G.I.S.A.COM

  1. Zirnoni Telgn



    Klar? – Also, klar war hier schonmal gleich gar nichts: klar war nicht, ob das ungute Rumoren in ihrem Bauch eine Folge des übermässigen Alkoholgenusses auf der Party war, von der sie gerade eben völlig angenervt und frustriert zurück nach Hause in ihr kleines halboffenes Studentenappartment gekommen war, oder ob es sich dabei nicht doch eher um die Nachwehen der noch nicht ganz ausgestandenen Magen-Darm-Grippe handelte, die sie sich – da sie das monatliche Pflichtupdate ihrer Medio-Raumfilter-Software mal wieder verschlafen hatte – letzte Woche eingefangen hatte. Klar war auch nicht, ob der Streit, den sie aus einer spontanen Bauchentscheidung heraus mit ihrem Freund angefangen hatte, wirklich der Grund für die direkt danach erfolgte gegenseitige Aufkündigung ihres Beziehungsverhältnisses war, oder ob es dafür nicht doch tiefergehende Gründe gegeben hatte: materielle, sexuelle, emotionale – der übliche New-age-Mist eben…

    Zirny seufzte, liess sich entnervt in ihren in den Einbauschrank ihres Appartements integrierten Kommunikationssessel fallen und tippte kurz mit der flachen Hand auf den dort angebrachten 3D-Flatscreen, um sich in das Welcome-menu ihrer Networking-Software einzuwählen – schliesslich war zumindest klar, dass es irgendwie weitergehen musste…



    2. Kernlo Wargl



    „Rabaääääh!“

    Dieses verdammte Geschrei würde ihn eines Tages noch um den Verstand bringen, dachte Kernlo Wargl, als er mit erheblichem Unwillen von seinem weiss-beigen, kunstmarmornen Designerschreibtisch aufstand, um sich vom automatischen Laufband ins Schlafzimmer seiner kleinen Tochter befördern zu lassen – wenigstens teilweise wurden ihm die ekelhaften Routinetätigkeiten des Alltagslebens von der XL-Ausstattung seiner neuen Wohnung abgenommen; nur blieb eben immer noch genug übrig, um ihn regelmässig bei seiner Arbeit zu stören – das Töchterchen aus dem Bett heben, dem Töchterchen gut zureden, mit dem Töchterchen ein paar Runden auf diesem blöden Laufband durch die Wohnung fahren – bis das vermaledeite Kind endlich schlief, würde er den fulminanten Text, den zu verfassen er gerade begonnen hatte, wieder vergessen haben, der Klient würde nicht erfreut sein und sich schon bald einen anderen Anbieter suchen. Während er, mit solchen düsteren Gedanken beschäftigt, seine kleine Maggy in den Schlaf zu wiegen versuchte, spürte er am Innenrand seines Hemd den Vibrationsalarm seines neuen Kragenhandys. Er räusperte sich, und wie von der Bedienungsanleitung versprochen wurde die Verbindung hergestellt:

    „Kernlo Wargl, Meinungsberatung und interdisziplinäre Beziehungsanalyse, was kann ich für sie tun?“

    Das unzusammenhängende Schluchzen am anderen Ende der Leitung trug nicht dazu bei, seine Stimmung zu bessern.



    3. Aurora Lee



    „Was soll das heissen, das Serverupdate ist noch nicht fertig? Wissen Sie, wieviele Kunden ich in jeder Stunde, in der ich offline bin, verliere?“

    Ein Knacken am anderen Ende der Leitung, dann war Stille. Ärgerlich, wenn die Technik nicht funktionierte, ein einziger Schrotthaufen, das alles. Von wegen Unterwasserhandy, Regen-, Badewannen und sogar Duschtauglich, wie es in der Werbung geheissen hatte! Aurora Lee stieg aus der Dusche und griff wütend nach ihrem Badehandtuch, um sich wenigstend in Grundzügen abzutrocknen, bevor sie diesen Idioten vom Wartungsdienst zurückrief.

