Prinz und Prinzessin

„Ich will dich nicht heiraten!“

Trotzig warf die junge Prinzessin den Kopf in den Nacken und starrte stur gegen die hellgrüne Wand des Schlafgemachs, an der sich noch schwach die Reste glibbriger Körperflüssigkeit abzeichneten, die der Frosch, den sie einige Augenblicke zuvor protokollgemäss dagegengeschleudert hatte, dort hinterlassen hatte, und der jetzt — verwandelt in einen allenfalls mässigen Standardprinzen — vor ihr stand und sie vorwurfsvoll ansah.

„Ich will einfach nicht, und ich glaube nicht, dass du mich dazu zwingen kannst!“

Die Unterhaltung wurde, trotz ihrer emotionalen Brisanz, leise geführt — beide wussten, dass die Öffentlichkeit im Punkte der Eheschliessung keinerlei Spass verstand, und wenn herauskommen würde, dass es hier gerade Schwierigkeiten gab, würden die Stornierungen für die geplante grossmedial inszenierte Prunkhochzeit in die hunderttausende gehen.

„Jetzt sei nicht albern — meinen Teil der Abmachung habe ich erfüllt, oder etwa nicht?“

Demonstrativ hob der Prinz die Arme und deutete auf seinen muskulösen Körper, vergaß dabei aber leider völlig, seine Finger zusammen zu lassen, so dass Reste blassgrüner Schwimmhäute sichtbar wurden, die die Rückverwandlung merkwürdigerweise überdauert hatten — er hatte versäumt, die letzten Raten seiner Transmagic-Insurance-Police zu bezahlen, und der Konzern begann, ihn dezent auf diesen Umstand hinzuweisen.

Der peinliche Effekt war unübersehbar.

„Scheisse!“

Resigniert sah der er an sich herab, hob den Kopf aber schnell wieder, als ihm bei dieser Gelegenheit die überdimensionale Grösse seiner ebenfalls nur rudimentär zurückverwandelten Füsse auffiel.

„Meinst du etwa, ich könnte mir nicht auch was besseres vorstellen meinen Samstag Abend zu verbringen als das hier? Verdammt, die haben sich nicht mal die Mühe gemacht, frische Bettwäsche auf das Himmelbett zu ziehen…“

Angeekelt fiel sein Blick auf die dunklen Schmutzflecken, die das abgewetzte Laken zierten, auf das er sich gerade eben hatte setzen wollen — Dornröschen war noch nie besonders reinlich gewesen, und nach hundert Jahren….

„Genau das meine ich ja — wenn wir uns nicht endlich zur Wehr setzen, können die irgendwann alles mit uns machen!“

Die Prinzessin hatte sich jetzt wieder dem Prinzen zugewandt und funkelte ihn an.

„Weisst du, das hier ist doch krank. Ich glaube sowieso nicht, dass auf diesen ganzen Verwandlungs-Humbug heutzutage noch irgendjemand reinfällt. Und dann stecken wir wirklich in der Tinte, oder? Wie hoch ist der Vorschuss, den wir für dieses Dreckloch hier bezahlt haben?“

Der Prinz sah beschämt zu Boden — aber nur kurz, aus bekannten Gründen. Allmählich begann er sich wirklich unwohl zu fühlen.

„Wieviel?“

Wütend klopte die Prinzessin mit dem Fuss auf den Boden und wartete auf eine Antwort ihres Gegenübers. Dieser stand aber nur schweigend da und begann, anstatt zu reden, langsam rot zu werden.

„Nun?“

Keine Antwort. Dafür noch mehr rot.

„Jetzt — heh, was versuchst du da? Hör sofort auf damit!“

Sie ging auf den Prinzen zu und schlug ihm heftig zweimal mit der flachen Hand ins Gesicht — das Rot verschwand.

