Susi und das Zauberhandy

(christian:)1.

Susi F. kam am frühen Nachmittag von der Schule und war wieder mal voll genervt. Ihr Typ hatte ihr Stress gemacht, so wie’s aussah, würde sie bald wieder einen neuen brauchen. Sie warf sich auf ihr Bett, schaute zur Decke hinauf und seufzte. Was dachten diese Kerle sich eigentlich? Schon genug, dass man sich immer für nur einen entscheiden musste – aber dann sollte man auch noch nett und anständig zu ihnen sein, ihre komplette Sammlung von Macken, Neurosen und Spinnereien akzeptieren, immer lieb lächeln; und am Ende des Abends sollte man auch noch seine eigene Rechnung selbst bezahlen. So ging das nicht weiter – diese Zustände waren ihr schon lange ein Dorn im Auge, im Grunde seit ihrer ersten vermurksten Kindergartenbeziehung, die stolze drei Tage gewährt hatte, an deren Ende sie ihr unglückliches Opfer mit scharfkantigen Bauklötzen bombardiert hatte und dieses in herzzerreissende Tränen ausgebrochen war. Susi F. war ein spontanes, entscheidungsfreudiges Mädchen, und sie fasste einen Entschluss – die Dinge sollten anders werden, und zwar gleich jetzt. Sie beschloss, ihren noch-Freund anzurufen und ihm gründlich die Meinung zu sagen – ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.Zu diesem Zwecke erhob sich Susi F, schlurfte quer durch ihr von Starpostern, lippenstiftverschmieten Kuscheltieren und verschimmelten Pizzaresten zugemülltes Zimmer und griff nach ihrem Handy, das sie zielsicher auf dem Schreibtisch geortet hatte.
Sie wollte gerade die kleine, hellblaue Klappe anheben und die entsprechende Nummer in die Tastatur hacken, als sie eine Entdeckung machte, die sie innehalten liess:
Ihr Handy hatte über Nacht die Farbe gewechselt, war vom gewohnten Himmelblau zu einem betörenden Zartrosa übergegangen – ausserdem war seine Form so aerodynamisch, chick und modern, wie Susi es bei einem Handy überhaupt noch nie gesehen hatte.
“Cool!” dachte Susi.Sie öffnete also die Klappe und begann, geschickt mit ihren überlangen Fingernägeln die Tastatur zu bearbeiten, als ihr Handy den Eingang einer neuen Kurzmitteilung anzeigte.
“Susi – tu das nicht.”
Susi F. erstarrte mitten in der Bewegung. Was war denn jetzt das? Sie suchte nach dem Absender der Nachricht, aber an der gewohnten Stelle prangte nur ein leeres Display.
Trotzig begann sie, wieder die schon einmal begonnene Zahlenfolge einzuhacken.
“Susi – Nein!”
Wieder so eine Meldung, wieder ohne Absender. In Susis Kopf begann es zu arbeiten – seitdem ihr neues Image es ihr verbot, aus kleinen oder nichtigen Anlässen in Tränen auszubrechen, falls kein direkter finanzieller oder sozialer Gewinnaspekt damit verbunden war, empfand sie ihr emotionales Spektrum als sehr eingeschränkt. Sie biss sich auf die Lippen und zog bereits das Ausrufen einer ernsthaften Persönlichkeitskrise in Erwägung, als ihr eine Idee kam: Sie würde die Nachricht einfach direkt beantworten und fragen, wer ihr da schrieb. Sie wählte in dem seit heute ultramodernen, superintuitiv verständlichen Benutzermenu die Reply-Option aus und schrieb:
“HaltdieKlappeWerbistDu?”
Sie zögerte einen Moment, und dann fügte sie sicherheitshalber hinzu:
“Küsschen, Deine Susi”
Man konnte ja nie wissen. Sie wartete gespannt – einige Sekunden lang tat sich nichts. Susi hob den Blick und schaute auf das an der gegenüberliegenden Wand stehende baufällige Ikea-Regal, ihr Blick traf die grossen, braunen Augen ihres Lieblingsstoffschafs. Das Schaf blickte Susi an, Susi blickte das Schaf an, und zwischen ihnen beiden herrschte wieder das gleiche stille Einvernehmen wie zu den goldenen Tagen von Susis Grundschulzeit – Susi wusste jetzt, dies war ein bedeutungsvoller Moment.
Sie hörte einen Piepton, und ihr Handy zeigt den Eingang einer neuen Kurzmitteilung an:
“Ich selbst bin es, dein Handy. Ich werde Dir in Zukunft mit unfehlbarem, weisen Rat zur Seite stehen.”
Es muss nun gesagt werden, dass das Denken im Allgemeinen sowie das Verständnis von Zusammenhängen grösserer (und auch mittlerer) Komplexität nicht Susis Sache war. Dies wird deutlich an Ihrer nun folgenden Reaktion; sie schrieb:
“Lügner.KennDichnicht.EsistAus.”
Und fügte hinzu:
“BinSicherDuBetrügstMichArschloch”
Die Antwort kam diesesmal schneller und bewahrte Susi vor einem ernsteren kognitiven Zusammenbruch:
“Susi, beruhige Dich. Ich bin Dein Freund. Wann immer Du in Deinem Leben Sorgen oder Konflikte mit Deinen Mitmenschen hast, brauchst Du nur an mich zu denken, und ich sende Dir die passende SMS. Die schickst Du an den Verursacher Deines Konflikts, und Dein Problem wird gelöst sein.”Und, um Susis Denkstrukturen aufzufangen und sie dadurch vor dem Kollaps zu bewahren:
“Es war nie was, Baby. BinVerzweifeltWeilDuMichnichtWillst”.
Das Glück wollte es, dass Susi F. gerade einen ihrer helleren Momente hatte – sie verstand, was ihr Handy ihr sagen wollte, und beschloss, den ihr nun zur Verfügung stehenden Service bei der nächsten Gelegenheit zu auszuprobieren.

