Holunk im Land der Wasserfontäne

I.

(Nur langsam beginnen sich die Nebel zu lichten, und noch immer ist Dunkelheit beinahe alles, was er wahrnimmt)
„He, Du! Was machst Du hier?“
(Plötzlich: Geräusche, Stimmen. Rötliches Licht breitet sich aus, und die Nebel verschwinden)
„Meinst Du, er schläft? Wenn er schläft, könnten wir ihn…“
„Du hast recht – vielleicht hat er Gold bei sich, und er hat hier nichts verloren…“
(Schritte nähern sich,und auf einmal ein Boden, auf dem er liegt, hart, steinig)
„Los, schneid ihm die Kehle durch, und dann nichts wie weg hier!“
(Der Boden, Steine, warme, stinkende Luft, die er einatmet, und plötzlich etwas hartes, kaltes, das sich an seinen Hals drückt)
Er riss die Augen auf und starrte direkt in ein hässliches, rundes Gesicht mit buschigen Augenbrauen und einem gelblichen Bart. In den Augen des Fremden sah er für einen Moment den gleichen Schrecken, den er selber fühlte, und nutzte instinktiv diesen Moment, um die Hand zu ergreifen, die ein langes, gezacktes Messer an seine Kehle gedrückt hielt. Mit aller Kraft, die seine Angst und seine Wut ihm gaben, setzte er sich auf und warf seinen Gegner zu Boden.

Einen Moment später fand er sich selbst auf der Brust seines Gegners kniend wieder, dem er nun seinerseits das Messer an den Hals gedrückt hielt – sie waren alleine, der zweite Angreifer war offensichtlich geflohen.
„Lasst mir mein Leben, Herr, ich bin nur ein armer, wehrloser Zwerg, ich wollte Euch nichts zu Leide tun. Noch nie hat man so tief in den Unterhöhlen einen Menschen getroffen, noch dazu alleine…“
Während er voll Abscheu in das hässliche Gesicht des Zwerges schaute, in dessen Augen bei seinen letzten Worten bereits wieder Habgier und Mordlust aufblitzten, versuchte er sich zu orientieren.
Er wusste weder,wo er sich befand, noch, wie er hierhergekommen war. Er erinnerte sich an seinen Namen: Holunk – aber für den Moment war das alles.

Schon seit Stunden ging Holunk bereits einen dämmrigen, etwas mehr als mannshohen und ca. 2 Meter breiten Gang entlang. Seinen zwielichten Angreifer hatte er nach kurzem Überlegen ohne weitere Fragen fortgejagt – wenn er schon nichts über den Ort wusste, an dem er sich befand, hielt er es doch für sehr ratsam, dies nicht gleich jedem auf die Nase zu binden.
Nach wie vor konnte er sich an nichts erinnern, was vor dem Angriff der beiden Zwerge stattgefunden hatte, und die unterirdische Höhlenwelt, durch die er gerade schlich, kam ihm völlig unbekannt vor.
Decke und Wände schienen aus einem rötlich-braunen Gestein zu bestehen, das zahllose Spalten und Mulden aufwies, die zum Teil mit einer zähflüssigen, gelblichen Masse gefüllt waren. Hier und da fanden sich moosartige dunkelgrüne Verwachsungen, und mehrmals glaubte Holunk, meterlange, oberschenkeldicke Tentakeln gesehen zu haben zu haben, die wahllos in verschiedene Richtungen zu wachsen schienen. Erhellt wurde das ganze durch in die Wände eingelassene Fackeln, die aber nur ein dämmriges, fahles Licht verbreiteten und teilweise auch vollständig erloschen waren. Immer wieder passierte es, dass er sich einige Meter durch fast völlige Dunkelheit bewegen musste, bis er wieder auf eine Fackel stiess, die noch brannte. Erschwerend kam hinzu, dass Holunk, sich durch zum Teil knöcheltiefen Schlamm kämpfen musste; das gesamte Höhlensystem schien eine penetrante Feuchtigkeit abzusondern, so dass sich am Boden eine undefinierbare schlammige Masse angesammelt hatte.
Seit einiger Zeit war der Weg etwas schmaler geworden und beschrieb ausserdem eine leichte Linkskurve. Holunk stolperte – mittlerweile in durchaus missmutiger Stimmung – vorwärts, wobei er jetzt in zunehmendem Masse an den Wänden anstiess. Einmal musste er sich sogar mit aller Kraft zwischen zwei Felsnasen hindurchquetschen, um nicht steckenzubleiben und den ganzen Weg wieder zurückgehen zu müssen, wobei ihm klar war, das er im Grunde keinerlei Ahnung hatte, wohin er eigentlich unterwegs war.
Während er gerade wieder knietief in einem Schlammloch eingesunken war, weil die schon vorher lückenhaft platzierten Fackeln immer häufiger über längere Strecken hinweg fehlten und er meist den vor ihm liegenden Weg nur noch schemenhaft wahrnehmen konnte, meinte er, ein Geräusch vernommen zuhaben. Eins, das entsteht, wenn sich jemand an Felswänden entlangschiebt, so wie er gerade, oder sich bemüht, seine Füsse fest auf schlüpfrigen Grund zu setzen, wie er selbst, aber mit aus langer Übung erwachsener Erfahrung, leiser und schneller als er – mit einem Mal wurde ihm bewusst, wie ausgeliefert er hier möglichen Angreifern war, während er orientierungslos durch die Gänge stapfte. Noch ein Geräusch, länger diesmal, unüberhörbar – er wusste jetzt, das er viel zu lange viel zu unvorsichtig gewesen war und sich blind seiner schlechten Stimmung hingegeben hatte. Im selben Moment, in dem er dies einsah und sich für eine mögliche Verteidigung bereit machen wollte, legte sich von hinten eine Hand fest auf seine Schulter.

