Das Weihnachtskonzert

für Juliane

1.

Hoch oben im Norden, in einem Land, in dem es noch grosse dunkle Wälder gibt und die Nächte im Winter sehr lang und sehr kalt werden, lebte einmal ein kleines, kleines Mädchen.

Sie hatte keinen Vater und keine Mutter, deshalb musste sie mit vielen anderen armen Kindern zusammen in einem Waisenhaus leben. Eines Abends, als die Nächte schon sehr lang und sehr dunkel waren, sass sie auf ihrem Bett im grossen Schlafsaal im Dachgeschoss des Waisenhauses und schaute wieder einmal in den dunklen Himmel hinauf. Der Mond war gerade hervorgekommen, und so konnte sie einen Teil der Häuser und Gassen des kleinen Dorfes sehen, in dem sie lebte. Es schneite, und die Menschen froren und gingen schnell, um möglichst bald in ihren warmen Häusern anzukommen.

Das Mädchen liebte es, kurz vor dem Schlafen gehen noch einen Moment so hinaus zu sehen, denn sie liebte ihr kleines Dorf und die Menschen, die dort wohnten. Manchmal lehnte sie dabei den Kopf an das Fenster, und wenn es kalt war, so wie heute, war die Scheibe nach kurzer Zeit ganz beschlagen von ihrem warmen Atem. Heute aber fror es sie an der Stirn, so kalt war es draussen, und sie wollte den Kopf schon wegziehen und endgültig schlafen gehen, als sie meinte, von draussen eine wunderschöne Musik zu hören.

Sie horchte, aber durch die dicke Fensterscheibe konnte sie nur ein paar leise, ferne Töne hören. Und doch wollte sie wissen, was das war, denn eine solche Musik hatte sie noch nie gehört! Ehrlich gesagt hatte die kleine Juliane, denn so hiess das Mädchen, bis zu diesem Tag überhaupt noch keine richtige Musik gehört, nur ein paar schief gesungene Kinderlieder, die ihre Aufseherin manchmal mit ihnen sang – aber das hier war ganz etwas anderes!

Sie sah sich um – die anderen Kinder schliefen schon. Niemand würde es merken, wenn sie das Fenster einen Spalt breit öffnete! Aber sie musste vorsichtig sein – es war sowieso schon ordentlich kalt im Schlafsaal, und es wäre vielleicht nicht so gut, wenn man sie dabei ertappen würde, wenn sie mitten in der Nacht noch mehr kalte Luft hereinliess. Ganz langsam kletterte sie auf das schmalte hölzerne Fenstersims. Sie musste sich weit strecken, um an den eisernen Griff heranreichen zu können, und gleichzeitig musste sie höllisch aufpassen, nicht vom Fenstersims ab zu rutschen – dann würde es zwar nicht kalt werden, aber sie würde sich mächtig weh tun, und das wollte sie natürlich auch nicht!

Es gelang ihr, den Griff herunter zu klappen, und mit klopfendem Herzen öffnete sie das Fenster einen Spalt breit. Die Musik war jetzt tatsächlich viel lauter, sie konnte die einzelnen Töne und Melodien deutlich hören! Und was sie da hörte, war so schön, dass sie für einen Moment alles um sich herum vergaß. Sie öffnete das Fenster noch weiter, man könnte eigentlich fast sagen, dass sie es sperrangelweit aufriss, und es knarzte fürchterlich.

Erschrocken sah sie sich um – ein paar der anderen Kinder drehten sich am Schlaf um, aber wach geworden war wohl niemand. Sie schloss das Fenster wieder, kletterte vorsichtig in ihr Bett zurück und zog die Decke über den Kopf – die Luft da draussen war wirklich sehr kalt, und sie schlotterte jetzt am ganzen Körper.

Doch nie vergaß sie die wunderbare Musik, die sie gehört hatte, und in der Nacht träumte sie von einem fernen Tag, an dem sie….aber daran konnte sie sich am nächsten Morgen leider nicht mehr erinnern.

2.

In einem anderen Strasse des kleinen Dorfes sass zur etwa gleichen Zeit ein Mann traurig auf einem alten Holzstuhl. Tränen liefen ihm über die Wangen. Seine Hand lag auf der Stirn seiner Frau, die mit geschlossenen Augen im Bett lag und nur noch flach atmete.

Sie war noch nicht alt, aber dennoch war klar, dass sie sich von diesem Fieber nicht mehr erholen würde. Ihre Wangen waren eingesunken, ihre Stirn brannte wie Feuer, und die Hand, die angespannt und zitternd auf der wollenen Bettdecke lag, war nicht mehr viel mehr als ein abgezehrtes Gerippe.

Ein letzter, verzweifelter Atemzug bebte durch den von der Krankheit ausgemergelten Körper, und ein Stöhnen drang über die ausgetrockneten Lippen, dann war es vorbei.

Der Mann auf dem Stuhl sank in sich zusammen. Lange, sehr lange blieb er so sitzen, während der kalte Wind heftig gegen die Hauswand blies und die Nacht endgültig über das Dorf hereinbrach.

3.

Einige Jahre waren vergangen.

Die kleine Juliane war jetzt gar nicht mehr so klein, sondern sie war schon fast ein großes Mädchen. Sie war neun Jahre alt, sie konnte schon lesen und schreiben, sie wusste, wieviel Einwohner das Land hatte, in dem sie lebte, wie die größten Flüsse und Berge hießen, und heute war erste Advent!

Aufgeregt lief sie hinaus in den Schnee. Es war zwar kalt draussen, aber sie hatte eine warme Wollmütze auf dem Kopf, und Handschuhe hatte sie auch. Sie lief zusammen mit den anderen Kindern quer über den Marktplatz zur großen Kirche, in dem heute der Adventsgottesdients stattfinden würde. Die Kirche stand genau gegenüber dem Waisenhaus auf der anderen Seite des Marktplatzes, und von dort hatte sie auch zum ersten Mal die wunderschöne Musik gehört. Denn sie hatte die Nacht, in der sie das Fenster geöffnet (und sich ganz nebenbei übel erkältet hatte) nie vergessen! Natürlich wusste sie heute viel mehr über Musik als damals, als sie noch klein war. Musik machte man, wenn sie nicht gerade gesungen wurde, auf Instrumenten. Instrumente waren entweder aus Holz oder aus Metall, und man konnte wahlweise hineinblasen oder mit einem Stab darauf hin- und herstreichen. Je nachdem, und auch abhängig von der Größe des Instruments, klang es dann etwas anders, höher oder tiefer, aber immer wunderschön!

Eigentlich war das schon alles, was die kleine Juliane über Musik wusste. Und das wusste sie auch nur, weil’s ihr die großen Kinder und die Erwachsenen gesagt hatten. Wirklich gesehen hatte sie noch kein Musikinstrument. Musik wurde überhaupt nur in der Kirche gespielt, und in die durften die Kinder vom Waisenhaus erst hinein, wenn sie so gross waren, dass sie sich ein bisschen benehmen konnten und nicht ständig störten, das hiess konkret ab neun Jahren, also genau so alt, wie Juliane jetzt war.

Sie hatte – wie schon gesagt – ihren Traum von der Musik nie vergessen, und sie hatte von dem Tag an immer begeistert die Lieder mitgesungen, die die Aufseherin mit ihnen zum Aufstehen und zum Schlafengehen sang, aber so richtig zufrieden war sie damit nicht. Zum einen konnte die Aufseherin nur ganz schlecht singen und hatte eine alte, krächzende Stimme, die in etwa so klang wie ein rostiges Gartentor, und zum anderen – ja, zum anderen fand Juliane, das richtige Musik eben mit Instrumenten gemacht werden musste, denn nur so klang es auch wirklich schön!

Und deshalb freute sie sich auch so, und lief so schnell sie konnte, so schnell, dass die kalte Luft ihr in die Lunge stach und ihre Augen vom kalten Wind tränten. Denn an jedem Adventssonntag, und auch am Weihnachtsabend, wurde in der großen Kirche Musik gespielt! Heute würde sie die Musik von ganz nahe hören, und sie würde die Instrumente sehen, auf denen sie gespielt wurde. Völlig ausser Atem kam sie am Kirchenportal an, nahm ihre Mütze ab – denn mit einer Mütze auf dem Kopf darf man eine Kirche nicht betreten! – und trat mit klopfendem Herzen ein.

4.

