Monolog II



I.

…wirklich, nichts mehr? Ich dachte, es müsste zuende sein – Eintritt des Todes nach Gefrierung der Lunge.
Aber etwas ist geblieben. Mein Bewusstsein – ich denke: Cogito, ergo sum, wie man sagt.

Was auch geblieben ist: das unmenschliche Gefühl brutaler Kälte, das ich jetzt aber nicht mehr an meinem Körper spüre – mein Körper hat aufgehört zu sein, wenigstens für mich, oder für mein Bewusstsein, oder für was auch immer von mir noch übrig geblieben ist.
Die Kälte ist jetzt zu einer universalen Substanz geworden.
Mit der Kälte Verbunden ist der Schmerz, und deshalb ist auch der Schmerz mit meinem Bewusstsein verbunden. Vielleicht denke ich nur noch, weil es den Schmerz gibt, und ich sollte froh sein, dass er da ist.

Aber noch etwas anderes gibt es: Erinnerungen an die Wärme, verschwommene Bilder einer Welt, in der es Licht und Bewegung gibt – Formen und Farben entstehen, und ich fange an zu träumen.

II.

Wie jeden Morgen erwache ich kurz nach Tagesanbruch – ich habe ein weiches Bett inmitten meines großen Blumenbeetes, und wenn ich die Augen öffne, schaue ich zuerst auf hundert wunderschöne Blüten.
Heute Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum – mir war fürchterlich kalt, die weichen Blätter, aus denen ich mein Bett gebaut habe, waren mit einem Male hart wie Stein, und ich hatte das Gefühl, die sonst so schönen, anmutigen Blüten über meinem Kopf hätten sich in böse Klauen und gierige Mäuler verwandelt, die nach mir griffen und mich zu verschlingen drohten.

Jetzt, wo ich aufgewacht bin, fällt meine Angst schnell von mir ab – alles ist so wie immer, und nachdem ich mein Frühstück eingenommen und einen kleinen Spaziergang um meine Insel gemacht habe, setze ich mich hin und bewundere die Schönheit meines Blumenbeetes.

III.

Ich träume – heisst, ich kann Bilder entstehen lassen und sie verändern – oder entstehen sie von alleine, ohne mein Zutun, und ich bin nur Zuschauer. Vielleicht bin ich so sehr Zuschauer, dass ich das Nichtvorhandensein meiner Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, nur deshalb nicht wahrnehme, weil es nichts in mir gibt, dass ausserhalb des Stroms werdender und vergehender der Bilder steht?
Ich mache einen Versuch, Kontrolle auszuüben, einen Versuch, Bilder zu schaffen, die ich als gegensätzlich empfinde, als nicht Stromkonform.

Für einen Moment ist nur noch Chaos, dann kollabieren alle Bilder und Farben und es gibt wieder nur die Kälte, den Schmerz und mein leeres Bewusstsein.

IV.

Ich liege mit ausgestreckten Armen im Gras und schaue in den blauen Himmel hinauf. Es ist ein schöner Tag mit sehr klarer Luft, und ich kann weit schauen. Heute ist der Himmel voller Bewegung, ich sehe Inseln mit Bäumen oder grossen, klaren Seen vorbeiziehen. Auch ein paar Blumeninseln sehe ich, aber sie interessieren mich nicht.Keine von ihnen ist so schön wie meine.

V.

Also zerbricht der Strom, sobald ich versuche, ihn zu kontrollieren. Es scheint, dass ich doch nur Teil von ihm bin, unautonom, abhängig.
Aber wie konnte ich dann seinen Zusammenbruch herbeiführen? Und warum hat mein Bewusstsein diesen Zusammenbruch überdauert?
Wobei, wenn es so ist, wie ich vermute, und mein Bewusstsein und der Schmerz und die Kälte eins sind, ist es einfach: die Kälte ist erhalten geblieben: eine starre Substanz ohne Anfang und Ende.

Ich merke, dass die Bilder wieder zu fliessen beginnen, ich bin froh darüber, frage mich aber gleichzeitig, wie diese Empfindung möglich sein kann – meine Freude und meine Erleichterung sind nicht Teil der Kälte. Sind sie auch ein Teil des Schmerzes, oder aber etwas, das sich weiterentwickelt hat, das jetzt mir gehört?

Diesmal werde ich alles einfach geschehen lassen, zuviel Angst habe ich vor dem Alleinsein.

VI.

Während ich dasitze und meine Blumen betrachte, fällt mir auf, dass es links von mir eine Blüte gibt, die irgendwie anders ist als die anderen. Ich weiss nicht wirklich genau, woran ich diese Andersartigkeit festmachen kann, aber es gibt einen Unterschied, das spüre ich genau.
Nach einiger Zeit wird es mir klar: während sich alle anderen Blüten soweit es geht der Sonne entgegenstrecken, weist diese eine genau auf mich. Fast könnte man meinen, dass sie mich anschaut.
Das Gefühl ist mir unangenehm, ich fühle mich beobachtet und muss irgendwie an meinen Traum von heute Nacht denken. Ich setze mich ein Stück weit weg, einen Moment später habe ich die Sache vergessen.

VII.

Die Bilder haben wieder zu fliessen begonnen, deutlicher als vorher – ich wehre mich jetzt nicht mehr dagegen, versuche nicht mehr, zu kontrollieren. Es ist mir angenehm, ein Teil von ihnen zu sein.
Ich versuche stattdessen, in den Farben und Formen Strukturen zu finden, etwas, das ich wiedererkenne und das mir vertraut ist. Gerade eben meine ich, etwas gesehen zu haben, ich weiss nicht, was es war, aber es löst ein Gefühl von Vertrautheit und Wärme in mir aus. Ich möchte es festhalten und zu mir hinziehen, und in diesem Augenblick verschwindet es.

VIII.

Eine kurze Zeit später schaue ich wieder zu der Blüte hinüber, und ich erschrecke mich, weil sie mich wieder anschaut, und das, obwohl ich jetzt an einem anderen Platz sitze, sie muss sich also bewegt haben.
Unwillig drehe ich den Kopf zur Seite, ich möchte nicht bei der Betrachtung meiner schönen Insel gestört werden. Nach einiger Zeit schaue ich aber wieder zu der Blüte hin, sie hat sich jetzt vollständig zu mir hingedreht. Zuerst ärgere ich mich und möchte wieder wegschauen, aber dann halte ich dem Blick doch stand.
Ich merke, dass ich neugierig geworden bin.

IX.

Eine Zeitlang treiben meine Gedanken ziellos im Strom der Bilder, der mich mittlerweile völlig umschliesst. Ich weiss nicht, was es war, dass ich da eben gesehen habe – es schien mir vertraut zu sein, und für einen Moment war die Kälte weniger schlimm.
Ich warte, und nach einer Zeit sehe ich es wieder – ich weiss mittlerweile, ich kann nichts festhalten, kann nur warten und beobachten, und wenn die Kälte und der Schmerz erneut etwas nachlassen, werde ich dafür dankbar sein.

