Klassenfete

1.



Es war früher Nachmittag, und der kleine Tom stand vor dem Waschbecken im elterlichen Badezimmer und musterte kritisch sein Spiegelbild. Er tat dies recht häufig, gerade in letzter Zeit, genaugenommen, seitdem ihm der kleine, handliche, Bravo-Taschenkalender, dem seine geistig umnachtete Grosstante Erna ihm im letzten Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte, am 11.2. des Jahres den Beginn seiner Pubertät verkündet hatte. Vorletzten Sonntag war das gewesen, und er meinte auch, im nachhinein den genauen Zeitpunkt dieses Ereignisses angeben zu können: Nachmittag, 15.34 Uhr, und zwar genau in dem Moment, in dem Frieda, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, um die Ecke gebogen war und aufgrund der ihr eigenen verträumten Geistesabwesenheit mit einem vorbeifahrenden Moped kollidiert war – sie war gestürzt, kein schöner Anblick.

Tom hatte sich bereits wieder pietätsvoll der aktuellen Folge seiner Lieblings-Reality-TV-Show zuwenden wollen, als sich plötzlich tief in seinem Innern etwas bewegte – mit verträumtem Blick sah er den von einem spontan herbeigeeilten zufälligen Passanten verständigten Rettungssanitätern dabei zu, wie sie sorgfältig Friedas langes, blondes Haar aus den Speichen des gegnerischen Fahrzeugs herauslösen, mit denen es sich im Moment des Zusammenpralls spontan verquirrlt hatte. Ein unbekanntes Gefühl von Wärme hatte ihn erfasst und ihn seitdem nicht mehr wirklich losgelassen.

Und heute stand er nun wieder vor dem Spiegel, betrachtete sich, und fühlte sich unruhiger und nervöser als jemals zuvor in seinem Leben. Hierfür gab es einen Grund, der weit über das Schicksal der kleinen Frieda oder die Weissagungen seines Taschenkalenders hinausging: sein Freund Peter würde heute eine Party geben, und würde hingehen, er musste hingehen, denn er war eingeladen, die ganze Klasse war eingeladen, auch Frieda, die sich mittlerweile wieder so leidlich erholt hatte, und es war seine erste Party, und er hatte eine Scheissangst.

Würde er dieser gnadenlosen Konfrontation mit der harten Seite des Lebens wohl gewachsen sein? Schon als kleines Kind hatte er schnell gemerkt, dass er kein Typ war, nach dem die Frauen sich umdrehten – nicht freiwillig, jedenfalls. Es war ihm gelegentlich gelungen, diesen Effekt herbeizuführen, in dem er ihnen faule Tomaten oder eilig aufgesammelte, dem Dosenpfand glücklich entkommende Konservenbüchsen an den Kopf geworfen hatte, aber das war nicht ganz dasselbe, wie er fand.

Er beschloss, sich einmal eingehend von Kopf bis Fuss zu betrachten und dann ein für allemal ein Urteil über seine Zukunft zu fällen.

Er begann mit seinen Haaren. Seit der letzten Inspektion waren sie länger geworden -damit kam er klar. Was ihn mehr bestürzte, waren die kleinen, höckerförmigen Ausbuchtungen an direkt über der linken bzw. rechten Schläfe. Die waren beim letzten mal noch nicht dagewesen, und waren sie auch sehr klein, kaum spürbar eigentlich, so erfüllten sie ihn doch mit einer tiefen Unruhe. Die gestern Abend unverhofft stattgefundene Kollision seines Kopfes mit dem untersten Brett seines Bücherregals fiel ihm ein, und er beruhigte sich – aber ein etwas mulmiges Gefühl blieb.

Der Rest schien zu stimmen – Augenbrauen, Nase, Hals sowie der übrige Restkörper entsprachen den Vorschriften, die er ebenfalls seinem Taschenkalender entnommen hatte – es gab da eine kleine Sonderrubrik “Wenn ich mich schlecht fühle – ein Notleitfaden für kleine und mittlere Notlagen”

Hinter ihm im Spiegel sah er das Bild seiner Mutter auftauchen.

“He Schatz, mach Dir keine Sorgen. Ich bin sicher, Du wirst grossen Spass haben. Denn weisst Du, Du hast die gleichen Sorgen und Ängste wie alle anderen kleinen Jungen in Deinem Alter.”