Der alte Ebenezer sass in seiner Werkstatt feilte mürrisch an einem Steg für eine seiner Geigen herum. Sollten sie doch zur Kirche gehen und Advent feiern, die Leute! Für ihn war das nichts, er mochte die Leute nicht, die Leute mochten ihn nicht, und das war auch gut so. Solange sie seine Geigen kauften und ihm dabei nicht zu sehr auf die Nerven gingen. Gerade eben hatte ihn einer dieser dämlichen Fiedler aus dem Bett geklingelt, weil er dringend eine neue hohe Saite benötigte. Sollte er sich seine Musik doch sonst wohin stecken! Wahrscheinlich würde es sowieso keiner merken, wenn im Gottesdienst ein paar seiner krummen Töne fehlten.

Er nahm den fertigen Steg, setzte ihn auf eine gerade gestern fertig gestellte Geige, zog die Saiten auf und hängte sie ins Schaufenster. „Johann Ebenezer – Streichinstumente“ stand dort in schlichten weissen Buchstaben geschrieben. Beim aufhängen viel sein Blick auf eine alte, wurmstichige Geige, die in einer dunkleren Ecke des Fensters hing und schon etwas Staub angesetzt hatte.

„Wegwerfen sollte ich dieses Mistding!“ schimpfte er. Die Geige war alt, die Wirbel funktionierten nicht richtig, waren auch wohl nicht mehr zu richten, und zu alledem hatte der Boden einen Riss. Eine Schande für meinen Laden, dachte er. Am Ende würden die Leute über ihn Lachen, wenn sich herumsprach, dass der alte Ebenezer so einen Ramsch in seinem Sortiment hatte.

Die Leute nannten ihn den „alten Ebenezer“, auch wenn er noch gar nicht so alt war. Seine Haare waren aber schon grau, sie waren in den Jahren grau geworden, seitdem seine Frau gestorben war. Seit dieser Zeit war er auch so grimmig und unfreundlich geworden, dass sich eigentlich kaum mehr jemand in seinen Laden hinein traute. Ab und an verkaufte er eine der besseren Geigen an Kunden von ausserhalb, und davon lebte er.

Im Vorbeigehen sah er noch, dass von aussen an der Fensterscheibe wieder Abdrücke von Kinderhänden waren – er würde morgen wiedermal saubermachen müssen.Kinderhände, am besten noch mit Dreck und Resten von Süßigkeiten verschmiert! Kinder waren überhaupt das Schlimmste!

Er grummelte noch etwas, dann ging er wieder in seine Werkstatt zurück. Und wehe, wenn ihn heute nochmal jemand stören würde..

5.

“Heh, pass doch auf!”

Die kleine Juliane war soeben geradewegs in einen der anderen Kirchenbesucher hineingelaufen, der jetzt stehenblieb und sie böse anglotzte.

“Ungezogenes Balg…” grummelte er noch, drehte sich um und verschwand im großen Strom der Menschen, der sich gerade träge aus der Kirche hinauswälzte. Juliane sah ihm mit großen Augen nach und wurde im nächsten Moment selbst von jemandem angerempelt, allerdings von hinten.

Sie war in einer völlig anderen Welt und bekam nur ganz am Rande mit, was um sie herum passierte. Die Musik war so unglaublich schön gewesen! Die Musiker hatten in einem großen Halbkreis um den Altar herum gesessen und am Anfang, am Ende und ab und zu in der Mitte des Gottesdienstes gespielt. Und es stimmte, einige der Instrumente waren aus Holz, die mussten mit einem Bogen gestrichen werden, und andere waren aus Metall, in die musste hineingeblasen werden. Die Instrumente aus Metall waren sehr laut! Die kleine Juliane hatte genau aufgepasst, und es schien, dass die Instrumente aus Metall immer an wichtigen, bedeutsamen Stellen in der Musik spielten, sozusagen als Bestätigung für das, was die anderen Instrumente vorher vorgeschlagen hatten – jawoll, so ist’s, und darüber wird jetzt nicht mehr diskutiert!

Die laute Stimme und auch das Leuchten des Metalls gefielen ihr sehr. Sie hatte bemerkt, dass es – und sie hatte dabei ganz genau hingesehen – auch Instrumente aus Holz gab, in die hineingeblasen wurde. Diese Instrumente klangen etwas leiser, und sie hatten einen verträumten, flüsternden Ton, und sie klangen auch nicht alle gleich! Jedes schien seine eigene Stimme zu haben, genau wie die Menschen, die ja auch alle ein bisschen anders klangen, wenn sie sprachen.

Am meisten angetan hatten es ihr aber die Instrumente, die mit einem Bogen gespielt werden mussten! Da gab es ganz grosse, eins von ihnen war tatsächlich größer gewesen als die kleine Juliane selbst! Dieses Instrument war sehr drollig, es schien immer irgendwie mitzuspielen, es war also wohl sehr wichtig, aber so richtig hören tat man es doch nicht. Nur manchmal hatte die kleine Juliane geglaubt, dass das Holz der Kirchenbank bei besonders tiefen Tönen ein wenig mitbrummte – das war spannend! Vielleicht waren die Kirchenbank und das große Instrument ja aus dem gleichen Baum gemacht worden, und die Kirchenbank wollte jetzt gerne auch mitmachen, wenn ihr Bruder so schöne Musik spielen durfte?

Am allerschönsten waren aber die Instrumente, die ganz links in dem großen Halbkreis gesessen hatten. Sie waren sehr klein gewesen, was die kleine Juliane sehr passend fand, sie wurden mit einem Bogen gespielt, und aus ihnen kamen – auch da hatte sie genauestens hingehört – immer die schönsten und tollsten Melodien. Auch wenn diese Instrumente sehr klein waren, überstrahlte ihr Klang doch sden der anderen Instrumente, und diese schienen, auch wenn sie selber spielten, eigentlich doch im Grunde das nachzuspielen und aufzunehmen, was diese kleinen Instrumente gerade vorgespielt hatten. So ein Instrument wollte die kleine Juliane spielen!

Aber ach – was dachte sie denn da? Sie war doch nur ein armes Waisenmädchen, wie sollte sie denn ein Instument lernen können? Und so ein schönes noch dazu! Denn dass man das Spielen eines Instruments erst lernen musste, das hatte sie sich schon lange gedacht und mittlerweile – wieder von den großen Kindern und den Erwachsenen – auch schon bestätigt bekommen.

Ein Instrument konnten nur die Kinder reicher Leute lernen. Sie als Waisenmädchen – das hatte ihr die Aufseherin gesagt, als sie tatsächlich so unverfroren gewesen war, danach zu frage – könne froh sein, dass sie überhaupt ein Dach über dem Kopf hatte, Lesen und Schreiben lernen durfte und nicht auf der Straße leben musste, wo sie eigentlich hingehörte!

Die kleine Juliane blieb stehen und senkte traurig den Kopf. Was sollte denn jetzt werden? Sollte sie denn die Musik, die sie so sehr liebte, nur jedes Jahr zur Weihnachszeit hören dürfen? Das wäre schrecklich. Und auch wenn sie es nicht wollte, und auch, wenn es ihr nur noch ganz, ganz selten passierte, weil sie ja schon fast ein großes Mädchen war, begannen jetzt Tränen über ihre Wangen zu laufen.

Sie konnte sie nicht stoppen, obwohl sie es mit aller Kraft versuchte. Die Tränen liefen und liefen und hinterließen warme, feuchte Spuren auf ihrem kalten, eingefrorenen Gesicht.

6.

Nach einiger Zeit trocknete die kleine Juliane ihre Tränen und sah sich um. Wo befand sie sich überhaupt? Sie war so sehr in ihren Tagträumen versunken gewesen, dass sie überhaupt nicht darauf geachtet hatte, wohin sie gegangen war! Die kleine Gasse, durch die sie gerade lief, hatte sie noch nie gesehen, die ganze Gegend hier kannte sie überhaupt nicht. Ihr wurde ein bisschen mulmig im Bauch. Die anderen Kinder vom Waisenhaus waren längst fort, und sie hatte sich offensichtlich verlaufen! Eigentlich kannte sie auch nur wenige der Strassen und Plätze des Dorfes – sie durfte das Waisenhaus nur unter Aufsicht verlassen, sie war immer noch zu klein, um alleine herumzustreifen.

Aber so schlimm war das alles nicht – das Dorf war ja nicht groß, die Kirche müßte man von überall her sehen können, und von der Kirche her nach Hause zu finden, das getraute sie sich wohl. Schlimmer würde wohl eher die Strafe werden, die sie dafür bekommen würde, dass sie heimlich weggelaufen war. Dass sie nichts Böses im Sinn gehabt hatte, dass die nur den Kopf voller Träume und Musik gehabt hatte, das würde man ihr sicher nicht glauben.

