L’histoire d’un condamné




Bar-le-duc, 19. Oktober 1597



Gestern am späten Abend sind wir bei Wind und strömendem Regen am Schlossportal angekommen. Wir, das sind neben mir noch zwei arme Teufel, die sich mir als Pascal und Michiel vorgestellt haben. Beide bezeichnen sich als Zuckerbäcker und behaupten, einst im Dienste des Grafen von Venedig gestanden zu haben – ehrlich gesagt bezweifle ich dies aber. Es sind zwei ungepflegte, ausgemergelte Kerle von schlechten Umgangsformen. Beim Grafen von Venedig, der für sein vornehmes Hofleben weithin bekannt ist, wären zwei solche Figuren höchstens als Stallknechte untergekommen – wenn man sie nicht einfach direkt aus der Stadt gejagt hätte. Was meines Erachtens nach auch der Fall gewesen ist.

Der Oberkörper des einen ist von einem eitrigen Ausschlag bedeckt, während der andere so schlechte Zähne hatte, das es mir unbegreiflich ist, wie er es überhaupt anstellte, standesgemäß zu speisen. Während der zwei Tage und zwei Nächte dauernden Kutschfahrt, die im schönen Nizza ihren Anfang genommen hatte, hatte ich mich, soweit es möglich gewesen war, von ihnen ferngehalten.

Ich selbst bin Bildhauer, ausgebildet beim grossen Meister Michelangelo, der Zeit seines leider viel zu kurzen Lebens grösste Stücke auf mich gehalten hat. Ich bin hier, um dem Stadtfürsten bei der figürlichen Ausgestaltung seiner Kirchenfassade zu unterstützen. Mich reizt die Herausforderung, die mit dieser Aufgabe verbunden ist – zum ersten Mal werde ich die Gelegenheit haben, völlig frei und ohne die Bevormundung eines Meisters meine eigenen Ideen und Fantasien zu verwirklichen. Allein deshalb habe ich auch die beschwerliche Reise hierher auf mich genommen und die geringe Bezahlung von 500 Goldtalern akzeptiert, was für eine Arbeit, die mit Sicherheit mehrere Monate in Anspruch nehmen wird, äusserst kärglich ist.

Nachdem wir das Schlossportal erreicht hatten, wurden wir von zwei Wachleuten äusserst unsanft in eine kleine Kammer im Untergeschoss des Wirtschaftsgebäudes geleitet. Als mir klar wurde, dass man offenbar plante, mich zusammen mit meinen unappetitlichen Begleitern in einer einzigen Kammer unterzubringen, legte ich sofort schärfsten Protest ein, der aber unbeantwortet blieb – offenbar ist den beiden Wachleuten mit südprovenzialischer Dialekt nicht geläufig.

Wider erwarten bin ich schnell eingeschlafen, die Reise hat mich offenbar mehr erschöpft, als ich gedacht hatte.



Gerade eben bringe ich diese Zeilen zu Papier, die Sonne ist bereits aufgegangen, und ich bin sicher, gleich wird jemand erscheinen, der mich in den weiteren Ablauf der Arbeiten einweisen wird – und mir eine andere Kammer besorgt.



(Abends)

Irgend etwas stimmt hier nicht.

Anstatt mich, wie es für einen Kunstmeister meines Standes angemessen wäre, dem Fürsten oder zumindest dem obersten Bauleiter vorzustellen (und dieses letzte wäre auch unabdingbar für den ordnungsgemässen Verlauf der Arbeiten), hat man mich gleich heute früh in eine einige Kammern weiter im selben Gebäude gelegene Werkstatt geführt und mir einige Pergamente mit schlampig hingeworfenen Skizzen der Kirchenfassade in die Hand gedrückt. Ich wollte protestieren, aber offenbar scheint hier niemand meine Sprache zu verstehen. Ausserdem warf man, kaum das ich den kleinen, spärlich beleuchteten Raum betreten hatte, die Türe hinter mir zu.

Vielleicht ist der für mich verantwortliche Bedienstete erkrankt oder zur Zeit mit anderen Aufgaben beschäftigt – wahrscheinlich wird sich alles bald klären.



Einmal eingesperrt in meiner kleinen Werkstatt blieb mir wenig anderes zu tun als mit mit meiner Arbeit zu beginnen. Ich fand die nötigen Materialien und Gerätschaften sowie einige geeignete Steinblöcke.



Kurz nach Sonnenuntergang brachte man mich wieder zurück in unsere Zelle. Als wenig später die anderen Beiden – Pascal und Michiel, wie ich mich erinnerte – hineingestossen wurden, versuchte ich sie nach dem Verlauf ihres Tages zu fragen, erhielt als Antwort aber nur das gleiche spöttische Lachen, mit dem sie mich schon während der Fahrt hierher bedacht hatten, und das neben den bereits erwähnten anderen Umständen der hauptsächliche Grund war, weswegen ich sie gemieden hatte.

