Golem

Niemand sagte etwas, ab jetzt war es unmöglich, etwas zu sagen, wir hätten gehört werden können. Im Stall war es noch wärmer als draußen. Er war niedrig, ziemlich groß, weiß gekalkt und leer bis auf ein Gestell, so ähnlich wie das, was in der Schule zum Bockspringen benutzt wird. An den Wänden waren ein paar Ringe eingemauert, vielleicht hatten da früher Pferde gestanden. Es brannte das rötliche Licht, das für die Ferkelaufzucht gebraucht wird. In diesem Stall kam er mir plötzlich größer vor, auch seine Stimme klang anders, als er uns sagte, dass wir uns ganz ruhig verhalten sollten.

Die Situation, in der wir uns befanden, war höchst brisant – wenn wir nicht höllisch aufpassten, würden sie uns hier finden. Und das würde bedeuten, das nicht nur wir, sondern auch die grauenhafte Entdeckung, die wir gemacht hatten, verloren war. Der Konzern würde sein verbrecherisches Handeln fortsetzen, und niemand würde etwas dagegen unternehmen können.
Ich sah wieder auf zu unserem Anführer, dessen breites Gesicht mit den tief in ihren Höhlen liegenden grauen Augen in diesem rötlichen Licht noch unheimlicher wirkte als bisher. Ich wusste nicht recht, was ich von ihm halten sollte: er hatte meine Gefährten und mich unter Einsatz seines Lebens hierhergeführt und uns damit vor dem sicheren Tod bewahrt – das sprach für ihn. Andererseits…es war nicht nur sein Gesicht, das mir ein tiefes Misstrauen einflößte – dafür konnte er nichts, das war dem Konzern zuzuschreiben, der mit seinen jede Ethik verhöhnenden Experimenten Wesen wie ihn geschaffen hatten. Es war vor allem sein Verhalten – er hatte uns hier hereingeführt, aber darüber, wie es von hier aus weitergehen sollte, schwieg er sich beharrlich aus.
Auf dem Weg hierhin hatten wir wenig Gelegenheit gehabt, zu sprechen. Unsere Flucht aus dem unterirdischen Labor war nur durch einen unglaublichen Zufall möglich gewesen – jeder von uns war auf einem anderen Weg in die Gefangenschaft des Konzerns geraten, jeder in diesem zusammengewürfelten Haufen hatte seine Geschichte. Bei mir war es vor allem Neugierde gewesen, gepaart mit Sensationslust und einem gewissen Geltungsdrang. Als kleiner Reporter bei einem unbedeutenden Käseblatt war ich durch Zufall auf die Spur der skandalösen Vorgänge geraten, hatte recherchiert, nachgeforscht, und schließlich auf eigene Faust einen Alleingang unternommen.
Eine Sache hatten wir alle hier gemeinsam – wir hatten den Konzern unterschätzt, und deshalb waren wir ihm blindlings in die Falle gelaufen.
Ich schaute mich um in dem niedrigen Raum, in dem wir jetzt seit schon einer Viertelstunde schweigend warteten – die Ringe an den Wänden, so stellte ich mit wachsender Beunruhigung fest, waren viel zu niedrig, um für die Haltung von Pferden gemacht worden zu sein – einem normal gewachsenen, mittelgroßen Menschen reichten sie gerade bis zur Hüfte. Sollte etwa…?
Man hatte uns in enge, dunkle Zellen gesperrt, manche von uns hatten etliche Wochen dort zugebracht, während denen man sie regelmäßig mit brutalsten Methoden geführten Verhören unterzogen hatte – als ob einzelne Menschen wie wir dem Konzern wirklich ernsthaft gefährlich werden könnten.
Die Fleischskandale hatten in letzter Zeit von sich reden gemacht, waren trotz allen Vertuschungsversuchen in die Presse gewandert, aber niemand ahnte wirklich, was hinter all dem stand – ein paar Tonnen vergammeltes Fleisch hier und da, das war alles. Oh wenn sie wüssten…..
Nachdem man uns für ungefährlich erklärt hatte, musste man uns irgendwie los werden. Klar, dass der Konzern uns jetzt, nach all dem, was wir gesehen hatten, nicht mehr gehen lassen konnte. Wir mussten beseitigt werden, und so dienten wir durch eine bösartige Ironie des Schicksals der gleichen perversen Maschinerie als Nahrung, die zu entlarven unser Ziel gewesen war.