Langsam ging die kleine Juliane den Weg zurück, den sie gekommen war – zumindest an die letzten paar Meter konnte sie sich noch erinnern – und stand plötzlich vor einem grossen Schaufenster mit weissen Buchstaben auf der Scheibe. „Johann Ebenezer – Streichinstumente“ stand da geschrieben! Konnte das möglich sein? Sie hielt den Atem an, und – richtig! Da vor ihr im Fenster hingen tatsächlich Musikinstrumente! Es gab auch hier verschiedene Größen, und auch die kleinen Instrumente, die sie so sehr mochte waren da! Von denen gab es sogar eine ganze Menge in dem Laden, eigentlich war er sozusagen vollgestopft mit…

„Geigen!“ sagte die kleine Juliane laut, und ein klein wenig erschreckte sie sich vor dem Klang ihrer eigenen Stimme in der ansonsten völlig stillen Gasse. Sie hatte das Wort auf einem der Zettel gelesen, die neben den vielen Instrumenten hingen. Sie ging noch näher an die Scheibe heran. Sie sah, dass auch die Geigen nicht alle gleich aussahen, da gab es hellere und dunklere, und es gab sogar einen Bereich im Fenster, in dem nur die Bögen hingen, mit denen die Geigen gespielt werden mussten. Und ganz hinten im Fenster, in einem Bereich, in den fast kein Licht hineindrang, hing eine ganz alte, wunderschöne Geige, mit dunklem Holz und einem schön geschwungenen Kopf. Die kleine Juliane stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte sich so hoch sie konnte, um die Geige genauer erkennen zu können. Dabei stützte sie sich mit beiden Händen an der Fensterscheibe ab, um nicht den Halt zu verlieren. Sie..

„Scherr dich weg, du elendes Balg! Warte nur, gleich…“

Ein böser, zornig roter Kopf streckte sich aus einem Fenster direkt über ihr heraus und starrte sie grimmig an – die kleine Juliane dachte zuerst, ihr Herz würde vor Schreck stehen bleiben, dann rannte sie fort, so schnell sie ihre Beine trugen, und so schnell sie in dem dicken Schnee vorwärts kam.

7.

Die kleine Juliane lag auf ihrem Bett und betrachtete traurig den Mond, der hell und klar am dunklen Nachthimmel hing. Was sollte denn nun werden? In ihrem Kopf erklang noch immer die Musik, die sie am Abend in der Kirche gehört hatte. Dieser Tag war das schönste gewesen, was sie je erlebt hatte, und gleichzeitig hatte er sie tieftraurig gemacht. Sie wollte so gern mehr von dieser tollen Musik hören, und nicht nur dass – sie wollte, und dieser Entschluss hatte eigentlich von dem Moment an fest gestanden, als sie die ersten Töne des Adventskonzerts gehört hatte, sie musste die Musik auch selber spielen!

Als sie völlig verstört und verheult zuhause angekommen war, hatte man nur ein wenig mit ihr geschimpft und sie dann ohne Abendessen ins Bett geschickt – man hatte ihr wohl tatsächlich geglaubt, dass sie sich ganz einfach verlaufen hatte. Sie konnte hören, wie die anderen Kinder jetzt unten im Speisesaal Adventslieder sangen – ohne sie, aber das war ihr ganz recht, sie wollte alleine sein.

Sie brauchte einen Plan – ob es möglich war, irgendwie an ein Musikinstrument zu kommen? An eine eigene kleine Geige, auf der sie spielen konnte? Vielleicht war es ja möglich, dass sie erstmal nur für sich selbst spielte? Die kleine Juliane hatte nämlich schon genau hingesehen wie die Sache mit dem Bogen funktionierte! Man musste die Geige auf die Schulter nehmen, und zwar auf die linke, und den Bogen hielt man dann in der rechten Hand und bewegte ihn schön gerade hin und her. Etwa so!

Die kleine Juliane kroch aus ihrem Bett heraus und und stellte sich vor die Fensterscheibe. Ein paar Meter hinter ihr stand die grosse Kerze, die nachts im Schlafsaal immer brennen gelassen wurde, damit die Kinder keine Angst bekamen und nicht stolperten, wenn sie Nachts aufstehen und zur Toilette gehen mussten. Die Kerze gab ein schönes, dämmriges Licht, und die kleine Juliane konnte ihr Spiegelbild in der Scheibe deutlich erkennen. Sie streckte sich und drehte den Kopf nach links, genau, wie sie es in der Kirche gesehen hatte, und stellte sich vor, in ihrer Hand läge die schöne alte Geige, die sie im Schaufenster gesehen hatte. Wie schön mussten die Melodien aus dem Konzert auf dieser Geige klingen! Sie begann, eine der Melodien leise zu singen und tat so, als würde sie im Takt dazu mit einem Bogen die Saiten streichen. Das klappte doch schonmal ganz gut! Überhaupt erschien ihr der Bogen das wichtigste zu sein, abgesehen von der Geige selbst natürlich. Für die genaue Höhe der Töne schien wohl eher die linke Hand zuständig zu sein, aber das, fand Juliane, war erstmal nebensächlich. Das würde dann schon kommen, wenn man hörte, was wirklich dabei herauskam, wenn man mit einem echten Bogen über echte Saiten strich!

Sie schloss die Augen und stellte sich die Geige in ihrer Hand vor, den Geruch von altem Holz, den sie heute in der Kirche gerochen hatte, die Geräusche von anderen Musiker um sich herum, das Rascheln der Notenblätter, und das Gefühl von Saiten unter ihren Fingern.

Die kleine Juliane versank ganz tief in ihrem Traum, und ein wunderschönes, warmes Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus.

Sie wusste zuerst gar nicht mehr, wo sie sich befand, als plötzlich etwas von aussen an die Fensterscheibe klopfte.

8.

„Sie kommt! Sie hat tatsächlich geschrieben, ich war auf dem Postamt, und: Sie kommt!“

Atemlos und mit leuchtenden Augen kam ein kleiner, runzliger alter Mann in die Kirche hineingewatschelt, der auf den Schultern einen großer Lederkoffer trug, der offensichtlich ein Orchesterhorn enthielt.

„Ich bin so glücklich, dass sie sich gemeldet hat…“

Er zog mit dem Fuss einen Stuhl heran, was auf dem Marmorboden der Kirche fürchterlich quietschte, setzte den Koffer darauf ab und begann mit schnellen, geübten Bewegungen, sein Instrument auszupacken. Die übrigen Mitglieder des kleinen Kirchenorchesters waren schon vollzählig versammelt, und er beeilte sich nach Kräften.

Für das Weihnachtskonzert war ein wunderschönes Arrangement von einer Arie aus Bachs Weihnachtsoratorium geplant, und die Tochter des Hornisten sollte die Solostimme singen.

Deshalb musste bis zum großen Weihnachtskonzert noch viel geübt werden. Sie war schließlich eine berühmte Sängerin – das heisst, sie war nicht wirklich berühmt, aber immerhin hatte sie an der staatlichen Musikhochschule Gesang studiert, und sie hatte ein Engagement an der Oper in der Hauptstadt. Das wollte schon etwas heissen!

Das Orchester begann mit dem ersten Durchlauf der Arie, aber schon bald winkte der Musiker an der ersten Geige – es handelte sich dabei um den Bäckermeister des Dorfes – ab.

„Das ist einfach zu wenig! Die Geigen sind viel zu leise. Wenn das Fundament nicht stimmt, bricht das ganze Stück bei der ersten Gelegenheit auseinander…“

Das Orchester probte nun schon seit einigen Jahren ohne Dirigenten. Bei der geringen Größe – zusammen waren sie genau zehn Musiker – war das möglich, aber manchmal war es doch schwierig. Gerade heute im Adventsgottesdient hatten sie beinahe abbrechen müssen, als die zweite Geige einen Einsatz komplett verpasst hatte. Und der Cellist hatte leider trotz größtem Bemühen die Neigung, in längeren Stücken immer schneller zu werden.

Das Hauptproblem waren aber die hohen Streicher – es gab nur drei, zwei erste Geigen und eine zweite, und Bratschen gab es überhaupt keine!

Es fehlten Neuzugänge, das war eben die Schwierigkeit in einem kleinen Dorf. Seit zwei Musiker aus Altersgründen nicht mehr am Orchester teilnehmen konnten, fiel der Gesamtklang leider zunehmend auseinander.

Und gerade jetzt, wo sich so prominenter Besuch angekündigt hatte, wollte man sich doch nicht blamieren…

9.

Ein kleiner Vogel war es, der da rhythmisch mit seinem langen Schnabel gegen die Fensterscheibe hämmerte! Er hatte einen blauen Kopf, blaue Flügel und an der Brust war er ganz orange. Ein Eisvogel, erkannte die kleine Juliane sofort. Aber ein Eisvogel im Winter? So hoch im Norden blieben Eisvögel sonst nur im Sommer, im Winter flogen sie dann ins warme Afrika. Das wusste die kleine Juliane ganz genau, sie hatte es erst letzten Monat in der Schule gelernt.

