Monolog II



I.

…wirklich, nichts mehr? Ich dachte, es müsste zuende sein – Eintritt des Todes nach Gefrierung der Lunge.
Aber etwas ist geblieben. Mein Bewusstsein – ich denke: Cogito, ergo sum, wie man sagt.

Was auch geblieben ist: das unmenschliche Gefühl brutaler Kälte, das ich jetzt aber nicht mehr an meinem Körper spüre – mein Körper hat aufgehört zu sein, wenigstens für mich, oder für mein Bewusstsein, oder für was auch immer von mir noch übrig geblieben ist.
Die Kälte ist jetzt zu einer universalen Substanz geworden.
Mit der Kälte Verbunden ist der Schmerz, und deshalb ist auch der Schmerz mit meinem Bewusstsein verbunden. Vielleicht denke ich nur noch, weil es den Schmerz gibt, und ich sollte froh sein, dass er da ist.

Aber noch etwas anderes gibt es: Erinnerungen an die Wärme, verschwommene Bilder einer Welt, in der es Licht und Bewegung gibt – Formen und Farben entstehen, und ich fange an zu träumen.

II.

Wie jeden Morgen erwache ich kurz nach Tagesanbruch – ich habe ein weiches Bett inmitten meines großen Blumenbeetes, und wenn ich die Augen öffne, schaue ich zuerst auf hundert wunderschöne Blüten.
Heute Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum – mir war fürchterlich kalt, die weichen Blätter, aus denen ich mein Bett gebaut habe, waren mit einem Male hart wie Stein, und ich hatte das Gefühl, die sonst so schönen, anmutigen Blüten über meinem Kopf hätten sich in böse Klauen und gierige Mäuler verwandelt, die nach mir griffen und mich zu verschlingen drohten.

Jetzt, wo ich aufgewacht bin, fällt meine Angst schnell von mir ab – alles ist so wie immer, und nachdem ich mein Frühstück eingenommen und einen kleinen Spaziergang um meine Insel gemacht habe, setze ich mich hin und bewundere die Schönheit meines Blumenbeetes.

III.

Ich träume – heisst, ich kann Bilder entstehen lassen und sie verändern – oder entstehen sie von alleine, ohne mein Zutun, und ich bin nur Zuschauer. Vielleicht bin ich so sehr Zuschauer, dass ich das Nichtvorhandensein meiner Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, nur deshalb nicht wahrnehme, weil es nichts in mir gibt, dass ausserhalb des Stroms werdender und vergehender der Bilder steht?
Ich mache einen Versuch, Kontrolle auszuüben, einen Versuch, Bilder zu schaffen, die ich als gegensätzlich empfinde, als nicht Stromkonform.

Für einen Moment ist nur noch Chaos, dann kollabieren alle Bilder und Farben und es gibt wieder nur die Kälte, den Schmerz und mein leeres Bewusstsein.

IV.

Ich liege mit ausgestreckten Armen im Gras und schaue in den blauen Himmel hinauf. Es ist ein schöner Tag mit sehr klarer Luft, und ich kann weit schauen. Heute ist der Himmel voller Bewegung, ich sehe Inseln mit Bäumen oder grossen, klaren Seen vorbeiziehen. Auch ein paar Blumeninseln sehe ich, aber sie interessieren mich nicht.Keine von ihnen ist so schön wie meine.

V.

Also zerbricht der Strom, sobald ich versuche, ihn zu kontrollieren. Es scheint, dass ich doch nur Teil von ihm bin, unautonom, abhängig.
Aber wie konnte ich dann seinen Zusammenbruch herbeiführen? Und warum hat mein Bewusstsein diesen Zusammenbruch überdauert?
Wobei, wenn es so ist, wie ich vermute, und mein Bewusstsein und der Schmerz und die Kälte eins sind, ist es einfach: die Kälte ist erhalten geblieben: eine starre Substanz ohne Anfang und Ende.

Ich merke, dass die Bilder wieder zu fliessen beginnen, ich bin froh darüber, frage mich aber gleichzeitig, wie diese Empfindung möglich sein kann – meine Freude und meine Erleichterung sind nicht Teil der Kälte. Sind sie auch ein Teil des Schmerzes, oder aber etwas, das sich weiterentwickelt hat, das jetzt mir gehört?

Diesmal werde ich alles einfach geschehen lassen, zuviel Angst habe ich vor dem Alleinsein.

VI.

Während ich dasitze und meine Blumen betrachte, fällt mir auf, dass es links von mir eine Blüte gibt, die irgendwie anders ist als die anderen. Ich weiss nicht wirklich genau, woran ich diese Andersartigkeit festmachen kann, aber es gibt einen Unterschied, das spüre ich genau.
Nach einiger Zeit wird es mir klar: während sich alle anderen Blüten soweit es geht der Sonne entgegenstrecken, weist diese eine genau auf mich. Fast könnte man meinen, dass sie mich anschaut.
Das Gefühl ist mir unangenehm, ich fühle mich beobachtet und muss irgendwie an meinen Traum von heute Nacht denken. Ich setze mich ein Stück weit weg, einen Moment später habe ich die Sache vergessen.

VII.

