Examen

Termingerecht am 29. September 2004 um 15.25 Uhr hatte sich die vierköpfige Kommission im kleinen Konzertsaal des Konservatoriums versammelt. Zu Prüfen war Kandidat Meier, Abschlussexamen, instrumentales Hauptfach: Violine.

Das Konzert würde in fünf Minuten beginnen, Zeit und Ort waren schon einige Wochen lang im Foyer als Aushang einsehbar gewesen, zusammen mit sämtlichen Prüfungsterminen dieses Semesters.

Dennoch herrschte in den sechs langgezogenen Sitzreihen gähnende Leere – nur vier mittlere Plätze in der dritten Reihe wurden von den leicht verschlafen dreinschauenden Kommissionsmitgliedern ausgefüllt. Kandidat Meier hatte sich für ein Examen unter Ausschluss der Öffentlichkeit entschieden – das Reglement liess dies ausdrücklich zu, und deshalb gab es hieran nichts zu beanstanden.

Punkt 15.30 Uhr öffnete sich die dezent in die schalloptimierte Rückwand des Bühnenbereichs eingelassene Holztüre, und Kandidat Meier trat heraus, dem Anlass entsprechend in schwarzem Anzug und mit elegant gekämmtem, pomadeglänzenden Haarschnitt. In der Hand trug er einen modernden, rechteckigen Geigenkoffer, den er eben jetzt vorsichtig auf dem Flügel plazierte.

Dieses Verhalten war ungewöhnlich, verlangten es doch die Etikette wenigstens des etwas gehobeneren Konzertbetriebs, dem Publikum das Herausnehmen des Instruments vorzuenthalten, es sozusagen und eben dies, nämlich direkt und unverpackt auf die Bühne zu bringen.

Dementsprechend ging nun auch ein leichtes Raunen durch die Kommission, und der eben noch augenfällige Eindruck der Schläfrigkeit war, wenn nicht gar vollständig verschwunden, so aber doch merklich reduziert.

Kandidat Meier hatte unterdessen einen am Seitenrand stehenden Stuhl ergriffen, ihn in die Mitte des vorderen Bühnenbereichs gestellt und war nun im Begriff, sich zu niederzusetzen.

Dies war jetzt nicht mehr nur ungewöhnlich, sondern widersprach ganz entschieden dem für diesen ja doch nicht unwichtigen Anlass angemessenen, genau festgelegten Verhaltenskanon.

Professor Walther Erkholt, seines Zeichens Leiter des Fachbereichs für Saiteninstrumente und langjähriger Meisterschüler von Jascha Heifez, fühlte sich in seiner Funktion als Kommissionsvorsitzender nun genötigt, das Wort zu ergreifen. Er setzte sich in seinem Sessel auf, räusperte sich und sprach:

“Herr Meier, ich sehe, dass auf ihrem Programm nun die berühmte Chaconne aus der d-moll-Suite von Johann Sebastian Bach stünde – was ist, wollen sie sie denn nicht spielen?”

Zustimmendes Gemurmel seiner Kollegen bestätigten diese Worte.

Kandidat Meier schien die Worte des Herrn Professors zu überdenken, denn er senkte für einen Moment den Kopf. Dann hob er ihn mit einer entschlossenen Geste wieder, schaute in die erwartungsvoll auf ihn gerichteten Augen der Kommission und sagte:

“Nein.”

Wieder herrschte eine Zeitlang Schweigen. Professor Erkholt war ob dieser Dreistigkeit offensichtlich sprachlos, deshalb fühlte sich jetzt Professor Thomas Harzberg, ebenfalls ein verdienter Meister seines Faches und nicht unlängst sogar Preisträger eines kleineren Wettbewerbes, genötigt, seinem Kollegen und langjährigen Freund zu Hilfe zu eilen:

“Was soll das heissen – ‚Nein‘ ? Das Stück steht an erster Stelle auf ihrem Programm.” Und, jetzt mit einer leichten, aber unüberhörbaren Betonung seiner Authorität in der Stimme, fügte er hinzu: “Ich bitte Sie, verschwenden Sie nicht unsere Zeit!”

Die Antwort von Kandidat Meier kam diesmal schneller, auch war jetzt kein Senken und anschliessendes Heben des Kopfes mehr erforderlich: “’Nein‘ heisst, dass ich dieses Stück nicht spielen werde.”

Nachdem er dies gesagt hatte, stützte er sich mit beiden Händen auf der Sitzfläche des Stuhles ab – brachte sich in eine bequeme, gemütlichere Sitzposition, sozusagen – und fixierte gelassen die hoch über den Köpfen der Kommission angebrachten Scheinwerfer.

