Das Märchen vom König mit den traurigen Augen

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, ein kleiner Junge. Er lebte zusammen mit seinen Eltern in einer kleinen, windschiefen Holzhütte mitten im Herzen eines grossen, dunklen Waldes.

Eines Tages, es war tiefster Winter, sprachen seine Eltern zu ihm:

„Höre, Sohn. Es ist notwendig, dass wir dich und unser Haus für einige Tage verlassen und noch tiefer hinein in den Wald auf die Jagd gehen. Du siehst, es ist kalt draussen, und wenn es noch ein paar Tage so weiter friert, haben wir nichts zu essen mehr. Wir haben aber, weil wir wussten, dass es in diesem Jahr einen langen, harten Winter geben wird, Vorräte angelegt und diese tief im Wald versteckt. Diese werden wir jetzt holen gehen. Doch hab acht: wir werden, wenn wir in zwei oder drei Tagen zurück kommen, müde, hungrig und durchgefroren sein, und wir werden uns, wenn wir nicht an der Kälte und an Erschöpfung sterben wollen, an das Kaminfeuer setzen und uns aufwärmen müssen. Passe also gut auf, dass das Feuer in unserer Abwesenheit nicht erlischt! Denn wenn wir nach unserer Ankunft kein warmes Heim vorfinden, müssen wir sterben.“

Der Junge hörte die Worte seiner Eltern und prägte sie sich ein so gut er konnte. Es war dies eine grosse Aufgabe für ihn, und er war noch weit vom Erwachsenenalter entfernt. Dennoch versprach er seinen Eltern, alles so zu tun, wie sie es gesagt hatten. Am nächsten Morgen dann, nachdem sie ihm nocheinmal genaustens eingeschärft hatten, wie er auf das Haus und vor allem das Feuer aufzupassen hatte, verliessen sie, schwer bepackt mit Rucksäcken und Jagdgerät und eingehüllt in warme Mäntel, das Haus.

Der Junge stand am Fenster und sah zu, wie sich ihre Spuren langsam im Schneegestöber verloren. Dann setzte er sich vor das Kaminfeuer und wartete.

Er wusste, wenn das Feuer so und so hoch brannte, musste er mit dem Feuerhaken in die Flammen stossen und das Holz auseinanderschieben, und wenn die Glut so und so hoch lag, musste er einen Teil der Asche entfernen und neues Holz nachlegen.

So vergingen einige Stunden, und schliesslich begann der Junge, müde zu werden. Er machte sich grosse Sorgen, denn er erkannte, dass er keinesfalls die ganze Nacht und den nächsten Tag und die darauffolgende Nacht hindurch würde wachbleiben können. Was sollte er nur tun, wenn das Feuer verlöschte, während er schlief? Wie man ein Feuer neu anzündet, das wusste er nicht.

Aber trotz seiner Sorge war er nur ein kleiner Junge, und schliesslich schlief er ein. Es war aber ein unruhiger Schlaf, einer, wie man ihn hat, wenn man an einer Krankheit oder einem Fieber leidet. Der Junge sah vor sich den Kamin, und er sah auch die Flammen, aber in seinem Traum erschienen sie ihm schrecklich klein, und es spukten ihm böse Fantasien von arglistigen Kobolden und hinterhältigen Trollen im Kopf herum, die ihm einredeten, dass Feuer müsse nur noch grösser und grösser werden, die Flammen müssten das ganze Haus bedecken, nur dann könne er seiner Aufgabe gerecht werden und zudem in Ruhe schlafen.

Der Junge warf Holzscheit um Holzscheit in die Flammen, und auf jeder seiner beiden Schultern sass ein böser Kobold, der ihm ins Ohr raunte, so sei es gut und er solle nur weiter machen und noch mehr Holzscheite ins Feuer werden.

So kam es, dass schliesslich die ganze Hütte lichterloh brannte. Der Junge spürte ein Sengen und Brennen auf seiner Haut, er musste Husten, die Kobolde sprangen eilig von seinen Schultern und lösten sich mit einem gemeinen Kichern in grünen und roten Rauch auf – und mit einem Male war der Junge wach.

Er war wach und erkannte mit Schrecken, was er getan hatte. Die Hütte brannte und war nicht mehr zu retten. Der Brunnen neben dem Haus war schon seit Wochen eingefroren, und trotz der Kälte lag kein Schnee, den er in die Flammen hätte werden können um sie zu ersticken. Gerade schaffte er es noch, die Türe aufzureissen und sich mit einem grossen Sprung heraus in die Kälte zu retten.

