Pedro

Der kleine Junge stand mitten im grossen, bunten Treiben des Hafens von Lissabon und schien die Welt um sich herum vollständig vergessen zu haben.
“Pedro, kommst Du?”
Er hatte den Kopf so weit in den Nacken gelegt, dass es ihm schon nach kurzer Zeit anfing, weh zu tun – aber das störte ihn nicht im Geringsten.
“Los jetzt, wir müssen weiter!”
Die gereizte, verärgerte Stimme seiner Mutter erreichte ihn nicht – wie konnte sie auch, bei dem, was seine glücklich leuchtenden Augen gerade entdeckt hatten!
Er stand direkt am Kai, dort, wo die grossen, gewaltigen Handelsschiffe anlegten, diejenigen, deren Reisezeit nicht in Wochen, sondern in Monaten gemessen wurde, manchmal sogar in Jahren.
Pedro starrte gebannt auf die riesenhafte Silhuette eines großen Dreimasters, der offenbar am frühen Morgen angelegt hatte und jetzt beladen wurde. Die Reling des Schiffes lag so hoch über ihm, dass er die Gestalten der breit gebauten, aufgrund der während so langer Reisen nahezu unvermeidlichen Skorbut-Krankheit meist kahlköpfigen Matrosen nur unscharf erkennen konnte, aber er sah, wie sie mit schnellen, routinierten Bewegungen ein grosses, schweres Fass nach dem anderen von der ausgefahrenen Ladebühne nahmen und im Bauch des Schiffes verstauten. Er fragte sich, wieviel hundert oder tausend Fässer wohl nötig waren, um diesen riesigen Bauch zu füllen und den Hunger dieses stolzen, erhabenen Geschöpfs soweit zu stillen, dass es bereit war für eine neue, endlose Fahrt über das Meer.
Er sah auch, dass am Boden der Hebevorrichtung, direkt neben ihm, noch dutzende von Fässern standen, die darauf warteten, dass..
Eine schallende Ohrfeige traf ihn und riss ihn aus seinen Träumen.
“Jetzt komm endlich. Es ist immer das gleiche mit Dir – ich glaube, das nächste Mal, wenn ich zum Hafen gehen muss, lasse ich Dich zuhause.”
Seine Mutter hatte ihn bei der Hand genommen und zog ihn unsanft hinter sich her, während sie sich durch die dichte Menschenmenge wühlte. Wie jedesmal, wenn Schiffe mit neuen Warenlieferungen, vor allem mit Lebensmitteln, eingetroffen waren, war der Kai voll von Menschen, die genau wie sie gekommen waren, um die teuren Preise der örtlichen Händler zu vermeiden und das eine oder andere direkt hier zu erwerben.
Das Bild des grossen, stolzen Schiffes aber blieb vor Pedros innerem Auge stehen – verzweifelt verrenkte er den Kopf, um wenigstens noch einen letzten Blick erhaschen zu können. Er hatte die Worte seiner Mutter sehr wohl vernommen. Und er kannte sie, wahrscheinlich würde sie ihre Drohung in die Tat umsetzen. Das hiesse für ihn – ja, das hiesse, er würde nie mehr so wie gerade eben auf das Meer hinausschauen können, nie mehr – Tränen traten in seine Augen. Das durfte nicht sein, nicht wenn…
Er dachte an die Fässer, die er unten an der Hebevorrichtung hatte stehen sehen. Pedro wartete, bis seine Mutter ihn gerade einmal nicht in ihrem Blickfeld hatte, dann fasste er sich ein Herz und riss sich los.

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