Schattenrisse

Prolog

Die Frau war ihm schon eine Zeitlang wegen ihres benommenen, verletzten Gesichtsausdrucks aufgefallen. Sie saß auf der Treppe vor dem Haupteingang, mit dem Rücken ans Metallgeländer gelehnt, die Augen geschlossen. Sie saß hier wie viele andere, die er während seiner langen Schichten als Nachtwächter des Krankenhauses zu sehen bekommen hatte. Die meisten sassen hier eine Zeitlang, alleine oder zu zweit, rauchten eine Zigarette oder manchmal auch einen Joint. Dann verschwanden sie wieder, es schien ihm immer, als würden sie sich hier eine kleine Auszeit nehmen von dem, was sie Nachts in die Dunkelheit hinausgetrieben hatte, eine Auszeit von dem Teil ihres Lebens, der ganz offensichtlich nicht in den bürgerlichen Rythmus von frühem Aufstehen, Arbeit und zeitigem Schlafengehen nach dem Abendessen passte. Gelegentlich wurden sie laut, es kam vor, dass manche von ihnen zu streiten anfingen – dann musste er eingreifen. Meist aber taten sie ihm nur Leid, und deshalb störte er sie nicht und ließ sie sich ausruhen. Nach einer Weile verschwanden sie wieder.
Diese junge Frau hier aber war anders. Ihr Gesicht war sehr blass, und obwohl sie schöne, ausdrucksstarke Gesichtszüge hatte, schien es vollkommen leer zu sein, hohl, als wäre ihm sein Inhalt gerade herausgerissen worden und hätte noch keine Zeit gefunden, wieder nachzuwachsen. Ausserdem bewegte sie sich nicht – überhaupt nicht.
Auf einmal merkte er, dass er sie schon mehr als eine halbe Stunde lang betrachtete, und ihm wurde klar, dass er etwas unternehmen musste – es war Mitte November, und die Nächte begannen kalt zu werden. Wenn sie hier ohmächtig geworden oder auch einfach nur eingeschlafen war, würde sie sich den Tod holen.

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Auszug aus der Krankenakte 031106/02 – “Lena Brzinsky”, Marienhospital Berlin-Tempelhof, Ortsteil Lichtenrade:

Sonntag, 3.11.06

Die Patientin wurde um 2:48 Uhr vom diensthabenden Nachtportier vor der Türe des Haupteingangs bewusstlos aufgefunden. Mehrere Versuche, sie anzusprechen, blieben vergeblich.
Die durchgeführten Routineuntersuchung ergab keinen Befund – auffällig war nur der äusserst schwache, kaum messbare Puls.
Einweisung auf Station E-3 um 3:07.
Um 3:15 Verabreichung von XYZ und ZYX zur Stärkung von Herz- und Lungenfunktion.
Da Pulsfrequenz und Blutdruck weiterhin abnahmen, wurde Frau Lena Brzinsky um 3:28 Uhr an die künstliche Lebenserhaltung angeschlossen.
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Sein Kopf dröhnte – die letzte Nacht war eindeutig zu kurz gewesen. Zu kurz jedenfalls, um die Unmengen Wodka zu verarbeiten, die er am Abend zuvor in sich hineingeschüttet hatte.
Aber es war in Ordnung so, es hatte etwas zu feiern gegeben, und Feste sollte man ja bekanntlich so feiern, wie sie fallen.
Das penetrante Klingelton seines Handys zwang ihn jetzt unsanft in die Wirklichkeit.
“Hallo?”
Er gab sich wenig mühe, den gereitzten Tonfall in seiner Stimme zu unterdrücken.
“Schneider, Marienhospital Berlin. Spreche ich mit Herrn Michael Gortek? Es geht um Ihre Freundin, Frau Lena Brzinsky. Sie wurde gestern Abend bewusstlos aufgefunden, ihr Zustand ist kritisch. Es wäre vielleicht gut, wenn sie heute noch Zeit finden würden, um …”
Er unterbrach das Gespräch und legte sein Handy auf den Nachttisch zurück, ohne der Stimme am anderen Ende der Leitung die Gelegenheit zu geben, den angefangenen Satz zu vollenden.
Dann warf er sich ärgerlich zurück in das nach der unruhigen Nacht halb aus seinem Bezug herausgerutschte Kopfkissen.
“Scheisse.”