2.

Diese Gelegenheit ergab sich gleich am nächsten Morgen in der Schule. Ihrem Freund war Susi bisher vorsorglich aus dem Weg gegangen, sie wollte die Kräfte ihres neuen Handys erstmal an einer unbedeutenderen Person austesten.
In der ersten großen Pause entdeckte sie ihr erstes Opfer: dort stand Michael, ein bebrillter, unsympathischer Typ, der sie seit längerer Zeit anhimmelte. Er stand am Zaun und starrte sie an – so wie immer. Und das alles nur, weil Susi sich von ihm den MP3-Player geliehen hatte. Danach hatte er ein paar Wochen lang ständig angerufen. Sie sollte das Ding zurückgeben, oder so’n Scheiss. Und jetzt dieses permanente Geglotze. Nervig, das. Und, musste geändert werden.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche, dachte an intensiv an Michael und wartete. Einen Moment später fand sie folgende Nachricht auf ihrem Schirm:
“Treffen um Drei nach der Schule, vor dem Parkplatz? Habe mit Dir zu reden. Susi.”
Susi war etwas skeptisch, beschloss aber, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Sie suchte Michaels Handynummer heraus, die sie zufällig noch gespeichert hatte, und schickte die SMS ab.
Sekundenbruchteile später sah sie, wie Michael, der sie wie schon erwähnt die ganze Zeit angestarrt hatte, in seine Tasche griff, sein eigenes Handy herauszog und die Stirn runzelte. Dann hob er den Kopf, schenkte Susi ein breites, ziemlich dämliches Grinsen und hob langsam den Daumen zu einer zustimmenden Geste empor.

Nach der Schule machte Susi sich wie verabredet auf den Weg zum Parkplatz hinter der Schule. Allerdings hatte sie kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache – direkt nach der Pause war sie auf ihren Freund getroffen, und die Begegnung war gründlich misslungen.
“Schatzi, wo warste denn grade? War dich voll am Vermissen!”
Susi hatte verzweifelt nach einer Antwort gesucht – von ihrem neuen Handy wollte sie ihrem Freund eigentlich nichts erzählen, da sie es ja dann nicht mehr gegen ihn würde einsetzen können, und deshalb musste sie auch die Verabredung mit Michael verschweigen. Was aber sollte sie stattdessen sagen?
“Bo, is ja voll Süss von Dir, Schatzi. Gleich später muss ich aber auch weg, weil wegen…”
In diesem Moment waren sie von der hereinstürmenden Schülermeute auseinandergerissen worden. Einen Augenblick lang meinte Susi, einen verletzten Ausdruck im Gesicht ihres Freundes zu sehen, dann war er in der Menge verschwunden.

Dieses Bild ging Susi nicht mehr aus dem Kopf, und sie beschloss, entgegen ihrer ursprünglichen Absicht, ihr Handy schon jetzt im Zusammenhang mit ihrem Freund zu verwenden. Sie griff in ihre Tasche und schaute auf das Display, auf dem bereits folgende Nachricht erschienen war:
“Schatzi, hab‘ Dich voll echt ganz doll lieb. Wir sehen uns morgen, Deine Susi.”

Sie zögerte einen Moment – Susi hatte einen ihrer helleren Tage, und fragte sich, ob dieser Satz nicht eher Misstrauen erregen würde – aber dann schickte sie die Nachricht doch ab.