Die Bilder haben wieder zu fliessen begonnen, deutlicher als vorher – ich wehre mich jetzt nicht mehr dagegen, versuche nicht mehr, zu kontrollieren. Es ist mir angenehm, ein Teil von ihnen zu sein.
Ich versuche stattdessen, in den Farben und Formen Strukturen zu finden, etwas, das ich wiedererkenne und das mir vertraut ist. Gerade eben meine ich, etwas gesehen zu haben, ich weiss nicht, was es war, aber es löst ein Gefühl von Vertrautheit und Wärme in mir aus. Ich möchte es festhalten und zu mir hinziehen, und in diesem Augenblick verschwindet es.

VIII.

Eine kurze Zeit später schaue ich wieder zu der Blüte hinüber, und ich erschrecke mich, weil sie mich wieder anschaut, und das, obwohl ich jetzt an einem anderen Platz sitze, sie muss sich also bewegt haben.
Unwillig drehe ich den Kopf zur Seite, ich möchte nicht bei der Betrachtung meiner schönen Insel gestört werden. Nach einiger Zeit schaue ich aber wieder zu der Blüte hin, sie hat sich jetzt vollständig zu mir hingedreht. Zuerst ärgere ich mich und möchte wieder wegschauen, aber dann halte ich dem Blick doch stand.
Ich merke, dass ich neugierig geworden bin.

IX.

Eine Zeitlang treiben meine Gedanken ziellos im Strom der Bilder, der mich mittlerweile völlig umschliesst. Ich weiss nicht, was es war, dass ich da eben gesehen habe – es schien mir vertraut zu sein, und für einen Moment war die Kälte weniger schlimm.
Ich warte, und nach einer Zeit sehe ich es wieder – ich weiss mittlerweile, ich kann nichts festhalten, kann nur warten und beobachten, und wenn die Kälte und der Schmerz erneut etwas nachlassen, werde ich dafür dankbar sein.

X.

Ich gehe langsam auf die geheimnisvolle Blüte zu. Ich habe keine Angst mehr, irgendwie weiss ich, dass mir von ihr nichts Böses geschehen wird. Verwundert stelle ich fest, dass sie sich nicht nur durch ihr merkwürdiges Verhalten von den anderen Blüten unterscheidet. Ihre Blätter und ihr Inneres sind von einer wunderschönen, weiss schimmernden Farbe, und als ich näher komme, merke ich, dass sie ganz aus Eis besteht.
Wie kann es sein, dass sie nicht schmilzt, frage ich mich. Ich bin ich jetzt direkt vor ihr, und ich spüre die Kälte, die sie verströmt. Ohne lange nachzudenken, beuge ich mich vor und nehme die Blüte in meine beiden warmen Hände.

XI.

Etwas hat sich geändert, ich weiss nicht, was es ist, es gibt jetzt etwas, das hinter der Kälte steht, das sie weniger absolut erscheinen lässt.
Ich denke nicht, ich versuche nicht, in das Geschehen einzugreifen, und nur im Hintergrund meines Verstandes formt sich die stille Bitte, dass das, was gerade erst angefangen hat, nie wieder aufhört.

XII.

Die geheimnisvolle Blüte in meinen Händen ist schnell geschmolzen. Ich hatte gerade noch Zeit, ihre wunderschönen Formen zu bewundern und meinte für einen kurzen Moment, in ihrem Innern ein Gesicht erkennen zu können. Dann aber ist sie völlig geschmolzen, und ich merke, dass das Gesicht, was ich zu sehen glaubte, mein eigenes ist, das sich in dem Wasser spiegelt, das ich jetzt in meinen Händen halte und das mir langsam durch die Finger zu rinnen droht.
Weil ich spüre, dass es etwas wertvolles und kostbares ist, das da in meinen Händen liegt, und weil ich nicht will, dass es verloren geht, tauche ich mein Gesicht hinein, und ein wohltuender, belebender Strom beginnt über meine Haut zu rinnen.

XIII.

Was auch immer gewesen ist, ob mein Bewusstsein nur ein Teil des Schmerzes war oder nicht – es ist vorbei. Die Kälte ist verschwunden, und ich spüre wie der Schmerz sich auflöst und einem nie dagewesen Gefühl von Glück und Wärme weicht. Und, ja, ich merke wie sich mein Bewusstsein auflöst, zusammen mit dem Schmerz, meine Vermutung war also wohl richtig. Aber es stört mich nicht, ich bin zufrieden und ich will nicht mehr, könnte nie mehr wollen als dass, was gerade passiert.
Ich löse mich also auf, ich verschwinde, die Bilder verblassen und das letzte, was ich sehe ist der blaue Himmel über mir, für einen Moment glaube ich wieder, meinen Körper spüren zu können, und ich liege wieder unter meinen geliebtem Weidenbaum, schaue in den Himmel und atme die warme, gesunde Luft meiner kleinen Insel.

XIV.

Am Nachmittag mache ich einen kleinen Spaziergang um meine Insel. Ich weiss nicht, was es war, dass mir da heute Morgen passiert ist, ich weiss nur, dass es schön war, und ich fühle immer noch die letzten Tropfen auf meiner Stirn, meinen Wangen und meinen Augen.
Ich schaue zum Himmel hinauf und sehe wieder die gleichen Inseln wie heute Morgen, aber sie sind schön, so schön wie meine eigene.
Lange noch bleibe ich so stehen und betrachte den Himmel.

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