber. Zwar hatte er sich sehr schnell wieder hoch gerappelt (was auch immer er getan hatte, bevor er auf welche Weise auch immer in diese düstere Höhlenwelt geraten war – es schien ihn mit guten Reflexen ausgestattet zu haben) – aber gerade, als er zu einem besser gezielten, vernichtenden Schlag gegen seine Gegner ansetzen wollte, der auf Holunks blitzschnelle Reaktion nicht gefasst gewesen war und erst jetzt – viel zu spät – nach einem langen Messer an seinem Gürtel gegriffen hatte, hatte ihn ein schwerer Schlag auf den Kopf getroffen.

Holunk blinzelte mit den Augen und versuchte, sich an das Licht seiner Umgebung zu gewöhnen – es war hier heller als in den Gängen, der riesige Raum wurde von einigen hell flackernden Holzfeuern erleuchtet. Er fragte sich, wie diese Höhle – überhaupt diese ganze unterirdische Welt – mit Luft versorgt wurde. Hier jedenfalls war diese Versorgung verbesserungsbedürftig – die Luft war erfüllt von Rauch und Gestank, und jeder Atemzug brannte in den Lungen.
Um die Feuer herum hatten sich Zwerge in kleinen Gruppen versammelt; sie sassen auf dem staubigen Höhlenboden und waren in laute, zügellose Gespräche vertieft:
“Lank O’Farlt, alter Dieb – was glaubst Du, würde Deine Mutter sagen, wenn sie wüsste, was Du heute mit der armen, kleinen L’wrala gemacht hast? Die Haare würden ihr von ihrem verlausten Kopfe fallen!”
“Bei meiner Ehre, G’worl – meine Mutter hat schon lange keine Haare mehr auf ihrem Kopf – die meisten hat sie bei meiner Geburt verloren, und das, was noch übrig war, haben meine Brüder und ich ihr abgefressen. Und, was die kleine L’wrala angeht – was weisst Du davon? Überhaupt, seit wann redet sie wieder mit Dir?”
Ein lautes, unflätiges Lachen der anderen Zwerge folgte dieser Bemerkung, dann drehte der erste Sprecher sich zum benachbarten Feuer um und rief herüber:
“He, L’wrala, was erzählst Du über mich? Bin ich Dir nicht immer ein treuer und guter Freund gewesen?”
Eine alte, dicke Zwergenfrau erhob sich am anderen Feuer. Sie hatte ein filziges Stück Stoff von undefinierbarer Farbe um ihren Leib gewickelt, und ihre krummen Beine steckten in einem paar abgewetzter Sandalen.
“Ha! Lieber verbrächte ich den Rest meines Lebens mit meinem Arsch direkt hier im Feuer, als einen Schuft wie Dich meinen Freund zu nennen!”
Wieder schüttelte sich die Runde vor Lachen.
“Und wasch Dich mal! Heute Nacht hast Du gestunken wie ein krepiertes Waldferkel!”.