X.

Ich gehe langsam auf die geheimnisvolle Blüte zu. Ich habe keine Angst mehr, irgendwie weiss ich, dass mir von ihr nichts Böses geschehen wird. Verwundert stelle ich fest, dass sie sich nicht nur durch ihr merkwürdiges Verhalten von den anderen Blüten unterscheidet. Ihre Blätter und ihr Inneres sind von einer wunderschönen, weiss schimmernden Farbe, und als ich näher komme, merke ich, dass sie ganz aus Eis besteht.
Wie kann es sein, dass sie nicht schmilzt, frage ich mich. Ich bin ich jetzt direkt vor ihr, und ich spüre die Kälte, die sie verströmt. Ohne lange nachzudenken, beuge ich mich vor und nehme die Blüte in meine beiden warmen Hände.

XI.

Etwas hat sich geändert, ich weiss nicht, was es ist, es gibt jetzt etwas, das hinter der Kälte steht, das sie weniger absolut erscheinen lässt.
Ich denke nicht, ich versuche nicht, in das Geschehen einzugreifen, und nur im Hintergrund meines Verstandes formt sich die stille Bitte, dass das, was gerade erst angefangen hat, nie wieder aufhört.

XII.

Die geheimnisvolle Blüte in meinen Händen ist schnell geschmolzen. Ich hatte gerade noch Zeit, ihre wunderschönen Formen zu bewundern und meinte für einen kurzen Moment, in ihrem Innern ein Gesicht erkennen zu können. Dann aber ist sie völlig geschmolzen, und ich merke, dass das Gesicht, was ich zu sehen glaubte, mein eigenes ist, das sich in dem Wasser spiegelt, das ich jetzt in meinen Händen halte und das mir langsam durch die Finger zu rinnen droht.
Weil ich spüre, dass es etwas wertvolles und kostbares ist, das da in meinen Händen liegt, und weil ich nicht will, dass es verloren geht, tauche ich mein Gesicht hinein, und ein wohltuender, belebender Strom beginnt über meine Haut zu rinnen.

XIII.

Was auch immer gewesen ist, ob mein Bewusstsein nur ein Teil des Schmerzes war oder nicht – es ist vorbei. Die Kälte ist verschwunden, und ich spüre wie der Schmerz sich auflöst und einem nie dagewesen Gefühl von Glück und Wärme weicht. Und, ja, ich merke wie sich mein Bewusstsein auflöst, zusammen mit dem Schmerz, meine Vermutung war also wohl richtig. Aber es stört mich nicht, ich bin zufrieden und ich will nicht mehr, könnte nie mehr wollen als dass, was gerade passiert.
Ich löse mich also auf, ich verschwinde, die Bilder verblassen und das letzte, was ich sehe ist der blaue Himmel über mir, für einen Moment glaube ich wieder, meinen Körper spüren zu können, und ich liege wieder unter meinen geliebtem Weidenbaum, schaue in den Himmel und atme die warme, gesunde Luft meiner kleinen Insel.

XIV.

Am Nachmittag mache ich einen kleinen Spaziergang um meine Insel. Ich weiss nicht, was es war, dass mir da heute Morgen passiert ist, ich weiss nur, dass es schön war, und ich fühle immer noch die letzten Tropfen auf meiner Stirn, meinen Wangen und meinen Augen.
Ich schaue zum Himmel hinauf und sehe wieder die gleichen Inseln wie heute Morgen, aber sie sind schön, so schön wie meine eigene.
Lange noch bleibe ich so stehen und betrachte den Himmel.

Monolog I

I.

Die Sonne scheint mir ins Gesicht, während ich mit zurückgelehntem Kopf unter dem schönen, groß gewachsenen Weidenbaum sitze, der am Rande meiner kleinen Insel steht. Wie schön es ist, hier so mit geschlossenen Augen zu sitzen und das wärmende Rot hinter den Lidern zu spüren!
Ich bin ein wenig Müde, und die Versuchung, einfach so sitzen zu bleiben und den Tag zu geniessen, ist gross.
Nach ein paar Minuten stehe ich aber trotzdem auf; ich blinzele verstört, und während meine Augen noch versuchen, sich an das helle Licht zu gewöhnen, schaue mich um, und betrachte verträumt die Umgebung, in der ich seit Beginn meines Denkens lebe. Ich fühle eine tiefe, selbstverständliche Liebe zu der Schönheit, die mich umgibt.
Auf meiner kleinen Insel ist alles so, wie ich es mir wünsche: Auf einer Seite stehen ein paar Bäume, unter dem grössten und schönsten von ihnen habe ich gerade meinen Mittagsschlaf beendet; ein kleiner Teich liegt in der Mitte, an dessen Rand ich manchmal sitze und die Schatten der Fische beobachte, die ich in seiner Tiefe zu sehen glaube. Der Boden ist mit Gras bewachsen, und hier und da stehen einige bunte Blumen. Um das kleine Häuschen, das auf der mir gegenüberliegenden Seite steht, rankt sich nun schon seit einigen Jahren eine kleine Kletterrose, innerhalb des Häusschens stehen nur mein Bett und ein kleiner Stuhl – mehr brauche ich nicht, geben mir doch das Sonnenlicht und die wenigen Früchte der Bäume alles, was ich zum Leben brauche. Überhaupt bin ich selten dort, meist schlafe ich einfach im Freien.Am Himmel über mir ziehen gelegentlich ein paar Wolken vorbei, meist scheint aber – so wie jetzt – die Sonne. Meine Insel ist hier nicht die einzige, über mir schwebt gerade die eines kleinen Jungen, und ich sehe ihm eine kleine Weile dabei zu, wie er versucht, mit einem langen Stock Früchte von einem Baum zu pflücken. Auch meine Insel schwebt in der Luft; wenn ich nach unten schaue, kann ich den Boden nicht deutlich erkennen, ich sehe nur einen undeutlichen Blauschimmer, ein Ozean, wie ich vermute.Alles fliesst und ist ständig in Bewegung, manche Inseln sehe ich beinahe jeden Tag, während manch andere einmal vorbeiziehen und scheinbar für immer verschwinden.Neben mir sehe ich die Insel eines jungen Mädchens; sie kommt regelmäßig alle paar Tage hier vorbei, ab und zu sehen wir uns und winken einander zu.

II.