Es war jetzt an Professor Harzberg, sprachlos zu sein, und sein Assistent, Herr Theodor Dülber, selbst noch nicht allzulange dem Studium entwachsen, fühlte sich geneigt, das Wort zu ergreifen. Er fühlte in sich ein gewisses Verständnis für diesen offensichtlich von Versagensängsten übermannten Prüfling erwachen, und beschloss, der Situation mit einer versöhnlichen Geste die Brisanz zu nehmen:

“Möchten Sie vielleicht mit einem anderen Stück beginnen? Ich sehe hier zum Beispiel die F-Dur-Romanze von Ludwig van Beethoven, dieses Stück erfordert vielleicht etwas weniger Virtuosität und musikalische Gewandheit. Es wäre doch schade, all der Aufwand, Sie haben sich doch sicherlich lange auf diesen Tag vorbereitet, und dann einfach gar nicht spielen?”.

Hieraufhin verliess Kandidat Meier seine bequeme Sitzhaltung, stand auf und sagte:

“Ich werde heute keines der auf meinem Programm stehenden Stücke spielen.”

Dann drehte er sich um und ging langsamen, gemessenen Schrittes hinüber zu seinem nach wie vor auf der Flügelabdeckung ruhenden Geigenkoffer. Er machte offensichtlich Anstalten, ihn zu öffnen, und das in ihm befindliche Instrument ans Tageslicht zu befördern – die Kommission quittierte dies mit einem kollektiven Stirnrunzeln, aber auch mit einer gewissen Befriedigung darüber, dass das Examen jetzt wohl doch noch einen ordnungsgemässen Verlauf nehmen würde. Allerdings würde man nicht umhin kommen, dem Prüfling für sein unangemessenes Gebahren einen saftigen Punktabzug zu verpassen – Professor Erkholt hatte sich bereits eine dementsprechende Notiz gemacht.

Kandidat Meier hatte unterdessen seinen Koffer wieder geschlossen und wandte sich nun wieder der Kommission zu, in seiner Hand eine fabrikneue XYZ-Maschinenpistole mit aufmontiertem Schalldämpfer – con Sordino, sozusagen.

Mit dem gleichen langsamen, gemessenen Schritt, mit dem er einen Moment zuvor zu seinem Koffer hinübergegangen war, begab er sich jetzt wieder an den vorderen Bühnenrand, setzte sich auf seinen Stuhl und fixierte mit leicht gelangweiltem Blick die vier schreckensbleichen Komissionsmitglieder. Die Maschinenpistole hielt er griffbereit auf den Knien.

“Mein Gott Meier, machen Sie sich doch nicht unglücklich…” Das Wort hatte diesmal Professor Winkelmann ergriffen, er war Lehrer des offensichtlich so missratenen Zöglings und hatte die bisher stattgefundene Konversation mit schambleichen Gesicht und klopfendem Herzen schweigend verfolgt.



“Sehr verehrte Kommission!” erhob dieser Zögling jetzt würdevoll seine Stimme. “Ich bitte sie um Verzeihung für mein unkonventionelles Vorgehen, aber besondere Umstände liessen mir keine andere Wahl. Es ist, wie Sie vielleicht verstehen werden, aus verschiedenen Gründen unerlässlich für mich, dieses Examen zu bestehen; wie bereits angekündigt, werde ich aber keines der auf meinem Programm stehenden Stücke spielen. Der Grund hierfür ist sehr einfach: ich vermag es nicht. Trotzdem glaube ich aber, ein unbestreitbares Anrecht auf Erlangung meines Diploms zu haben – die Gründe hierfür werde ich Ihnen sogleich eröffnen. Vorher aber möchte ich noch einige erläuternde Worte zu der Situation verlieren, in der Sie sich befinden: Wie Sie sicherlich wissen, ist dieser Raum vollständig schallisoliert, etwaiges Rufen oder Schreien würde Ihnen also nichts nützen. Die Türen der Ausgänge, die sich zu Ihrer Linken und Rechten befinden, habe ich vor Beginn der Prüfung eigenhändig verschlossen, der Schlüssel befindet sich ebenfalls in meinem Koffer. Bis zum Verstreichen der für dieses Examen vorgeschriebenen Zeit wird uns niemand stören, Sie befinden sich also vollständig in meiner Gewalt.

Zwar halte ich die von mir noch vorzubringenden Argumente für stichhaltig, dennoch ist der von mir durch die auf meinen Knien ruhende Waffe ausgeübte Zwang wahrscheinlich unerlässlich, um Sie zur Kooperation zu bewegen.”

An dieser Stelle hielt er einen Augenblick inne und wartete die Reaktion seiner Zuhörer ab.