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Auszug aus der Krankenakte 031106/02 – “Lena Brzinsky”, Marienhospital Berlin-Tempelhof, Ortsteil Lichtenrade:

Montag, 4.11.06

Die Herzaktivität der Patientin ist weiterhin so schwach, dass der Einsatz der Lebenserhaltung unverzichtbar ist.
Die am Morgen durchgeführte Ultraschalluntersuchung zeigte aber einen ersten, sehr ungewöhnlichen Befund, der einen Hinweis auf die Ursache für den Zustand der Patientin geben dürfte:
Die rechte und linke Herzkammer sind in ihrer Grösse stark reduziert und liegen nur bei 20% der sonst bei Personen von gleichem Alter und Geschlecht üblichen Werte. Ein Herz von so geringer Grösse kann auch in bestem Zustand nicht die nötige Leistung vollbringen, eine erwachsene, 26jährige Frau am Leben zu erhalten. Es stellt sich berechtigt die Frage, wie die Patientin bisher hat überleben können.
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Sie war die letzte, die durch die kleine beige Kunststofftüre in das ganz in Weiss gehaltene Krankenzimmer trat. Ihr Blick traf erst auf den von Michael, dann auf Lenas Eltern, die nebeneinander auf zwei einfachen Stühlen platzgenommen hatten. Ihr fiel der grosse Turm medizinischer Apparate auf, der an der rechten Seite von Lenas Bett aufgebaut war. Auf einem handgrossen schwarzen Display pulsierte die grünliche Kurve des EKGs.
Sie stand einen Moment lang schweigend da, dann nahm sie einen der beiden vor dem Fenster stehenden freien Stühle, stellte ihn gegenüber von Lenas Eltern neben das Bett und setzte sich.
Lange Zeit sprach niemand ein Wort.
“Wisst Ihr etwas? Ich meine, ihr ging es doch gut, sie…”
Die leise Stimme von Lenas Mutter tastete sich suchend durch den Raum, sie schaute erst zu Martina hinüber, dann zu Michael, der als einziger stehengeblieben war, die Hände ineinandergelegt und den Blick auf den Boden gerichtet.
“Hatte sie Schwierigkeiten? Gab es Probleme, von denen wir nichts wussten?”
Lenas Vater hatte jetzt ebenfalls erwartungsvoll seinen Blick auf die beiden gerichtet – es war an der Zeit, irgendetwas zu sagen.
“Ich weiss es nicht” gestand Michael, wobei er die Hände auseinanderfaltete und stattdessen in die Taschen seiner gut gebügelten Designerhose steckte. “Wir wissen ja nicht mal, was überhaupt mit ihr los ist. Die Ärzte sagen, sie ist abgesehen von einer leichten Erkältung vollkommen gesund – nur eben, das ihr Herz kaum noch schlägt.”
Während dieser Worte war Martina aufgestanden und langsam zum Fenster hinübergegangen. Sie schaute eine Weile hinaus auf die belebte Straße, dann sagte sie:
“Ich habe sie gestern noch gesehen – gestern Mittag, wir waren zusammen im Café. Da schien noch alles in Ordnung zu sein. Sie wirkte glücklich – mehr kann ich nicht sagen.”
Wieder legte sich ein tiefes Schweigen über den kleinen Raum. Martinas Blick glitt von einem zum anderen und blieb dann auf Lenas bleichem, ausdruckslosen Gesicht liegen.
Schliesslich erhoben sich Lenas Vater und Mutter aus ihren Stühlen.
“Wir werden jetzt in die Stadt gehen, um eine Kleinigkeit zu Abend zu essen, kommen aber nachher wieder hierhin. Ihr müsst nicht bleiben.”
Sie nahmen ihre Mäntel von den neben der Türe angebrachten Kleiderhaken und öffneten die Türe.
“Falls Euch noch irgendetwas einfällt – irgendein Grund für …”
Die Stimme von Lenas Mutter wurde dünn und sehr leise, als sie jetzt weitersprach.
“…für das hier, dann sagt es uns. Bitte.”
Die Türe schloss sich, und ließ Michael und Martina alleine in dem kleinen, weiss gestrichenen Krankenzimmer zurück.