Ich mache mich langsam daran, mein Tagwerk zu beginnen. Denn auch ich habe Aufgaben: Ich muss dafür sorgen, dass mein kleines Häuschen nicht völlig von der kleinen Kletterrose überwuchert wird, darf sie aber auch nicht zuweit zurückschneiden, denn dann stirbt sie, und das würde mich traurig machen. Auch um den Weg zwischen den Blumen und Bäumen muss ich mich kümmern, er würde sonst zuwachsen und verwildern.
Mir meine tägliche Nahrung zu beschaffen, ist eine leichte Arbeit: Ich ernte das Obst der Bäume ab und pflücke die Beeren der Sträucher, die hier vereinzelt wachsen. Nachdem ich genug Essen für den nächsten Tag gesammelt habe, setze ich einen Moment lang an den Rand meines kleinen Sees und versuche, die Fische zu zählen, die ich am Grund entlangschwimmen sehe. Das ist sehr schwierig, da sie sich ähneln und man sie deshalb nur schwer auseinanderhalten kann. Heute gelingt es mir nicht völlig, es gibt da einen kleinen Blauen mit einer seltsam geformten Rückenflosse, und ich meine, ich habe ihn an zwei Stellen zur gleichen Zeit gesehen. Ob es vielleicht mehrere sind?
Ich lege mich unter meinen Lieblingsbaum, um zu schlafen, und es dauert nicht lange, bis meine Augen zufallen.

III.

In dieser Nacht habe ich einen Traum:
Ich sitze an meinem See und versuche, den kleinen Blauen Fisch zu entdecken, den ich am Abend gesehen habe, aber der See ist zugefroren, und ich kann nicht bis auf den Grund sehen. Als ich aufschaue, sitzt vor mir das Mädchen von der Insel gegenüber, sie scheint mir etwas sagen zu wollen, ihre Lippen bewegen sich, aber ich kann sie nicht hören. Sie deutet auf den See, und dann rinnt langsam eine Träne ihr Wange herab.

IV.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, steht die Sonne schon hoch am Himmel. Mühsam richte ich mich auf – ich fühle mich unausgeschlafen und habe Kopfschmerzen. Ich versuche mich an den Traum der letzten Nacht zu erinnern, aber es gelingt mir nicht wirklich. Mir fällt ein, das ich am Abend zuvor damit begonnen hatte, die Fische in meinem Teich zu zählen. Es ist wichtig, dass ich ihre Zahl genau kenne. Flüchtig nehme ich war, dass die Insel des kleinen Jungen, dem ich gestern noch beim Obstpflücken zugesehen habe, verschwunden ist, aber ich achte nicht weiter darauf. Ich nehme meinen Platz am Ufer ein und schaue angestrengt ins Wasser: Es wimmelt nur so Fischen, es ist mir nie aufgefallen, das es so viele sind. Gegen Mittag habe ich erst die Hälfte gezählt, und ich meine auch, einen von Ihnen übersehen zu haben. Wie gerne würde ich mich ausruhen und meinen schmerzenden Kopf ein wenig ins weiche Gras legen! Aber es hilft ja nichts. Und da ich nicht sicher weiss, ob ich mich nicht doch verzählt habe, fange ich nochmal von vorne an.

V.

In dieser Nacht fällt es mir schwer, Schlaf zu finden. Ich habe mich, wie ich es meistens tue, unter den großen Weidenbaum gelegt, aber heute gelingt es mir nicht, eine Stelle am Boden zu finden, die halbwegs gerade ist und keine unbequem drückenden Steine hat.
Ich liege wach und schaue mit trübem Blick in den dunklen Nachthimmel. Hoch über mir stehen einige Inseln, im fahlen Licht des Mondes wirken sie auf mich wie düstere Mahnmale. Nach einiger Zeit glaube ich, dass sie sich von mir fort bewegen, ich sehe ihre Schatten langsam über meine kleine Insel ziehen. Zuerst verdunkeln sie meinen See, dann ziehen sie weiter und legen sich wie eine schwarze Decke über das Gras, die Blumen und schließlich mein kleines Häusschen, während der See im Mondlicht geheimnisvoll zu glitzern beginnt.
Ich verspüre plötzlich den Drang, aufzuspringen, um sie irgendwie aufzuhalten, ich möchte nicht, dass sie sich entfernen, es macht mir Angst. Aber nur einen Moment, dann bin ich wieder nur Müde und auf die gleiche seltsame Art unruhig wie schon den ganzen Tag.
Das harte Gras sticht mir in den Rücken, ich beschliesse, in dieser Nacht nicht im Freien zu schlafen.

VI.

Heute bin ich früher aufgewacht: Die Sonne scheint zaghaft durch die Blätter der Bäume, und auf meinen Blumen glitzern noch Reste von Morgentau. Vielleicht wird es mir heute gelingen, alle meine Fische zu zählen? In der Ferne stehen einige Inseln am Himmel, ich kann sie aber nicht genau erkennen.
Die Arbeit geht mir heute leicht von der Hand, noch ehe es Mittag ist, habe ich zwei Drittel der Fische gezählt, und weiss auch, welchen ich gestern übersehen habe. Eigentlich ist es sehr leicht, denn ich kenne sie alle sehr gut.
Ich erinnere mich an die Insel des Mädchens, die hier so oft vorbeikommt, und versuche sie am Himmel zu finden. Während ich die Hand über meine Stirn lege, um nicht direkt in die Sonne schauen zu müssen, suche ich langsam den Horizont ab. Leider kann ich sie nirgendwo entdecken. Mir fällt auf, dass es in meiner Umgebung leerer geworden ist, die Inseln, die ich gerade noch gesehen habe, sind verschwunden.Ein kalter Wind kommt auf, der mich frieren lässt, und legt sich nicht wieder. Nach einiger Zeit beschliesse ich, eine kleine Pause zu machen. Ich gehe in mein kleines Häusschen zurück, um mich dort aufzuwärmen.

VII.

Am Nachmittag mache ich mit dem Zählen weiter. Leider kann ich aber meine gute Leistung vom Vormittag nicht halten. Immer wieder muss ich mich beim Zählen unterbrechen, um ein paar Schritte zu gehen – es ist kälter geworden seit heute morgen, und ich brauche in regelmäßigen Abständen etwas Bewegung, um mich aufzuwärmen.
Am frühen Abend gebe ich es auf – ich weiss nicht mehr, bis wieweit ich gezählt habe, und mir scheint auch, dass ich heute Morgen doch wieder Fehler gemacht habe. Traurig gehe ich in mein Häuschen, um dort zu schlafen. Während ich den Weg entlanglaufe, merke ich, dass sich meine Insel verändert hat. Es stehen jetzt viel weniger Blumen im Gras, und die, die übriggeblieben sind, lassen die Blätter hängen, ihre Blüten haben sich grau verfärbt. Ich möchte stehenbleiben und ihnen helfen, vielleicht kann ich einige von ihnen mit meinen Händen wärmen und ihnen so etwas von ihrer Farbe und ihrer Lebenskraft zurückgeben. Aber dieser schneidende Wind wird immer kälter, er fährt mir durch die Kleider, durch meine Haare und lässt mein Gesicht und meine Hände taub werden. Nur schnell ins Haus, ich habe Angst, es nicht mehr zu schaffen. Ich weiss, ich müsste erfrieren, wenn ich jetzt noch länger hier draußen bliebe.

VIII.