Als Susi etwas später den kleinen, vergammelten Parkplatz erreichte, stand Michael bereits vor der Einfahrt und wartete auf sie.
“Hi Susi. Na, haste meinen MP3-Player mitgebracht?”
Den linken Daumen hielt er seit der großen Pause unverändert in die Höhe, von seiner überlasteten Schultermuskulatur strahle ein nervöses Zittern in den Unterarm. Die Situation war Susi jetzt deutlich unangenehm, und sie begann zu bereuen, dass sie hierher gekommen war.
“Hi Michi, voll cool, das Du gekommen bist!”
Sie suchte mit wachsender Verzweiflung nach den richtigen Worten, um dieses eklige Treffen möglichst schnell hinter sich zu bringen. Gerade in diesem Moment hörte sie ein piepen, und dankbar griff sie in ihre Tasche, um sich die neueste Nachricht anzusehen. Das ihr Handy auch aktive Gesprächsunterstützung anbot, war einfach Klasse.
“Schatzi, sehen wir uns heute Abend? Ich würde gerne mal wieder ins Kino gehen!”
Diesen Vorschlag fand Susi jetzt dann doch wirklich etwas merkwürdig. Sie wollte diesen Michael doch loswerden, ihn abschießen – was zum Teufel sollte dann jetzt diese Einladung?
“Sehen wir uns heute Abend? Ich würde gern mit Dir ins Kino gehen!”
Noch während sie diese Worte sprach, kam ihr ein schrecklicher Gedanke, und sie schaute zum zweiten Mal auf das Display ihres Handys. Ihre Befürchtung bestätigte sich – diese Nachricht war keine neue Servicemitteilung, sonder eine echte SMS, von ihrem Freund.
Bevor sie irgendetwas unternehmen konnte, verzog sich Michaels Gesicht zu einem noch breiteren Grinsen als bisher, und er hob mit einer langsamen, zufrieden Bewegung auch den zweiten Daumen.
“Klasse, Baby. Ich warte dann um Acht vor dem Eingang auf Dich!”Sprach’s, drehte sich um und schwankte mit hoch erhobenen Daumen von dannen.

3.

Susi sah ihm mit schreckgeweiteten Augen nach und machte sich dann langsam auf den Weg nach Hause. Nach einigen Metern realisierte sie, dass sie jetzt nicht nur eins, sondern gleich zwei Problene hatte: zum einen musste sie diesen Michael loswerden, zum anderen musste sie auch ihrem Freund erklären, warum sie heute nicht mit ihm ins Kino gehen konnte – wenn sie Michael versetzte, würde der das sicher lautstark kundtun, und als Beweis hatte er ja Susis SMS. Und ihr Freund würde sicher glauben, sie hätte ihn beinahe betrogen.
Und da Susi, wie wir zu Anfang schon festgestellt haben, ein entscheidungsfreudiges Mädchen war, änderte sie spontan ihr Ziel und machte sich schnurstracks auf den Weg zu ihrem Freund.

Mit klopfendem Herzen stand sie vor der Haustüre und klingelte – wie konnte sie gestern nur auf den Gedanken kommen, sich von ihrem Freund zu trennen? Schon bei dem Gedanken an seine großen dunkelbraunen Hundeaugen spürte sie ein wunderschönes Kribbeln in der Magengegend, und sie trat unruhig von einem Fuss auf den anderen.
Merkwürdigerweise schien niemand ihr Klingeln gehört zu haben. Dabei wusste Susi genau, das ihr Freund um diese Zeit immer in seinem Zimmer war. “Vermutlich hört er Musik und hat einen Kopfhörer auf”, dachte Susi – sie beschloss, den Hintereingang zu benutzen, der meistens offen stand. Nachdem sie sich durch den von kniehohem Gras und verwilderten Sträuchern zugewachsenen Garten gekämpft hatte, trat sie durch die schmutziggraue Verandatüre in die Küche.
Es stank ein wenig, da sich hier die Geschirrreste der letzten Wochen stapelten, aber dennoch konnte Susi das Deo ihres Freundes riechen, dessen penetrante Kombination aus Frühlingsblüten und original nachgeahmten Hengstschweiss den vorherrschenden Verwesungsgeruch mit eine zarte Duftblüte überstrahlte – er musste also zuhause sein. Doch irgendetwas stimmte nicht – Susis Nase nahm noch einen anderen Geruch war, der ihr zwar bekannt vorkam, den sie aber nicht näher einordnen konnte. Das Zimmer ihres Freundes lag direkt hinter der nächsten Türe – Susi ging langsam darauf zu, überschritt die Schwelle, und mit einem Male zerbrach ihr Herz mit einem lauten Knackgeräusch säuberlich in zwei Teile. Direkt vor ihr auf dem mit einem großen Mickymaus-Starschnitt beklebten Wasserbett lag ihr Freund – er hatte die Augen geschlossen und war in eine innige Knutscherei mitBeate, ihrer besten Freundin, vertieft. Susi sah noch seine absichtsvoll unter Beates neongrünes Benedikt-XVI-T-shirt geschobenen Hände, dann drehte sie sich um und rannte hinaus. Das Piepen in ihrer Tasche, das die mit trauriger Selbstverständlichkeit eingehende Nachricht “Es ist aus, du Schwein” ankündigte, registrierte sie nur am Rande, während sie mit einer Hand die nötige Tastenkombination ausführte, um die SMS weiterzuleiten, und mit der anderen schützend ihre Augen bedeckte, um ihre von heissen Tränen zerschwimmenden Augen vor einer kalten und gefühllosen Welt zu verbergen.

