“Wo die Neurosen blüh’n, da möcht‘ ich Gärtner sein…”

Oh wie schön und hell die Sonne heute in meinen verträumten kleinen Garten scheint! Ich spüre schon, bei einem so herrlichen Wetter wird mir die Gartenarbeit eine reine Freude sein. Ein kleines Beet, liebevoll bepflanzt, meine Welt. Am Rande steht ein alter, steinerner Brunnen, und neben diesem eine grosse goldene Gießkanne. Als ich hinübergehe, sehe ich, dass sie fast zugewachsen ist von hoch aufwuchernden Grasbüscheln, die sich, kleinen Sträuchern gleich, die sie wohl sein möchten, an ihr empor ranken – gerade so, als ob schon lange niemand mehr hier gegossen hätte! Eine scheussliche Vernachlässigung der Pflicht wäre es doch, denke ich, und betrachte andächtig das Meer aus tausend bunten Blüten, das vor mit liegt. Rote, blaue, gelbe Farbwolken, die friedlich und still im lauen Sommerwind hin- und hertanzen. Jung und gesund sehen sie aus, alles ist gut.



Ich strecke meine Hand nach der alten, rostigen Kurbel des Brunnens aus und lasse vorsichtig den hölzernen Wassereimer hinab in die Tiefe. Ein leises Quietschen ertönt, und aus meiner Erinnerung ersteht mit einem Male das Bild meiner verstorbenen Eltern – er, einstmals stolzer Kavallerieoffizier, der seine wenigen freien Jahre dazu genutzt hatte, dieser einstmals so unfruchtbaren Erdscholle im Schweisse seines bereits welken Angesichts diesen Brunnen abzuringen, und sie, die ihr liebendes Herz, eines, wie es nur eine Mutter haben kann, ganz in die Pflanzung dieses wunderschönen Gärtchens hat fliessen lassen.

Aber ach, wie unaufmerksam, wie pflichtvergessen stehe ich hier und hänge meinen Gedanken nach! Längst ist der alte Eimer auf Grundwasser geschlagen und harret meiner, wieder die Kurbel zu drehen um das, was ich in der Tiefe gefunden habe, heraufzubefördern. Kühles, lebensspendendes Nass, das nur darauf wartet, danach lechzt, an die Oberfläche gelangen zu können und den im heissen Tageslicht schmachtenden Pflänzchen Linderung zu bringen. Wie sagte schon meine selige Mutter? Einen Tagträumer möge man mich schelten!

Der alte Eimer kommt empor, und ein heisser Schreck durchfährt meine Glieder: Ich habe jetzt doch ganz gewiss schnell und beflissen das Seil eingeholt, und doch rinnt das Wasser in Strömen aus dem Eimer. Gar tückisch läuft es aus ihm heraus, ein böser Spalt hat sich in seinen Boden eingebissen, klein und unbemerkt zuerst, aber mit der Zeit – es hat wohl doch lange niemand mehr Wasser geholt an diesem Brunnen …

Schnell jetzt, ich darf nicht wieder in Gedanken zerschweifen und meine Pflichten vernachlässigen. Schnell, bevor am Ende noch alles Wasser verloren ist. Flink den Eimer vom Brunnenrand genommen, das Wasser in die goldene Kanne gefüllt, und mit grossen, eifrigen Schritten hin zum Blumenbeet geeilt. Ach wie schwer ist diese Last auf den Schultern, trotz des wenigen Wassers, dass sich in ihr befindet!

Wo ist denn plötzlich das Farbenmeer, das sich eben noch in mein sehnsuchtsvolles Auge schmiegte? Sehe ich doch nur noch…aber halt, es ist gut, nur Ruhe. Für einen Moment war mir, als wären all die herrlichen Blüten vertrocknet, als wären…aber nur Ruhe, alles ist gut, noch immer stehe ich umgeben von tausendfältiger Pracht. Ich kann jetzt mit meiner Arbeit beginnen.



Ich widme mich zuerst einer beschaulichen kleinen Tulpeninsel, rot und gelb leuchten die Blütenkelche zu mir herüber. Die erste von ihnen besprenkle ich liebevoll mit meiner goldenen Kanne, und freudig reckt sie sich zum Himmel empor. Ich eile weiter zu nächsten Blüte, und finde sie zu meiner Freude noch recht lebhaft, nur eine wenige braune und vertrocknete Stellen geben Zeugnis ab von der langen, langen Zeit, die sie ohne eine kümmernde Hand hat darben müssen. Wieder hebe ich meine Kanne, doch sie scheint schon fast leer zu sein – es sind diesmal nur wenige Tropfen, die träge aus der zerrosteten Öffnung hervorquellen…

Die nächste Blüte finde ich in einem ganz und gar vertrocketen Zustand vor, hier komme ich zu spät. Doch was nützt es jetzt, zu klagen und sich Selbstvorwürfe zu machen? So lange war ich fort, und wenn etwas weggestorben ist, währenddessen, während ich fort war, was hätte ich denn tun können?

Die Rosen des Sommers erwarten mich jetzt, doch es sind schwarze Rosen, die trotzig und stolz ihr äschernes, verdorrtes Haupt in die Sonne recken, grad so, als ob sie noch jung und schön währen. Meine Kanne ist noch so schwer, sie drückt und zerrt an meinen Schulter, es muss ein letzter Rest Wasser in ihr sein – vielleicht kann ich doch noch helfen?

Doch die Rosen wenden sich ab von mir. Stolz sind sie, so stolz, lieber verrecken sie in der Sonne als von mir, dem untreuen Sohn, gerettet zu werden. Ich stolpere, lasse meine Kanne fallen, und ein Teil des kostbaren Wassers verrinnt im hitzegespaltenen Erdboden! Ich muss umkehren, umkehren und Wasser holen, einen neuen Versuch wagen…



Als ich mich umdrehe, erhebt sich eine hohe Wand aus Dahlien vor mir. Auch sie müssen schon lange in der Hitze gedörrt haben…So gerne würde ich ihre Blätter und Blüten teilhaben lassen am lebensspendenden Nass! Vielleicht befindet sich ja noch etwas Wasser in der Kanne? Es kostet mich doch so viel Kraft, sie anzuheben…so viel, fast übersteigt es meine Kräfte, sie zu den schönen Blüten emporzuheben… und da, ein Beben meiner Schultern, ein letzter verzweifelter Versuch – es geht nicht. Ich bin wohl wirklich so schwächlich, wie mein seliger Vater immer gesagt hat…

Zu der Blumen Füssen, ab ihren staubigen Wurzeln müsste ich meine Gabe jetzt darbringen, ich, geschützt von ihrem hohen Schatten, geschützt, während die unerbittlich gleissende Sonne ihnen das Leben aussaugt!

Nichts dergleichen werde ich tun. Ich verweigere mich, auch ich bin stolz, stolz wie die Rosen des Sommers. Ich mache einen mächtigen Schritt, ich gehe vorwärts, und dann…dann durchbreche die dunkle Wand vor mir und schreite hindurch.



Ich weiss, was mich erwartet. Eine alte knarzende Kurbel über einem verlassen Brunnen, der Eimer schon vor Jahren in die Tiefe gestürzt. Ein kleiner, verödeter Friedhof am Rande einer kleinen Stadt. Kaum jemand kümmert sich noch um die wenigen Gräber, die hier eingelassen wurden…ich weiss nicht mal, was ich eigentlich hier wollte…

Nur meine goldene Kanne trage ich noch auf dem Rücken, ich trage sie immer bei mir – denn ich weiss einfach nicht, was ich damit anfangen soll.

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