Rot

Lang war sie, die Zeit. Lang, gemütlich und auch von einer nicht von der Hand zu weisenden Trägheit. Die Zeit nämlich, die ich regelmässig in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr auf dem Sofa meiner Eltern verbrachte. Sämtliche vermeidbaren Tätigkeiten wurden in dieser Phase vermieden, meine Handlungen beschränkten sich auf Essen, Schlafen sowie das gelegentliche Bespassen meiner Nichten und Neffen. Ein angenehmer Zustand, sollte man meinen, und nichts, was ich im Folgenden mit zitternder Hand niederschreiben werde, soll dieser Auffassung zu widersprechen geneigt sein – im Gegenteil.

Dennoch, meine Erfahrungen aus den letzten Jahren liessen mich, nach dem Dahinstreichen des harten Kerns der Feiertage, die über jede Änderung ihres Status Quo selbstverständlich erhaben sind, in diesem Jahr einen Entschluss fassen: ich würde mich zu einem Spaziergang aufmachen. Um zu vermeiden, dass ich spätestens am Sylvesterabend einen somnabulisischen Trancezustand erreicht haben würde, der dann sogar mir zu träge ist, um für die am selben Abend geplante Party zumindest ein Minimum an psychischer Präsenz zu zeigen, und um ganz allgemein dem sich breitmachenden Vorurteil entgegenzuwirken, dass „Frischluft“ das Gegenteil von „Weihnachten“ sei, raffte ich mich am 27. Dezember um Punkt 17.30 Uhr auf, griff entschlossen nach Schuhen, Mantel und Mütze und stand, eh ich mich versah, draussen in der Dunkelheit.

„Brr!!“ – wobei, ich erinnerte mich, dass es in diesem Jahr ja gar nicht kalt, sondern im Gegenteil erstaunlich mild war – auf den Weichei-November mit blühenden Krokussen und frühlingshaften Temperaturen, den ich so genossen hatte, war nahtlos ein ebensolcher Winter gefolgt. Also kein „Brr!“, um so besser.

Gemütlichen Schrittes schlenderte ich die Strasse entlang, mein Brustkorb hob und senkte sich und füllte mit belebender Regelmässigkeit meine freudig überrascht dreinschauenden Lungenflügel mit frischer Luft.

Dieser Spaziergang stellte sich als eine fantastische Idee heraus, ich beschloss, ihn von jetzt an in jedem Jahr durchzuführen, am besten an genau diesem Tag zu genau dieser Uhrzeit.



Inzwischen hatte ich das erreicht und hinter mir gelassen, was in unserem kleinen Städtchen die Bezeichnung „Innenstadt“ trägt, und ich spazierte eine etwas abgelegenere Strasse entlang, die für mich aber um so erinnerungsträchtiger war. Zu meiner Rechten lag meine alte Grundschule, noch immer umrundet von dem gleichen verträumten Mäuerchen wie vor – hmm, wie vor mittlerweile tatsächlich 25 Jahren. Eine gewisse Wehmut überkam mich, die auch durch den direkt vor mir stehenden Neubau nicht getrübt wurde – irgendetwas musste sich ja verändern, in einer so langen Zeit.

Ich fühlte mich zurückversetzt in die Zeiten meiner frühesten Kindheit, ein kleiner Knirps mit einem zerbeulten Schultournister. Das Mäuerchen an meiner Seite schien höher geworden zu sein, ich wartete wie früher ungeduldig auf die Zeit, in der ich gross genug wäre hinaufzusteigen und auf ihr entlang zu balancieren.

Aber wenige Schritte später lag das Schulgebäude bereits hinter mir, schon merkte ich, dass ich langsam wieder in meine vertraute Erwachsenenwelt zurückkehrte, als eine alte, längst vergessen geglaubte Angst von mir Besitz ergriff: Vor mir – nur noch knapp hundert Meter entfernt – lag ein schmaler, nur spärlich beleuchteter Seitenweg. Eine Abkürzung, die ich früher regelmässig benutzt hatte – eigentlich gegen meinen Willen, war doch der normale Weg über die Strassen für meine kurzen, unsicheren Beine unüberschaubar weit gewesen.

Gegen meinen Willen deshalb, weil das Passieren dieses Weges seit jeher mit einer grossen Gefahr verbundenn gewesen war – eine kleine Hofeinfahrt, ein nur hüfthoher Metallzaun, der nur all zu oft offen stand – ein kleines, unauffälliges Schild an der Garagenwand, weisse Schrift auf rotem Hintergrund: „Warnung vor dem Hund“.

