Der alte Mann und der Zug

Der Tag unterschied sich eigentlich nicht sehr von allen anderen Tagen; vielleicht war es, dass die herbstlichen Wolken am Himmel etwas tiefer standen und weiter ins Land hineinragten als sonst, aber das war alles – wenn überhaupt.

Der alte Mann nahm seinen wurmstichigen Spazierstock aus dem Ständer in der Diele seiner kleinen Wohnung, nahm auch seinen Hut und seinen im Laufe der Jahre blass gewordenen Mantel und ging auf die Strasse hinaus. Der Weg war gar nicht weit – es waren nur eine handvoll vertrauter Strassen, die er entlanggehen musste. Auch das Laufen viel ihm leichter als er geglaubt hatte; er hatte ein wenig Angst gehabt, es nicht zu schaffen, aber vielleicht – so glaubte er – war auch das nur ein Vorwandt gewesen, wie alles andere.

Er nahm sich die nötige Zeit, als er die Strassen entlangging – was für einen Grund zur Eile sollte es noch geben?

Die Stadt, in der er sein gesamtes Leben verbracht hatte, floss langsam an ihm vorbei: Die Häuser, die im Dunkeln lagen, eingebettet in verträumte, längst vergessene Vorgärten. Die hell erleuchteten Wohnungen der jungen Familien, der Pärchen und der wenigen alleine lebenden Leute. Einige Male war er fast geneigt, stehenzubleiben und einen Blick in die bunten Fenster zu werfen, aber er besann sich schnell eines besseren – ungehörig wäre es doch gewesen, ungehörig und aufdringlich.

Er erreichte sein Ziel ohne Schwierigkeiten, schneller und leichter als er erwartet hatte. Dennoch spürte er in sich das Bedürfnis, einen Moment auszuruhen, und er gab diesem Bedürfnis nach – es gab für ihn keinen Grund mehr zur Eile.

Er setzte sich auf eine der hölzernen Bänke, die am Rande des Bahnhofs aufgestellt war.

Es gab hier eine kleine Allee aus uralten, hochgewachsenen Eichen, die man entlang der Bahnlinie gepflanzt hatte. Die Allee stand jedes Jahr zur Sommerzeit in heller Blüte, doch jetzt im Herbst war nur ein karges Skelett zurückgeblieben, das den wolkenbehangenen Himmel nicht verdecken konnte. Es schien auch, als habe das zuständige Amt es versäumt, den Bahnsteig fegen zu lassen wie es Vorschrift war – er war bedeckt mit Blättern und kleinen, unscheinbaren Eicheln, die darauf warteten, in frische Erde gepflanzt zu werden und dort auszuschlagen. Hier, auf dem harten, undurchdringlichen Zement, waren sie fehl am Platze – wenn es regnete, würden sich aus all dem einen nasser, glitschiger Matsch bilden, und irgend jemand würde sich den Hals brechen.

Der alte Mann sass auf der Bank und wartete.

“Hallo du?”

Er schreckte aus seinen Gedanken auf und sah direkt in das Gesicht eines kleinen Jungen, der an seiner Seite aufgetaucht war.

“Ist dir nicht kalt?” fragte der kleine Junge ihn.

“Meine Mami sagt immer, man soll sich nicht einfach so draussen irgendwo hinsetzten, wenn es so kalt ist wie heute. Man könnte sich erkälten, sagt Mami, dann hustet man, und am Ende muss man für eine ganze Woche ins Bett!”

Der alte Mann sah in die grossen fragenden Augen des Jungen und sagte nichts.

“Ich glaub‘, du bist komisch!” sagte der Junge jetzt entrüstet, drehte sich um und rannte schnell wieder die Strasse hinauf, aus der er gekommen war.

Er sah dem Jungen lange nach. Er sass auf der Bank und wartete auf den Zug – Angst hatte er keine, darüber war er längst hinaus.

Der alte Mann betrachtete traurig die welken Blätter auf dem Bahnsteig. Dann stand er auf und machte sich langsam auf den Weg nach Hause.

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