Der kleine Vogel hämmerte wieder gegen die Scheibe. Was er wohl wollte? Ob ihn etwa ihre Musik gestört hatte? Aber, das konnte ja gar nicht sein, die Musik hatte ja nur im Kopf der kleinen Juliane stattgefunden – fast hatte sie das schon vergessen. Trotzdem, sie hatte jetzt schon von „ihrer Musik“ gesprochen – das war super!

Als sie sich den kleinen Eisvogel genauer ansah, bemerkte sie, dass er erbärmlich zitterte. Es stimmte wohl tatsächlich, dass er bei der Kälte nicht hierher gehörte.

„Du armer, möchtest du vielleicht reinkommen?“ fragte die kleine Juliane. Und der Vogel, gerade, als ob er sie gehört hätte, fing an, noch viel heftiger zu zittern und noch viel heftiger mit dem Schnabel gegen die Scheibe zu hämmern.

Nicht, dass er hier vor ihren Augen starb? Über diesen schrecklichen Gedanken hatte die kleine Juliane jetzt sogar das Geige spielen vergessen, wenn auch natürlich nur für kurze Zeit. Sie öffnete das Fenster. Es knarzte wieder schrecklich – daran hatte sich in den letzten Jahren nichts geändert – und der kleine Vogel flatterte sofort herein und liess sich auf dem Fensterbrett nieder.

„Und nun? Was mache ich denn jetzt mit dir?“ sagte sie. Vorsichtig schloß sie das Fenster wieder und setzte sich auf ihr Bett.

Der Vogel sah sie mit großen Augen an.

„Möchtest du hier einziehen und bei mir wohnen?“ Das hatte die kleine Juliane natürlich nicht ernst gemeint – so etwas war hier im Waisenhaus nämlich auf gar keinen Fall möglich. Und überhaupt, wenn, dann würde ein Vogel doch nicht irgendwo „einziehen“, sondern allenfalls „regelmäßig ab und zu vorbei schauen“, um sich zu wärmen und satt zu essen, oder? Trotzdem war sie höchst erstaunt, als der Vogel auf ihre Frage hin heftig den Kopf schüttelte.

„Kannst du mich etwa verstehen, Eisvogel?“ fragte die kleine Juliane.

Der Vogel nickte langsam mit dem Kopf! Die kleine Juliane war jetzt völlig verwirrt. Sie wollte gerade den Mund auf zu machen, als sie plötzlich Stimmen und Schritte auf der Treppe hörte – das Adventssingen war vorbei, und die Aufseherin würde zusammen mit den anderen Kinder würde jeden Moment in den Schlafsaal kommen! Jetzt war schnelles Handeln angesagt.

„Lieber Vogel, du kannst über Nacht hier bleiben, aber dann darfst du keinen Mucks machen, ok? Wenn dich jemand hört, wirft man dich sofort wieder hinaus in die Kälte! “ Und mich gleich dazu, dachte sie, sagte es aber nicht. Der Vogel musste ja schliesslich nicht alles wissen. „Du kannst hier unter meinem Bett in meinem Pantoffel schlafen, dort ist es schön warm.“

Der kleine Eisvogel schien sie tatsächlich zu verstehen, denn er machte einen Hüpfer, schlug ein paarmal mit den Flügeln und landete auf dem Fussboden, direkt neben dem linken Pantoffel der kleinen Juliane. Dann piepte er einmal freudig und machte noch einen Hüpfer, genau in den warmen Pantoffel hinein.

Die Juliane hörte, wie sich die große Tür des Schlafsaals öffnete. Sie schob beide Pantoffeln ein Stück weit unter ihr Bett, kroch unter die warme Decke und stellte sich schlafend. Gerade noch rechtzeitig!

Die Kinder kamen herein, schwatzten, und legten sich in ihre Betten, während die Aufseherin mit ihnen ein Abendgebet sprach und sie dazu ermahnte, keinen unnötigen Lärm zu machen.

Das war ein langer, ereignisreicher Tag für die kleine Juliane gewesen! Und noch bevor die anderen Kinder mit dem Schwatzen aufgehört hatten, war sie eingeschlafen…

10.

Mitten in der Nacht aber wachte die kleine Juliane plötzlich wieder auf. Sie hörte ganz deutlich ein Piepsen unter ihrem Bett! Das war natürlich der Vogel, dachte sie. Hatte er nicht versprochen, leise zu sein? Aber was für ein Unsinn war das – der Vogel hatte natürlich überhaupt nichts gesagt, er war eben einfach in den warmen Pantoffel gehüpft, und überhaupt hatte sie sich das mit dem Kopfschütteln wahrscheinlich nur eingebildet. Die kleine Juliane beugte sich vor und schaute unter ihr Bett.

„Piieeep!“ machte der Vogel, hüpfte aus dem Pantoffel heraus und piekste der kleinen Juliane in die Wange.

„Au!“ flüsterte sie, und zog den Kopf weg. Der Vogel kam ihr hinterhergehüpft und sprang auf die Bettdecke.

„Was machst du denn da?“ flüsterte die kleine Juliane vorwurfsvoll. So hatte sie sich das aber nicht vorgestellt! „Lieber Vogel, du musst unbedingt leise sein, und…“

„Piieep!“ machte der Vogel, und zwar richtig laut! Die kleine Juliane sah sich erschrocken nach den anderen Kindern um, aber die schienen alle noch zu schlafen.

„PIEEEP!“ machte der Vogel wieder, und hüpfte dabei heftig auf und ab.

„PIEEEP! PIEEEP! PIIEEEEEEEEEP!“

Der Vogel machte einen unglaublichen Lärm, dabei hüpfte er wie verrückt, wie ein kleiner Gummiball ging es auf und ab. Dabei flatterte er mit den Flügeln, und schlug immer so heftig auf der Bettdecke auf, dass es der kleinen Juliane anfing, weh zu tun.

„PIEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEE….“

Das war fast wie ein Schrei! Und der Vogel wurde auch größer, und er hüpfte jetzt so schnell auf und ab, dass die kleine Juliane ihn überhaupt nicht mehr richtig erkennen konnte. Dafür klapperte jetzt ihr ganzes Bett und die Matraze quietschte, jedes Mal, wenn der Vogel auf der Bettdecke aufschlug. Und er wurde immer größer! Nach einiger Zeit – die kleine Juliane hatte der Atem angehalten und sass mit schreckgeweiteten Augen da – begannen die ersten Federn, aus dem blau-orangen Farbwirbel zu fliegen, in den sich der Vogel verwandelt hatte.

„PPPPPPIEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEP!!!“ hörte man, und dann war plötzlich Ruhe. Auf ihrem Bett, direkt vor der kleinen Juliane, saß eine Frau von vielleicht dreißig Jahren, sie hatte rotblondes Haar, dass sie zu einem Dutt zusammengesteckt hatte, und trug ein schönes blaues Kleid.

„“Mensch, war das anstrengend!“, sagte die Frau, und wischte sich den Schweiss von der Stirn. „Entschuldige bitte, wenn ich dich …. dich erschreckt habe!“ Sie war ganz ausser Atem und musste erst mal Luft holen.

„Wer…..wer bist denn du?“ fragte die kleine Juliane. Abgesehen davon, dass sie nicht so richtig verstand, warum der kleine blaue Vogel sich einfach so in eine hübsche Frau verwandeln konnte, wunderte sie sich auch sehr darüber, dass die anderen Kinder trotz des Höllenlärms, den das Verwandeln gemacht hatte, immer noch nicht aufgewacht waren.

„Ich bin, äh – “ die Frau in dem blauen Klein zögerte einen Moment, als müsse sie über Antwort zuerst selbst nachdenken, „Ich bin eine Fee! Und zwar eine gute Fee. Ich kann mir meinen Herzenwunsch erfüllen!“

„Wie bitte?“ sagte die kleine Juliane.

„Ich habe gesagt: Ich bin eine Fee und kann dir deinen Herzenswunsch erfüllen. Sag mal, hört du mir etwa nicht zu?“

„Doch, doch…“ sagte die kleine Juliane. Hatte die Fee gerade gesagt, dass sie sich ihren eigenen Herzenswunsch erfüllen könne? Aber wahrscheinlich hatte sie sich da nur verhört.

„Du hast doch einen Herzenswunsch, hoffe ich!? Sonst wär die ganze Verwandlung für die Katz‘ gewesen.“ Die Fee begann, ungeduldig mit den Fingern auf die Bettkante zu trommeln.

