Der Träumer und der Spiegel

Es war einmal ein Träumer. Schon sehr lange war er unterwegs, er war auf der Suche nach dem Land, in dem Milch und Honig fliessen.
Eines Tages geschah es, dass sich ihm auf einem engen, steilen Gebirgspfad ein Spiegel in den Weg stellte. Der Spiegel sagte zu dem Träumer: “Ja, mein Träumer, da stehst Du nun, und kannst nicht weiter – rechts von Dir ist der Abgrund, links von Dir ragt die hohe, unerklimmbare Felswand empor. Vor Dir ist Dein Spiegelbild, das Du nicht durchdringen kannst. Was gedenkst Du nun zu tun?”
Der Träumer schaute erst nach links, dann nach rechts, und dann dachte er lange über die Worte des Spiegels nach. Der Abgrund zu seiner Rechten war sehr tief, und der Berg zu seiner Linken war in der Tat so hoch und steil, dass es lebensgefährlich gewesen wäre, ihn zu besteigen. Und vor sich hatte er das Bild seiner selbst.
Schliesslich sagte er zu dem Spiegel:
“Oh mein Spiegel, es ist alles so, wie Du sagst – aber bedenke eines: Du nennst mich einen Träumer, und Du hast Recht damit, denn das bin ich. Ich träume von einem Land, in dem Milch und Honig fliessen, und in dem mich, wenn nicht ewige Glückseligkeit, so doch Zufriedenheit und ein annehmbares Auskommen erwarten. Dorthin zu gelangen ist mein Ziel.
Doch höre: es ist dies mein Ziel, weil ich aus einem Tal komme, in dem eine tiefe Dürre herrscht, und dessen Bewohner Milch und Honig nicht anders kennen als aus alten Sagen und Erzählungen. Von dort habe ich mich auf den Weg gemacht – und nennst Du mich deshalb einen Träumer, so ist mir das Recht, und ich bin stolz, einer zu sein.
Du aber bist ein Spiegel – in Dir zeigt sich die Oberfläche der Menschen, Du siehst sie und wirfst sie den Menschen zurück. Woher sie kommen und wohin sie gehen bleibt Dir jedoch verborgen. Ein hohles Ding bist Du, Du verstehst nicht, was die Bilder wirklich bedeuten, die man in Dir sieht.
Du hast keine eigene Kraft und kannst deshalb auch mir meinen Weg nicht versperren.
So sprach der Träumer, ging auf den Spiegel zu und versetzte ihm einen heftigen Stoss, so dass er in den Abgrund hinunterstürzte und dort zu tausend Stücken zersprang.
Der Träumer setzte daraufhin seinen Weg fort, erklomm den Gipfel des Berges und suchte weiter nach dem Land, in dem Milch und Honig fliessen.

Lügen

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein grosser, dicht gewachsener Urwald. Seine Bäume trugen grünes Laub, und die zwischen ihnen wachsenden Sträucher und Blumen waren kräftig und gesund.
Dann aber brach ein Feuer aus, keiner weiss wirklich, woher es kam.
Der grosse Wald brannte ab, und übrig blieb nur ein Berg schwarzer Asche.
So blieb es lange Zeit, und man glaubte schon, niemals mehr würde hier etwas wachsen können.
Nach vielen Jahren geschah es aber, dass aus dem schwarzen Ascheberg vereinzelte grüne Stellen emporsprossen. Es waren zuerst wenige, aber mit der Zeit wurden es immer mehr, soviele, dass von dem Schwarz nichts mehr zu sehen war. Und es war nicht nur grünes Gras, das dort wuchs, sondern auch unzählige Blumen – ihre Samen waren durch die Luft hierhergetragen worden, sie waren bunt und vielfältig und fanden in der weichen Asche einen Boden, der sich ihnen anpasste, in dem sie wachsen und gedeihen konnten wie nirgendwo sonst.
Die Menschen sahen, wie schön der Ascheberg geworden war, bewunderten ihn und begannen, anderen Menschen davon zu erzählen. Schliesslich kamen immer mehr Menschen, um den Berg zu bewundern und zu träumen.
Es geschah aber, eines Tages, dass ein Wind aufkam, kein Sturm, sondern ein gewöhnlicher Sommerwind, wie er von Zeit zu Zeit in diesem Land wehte. Der Wind blies über den Ascheberg und zog und zerrte am Gras und an den Blumen. Und weil die Asche so ein weicher und nachgiebiger Untergrund war, konnten sie dem Sog des Windes nicht standhalten. Sie wurden losgerissen und fortgeweht.
Der Wind hatte in den späten Abendstunden geweht, und niemand hatte etwas bemerkt. Als aber am nächsten Morgen die Sonne aufging, sah niemand mehr einen schönen, grünen Blumenhügel. Ein schwarzer, hässlicher Berg zeigte sich den Menschen, entstellt von einigen wahllos auf ihm verteilten Blättern und Grasresten.
Auch dies sprach sich rund, und deshalb kamen von diesem Tag an keine Menschen mehr, um den Ascheberg zu besuchen. Warum auch – denn, einen schwarzen, zerfetzten Berg, den will niemand sehen….