August

Die Hitze, die von dem kahlen Hügel herabstrahlte, war unerträglich.

Ströme von Schweiss rannen von unseren schmächtigen Körpern, als wir zögerlich die Reihen unserer wenigen Soldaten an der Lichtung postierten, die die Grenze zwischen dem noch unbesetzten freien Land und dem Territorium der Hügelmenschen bildete. Keiner von uns redete, denn es gab nichts mehr, worüber man reden konnte. Diese Schlacht war unvermeidlich, und der Feind war übermächtig; ein kraftstrotzendes Heer erwartete uns, lebendiges Abbild der mit schweren, tonfarbenen Steinen gemauerten Burg, die über unseren Köpfen vom flachen Gipfel des Hügels in den Himmel emporragte.

Natürlich gab es kein Entrinnen. Der unerwartet grosse zeitliche Abstand, der zwischen der letzten Schlacht und der Ankündigung des heutigen Angriffs gelegen hatte, war wohl nicht mehr als ein glücklicher, wenn auch bedeutungsloser Zufall gewesen…

Und mit einem Male war jetzt auch die Zeit für wehmütig-grüblerisches Zaudern vorbei, denn vom Gipfel des Hügels herab quoll eine unüberschaubare Zahl junger, starker Krieger, jeder bewaffnet mit einem eisernen Schild und einem scharfen Schwert, deren Scheiden jetzt zahllos in der brennend heissen Mittagssonne funkelten. Die ledernen Helme verbargen die dahinterliegenden Gesichter fast völlig. Vergeblich versuchte ich, in den starren Zügen der heraneilenden Feinde so etwas wie eine Gefühlsregung zu entdecken, aber ich sah nur starre, ausdruckslose Masken – sogar Zorn und Hass schien jenseits von Ihnen zu sein. Ich warf einen letzten Blick auf die starre Burg auf dem Hügel, dann waren sie heran, fielen über uns her, überschwemmten uns, ich hatte alle Hände voll zu tun, nicht auf der Stelle mein Leben zu lassen.

Der Kampf erzeugte einen unglaublichen Lärm – Schwerter prallten aufeinander, Schilde dröhnten von der Wucht abgewehrter Schläge, und das Ächzen und Stöhnen der kämpfenden Menge erfüllte die Welt. Die wenigen freien Augenblicke, die der Ansturm der Feinde mir liess, nutzte ich, um abwechselnd zu meinen Kameraden und immer wieder auch zur Burg auf dem Hügel zu sehen – meinte ich es nur, oder begannen die Mauern der Burg, sich langsam nach innen zu neigen? Waren es wirklich Risse, die sich in dem alten, unfruchtbaren Lehm zeigten, der das steinerne Fundament umrahmte? Immer öfter stahl sich mein Blick hinauf, und obwohl ich zu jeder Zeit drei bis vier Feinde gegen mich hatte, geschah mir nichts, keiner der Schwerthiebe traf, und meinen Kameraden schien es ähnlich zu gehen – der Ansturm war auch, näher betrachtet, gar nicht so stark gewesen, die feindlichen Truppen bildeten zwar, daran bestand kein Zweifel, eine unüberwindlich starke Wand, rückten aber doch keinen Schritt weiter vor. Ich warf einen Blick auf die Gesichter der Soldaten, die mir am nächsten waren, und meinte jetzt, soetwas wie Trauer in ihren braunen Augen zu erkennen, die unter den dunklen Helmen hervor an mir vorbeiblickten.

Der Kampflärm war jetzt überlagert vom lauten Krachen der einstürzenden Türme und Mauern der Burg – ich war einen Moment lang achtlos und bewegte meinen Leib so ungünstig, das ich in quasi direkt in das Schwert meines Gegeners hineinschob – ich rechnete mit dem sofortigen Tod, doch spürte ich, wie eine starke Hand mich mit einem Druck auf die Brust aus der Gefahrenzone stiess – oder hatte ich mir das nur eingebildet?

Der Blick meines Feindes traf mich, und mit Entsetzen erkannte ich die schreckliche Leere, die sich in diesen warmen, braunen Augen zeigte…mittlerweile war die einst so starke und solide Burg vollständig eingestürzt, und der Gipfel des Hügels hatte sich in ein dunkles, leeres Loch verwandelt. Die Hänge kippten nach, sogen langsam die wenigen Bäume und Sträucher, den lehmigen Boden und zuletzt auch die Körper des Feindes mit sich ins Nichts.

Das Nichts war jetzt bis kurz vor unsere Füsser herangekommen, die direkt vor uns stehenden Krieger stürzten einer nach dem anderen hinein – ich sah kein Erstaunen, kein Zeichen von Gegenwehr, nur diese unendlich traurige Leere im Gesicht meines Feindes, der, als der Sog mich mit sich zu reissen drohte, mich mit einem letzten Ruck seines starken Armes zurück auf festen Boden schob, bevor er für immer in der finsteren Tiefe verschwand.

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