    Die Sache war wichtig. Ein Online-Dating-Service der neuesten Generation, so wie sie ihn leitete, vertrug eben keine Ausfallzeiten. 24/7-Beziehungs-Betreuung, das war der neue Trend, und ihre Kundenstatistik liess nichts zu wünschen übrig. Sollte aber auch so bleiben.

    „Ja, genau, GISA-DOT-COM. Ich kann auf ihr verdammtes Update nicht mehr warten. Spielen Sie alle Daten hier auf meinen eigenen Rechner. Ja, genau. Nein, ich brauche keine Sicherheitsupdates. Ja, ich kenne das Risiko. Nein, die Umstellung müssen Sie vornehmen. Ich…“

    Sie seufzte innerlich. Wenn dieser Typ sie jetzt noch fragen würde, was sie heute abend vor hätte, würde sie anfangen, laut zu schreien.

    „Sie sind soweit? Ja, das sehe ich. Ok. Alles in Ordnung. Kündigungsbestätigung bitte an meine Adresse. Ja, mit der Post. Mega-Altmodisch, da stehe ich drauf. Nein. NEIN. Ja, ich habe schon etwas vor, verdammt.“

    Als wenige Sekunden später das Visiophon im Wohnzimmer anschlug, hätte sie um ein Haar nach tatsächlich geschrien.



    4. Zirnoni Telgn



    „Hi, Ziny! Alles roger, altes Haus?“

    Raga stand freudestrahlend in der Wohnungstür ihrer besten Freundin und beobachtete sie dabei, wie sich in ihrem Komu-Sessel aufsetzte, schnell ein paar Tränen aus ihrem Gesicht wischte und dann versuchte so zu tun, als würde sie sich über ihren Besuch tatsächlich freuen – diese halboffenen Appartements waren eine Megacoole Sache – für bestimmte Gäste waren sie nicht abschliessbar, gegen eine deutliche Reduktion des Mietpreises – dafür zahlte Raga auch – ebenso wie umgekehrt Ziny – eine kleine monatliche Gebühr, um wirklich jederzeit bei ihrer besten Freundin vorbeischauen zu können.

    „Haste den Typen ja tatsächlich abserviert, hätte ich dir gar nicht zugetraut! Cooole Sache…“

    Raga setzte sich auf eine kleinen Wäschehaufen neben dem Bett und sah ihrer Freundin in die Augen. „Möchtest du darüber reden?“



    5. Kernlo Wargl



    Wenigstens, die Kleine schlief jetzt. Der heulende, unverständliche Kunde hatte sich als ein Notfall herausgestellt, er würde also nochmal in seine Praxis fahren müssen. Maggy würde er mit dem neuen, unterirdischen Hydraulik-Rohrpostsystem zu Aurora schicken – eine fantastische Einrichtung, und zualledem noch eine der wenigen Neuerungen, die tatsächlich auch funktionierten. Und das so schnell und materialschonend, dass der Versand von Babys und Kleinkindern ausdrücklich erlaubt war.

    Telefon, schon wieder: „Ihr habt also euer zweites Date, und wisst nicht, wie ihr euch verhalten sollt? Jetzt gerade eben? Und du sagst, die Dame möchte auch gerne…aber dann… Gisa.com, ah, verstehe. Der Bereich „Knutschen und Zärtlichkeiten“ ist noch nicht freigeschaltet, und ihr beiden Herzchen habt jetzt Angst, euch strafbar zu machen. Vielleicht beendet ihr das Date einfach jetzt und lernt euch eben „zufällig“ kennen… Zu unromantisch, sagt sie, verstehe. Und ihr habt die nächsten zwei Stunden schon im voraus bezahlt. Ja dann… also, vielleicht redet ihr dann nochmal drüber, man sollte ja auch nicht zu schnell….sieht sie jetzt auch so…ok, dann wäre das ja geklärt. Alles gut. Ja, meine Rechnung schicke ich euch. Schönen Abend noch!“

    Verdammt, die Welt wurde immer verrückter.



    6. Zirnoni Telgn



    „Und, weisst du, was das schlimmste ist?“

    Ziny war jetzt völlig in Tränen aufgelöst.