Kurze Zeit später gingen beide schweigend die von im Laufe der letzten Wochen kahl gewordenen Bäume der Allee entlang, die zurück zur Wohnung von Michael und Lena führte. Das Wetter war entgegen der Vorhersage schlechter geworden – es regnete, und der kalte Wind wehte ihnen kleine, unangenehme Tropfen ins Gesicht.
Martina hatte den Blick während des gesamten Weges stur geradeaus gerichtet, jetzt drehte sie mit einer plötzlichen Bewegung ihren Kopf zu Michael hin und fragte vorwurfsvoll:
“Hast Du es ihr gesagt, gestern Abend?”
Michael machte sich nicht die Mühe, ihren Blick zu erwiedern. Er hatte während der letzten Meter angefangen, mit einer Hand den oberen Teil seines Mantels zuzuhalten, um sich vor dem stärker werdenden Regen zu schützen. Jetzt begann er ärgerlich, auch noch die beiden letzten Knöpfe zu schliessen.
“Natürlich habe ich, was denkst Du denn? Es war so ausgemacht, ausserdem wurde es Zeit. Sie hat genervt.”
Er begann, das Schritttempo deutlich zu erhöhen, und Martina geriet außer Atem, als sie versuchte, weiterhin neben ihm herzulaufen.
“Wie hat sie es aufgenommen? War sie – traurig, verletzt?”
Sie zögerte einen Augenblick, bevor sie weitersprach.
“Weisst Du wirklich nicht, was mit ihr passiert ist?”
Michael blieb jetzt abrupt stehen und sah sie ärgerlich an. Was dachte sie sich eigentlich? Es war typisch für sie, jetzt auf einmal Gewissensbisse zu zeigen und ihm die Schuld zuzuschieben.
“Nein, weiss ich nicht. Aber weisst Du was? Es ist mir auch egal!”
Einen Morment lang schwiegen beide, dann legte Michael einen Arm um ihre Hüfte.
“Lass uns nach Hause gehen, es wird kalt.”

Später, in dem mittlerweile ordentlichen und frisch bezogenen Bett, lagen sie sich in den Armen, und Martina merkte, wie so oft, das ihr Zorn über ihn und über seine Kälte, seine Gleichgültigkeit aus ihrem Blickfeld rückten. Es passierte leicht, problemlos – fast gegen ihren Willen.
Aber sie wollte jetzt nicht nachdenken, nicht heute, sie war zu Müde und zu erschöpft von dem, was vorgefallen war.
Sie verscheuchte die kritischen Gedanken aus ihrem Kopf und gab sich der Umarmung ihres Geliebten hin – seit heute offen und ungestört, während der Regen laut gegen die Fensterscheibe prasselte.

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Auszug aus der Krankenakte 031106/02 – “Lena Brzinsky”, Marienhospital Berlin-Tempelhof, Ortsteil Lichtenrade:

Dienstag, 5.11.06

Der Zustand der Patientin ist nach außen hin unverändert.
Aus Sicherheitsgründen wurde die Ultraschalluntersuchung vom Vortag wiederholt, mit einem bemerkenswerten Ergebnis: Während das EKG nach wie vor einen schwachen, dank der stützenden Apparatur aber stabilen Puls zeigt, findet man auf dem Ultraschallbild jetzt eine vollständige Rückbildung des Herzens. Dort, wo bis Gestern Vor- und Hauptkammern angesetzt haben, sind nur einige Reste des Systems der Kranzgefässe zu sehen. Der Effekt ist sogar mit blossem Auge nachzuvollziehen: die linke Brust der Patienten macht einen hohlen, eingesunkenen Eindruck.
Eine Erklärung für dieses Phänomen gibt es bisher nicht.
Bis auf weiteres bleibt uns nur, den Zustand der Patientin weiterhin zu beobachten und die Lebenserhaltung aktiviert zu lassen.
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Das hektische Schwirren wird jeden Tag wieder neu geboren. Es erwacht mit dem Sonnenaufgang, schlummert dann noch ein wenig träge vor sich hin, fast wie schlaftrunken. Schüchtern beginnt es sich zu räkeln, seine Glieder zu strecken – morgens in den U-bahnen, auf den noch halb in Dunkelheit versunkenen Straßen, in Bahnhofscafes und an Zeitungsständen. Dann aber wird es munter, es greift um sich, erfüllt Werkhallen und Büros, Konferenzräume und Verkaufsflächen – und die Köpfe und Herzen der Menschen. Sie werden von ihm erfasst, lassen sich willig mitreissen oder versuchen sich zu wehren – meist vergeblich.
Denn vom hektischen Schwirren gibt es kein Entrinnen, nicht für die Menschen, die täglich um ihr Überleben kämpfen – in einer Welt, die so sehr zum hektischen Schwirren passt und gehört, dass man nicht mehr weiss, wer von beiden eigentlich wen gemacht hat, wo Ursache und Wirkung, Schöpfer und Geschöpf, Anfang und Ende liegen – vielleicht will man es auch gar nicht wissen, vielleicht ist es besser so.
Und nachdem das hektische Schwirren den Tag mit seinem wilden Rausch gefüllt hat, ihn auf gleiche Weise verflucht und verzaubert und schließlich seinem Ende entgegengetrieben hat, verschwindet es – es verliert langsam sein rasendes Tempo, wird ruhiger. Träger, könnte man sagen – es entschläft, und auch wenn es nie vollständig aus den letzten Ecken und Winkeln dieser Welt verschwindet, herrschen eine Zeitlang Ruhe und tiefer Frieden, bis der nächste Tag anbricht und alles von vorne beginnen lässt.