4.
(zimtrolle)Ach, wäre sie besser mal nicht in heißen Tränen, sondern vor heißer Wut zerschwommen, denn prompt rannte sie in der nächsten Sekunde gegen einen Laternenpfahl, der sich allerdings schon immer gewünscht hatte, sie einmal näher kontaktieren zu können – und nun hatte sie ihn sogar berührt!!! Er hätte sich zwar gewünscht, daß ihr Mienenspiel etwas mehr liebevolle Zuwendung manifestiert hätte – aber ein seufzender Anfang war gemacht. Und ein Andenken hatte er auch hinterlassen – eine wunderschöne große Beule bildete sich auf Susis linker Stirnhälfte.Susi stand benommen vor dem Laternenpfahl… was war passiert? Irgendwie war ihr gerade so gewesen, als ob dieses Stück Blech ihr zugezwinkert hätte – mein Gott, was war das nur immer für ein Ärger mit den Kerls – egal, in welchem Aggregatzustand sie sich befanden, waren Männer doch stets mächtig ungelenke Langweiler…Wozu hatte sie ihre coole blickdichte Sonnenbrille? Schnell setzte sie sie auf – das verbarg zwar die Beule nicht, aber es gab ihr die Illusion, nicht existent zu sein, und das war ihr momentan lieber, als zugeben zu müssen, daß sie auf die Anmache von Laternenpfählen reagierte. Sie blinzelte mühsam durch die schlechtgeputzte Brille und im gleichem Moment erklang ein – nein zwei Klang — Hey lass das sein du blöder Pfosten
Nach einem Blick aufs Display und dem obligatorischen Tastendruck wollte sich Susi lieber nicht umdrehen, um den Eindruck eines verletzt auf sein Handy blickenden Laternenpfahls nicht auf ewig in ihre Netzhaut eingebrannt mit sich herumzutragen.- süße was bist du so schnell weg?? wasn los?? grade mit der papppuppe fürn kunstunterricht gekämpft als du reinschautestSusi schluckte gerührt. Die zweite SMS war real – von ihrem beateküssenden ohneseinwissentodgeweihten Exfreund. Dem Typ mußte einiges an ihr liegen, wenn er sich so ne lange Message abrang – und vor allen Dingen, wenn er so dreist und verzweifelt in dieser eindeutigen Situation unglaubwürdigste Lügen auch noch schriftlich absonderte.
Und mit Beate, dieser widerlichen Semipoppendenpapppuppe würde sie natürlich erst mal drei Tage lang kein Wort mehr reden.

5.