So sprach seine Mutter, dann gab sie ihm einen Klaps auf den Rücken und schob ihn zur Türe hinaus – gerade, als es sowieso Zeit zum gehen war. Tom beschloss, diesen Worten Glauben zu schenken und stieg in den nächsten Bus, der ans andere Ende der Stadt fuhr, dorthin, wo die Party in einer knappen halben Stunde beginnen würde. Seine Mutter würde ihn dann wie besprochen gegen elf abholen. Er war ihr dankbar, dass sie ihm nocheimmal Mut zugesprochen hatte – sie schien bemerkt zu haben, wie sehr er das in diesem Moment gebraucht hatte. Allerdings meinte er, ein schelmisches Grinsen auf ihrem Gesicht bemerkt zu haben, kurz bevor er das Badezimmer verliess. Was das bedeuten sollte, verstand er nicht, aber er beschloss, es auf sich beruhen zu lassen. Erwachsenen sind manchmal komisch,



2.



Es war unfassbar – er stand tatsächlich hier unten, in Peters Partykeller, hatte er doch diesen Moment Wochenlang gefürchtet und sich aberdutzende Flucht- und Vermeidungsstrategien überlegt, die in Invention, Duktus und strategischer Verschlagenheit zum Teil von einer derartigen Brillianz gewesen waren, das es fast schon schade war, dass – nunja, dass er jetzt eben hier stand und also offenbar keine von ihnen wahr gemacht hatte. Selbst den allerletzten, wagemutigsten aller Pläne, der im Bus seinen Anfang genommen hätte, eine bewaffnete Entführung mit Hilfe eines unter das T-Shirt geschobenen Schokoladenriegels, eine atemlose Flucht in die Staaten und das Annehmen einer neuen Identität inklusive einer geradezu persönlichkeitsverändernden Gesichtsoperation einschloss, hatte er im letzten Moment fahren lassen – und jetzt gab es kein zurück mehr, denn er war bereits gesehen worden – sein Freund Peter hatte ihm höchstpersönlich zugewunken, wobei es ihm gleichzeitig gelungen war, seine Hand aus der Umklammerung von Henrietta, eines kleinen pummeligen Mädchens aus der Parallelklasse, die nur allzu offensichtlich einen Narren an ihm gefressen hatte, zu befreien (was dazu geführt hatte, das auch Henrietta ihn gesehen hatte, was seine Situation nicht besser machte), Tobias und Elke, die sich allerdings nicht die Mühe gemacht hatten, ihre knutschversiegelte Umarmung aufzulösen und ihm stattdessen nur kurz zugeblinzelt hatten, Frieda, die er mit ihren neuen Haarnetz beinahe nicht erkannt hätte, ausserdem Markus, Christoph und Nadine.

Claudia. Maria. Und Gabi.

Mist.

Er sass also in der Falle und beschloss, das beste draus zu machen: Er ging rüber zu Claudia und sagte: “Hi”.

“Hi Tom!” sagte Claudia und lächelte ihn an.

Und jetzt? Die Eröffnung war auf jeden Fall schonmal gründlich schiefgegangen. Tom hatte einige Zeit darauf verwendet (und etliche Seiten seines Taschenkalenders in- und auswendig gelernt), um sich darauf vorzubreiten, dass er abgelehnt wurde. Verschmäht. Verspottet. Die alte wir-bewerfen-dich-mit-Tomaten-und-sperren-dich-dann-ins-klo-variante.

Und jetzt sass Claudia vor ihm, lächelte ihn an und sagte einfach nur “Hi”….obwohl, eigentlich war das gar nicht schlecht. Er mochte Claudia nämlich. Deshalb stand er ja hier. Hätte ja auch woanders stehen können. Irgendwo. Der Raum war ja gross. Waren auch noch andere Leute da. Ganze Haufen andere Leute. Bei Peter zum Beispiel hätte er stehen können, der ihm mittlerweile nun schon seit fünf Minuten zuwinkte, wobei er die dicke Henrietta schon mehrmals versehentlich geohrfeigt hatte, ohne es irgendwie bemerkt zu haben.

Stand er aber nicht. Er stand hier, zwanzig Zentimeter von Claudias Gesicht entfernt, die ihn immer noch anlächelte, sich allerdings mittlerweilte zu wundern schien, warum er gar nichts sagte. Das sah er daran, dass sie die Augenbrauen hochzog. Beim lächeln. Gleichzeitig. Sah komisch aus.

