Provence

Ruhig und gleichmässig frass der fabrikneue Wasserstoffmotor meines grossräumigen Dienstwagens Liter um Liter des modernen Superkraftstoffs in sich hinein. Mein Weg führte mich ausgehend von Berlin über Köln und Paris direkt nach Avignon, und damit ins Herz der Provence. Die mir gestellte Aufgabe war Routinearbeit, nichts, worüber es nötig gewesen wäre, sich Sorgen zu machen.
Eben hatte ich Paris mit seinem dichten Verkehr und seinen vertrackten Umgehungsstrassen hinter mir gelassen und hatte jetzt Zeit, meinen Gedanken nachzugehen.
Ich erinnerte mich an meinen ersten Aufenthalt in der Provence – ich war anfang 20 gewesen, ein junger Student, dem seine Semesterferien die Zeit für einen vierwöchigen Urlaub gelassen hatten – die Zeit, aber nicht das nötige Geld, um sie anders als mit Fahrrad und Zelt auf preisgünstigen Campingplätzen zu verbringen.
Ich war damals spontan und völlig ungeplant losgefahren, mit einem geliehenen, halb schrottreifen Rad, das ich schlussendlich beinahe die Hälfte der Strecke hatte schieben müssen.
Ganz deutlich erinnerte ich mich an die vielen Momente, in denen entweder meine Ventile oder mein Schlauch defekt gewesen waren, meine Luftpumpe nicht funktioniert hatte oder von den eigentlich 21 Gängen nur ein einziger einsatzfähig gewesen war, und ich mein hoch mit Gepäck beladenes Fahrrad über Stunden hinweg den Berg hatte hinaufschieben müssen – Abfahrten von manchmal bis zu zehn Kilometern Länge mit endlos an mir vorbeirauschenden Obstbaumplantagen, verträumten Felsvorsprüngen und leuchtenden Lavendelfeldern hatten mich für diese Mühen aber mehr als belohnt.
Die Landschaft um mich herum war manchmal von einer Schönheit gewesen, dass ich vor lauter Staunen am liebsten geweint hätte.
Und ich erinnerte mich auch an einen verwunschenen Abend, an dem ich mit einem hübschen, 19jährigen Mädchen auf einem Hügel gesessen habe, wir gemeinsam den Mond betrachteten, uns über unsere Zukunft, unser Leben unterhielten und von Baumhäusern in Indien geträumt haben.
In der Zwischenzeit war ich beinahe am Ende meines Weges angekommen. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, das ich noch etwas Zeit übrig hatte – ich verliess die erst kürzlich fertiggestellte Europastrasse, bog ab und war nach etwa zwanzig Minuten an derselben Stelle angelangt, an der ich 25 Jahre zuvor spät Abends auf dem Zeltplatz von apfelpflückenden Saisonarbeitern untergekommen war – mit viel Glück und kurz vor Einbruch der Dämmerung.
Ich parkte meinen Wagen am Straßenrand, stieg aus und betrachtete die Landschaft.
Spätestens seit den Pestizitskandalen in Südfrankreich, der Unfähigkeit der ersten europäischen Regierung, die Giftmüllkrise verantwortungsvoll zu lösen und schließlich dem ersten weltweiten Zusammenbruch der Biosphäre gab es in der Provence keine Obstpflücker mehr. Die grüne, blühende Landschaft war schwarz geworden, und mein Blick fiel auf eine öde, leblose Wüste aus Steinen und oxydiertem Staub.
Ich ging einige Schritte, um mir nach der langen Fahrt die Beine zu vertreten, dann setzte ich mich ein Stück abseits vom Straßenrand auf einen Stein und weinte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.