Dann stand er dort und sah zu, wie die kleine Holzhütte, sein zuhause seit er denken konnte und auch das zuhause seiner Eltern, mit einem langsamen, lauten Krachen in sich zusammenbrach.

Doch damit nicht genug; die Flammen waren gierig, sie hungerten nach viel mehr Holz als die kleine Hütte ihnen geben konnte, und sie griffen nach den Bäumen und Sträuchern, unter denen die kleine Hütter verborgen gewesen war, nach Ästen und Zweigen, nach den Wurzeln und schliesslich nach dem ganzen Wald. Der kleine Junge drehte sich um und rannte um sein Leben, während ihm selbst heisse Tränen der Schuld über die Wangen rannen.

*

Er konnte nicht sagen, wie lange er gerannt war, es musste wohl eine kleine Ewigkeit gewesen sein. Das, oder zumindest die ganze Nacht, den gegen Morgengrauen erreichte er eine kleine Felshöhle, in die er sich legte, denn er war zu Tode erschöpft und sein Herz brannte vor Trauer und Wut auf sich selbst. Die Höhle war voll mit Blättern und kleinen Ästen, fast wie ein Nest – vielleicht hatte hier jemand seinen Winterschlaf halten wollen, war dann aber fortgegangen und nie mehr zurückgekehrt. Dem Jungen war es egal, ausserdem musste er schlafen, er hatte keine andere Wahl. Und draussen im Freien würde er erfrieren.

Am nächsten Tag wachte er auf und lief weiter, er wusste nicht wohin, es waren seine Füsse, die einfach beschlossen, den einmal eingeschlagenen Weg beizubehalten.

Wieder lief er lange, es hätte wohl wieder eine Ewigkeit sein können, und schliesslich gelangte er an den Rand einer grossen Stadt. Erleichterung überkam ihn, würde er hier doch sicherlich etwas zu Essen und ein warmes Dach über dem Kopf bekommen – so dachte er, und als ihm auf seinem Weg zwei Gestalten in Stiefeln und ordentlich aussehenden Pelzmänteln entgegen kamen, lief er schnellen Schrittes auf sie zu.

„Helft mir!“, wollte er ihnen zurufen, aber er merkte, dass der Rauch, den er in den Flammen, die das Haus seiner Eltern aufgezehrt hatten, eingeatmet hatte, sich wie eine Fessel auf seine Zunge und seine Lungen geleggt hatte. Zudem war er vom langen, schnellen laufen in der grossen Kälte sehr heiser geworden, und als er schliesslich den Mund auftat, konnte er nichts weiter als ein garstiges Krächzen hervorbringen.

Die Wachen – denn Wachen waren es, denen er begegnet war, Wachen des Königs – sahen ihn zuerst vertändnislos, und dann, als er von neuem versuchte, seine Stimme zu erheben, und wieder nur ein hässliches Krächzen erklang, sogar böse und feindselig an.

„Wer seid Ihr?“ fragten sie, und „Was habt ihr hier verloren?“.

Es war wohl verboten, an diesem Tag und zu dieser Stunde an diesem Ort zu sein – vielleicht hätte der Junge sich verteidigen und sich erklären können, hätte er sprechen können. So aber nahmen ihn die beiden Wachen mit sich und warfen in hinein in den dunkelsten Schlosskerker.

*

Wieder verging eine lange Zeit, der Junge sass eingeschlossen in seinem Verliess und wusste nicht von Tag oder Nacht. Wohl fand er nach einger Zeit seine Stimme wieder, aber der Klang seiner Stimme hatte sich so sehr verändert, dass er selbst meinte, einen Fremdem sprechen zu hören.

Eines Tages geschah es – es war dies wohl eine Tradition – dass alle Gefangenen des Schlosskerkers dem König vorgeführt wurden. Ihnen war an diesem Tag die Möglichkeit gegeben, beim Herrscher des Landes um Gnade für ihr armseliges Leben zu bitten.