Als diese ausblieb, fuhr er fort:

„Ich nehme an, Ihr Schweigen dahingehend deuten zu dürfen, dass Sie die Ausweglosigkeit Ihrer Situation eingesehen haben und beschlossen haben, sich in Ihr Schicksaal zu fügen. Das ist gut, denn ich würde nur ungerne gebrauch von meiner Waffe machen – würde aber im Ernstfall nicht zögern, es zu tun. Ich werde also nun zur Darlegung meiner Argumente schreiten.“

Er räusperte sich, dann sprach er in würdevollem Tonfall weiter:

„Wie ich vorhin bereits angedeutet habe, überfordert der Schwierigkeitsgrad der auf dem Programm stehenden Vortragsstücke meine technischen, tonlichen sowie musikalischen Fähigkeiten bei Weitem. Schon bei der Einleitung zu Bachs Chaconne bin ich mit der Intonation der Akkordfolgen restlos überfordert, und eine Darbietung von Paganinis 24. Cappriccio erklingt bei mir in einer so unglaublichen Stümperhaftigkeit und Langsamkeit, dass ich es keinem Menschen zumuten möchte sie anzuhören. Herr Professor Winkelmann mag hierfür gerne als Zeuge dienen, er kennt meine katastrophale Unfähigkeit aus all den langen Semestern, in denen er mit heissem Bemühen versucht hat, mich zu Unterrichten.“

Kandidat Meier hielt inne und warf einen kurzen Blick auf seinen Lehrmeister, und fügte hinzu:

„ Durchaus vergeblich, wie leider gesagt werden muss.“

Professor Winkelmann aber war noch immer in angstvollem Schweigen erstarrt.

„Ich möchte, dass wir uns in diesem Punkte verstehen: ich selbst finde das nicht gut. Gerne wäre ich ein grosser Violinist, würde zu den Meistern meines Faches gehören wie Sie es tun, meine Herren, doch leider gibt es Umstände in meinem Leben, die dies verhindert haben. “

Ein erneutes Zögern, man sah, dass es dem Prüfling schwerfiel, seine nun folgende Rede zu formulieren:

„Mein heisses bemühen um das Erringen der edlen Kunstfertigkeit im Violinspiel wurde schon früh gestört. Das Verhältnis zu meinen Eltern war nicht ungetrübt, nicht das sie mich schlugen (wobei ich manchmal wünschte, sie hätten es getan!), aber es gab Dinge in ihrer beider Persönlichkeiten, die etwas in mir auslösten, das – das ich mir meiner selbst auf höchst besondere Weise gewahr wurde. Ich unterschied mich von meiner Umwelt, ich begann die anderen Kinder zu meiden und mich ganz auf meine eigene Person zurückzuziehen. Nun war das alleine vielleicht nicht weiter schlimm – ich befand mich in dieser meiner eigenen Welt eigentlich gar wohl, nur musste ich – es war so gegen Ende meiner Schulzeit – leider Feststellen, dass die Konfrontation mit der Aussenwelt, und diese war jetzt unabwendbar geworden, mit beträchtlichen Schwierigkeiten verbunden war. Ich fühlte, dass ich Blockaden in mir errichtet hatte, Mauern – fast kann man von einer gewissen Gehemmtheit sprechen…“

Etwas verlegen senkte Kandidat Meier den Kopf und sein Blick ruhte einen Augenblick lang auf der XYZ-Maschinenpistole auf seinen Knien. Dann fuhr er fort:

„Ein erstes Warnsignal war mein Zivildienst, den ich – selbstverständlich hatte ich den Dienst an der Waffe verweigert – in einem nahegelegen Krankenhaus absolvierte. Trotz meines ehrlichen Bemühens befanden meine Vorgesetzten mich für unfähig, selbst die einfachsten Tätigkeiten auszuführen – ich bekam Angst und stürzte mich noch tiefer in die Ausbildung meines Violinspiels, als ich es bisher schon getan hatte – es schien mir die einzige Möglichkeit zu sein, ein Leben unter Aufrechterhaltung meiner eigenen Welt zu führen – und in der Welt draussen würde ich sicher nicht leben können, soviel stand für mich jetzt schon sicher fest. Ich bestand meine Aufnahmeprüfung an diesem Konservatorium, aber – und ich hatte es schon vorher mit grosser Angst bemerkt – auch an meinem Violinspiel zeigten sich Schwierigkeiten. Ich spürte zuerst einige Unsicherheiten in den höheren Lagen und bei allzu gewagten Flageolets, aber es wurde schlimmer, viel schlimmer. Zum Zeitpunkt meiner Zwischenprüfung war ich bereits weit unter das Niveau meiner Anfangszeit zurückgefallen. Mittlerweile fielen mir die einfachsten Kadenzen schwer, meine einst so soliden Doppelgriffpassagen waren vollkommen zusammengebrochen.