„Ich…äh…ja, natürlich!“ sagte die kleine Juliane. Sie verstand zwar nicht im geringsten, was hier gerade vor sich ging, beschloss aber, die Gelegenheit beim Schopfe zu fassen.

„Ich möchte gerne Geige spielen lernen!“ sagte sie. „Ich liebe Musik so sehr, und ich möchte Geige spielen!“

Die letzten Worte hatte sie ziemlich laut gerufen – die anderen Kinder wachten ja wohl gerade sowieso nicht auf, und sie wollte sicher gehen, dass die Fee sie auch ja richtig verstand.

„Das dachte ich mir!“ sagte die Fee und lächelte die kleine Juliane an. „Dann ist ja aller klar, und wir können mit dem Unterricht anfangen. Steh mal auf und stell dich vors Fenster!“

„Wie – jetzt gleich?“ fragte die kleine Juliane, der das alles jetzt doch ein bisschen zu schnell ging. „Aber ich habe doch gar keine Geige!“

Die Fee im blauen Kleid lächelte immer noch, sie war jetzt viel freundlicher und entspannter als gerade eben noch – offenbar hatte sie die Verwandlung einfach sehr in Anspruch genommen.

„Stell dich vors Fenster, du wirst schon sehen! Gerade vorhin hast du doch schon so schön gespielt.“

Also stand die kleine Juliane auf und stellte sich vors Fenster.

11.

Die kleine Juliane sah sich vorsichtig um, dann stahl sie sich aus der Hintertür des Waisenhauses. Wenn man sie jetzt erwischen würde! Aber sie musste unbedingt hinaus, sie musste zu dem Laden mit den Streichinstumenten.

Es war jetzt mittag, und noch immer wusste sie nicht, was sie denken sollte. Sie hatte am Morgen beim Aufwachen keinen Vogel mehr unter ihrem Bett oder sonst wo vorgefunden – es schien fast, als ob sie die ganze Geschichte nur geträumt hatte! Aber wenn sie die Finger ihrer linken Hand betrachtete, so sah sie dort – wenn auch nur ganz schwach – die Spuren, die die Saiten der Geige dort gestern Nacht hinterlassen hatten.

Als sie sich, wie die Fee es befohlen hatte, vor das große Fenster gestellt hatte, hatte sie dort natürlich wieder ihr Spiegelbild gesehen – aber dieses mal lag dort eine echte kleine Geige in ihrer Hand! Sie konnte die Geige auf ihrer Schulter fühlen, und auch die Saiten, und den Bogen! Ausserhalb des Spiegelbilds konnte sie von all dem gar nichts sehen, was etwas merkwürdig war. Aber diese Bedenken hatte die Fee schnell zerstreut – Geige üben solle man sowieso am besten mit geschlossenen Augen.

Und die Fee hatte sie ganz schön hart rann genommen! Die erste Unterrichtsstunde hatte so ziemlich die ganze Nacht gedauert, und sämtliche Erklärungen der Fee, dass sie die Zeit einfach angehalten hätte, weswegen auch die andere Kinder nichts hören würden, und weswegen es auch gar nichts machen würde, die ganze Nacht lang zu üben, weil sie ja danach dann nochmal die ganze Nacht zum ausschlafen hätte, änderten nichts daran, dass die kleine Juliane jetzt doch ziemlich müde war. Müde, aber sehr glücklich! Denn sie hatte gemerkt, dass Geige spielen ihr wirklich, wirklich Spass machte. Und sie lernte recht schnell – sie wusste jetzt schon wie die vier Saiten der Geige hießen, wie sie den Bogen genau halten musste, und sie konnte schon schöne, lange Töne spielen. Die Sache mit der linken Hand war dann zuerst doch nicht ganz so einfach gewesen, und die kleine Juliane hatte sich mächtig erschreckt, als der erste Versuch, einen Ton nachzuspielen, den die Fee ihr vorgesungen hatte, fürchterlich schief klang. Aber die Fee hatte ihr auch gesagt, dass Geiger eigentlich immer falsch spielten, dass es nur wichtig sei, die falschen Töne so schnell richtig zu schieben, dass es nicht auffiel, und damit war die kleine Juliane wieder glücklich. Denn sie hörte sehr genau, ob es richtig war, was sie spielte! Sie hatte auch schon ein wenig gelernt, Noten zu lesen und zu schreiben, und in der nächsten Nacht sollte es weiter gehen.

Die Fee hatte ausserdem ständig von einem Konzert gesprochen, es klang fast wo, als würde sie das große Konzert in der Christnacht meinen! Sollte… sollte die kleine Juliane da etwa selber mitspielen? Das wäre schöner als alles, was sie sich vorstellen konnte. Aber es gab da doch ein Problem: sie hatte ja immer noch keine Geige! Und sie wollte so gerne wissen, ob sie jetzt auch tatsächlich auf einer echten Geige würde spielen können! Ausserdem würden die Privatstunden bei der Fee sicherlich nicht ewig dauern, die kleine Juliane hatte mächtig Angst, dass es zu Weihnachten damit aus sein würde, ob Konzert oder nicht, und dann? Sie konnte vielleicht bis dahin so viel lernen, dass sie erstmal alleine weiterkam, und dann irgendwann später bei dem Orchester mitspielen konnte – aber ohne Geige?

Und die einzige Möglichkeit, an eine Geige zu kommen, war doch eben ein Laden, in dem man Geigen kaufen konnte. Womit sie eine Geige bezahlen wollte, wusste sie selber nicht, und sie hatte auch Angst, überhaupt zu dem Laden hin zu gehen! Sie musste immer an den bösen roten Kopf denken, der sich gestern – war das alles wirklich erst einen Tag her? – aus dem Fenster gelehnt hatte. Der hatte ja nicht gerade so gewirkt, als ob er einem kleinen Waisenmädchen einfach so mal eine Geige ausleihen würde! Aber sie hatte keine andere Möglichkeit.

Die kleine Juliane hatte mittlerweile den Kirchplatz überquert und war in die kleine Gasse eingebogen, in der sich der Laden von Johann Ebenezer befand. Ihr Herz pochte immer noch vor Angst, entdeckt zu werden, als vor ihr das Schaufenster mit den vielen Geigen auftauchte. Anders als beim letzten Mal war der Laden aber nicht leer! Es war ja nicht mehr Sonntag, der Laden hatte geöffnet, und gerade war ein dicker großer Mann darin.

Die kleine Juliane kam näher – sie wollte sich ja eigentlich nur die Preise für die Geigen ansehen, und schauen, ob irgendwas dort stand, dass man eine Geige vielleicht auch ausliehen konnte – was natürlich doch alles Unsinn war, sie hatte ja kein Geld! – aber jetzt hörte sie, dass die Leute in dem Laden sich unterhielten. Das war doch vielleicht ganz spannend! Ausserdem konnte sie die Frage, was sie nun eigentlich in dem Laden wollte, noch ein wenig hinauszögern. Sie stellte sich in der Nähe der Eingangstüre vor das Fenster und lauschte neugierig.

„…überhaupt wäre es besser, wenn du wieder dirigieren würdest, Johann. Das läuft doch so nicht! Hast du beim Konzert gestern nicht gehört, wie wir auseinander gehangen haben? Richtig peinlich war’s mir zum Teil!“

Erst jetzt sah die kleine Juliane, dass auch der Mann mit dem roten Kopf im Laden war – auch wenn der Kopf jetzt gar nicht so rot war. Er war groß und mager, sah blass und eigentlich auch ziemlich unglücklich aus, fand die kleine Juliane.

„Wie soll ich das gehört haben? Ich war nicht da. Und du weisst genau, dass ich das mit dem Dirigieren nicht mehr möchte. Seit..“

Der große dicke Mann unterbrach ihn: „Die Tochter vom Schorsch kommt, die Helene. Weißt du noch? Sie hat studiert und arbeitet jetzt an der Oper. Wir möchten den Bach nochmal aufführen.“

Johann Ebenezer grummelte irgend etwas und kramte in einer der vielen Schublade herum, die an einer Seitenwand des Ladens angebracht waren. Die kleine Juliane war jetzt noch ein bisschen näher getreten, um das Innere des Ladens besser erkennen zu können. Das ein Laden für Streichinstumente auch noch ein Innenleben hatte, das vielleicht noch viel spannender war als das Schaufenster, hatte sie gar nicht bedacht! Was wohl in den vielen Schubladen drin war…?