II.

Diesmal ging das Erwachen schneller vonstatten. Holunk schlug die Augen auf und fand sich in einer Höhle wieder, die um ein vielfaches grösser war als der kleine Raum, in dem er zum ersten Mal zu sich gekommen war. Zwei weitere Unterschiede nahm er ebenfalls sofort war: er hatte hämmernde Kopfschmerzen, und er war an Armen und Beinen gefesselt.
Er versuchte sich zu erinnern, und langsam kehrte das Bild des langen, düsteren Ganges zurück, durch den er gestolpert war. Er erinnerte sich an die Schritte, die er hinter sich gehört hatte, seine Angst, und an die Hand, die sich unvermittelt auf seine Schulter gelegt hatte.
Holunk war herumgefahren und hatte versucht, dem unerwarteten Gegner die Faust ins Gesicht zu rammen. Aber er hatte sich noch nicht an die geringe Grösse der hier lebenden Zwerge gewöhnt – sein Schlag traf ins leere, und durch den Schwung seiner eigenen Bewegung fiel er vornüber. Zwar hatte er sich sehr schnell wieder hoch gerappelt (was auch immer er getan hatte, bevor er auf welche Weise auch immer in diese düstere Höhlenwelt geraten war – es schien ihn mit guten Reflexen ausgestattet zu haben) – aber gerade, als er zu einem besser gezielten, vernichtenden Schlag gegen seine Gegner ansetzen wollte, der auf Holunks blitzschnelle Reaktion nicht gefasst gewesen war und erst jetzt – viel zu spät – nach einem langen Messer an seinem Gürtel gegriffen hatte, hatte ihn ein schwerer Schlag auf den Kopf getroffen.

Holunk blinzelte mit den Augen und versuchte, sich an das Licht seiner Umgebung zu gewöhnen – es war hier heller als in den Gängen, der riesige Raum wurde von einigen hell flackernden Holzfeuern erleuchtet. Er fragte sich, wie diese Höhle – überhaupt diese ganze unterirdische Welt – mit Luft versorgt wurde. Hier jedenfalls war diese Versorgung verbesserungsbedürftig – die Luft war erfüllt von Rauch und Gestank, und jeder Atemzug brannte in den Lungen.
Um die Feuer herum hatten sich Zwerge in kleinen Gruppen versammelt; sie sassen auf dem staubigen Höhlenboden und waren in laute, zügellose Gespräche vertieft:
“Lank O’Farlt, alter Dieb – was glaubst Du, würde Deine Mutter sagen, wenn sie wüsste, was Du heute mit der armen, kleinen L’wrala gemacht hast? Die Haare würden ihr von ihrem verlausten Kopfe fallen!”
“Bei meiner Ehre, G’worl – meine Mutter hat schon lange keine Haare mehr auf ihrem Kopf – die meisten hat sie bei meiner Geburt verloren, und das, was noch übrig war, haben meine Brüder und ich ihr abgefressen. Und, was die kleine L’wrala angeht – was weisst Du davon? Überhaupt, seit wann redet sie wieder mit Dir?”
Ein lautes, unflätiges Lachen der anderen Zwerge folgte dieser Bemerkung, dann drehte der erste Sprecher sich zum benachbarten Feuer um und rief herüber:
“He, L’wrala, was erzählst Du über mich? Bin ich Dir nicht immer ein treuer und guter Freund gewesen?”
Eine alte, dicke Zwergenfrau erhob sich am anderen Feuer. Sie hatte ein filziges Stück Stoff von undefinierbarer Farbe um ihren Leib gewickelt, und ihre krummen Beine steckten in einem paar abgewetzter Sandalen.
“Ha! Lieber verbrächte ich den Rest meines Lebens mit meinem Arsch direkt hier im Feuer, als einen Schuft wie Dich meinen Freund zu nennen!”
Wieder schüttelte sich die Runde vor Lachen.
“Und wasch Dich mal! Heute Nacht hast Du gestunken wie ein krepiertes Waldferkel!”.