Bis auf Weiteres bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als ohne weitere Rücksprache mit meiner Arbeit zu beginnen. Allerdings werde ich es, wenn der Verantwortliche in den nächsten Tagen erscheint, nicht unterlassen, mein Missfallen über die bisherigen Umstände kund zu tun.



26. Oktober 1597



Eine Woche bin ich jetzt hier. Offenbar kommen sie heute etwas später, um mich zu holen, denn die Sonne ist bereits aufgegangen und noch war niemand hier. Ich nutze die wenigen freien Minuten, um mein Tagebuch auf den neuesten Stand zu bringen.

Die Dinge stehen schlecht. Bisher hat sich nicht mehr ereignet, als dass ich jeden Morgen in meine Werkstatt gestossen und jeden Abend ebenso unsanft wieder zurückgebracht werde. Nach wie vor wird jedes Gespräch verweigert. Wenn nicht bald etwas geschieht, muss ich irgendetwas unternehmen – was, ist mir allerdings schleierhaft.

Das Licht schwindet immer mehr. Für heute werde ich die Aufzeichnungen beenden.



30. Oktober 1597



Heute haben sie mich geschlagen.

Ich bin jetzt zwölf Tage hier, und noch immer habe ich niemanden gesprochen, der mir das alles hier erklären kann. Als sie mich eben aus meiner Werkstatt abgeholt haben, habe ich die Beherrschung verloren, bin auf einen von ihnen losgegangen und habe ihm das Gewand zerrissen. Ich weiss nicht, ob ich damit einen Fehler begangen habe, aber ich muss doch wissen, was los ist!

Sie haben mir mit ihren schweren Knüppeln so oft in den Bauch und in die Seiten geschlagen, dass ich am Ende die Besinnung verloren habe. Ich weiss nicht, wie ich wieder in meine Kammer gelangt bin – als ich aufgewacht bin, lag ich in einer Ecke, mein Kopf dröhnte, und mein Gewand war mit Blut bedeckt. Die anderen Beiden haben sich nicht um mich gekümmert, und ich habe mich ihnen auch nicht bemerkbar gemacht – wozu auch? Auf das Hohngelächter, mit dem sie jede meiner Aüsserungen bedenken, kann ich verzichten.

Der Vollmond gibt mir, jetzt, wo ich mich etwas besser fühle, das nötige Licht, um diese Aufzeichnungen anzufertigen. Mein Kopf tut mir so weh – ich hoffe, morgen kommen sie nicht, um mich zu holen.



15. November 1597



Was soll ich tun? Ich weiss jetzt, niemand wird mehr kommen, um nach mir zu sehen. Ich sitze hier in der Falle. Was soll ich nur tun?



(Abends)

Habe damit begonnen, einen kleinen Engel zu modellieren. Ich kann vom Fenster meiner Werkstatt aus das Kirchenportal sehen, das muss mein einziger Anhaltspunkt sein. Was bleibt mir anderes übrig, als mich in das Los meiner Gefangenschaft zu fügen?



(Winter)

Es ist so kalt hier drinnen!

Jede Nacht wache ich auf, weil ich am ganzen Leib zittere. Und am Tage, bei der Arbeit, bin ich dann Müde und unkonzentriert.

Ich habe den ersten meiner Engel fertiggestellt – in Anbetracht der Bedingungen, unter denen ich hier arbeiten muss, habe ich meine Sache erstaunlich gut gemacht.



(Zwei Tage später)

Diese verdammte Kälte!



(Später)

Heute morgen ist Michiel gestorben. Steif und unbeweglich lag er auf den kläglichen Bisschen Stroh, mit dem seine Schlafstätte ausgestattet ist.

Am Abend war seine Leiche fort, und uns beiden haben sie jeweils einen alten, mottenzerfressenen Mehlsack hingeworden.



Ich habe mit einer neuen, grossen Figur begonnen – die beiden Engel, die ich bereits fertiggestellt habe, haben sie abgeholt, und irgendwer hat sie an der vorgesehen Stelle des Portals anmontiert.



(Frühjahr)

Heute habe ich die letzten Nachbesserungen an Gesicht und Händen vorgenommen. Die Figur ist fertig, eine grosse, würdevolle Gestalt, die über der Mitte des Portals fixiert werden muss.

Es wird wärmer, die Sonne scheint in meine Werkstatt, und das erste Grün kommt zum Vorschein.