Ich glaube, heute werde ich im Haus bleiben müssen. Als ich am Morgen nach dem Aufwachen die Türe geöffnet habe, wehte mir ein so eisiger Wind entgegen, dass ich sofort wieder zurückgehen musste. Ich fürchte, wenn das so weitergeht, wird der See zufrieren, und ich bin doch mit dem Zählen noch nicht fertig geworden!Bei dem flüchtigen Blick, den ich nach draußen geworfen habe, habe ich gesehen, dass meine kleine Kletterrose eingegangen ist. Nur ihre schwarzen, toten Äste klammern sich noch an die Wände meines Häuschens, als hätten sie im letzten Moment vor dem Erfrieren versucht, dort einen wärmenden Halt zu finden.

IX.

Schon seit drei Tagen habe ich mein Haus jetzt nicht mehr verlassen. Es wird immer kälter, und durchs Fenster kann ich sehen, dass mein See mit einer dicken Eisschicht bedeckt ist. Ich habe schreckliche Angst, weil es mir nun nicht mehr gelingen wird, mit dem Zählen fertig zu werden.
Aber ich weiss jetzt, was ich tun werde: Ich habe ja alle meine Fische noch genau im Kopf, ich werde mich hier auf meinen Stuhl setzen und werde mich konzentrieren. Ich werde die Augen schliessen und mich an jeden einzelnen von ihnen erinnern: An die beiden schönen Roten mit den kleinen runden Schwanzflossen, die immer nebeneinander hergeschwommen sind, den Schwarm kleiner Schwarzer, die sich so gerne am Boden versteckt hielten und meinten, ich sähe sie nicht – aber ich kenne sie genau, und ich weiss, wie viele es sind. Auch an die schüchternen Gelben mit den Schleierschwänzen erinnere ich mich, es sind drei, und man konnte sie nur sehen, wenn man lange wartete und sich nicht bewegte. Dann kamen sie hervor, schwammen manchmal sogar direkt unter der Oberfläche und badeten im Sonnenlicht. Und auch an den kleinen Blauen mit der seltsamen Rückenflosse, der vor lauter Lebensfreude so schnell hin- und herschwamm, dass man manchmal meinen könnte, es gäbe mehrere von ihnen. Ich werde an jeden einzelnen von ihnen denken, werde mich ihrer Farbe, der Form ihrer Rücken- und Schwanzflossen erinnern und werde sie alle zählen. Vielleicht wird es dann ja wieder etwas wärmer da draussen.

X.

Ich sitze auf meinem Stuhl in meinem Häusschen und merke, wie langsam die Kälte an mir hochkriecht. Meine Beine kann ich seit dem Morgen schon nicht mehr bewegen, und auch meine Hände fühle ich jetzt nur noch sehr schwach.
Das Zählen habe ich aufgegeben. Ich kann mich ja nur noch mit Mühe an die Welt draußen erinnern, wie sie gewesen ist, an die Sonne, die warme Luft und die grünen Bäume meiner kleinen Insel.
Ich glaube, mir bleibt nicht mehr viel Zeit.
Ich weiss jetzt, was ich falsch gemacht habe: In der Nacht habe ich noch einmal von dem Mädchen geträumt, ich habe sie gesehen und sie hat mir zugewunken.
Es wird jetzt schnell gehen. Ich möchte nur noch einmal meine Stimme erheben, möchte etwas sagen, aber es ist zu spät. Das Atmen fällt mir plötzlich schwer, und ich merke, wie mir langsam die Kehle zufriert. Noch ein letzter vergeblicher Versuch, meine Lippen zu öffnen, dann ist nichts mehr.

Ex Comunio Sancto

23 November, Anno Domini 1673



Mit diesen Zeilen werde ich Zeugnis ablegen. Zeugnis von dem, was mir widerfährt in meiner Tätigkeit, meinem Heiligen Amt als Priester einer kleinen verschlafenen Gemeinde in Siebenbürgen. Denn ich nehme ihn ernst, meinen Auftrag: Das Volk von der Sünde abzuhalten, die abtrünnigen Lämmer zurückzuführen auf den rechten Weg Gottes.

Schon zu lange habe ich nur zugesehen, habe es geschehen lassen, dass die Welt um mich herum ihren verruchten Gang nimmt. Jetzt werde ich handeln.



24 November, Anno Domini 1673



Vor mir stehen sie, scheinheilige Lügner ausstaffiert in ihren eleganten Sonntagskleidern. Ich kann die Falschheit in ihren Gesichtern sehen, in jedem einzelnen von ihnen. Aber heute werde ich es ihnen zeigen. Ich werde eine Predigt halten, wie sie sie niemals vorher gehört haben.

Ich habe eben damit begonnen, mit ekstatischen Worten ein düsteres, beklemmendes Bild des Fegefeuers zu zeichnen, als ich sehe, dass sich die elegante Kopfbedeckung einiger älteren Damen in der ersten Bank um wenige Zentimeter angehoben hat – offensichtlich stehen ihnen die Haare zu Berge. Das ist gut. Ein erster Schritt, alles weitere wird sich ergeben.

Ich vollende mein Plädoyer gegen die Sünde im gleichen martialischen Stil, bekomme dabei selber ein wenig Angst. Abbruch.



27 November, Anno Domini 1673



Das Kirchenvolk strömt zur wöchentlichen Beichte. Vor mir sitzen sie, plötzlich verwandelt in reumütige Schäfchen, schwitzend im Halbdunkeln des Beichtstuhls. Ich höre Dinge, von denen mir übel wird, nehme mir vor, die nächste Beichte nicht mehr auf nüchternen Magen anzuhören.

Eine Frau, die ihr Kind schlägt. Eine andere, die ihren Ehegatten betrügt. Lange kann ich das hier nicht mehr aushalten.

Ein Schmied aus dem Dorf gesteht mir unter Tränen, er gehe heimlich der Trunksucht nach. Ich gebe ihm zehn Vaterunser auf und lasse ihn gehen – heute will ich nicht streng sein.

Nach Beendigung der Beichte ziehe ich mich mit dem Messwein in die Krypta zurück, ich muss nachdenken.



1 Dezember, Anno Domini 1673



Mir sind einige Dinge klar geworden. Ich weiss jetzt, das Worte nicht ausreichen werden, meine Schäfchen auf den rechten Weg zurückzuführen. Ich muss zu härteren Massnahmen greifen. Vor mir steht das Gefäss mit dem Weihrauch – in meiner Jugend bin ich selbst auf allerlei Abwegen gewandelt, Gott sei mir gnädig, und seitdem besitze ich Kenntnis über verschiedene bewusstseinserweiternde Substanzen. Auch die Substanzen selbst besitze ich, aufbewahrt in einem fest verschlossenen Schrein, dessen Schlüssel ich seit Jahrzehnten unter meinem Kopfkissen aufbewahre.

Während ich heute die Predigt halte, schwenke ich ihnen das heilige Gefäss entgegen, ich habe mit einer geringen Dosis begonnen. Aufmerksam beobachte ich die Veränderung in ihren Augen.