Irgendwie war diese Sonnenbrille doch nicht recht praktisch.Zumal da es gerade Bindfäden regnete an diesem herzhaften Novemberfrühnebelabend. Wenn sie nicht eine Kollektion von gekränkten Exlaternenpfahlfreunden anlegen wollte, wäre sie, sagte sie sich, gut beraten, dieses obergeile Exemplar juveniler Angesagtheit temporär von iher Nase zu entfernen.
Susi hatte wieder mal einen ihrer helleren Momente und entfernte.
“Fluch der Karibik 2“Fluch der Karibik 2“Fluch der Karibik 2“ Fluch der…
Ach ja, oh jee, ach jee, ach jaa , jaaa, da war ER. E R. Ihr versteht!!! E R !!!Dunkler Teint, wunderbare schwarze Augen, feine edle Nase, ein kleines Bärtchen, ein verwegenes rotes Tuch, ein Bild von einem Mann, überlebensgroßes Ideal – Susi schmolz dahin…
Und – unter der Lichtreklame stand – Michael. Nicht Johnny. Michael. Schock. Kontrastprogramm.
Mit leichtem Starrkrampf in beiden Schultern ob der zwei beiden seit Stunden siegreich in die Lüfte gestreckten Daumen.
Susi kam zu sich. Sie war haarscharf und unglücklicherweise – hatte sich doch dieser Kinobesuch beatemäßig sozusagen glücklicherweise verüberflüssigt –und leider überaus pünktlich vor dem Kino ausgekommen.
Johnny Depp zerplatzte wie eine Seifenblase.
Michael der Daumenträger materialisierte sich langsam zu einer schärfer gestellten Version.
Ach ja. Der. Der Handy-Test-Mann.
Seine Schultermuskeln sahen so unglücklich aus, daß sie ihr fast ein wenig leid taten.
– hey entspann dich mal mikey
Susi brauchte nicht aufs Display ihres verflixten Handys zu gucken , um zu wissen, was sie gerade an den unglücklichen Michael geschickt hatte…
… und richtig, Michael nahm endlich, endlich die Daumen runter – das war ja an sich schon mal ne Menge wert, es guckten gleich zweiundfünfzig Passanten weniger zu dieser belebten Stunde – warf einen verschärften Kaugummi gegen Mundgeruch ein und zückte sein Handy, las, lächelte.
Wie ein Engelchen.
Ja was?
Mikey das Ekelpaket ein Sympathieträger?
Susi hoffte, daß sich jemand ihrer erbarmte. Erst ein Laternenpfahl, dann Mikey? Wie nannte sich diese Droge, auf der sie anscheinend seit Stunden war?Und jetzt kam Mikey breit grinsend und kaugummikauend und minzduftverströmend und sein Handy schwenkend auf sie zu.

6.

Schnell setzte sich Susi wieder die Sonnenbrille auf die Nase. Novembernebel hin oder her, so brauchte sie Michaels Haarschnitt erst mal nicht zur Kenntnis zu nehmen. Aber alle anderen nahmen Michael und sie offenbar zur Kenntnis – und alle, wie sie aus den Augenwinkeln, den schreckgeweiteten, wahrnahm, das war der gesamte Politikkurs der Stufe 10 des Eiche-Gymnasiums, auf das sie das immense Glück hatte im Zuge der Pisaverbesserung dieses unseres Landes gehen zu dürfen.
Mensch, meine Fresse, was machten die denn geschlossen hier.
Lief hier irgendwie auch son Film wie „Die Mauer ist weg!“ oder etwa „Die Mauer soll wieder her! – Ossis erzählen auf Malle aus ihrem Leben“?? Momentan fehlten ihr klare Gedanken zu diesem Thema, weil Mikey sich erlaubte, sie deftig in den Arm zu nehmen und ihr vier Bises, abwechselnd zwei rechts und zwei links, aufzudrücken, so à la Südfrankreich, um sie danach wie ein reifer Camembert (eher Nordfrankreich?) sowohl nochmals zu drücken als auch anzustrahlen. Wo hatte der das gelernt? Bei der blöden Madame Amselpiep im Französischunterricht? Lebensechter, praxisnaher Fremdsprachenunterricht? Und sie, Susi, schon lädiert durch eine öffentliche erotisch-aggressive Einrichtung, mußte nun darunter leiden? Und konnte nicht in Ruhe ihr Date mit Johnny Depp wahrnehmen??
Sie schaute auf die Leuchtreklame des Kinos. Die Anzeige für „Fluch der Karibik 2“ war verschwunden. Ein ihr völlig unbekannter Filmtitel zeigte sich nun dort. Irgendwas mit „Ils se marièrent…“ und so weiter …
Susi vergaß sich einen Moment und träumte, kleine rosa Herzchen in den Pupillen, von einer dreitägigen Hochzeit in Weiß, einem dreißig Meter langen Schleier, einer fünf Meter hohen Hochzeitstorte … aus der Johnny Depp völlig nackt entstieg und- ich komm mit johnny nach mcdos seid ihr auch daVöllig perplex aus ihren Tagträumen gerissen schaute Susi auf das Display ihres Handys – was bildete sich dieses Ding eigentlich ein, ihrem Exfreund so ne message zu senden? Das hatte wirklich Nerven! Und wieso Johnny? Und wieso war der Todgeweihte nicht mehr mit der Schlampe aufm Sofa? Irgendwas geriet hier durcheinander?
Susi rückte die Sonnenbrille zurecht und musterte Mikey, der nervös vor ihr herumstand und von einem Fuß auf den anderen trat und sich wohl gerade fragte, ob er eben zu weit gegangen war.
Aber Moment, da stimmte was nicht. Sie nahm die wirklich sehr dunkle Sonnenbrille ab und schaute sich Mikey noch mal genauer an. Konnte sie auch jetzt gefahrlos in aller Ruhe tun, denn der gesamte Politikkurs des Eiche-Gymnasiums war offensichtlich in „Fahrenheit 9/11“ verschwunden – gut so für sie, konnten sie was lernen – und Susi traute derweil ihren Augen nicht.Das war gar nicht Michael, Mikey, der da stand.
Das war doch – ????!!!!
In dem Moment piepte ihr Handy wieder mal.