Der Junge wurde also einen dunklen Gang entlang geführt und stand mit einem Male im hellen, gleissenden Licht des von hundert Kerzen erleuchteten Thronsaals. Seine Augen brauchten eine Weile, um sich nach der langen Zeit im Kerker an das helle Licht zu gewöhnen, und zuerst war er wie erschlagen von der Pracht und der Herrlichkeit, die er hier erblickte. Dann aber merkte er, dass mit diesem Thronsaal etwas nicht stimmte. Die Wände wiesen an eingen Stellen Risse auf, über den Boden wucherten Schlingpflanzen, und von der Decke tropfte an einigen Stellen eine dunkle, schwarze Flüssigkeit herab, die tiefe Löcher in den Boden brannte.

Dann wandte er seinen Blick zu dem Königspaar, dass inmitten des Thronsaals auf zwei golden Stühlen sass, und er erstarrte – denn es war niemand anders als seine lieben Eltern, die dort sassen und offenbar König und Königin über dieses Land waren!

Er stiess einen lauten Freudenschrei aus und lief auf sie zu, wurde aber im gleichen Augenblick hart von den Wachen zurückgerissen.

„Schweigt, Elender, was fällt Euch ein!“ rief einer der Wachen und schlug ihn mit der Hand ins Gesicht, so dass er eine Zeitlang nur noch Sterne sah. Dann aber sah er, wie der König den Wachen ein Zeichen gab, und er wurde – wenn auch sehr grob – in die Mitte des Saales geführt.

„Wer seid Ihr, und was ist Euer Verbrechen?“ fragte ihn der König.

Noch immer erkannte er in der Gestalt, die vor ihm auf dem Thron sass, seinen Vater, aber eine schreckliche Veränderung war mit ihm vorgegangen. Er war sehr blass, sein Gesicht wies nicht mehr Farbe auf als weisser Marmor, er war abgemagert bis auf die Knochen, und wo seine Augen hätten sein sollen, sah man nur zwei tiefe, weisse Löcher, wie zwei Eisflächen im tiefen Winter, die einen zugefrorenen See bedecken. Er sah zur Königin, seiner Mutter, und fand sie auf die gleiche schreckliche Weise verändert.

Zu seiner grossen Verwunderung aber war die Stimme des Königs warm und freundlich, er wiederholte sogar seine Frage:

„Sagt mir, wer seid ihr, und was habt ihr verbrochen?“

Der Junge aber konnte nicht antworten. Er verstand nicht, warum seine Eltern ihn nicht erkannten, und noch grösser war sein Entsetzen über die Veränderung, die mit ihnen vorgegangen war, und die Erkenntnis, dass es die Kälte des Waldes war, die in sie eingedrungen war, seine Schuld, die sie zu dem gemacht hatten, was sie jetzt waren.

Der Junge konnte nicht antworten, und sah seinen Vater und seine Mutter nur stumm an. Er sah auch, dass links und rechts vom Thron jeweils zwei junge Drachen lagen und schliefen, Drachen mit hässlichen, flammend roten Köpfen und faltigen, geschuppten Rückenpanzern, auf denen Ungeziefer langsam hin und herkroch.

Er sah seine Eltern stumm an, und schliesslich sagte der König:

„Ich weiss nicht, wer du bist, und wie ich höre, hat dich auch niemand anders jemals in dieser Stadt gesehen. Du bist deshalb ein unfreier Mann. Dein Schweigen aber berührt etwas in mir, und so verspreche ich dir die Freiheit, wenn du in sieben Jahren harter Arbeit zeigst, dass du bereit bist, treu und hart für unser Land zu arbeiten. Ich werde dich zu sieben verschiedenen Zunftmeistern meiner Stadt schicken, und für jeden wirst du ein volles Jahr arbeiten. Am Ende eines jeden Jahres wirst du mir die Ergebnisse deiner Arbeit vorstellen. Gelingt es dir, dies sieben Jahre lang zu meiner Zufriedenheit zu vollbringen, so schenke ich dir die Freiheit.“

Dann winkte er den Wachen, und diese führten ihn fort, aber nicht zurück in den Kerker, sondern hinaus zum Schlosstor, wo bereits ein breit gebauter, grimmig dreinschauener Kerl auf ihn wartete.

Es war dies der Meister der Maurer- und Bildhauerzunft, und zu diesem wurde er jetzt für ein Jahr in die Lehre geschickt.