Nachtrag: Es scheint, dass ich vorsichtig sein muss. Einige Passagen meiner Predigt sind mir nicht mehr vollständig in Erinnerung, und das, an das ich mich erinnern kann, bereitet mir Sorgen. Offenbar habe ich selbst einen nicht unerheblichen Teil des Rauches abbekommen. Und offensichtlich vertrage ich nicht mehr die gleiche Menge, wie in meiner Jugend. Ich muss vorsichtig sein.



4 Dezember, Anno Domini 1673



Wieder die wöchentliche Beichte. Es kommen weniger Leute als sonst, irgendetwas stimmt nicht. Nach der Mittagspause beschliesse ich, das Weihrauchgefäss mit in den Beichtstuhl zu nehmen – die wenigen Leute, die erschienen sind, will ich nicht enttäuschen.



7 Dezember, Anno Domini 1673



Eine Predigt vor halb leeren Reihen. Dafür werde ich inbrünstiger in meinem Vortrag, diejenigen Gläubigen, die noch herbeigeeilt sind, meine Botschaft zu empfangen, sollen hören, was ich zu sagen habe.

Viel Weihrauch, die Sache beginnt Spass zu machen.



11 Dezember, Anno Domini 1673



Niemand ist zur Beichte erschienen. Während ich alleine mit meinem Weihrauchgefäss in meiner dunklen Kammer sitze, empfinde ich die Luft bald als etwas stickig. Wut erfasst mich. Ich fasse einen Plan.



12 Dezember, Anno Domini 1673, Nachts



Bin in die Backstube des Dorfbäckers eingedrungen. Erwarte für Morgen eine Lieferung frischer Hostien. Vorsichtig sträue ich ein feines, weisses Pulver in den Teig – dann entschwinde ich in der dunklen Nacht.



25 Dezember, Anno Domini 1673



Es ist Weihnachtsfest, die Kirche ist voll, heute müsst Ihr zu mir kommen, Ihr treulosen Verräter.

Aber da ist mein Plan, ich bereite die Mahlfeier vor. Wenn die Sünde nicht stirbt, geht der Sünder an ihr zugrunde, sagt man.

Ich bereite die Mahlfeier vor, nehme eine Hostie aus dem Kelch. Im letzten Moment erkenne ich den grauenhaften Fehler in meinem Plan – dann ist es zu spät. Bevor mir die Sinne schwinden, glaube ich noch, soetwas wie hämische Erleichterung auf Euren Gesichtern zu erkennen – ihr Schweine…

Der Stein des Anstoßes

Heute, heute ist wieder so ein Tag, an dem man mit dem Wetter so rein gar nichts anfangen kann. Was soll das – regnet das jetzt, oder sollte sich hinter diesem kläglichen Fetzen blauen Himmels am Ende doch noch so etwas wie Sonnenlicht hervorquälen? Könnte fast sein – aber sagen wir mal lieber, es regnet – sicher ist sicher. Brötchen holen gehe ich jetzt aber trotzdem, wo ich schonmal hier bin. Schliesslich habe ich mich über drei komplette Stockwerke hinweg hier nach draussen gequält, soetwas darf nicht umsonst gewesen sein.

Der Gehweg vor mir ist ganz schön schmutzig, fällt mir auf – könnte mal wieder ein bisschen regnen, möchte ich fast sagen – aber den Spruch verkneif‘ ich mir. Scheissspruch. Überhaupt ist mit mir heute nicht so richtig was los – allein schon, dass ich nachmittags um vier Brötchen holen gehe, spricht nicht gerade für meine Tagesform. Ok, es ist Sonntag, und Sonntags steh‘ ich eigentlich nie vor Nachmittag auf, aber trotzdem.

Verdammt, hier liegt echt zuviel Müll rum – neben mir fliegen gerade die trägen Überreste eines gelben Sacks vorbei, dem es durch irgendein Schweineglück gelungen ist, die wöchentliche Müllabfuhr zu überleben. Weiter hinten wird es noch schlimmer, Sand und kleine Steine liegen auf den Bordsteinplatten – stimmt, da war die Woche über so ’ne Baustelle, DSL-Kabel, Wasserrohre, oder irgend so’n anderer neumodischer Scheiss.

Aber echt, mit mir ist nichts los in letzter Zeit – kriege den Arsch nicht hoch. Arbeit und so– morgen soll’s wieder losgehen, dabei hat Chef mir grad vorgestern noch zu verstehen gegeben, dass ich es ihm eigentlich verdammt hoch anrechnen müsste, dass er mich nicht schon längst auf die Strasse gesetzt hat. Wie war das noch? Das mit uns wäre echt der ‚gelebte Sozialstaat‘, hat er gesagt – nur weil ich letzte Woche kurz mal die Werkstatt unter Wasser gesetzt hab‘. Wasserhahn aufgedreht – kein Problem, aber dann halt vergessen und nicht wieder zugedreht – Mittagspause gemacht, mich verquatscht, auch noch zwei Stunden zu spät wiedergekommen – verdammter Mist!

Aber so einen Dreck wie hier auf der Strasse, das gäb’s bei mir nicht (wie auch – wär‘ ja alles weggeschwommen, aber lassen wir das…). An den Steinen, die da hinten vorm Eingang der Bäckerei liegen, könnte sich jemand glatt den Fuss brechen, ich stelle das nur mal so fest! In meine momentane Pechsträne würde das echt perfekt reinpassen – wär auch grade besonders scheisse, weil ich ja momentan nicht krankenversichert bin – sollte es eigentlich gar nicht geben, in einem Rechtsstaat wie dem unseren, aber ich habe das hinbekommen. Falsche Kontonummer…und wer kann schon wissen, dass in all der blöden Werbepost von der AOK auch mal was wichtiges drinsteht? Früher, als ich noch bei Mama gewohnt hab, da lief echt alles besser – aber das darf man ja öffentlich gar nicht sagen. So langsam bekomme ich jetzt richtig Angst vor den Schutt, an dem ich gleich vorbei muss. Scheint auch für die anderen Kunden nicht einfach zu sein – grade sehe ich, wie eine alte, gebrechliche Frau sich mühselig über einen grossen Ziegelstein hinweg quält – beim Abstieg prellt sie sich das Knie und flucht auf der Stelle wie ein Rohrspatz – macht mir aber auch Angst. Ich glaube, ich werde jetzt meine Brötchen kaufen und mich sofort wieder in mein Bett legen, man weiss ja nie.

Und morgen stehe ich am besten gar nicht erst auf – neulich, neulich hab‘ ich von einem Kumpel von mir gehört, der ist auch am Montag morgen aufgestanden, ganz wie normal, und den hats aber dann gleich voll erwischt! Ist gleich draussen von einem Inlineskater gerammt worden, blieb dann hilflos liegen und konnte sich erst am späten Abend wieder in seine Wohnung schleppen – und in der Zwischenzeit hatte sein Chef ihm gekündigt, seine Freundin hatte ihn verlassen und sein Goldfisch war an einer Gallenkolik verendet – keine fünf Monate alt, das arme Tier.