„Und alleine schaffen wir’s halt nicht. Auch sind wir viel zu wenig Leute. Es fehlt uns an Geigen! Hier im Dorf gibt jetzt auch keiner mehr Unterricht…“

Ebenezer sagte nichts und kramte weiter in seinen Schubladen herum. Die kleine Juliane stand jetzt – ohne das sie es gemerkt hatte – mitten in der Eingangstüre. Auf dem Tisch in der Mitte des Ladens lag die schöne alte Geige, die sie gestern noch im Fenster hatte hängen sehen!

„Johann. Du kannst dich nicht für immer hier verschliessen. Wir alle müssen mal Verluste hinnehmen, aber das Leben geht weiter, weisst du…“

Ebenezer sagte immer noch nichts und ging jetzt zu der alten Geige hinüber, nahm sie in die Hand und zupfte mit grimmigem Blick nacheinander die vier Saiten an. Es klang entsetzlich schief.

„Falsch!“ sagte die kleine Juliane laut, ohne dass sie es wollte. Sie hatte gestern Nacht in ihrer ersten Stunde bei der guten Fee natürlich zuerst das Stimmen gelernt, und die Fee hatte auch immer „Falsch!“ gerufen, wenn sie es nicht richtig gemacht hatte. Aber das war gar nicht so oft vorgekommen, die kleine Juliane hatte nämlich tatsächlich ein sehr gutes Gehör.

Die beiden Männer hatten die kleine Juliane bis zu diesem Moment überhaupt nicht bemerkt und drehten sich jetzt um.

„Die Geige klingt falsch!“ sagte die kleine Juliane nochmal, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte. Dass die beiden Männer sie so anstarrten, war ihr ziemlich unangenehm.

„Na, ist das eine Art für ein kleines Mädchen, ‚Hallo‘ zu sagen? Kommst einfach so in den Laden des alten Ebenezers hereinspaziert und behauptest, seine Geigen klängen nicht ordentlich!“

Der große dicke Mann sah die kleine Juliane jetzt etwas freundlicher an, allerdings war sie sich nicht ganz sicher, ob er sie auch wirklich ernst nahm.

„Nein, nein!“ beeilte sie sich zu sagen. „Nur diese Geige da, sie – “ sie war sich nicht sicher, ob es wirklich klug war, noch länger bei dem Thema zu bleiben.

„Sie ist wunderschön, aber ich glaube, sie müsste mal gestimmt werden.“ Sie versuchte ein Lächeln, um zu zeigen, dass sie es nicht böse meinte. Sie wollte doch nicht unverschämt wirken!

„Das Stimmen kannst du dir bei dem alten Ding schenken. Die Geige ist kaputt und kommt auf den Müll!“ sagte der alte Ebenezer patzig „Ich hab sie lange genug hier herum hängen lassen…“

Der große dicke Mann machte ein erschrecktes Gesicht.

„Johann, das kannst du nicht tun! Ist das nicht die alte Geige von…“

„Ja, und?“ Ebenezer war jetzt auf einmal laut geworden, aber die kleine Juliane verstand nicht, warum. „Ich will sie nicht länger hier haben!“ herrschte er den großen dicken Mann an.

„Aber sie ist doch so schön!“ sagte die kleine Juliane leise.

Der alte Ebenezer drehte sich zu ihr um und starrte sie an. Es schien fast, als ob er ihre Anwesenheit schon völlig vergessen gehabt hatte.

„Was geht dich das an?“ jetzt war der Kopf des alten Ebenezers wieder zornrot.

Der kleinen Juliane kamen die Tränen. „Aber ich wollte doch nur…“

„Raus aus meinem Laden!“ schrie er. „Kinder haben hier nichts verloren…“

12.

Einige Tage waren vergangen. Der heimliche Ausflug der kleinen Juliane war glücklicherweise nicht bemerkt worden, und sie hatte seitdem jede Nacht ausführlichen Unterricht von der guten Fee bekommen. Die Sache mit dem Vogel und dem verwandeln hatte sie weggelassen – die kleine Juliane hatte einfach immer irgendwann in der Nacht ein lautes Klopfen an der Fensterscheibe gehört, und dann war es losgegangen.

Sie konnte jetzt schon Tonleitern spielen und einfache, kleine Melodien! Der Unterricht ging jede Nacht sehr lange, aber die kleine Juliane störte das nicht – zum einen war es wirklich so, wie die Fee gesagt hatte – sie konnte offenbar die Zeit anhalten, und somit konnte die kleine Juliane wirklich jede Nacht noch ein paar Stunden schlafen. Und zum anderen machte Geige spielen ihr einfach unglaublich viel Spass!

Dennoch war sie jeden morgen hundemüde. Das lag zum Teil daran, dass sie abends nach dem Unterricht noch so aufgeregt war, dass sie lange nicht einschlafen konnte. Sie war so glücklich, dass sie jetzt selber Musik machen konnte! Sie merkte schon, dass das, was sie da spiele, verglichen mit der Musik in der Kirche noch recht einfach war, aber dennoch! Ausserdem spielten im Konzert ja viele Musiker gleichzeitig, und sie machte das hier alles alleine – das musste man schliesslich auch bedenken, fand sie.

Es war aber noch etwas anderes, was die kleine Juliane nicht schlafen ließ – es war natürlich der Gedanke an den alten Ebenezer und an das, was er zu ihr gesagt hatte. Zuerst hatte sie einfach nur Angst gehabt, aber mittlerweile war sie – es hatte eine Zeit gebraucht, das zu zu geben – auch ganz schön wütend! Sie hatte nichts böses getan, und trotzdem war sie einfach aus dem Laden geworfen worden. Und, was noch viel schlimmer war – der alte Ebenezer hatte gesagt, er wollte die schöne alte Geige einfach wegwerfen! Dabei hatte sie in den Augen der kleinen Juliane gar nicht so kaputt ausgesehen.

Ausserdem – wenn der alte Ebenezer die Geige unbedingt wegwerfen wollte, dann könnte er sie doch auch der kleinen Juliane schenken, oder? Sie würde bestimmt darauf spielen können! Eigentlich musste sie jetzt also nur nochmal zu dem Laden rübergehen und den alten Ebenezer danach fragen. Und ihn davon überzeugen, dass das eine tolle Idee war. Und es bei all dem irgendwie schaffen, nicht gleich wieder aus dem Laden herausgeworfen zu werden.

Es war Samstag morgen, als sie sich endlich dazu entschloss, zu handeln. Sie war jetzt alt genug, um Samstags vormittags mit den anderen größeren Kindern auf den Markt gehen zu dürfen. Sie hatte die Aufgabe bekommen, drei Kohlköpfe für die Küche zu besorgen, hatte sich beeilt und stand jetzt zum dritten Mal – völlig ausser Atem – vor dem Laden des alten Ebenezers. Sie war sich nicht ganz sicher, ob der Laden am Samstag wohl geöffnet haben würde, und freute sich, als sie sah, dass die Ladentür offenstand. Vorsichtig kam sie näher.

In dem Laden stand der alte Ebenezer. Er war allein und hielt eine besonders helle Geige in der Hand – als die kleine Juliane genau hinsah, merkte sie, dass die Geige noch nicht lackiert war, offenbar hatte er sie gerade erst fertiggestellt. Auch das war wieder sehr spannend! Die kleine Juliane wusste von der guten Fee, dass der Lack für den Klang einer Geige sehr wichtig war. Überhaupt neigte die Fee dazu, ihr zwischen den einzelnen Übungen manchmal sehr lange Vorträge zu halten. Das war immer sehr interessant und die kleine Juliane hörte immer gerne zu, aber manchmal war es schwierig, auch, weil die kleine Juliane in solchen Momenten immer ein bisschen den Eindruck hatte, dass die Fee ihre Anwesenheit irgendwie völlig vergessen hatte.

Wie eine Geige ohne Lack wohl klingen würde?, fragte sich die kleine Juliane. Aber gerade in diesem Moment nahm sich der alte Ebenezer einen Bogen, stimmte ein wenig an den Saiten herum, und begann, ein wunderschönes Lied zu spielen! Die Geige klang tatsächlich noch etwas nackt, die Fee wusste offensichtlich, wovon sie sprach, aber was der alte Ebenezer da spielte, sorgte dafür, dass der kleinen Juliane der Mund offen stehen blieb.

Bisher hatte sie immer gedacht, dass man auf einer Geige immer nur eine Melodie gleichzeitig spielen konnte, und das man für alles andere eben ein Orchester brauchte. Aber hier hörte sie zwei, manchmal sogar drei Stimmen gleichzeitig!

Es begann mit einer langsamen, getragenen Melodie, die aber – und das verblüffte die kleine Juliane völlig – schon nach ein paar Takten wiederholt wurde, allerdings ein paar Töne höher. Und dabei lief die erste Melodie einfach weiter! Und wieder ein paar Takte später meinte die kleine Juliane, die Melodie noch ein drittes Mal zu hören. Nach einiger Zeit wurde alles von ein paar großen, schweren Akkorden beendet, und es ging wieder mit einer einzelnen Melodie weiter – ganz ähnlich wie die erste, aber doch etwas anders.