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Auszug aus der Krankenakte 031106/02 – “Lena Brzinsky”, Marienhospital Berlin-Tempelhof, Ortsteil Lichtenrade:

Mittwoch, 6.11.06

Auch wenn jede medizinische Erklärung dafür fehlt, bleibt der Zustand der Patientin nach wie vor stabil. Allerdings lassen sich jetzt zunehmend äussere Veränderungen beobachten: Die linke Brust, die bereits am Vortag einen hohlen, eingefallenen Eindruck gemacht hat, ist verschwunden und hat einer offenen, leicht rot gefärbten Wunde Platz gemacht. Nachdem ein Versuch unternommen wurde, die Wunde wenigstend vorschriftsmässig zu verbinden, verschlechterte sich der Zustand der Patientin dramatisch, um 18:45 sank die vom EKG gemessene Herzleistung zum ersten Mal unter den lebensnotwendigen Minimalwert – sofern man unter den vorliegenden Umständen von einer Herzleistung im engeren Sinne sprechen kann. Nachdem die Versuche, die Wunde zu verbinden, eingestellt wurden, besserte sich der Zustand der Patientin wieder – es scheint am besten zu sein, auf jede weitere Behandlung zu verzichten und die Patientin in ihrem jetzigen Zustand zu belassen, so unerklärlich dieser auch sein mag.
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Müde lehnte Michael sich in seinem bequemen, mit braunem Kunstleder überzogenen Bürostuhl zurück, legte seine Füsse auf den Schreibtisch und sah nachdenklich aus dem Fenster.
Die Geschäftsräume seiner Firma lagen im neunten Stock eines großen Bürogebäudes am Potsdammer Platz, und Michael ließ seinen Blick jetzt langsam über die Stadt schweifen. Irgendetwas störte, drang auf ihn ein. Einen Moment später wusste er auch, was es war: Selbst für Anfang November hatte der Sonnenuntergang heute viel zu früh begonnen – es war jetzt gerade mal viertel nach drei, und draußen begann es schon, dunkel zu werden. Ein letzter Rest Abendröte wäre zu sehen gewesen, versank aber beinahe vollständig in den grossen, Wolkenmassen, die schon während des ganzen Tages den Himmel bedeckten.
Ihm war merkwürdig zumute – mit einem Male fühlte er sich hier, in über 30 Metern Höhe, unsicher und ausgeliefert – der Wind wurde stärker, und in der einsetzenden Dunkelheit war ihm, als erwiderte die schwarze Wolkenwand seine Blicke, als entspanne sich ein stummer, eindringlicher Dialog zwischen ihnen beiden.
Das Telefon klingelte und brachte ihn in die Wirklichkeit zurück.

Es war ein Anruf von Lenas Vater.
“Michael?”
Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang angestrengt und sehr müde, aber Michael meinte auch, eine Spur von Angst darin erkennen zu können.
“Michael, etwas an Lenas Zustand hat sich verändert. Seit heute Morgen reagiert sie… es ist merkwürdig, aber sobald man ihr Zimmer betritt, hört ihr Herz auf zu schlagen. Das jedenfalls hat uns das der Arzt gesagt, als wir am Mittag zu ihr wollten. Wir wollten es nicht glauben, aber als wir zu ihr hineingegangen sind, haben sich die Signale, die von der Herzlungenmaschine kamen, verändert. Sie wurden leiser, und ….wir hatten solche Angst, dass sie stirbt. Wir… wir werden sie jetzt nicht mehr besuchen können, wir können nur abwarten. Und es weiss ja immer noch niemand, was überhaupt los ist.”
Ein lautes Schlucken war zu hören, und eine längere Pause entstand.
“Jedenfalls, das wollte ich Ihnen sagen – nur dass Sie sich nicht unnötig auf den Weg machen. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Abend!”.
Mit diesen Worten beendete Lenas Vater das Gespräch, und Michael, der gerade damit fertig geworden war, sich eine teilnahmsvolle und interessiert klingende Antwort zu überlegen, blieb nur noch, den Hörer wieder zurück auf die Basisstation zu legen.
Dann starrte er lange Zeit unschlüssig auf seinen Schreibtisch.