Ich nähere mich langsam der Bäckerei, und die Sonne verschwindet hinter einigen grossen Felsbrocken – ich muss jetzt sehr vorsichtig sein, vielleicht treibt sich hier jetzt Gesindel herum, jetzt, wo die Gegend hier so uneinsichtig geworden ist, quasi von der Aussenwelt abgeschnitten.

Wobei – jetzt mal langsam! Ich werd mich jetzt mal am Riemen reissen und ein ganzer Kerl sein. Hat Mami ja auch immer gesagt. Ich geh da jetzt rein, kauf meine Brötchen, und dann mach ich gleich einen langen Spaziergang. Dann ruf ich Heidi an und lad sie ins Kino ein, und dann…die Welt steht mir offen, ausser ein paar Kieseln und ein bisschen Sand von einer kleinen, unbedeutenden Baustelle steht mir nichts im Wege.

Ich versuche einen grossen Schritt nach vorne in mein Leben zu machen, als ich mit dem Kopf unversehens gegen einen mannshohen Fels knalle und von der Wucht des Aufschlags mitleidslos niedergestreckt werde – ohnmächtig sink ich zu Boden und bleibe regungslos liegen. Eine leere Brötchentüte, die ein leise vorbeifahrender Skater fallen lässt, schwebt zu Boden und bedeckt sanft mein Haupt.

Impressionen eines Nachtspaziergangs

Ein Experiment für vier Sprecher

Eines Abends, kurz vor Mitternacht, stellte Helga B. aus S. fest, dass die von ihr freudig herbeigesehnte Nachtruhe, deren baldiges Eintreten schon für sicher angenommen war, noch ein wenig auf sich warten lassen würde.

Sie befand sich vor dem Fernseher, breit hingeflätzt in ihrem eleganten, mit samtrotem Stoff bespannten Wohlfühlsessel, betrachtete entzückt die letzten, elegant dahinperlenden Sequenzen ihres Lieblingskrimis, als ihr einfiel, dass morgen Freitag sein würde.

Freitag, und damit der letztmögliche Termin, ihre sorgsam immer wieder aufgeschobene, unter heftigen Kopfschmerzen, letztlich jedoch fast ohne Gewissensbisse verfasste Steuererklärung zur Post zu bringen.

Der Tag morgen war lang, voller Arbeit, und sie wusste, würde sie den schon vorsorglich auf der Garderobenablage bereitgelegten Brief nicht jetzt und sofort zum Briefkasten am Ende der Strasse bringen, würde sie dies mit untrüglicher Sicherheit vergessen.

Helga B. aus S. stiess einen gequältet Unmutslaut zwischen den Zähnen hervor, erhob sich aus ihrem Sessel, versah sich in wohlgeordneter Reihenfolge mit Mantel, Schuhen, Haustürschlüsseln und eben jenem bewussten Brief, öffnete die protestierend aufquietschende Haustüre und trat hinaus in die laue, von goldenem Mondschein durchsetzte Sommernacht.

Der Weg zum Briefkasten führte sie eine mit hohen Laubbäumen umsäumte Allee entlang. Die eigentlich übersichtliche Strecke von geschätzt 400m, bei Tageslicht ein für die zwar vollschlanke, aber dem ungeachtet überraschend durchtrainierte Helga B. nicht einmal der Rede werter Katzensprung, streckte sich als direkte Folge der beklemmenden Dunkelheit nun in beunruhigender Länge vor ihr aus.

Bereits wenige Schritte nachdem sie die Türe hinter sich sorgfältig abgeschlossen hatte, spürte sie, wie ihr Herzschlag deutlich an Geschwindigkeit zunahm.

Aus Gründen der von ihr schon seit langem angeprangerten eklatanten finanziellen Knausrigkeit der Stadtveraltung von S. fiel die Ausleuchtung der Strasse durch öffentliche Laternen mehr als dürftig

aus.

Nachdem sie etwa 100m zurückgelegt hatte, schien es Helga B., als liesse sich in der vor ihr liegenden Dunkelheit eine Gestalt ausmachen, die sich langsam auf sie zu bewegte.

Durch ihre schon im zarten Kindesalter erkannte, leider aber von herzlosen und gleichgültigen Eltern nicht geförderten Hochbegabung zu blitzschnellen Kalkulationen fähig, erwog sie den Gedanken an eine Flucht, entschied sich dann aber, wenn auch mehr aus Halsstarrigkeit als aus dem

Resultat ihrer Überlegungen heraus, dafür, ihren Weg fortzusetzen.

Als die Gestalt näher kam, meinte sie zu ihrer grossen Erleicherung, die scharf geschnittenen Gesichtszüge ihres Nachbarn zu erkennen, der, wie sie schon vor Wochen unter Zuhilfenahme ihres kleinen aber handlichen Feldstechers unschicklicherweise festgestellt hatte, allabendlich einen

kurzen Spaziergang unternahm.

Eine beidseitig kurzer, einsilbiger Gruss wechselte rasch und routiniert seinen Besitzer.

Dann erreichte Helga B. wenig später den steilgelb vor ihr aufragenden Briefkasten, öffnete die unnötigerweise, weil leider viel zu spät, theatralisch quietschende Metallklappe und warf den Brief ein.

Hernach warf sie einen letzten wohlgesonnenen Blick auf die elegant vor ihr ausgebreitete Sommernacht und ging, begleitet von einem herzhaften Gähnen, schnellen und zielstrebigen Schrittes nach Hause zurück.



A Impressionen eines Nachtspaziergangs

B (Flüstern) (Erwartung) (Ungeduld)(Neugierde)(Ablehnung)(Spannung)

C (Rascheln in der Popkorntüte) (Husten) (Leises Quietschen eines Stuhles)

D (Herzklopfen)(Lampenfieber)(Versagensängste)



A (Müdigkeit)(Erschöpfung)(Behaglichkeit)

B Eines Abends, kurz vor Mitternacht, stellte Helga B. aus S. fest, dass die von ihr

freudig herbeigesehnte Nachtruhe, deren baldiges Eintreten schon für sicher

angenommen war, noch ein wenig auf sich warten lassen würde.

C (Langes Gähnen)(Ausgiebiges Räkeln)(Elegantes Nachthemd in Pink)

D (Ein Stück Schokolade vor dem Schlafengehen)(O du seliges Kuscheltier)



A (Ein Schrei in der Nacht)(Late-Night-show)(Ruf-mich-an)

B (Kreuzschmerzen)(Genickstarre)(Münstertatort)(Bildstörung)(Werbepause) Sie befand sich vor dem Fernseher, breit hingeflätzt in ihrem eleganten, mit

samtrotem Stoff bespannten Wohlfühlsessel, betrachtete entzückt die letzten, elegant

dahinperlenden Sequenzen ihres Lieblingskrimis, als ihr einfiel, dass morgen Freitag

sein würde.