    „Das schlimmste ist, dass ich nie wusste, ob er mich wirklich noch liebt, oder ob er nur noch mit mir zusammen ist, weil er sich damals diesen zweijährigen Vertrag hat aufschwatzen lassen. Langzeitbeziehungs-Rabatt, und diese ganze Scheisse. Aber ich will jetzt nicht mehr. Ich hab grad eben online gekündigt, schliesslich habe ich für diese Option monatlich fünf Euro extra gezahlt. Guck doch mal eben, ob die mir schon ’ne Bestätigungmail geschickt haben!“

    Traurig steckte sie ihren verheulten Kopf aus dem Wäscheberg, während Raga jetzt den Platz auf dem Komu-Sessel eingenommen hatte.

    „Hmm…..dein Ebay-studienkredit…Viagra-Werbung…irgend so’n Perverser, der dich zu ’nem unregistrierten Date einladen will…wieder Viagra…’ne Antwort vom StudiVZ wegen der Verlängerung deines Personalausweises..Viagra…Viagra…ah, hier: ‚Gisa Intends Sexual Activity‘ – das ist es doch, oder?“

    „Ja, genau.“

    „Wofür steht eigentlich ‚Gisa‘?“

    „Steht doch da: Gisa steht für ‚ Gisa Intends Sexual Activity‘.“

    „Ja, aber warum Gisa?“

    „Sag ich doch, Gisa ist ‚Gisa Intends…’“

    „Aber – ach man, das ist blöd. Also jedenfalls schreiben die hier, dass du – he, hier steht, du könntest nicht kündigen, weil…“



    7. Aurora Lee



    Allmählich fiel die Anspannung des Tages doch noch von ihr ab….die Umleitung von GISA.COM auf ihren Hausrechner hatte offenbar funktioniert, und die Kleine, die vor einer knappen halben Stunde per Rohrpost reingerutscht war, schlief tief und fest, eigentlich war alles gut. Ihr fiel der Typ vom Callcenter wieder ein, der sie vorhin eingeladen hatte – hatte eigentlich ganz nett geklungen, und seine VoiveOverIP-Adresse hatte sie routinehalber sowieso gespeichert. Sie überlegte kurz, ob sie sicherheitshalber noch Kernlos Ok einholen sollte, entschied sich dann aber dagegen – denn eigenen Ex-Ehemann als Meinungsberater zu haben war letztlich immer irgendwie uncool.

    Maggy schlief tief unf fest…Sie koppelte die Babywiege – um ganz sicher zu gehen – an den automatischen On-Demand-Babysitt-Service, kontrollierte, ob der Postschacht auf ’send/receive‘ geschaltet war und schickte sich an, sich ins Nachtleben zu stürzen.



    8. Zirnoni Telgn



    „Schatz? He, du, es gibt da ein Problem mit unserer Trennung, weil…“

    (…)

    „Ja, tut mir ja auch leid, aber ich wusste das wirklich nicht, ist ganz blöd, was kleingedrucktes…“

    (…)

    „Moment, mit wem spreche ich jetzt? Kernlo Wargl, wer soll das sein? Ach nee, dieser Feigling verbindet mich einfach direkt mit seinem Meinungsberater, anstatt die Angelegenheit selbst zu klären, na ganz toll. Also, hören sie…“



    9. Maggy



    Langsam, vorsichtig tastend schoben sich die kleinen Babyhändchen und -Füsschen über den Rand der Wiege. Ein leises, die dramaturgische Spannungspause geschickt ausfüllendes Nuckeln am Schnuller…dann war Maggy frei, in jedem Online-Forum konnte man schliesslich nachlesen, dass sogar mittelmässig intelligente Babys es nach kurzer Zeit lernten, das billige Sicherheits-warnsystem auszutricksen…der kleine blaue Schlafsack mit der absurden Aufschrift „I love Bart & Lisa“ bewegte sich langsam auf den Hauptschalter zu, wobei in regelmässigen Abständen dumpfe Fallgeräusche vernehmbar waren – Maggy konnte eben immer noch nicht wirklich richtig laufen. Ein leichtes Ziehen am Stecker, und…



    10. Zirnoni Telgn



    „Halt, warten sie…hat sich gerade erledigt…sagen sie ihm einfach, er ist ein Idiot!“



    – E N D E –

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