„Du glaubst aber auch wirklich jeden Scheiss.“

„Du…du hast das Buch gefunden?“

„Lag auf deinem Nachttisch.“

„Mist.“

Eine Gratisbeigabe der Transmagic: ‚Verwandeln Sie sich in einen echten, feuerspeienden Drachen, wann immer sie wollen. Erleben sie, wie Nachbarn Sie beneiden und Feinde vor Ihnen erzittern werden. Frauen werden Ihnen zu Füssen liegen! Nur solange der Vorrat reicht.‘

„Du Idiot! Alles, was du dir holen wirst, ist ein asthmatischer Husten.“

„Hatschi.“

„Sei still. Überleg lieber, wie wir aus dem Schlamassel hier wieder herauskommen sollen.“

Resigniert setzte sie sich auf das durchgelegene Bettlaken. Die Schmutzränder waren ihr jetzt egal; Tränen standen in Ihren Augen.

„Du hast schon wieder Schulden gemacht, oder?“

„Hmmm…..“

„Hast Du?“

„Nein, aber ich ….“

Verschämt wich der Prinz ihrem Blick aus.

„Nicht schon wieder! Du hast nicht schon wieder ein neues Engagement angenommen, oder?“

„Hmmmmmmmm…“

Die Prinzessin sah ihn mit eiskalten Augen an. Jede Spur von Anteilnahme oder gar Mitleid mit der ramponierten Gestalt vor ihr war daraus verschwunden.

„Was ist es diesmal?“

(Schweigen)

„Nun?“

„Brüder….“

Er musste schlucken, bevor er die niederschmetternde Nachricht artikulieren konnte.

„Brüderchen und Schwesterchen.“

Die Prinzessin sass einen Augenblick lang stumm dar, dann brach sie in Tränen aus.

„Das auch noch….Geschwister! Dabei haben wir uns einmal geliebt, weisst du noch?“

Der Prinz schwieg und nickte stumm. Damals, als noch alles in Ordnung war, waren sie beide ein Paar gewesen…



„Urlaub in den Bergen! Unberührte Natur! Quellwasser! Service & Verpflegung durch internationale Spitzenkräfte!“

Klang gut, für ein junges Paar, das gerade auf Hochzeitsreise war. Frisch verliebt, selig-glücklich, aber leider kein Geld…

Der in frischem Rot gedruckte Zusatz war ihnen deshalb sofort ins Auge gestochen:

„Unterkunft Gratis!“

Syndikat der Sieben — keiner von beiden hatte von denen jemals etwas gehört, aber warum immer misstrauisch sein?

Als die beiden gemerkt hatten, was gespielt wurde, sass er fett und aufgedunsen in einem Holzverschlag, und sie wurde von einem siebenfachen Mentalblock zur Verrichtung von niederen Hausarbeiten gezwungen.

Beim dritten Versuch, seine Angebetete aus der Sklaverei zu befreien, war er erwischt worden — die Verkleidung als Hausierer war einfach zu schlecht gewesen, er selber hatte sich das schliesslich zerknirscht eingestehen müssen.

Der Preis für ihre Freilassung war das Unterschreiben eines Vertrages gewesen, der ihnen beiden auf jahrzehnte hinaus keine Gelegenheit gab, jemals wieder so etwas wie ein freies Leben zu führen — und seitdem hetzten sie von einem entwürdigenden Engagement zum anderen, während die Big Seven, wie sie sich seit einiger Zeit nannten, ein Leben in Saus und Braus zu führen begannen. Vorsichtiges Fragen im Freundeskreis hatte ergeben, dass wohl noch andere auf die Ferienhaus-Masche hereingefallen waren, auch wenn niemand darüber reden wollte.



Dererlei trübe Gedanken gingen dem Prinzen durch den Kopf, während er verzweifelt versuchte, dem vorwurfsvollen Blick seiner Freundin standzuhalten und gleichzeitig diesen beschämenden Hustenreiz zu unterdrücken, der sich seit einigen Minuten in seiner Kehle breitgemacht hatte.

Ein Quietschen der Schlafzimmertüre riss ihn aus seinen Gedanken.

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