Glas

Das Feuer flackert im Kamin, und ich spüre die Wärme auf meiner Haut. Vor mir Dein Gesicht, Deine Haare, Deine Augen – Dein Atem.

Ich weiss, der Abend wird wunderschön werden; wir haben lange darauf zugearbeitet – haben die Unsicherheit, die zermürbende Spannung, die Klippen und Untiefen der Annäherungsphase hinter uns gelassen. Wir beide zusammen haben das geschafft, ich bin froh darüber, stolz – und erleichtert; lange, sehr lange habe ich gezweifelt.

Jetzt ist Friede, Deine Stirn lehnt verträumt an meiner. Ich greife nach Deiner Hand, es geht ganz leicht; ich streichele sie, vorsichtig – wie klein diese Hand ist – ohne Mühe kann ich sie umschliessen. Das gefällt mir, bestätigt mich – ich schaue auf und versuche in Deinen Augen zu lesen. Zu meiner Erleichterung gibt es dort nichts, das mir nicht vertraut wäre, nichts, das mich angreifen könnte. Dieses Bild tut mir gut, ich umschliesse Dein Gesicht mit meinen Händen und drücke Dir einen Kuss auf die Lippen.

Deine Blauen Augen, die an meinen hängen, erwartungsvoll – und plötzlich denke ich: wie schön wäre das, wie richtig würde sich das anfühlen – tief in mir – : Meine Gedanken in Dich hineinzutreiben; ich ahne, wie schwach der Widerstand sein würde – es wäre kein Unrecht, nicht das – nur die reine, klare, Schönheit der Struktur würde zutage treten.

Irgendetwas in Deinem Blick verändert sich, zieht sich zurück – ich glaube, ich habe das getan – habe ich etwas zerstört? Aber was heisst schon Zerstörung, ich fühle den freien Fluss der Energie in mir entstehen – es ist etwas grosses, gewaltiges, das sich aufbaut.

Ich ziehe mich kurz zurück, unerwartet muss ich die Toilette aufsuchen.

Danach möchte ich die Tür wieder schliessen und durch den kalten Flur wieder zurück ins Wohnzimmer gehen, aber ich spüre in meinem inneren eine unbestimmte Leere – das Gefühl verunsichert mich, und einem plötzlichen Impuls folgend hebe ich den weissen ovalen Plastikdeckel an und sehe, dass ich den grössten Teil meiner Gedärme in der Kloschüssel zurückgelassen habe. Zuerst bin ich erschreckt, aber nur kurz – ich fühle mich gut, kein Problem. Dann gehe ich zurück.



Ich gehe zurück und wir nehmen unsere Umarmung wieder auf. Dein Blick hat sich sehr verändert, das merke ich wohl – in meinen Armen bist Du steif wie ein Brett, und ich spüre Deine Angst – aber das ist gut so, es bietet mir einen willfährigen Untergrund. Denn meine Energie ist jetzt stark wie nie zuvor, ungebrochen, sauber und rein, wild und frei. Ich sehe Entsetzen in Deinen Augen, und schaue mich um – dann verstehe ich, klar, hinter mir zieht sich eine Spur roten Blutes über den weissen Wohnzimmerteppich. Ich möchte Dich beruhigen und küsse Deinen Hals und Deine Wangen – alles ist gut. Aber auch meine Lippen hinterlassen eine blutrote Spur, auf Deiner Haut. Dieser panische Blick in Deinen Augen….

Ich höre in mich hinein und kann ich meinen Herzschlag nicht finden; ich versuche, Luft zu holen, aber ich spüre, auch Atmung ist jetzt jenseits von mir – der Prozess, der mich zur äusseren Hülle meiner selbst werden lässt, schreitet unaufhaltsam weiter fort. Bleibt mir nur Deine Verletztheit, nach wie vor ist der Fluss meiner Energie stark – ich fühle mich leicht und frei wie nie vorher. Kann das hier wirklich falsch sein? Ich denke mir einen Satz aus, irgendeinen, um Dich zu trösten – das hier geht ja nicht gegen Dich, diese Energie dient allein sich selbst, ihrer eigenen Grösse, und sie ist schön und brilliant. Ich öffne die Lippen und sage: “Gross….” Dann aber kann ich plötzlich den Mund nicht mehr schliessen, dieses scharfe, harte “ss…” hat die dünne, filigrane Haut, zu der ich geworden bin, in eine unerwartete, tödliche Vibration versetzt.

“sssss…” es zerrt und reisst an mir – wie kann ich dem Stand halten? Dabei war die Energie eben noch so gross, ich habe mich stark und unverwundbar gefühlt.

Der Tod kommt schnell, ich werde zerspringen wie dünnes Glas – was heisst jetzt noch Schmerz. Schmerz sehe ich in Deinen Augen, in Deinen schönen, sanften und unendlich warmen Augen. In meinem Geist formt sich der Satz, der mich vielleicht retten könnte, wenn mein ausgehöhlter Körper noch die nötige Substanz hätte, ihn auszusprechen, die Luft in Schwingungen zu versetzen und sie an Dein Ohr und in Dein Herz zu transportieren. Und es würden mir helfen, das weiss ich, denn ich meine es doch ehrlich – ich habe verstanden.

In dem Moment, wo es zu spät ist und meine Schwingung sich endgültig in eine kalte Nulllinie verwandelt, sage ich: “Es tut mir so leid….”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.