Tom sagte:

“Bist Du schon lange hier?”

Seite 28 des Taschenkalenders. Das entkrampfte die Situation.

“Nein, ich bin erst gerade…”

Während er ihr zuhörte, fuhr Tom sich lässig mit der Hand durch die Haare – sollte cool wirken, wie er gelesen hatte (Seite 34 des Taschenkalenders). Dabei erstarrte er plötzlich mitten in der Bewegung. Die Ausbuchtungen über seinen Schläfen waren grösser geworden, er war ganz sicher. Er fühlte, und stellte fest, dass sich seine Haut an zwei Stellen, kurz über seinen Augenbrauen, geöffnet hatte, und..

“…und meine Freundinnen sind auch erst….”

Claudia steckte in einem Redeschwall fest, was ihre Aussenwahrnehmung offenbar beeinträchtigte – das gab ihm einige rettende Sekunden. Er murmelte etwas, und schoss dann pfeilschnell quer durch den Raum hin zur Toilette, nicht ohne der armen Henrietta ebenfalls gründlich eins zu verpassen, was ihr, zusammen mit allem anderen, was an diesem Abend noch passieren sollte, ein tiefes seelisches Traume injinzierte, das zwanzig Jahre später….aber das ist eine andere Geschichte.

Tom war in der zwischenzeit an der Toilettentüre angekommen, fand diese gottseidank unverschlossen und stürzte hinein. Machte Licht. Stand einige Sekunden mit klopfenden Herzen an der Türe gelehnt. Schaute dann in den Spiegel.

Wow.

Aus seiner Stirn heraus wuchsen jeweils links und rechte zwei kleine, grüne Tentakeln. Sie hatten momentan die Länge von etwa einem Zentimeter, wuchsen aber recht schnell. Tom betrachtete seine Ohren, und stellte fest, dass sie sich ebenfalls zu verändern begannen. Sie waren grösser, ebenfalls grün verfärbt, wobei sie in den Aussenbereichen leicht ins violette tendierten.

Der Gedanke an die Flucht über den grossen Teich, die neue Identität und vor Allem die Gesichtsoperation kam ihm wieder – er spähte nach dem Toilettenfenster und befand es für gross genug, um hindurchzuklettern – auch wenn sein Körper um die Taille herum jetzt deutlich dicker zu sein schien als noch vor zwei Stunden, aber dem schenkte er jetzt keine Beachtung – die Chirurgen in Amerika würden schon eine Lösung finden.

Tom stützte sich mit beiden Händen an Wandfleisen ab und stellte einen Fuss auf den Tiolettendeckel. Doch gerade, als er sich hochziehen wollte, öffnete sich die Türe, und Peter kam herein.

“He, Tom, ich muss Dir…”

“Tom??”

“Oh Man Tom!!”

“Ey, coole Verkleidung! Stark”

Und bevor er sich dessen erwehren konnte, hatte Peter ihn am Arm gepackt und zurück in den Partyraum geschleift. Da stand er nun, inmitten der anderen, umringt, ausgeliefert, schutzlos….

“he Tom, darf ich den Fühler mal anfassen?”

Gabi stand vor ihm und schaute ihn fragend an. Dazu sei bemerkt – wenn Claudia eine scharfe Nummer war, dann war Gabi…hmmmmm.

“Klar darfst Du das, Gabi. Du musst nur…”

Sollte man nicht die Feste feiern, wie sie feiern? Und die Gelegenheiten beim Schopfe fassen? Und überhaupt, seit der vierten Klasse träumte er von Gabi.

“Warte mal, komm mit…”

Er nahm Gabi bei der Hand und zog sie mit sich, wieder quer durch den Raum, allerdings diesmal heraus auf die Gartenterrasse. Legte einen Arm um ihre Hüfte. Und hatte die Tür mit einem Holzkeil verbarrikadiert.

“Du, Tom…”

Gabi sah mit einem Blick zu ihm auf, den Tom nicht wirklich deuten konnte.