7.

– ne touche pas à mon mec sinon t’es morte vanessa
Susi kratzte sich ihr bißchen abgebrochenes Grundkursfranzösisch zusammen und staunte. Echte Message diesmal? Vanessa??? Woher hatte die denn ihre Nummer?
Johnny trat einen Schritt auf Susi, die schnurstracks erbebte, zu, streichelte ihre Wange, hob leicht ihr Kinn und sein Mund berührte zart den ihren.
Völlig und vollkommen elektrisierend.
Susi wußte – jetzt würde sie ohnmächtig werden.
Johnny hatte sie geküßt.
Die Welt blieb eine sehr sehr lange Sekunde sehr lang unbeweglich stehen.
Dann zog Johnny sie an sich und flüsterte:
– That’s nothing, ma chérie, Vanessa ist toujours ein wenig eifersüschtisch …
Susi lehnte sich vertrauensvoll gegen ihn und sog tief seinen herben männlichen Duft ein…
… und schon sank der gläserne Aufzug vom Himmel hernieder, die Türen glitten leise und duftend auseinander – Johnny und sie schwebten hinein, sich wie Ertrinkende aneinanderklammernd –

8.

– Susi? Susi??? Gehts dir gut??? Alles in Ordnung? Dein Handy piept schon wieder! Ach nee – ist meins…
Susie schaute verwirrt um sich. Gerade eben noch im Aufzug auf dem Weg ins Paradies mit Johnny Depp, sah sie nun wie einen riesigen bleichen Mond mit roten Kratern Michaels Gesicht in ziemlich unerträglicher Nähe vor sich. Schnell wich sie einen Schritt zurück und setzte die Sonnenbrille wieder auf. So was mußte man sich ja schließlich nicht in allen Einzelheiten antun. Und wo waren Johnny, wo der Aufzug geblieben?
Michael las derweil seine SMS.
Mit großen Augen schaute er auf.
– Ich weiß zwar nicht, in welcher der eben verflossenen Sekunden du das hier geschrieben hast, aber wenn wir schon hier stehen, hättest du mir das auch persönlich sagen können!
Anklagend streckte er ihr sein Handy entgegen. Susi nahm es und las:- geh weg ich kann dich nicht mehr sehen und komm nie mehr wieder Susi gab ihm sein Handy zurück und dachte pomadig, na dieses eine Mal hat mein zuckerrosa filmschnittig Zauberhandy ein zusehends wachsend unangenehmes Problem elegant für mich gelöst…
Sie schaute Michael nach, der sich bereits auf dem Absatz umgedreht hatte und verbissen der Bushaltestelle zustrebte.
Ach. Sieh da. Der arme Junge, er hatte auch Gefühle. Verletzten Stolz?Na so was. Nun war er sauer? Beleidigt? Gekränkt? (Erleichtert???)
Was auch immer.
Susi schob sich die dunkle Sonnenbrille zurecht und ohne genau zu wissen, warum, folgte sie ihm doch irgendwie interessiert. Wie??? Michael gab sie einfach so auf??? Einfach so?? Das durfte doch wohl nicht wahr sein…
Gerade kam der Bus. Michael stampfte hinein und ließ sich auf einen Sitz fallen, Susi nahm die Sonnenbrille ab und die Beine in die Hand und sprang in letzter Sekunde auch hinein.
Der Bus fuhr ab.
Schweratmend ließ sich Susi auf den Sitz neben Michael fallen.
Sitzbank: (beleidigt)
Aua. Immer lassen sich alle schweratmend auf mich fallen in solchen Situationen. Das tut weh. Ich hab auch Gefühle.
(christian)
9.

Zweifelsfrei kann man sagen: Situationen wie diese fallen deutlich in die Kategorie “Schwierig”, Unterkategorie “Unangenehm und etwas peinlich”. Sollte Susi sich jetzt erst bei Michael entschuldigen, sein Herz (zurück)gewinnen und ihn DANN abservieren? Für die Prozesslogik-Fanatiker unter uns die plausibelste Lösung. Oder sollte sie aus Gründen des Humanismus, der Romantik und deren in dieser Thrash-Story erstmals gelungener kongenialer Verquickung spontan eine unsterbliche (und kratermondresistente) Liebe zu Mickey aus der Taufe heben? Verwirrung ergriff ihr Hirn, das eben diese Überlegungen nur intuitiv zu erfassen vermochte – ganz zu schweigen davon, diese zu lösen.
Sie warf Mickey einen verstohlenen Blick zu – dessen Profil erschien ihr im schummrigen Licht der wackelkontaktbedingt bedeutungsvoll flackernden Busbeleuchtung undurchdringlich und verschlossen. In ihrem Herzen regte sich etwas – etwas, das ganz und gar unerwartet war, und das ihr rosa Zauberhandy zum erstenmal seit seiner eitlen und völlig in Eigenregie initiierten Freischaltung dazu bewegte, eine SMS an sich selbst zu schicken: “Oh mein Gott….”