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Aus dem Aktenarchiv des Elektrizitätswerks Berlin-Tempelhof:

Sonderakte vom 6.11.2006:

Am Nachmittag des 6. November ereigneten sich eine Reihe merkwürdiger Vorfälle:
Ab 16:17 wurden in verschiedenen Bereichen des Berliner Stromnetzes z.T. drastische Spannungsverluste gemessen. Zuerst handelte es sich um kurze Intervalle mit einer Maximaldauer von bis zu zehn Sekunden, dann aber wurden die Ausfälle sowohl in ihrer Dauer als auch in ihrer Intensität gravierender – in der Zeit von 19:34 bis 21:15 lag die Stromversorgung von Berlin Tempelhof nahezu vollständig brach.
Während der Nachtstunden stabilisierte sich die Versorgungsleistung wieder.
Eine technische Erklärung für dieses Phänomen gibt es nicht – die Maschinerie lieferte zu jeder Zeit konstant volle 100% der Sollleistung.
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Martina nahm den Schlüsselbund aus dem Wandsafe, aktivierte mit einigen wenigen, geübten Handgriffen die Alarmanlage und schloss die Etagentür vorschriftsmässig ab. Es war spät, sie war die letzte, die an diesem Abend die Firma verliess. Müde blieb sie stehen und lehnte für einen Moment den Kopf gegen die kühle Flurwand und rieb sich die Augen – dann ging sie mit langsamen Schritten das Treppenhaus hinunter.
Die unerwartete Dunkelheit, die sie dort empfing, gefiel ihr nicht. Eigentlich hätte um diese Zeit schon die Nachtbeleuchtung eingeschaltet sein müssen – als sie den ersten Treppenabsatz erreichte, schlug sie unwillig auf den orange beleuchteten Schalter.
Nichts passierte – wahrscheinlich war eine Sicherung durchgebrannt, oder es hatte einen Stromausfall gegeben; es würde ihr wohl nichts anderes übrig bleiben, als die restlichen neun Stockwerke im Dunkeln hinabzusteigen.
Während sie vorsichtig die Stufen hinunterging, kehrten ihre Gedanken wie von selbst zu den Ereignissen der letzten Tage zurück, zu Lena, zu Michael – sie fühlte sich schon lange nicht mehr wohl bei der ganzen Geschichte. Ihr wurde immer klarer, wie hinterhältig sie Lenas Freundschaft missbraucht hatte – sie hatte die letzten Monate in einer Scheinwelt gelebt, hatte nicht nur ihre Umgebung und ihre beste Freundinn, sondern auch sich selbst und ihr Gewissen betrogen – mit der Nachricht von Lenas Einlieferung ins Krankenhaus war dieser Selbstbetrug vor zwei Tagen schlagartig in sich zusammengebrochen.
Ein abstehendes Stück Bodenbelag sorgte dafür, dass Martina abrupt aus ihren Gedanken gerissen wurde – sie stolperte und schaffte es gerade noch, auf einer tiefergelegenen Stufe halt zu finden.



Unverhofft wird das Hektische Schwirren aus seinem gewohnten Kreislauf gerissen: zum ersten Mal seit langem ist es am Morgen nicht erwacht, die Straßen und Märkte bleiben leer, und die Fabrikhallen, Werften und Gaststätten verharren weiter in der Ruhe der Nacht.
Es erfüllt jetzt nicht mehr die Köpfe und Herzen der Menschen, und es scheint, dass es doch das Hektische Schwirren war, das diese Welt gemacht hat, nicht umgekehrt – denn es ist keine friedliche Stille, die jetzt herrscht, sondern eine unerträgliche Leere. Die Menschen sind verunsichert, manche von ihnen verzweifeln.
Das Leben bleibt eingefroren, und wartet auf den Zeitpunkt, an dem das Hektische Schwirren wieder
erwacht…



Die Wohnung wurde nur von einigen provisorisch aufgestellten Kerzen erleuchtet – die Stromausfälle waren jetzt nahezu permanent und hatten sich auf die ganze Stadt ausgeweitet. Einige öffentliche Einrichtungen wie z.B. Krankenhäuser wurden durch Notstromaggregate versorgt, aber der Rest der Stadt lag im Dunkeln – das öffentliche Leben war grösstenteils zum Erliegen gekommen.
Die Sonne war heute noch früher untergegangen als am Vortag.

