Messer

Frei nach dem Film ‚Die Frau auf der Brücke‘

Sie lernte den Messerwerfer ganz zufällig kennen, irgendwo an einem gewöhnlichen, unbedeutenden Ort: eine unscheinbare Kneipe am Rande des grossen Geschehens. Es war spät, sie hatte schon etwas getrunken, alleine an der Bar – sie merkte wohl, dass er sie schon seit einiger Zeit beobachtet hatte, aber sie spendete ihm keine Beachtung. Es war ihr nicht mal unangenehm, dass er sie beobachtete – es war ihr egal. So egal, wie ihr alles in dieser Zeit egal war. Er beobachtete sie also, ohne dass sie seine Blicke erwidert hätte. Als die meisten Gäste gegangen waren, setzte er sich zu ihr.

Sie wurden sich überraschend schnell handelseinig – er suchte ein ein neues Mädchen, sie hatte nichts besseres vor, und so sagte sie zu. Über das Risiko machte sie sich keine Gedanken – wozu auch? Er würde sein Handwerk schon beherrschen, und wenn nicht …was solls.

Und dann sagte sie zu für eine kleine Vorstellung in einem Variete am Ende der Stadt, direkt am nächsten Abend. Eine kleine Vorstellung, Probe kurz vorher – oder auch gar nicht.



*



Sie war sich nicht ganz sicher, ob es die Augen des Publikums waren, die sie auf ihrer Haut spürte – oder die Kälte, hervorgerufen durch das billig-aufreizende, eng geschnittene Kostüm, das mehr von ihrem gut gewachsenen Körper zeigte als es verhüllte. Sie wusste es nicht, aber die Frage löste eine gewisse Neugierde in ihr aus, fesselte ihren Verstand gerade eben so lange, bis das erste Messer auf sie zuraste und sich mit einem dumpfen Klopfen direkt neben ihrer Hüfte ins Holz bohrte. Ein weiteres Messer folgte, an der anderen Seite. Dann ihre Unterarme, die Schultern, schliesslich der Kopf. Tock, tock….ein paar bange Sekunden, dann war es vorbei. Keine grosse Sache.

Das Publikum war zufrieden gewesen, die Bezahlung stimmte – der Messerwerfer wollte sie für eine weitere Show haben, in einem grösseren Laden, schon übermorgen. Sie sagte zu.



*



Wieder die Augen des Publikums, diesmal war ihr deutlich bewusst, wieviel Haut sie zeigte – fast mehr noch, als beim ersten Mal, wie ihr schien. Aber es waren auch mehr Menschen. Wieder das elektrisiernde Kribbeln, als die Vorführung begann….dasselbe Spiel – zweimal Hüfte, Arme, Schultern, Kopf – und, ein letztes Messer zwischen ihre gespreitzten Beine – sie fand gefallen an dem Spiel: morgen die nächste Vorstellung.



*



Abends im Casino, vor dem Spieltisch. Der Stapel mit Chips vor ihr, der Lohn des Abends. Und wieder dieses Kribbeln, angenehm aufregend. Sie setzte zuerst vorsichtig, Rot oder Schwarz, kein Risiko. Als sie gewann, wurde sie mutiger. Eine spontane Eingebung: 23. Die Kugel rollte, schwankte, tanzte auf dem flirrenden Rat hin und her – ein letzter Moment das Zweifels – und dann, gewonnen. Zuerst dachte sie, sie würde weiterspielen, nocheinmal setzten, aber dann dachte sie an die Vorstellung morgen Abend – und beschloss, vorsichtig zu sein. Ein kleiner, wärmender Funke war in ihr entstanden, den sie hüten wollte – was Kälte war, wusste sie bereits.



*



Vor ihr die Augen der Menge, auf ihrer nackten Haut. Das Gesicht des Messerwerfers, ernst und konzentriert. Sie selbst im Licht der Scheinwerfer. Angebunden an eine Drehscheibe – etwas neues für heute Abend, immer etwas neues, das Publikum musste bei Laune gehalten werden. Die Scheibe begann sich zu drehen, langsam, dann immer schneller.

Tschok.

Das erste Messer traf sie direkt neben dem linken Oberschenkel, die Welt um sie herum rotierte.

Tschok. Rechter Oberschenkel. Sie merkte, wie ihr schwindelig wurde, für einen Moment dachte sie, sie würde die Nummer verpatzen.

Tschok. Linke Hüfte. Sie versuchte sich zu entspannen, und mit einem Male wurde alles einfach, das Publikum und die Anspannung traten in den Hintergrund, die Welt wurde zu einem bunten Kaleidoskop aus rotierenden Farben.

Tschok. Tschok. Taille Rechts und Links. Tschok.

Sie dachte an das Geld, das sie bisher verdient hatte, an ihren Gewinn von Gestern abend – aber das nur am Rande. Sie hatte ein Ziel, der kleine Funke in ihrer Seele begann sich auszubreiten, zu wachsen und sie zu wärmen.

Tschok.

Sie träumte von einem geregelten Leben, einer Wohnung, Küche, Bad, Wochenende und regelmässige Vorstellungen an den Abenden. Sie schloss die Augen und vergass die Welt um sich herum.

Der Messerwerfer holte aus, und das nächste Messer traf sie direkt ins Herz.

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