Seit einiger Zeit versuche ich, Abends einige Worte mit Pascal zu wechseln. Nach dem Tod seines Freundes war er zuerst völlig verstummt – offenbar haben auch diese Beiden nicht wirklich gewusst, worauf sie sich hier eingelassen haben.

Ich bin so weit gekommen, dass er mir mit einfachen, kurzen Sätzen antwortet. Ich kann nicht viel aus ihm herausbringen, nichts über seine Herkunft, seine Vergangenheit – aber das Frühjahr kommt, und ich versuche, Hoffnung zu schöpfen.



(Später)

Mit Pascal stimmt etwas nicht. Er hat aufgehört, zu reden, und sein Gesicht ist immer häufiger mit Schwielen und Wunden übersäht, wenn er abends zurück in unsere Zelle kommt. Ich versuche, aus ihm herauszubekommen, was passiert, ich frage ihn eindringlich, bekomme aber keine Antwort.



(Später)

Musste heute eine schreckliche Szene miterleben.

Man hatte mich eher in unsere Zelle zurückgebracht als Pascal, ich war also dabei, als er kam. Wieder trug er neue Verletzungen im Gesicht, schlimmer noch als bisher. Die Wachen stiessen ihn brutal zur Türe hinein, er stolperte und fiel dabei hart auf den kalten Steinboden. Das alleine ist allerdings nichts ungewöhnliches, nicht mehr als die übliche Behandlung, die sie uns hier angedeihen lassen. Schlimm wurde es, als Pascal sich direkt nach seinem Sturz wieder aufrichtete – ich konnte kurz in sein Gesicht sehen und fand darin eine blinde, irrsinnige Wut geschrieben – dann stürzte er sich blind auf seine Peiniger, wurde zurückgestossen, griff erneut an….was folgte, ist zu brutal, um es in Worten niederzuschreiben.



Wie es war im Winter, als es so kalt war, als wir beide Angst hatten zu erfrieren, so wie Michiel, und als wir dann nichts anderes mehr wussten, als uns aneinander zu wärmen…

Jetzt bin ich alleine.



Morgen werde ich einen Fluchtversuch starten, egal wie. Das hier muss ein Ende haben.



(Herbst)

Es wird jetzt wieder kälter. Da mein linkes Auge erblindet ist, geht meine Arbeit nur noch langsam vorran. Auch ist meine rechte Hand nicht mehr voll belastbar, sie muss wohl – mangels ordnungsgemässer Behandlung – schief zusammengewachsen sein.

Aber es muss doch weitergehen. Abends, wenn es dunkel wird, sehe ich die Figuren am Schlossportal geheimnisvoll leuchten – mein Auftrag ist noch nicht beendet.



(Drittes Jahr)

Was sagt mir dieser Blick?

Nachts, im Mondschein, ich sehe die Figuren jetzt auch, wenn ich schlafe, in meiner Zelle. Es ist merkwürdig – was ist nur aus den holden kleinen Englein geworden, die ich für meinen Herrn gefertigt habe? Es scheint mir fast, als wären es düstere Teufelsfratzen, die mich mit wilden Augen anstarren. Ich gehe noch täglich meiner Arbeit nach, oh ja. Was ich dort tue, was dort passiert, in meiner Werkstatt, ich weiss es nicht. Aber ich muss doch wohl arbeiten, denn mein Gebieter hat mich noch nicht entlassen, und noch immer klafft ein Loch in dem grossen, stolzen Portal.



(Fünftes Jahr)

Ich spüre es, wie es lauert, und kann doch nichts dagegen tun. Wenn sie kommen, morgens und abends, die Wachen.

Ich möchte sie warnen, aber mein Mund bleibt verschlossen, das ist der Schwur, an den ich gebunden bin. Und nur ich weiss, dass sie leben, sie alle, und in ihrer Mitte, hoch über dem Portal, die stolze Königin der Nacht, sie, die ich allein mit meinen Händen schuf, in demütigstem Auftrag meines Meisters.

Es wird bald geschehen, sehr bald. Ich spüre schon, wie sie ihre Schwingen erhebt, sich aufmacht von ihrem Thron und herabkommt um zu richten. Ich kann sie nicht warnen, die Wache, mein Mund ist verschlossen, willenlos schweigend sehe ich zu, wie die Nacht über sie kommt und ihre Glieder zerfetzt, ihre Köpfe und Augen zermalmt und ihre Herzen in Stücke reisst.



(Später)

Jetzt ist das Portal vollendet. Die Lücke ist gefüllt und die Königin an ihren Platz zurückgekehrt. Mein Auftrag ist ausgeführt.

Alles ist vorbei, und auf mich wartet nur noch die Finsternis.

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