Der angesprochene wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als sich plötzlich sämtliche Köpfe der versammelten Zwerge in Richtung des Höhleneingangs drehten, aus der jetzt zwei besonders wild und bösartig aussehende Zwerge hervortraten. Ohne sich auch nur ihm Mindesten um die Ihnen entgegengebrachte Aufmerksamkeit zu kümmern, durchquerten sie die Höhle und kamen direkt auf Holunk zu.
“Wer bist Du, Mensch?”
Holunk musterte den grösseren der beiden Zwerge, der sich vor ihm aufgebaut hatte – soweit man bei einem Zwerg von 1.50m Körperhöhe von so etwas reden konnte.
Nach der Reaktion zu Urteilen, die sein Erscheinen und das seines Begleiters bei den anderen Zwergen hervorgerufen hatte, musste er eine sehr hohe Stellung unter ihnen einnehmen. Um den Hals trug er eine Kette, deren Glieder ihrer Farbe und Form nach zu Urteilen aus Knochen zu bestehen schienen, und auf seiner Brust baumelte ein Totenschädel. Auch war dieser Zwerg weitaus besser bewaffnet als die übrigen, und zusammen mit dem herausfordernden Tonfall, in dem die eben an ihn gerichtete Frage gestellt worden war, schloss Holunk, dass er es hier mit dem Häuptling zu tun hatte.
“Antworte, Du, oder ich schlage Dir auf der Stelle den Kopf ab!”.
Holunk überlegte – was sollte er tun? Es fiel ihm zwar nach wie vor schwer, sich vor dieser Kreatur zu fürchten, aber immerhin war er gefesselt, sein Gegner gut bewaffnet, und die Drohung schien durchaus ernstgemeint zu sein. Andererseits stellte ihn die Beantwortung dieser Frage momentan vor gewisse Schwierigkeiten.
“Wer bist Du, dass Du mir diese Frage stellst?”
Es war ihm klar, dass er hierdurch seine Lage nicht unbedingt besser machte, aber da ihm eine glaubwürdige Antwort fehlte, musste er versuchen, irgendwie Zeit zu gewinnen.
“Deine Leute haben mich hinterrücks überfallen und niedergeschlagen. Ihr habt mich meiner Freiheit beraubt, und jetzt erwartest Du von mir, dass ich mich rechtfertige? Ein Feigling bist Du, der es nur wagt, mir zu drohen, während ich gefesselt bin!”
Ein deutlich vernehmbares Raunen ging durch die Reihen der am Feuer sitzenden Zwerge – Holunks Worte schienen einen gewaltigen Eindruck auf sie gemacht zu haben. Er betrachtete den Häuptling, und glaubte für einen Moment, in seinen hässlichen, ungeschlachten Zügen Spuren von Unsicherheit zu entdecken. Mit einem Male hatte sich die Situation verändert, sein Gegner stand unter Zugzwang.
“Wehe Dir! Du wagst es, Mjak-Al Kronk, den Anführer der Gwarl, des gefürchtetsten Stammes der unteren Welt, einen Feigling zu nennen?”
Bei diesem Worten sah er Holunk mit seinen kleinen, schmutziggrünen Augen durchdringend an, dann zog er ein Schwert aus der Scheide, die außen an seinem Gürtel beschäftigt war, und setzte es ihm demonstrativ an die Kehle.
Holunk wusste, dass er sich, wenn er aus dieser Situation unbeschadet wieder herauskommen wollte, jetzt keine Blösse geben durfte. Der Zwerg durfte die Angst, die sich wie ein Schwelbrand in ihm auszubreiten drohte, nicht mitbekommen. Er hielt dem Blick seines Gegenübers stand.
“Aah!” Mjak-Al Kronk warf den Kopf in den Nacken, sein Fuss stiess heftig auf den Boden und wirbelte eine Staubwolke auf. “Bindet diesen Menschen los, und lasst mich gegen ihn Kämpfen.”
Er wandte sich wieder Holunk zu, und mit einem hässlichen Grinsen fügte er hinzu: “Mein Schwert wird wie ein wildes Tier über Dich kommen und Dir den Bauch aufschlitzen.”

Auf das Zeichen ihres Häuptlings hin standen zwei in der Nähe sitzende Zwerge vom Boden auf und lösten die Hand- und Fussfesseln, mit denen Holunks Arme und Beine zusammengebunden waren. Danach zogen sie sich in respektvolle Entfernung zurück – an den Feuern war es still geworden, die Spannung, die in der Luft lag, war mit Händen greifbar. Offenbar war es lange her, das jemand den Häuptling dieser Zwerge herausgefordert hatte – noch dazu ein Gefangener.
Holunk war schnell aufgestanden und nutzte jetzt die wenige Zeit, die ihm blieb, um seinen nach dem langen Sitzen steif gewordenen Körper zu lockern. Er wusste genau, der Häuptling war nicht an einem fairen Kampf mit ihm interessiert – seine Autorität war in Frage gestellt worden, und er wollte ihn deshalb so schnell und risikolos wie möglich beseitigen.
Er lag richtig mit seiner Vermutung – sobald sich seine beiden Untertanen sowie sein Begleiter einige Meter entfernt hatten, holte der Häuptling mit seinem Schwert zu einem gewaltigen Hieb aus, der Holunk in der Tat den Bauch aufgeschlitzt hätte, wäre er nicht vorbereitet gewesen. So aber konnte er gerade eben noch ausweichen. Dieser Kampf war –so erfreulich es auch war, das Holunk die Situation so weit zu seinem Gunsten hatte entscheiden können – im höchsten Masse gefährlich. Der Zwerg hatte ein Schwert und wusste mit Sicherheit auch, damit umzugehen, während er selbst völlig unbewaffnet war. Ihm blieb nur eine Möglichkeit: Er musste seinen Gegner jetzt sofort überrumpeln, solange er selber eben genau diesen Vorteil noch auf seiner Seite zu haben glaubte.
Direkt nachdem er dem Schlag ausgewichen war, griff er mit einer schnellen Bewegung nach dem Handgelenk des Häuptlings, zog es mit aller Kraft weiter in die Richtung, in die der Hieb gezielt gewesen war, und drückte gleichzeitig fest zu. Er hatte Glück – das Schwert fiel seinem Gegner aus der Hand und landete einige Meter weiter im Staub. Gleichzeitig trat er hinter den Zwerg, der sich jetzt erstaunt und wütend in Richtung seines so unerwartet und plötzlich verlorenen Schwerts drehte, und legte ihm von hinten den Unterarm an den Hals. Wenn er jetzt mit aller Kraft zudrückte, würde es dem Häuptling das Genick brechen.
Jetzt erst hatte er einen Moment Zeit, zu überlegen. Was sollte er tun? Auch wenn er für den Moment ein gutes Druckmittel in der Hand hatte – letztlich änderte sich nichts daran, dass er von einigen Dutzend bewaffneter Gegner umringt war, und sich zu alledem in einer Gegend befand, von der er überhaupt nichts wusste. Was sollte es bringen, einen Kampf gegen diese Zwerge, die sich selbst die
Gwarl nannten, zu führen? Viel eher sollte er versuchen, sie sich zu Verbündeten zu machen. Es schmeckte ihm nicht, das zuzugeben, aber – er brauchte Hilfe.
Er richtete das Wort an die wütend auf ihn starrende Zwergenhorde:
“Mein Name ist Holunk. Wer ich bin, kann ich Euch nicht sagen – ich habe meine Erinnerungen verloren. Bevor ich heute Morgen zu mir gekommen bin und Eure beiden Leute mich fanden, weiss ich nichts.”
Dann lösste er seinen Griff vom Hals des Häuptlings und trat einen Schritt zurück.