D (Bildröhre)(Dolby-Surroundsound)(Neckermann-Möbel)



A (Wochenende)(Ausschlafen)(Wilde Party)

B (Finanzamt)(Schuldturm)(Bedeutende Geldvorräte)(Vorwandt)

C (Flucht auf die Bahamas)(Prokrastinationsproblematik)(Rechenfehler)

D Freitag, und damit der letztmögliche Termin, ihre sorgsam immer wieder

aufgeschobene, unter heftigen Kopfschmerzen, letztlich jedoch fast ohne

Gewissensbisse verfasste Steuererklärung zur Post zu bringen.



A Der Tag morgen war lang, voller Arbeit, und sie wusste, würde sie den schon

vorsorglich auf der Garderobenablage bereitgelegten Brief nicht jetzt und sofort zum

Briefkasten am Ende der Strasse bringen, würde sie dies mit untrüglicher Sicherheit

vergessen.

B (Schufterei)(14 Stunden unter Tage)(Überstunden)(Bruttosozialprodukt)

C (Organisation)(Taschenkalender)(Absender)(Briefmarke)

D (Draussen)(Faulheit)(Fettpolster)(Sport ist Mord)



A (Verdammt)(Schlangengleiches Zischen)(Rheuma)(träges Weibsstück)

B Helga B. aus S. stiess einen gequältet Unmutslaut zwischen den Zähnen hervor, erhob

sich aus ihrem Sessel, versah sich in wohlgeordneter Reihenfolge mit Mantel,

Schuhen, Haustürschlüsseln und eben jenem bewussten Brief, öffnete die

protestierend aufquietschende Haustüre und trat hinaus in die laue, von goldenem

Mondschein durchsetzte Sommernacht.

C (Vergesslichkeit)(Der Preis für ein neues Türschloss)(unsägliches Durcheinander)

D (das Zirpen von tausend Grillen)(Sternschnuppen)(Liebe unter freiem Himmel)



A (Idylle)(Romantik)(Samtene Schwärze)(Nachtspaziergang)(Träumerei)

B (Kurzstrecke)(Seitenstiche)(Goldmedaille)(Aschenbahn)

C Der Weg zum Briefkasten führte sie eine mit hohen Laubbäumen umsäumte Allee

entlang. Die eigentlich übersichtliche Strecke von geschätzt 400m, bei Tageslicht ein

für die zwar vollschlanke, aber dem ungeachtet überraschend durchtrainierte Helga

B. nicht einmal der Rede werter Katzensprung, streckte sich als direkte Folge der

beklemmenden Dunkelheit nun in beunruhigender Länge vor ihr aus.



D (Beklemmung)(Herzklopfen)(das leibhaftig Böse)(Urinstinkte)(unterdrückt)(zivilisation)

A (Dunkelheit)(Alleine)(Schutzlos)(Ausgeliefert)

B (Abstand)(Briefkasten)(Weiter Weg)

C (Flucht)(Panik)(Mut)(stark sein)

D Bereits wenige Schritte nachdem sie die Türe hinter sich sorgfältig abgeschlossen

hatte, spürte sie, wie ihr Herzschlag deutlich an Geschwindigkeit zunahm.



A Aus Gründen der von ihr schon seit langem angeprangerten eklatanten finanziellen

Knausrigkeit der Stadtveraltung von S. fiel die Ausleuchtung der Strasse durch

öffentliche Laternen mehr als dürftig aus.

B (Geiz)(Stadtrat)(Zylinder)(Tattergreis)

C (Handtasche)(Taschenlampe)(vergeßlichkeit)(Fluchen)(Stolpern)

D (Protest)(Bürgerbewegung)(Dunkelheit)(Die Hand nicht vor Augen)



A (Angst)(Bedrohung)(Schwärze)(Schweissausbruch)(Gefahr)

B Nachdem sie etwa 100m zurückgelegt hatte, schien es Helga B., als liesse sich in der

vor ihr liegenden Dunkelheit eine Gestalt ausmachen, die sich langsam auf sie zu

bewegte.

C (Der geheimnissvolle Unbekannte)(Triebtäter)(Sperrstunde)

D (Umkehr)(Flucht)(Fahndungsfoto)(Das Ding aus dem Sumpf)



A (Entscheidungen um Mitternacht)(Verwahrlosung)

B (Beharrlichkeit)(Armenhaus)(Neugierde)(Konfrontation)

C Durch ihre schon im zarten Kindesalter erkannte, leider aber von herzlosen und

gleichgültigen Eltern nicht geförderten Hochbegabung zu blitzschnellen

Kalkulationen fähig, erwog sie den Gedanken an eine Flucht, entschied sich dann

aber, wenn auch mehr aus Halsstarrigkeit als aus dem Resultat ihrer Überlegungen

heraus, dafür, ihren Weg fortzusetzen.

D (Mami und Papi)(Der eigene Wille)(Feigheit)(Zwischen Genie und Wahnsinn)



A (Entwarnung)(urplötzlich feucht im Höschen)(keine Gefahr)

B (Modellkarriere)(Stalker)(Sicherheitsabstand)(Schlafzimmerblick)

C (Beruhigung)(Privatspäre)(Grussprotokoll)(Samtbraune Augen)

D Als die Gestalt näher kam, meinte sie zu ihrer grossen Erleicherung, die scharf

geschnittenen Gesichtszüge ihres Nachbarn zu erkennen, der, wie sie schon vor

Wochen unter Zuhilfenahme ihres kleinen aber handlichen Feldstechers

unschicklicherweise festgestellt hatte, allabendlich einen kurzen Spaziergang

unternahm.



A (Oh welche Ehre Euch zu treffen, liebste Helga)(Ich vergehe vor Verlangen, mein Herz)

B Eine beidseitig kurzer, einsilbiger Gruss wechselte rasch und routiniert seinen

Besitzer.

C (Lass uns ein Gebüsch suchen, Du scharfes, wildes Reh)(O Angebeteter)

D (Kann meine Gefühle nicht länger verstecken)(Unsere Leidenschaft in der kühlen Nacht)



A (Geschafft)(Gelbsüsser Mondschein)(ein Tropfen Öl)

B (Ein Lob auf die Post)(Heimweg)(Soundeffekt)(Timing ist alles)

C Dann erreichte Helga B. wenig später den steilgelb vor ihr aufragenden Briefkasten,

öffnete die unnötigerweise, weil leider viel zu spät, theatralisch quietschende

Metallklappe und warf den Brief ein,



D (Alles in Butter)(Nach Hause)(Auftrag ausgeführt)

A (Exitus)(Pech)(Mord)(Böser Mann)(Lebenslänglich)

B (Ersticktes Röcheln)(Hinterhalt)(Friedhof)

C (Illegal)(Ahnungsloses Opfer)(Leichnam)(Brutalität)

D ..als sich ihr plötzlich von Hinten eine Hand auf die Schulter legte, sie zu Boden

drückte und ihr Lebenslicht nach kurzer, heftiger, aber leider völlig vergeblicher

Gegenwehr von einem grossen maskierten Unbekannten rücksichtslos ausgelöscht

wurde.

Der Vogel

N.B.: Es handelt sich hierbei um ein Gemeinschaftswerk mehrerer WG-Mitglieder; das Gedicht wurde zu einem Selbstläufer und erlangte so eine fast schon sprichwörtliche Berühmtheit.