Der angesprochene wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als sich plötzlich sämtliche Köpfe der versammelten Zwerge in Richtung des Höhleneingangs drehten, aus der jetzt zwei besonders wild und bösartig aussehende Zwerge hervortraten. Ohne sich auch nur ihm Mindesten um die Ihnen entgegengebrachte Aufmerksamkeit zu kümmern, durchquerten sie die Höhle und kamen direkt auf Holunk zu.
“Wer bist Du, Mensch?”
Holunk musterte den grösseren der beiden Zwerge, der sich vor ihm aufgebaut hatte – soweit man bei einem Zwerg von 1.50m Körperhöhe von so etwas reden konnte.
Nach der Reaktion zu Urteilen, die sein Erscheinen und das seines Begleiters bei den anderen Zwergen hervorgerufen hatte, musste er eine sehr hohe Stellung unter ihnen einnehmen. Um den Hals trug er eine Kette, deren Glieder ihrer Farbe und Form nach zu Urteilen aus Knochen zu bestehen schienen, und auf seiner Brust baumelte ein Totenschädel. Auch war dieser Zwerg weitaus besser bewaffnet als die übrigen, und zusammen mit dem herausfordernden Tonfall, in dem die eben an ihn gerichtete Frage gestellt worden war, schloss Holunk, dass er es hier mit dem Häuptling zu tun hatte.
“Antworte, Du, oder ich schlage Dir auf der Stelle den Kopf ab!”.
Holunk überlegte – was sollte er tun? Es fiel ihm zwar nach wie vor schwer, sich vor dieser Kreatur zu fürchten, aber immerhin war er gefesselt, sein Gegner gut bewaffnet, und die Drohung schien durchaus ernstgemeint zu sein. Andererseits stellte ihn die Beantwortung dieser Frage momentan vor gewisse Schwierigkeiten.
“Wer bist Du, dass Du mir diese Frage stellst?”
Es war ihm klar, dass er hierdurch seine Lage nicht unbedingt besser machte, aber da ihm eine glaubwürdige Antwort fehlte, musste er versuchen, irgendwie Zeit zu gewinnen.
“Deine Leute haben mich hinterrücks überfallen und niedergeschlagen. Ihr habt mich meiner Freiheit beraubt, und jetzt erwartest Du von mir, dass ich mich rechtfertige? Ein Feigling bist Du, der es nur wagt, mir zu drohen, während ich gefesselt bin!”
Ein deutlich vernehmbares Raunen ging durch die Reihen der am Feuer sitzenden Zwerge – Holunks Worte schienen einen gewaltigen Eindruck auf sie gemacht zu haben. Er betrachtete den Häuptling, und glaubte für einen Moment, in seinen hässlichen, ungeschlachten Zügen Spuren von Unsicherheit zu entdecken. Mit einem Male hatte sich die Situation verändert, sein Gegner stand unter Zugzwang.
“Wehe Dir! Du wagst es, Mjak-Al Kronk, den Anführer der Gwarl, des gefürchtetsten Stammes der unteren Welt, einen Feigling zu nennen?”
Bei diesem Worten sah er Holunk mit seinen kleinen, schmutziggrünen Augen durchdringend an, dann zog er ein Schwert aus der Scheide, die außen an seinem Gürtel beschäftigt war, und setzte es ihm demonstrativ an die Kehle.
Holunk wusste, dass er sich, wenn er aus dieser Situation unbeschadet wieder herauskommen wollte, jetzt keine Blösse geben durfte. Der Zwerg durfte die Angst, die sich wie ein Schwelbrand in ihm auszubreiten drohte, nicht mitbekommen. Er hielt dem Blick seines Gegenübers stand.
“Aah!” Mjak-Al Kronk warf den Kopf in den Nacken, sein Fuss stiess heftig auf den Boden und wirbelte eine Staubwolke auf. “Bindet diesen Menschen los, und lasst mich gegen ihn Kämpfen.”
Er wandte sich wieder Holunk zu, und mit einem hässlichen Grinsen fügte er hinzu: “Mein Schwert wird wie ein wildes Tier über Dich kommen und Dir den Bauch aufschlitzen.”