Pedro

Der kleine Junge stand mitten im grossen, bunten Treiben des Hafens von Lissabon und schien die Welt um sich herum vollständig vergessen zu haben.
“Pedro, kommst Du?”
Er hatte den Kopf so weit in den Nacken gelegt, dass es ihm schon nach kurzer Zeit anfing, weh zu tun – aber das störte ihn nicht im Geringsten.
“Los jetzt, wir müssen weiter!”
Die gereizte, verärgerte Stimme seiner Mutter erreichte ihn nicht – wie konnte sie auch, bei dem, was seine glücklich leuchtenden Augen gerade entdeckt hatten!
Er stand direkt am Kai, dort, wo die grossen, gewaltigen Handelsschiffe anlegten, diejenigen, deren Reisezeit nicht in Wochen, sondern in Monaten gemessen wurde, manchmal sogar in Jahren.
Pedro starrte gebannt auf die riesenhafte Silhuette eines großen Dreimasters, der offenbar am frühen Morgen angelegt hatte und jetzt beladen wurde. Die Reling des Schiffes lag so hoch über ihm, dass er die Gestalten der breit gebauten, aufgrund der während so langer Reisen nahezu unvermeidlichen Skorbut-Krankheit meist kahlköpfigen Matrosen nur unscharf erkennen konnte, aber er sah, wie sie mit schnellen, routinierten Bewegungen ein grosses, schweres Fass nach dem anderen von der ausgefahrenen Ladebühne nahmen und im Bauch des Schiffes verstauten. Er fragte sich, wieviel hundert oder tausend Fässer wohl nötig waren, um diesen riesigen Bauch zu füllen und den Hunger dieses stolzen, erhabenen Geschöpfs soweit zu stillen, dass es bereit war für eine neue, endlose Fahrt über das Meer.
Er sah auch, dass am Boden der Hebevorrichtung, direkt neben ihm, noch dutzende von Fässern standen, die darauf warteten, dass..
Eine schallende Ohrfeige traf ihn und riss ihn aus seinen Träumen.
“Jetzt komm endlich. Es ist immer das gleiche mit Dir – ich glaube, das nächste Mal, wenn ich zum Hafen gehen muss, lasse ich Dich zuhause.”
Seine Mutter hatte ihn bei der Hand genommen und zog ihn unsanft hinter sich her, während sie sich durch die dichte Menschenmenge wühlte. Wie jedesmal, wenn Schiffe mit neuen Warenlieferungen, vor allem mit Lebensmitteln, eingetroffen waren, war der Kai voll von Menschen, die genau wie sie gekommen waren, um die teuren Preise der örtlichen Händler zu vermeiden und das eine oder andere direkt hier zu erwerben.
Das Bild des grossen, stolzen Schiffes aber blieb vor Pedros innerem Auge stehen – verzweifelt verrenkte er den Kopf, um wenigstens noch einen letzten Blick erhaschen zu können. Er hatte die Worte seiner Mutter sehr wohl vernommen. Und er kannte sie, wahrscheinlich würde sie ihre Drohung in die Tat umsetzen. Das hiesse für ihn – ja, das hiesse, er würde nie mehr so wie gerade eben auf das Meer hinausschauen können, nie mehr – Tränen traten in seine Augen. Das durfte nicht sein, nicht wenn…
Er dachte an die Fässer, die er unten an der Hebevorrichtung hatte stehen sehen. Pedro wartete, bis seine Mutter ihn gerade einmal nicht in ihrem Blickfeld hatte, dann fasste er sich ein Herz und riss sich los.