Heute musste ich natürlich über meine damalige, kindliche Angst schmunzeln – hatte man denn jemals gehört, dass auch nur ein Kind von eben diesem Hund gebissen worden war? Mir fiel sein Name ein: Aros, ein kleiner, bulliger Boxer mit vorstehenden Beisszähnen und dem für seine Rasse typischen Gesichtsausdruck. Im Grunde war es ja nur sein lautes Gebell, dass uns solche Angst eingejagt hatte – vielleicht war es ja sogar freundlich gemeint gewesen? Ich näherte mich dem Eingang des Seitenweges und schaute interessiert in Richtung der bewussten Einfahrt, die aus meiner jetzigen Position heraus aber selbstverständlich noch von einer Reihe hochgewachsener Ziertannen verdeckt wurde. Früher war ich diesen Weg nur mit klopfendem Herzen und schweissnassen Händen gegangen – heute war das natürlich etwas anderes.

Allerdings war es wirklich blöd, dass man von hier aus noch nichts sehen konnte! Ich ging zum rechten Wegrand herüber, um mein Blickfeld nach links ein wenig erweitern zu können – mir fiel ein, dass ich genau denselben Trick früher auch immer probiert hatte – im Übrigen genauso vergeblich wie heute. Wie alt dieser Hund heute wohl sein mochte? Knapp 25 Jahre war das alles her – und mit einem Male musste ich über die Albernheit meiner Nervosität lachen: Bekanntermassen stehen sieben Hundejahre einem Menschenjahr gegenüber, ich musste mir also nicht mal die Mühe machen, die genaue Zahl auszurechnen, um zu wissen, das Aros schon vor langer, langer Zeit gestorben sein musste. Ganz bewusst kehrte ich wieder auf die Mitte des Weges zurück – um die Sache völlig klar zu machen.

Einen Augenblick später tauchte die Einfahrt vor mir auf, und ich musste nochmal lachen: nicht nur, dass Aros längst verstorben war – Ruhe er in Frieden, fügte ich der Pietät halber hinzu – offenbar war es seinem Besitzer ähnlich ergangen, oder er war weggezogen, oder hatte zumindest gründlich seinen Lebensstil verändert: Dort, wo früher eine harte, graue Garagenwand gewesen war, leuchtete mir jetzt ein freundliches Gelb entgegen, überdeckt von aus liebevoll angebrachten Blumenkübeln herabhängenden Zierpflanzen. Auch von dem gefürchteten Metallzaun sah ich nichts mehr – klar, nach einem gewissen bedauernswerten traurigen Ereignis war er unnötig geworden. Ich ging weiter und betrachtete den kleinen, gemütlichen Innenhof, der sich vor meinen Augen auftat. Ich merkte nicht, wie die Geräusche der Natur um mich herum verstummten, wie es plötzlich totenstill wurde. Ich war mittlerweile soweit vorangekommen, dass ich, wenn ich den Kopf zurückdrehte, jetzt auch die Hinterseite der Einfahrt einsehen konnte. Ein plötzlicher Schreck durchfuhr mich, als ich den weit geöffneten Torflügel sah – der Metallzaun war noch da, unverändert, nur stand er soweit offen, dass ich ihn erst jetzt sehen konnte. Himmel, dachte ich, wenn ich das vorher gewusst hätte… Aber, wie war das noch – 25×7, würde ungefähr….

In diesem Moment hörte ich ein leises, aber sehr eindringliches Knurren aus dem hintersten Winkel der Einfahrt dringen. Mein Herz blieb stehen, als ich die gedrungene, mir wohlbekannte Gestalt auf mich zuschnellen sah…

25×7, das wären – auf jedenfall gut über 100, und zwar…

Vielleicht hätte ich eine Chance gehabt, wenn ich sofort die Beine in die Hand genommen hätte, wie damals als Schuljunge. Jetzt aber hatte ich die Vermessenheit gehabt, stehenzubleiben, in dem festen Glauben, dass nach 25 Jahren, also 25×7, was dann sogar über 150 wären…

Anstatt davonzulaufen stand ich da und rechnete, während zwei muskulöse Vorderpfoten vor meinen Brustkorb stiessen und mich zu Boden warfen…

25×7, und die Jahre, die er vorher schon auf dem Buckel gehabt haben musste, dachte ich verzweifelt.

Sein Gesicht tauchte vor mir auf, dieses gedrungene, bösartige Gesicht mit den weit vorstehenden Vorderzähnen, die sich jetzt langsam meiner Kehle näherten.

25×7 sowie schätzungsweise zwei Jahre, also 27×7, dachte ich.

Ich roch den heisssen Atem der wütenden Bestie über mir.

„Einhundertneunundachtzig!“ wollte ich noch schreien, aber ich kam nicht mehr dazu, weil sich kraftvolle Zähne gierig in meine Kehle zu bohren begannen und sich mein Blickfeld schnell mit dunkelrotem Blut füllte.



(Dann wachte ich auf, erhob mich vom Sofa und machte mit einer schnellen, gezielten Bewegung das grosse Wohnzimmerfenster auf, bevor ich mich mit klopfendem Herzen wieder schlafenlegte.)

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