Maßlosigkeit

Das Schöne an Familienfesten ist – neben den mit diesen meist einhergehenden freien Tagen und der Möglichkeit, sich mal wieder auf Kosten der Eltern nach Herzenslust den Bauch vollschlagen zu können – die Tatsache, dass zu diesen Anlässen eben regelmäßig die gesamte oder zumindest Teile der sonst durch Berufs- oder Studienwahl in alle Winde verstreuten Familie an ihren Ursprungsort zurückkehrt, um dort einige Zeit in ungetrübter Ruhe und Harmonie zu verbringen.
In dieser Hinsicht gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen dem „Hauptfest“ Weihnachten, zu dem oben beschriebene Konstellation in aller Regel durch Vollständigkeit besticht, und dem Nebenschauplatz „Ostern“, der durch seine geringere Gewichtung eben diese Vollständigkeit nicht erreicht, dafür aber auch durch ein grösseres sich ergebendes Variationsreichtum interessantere Personenkonstellationen ermöglicht.
In diesem Jahr handelte es sich hierbei um meine Wenigkeit, die nach einer erfolgreich überstandenen Geburtstagsparty am Ostersonntagmorgen eintraf, und meine kleinen Nichte Judith, die allerdings schon seit 10 Tagen meine Eltern mit Ihrer Anwesenheit erfreute, da sich ihre Mutter mit Papi und grossem Brüderchen im Skiurlaub befand.
Hieraus erschliesst sich, dass ich bei meiner Ankunft ein Beziehungsgeflecht vorfand, das die erste schüchterne Phase des Sich-Herantastens bereits hinter sich hatte und in dem die Grundzüge eines beispielhaften Parasitenverhältnisses bereits in schönster Blüte standen.
‚Hallo Onkel Christian – Judith Urlaub!‘
Wie üblich hatte mein Vater mich mit dem Auto vom nahegelegenen Bahnhof abgeholt, und der kleine Feriengast kam uns freudestrahlend entgegen gestackst. Seine Augen leuchteten:
‚Judith viel gefrühstückt!‘
Ich warf einen schnellen Blick auf meinen Vater, dessen von Freud und Leid gleichermassen gezeichnetes Gesicht mir schon während der Autofahrt aufgefallen war, und ich begann erste Zusammenhänge zu ahnen.
‚Judith Popo vollgemacht, Opi das wegmachen!‘.
Ich erfuhr, dass sich dieses Ereignis konstant viermal pro Tag ereignete, wobei Judith die mit Fleiss erkämpfte Aufmerksamkeit ihres Grossvaters jedesmal sehr genoss und auf die Regelmässigkeit ihrer Produktion sichtlich stolz war.
Nachdem der Mittagstisch dem Anlass entsprechend gedeckt war und auch ein für Judiths Alter bzw. Körpergrösse passender Stuhl an seinem Platz stand, setzte ich mich. Was mir auffiel: warum gab es in einem Kinderbesteck grundsätzlich tiefe Teller, also Exemplare mit eher grösserer Füllmenge als z.B. Bei dem eher flach gehaltene Modell, das ich an meinem Platz vorfand? Sollte nicht die Essensmenge eines Kleinkindes eher geringer zu veranschlagen sein als die eines ausgewachsenen, kräftigen Mannes wie mir? Eine gewisse beklommene Vorahnung drohte von mir Besitz zu ergreifen, aber ich schob sie beiseite.
Während für uns drei Erwachsene das Mittagsmahl aus einem Möhrensalat als Vorspeise sowie Nudeln mit Gulasch bestand, zog Judith eine Direktkombination aus Salat mit Nudeln vor.
Nachdem ich den ersten Gang beendet und mir in der Küche die erste Ladung Gulasch besorgt hatte, erkannte ich auch, warum: Auch wenn Judith der Sache an sich großen Eifer widmete, bedeutete der zivilisatorisch korrekte Umgang mit dem Besteck für sie noch eine gewisse motorische Überforderung.
Ihre kleinen Augen leuchteten erwartungsvoll, während sie emsig die ersten Okkupationsversuche bezüglich eines auf dem Teller träge vor sich hinschlummernden Möhrenstückchens einleitete. Als dieser Versuch – erwartungsgemäss – fehlschlug, entbrannte ein auf beiden Seiten mit grosser Heftigkeit geführter Kampf: Das Möhrenstückchen war aus seinem unschuldigen Schlaf erwacht, hatte die Brisanz der Situation blitzartig erfasst und wehrte sich jetzt nach Leibeskräften gegen die ihm zugedachte Opferrolle.