“Also was, willst Du gehen? Ich halte Dich nicht auf.”
Michael war zum Fenster gegangen und hatte eine Zeitlang hinaus in die Dunkelheit geschaut. Jetzt drehte er sich um und warf Martina einen abfälligen Blick zu.
“Ich habe eh keine Lust mehr, mir Dein ständiges Gejammer noch länger anzuhören.”
Martina saß auf dem großen Sofa und starrte gegen die gegenüberliegende Wand. Sie hatte versucht, mit ihm über ihre Schuldgefühle und ihr schlechtes Gewissen zu reden, aber das Gespräch hatte sich nicht so entwickelt, wie sie es sich erhofft hatte. Dabei war sie sich sicher, dass auch er sich nicht gut fühlte.
“Das ist kein Gejammer. Ich habe vorhin nochmal mit Lenas Mutter telefoniert, und – Michael, warum musstest Du sie unbedingt mitten in der Nacht auf die Straße setzen? Ich…ich finde dass so – schäbig. ”
Michael wusste, das sie im Grunde Recht hatte mit dem, was sie sagte. Was sie beide getan hatten, war nicht in Ordnung. Aber etwas in ihm war noch nicht bereit dafür, das zuzugeben.
“Dann geh doch, geh zu ihrem Eltern und erzähle ihnen alles. Und vergess bloß nicht, Deine eigene Rolle bei all dem zu erwähnen.”

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Donnerstag, 6.11.06

Am Beginn dieses Tages fand der Sonnenaufgang nicht mehr statt.
Der Morgen fiel aus – die Nacht dehnte sich, überflutete die Mittagsstunden, verschmolz am Ende des Abends nahtlos mit der Nacht des folgenden Tages. Kein Lichtstrahl erhellte den Himmel, der Mond war nicht zu sehen. Die Welt lag in völligem Dunkel, und das Dunkel hatte keine Form und keine Begrenzung, kein Anfang und kein Ende mehr. Absolute Schwärze war gekommen und hatte die Welt verschlungen.
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(Lena)
Es schien ihr, als gäbe es schon lange nichts mehr in ihr als diese tiefe, alles umfassende Dunkelheit. Vielleicht war da auch nie etwas anderes gewesen – manchmal hoffte sie, es wäre so.
Aber natürlich stimmte das nicht.
Etwas war gewesen, früher, bevor die Dunkelheit über sie hereingebrochen war. Die Erinnerungen, die von Zeit zu Zeit in ihr emporstiegen, waren nicht schön, aber sie liessen sich nicht abstellen. Sie blieben, pendelten in ihrem Kopf hin und her, kratzten an ihren Gedanken entlang und stiessen sie wieder wach, immer wieder – dabei wäre sie so gerne bewusstlos geblieben…



Michael Gortek stand vor seinem Fenster und starrte in die Dunkelheit.
Wie die meisten anderen in diesen Tagen auch begann er langsam, das Gefühl für Zeit, für die Abfolge von Tag und Nacht zu verlieren. Er wusste nicht, wie lange es her war, dass Martina wütend und in Tränen aufgelöst die Wohnung verlassen hatte.
Vielleicht hätte er sie zurückhalten sollen, aber dafür war es jetzt zu spät.
Michael stand vor seinem Fenster, starrte in die Dunkelheit und überdachte die Ereignisse der letzten Tage – zuerst die düsteren, bedrohlich-schwarzen Wolken am Himmel, die um sich greifenden Stromausfälle, die Sonne, die jeden Tag früher und zuguterletzt scheinbar für immer versunken war – und Lena, die im Krankenhaus lag und gegen jede medizinische Logik noch lebte.
Ihm war etwas klar geworden, und er fasste einen Entschluss. Es war an der Zeit, etwas zu unternehmen.

(Lena)
Wieder zogen die Erinnerungen durch sie hindurch.
Es war ein Sonntag Abend gewesen, die Dämmerung hatte gerade eingesetzt, aber für einen Novembertag war es trotzdem ungewöhnlich hell draussen. Ein sanftes Licht beschien die Welt, und in ihrer Seele herrschte Frieden. Als sie ihre Wohnung betrat, die sie seit einigen Monaten mit Michael teilte, wäre ihr die Vorstellung, ihr Glück könne schon bald brutal und unwiderruflich zerstört werden, undenkbar erschienen.
Sie trat ins Wohnzimmer und umarmte Michael, der vor einem Regal stand und das Buch, in dem er gerade gelesen hatte, zurück an seinen Platz stellte.
“Hi Schatz, wie geht’s Dir?”
Zu ihrer Verwunderung erwiderte Michael die Umarmung nur kurz und flüchtig.
“Setz Dich, Lena. Ich habe mit Dir zu reden.”