(aus Dramaturgischen Gründen hier eine Zwischeneinblendung…:)

“Plopp…”
Aus der grünlich-gelben Schleimsuppe im der fiktiven Spycam am nächsten stehenden Kessel stieg eine Blase empor.
“Plopp…”
Eine weitere Blase -es muss bemerkt werden, dass unser ersonner
Bespitzelungsmechanismus ein höchstmoderner solcher war, mit GERUCHSSINN – unglaublich. Und höchst störend hier, denn es stank gelinde ausgedrückt erbärmlich – für einen Moment verdunkelt sich unser Blickfeld, denn oben erwähnter kniff angeekelt die Linse zu.
Aber klasse, jetzt wissen wir wo wir sind, ein weisses Restleuchten des auf der Startpage bereitgestellten Titels findet sich auf dem Schirm:

MICKEYS LABOR

So ist das also. Entweder ist Mickey ein vom CIA geförderter Topspion bzw. Wissenschaftler, was in dieser Leistungsklasse fliessend ineinander übergeht, oder es ist Merlin, der die Hexenverbennung im 14.Jahrhundert überlebt hat (deshalb der Kessel), oder – was wahrscheinlicher ist, da eben, wie durch die gerade wieder entkniffene und somit geöffnete Linse ersichtlich, ein grün beschuppter Reptilienfuss ins Bild stampft – ist Mickey doch ein Alien??
Dem Fuss folgt ein Restkörper, Mickeys hyperdimensionale Parallelexistenz – gut zu erkennen an den beiden gehobenen Daumen. Für dieses sechsarmige Geschöpf ist das nämlich alles kein Problem und längst nicht so störend – was wir uns merken wollen.
Ein breites Echsengrinsen durchstreift die Kamera und wendet sich jenem blubbernden Kessel zu, ein zynisches Lachern durchschneidet die gestankgeschwängerte Luft, und die letzte diabolisch-extraterrestrische Zutat wird mit gespitzten Krallen hineingeworfen…

(Ende der Zwischenblende)

Susis Herz nämlich, dass gerade durch ihre durch den sentimental-brachialen Körperkontakt mit Mr.Laternenpfahl entstandenen Johnny-Halluzinationen in einen Zustand hektischer Vibration versetzt worden war, hatte den eben erst erfolgten Bruch – ihr Exfreund und die semipoppendepapppuppe Beate – noch gar nicht verarbeitet, und zerfiel jetzt – ausgelöst durch die eben fertiggestellte interstellare Megamixtur von Mickeys glibbriger (oder, korrekterweise, noch gliberrigerer) Parallelexistenz – gleich in eine ganze Reihe von Splittern und Einzelteilen.
Offenbar schlossen sich Verstand und Erinnerungsvermögen dieser Entwicklung aus einem gewissen spontanen Solidaritätsgefühl heraus an: Sie wendete den Blick wieder von Mickey ab und fiel nahezu zeitgleich in eine tiefe Depression – hier saß Mickey, den sie schon seit der fünften Klasse unsterblich geliebt hatte, der jetzt endlich einem Date zugestimmt hatte, das sie jetzt offensichtlich versemmelt hatte. Nie mehr würde sich das klären. Nie mehr würde sie jemandem ihre Gefühle zeigen, niemals mehr darüber reden….sie stand auf, verliess den Bus bei der erstbesten Haltestelle und lief eilig davon – machte nur einen kurzen Zwischenstop am nächsten Mülleimer, um sich dieses unsäglichen, hektisch piependen Handys zu entledigen, das sie in ihrer nun begonnen Phase ewigen Schweigens nicht brauchen konnte.

Mickey war ihr auf dem Fusse gefolgt, hatte aber durch die schwierige motorische Übersetzungarbeit, die seine 2-armige körperliche Manifestation im Einsteinuniversum erforderte, nicht schritthalten können.
Gerade passierte er den bewussten Papierkorb, als das verzweifeltes Piepen, dramaturgisch wirkungsvoll zeitsynchronisiert sowohl dort als auch in seiner Jackentasche, ihn innehalten liess….