Die übrigen Nahrungsmittel hatten sich in respektvoller Entfernung an den Tellerrand zurückgezogen, so dass die beiden nun untrennbar ineinander verkeilten Kontrahenten sich alleine auf einer nun Arenenhaft geformten Kampffläche wiederfanden. Als ich einen Moment später mit einer neuen Portion Gulasch aus der Küche wiederkam – ich hatte mich von dem fesselnden Schauspiel nur mit Mühe lösen können – war der Kampf entschieden: während Judith mit triumphierendem Blick ihre beiden siegreichen Hände betrachtete und offensichtlich sehr mit sich zufrieden war, war von ihrem Kontrahenten nur eine dünne, fahle Spur Salatöl übriggeblieben. Ein schneller Blick auf den Rest des Tellers zeigte mir, dass dieses Ereignis auch für dessen restliche Belegschaft nicht ohne Folgen geblieben war: Während die noch verbleibenden Salatreste offensichtlich mit dem Leben abgeschlossen hatte und mutlos auf dem Tellerrand pappten, zeigte sich unter den bisher noch unangetastet gebliebenen Nudeln noch ungebrochener Widerstandsgeist: Die streng in Reih und Glied stehenden spiralförmigen Teigwaren dachten offenbar nicht daran, sich einfach so ihrem Schicksal zu fügen.
Gleichzeitig hatte auch Judith instinktiv die Stimmung des Augenblicks erfasst und beschloss, die ohnehin angeschlagene Kampfmoral ihres Mittagessens jetzt ein für allemal zu brechen. Sie überliess den noch verbliebenden Salat seinem Schicksal und wendete ihre volle Aufmerksamkeit nun dem Hauptgang zu.
Der erste Angriff der sturzflugartig herabschnellenden Kinderbestecksgabel ging fehl, da die Nudel, der dieser heimtückische Angriff gegolten hatte, sich im allerletzten Moment herumgeworfen hatte und nun hinter einem Salatblatt in Deckung ging. Ein lautes Quietschen ertönte, als Judith kraftvoll auf dem schneeweißen Porzellan aufstiess.
Ein weiterer Angriff folgte sekundenschnell nach dem ersten – Judith schien zu wissen, das man dem immer noch angeschlagenen Feind jetzt keine Atempause gönnen durfte – aber auch dieser schlug aufgrund eines heldenhaften Ausweichmanövers der betreffenden Teigware fehl.
Für einen kurzen Moment herrschte Stille – Judith schien über ihr weiteres Vorgehen nachzudenken, vielleicht wollte sie ihrem Essen diesen Teilerfolg zugestehen und sich doch erstmal dem leichter Herr zu werdenden Salat widmen? Sekundenlang standen sich beide Kontrahenten Auge in Auge gegenüber, die Luft schien elektrisch aufgeladen zu sein, keiner wagte zu atmen.
Dann öffnete sich Judiths Mund, und die Entscheidung brach wie eine schicksalhafte Verwünschung über die gerade eben noch mit dem Leben davongekommenen Veteranen herein:
‚Judith Nudeln mit Fingern Essen!‘ krähte sie und schaute nach Zustimmung heischend zu uns herauf.
In dem Versuch, mich dem nun folgenden grausigen Schauspiel zu entziehen, ging ich in die Küche, um mir eine neue Portion Gulasch zu besorgen.
Als ich wiederkam, hatte sich, wie ich erwartet hatte, die Situation auf dem Kriegsschauplatz grundlegend verändert: Die eben noch strenge Formation der Nudeln war aufgebrochen, die allgemeine Disziplin brach zusammen und jeder suchte offensichtlich nur noch sein Heil in der Flucht. Nur jetzt nicht gefasst werden, dann lieber Fahnenflüchtig Standgericht und ein schneller, gnädiger Tod am nächsten Galgen. Allerdings, die Fluchtversuche waren vergeblich: mit triumphierendem Blick hielt Judith das erste Opfer ihre neuen Kriegstaktik in die Höhe:
‚Judith Nudeln mit Fingern essen!‘ wiederholte sie triumphierend und zeigte der Tischrunde das hilflos zwischen ihren Fingern zappelnde Etwas. Ich wollte den Blick erst abwenden, konnte es dann aber doch nicht: Ich starrte in ein paar angstgeweiteter Augen.
Ich holte mir eine neue Portion Gulasch aus der Küche – ich wollte nicht mitansehen, was sich da vor meinen Augen abspielte.
Als ich wiederkam, war alles schon vorbei: Judith saß fröhlich glucksend auf ihrem Kinderstühlchen, und von der einstmals stolzen Schar ihres Mittagsessens waren nur vereinzelte Reste zurückgeblieben, die träge im vergossenen Salatöl ihrer verstorbenen Brüder lagen und die jetzt wohl nur noch die Spülmaschine erwartete.
‚Judith viel zu Mittag gegessen!‘ Sie schaute sich um, und ihr Blick traf erwartungsvoll auf den meines Vaters. ‚Judith Popo vollgemacht, Opi das wegmachen…!‘

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