“Tom, ich…”

Er hielt ihre hüften mit beiden Händen und neigte den Kopf, um sie zu küssen (Taschenkalender, Seite 54). Allerdings bemerkte er, dass sie ihm auswich. Nunja. Aber da war dieses dumpfe Rumoren in ihm, das er spürte, seit – genaugenommen, seitdem er zum ersten Mal die kleinen Ausbuchtungen an seinem Kopf bemerkt hatte. Und zwar letzte Woche, und nicht erst heute vor dem Spiegel.

Gabi war seinen Lippen zweimal erfolgreich ausgewichen, hatte sich jetzt aber, beim dritten Versuch, für die falsche Ecke entschieden, und Tom, den diese Situation stark an das Elfmeterschiessen seines Fussballvereins erinnerte, wusste dies gekommt auszunutzen.

Schmatz.

Gabi versuchte jetzt, ihn mit beiden Händen an der Gurgel zu greifen. Aber da war es gut, dass er den Sinn der Ausbuchtungen an seiner Taille mittlerweile begriffen hatte. Mit zwei Armen an der Hüfte und zwei zusätzlichen, die ihre beiden Hände festhielten, war Gabi so gut wie wehrlos.

Er hatte nicht mit ihrem Knie gerechnet.

“Aua!!”

Für einen kurzen Moment liess er mit drei der vier Arme los, und diesen Augenblick nutzte Gabi zur Flucht.

“Hiiillffeeee!” Schrie sie, rannte hinaus in die Dunkelheit und ward nie mehr gesehen.



Aber Tom war auf den Geschmack gekommen, er hatte jetzt ein Konzept für den Rest des Abends. Ganz deutlich spürte er, dass ihm heute niemand so recht würde wiederstehen können. Er bückte sich, und ging durch die kleine Türe zurück in den Partykeller.

“Ähh Tom, ähh…wo ist Gabi?”

Die verängstigten Blicke der anderen ..äh…die verängstigten Blicke der Kinder waren auf ihn gerichtet, während Tom in gebückter Haltung, um in dem niedrigen Raum nicht an die Decke zu stossen, zu ihnen herabsah.

“Gabi ist schlecht geworden. Sagt mal, wo ist denn Claudia?”

Zitternd und blass wurde das kleine Mädchen von den anderen nach vorne geschoben, sie hatte offenbar zuviel Angst, um sich ernsthaft zu wehren. Angststarre kam bei höheren Säugetieren recht häufig vor und erleichterte dem Jäger seine Aufgabe ganz erheblich (Brehms Tierleben, Band 2, S. 234.).

Die anderen Kinder standen wie eine Mauer – dann machten sie einen Schritt zurück und liessen ihn gewähren.

Vier Arme, vier Hände, die sedative Flüssigkeit aus seinen jetzt voll ausgebildeten Stirndrüsen, sowie sein neuer und verbesserter Kiefer versetzten Tom in die Lage, die Sache kurz und schmerzlos zu machen – Claudia spürte nicht viel.

Dann kam Peter.

Markus.

Maria.

Christoph.

Nadine.



3.



23.12 Uhr. Vor dem Haus des verschiedenen Peter Holgstett.

Ein Auto biegt in die dunkle, abgelegene Strasse ein und hält am Gehsteig.

Tom öffnet etwas schüchtern die Autotüre – die Veränderungen an seinem Körper sind zurückgegangen, die zusätzlichen Arme und Fühler verschwunden. Einzig seine Stirn verbleibt etwas ausgebeulter als früher – wenn man genau hinsieht.

“Hi Schatz, tut mir leid, dass ich mich etwas verspätet habe. Hattest Du einen schönen Abend?”

Er betrachtet seine Mutter, ihren Kopf, ihre Stirn — und ein langes, breites Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit.

“Ja Mami.”



Epilog



Auszug aus der Krankenakte Henrietta S., Marienhospital Berlin-Tempelhoff, Psychatrische Abteilung:



Die 23-Jährige Henrietta S. wird hiermit offiziell zur Behandlung mittels Elektroschocktherapie freigegeben. Langwierige, wiederholte Gesprächstherapien, Hypnose und Thraumabehandlung haben nicht dazu geführt, sie von ihren absurden, kindischen Wahnvorstellungen abzubringen. Nach reiflicher Überlegung halten wir dies für die einzig noch erfolgversprechende Therapieform, bevor wir zu einer endgültigen Exekution schreiten müssen. Alienmonster, die harmlose Teenager auf einer Party auffressen – sowas gibts doch nur im Kino….

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