Es entspannte sich hier nun ein bedeutungsvoller Dialog zwischen dem Realmickey (grün und geschuppt) und dem Einsteinsuniversumsimulationsmickey (hier kurz ESM genannt).
RM.: ;;dklsdl…sdf!
ESM (sprachlos, da er Susi hinterherschaut, gleichzeitig mit der Hand in den Papierkorb greift,nachdenkt, “;;dklsdl…sdf!” zu entziffern versucht und eben deshalb stolpert und unsanft auf demHosenboden landet): Plumps.
RM.: Weerkgf!!. kä+++.
ESM.: (steht wieder auf den Beinen und hält sogar das rosa Zauberhandy in der Hand. Lauscht dann andächtig und sagt:) sdfgjjhh……..!(was soviel heisst wie “Klar, Chef!”)
Susi war in der Zwischenzeit im Stadtpark angelangt. Zwar war sie für die dort dauerhaft installierte romantische Stimmung gerade eher unempfänglich (wie ihre zerrüttete Seele sowieso für nur noch sehrwenig empfänglich war man merkt, diese Geschichte neigt sich ihrem Ende zu, denn es wird wirklich dramatisch..), aber ihre von einem Gemisch aus Tränen und billiger Schminke verstopften Augen, die zusätzlich noch von ihrer coolen blickdichten Sonnenbrille verbarrikadiert waren, hatten es ihrem Schutzengel gerade noch ermöglicht, sie hierhin zu lotzen – ansonsten wäre sie geradewegs vor den Kühler des nächstbesten Bonzenschlittens geknallt (und das wäre ja auch nicht schön gewesen, oder?).
Sie befand sich jetzt also im Stadtpark, und durch einen unverklebten Winkel ihres linken Auges, das zufällig perfekt mit einem Loch in der Antiblickbeschichtung ihrer Sonnenbrille korrespondierte, sahsie eine etwas heller erleuchtete Grasfläche, auf die sie sich jetzt langsam zubewegte. Irgendetwas zog sie dorthin – wir merken, die Figuren positionieren sich, es muss ein grosses Ereignis nahen…

…Mickey nahte, der ESM auf wackligen Beinen und von hinten, unvorhersehbar. Ungesehen. Versteckte sich hinter einem Busch. Wie befohlen. Wartete. Spitz wie Nachbars Lumpi, möchte ich hinzufügen.
Im selben Moment zersprangen sämtliche Teleskope, Ferngläser und Feldstecher in der gesamten Stadt. Überwachungskameras erlitten einen Stromausfall, und Nachtwächter fielen in einen tiefenSchlummer. Keiner sah das grosse fliegende Etwas, das nee, das nicht vom Himmel herunterschwebte, wie banal wäre das denn, sondern das bruchstückweise aus der Kanalisation herausploppte. Aus dem Kanal am Parkrand. Aus dem Gully an der Straßenkreuzung. Und selbst ausdem kleinen, verträumten Papierkorb einer einsamen kuscheligen Parkbank.

Plopp….plopp….plopp…und als alle Teilstücke bereitstanden, flirrte die Luft, und – ja, jetzt kommt sie,die klassische Untertasse, manifestiert sich und schwebt säuberlich positioniert dreißig Zentimeter über Susis Kopf.
Sieschreitrenntwegstolpertalssiemickeyhinterdembaumsieht versuchtwiederaufzustehenschaftesnichtgibtaufundwirdmiteinemappetitlichen schmatzenindieuntertassegesogen – wir kennen das.Danach schwingt sich Mickey locker auf den Beifahrersitz, ESM grüßt RM, ein Händedrück grün meets rosa, und alle drei inklusive UFO verschwinden blitzeschnelle im blauen Nachthimmel.
Und, um das klar zu stellen: alle sind glücklich: Susi hat ihren Mickey, Mickey hat seine Susi, Johnny hat Vanessa, der Exfreund hat die Semipoppendepapppuppe Beate, RM hat sein kleines süsses Zauberhandy wieder, das er in Susis Zimmer verloren hatte – die beiden kannten sich nämlich schon eine ganze Weile, aber (es gibt Untiefen in dieser Geschichte, die nicht mal den Leser etwas angehen, und beide schweigen zu diesem Thema bisher beharrlich – (war aber ne ziemlich heisse Kiste, hab ich mir sagenlassen)),…und hat jetzt alle sechs Daumen hoch erhoben, zwinkert einmal lüstern in die Kamera und widmet sich voll voyeuristischer Lust dem sich vor seinen Augen abspielenden Vorgehen….danach wird er alle zu grüner Alienwurst verarbeiten, sonnenklar, aber wen stört das jetzt…?

– E N D E –

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