Auf das Zeichen ihres Häuptlings hin standen zwei in der Nähe sitzende Zwerge vom Boden auf und lösten die Hand- und Fussfesseln, mit denen Holunks Arme und Beine zusammengebunden waren. Danach zogen sie sich in respektvolle Entfernung zurück – an den Feuern war es still geworden, die Spannung, die in der Luft lag, war mit Händen greifbar. Offenbar war es lange her, das jemand den Häuptling dieser Zwerge herausgefordert hatte – noch dazu ein Gefangener.
Holunk war schnell aufgestanden und nutzte jetzt die wenige Zeit, die ihm blieb, um seinen nach dem langen Sitzen steif gewordenen Körper zu lockern. Er wusste genau, der Häuptling war nicht an einem fairen Kampf mit ihm interessiert – seine Autorität war in Frage gestellt worden, und er wollte ihn deshalb so schnell und risikolos wie möglich beseitigen.
Er lag richtig mit seiner Vermutung – sobald sich seine beiden Untertanen sowie sein Begleiter einige Meter entfernt hatten, holte der Häuptling mit seinem Schwert zu einem gewaltigen Hieb aus, der Holunk in der Tat den Bauch aufgeschlitzt hätte, wäre er nicht vorbereitet gewesen. So aber konnte er gerade eben noch ausweichen. Dieser Kampf war –so erfreulich es auch war, das Holunk die Situation so weit zu seinem Gunsten hatte entscheiden können – im höchsten Masse gefährlich. Der Zwerg hatte ein Schwert und wusste mit Sicherheit auch, damit umzugehen, während er selbst völlig unbewaffnet war. Ihm blieb nur eine Möglichkeit: Er musste seinen Gegner jetzt sofort überrumpeln, solange er selber eben genau diesen Vorteil noch auf seiner Seite zu haben glaubte.
Direkt nachdem er dem Schlag ausgewichen war, griff er mit einer schnellen Bewegung nach dem Handgelenk des Häuptlings, zog es mit aller Kraft weiter in die Richtung, in die der Hieb gezielt gewesen war, und drückte gleichzeitig fest zu. Er hatte Glück – das Schwert fiel seinem Gegner aus der Hand und landete einige Meter weiter im Staub. Gleichzeitig trat er hinter den Zwerg, der sich jetzt erstaunt und wütend in Richtung seines so unerwartet und plötzlich verlorenen Schwerts drehte, und legte ihm von hinten den Unterarm an den Hals. Wenn er jetzt mit aller Kraft zudrückte, würde es dem Häuptling das Genick brechen.
Jetzt erst hatte er einen Moment Zeit, zu überlegen. Was sollte er tun? Auch wenn er für den Moment ein gutes Druckmittel in der Hand hatte – letztlich änderte sich nichts daran, dass er von einigen Dutzend bewaffneter Gegner umringt war, und sich zu alledem in einer Gegend befand, von der er überhaupt nichts wusste. Was sollte es bringen, einen Kampf gegen diese Zwerge, die sich selbst die
Gwarl nannten, zu führen? Viel eher sollte er versuchen, sie sich zu Verbündeten zu machen. Es schmeckte ihm nicht, das zuzugeben, aber – er brauchte Hilfe.
Er richtete das Wort an die wütend auf ihn starrende Zwergenhorde:
“Mein Name ist Holunk. Wer ich bin, kann ich Euch nicht sagen – ich habe meine Erinnerungen verloren. Bevor ich heute Morgen zu mir gekommen bin und Eure beiden Leute mich fanden, weiss ich nichts.”
Dann lösste er seinen Griff vom Hals des Häuptlings und trat einen Schritt zurück.

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