Lügen

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein grosser, dicht gewachsener Urwald. Seine Bäume trugen grünes Laub, und die zwischen ihnen wachsenden Sträucher und Blumen waren kräftig und gesund.
Dann aber brach ein Feuer aus, keiner weiss wirklich, woher es kam.
Der grosse Wald brannte ab, und übrig blieb nur ein Berg schwarzer Asche.
So blieb es lange Zeit, und man glaubte schon, niemals mehr würde hier etwas wachsen können.
Nach vielen Jahren geschah es aber, dass aus dem schwarzen Ascheberg vereinzelte grüne Stellen emporsprossen. Es waren zuerst wenige, aber mit der Zeit wurden es immer mehr, soviele, dass von dem Schwarz nichts mehr zu sehen war. Und es war nicht nur grünes Gras, das dort wuchs, sondern auch unzählige Blumen – ihre Samen waren durch die Luft hierhergetragen worden, sie waren bunt und vielfältig und fanden in der weichen Asche einen Boden, der sich ihnen anpasste, in dem sie wachsen und gedeihen konnten wie nirgendwo sonst.
Die Menschen sahen, wie schön der Ascheberg geworden war, bewunderten ihn und begannen, anderen Menschen davon zu erzählen. Schliesslich kamen immer mehr Menschen, um den Berg zu bewundern und zu träumen.
Es geschah aber, eines Tages, dass ein Wind aufkam, kein Sturm, sondern ein gewöhnlicher Sommerwind, wie er von Zeit zu Zeit in diesem Land wehte. Der Wind blies über den Ascheberg und zog und zerrte am Gras und an den Blumen. Und weil die Asche so ein weicher und nachgiebiger Untergrund war, konnten sie dem Sog des Windes nicht standhalten. Sie wurden losgerissen und fortgeweht.
Der Wind hatte in den späten Abendstunden geweht, und niemand hatte etwas bemerkt. Als aber am nächsten Morgen die Sonne aufging, sah niemand mehr einen schönen, grünen Blumenhügel. Ein schwarzer, hässlicher Berg zeigte sich den Menschen, entstellt von einigen wahllos auf ihm verteilten Blättern und Grasresten.
Auch dies sprach sich rund, und deshalb kamen von diesem Tag an keine Menschen mehr, um den Ascheberg zu besuchen. Warum auch – denn, einen schwarzen, zerfetzten Berg, den will niemand sehen….

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