Ich bemühte mich sehr darum, diesen Missstand zu beseitigen, aber alles Üben war vergebens, ja, machte die Sache nur noch schlimmer. Je grösser meine Angst wurde, mein Violinspiel würde nicht ausreichen, um die mir unerträgliche Auseinandersetzung mit meiner Aussenwelt umgehen zu können, desto stümperhafter wurde dieses.

Schliesslich gab ich meine Bemühungen auf – meine Fähigkeiten würden gerade noch genügen, um eine kleine, unbescholtene Existenz als Lehrer an irgendeiner unbedeutenden Musikschule zu fristen oder am letzten Pult eines Provinzorchesters zu spielen. Schweren Herzens gab ich mich damit zufrieden.

Fest steht aber, dass ich dennoch mein Diplom erlangen muss. Und es auch verdiene! Denn, habe ich mich nicht durchaus bemüht? Habe ich nicht verbissen Stunde um Stunde an meiner Geige verbracht, mehr noch vielleicht als die meisten meiner Studienkollegen? Ich fordere sie also nun hiermit dazu auf, die vor ihnen liegenden Formulare auszufüllen und mich als bestanden einzutragen, und zwar mit der Höchstnote – in Anbetracht des emotionalen Aufwands, den ich betrieben habe, ist das nur angemessen.“

Nach dem er dies gesprochen hatte, lehnte Kandidat Meier sich zurück und betrachtete mit abschätzigem, etwas gehetzt wirkenden Blick die Herren Professoren.

Es war diesmal sein Lehrer, Herr Professor Winkelmann, der zuerst das Wort ergriff:

„Die Äusserungen des Prüflings über die mangelhafte Qualität seines Spiels muss ich leider bestätigen. Es mangelt hier sogar an den Grundlagen, wobei ich ebenfalls bestätigen kann, dass er sich zu Beginn seines Studiums durchaus begabt gezeigt hat, eigentlich habe ich ihn immer für recht talentiert gehalten – talentiert, aber letztlich doch nicht fähig, seine Begabungen umzusetzen.“

An diesem Punkt fühlte sich Professor Harzberg bewogen, einzuwerfen:

„Und diese Fähigkeit der Umsetzung ist es doch letztlich, die auf dem Weg zur Meisterschaft so entscheident ist. Nicht nur das Talent und ein vages Bemühen zählt, sondern durchaus der Erfolg – ich werde meine Unterschrift verweigern, und die Drohung des Kandidaten schreckt mich nicht.“

Es war Professor Eckholt, der, gemäss seiner Position, das vernichtende Urteil über das Ansinnen des Kandidaten Meier gab:

„Ich stimme meinem Kollegen zu – auch ich werde meine Unterschrift verweigern, und damit wäre das Dokument auch nicht gültig, selbst wenn sich – was ich allerdings bezweifeln möchte – einer meiner Kollegen zur Kooperation bereiterklären würde. Der Prüfling versucht hier nicht nur, seine katastrophale Unfähigkeit zu vertuschen, sondern auch noch seine Feigheit, wobei er offenbar geneigt ist, eines durch das andere zu rechtfertigen. Seine Geschichte löst bei mir ein gewisses vages Bedauern aus – Überzeugungskraft hat sie jedoch keine.“



Kandidat Meier nahm das Urteil der Kommission scheinbar gelassen hin – dann aber griff er in einer unkontrollierten, hektischen Bewegung zu seiner Waffe, zielte auf die vor ihm sitzende Kommission und drückte mehrmals in schneller Folge auf den Auslöser.



Leider aber zeigte sich, dass er es versäumt hatte, die Waffe mit Munition zu füllen – ausser einem leichte Klicken im Lauf geschah nichts, und nach einem weiteren kurzen, ebenso verzweifelten wie sinnlosen Versuch, seinen Plan in die Tat umzusetzen, liess Kandidat Meier die Waffe sinken und starrte mit leerem Blick zu Boden.



Hernach trat Herr Theodor Dülber, der sich bisher bedeckt gehalten hatte, auf die Bühne und nahm dem mit gesenktem Kopf dastehenden Prüfling die Waffe aus den zitternden Händen. Er ging herüber zu dem geöffnet Geigenkoffer, nahm aus dem Seitenfach die Schlüssel heraus und entriegelte den linken Seitenausgang.

Die Komission verliess daraufhin einer nach dem anderen schweigend den Saal – das Examensprotokoll hatten sie ausnahmslos mit „ungenügend“ gezeichnet, mit einerm kurzen Hinweis auf das unbotmässige Verhalten des Kandidaten Meier – Professor Erkholt hatte hierzu persönlich eine Notiz gemacht.

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