Grand Café / Morituri te salutant


Seneca
über Gladiatorenkämpfe
‚Dem Hieb mit dem ganzen Körper ausgesetzt, schlagen die Gladiatoren niemals vergeblich zu. Kein Helm, kein Schild kann das Schwert abweisen. Mit Feuer und Schwert wird der Kampf geführt. Er dauert so lange, bis die Arena leer ist.‘

Freitag, Wochende.
Pläne für den Abend? Klar, Pläne, rausgehen, Nachtleben, was sonst.
(Langsam)
Der rauhe Pulsschlag der Stadt treibt mich hinaus, ein schnelles Bier in der
Stammkneipe, und dann weiter.
(senkt sich die Sonne)
Im ersten Schuppen bleibe ich nicht lange,Atmosphäre stimmt nicht. Weiter die Straße runter, eine neue Türe, neue Menschen. Im Grunde sind sie alle gleich, ich werde hier bleiben.
(und wirft lange Schatten)
Stimmen, die im Rausch der Musik versinken, ebenso wie ihre Gesichter, die in der von trägem Neonlicht verwässerten Dunkelheit eine fahle Masse bilden.
(auf den Sand,)
Auf der Tanzfläche tauche ich selber unter, werde eins mit den selbstvergessen zuckenden Leibern der Anderen, anonyme Verschmelzung auf Basis gemeinsamen Verlangens.
(während ich den Kopf hebe)
Über mir ein Podest, dort bewegt sich ein junges Mädchen ekstatisch zur Musik,
(und die gaffende Menschenmenge auf den Rängen betrachte.)
für einen Moment scheint sie die Gallionsfigur unseres kollektiven Rauschzustandes zu sein, das fleischgewordene Musikvideo.
(Was vor mir liegt,)
Sie lächelt glücklich; auf ihrem flachen, entblössten Bauch bilden sich Schweissperlen.
(mein Schicksal,)
Ein warmer Körper lehnt sich an mich, ich drehe mich um und schaue in die Augen einer schwarzhaarigen Amazone in hautengem Leder. Sucht sie wirklich mich,
(ist lange vorherbestimmt.)
oder hat nur der Zufall uns hier zusammengeführt, für einen kurzen Moment der Intimität,
(Ich greife nach meinen Waffen)
vorbei und vergessen, bevor er uns aus unseren Masken herausreissen und vielleicht etwas bedeuten kann?
(und bewege mich zielstrebig)
Ich beobachte ein Pärchen, er und sie engumschlungen am Rande der Übrigen. Sie gehören nicht mehr zu uns,
(auf meinen Gegner zu.)
eingetaucht in eine Welt,
(Mit Feuer und Schwert)
die uns verschlossen bleibt.
(wird der Kampf geführt. Es dauert so lange, bis die Arena leer ist.)

Novemberkind

für Ellen zum 29. Geburtstag


Sagt man das nicht: dass die Zeit immer schneller verstreicht?
Das sie eine Beschleunigung durchlebt, wie beim freien Fall? Was bedeutet das, rückwärts gesehen? Diese Kurve, wie sieht sie aus,zurückgeführt zu ihrem Anfang?
Wie weit dehnen sich die Stunden, Minuten, Sekunden, wenn das Bewusstsein noch das sprichwörtliche unbeschriebene Blatt ist, weiss und leer, gerade erst emporgestiegen aus den Vorhöfen der Geburt?
Wie lange dauert er, der erste Moment, der erste Blick – wer ermisst die Ewigkeit des ersten Schreis, den äonentiefen Abgrund vor dem ersten Atemholen?
Und was kann das dann noch sein, das wir mit so großen Worten “Das Leben” nennen – was kann es noch sein als ein flüchtiger Hauch, der niemals das verändern kann, was gerade geformt worden ist: mit dem ersten bewussten Herzschlag Deiner neugeborenen Seele?

Ich schaue Dich an: meine Gedanken, jetzt, wo ich Dich zum ersten Mal in meinen Händen trage – Du noch verknautscht und mit blauen Augen. Ich teile diesen Moment mit Dir: Deine Zeit rast an mir vorbei, und ohne es zu wollen erfülle ich Dich – das Bild meiner Seele dringt auf Dich ein, formt Dich, während draußen der Regen auf welkes Laub fällt.
Es ist Herbst, und er ist es, der mich erfüllt – jetzt, gerade, in diesem, unseren Moment. Seine Melancholie, seine Suche nach Frieden, seine endzeitliche Schweigsamkeit.
Bei ihrer Geburt haben alle Kinder blaue Augen, ihre eigene Farbe entwickeln sie erst im Laufe ihres Lebens. Was mag es sein, was ich Dir mitgegeben habe, jetzt, in diesem, unseren Moment?

Welche Farbe werden Deine Augen tragen?

Der Sturz

Ein Männlein lief auf einem Wege
Allein und schutzlos durch den dunklen Wald.
Nicht, das an ihm mir etwas läge –
Sein Wohl und Weh, dass lässt mich kalt.

Voll sumpf’ger Wege, tiefer Spalten
Mal ich mir nun die Landschaft aus,
Bös‘ und bedrohlich will ich sie gestalten,
Mit Bestien, garstig und voll Graus.

Doch plötzlich fährts mir in die Knochen:
Will’s mir mit Dir ja nicht verderben,
und hab’s dir ja wohl auch versprochen:
‚In dem Gedicht darf niemand sterben!‘

Ich seh’s ja schon an Männleins‘ Laufen
Es schaut gehetzt sich um, voll Schauer
Nimmt sich nicht Zeit, will nie verschnaufen,
Als läg‘ ein Unheil auf der Lauer…

Was hat es nur, das es sich gar so eilet?
Oh Schreck–die Monster hab ich ganz vergessen;
Wer hier nur einen Augenblick verweilet,
Nun, der wird Todsicher gefressen!

Doch hab mein Wort ja ich gegeben,
Und greife in die Handlung ein:
Ich lass‘ den Monstern zwar das Leben,
Doch soll’n sie Vegetarisch sein!

Das Männlein fühlt sich froh und munter,
Es läuft und klettert gar behende,
läuft Berg und Felder rauf und runter
Erreicht schon bald des Waldes Ende.

Doch an dem Rand, wie geht’s da weiter?
Ich merk’s zu spät – da hat ich nichts bedacht!
Mit einem Schrei fällt’s in die Tiefe,
Entschwindet schnell in finst’rer Nacht!

…Oh Weh, wie fühl‘ ich mich beklommen:
Jetzt ist es doch noch umgekommen!