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Auszug aus der Krankenakte 031106/02 – “Lena Brzinsky”, Marienhospital Berlin-Tempelhof, Ortsteil Lichtenrade:

Freitag, 7.11.06

Nach den jüngsten Ereignissen bleibt die Patientin von Besuchen abgeschottet, die Pflegetätigkeiten beschränken sich auf das absolut notwendige Mindestmass.
Es zeigen sich weiterhin äusserliche Veränderungen am Körper der Patientin – während die Lebenserhaltung gegen jede medizinische Logik ihren Zweck erfüllt, hat ihr Gesicht einen leichenhaft blassen Ausdruck angenommen, und in der linken Brust klafft eine schwarze Wunde.
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Der Weg durch die ausgestorbene Stadt hin zum Krankenhaus war schwierig und mühselig gewesen – jetzt aber stellte Michael fest, dass die Dunkelheit auch ihre Vorteile hatte: niemand sah ihn, als er sich von hinten dem grossen, modernen Neubau näherte und sich langsam zum aus grossflächigen Fenstern bestehenden Seitenflügel schlich.
Irgendwo unterwegs hatte er einen faustgrossen Stein gefunden, der würde seinen Zweck schon erfüllen. Es hatte ihn ungewöhnlich viel Kraft gekostet, ihn hierher zu tragen – Schweiss rann ihm über die Stirn, und als er direkt vor der großen Glasscheibe stand, musste er einen Moment lang Atem schöpfen. Dann holte er aus und stiess den Stein kraftvoll gegen sein eigenes Spiegelbild, dass sich dünn im Lichtkegel seiner Taschenlampe abzeichnete.
Mit einem lauten Splittern zerbarst die Scheibe in tausend Stücke.


(Lena)
“Michael, was ist los? Stimmt etwas nicht?”
Verwirrt hatte sie auf dem großen Sofa Platz genommen. Ihr gefiel das hier überhaupt nicht – sie begann zu ahnen, dass heute Abend etwas schlimmes passieren würde.
Michael wartete einen Moment ab und beobachtete amüsiert die panische Unruhe, die er in Lenas Augen wachsen sah.
“Liebe Lena, ich möchte unsere Beziehung hiermit beenden. Martina und ich haben ein Verhältnis miteinander, schon seit Monaten – ich finde, es wird Zeit, dass Du das weisst.”
“Was meinst Du – das hättest Du nicht erwartet, oder? ”
Wieder hielt er einen Momente, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten.
“Na sag schon!”
Es fiel Lena zuerst schwer, etwas anderes als unverständliches Schluchzen von sich zu geben:
“Martina? Aber..sie…noch heute Mittag…”
Eine längere Pause entstand, dann sagte sie langsam und mit sehr leiser, aber deutlicher Stimme:
“Sei still. Sei…sei still und lass mich in Frieden. Ich will, dass Du auf der Stelle von hier verschwindest.”
Michael hatte sein Gesicht jetzt zu einem breiten Grinsen auseinandergezogen:
“Aber Lena, hast Du etwa vergessen, dass die Wohnung mir gehört? Ich glaube, wenn hier jemand gehen sollte, bist Du es.“
Es bereitete ihm sichtlich Freude, ihr diesen letzten Schlag zu versetzen. Er betrachtete Lena eine Weile, die jetzt sprachlos da saßund dumpf an ihm vorbeistarrte.
“Na los, worauf wartest Du noch? Raus hier!”



Michael tastete sich vorsichtig das völlig im Dunkeln liegende Treppenhaus hinauf. Die Taschenlampe, die ihm auf dem Weg durch die Stadt noch hatte helfen können, war im selben Moment erloschen, in dem er durch den leeren Fensterrahmen eingestiegen war.
Lenas Zimmer befand sich oben im vierten Stock, und die Treppe begann gleich hier zu seiner Linken – er kannte sich in dem Gebäude gut genug aus, um seinen Weg auch ohne Licht zu finden.

