Novemberkind

für Ellen zum 29. Geburtstag


Sagt man das nicht: dass die Zeit immer schneller verstreicht?
Das sie eine Beschleunigung durchlebt, wie beim freien Fall? Was bedeutet das, rückwärts gesehen? Diese Kurve, wie sieht sie aus,zurückgeführt zu ihrem Anfang?
Wie weit dehnen sich die Stunden, Minuten, Sekunden, wenn das Bewusstsein noch das sprichwörtliche unbeschriebene Blatt ist, weiss und leer, gerade erst emporgestiegen aus den Vorhöfen der Geburt?
Wie lange dauert er, der erste Moment, der erste Blick – wer ermisst die Ewigkeit des ersten Schreis, den äonentiefen Abgrund vor dem ersten Atemholen?
Und was kann das dann noch sein, das wir mit so großen Worten “Das Leben” nennen – was kann es noch sein als ein flüchtiger Hauch, der niemals das verändern kann, was gerade geformt worden ist: mit dem ersten bewussten Herzschlag Deiner neugeborenen Seele?

Ich schaue Dich an: meine Gedanken, jetzt, wo ich Dich zum ersten Mal in meinen Händen trage – Du noch verknautscht und mit blauen Augen. Ich teile diesen Moment mit Dir: Deine Zeit rast an mir vorbei, und ohne es zu wollen erfülle ich Dich – das Bild meiner Seele dringt auf Dich ein, formt Dich, während draußen der Regen auf welkes Laub fällt.
Es ist Herbst, und er ist es, der mich erfüllt – jetzt, gerade, in diesem, unseren Moment. Seine Melancholie, seine Suche nach Frieden, seine endzeitliche Schweigsamkeit.
Bei ihrer Geburt haben alle Kinder blaue Augen, ihre eigene Farbe entwickeln sie erst im Laufe ihres Lebens. Was mag es sein, was ich Dir mitgegeben habe, jetzt, in diesem, unseren Moment?

Welche Farbe werden Deine Augen tragen?

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