Das Stück dauerte ein paar Minuten, und die kleine Juliane hörte die ganze Zeit zu, ohne sich zu bewegen und ohne ein Wort zu sagen. Trotz all der vielen Töne und Stimmen war es ein sehr trauriges Stück! Sie sah, dass der alte Ebenezer die Augen beim Spielen geschlossen hatte, genau, wie die Fee es ihr selbst immer sagte. Als das Stück zu Ende war, nahm er die Geige von der Schulter, liess die Augen aber noch einen Moment geschlossen. Meinte die kleine Juliane es nur, oder waren da Tränen in seinen Augenwinkeln?

Sie machte einen kleinen Schritt auf den alten Ebenezer zu, und dabei knarzte der Boden unter ihren Füssen. Der alte Ebenezer öffnete die Augen und sah die kleine Juliane direkt an.

„Du schon wieder!“ sagte er. Seine Stimme war dabei aber nicht so laut wie bisher, wenn er mit ihr gesprochen hatte.

„Das war wunderschön, was sie da gespielt haben!“ sagte die kleine Juliane.

Dann stand sie eine Zeit lang da und wusste nicht so recht, was sie sagen sollte.

„Ich wollte sie etwas fragen…“ sagte sie dann leise, weil sie befürchete, gleich wieder angeschrien zu werden.

Ihr Blick fiel auf den großen Tisch in der Mitte des Ladens, und zu ihrer Erleichterung sah die kleine Juliane, das die schöne alte Geige dort immer noch lag. Er hatte sie also noch nicht weg geworfen!

„Die alte Geige gefällt dir, nicht wahr?“ sagte der alte Ebenezer jetzt. Er legte die Geige, auf der er gerade gespielt hatte, aus der Hand und ging zu dem Tisch herüber. „Kannst du denn Geige spielen?“

Der kleinen Juliane schlug das Herz bis zum Hals – was um Himmels willen sollte sie denn jetzt sagen? „Nein“ wäre äußerst unklug, denn da wäre jede Hoffnung dahin, die Geige auch nur in die Hand zu nehmen. Aber sollte sie „Ja“ sagen? Nachdem sie gerade mal seit sechs Tagen spielte? Das konnte auch ziemlich nach hinten losgehen!

„Ein bisschen“ sagte sie schliesslich. Und das stimmte! Schliesslich war sie in den letzten Nächten ordentlich fleißig gewesen.

„Bei wem hast du gelernt?“ fragte der alte Ebenezer jetzt, und seine Stimme hatte einen bohrenden Unterton bekommen.

Und nun? Sollte sie jetzt sagen, dass sie bei einer Fee gelernt hatte, die erst ein kleiner blauer Eisvogel gewesen war, dass sie schon ein paar Melodien konnte aber noch nie eine echte Geige in der Hand gehabt hatte?

„Ich…“ fing die kleine Juliane an, und sagte dann nichts mehr. Sie war ebenfalls zu dem Tisch in der Mitte des Ladens herübergegangen, und beide standen jetzt da und betrachteten die alte Geige, die so ruhig und friedlich da lag, als würde sie schlafen.

„Sie ist so schön!“ sagte die kleine Juliane, und dann nahm sie all ihren Mut zusammen und legte vorsichtig eine Hand auf den Hals der Geige. Als der alte Ebenezer nichts sagte, nahm sie die Geige in die Hand und setzte sie vorsichtig an die Schulter. Das passte wie angegossen! Während ihrer nächtlichen Unterrichtsstundem hatte die kleine Juliane auch immer das Gefühl gehabt, es wäre genau diese Geige gewesen, auf der sie gespielt hatte, auch wenn sie sie ja immer nur undeutlich in der Fensterscheibe hatte sehen können.

Die zupfte die Saiten mit den Fingern an und hörte, dass sie immer noch verstimmt waren. Sie warf einen scheuen Blick auf den alten Ebenezer – der stand jetzt mit verschränkten Armen da und musterte sie kritisch. Was auch immer hier vor sich ging, sie durfte jetzt keinen Fehler machen!

Sie nahm die Geige wieder von der Schulter, stellte sie vorsichtig senkrecht auf den Tisch und drehte langsam an dem Wirbel für die D-Saite. Dabei achtete sie darauf, dass sie mit der anderen Hand einen leichten Gegendruck ausübte, wie sie es gelernt hatte. Sie überprüfte die Stimmung der Saite und korrigierte noch einmal, bis es stimmte. Genauso machte sie es mit der G-Saite und der E-Saite. Ob die A-Saite genau gestimmt hatte, wusste sie nicht, aber irgendwomit musste sie ja anfangen. Jetzt setzte sie die Geige wieder ans Kinn und griff nach einem Bogen, der ebenfalls auf dem Tisch lag. Nun kam der definitiv schwerere Teil. Das mit dem Stimmen war im Grunde nicht weiter schwierig, man brauchte nur manchmal etwas Geduld dafür. Jetzt aber musste sie auch wirklich etwas spielen! Sie dachte kurz nach und entschloss sich dann dazu, eine kleine Melodie zu spielen, die die Fee ihr vorgestern Abend beigebracht hatte, und die sie in dieser Nacht wiederholt hatten. Es war eine harmlose kleine Melodie mit vielen leeren Saiten, bei der aber doch jeder Finger irgendwann mal dran kam, und die einen schönen, verträumten Rhythmus hatte.

Sie war noch nicht ganz fertig, als der alte Ebenezer sie heftig unterbrach:

„Stop! Woher kennst du diese Melodie?“

„Die – äh – hab ich irgendwo gehört…“ sagte die kleine Juliane vorsichtig. Das war ja nicht mal gelogen, denn lügen wollte sie nicht, aber woher sie die Melodie wirklich kannte, konnte sie doch nicht sagen.

„Möchten sie die Geige denn wirklich wegwerfen?“ fragte die kleine Juliane. Einerseits, weil sie diese Frage jetzt mehr als je zuvor beschäftigte, die Geige hatte nämlich wirklich wunderschön geklungen! – andererseits aber, weil sie dringend vom Thema ablenken wollte.

Der alte Ebenezer sagte lange Zeit gar nichts, dann seufzte er.

„Nein, dass möchte ich nicht.“ Er machte wieder eine lange Pause. „Weisst du, diese Geige hat einmal einer großen Geigerin gehört. Hinten an der Wand hängt ein Bild von ihr.“ und er deutete auf ein kleines Bild mit einem schwarzen Rahmen, das ganz in der Nähe an der Wand hing. Ein Bisschen in der Ecke, so, dass man es nicht gleich sehen konnte, wenn man in den Laden herein kam. Das Bild war ganz in Schwarz-Weiss, trotzdem erkannte die kleine Juliane die Frau auf dem Bild sofort.

„Wer…“ setzte sie an, aber sie wurde von Ebenezer unterbrochen.

„Weisst du, seitdem sie gestorben ist, kann man die Geige nicht mehr stimmen. Die Wirbel halten einfach nicht mehr. Ich hab es dutzende Male versucht, aber es hat nie geklappt. Bis heute morgen. Bis du gekommen bist…“

Die kleine Juliane sah Ebenezer ziemlich erstaunt an, dann glaubte sie, ein paar Sachen zu verstehen, und sagte lieber gar nichts.

„Möchtest du nocheinmal auf ihr spielen?“ fragte er, und das liess sich die kleine Juliane natürlich nicht zweimal sagen.

13.

Die kleine Juliane sass auf einem Stuhl in der Kirche und war fürchterlich aufgeregt. Um sie herum sassen die anderen Musiker des Orchesters, vor ihr war ein klappriger alter Notenständer, und gleich würde es losgehen!

Es war so viel passiert in den letzen Wochen! Als sie vom alten Ebenezer zurück gekommen war – fast zwei Stunden später als verabredet – hatte die kleine Juliane wirklich mächtigen Ärger bekommen, weil man ihr zuerst nicht geglaubt hatte, wo sie gewesen war.

Dann aber war alles wieder gut gewesen, weil der alte Ebener tatsächlich wie versprochen herübergekommen war und der Aufseherin erklärt hatte, wo die kleine Juliane gewesen war, und dass er ihr eine seiner Geigen leihen wolle. Und das sie bitte an zwei Abenden in der Woche frei haben sollte, weil sie an den Proben des Kirchenorchesters teilnehmen solle, man brauche dringend Nachwuchs. Ob er denn das Orchester wieder dirigieren würde? Ja, das würde er.