Eigentlich war es erstaunlich, wie leicht die breite Öffentlichkeit sich mit den wenigen Meldungen, die über die Fortschritte und Methoden der Gentechnik an die Presse gelangten, zufrieden gab. Offenbar glaubten die Menschen wirklich, das wäre alles….als ob die gewissenlose, geld- und machtgierige Industrie der modernen kapitalistischen Welt es dabei belassen würde! In dieser neuen Technologie steckten Milliardengewinne – was zählten da schon die kleingeistig-naiven, rückständigen Moralvorstellungen, in denen unsere Gesellschaft jetzt noch gefangen war?
Auch hier zählte, wie überall, nur, wer zuerst ans Ziel gelangte, wessen Experimente zuerst von durchschlagendem Erfolg gekrönt waren, wer es als erster wirklich schaffte: alles tun zu können, was der menschlichen Phantasie in den Sinn kam und gottgleich die Natur zu beherrschen.
Man hatte Experimente an uns durchgeführt – da wir uns als Feinde des Konzerns gezeigt hatten, und da wir ja sowieso für immer verschwinden würden, hatte man besonders uns gegenüber jede vielleicht noch vorhandene Rücksichtnahme aufgegeben. Für einige von uns war es wirklich schlimm gewesen. Auf dem Weg hierhin, in den engen und verwinkelten Gängen, hatte es nur wenig Gelegenheiten gegeben, mehr als nur einen oberflächlichen Blick auf meine Kumpanen zu werfen, aber dass, was ich jetzt sah…
Ein Geräusch von Aussen ließ mich aus meinen Gedanken aufschrecken – etwas, dass wie eine hohe, schrille Signaltrompete klang, brach in unsere angespannte Stille ein und schlug sie entzwei. Instinktiv richteten wir alle unsere Blicke auf die grosse, schwerfällige und seltsam verkrümmte Gestalt unseres Anführers. Ich erschrak, als ich in seine Augen sah – irgendetwas dort hatte sich verändert, das stumpfe, leblose Grau war einem hektischen Flackern gewichen. Das Unbehagen, das ich von dem Moment an empfunden hatte, in dem wir unser Schicksal in Ermangelung einer Alternative und wider besseren Wissens in seine Hände gelegt hatten, wuchs.
Als wir in einem abgelegenen Versorgungstunnel auf seine grosse, bedrohlich aussehende Gestalt gestoßen waren, waren wir schon davon überzeugt gewesen, dass unsere von vorneherein aussichtslose Flucht hier ihr frühzeitiges Ende gefunden hätte – er war plötzlich einfach da gewesen, es wäre völlig zwecklose gewesen, davon zu laufen. Aber dann hatte er uns mit seiner dumpfen, emotionslosen Stimme versprochen, uns heraus ans Tageslicht zu führen. Und nach dem stundenlangen, panischen herumirren in den unterirdischen Gängen, verzweifelt und zu Tode erschöpft, hatten wir ihm geglaubt.
Jetzt stand er vor uns, und ein leichtes, fortdauerndes Beben lief durch seinen missgestalteten Körper. Einem plötzlichen Gefühl folgend drehte ich mich um und sah zu dem an einer der weiss gekalkten Wände des niedrigen Raumes stehenden Gestell herüber. In diesem Augenblick wurde aus der Furcht, die mehr und mehr in mir gewachsen war, eine schreckliche Gewissheit: das, was mir im ersten Moment wie eine harmlose Konstruktion aus Holz und Metall erschienen war, hatte sich ebenfalls verändert – wahrscheinlich im gleichen Augenblick, in dem von draußen das Signal ertönt war und wir die merkwürdigen Veränderungen an unserem Anführer beobachtet hatten. Aus dem Gestell waren einige metallene Arme und Stangen gefahren, jede von ihnen mit chirurgischen Werkzeugen und Apparaturen versehen. Ihr Zweck war eindeutig, und es gab hier nichts mehr zu hoffen.
Einen Moment später spürte ich die harten, kräftigen Arme unseres Anführers, die sich auf meine Schultern gelegt hatten und mich langsam, aber unerbittlich zuschoben auf das, wovon zu berichten ich keine Gelegenheit mehr haben würde…

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