Mehr noch als die Dunkelheit aber machte ihm das Gewicht seines eigenen Körpers zu schaffen. Es hatte ihn schon ungewöhnlich viel Mühe gekostet, den Stein hierher zu tragen, den er für die Fensterscheibe gebraucht hatte – er schien ihm viel, viel schwerer gewesen zu sein, als man es für einen Stein von so geringer Grösser erwarten konnte.
Mittlerweile war es schlimmer geworden – nicht nur sämtliche Gegenstände hatten scheinbar an Gewicht zugenommen, sondern auch sein eigener Körper. Mühevoll setzte er einen Schritt vor den anderen – sich zur nächsten Treppenstufe emporzuziehen, kostete ihn geradezu übermenschliche Anstrengung.
Verbissen kämpfte er sich mühevoll Stufe um Stufe empor, während seine Erschöpfung ihm langsam, langsam die Sinne schwinden liess. Nach einer Dreiviertelstunde war er beinahe an seinem Ziel angelangt – er nahm alle Kraft zusammen, hob den linken Fuss und versuchte, den Boden des letzten Treppenabsatzes zu ertasten.
Es gelang ihm nicht mehr – sein Körper geriet aus dem Gleichgewicht, er taumelte und kippte zur Seite weg. Zu der Seite, die nur durch ein dünnes, unstabiles Treppengeländer gesichert war – ausreichend für einen Menschen von normalem Gewicht, unter normalen Umständen. Der zentnerschweren Last, der es nun durch Michaels von vervielfachter Gravitation potenziertes Gewicht ausgesetzt war, konnte es nicht standhalten. Ebenso wenig, wie sein Körper dem sechs Meter tiefen Sturz standhalten konnte, der sich nun anschloss – Michael war zu erschöpft und zu überrascht, um zu schreien, bevor er schwerer als ein Stein nach unten fiel und mit einem lauten, dumpfen Geräusch auf dem schmutziggrauen PVC-Boden aufschlug.

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Auszug aus der Krankenakte 031106/02 – “Lena Brzinsky”, Marienhospital Berlin-Tempelhof, Ortsteil Lichtenrade:

Samstag, 8.11.06

Bei Durchsicht der bisherigen Einträge in dieser Akte beginnen wir uns zu fragen, ob wir nicht alle Opfer einer Halluzination gewesen sind – der Zustand der Patientin ist gut. Etwas geschwächt, aber ihr Kreislauf ist stabil; an ihren Inneren Organen sind keinerlei Degenerations- oder Rückbildungserscheinungen zu erkennen.
Wir werden sie noch drei Tage zur Beobachtung hierbehalten. Falls sich bis dahin nichts ungewöhnliches ereignet, kann sie entlassen werden – und wir können diese Akte schliessen.
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Der folgende Montag war ein schöner, lauer Herbsttag. Die Luft war klar, und Nachmittags um halb fünf war die Welt erfüllt vom warmen Licht der Abendsonne.
Zum Krankenhaus gehörte auch ein kleiner, gemütlicher Wintergarten – dort sassen sich Martina und Lena gegenüber und sahen einander in die Augen.
“Und Du kannst Dich wirklich an gar nichts erinnern?”
Martina hatte ihr dabei geholfen, zum ersten Mal seit ihrem Zusammenbruch aufzustehen und ein Stück zu gehen – jetzt sassen sie beide hier und ruhten sich aus.
“Nein.” Lenas Gesicht war immer noch ein wenig blass, und man sah deutlich, wieviel Gewicht sie während ihrer einwöchigen Bewusstlosigkeit verloren hatte.
“Ich weiss, dass ich am Sonntag Abend zu unserer Wohnung gegangen bin, ich erinnere mich auch noch an den Moment, an dem ich die Wohnungstür aufgeschlossen habe, aber danach ist nur …Dunkelheit.”
Bei dem letzten Wort zögerte sie, und ihr Blick trübte sich.
“Ist irgendetwas schlimmes passiert? Die Ärzte wollten mir nicht so recht sagen, was mit mir los war – nur, dass ich einen Kreislaufzusammenbruch hatte und eine Woche nicht bei Bewusstsein war. Wie geht es Michael – ist alles in Ordnung mit ihm?”

Seitdem Martina von Michaels Tod erfahren hatte, und davon, das Lena wieder bei Bewusstsein war, hatte sie gewusst, dass diese Frage kommen würde. Sie hatte lange nachgedacht und schließlich eine Entscheidung getroffen.
“Lena, Michael ist tot. Es hat einen Unfall gegeben, und er…”
Sie sprach nicht weiter, denn sie sah die Tränen, die in Lenas Augen und auf ihren Wangen erschienen waren. Dann stand sie auf, ging um den kleinen butterfarbenen Kaffeetisch herum und schloss ihre Freundin in die Arme…

– E N D E –

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