Einst sah zum Himmel ich empor,
Da kackt‘ ein Vogel mir ins Ohr.
Gar Wutentbrannt sah ich ihm nach,
Doch lacht er nur ob meiner Schmach!

Einst flog am Himmel ich entlang,
als unter mir der Christian gang.
‚Sieh doch nicht hoch, Du armer Thor!‘
Zu spät – jetzt ist der Schiss im Ohr.

Einst saß beim Vogel ich im Arsch
(Es ist die Wahrheit, klingt’s auch barsch)
Da fiel ich durch die Luft, blieb hängen
Dem Christian in den Ohrengängen


So sprach er und knallt ein paar Meter weiter
Mit grosser Wucht vor einen Blitzableiter
Mit starrem Blick sinkt er hernieder, und denkt:
‚Das mit dem Ohr, das mach ich nie mehr wieder!‘

Ich kam zurück nach einem Jahr,
Und sah, der Vogel lag noch da.
Dort wo er starb, schuf ich ein Grab,
Und wünscht‘ ihm traurig ‚Ohr-Revoir‘..

Der Frosch

Anlässlich eines Gemeinschafts-Päckchens für mein Brüderchen und dessen jüngsten Spross, enthielt u.a. einen grünen Frosch.

Und wieder naht die Reimesfülle,
Ein ungeordnet Wortsalat
Mit dem poetisch ich umhülle
Was Dir mit diesem Päckchen naht:

Ein Gegenstand, der, buntumschlungen,
Das Licht der Welt zu schauen harrt
Und jetzt, so hab ich’s ausgedungen,
Dich noch mit ’ner Verpackung narrt.

Der Inhalt? Da tu‘ ich noch zaudern,
Was drinn ist, das verrat‘ ich nicht.
Doch eines kann ich aus wohl plaudern:
Der Frosch, mein Freund, ist nicht für Dich!

An einem Sonntag im August

...einer gleichnamigen Kneipe am Prenzlauer Berg gewidmet

Es war ein ganz gewöhnlicher Sommertag, der mein Leben verändern sollte. Ich kam von der Schule, und die Welt mochte mich nicht wirklich. Vor mir lag die blaue Fläche des Müggelsees, ich war müde, und der Weg nach Hause war, einfach so geradeaus gegangen, für heute einfach nicht weit genug.
Ich setzte mich, ich weiss nicht mehr, auf einen Stein, neben mir war Gras. Ein Feuerzeug fand ich in meiner Tasche, und ich begann zu rauchen, meine Seele wanderte, und mein Blick glitt weiter und weiter über den blauen See.
Mir war so, mir wurde – und auf einmal fand ich mich wieder, in einer hellen Kugel, hoch über dem See. Meine Arme und Beine waren ausgestreckt, sie formten die Begrenzung der Sphäre, in der ich schwebte. Ein sanftes Zucken mit der Hüfte, und ich drehte mich um mich selbst. Mein Kopf blickte in den Himmel, das Blau öffnete mir die Augen und ich erkannte Sterne und Planeten, Gasnebel und Kometenschwärme.
Wieder ein Zucken der Hüfte, ich stand jetzt – mit dem Kopf nach unten, eins meiner Augen starrte in den See, und sah auch dort – sah bis auf den Grund, sah durch das Blau hindurch Schlösser und Meerjungfrauen. Ein weiterer Stoss, und noch einer, ich begann zu rotieren, immer schneller, auf und ab.
Das Blau erfüllte mir den Kopf, drang in mich ein – das Blau, und gleichzeitig die Freiheit, und aller Glaube und Zuversicht dieser Welt.
Ich öffnete den Mund, ich weiss nicht mehr, um zu schreien oder nur um Atem zu holen.
Aber dann zerplatzte die Kugel um mich herum, ich fiel zu Boden, fiel schneller als ein Stein, doch schlug sanft auf, leicht und zart wie eine Feder, ohne mich zu verletzen.
Etwas benommen richtete ich mich auf, nahm meine Schultasche, die willenlos im Gras lag, hängte sie mir um und ging langsam nach Hause. Glücklich war ich, und zufrieden – nichts ist seitdem, wie es war.

Hafenlyrik

I.

Vor mir die trübe Suppe schwappt-
Und dachte ich doch immer:
So richt’ges Wasser, das ist Blau!
Wie mit dem Sommer, der nicht klappt-
Von wegen Sonne:
Alles grau!

II.
(Gottseidank ist dieses Werk endgültig der Zensur zum Opfer gefallen. Gründe hierfür waren der erhebliche Mangel an Qualität sowie an grundlegendem sittlichem Anstand;O)

Du blonder Schopf zu meiner Rechten,
Was tust Du meine Blicke meiden?
Tust ….

III.

Schon von frühen Kindesbeinen
Fühlte ich die großen Werte,
Und ich dacht‘, dass will ich meinen,
Nur braves Zeug, nie das Verkehrte.

Als dann die Jugend ich erklomm,
Die manchen schwachen Geist verwirrte,
War all mein Handeln gut und fromm –
Dann ging’s mir auf, dass ich mich irrte.

Doch war ich da schon recht betagt,
Und mir ward klar mit großen Schrecken:
Ich hatte niemals was gewagt –
Jetzt war’s zu spät, da ließ ich’s stecken.

So lebte ich noch manche Jahre,
Bis das ich eines Tages starb –
Ganz plötzlich lag ich auf der Bahre,
Da war’s vorbei: Brav bis ins Grab!

IV.

Vor mir quillt die Menschenmasse:
Ein Wust von Leibern aller Art.
Ich grübel‘ so: Ob ich Euch hasse?
(Mein Denken ist heut‘ sehr apart!)

Im Stillen denk‘ ich vor mich hin,
Erwäge alles ‚Für‘ und ‚Wieder‘,
Und schließlich kommt’s mir in den Sinn:
Am Besten währ’s, ich mäh‘ Euch alle nieder!

oder:

Und schließlich wandelt sich mein Sinn:
Begehren fährt mir in die Glieder!

V.

Der Tag war hart,
Ich bin erschöpft,
Und, in der Tat,
Fühl mich geschröpft.

An Arm‘ und Beinen
Tut’s mir so weh,
Man könnte meinen,
Ich vergeh’…

November II

Du hellblaue Glocke, sanfter beschützender Ring,
warst Du es wirklich, die neulich am Morgen
so trübe und dunkel über mir hing,
mich fülltest mit finstersten Sorgen?

Friede und Stille, die mich jetzt erfüllen,
die senkten sich auf mich mit wärmender Hand,
die Geist und Seele mir klangvoll erhellen,
erstrahlen jetzt dort wo nur Dunkel ich fand.

Trägst Wind, Luft und Sonne wie himmlischen Segen,
umhüllst mir die Seele mit wohligen Licht,
lässt Hoffnung und Glück in mir fröhlich sich regen,
an die Schatten von Gestern denke ich nicht!