Und diese Nachricht war fast so etwas wie eine Sensation in dem kleinen Dorf! Nach dem Tod seiner Frau vor einigen Jahren hatte Johann Ebenezer die Leitung des Orchesters aufgegeben, und da seine Frau, eine ausgezeichnete Geigerin, immer den Geigenunterricht im Dorf gegeben hatte, hatte es auch keinen Nachwuchs mehr gegeben. Ebenezer war traurig und verbittert geworden, und irgendwann hatte sich kaum noch jemand daran erinnern können, wie er früher gewesen war – ein freundlicher junger Mann, der Kinder sehr mochte und dem die Arbeit mit seinem Orchester über alles ging.

Die Proben mit dem Orchester waren zuerst sehr sehr anstrengend für die kleine Juliane gewesen! Sie hatte am Anfang längst nicht alles verstanden, und sie war heilfroh, dass direkt nach der Probe immer die Stunden mit der Fee kamen, die ihr dann alles nochmal in Ruhe erklärte.

„Wie kann es denn überhaupt sein, dass ich nach ein paar Wochen schon bei einem Orchester mitspielen kann?“ fragte die kleine Juliane eines Abends, nachdem sie ein paar Dinge endlich verstanden hatte, mit denen sie sich schon seit Tagen herumquälte. „Die anderen Musiker haben mir gesagt, dass sie meine Stimme etwas vereinfacht hätten, aber trotzdem…“

Die Fee hatte darüber etwas herumgedruckst und dann etwas gesagt, dass in etwa so klang, als dass die kleine Juliane bei ihr schneller lernen würde, weil sie die Zeit während ihren Stunden angehalten hätte und sie deshalb das, was sie lernte, besonders gut behalten könne.

„Alles, was du kannst, hast du selber gelernt“, sagte sie, „aber unter normalen Umständen hättest du sicherlich viel länger dafür gebraucht. Unsere Stunden hier sind ein kleines Stück der Ewigkeit, und das, was man in der Ewigkeit gelernt hat, das kann man wirklich und vergisst es niemals.“

Das leuchtete der kleinen Juliane ein. Und sie verstand auch, dass sie deshalb nicht weniger stolz sein durfte auf das, was sie mittlerweile konnte. Sie überlegte kurz, ob sie, wo man gerade schon bei solch mystischen Themen war, die Sache mit dem Foto, den Wirbeln, dem Herzenswunsch und den Schlüssen, die sie daraus gezogen hatte, ansprechen sollte, denn das hatte sie immer noch nicht ganz verstanden, aber sie zog es vor, zu schweigen und die Dinge sich entwickeln zu lassen. Die Fee wusste schon, was sie tat, dachte sie.

Und während der Generalprobe gestern Abend hatte tatsächlich alles so geklappt, wie es sollte! Die Sängerin war tatsächlich gekommen, hatte ihren alten Vater umarmt – die beiden hatten sich seit langer, langer Zeit nicht mehr gesehen – und hatte dann angefangen zu singen, und zwar so schön, dass die kleine Juliane beinahe für einen Moment mit dem Spielen aufgehört hätte. Und das wäre dann übel schiefgegangen, weil nämlich auch Ebenezer, der ihr und den anderen Geigen eigentlich einen Einsatz hätte geben müssen, für einen Augenblick mit dem Dirigieren aufgehört hatte. Sonst war aber alles glatt gelaufen, und die kleine Juliane hatte später am Abend mit glühenden Wangen ihrem Bett gelegen und hatte von der wunderschönen Musik geträumt. Es war ihr fast gar nicht aufgefallen, dass die Fee zum ersten Mal seit ihrer ersten Unterrichtsstunde nicht erschienen war! Wirklich klar wurde ihr das erst am nächsten Morgen, als sie aufwachte – die Fee betrachtete ihre Aufgabe jetzt wohl als abgeschlossen, was die kleine Juliane stolz und auch ein wenig traurig machte. Aber sie war sehr glücklich und sehr dankbar für das, was sie bekommen hatte.

All diese Gedanken gingen der kleinen Juliane durch den Kopf, als sie jetzt auf ihrem Stuhl sass, die Geige erwartungsvoll am Kinn, und auf den Einsatz von Ebenezer wartete, der in einem schwarzen Frack vor dem Orchester stand und überhaupt nicht mehr traurig und unglücklich aussah. Er lächelte das Orchester an, bedachte die kleine Juliane mit einem aufmunternden Blick und hob den Taktstock.

Das Orchester begann zu spielen, und als die Sängerin einsetzte und sich das Stück weiter und weiter entwickelte, konnte die kleine Juliane nicht verhindern, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen. Nie hätte sie vor ein paar Wochen noch zu träumen gewagt, dass sie einmal hier sitzen würde, als sie nach dem ersten Adventsgottesdient aus der Kirche gekommen war und ihr Traum von der Musik hoffnungslos und unerreichbar weit weg zu sein schien.

Die Stück war in zwei Teile geteilt, und in der kurzen Pause zwischen den beiden Sätzen bemerkte die kleine Juliane, dass auf einem der Kirchenfenster, durch den bei Tag Licht in den Altarraum hereindrang und das jetzt nur von dern vielen Kerzen der weihnachtlich geschmückten Kirche beleuchtet wurde, ein kleiner blau-orangener Eisvogel sass und aufgeregt piepste. Sei freute sich, dass die Fee extra gekommen war, um ihr und dem Orchester beim Spielen zuzuhören, auch wenn sie ein wenig traurig war, weil dies nun wohl wirklich das allerletzte Mal war, an dem sie die Fee zu Gesicht bekommen würde. Plötzlich merkte sie aber, dass der kleine Eisvogel wieder begonnen hatte, heftig auf und ab zu hüpfen. Das Piepsen war auch schon viel lauter geworden.

„Nein!“ dachte die kleine Juliane. „Bitte nicht jetzt! Wir haben doch gerade Konzert, und wenn du jetzt…“

Aber sie sah, dass die Menschen um sie herum sich nicht bewegten, offenbar stand die Zeit wieder still. Sie sah auch, dass Ebenezer gerade den Taktstock gehoben hatte um der Sängerin, die beim zweiten Satz einen Auftakt hatte, den Einsatz zu geben. Die beiden sahen sich in die Augen, und die kleine Juliane merkte, dass beide langsam rot im Gesicht wurden, obwohl die Zeit ja eigentlich stillstand. Die kleine Juliane meinte jetzt, den Herzenswunsch der Fee etwas besser zu verstehen, und hatte jetzt doch vor, ihr einen etwas anzüglichen Spruch zu dem Thema zu geben, als sie merkte, dass der kleine blaue Vogel mit dem Hüpfen aufgehört hatte und einfach verschwunden war, ohne Fee. Zwei kleine Federn schwebte langsam vom Kirchenfenster herab, eine blaue und eine orangene, und fielen auf den Boden, genau vor den Notenständer der kleinen Juliane.

Was das wohl bedeuten sollte? Fragte sie sich, konnte dieser Frage aber nicht nachgehen, weil in genau diesem Moment der Einsatz des Diregenten kam, Helene mit dem Singen begann und die kleine Juliane alle Hände voll zu tun hatte, hinterherzukommen.

Nach dem Konzert standen die Musiker des Orchesters vor dem Altar und verbeugten sich, während die Kirchenbesucher heftig applaudierten. So schön hatte das Orchester seit Jahren nicht mehr gespielt! Als der Applaus auch nach etlichen Minuten einfach nicht enden wollte, mussten die Sängerin und Ebenezer nochmal alleine nach vorne gehen und sich Hand in Hand verbeugen. Dann sahen sie zu der kleinen Juliane herüber und beide streckten die Hand aus. Die kleine Juliane legte ihre Geige vorsichtig auf den Stuhl, und bevor sie nach vorne zum Publikum ging, las sie schnell noch die beiden Federn auf, die vorhin auf den Boden gefallen waren. Dies war offensichtlich ein Moment mit einer großen Magie, und den konnte man nicht so einfach verstreichen lassen.

Sie nahm die blaue Feder in die rechte Hand, die Orangene in die Linke, und dann ging sie herüber zu Ebenezer und Helene, die sie freundlich ansahen. Sie dachte an ihren eigenen Herzenswunsch, nicht an den mit der Geige, sondern an den, den sie schon immer gehabt hatte, schon, als sie noch ganz ganz klein war und von Musik noch überhaupt nichts wusste.

Sie ging fröhlich nach vorne und nahm die beiden Erwachsenen bei der Hand. Wie schon gesagt wusste die Fee sicherlich, was sie tat, denn das ist bei guten Feen schliesslich immer so, nicht wahr..?

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