Der Junge arbeitete, und da er seine Freiheit wiederhaben wollte, tat er sein Bestes, um seinem Meister zu gefallen und gute, ordentliche Arbeit abzuliefern. Niemals aber vergass er während des ganzen Jahres das schreckliche Bild, dass ihm seine Eltern im Thronsaal geboten hatten, und niemals vergass er die zu Eis erstarrten Augen seines Vaters und seiner Mutter.

Am Ende des Jahres nahm es seine besten Werkstücke und trug sie zum Schloss hinauf.

Er wartete eine Zeitlang, bis man ihn einliess und zum König und zur Königin vorliess.

Er hatte gehofft, beide in einem besseren Zustand als vor einem Jahr vorzufinden, aber seine Eltern sassen nur da und sahen ihn nicht. Nachdem er eine Zeitlang gewartet hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Werkstücke vor den Thron auf den Boden zu legen und das Schloss wieder zu verlassen. Beim herausgehen merkte er aber, dass sich die Risse in den hohen Marmorwänden geschlossen hatten und diese wieder in ihrer alten, ursprünglichen Pracht erstrahlten.

Das nächste Jahr verbrachte der Junge bei einem Förster. Dort lernte er, wie man die Wildnis des Waldes und der Pflanzen bändigte und aus einem verkommenen Urwald einen schönen Garten machte. Am Ende des Jahres ging er wieder zum Schloss hinauf.

Wieder hoffte er, seinen Eltern möge es besser gehen, und wieder fand er sie unverändert vor. Allerdings hatten sich die garstigen Schlingpflanzen, die den Marmorboden überwuchert hatten, in die schönsten Rosen verwandelt, die jetzt säuberlich aufgereiht an den Wänden emporwuchsen.

In den folgenden Jahren arbeitete der Junge noch für eine Reihe anderer Zunftmeister, und jedesmal fand er das Schloss noch Ablauf eines Jahres in einem besseren Zustand vor als vorher. Seine Eltern sassen aber nach wie vor unbeweglich auf ihrem Thron und erkannten ihn nicht.

Das letzte Jahr schliesslich brachte er bei einem weisen alten Mann zu, der ihn in der Kunst unterrichtete, Menschen gute Ratschläge zu erteilen, sie von Ihren Krankheiten zu heilen und auf ihrem Lebensweg stützend zur Seite zu stehen. Während dieses Jahres verbrachte der Junge auch viel Zeit damit, um seine Eltern zu trauern, denn er glaubte nicht mehr wirklich daran, dass sich ihr Zustand jemals verändern würde. Wohl aber hatte der Thronsaal seine gesamte Pracht wiedererlangt, und auch die hässlichen, stinkenden Drachen zu Füssen des Königs und der Königin waren verschwunden.

Auch nach Ablauf dieses Jahres ging er wieder zum Schloss hinauf, und diesmal gelangte er direkt und ohne aufgehalten zu werden zum Thronsaal. Wachen sah er keine.

Er betrat den Thronsaal und sein Herz wollte einen Sprung machen, denn er fand sein Eltern in ihrer alten Gestalt, und das kalte Eis hatte ihre Augen verlassen, die wieder ihre ursprüngliche Farbe zurückerhalten hatten, braun die seines Vaters, grün die seiner Mutter.

Sie aber traten auf ihn zu und sagten: „Herr…“

Der Junge verstand zuerst nicht, dann sah er sein eigenes Bild in einem Spiegel, der an einer Seite des Thronsaals an der Wand angebracht war.

Er war kein Junge mehr, und auch kein junger Mann. Während seine Eltern sich in all den Jahren nicht verändert hatten, war er gealtert, zweimal so schnell, denn er hatte ihrer beider Zeit gelebt, als sie zu Eis erstarrt waren.

Und nochimmer erkannten sie ihn nicht, hatten sie ihn doch das letzte Mal gesehen, als er ein kleiner Junge war. Sie erkannten ihn nicht, und es waren auch nicht mehr König und Königin, sondern nur ein einfaches Bauernpaar, dass sich – niemand weiss, wie – in den Thronsaal des Schlosses verirrt hatte. Sie warfen ihm, dem König, noch einen ehrfürchtigen Blick zu, dann wurden sie von den Wachen mit harten Griffen aus dem Palast gejagt.

Eine tiefe Traurigkeit erfüllte den König, als er sich jetzt auf den Thron setzte und sich daran machte, das Land zu regieren – weise und gerecht, so gut er eben dazu in der Lage war.

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