Ex Comunio Sancto

23 November, Anno Domini 1673



Mit diesen Zeilen werde ich Zeugnis ablegen. Zeugnis von dem, was mir widerfährt in meiner Tätigkeit, meinem Heiligen Amt als Priester einer kleinen verschlafenen Gemeinde in Siebenbürgen. Denn ich nehme ihn ernst, meinen Auftrag: Das Volk von der Sünde abzuhalten, die abtrünnigen Lämmer zurückzuführen auf den rechten Weg Gottes.

Schon zu lange habe ich nur zugesehen, habe es geschehen lassen, dass die Welt um mich herum ihren verruchten Gang nimmt. Jetzt werde ich handeln.



24 November, Anno Domini 1673



Vor mir stehen sie, scheinheilige Lügner ausstaffiert in ihren eleganten Sonntagskleidern. Ich kann die Falschheit in ihren Gesichtern sehen, in jedem einzelnen von ihnen. Aber heute werde ich es ihnen zeigen. Ich werde eine Predigt halten, wie sie sie niemals vorher gehört haben.

Ich habe eben damit begonnen, mit ekstatischen Worten ein düsteres, beklemmendes Bild des Fegefeuers zu zeichnen, als ich sehe, dass sich die elegante Kopfbedeckung einiger älteren Damen in der ersten Bank um wenige Zentimeter angehoben hat – offensichtlich stehen ihnen die Haare zu Berge. Das ist gut. Ein erster Schritt, alles weitere wird sich ergeben.

Ich vollende mein Plädoyer gegen die Sünde im gleichen martialischen Stil, bekomme dabei selber ein wenig Angst. Abbruch.



27 November, Anno Domini 1673



Das Kirchenvolk strömt zur wöchentlichen Beichte. Vor mir sitzen sie, plötzlich verwandelt in reumütige Schäfchen, schwitzend im Halbdunkeln des Beichtstuhls. Ich höre Dinge, von denen mir übel wird, nehme mir vor, die nächste Beichte nicht mehr auf nüchternen Magen anzuhören.

Eine Frau, die ihr Kind schlägt. Eine andere, die ihren Ehegatten betrügt. Lange kann ich das hier nicht mehr aushalten.

Ein Schmied aus dem Dorf gesteht mir unter Tränen, er gehe heimlich der Trunksucht nach. Ich gebe ihm zehn Vaterunser auf und lasse ihn gehen – heute will ich nicht streng sein.

Nach Beendigung der Beichte ziehe ich mich mit dem Messwein in die Krypta zurück, ich muss nachdenken.



1 Dezember, Anno Domini 1673



Mir sind einige Dinge klar geworden. Ich weiss jetzt, das Worte nicht ausreichen werden, meine Schäfchen auf den rechten Weg zurückzuführen. Ich muss zu härteren Massnahmen greifen. Vor mir steht das Gefäss mit dem Weihrauch – in meiner Jugend bin ich selbst auf allerlei Abwegen gewandelt, Gott sei mir gnädig, und seitdem besitze ich Kenntnis über verschiedene bewusstseinserweiternde Substanzen. Auch die Substanzen selbst besitze ich, aufbewahrt in einem fest verschlossenen Schrein, dessen Schlüssel ich seit Jahrzehnten unter meinem Kopfkissen aufbewahre.

Während ich heute die Predigt halte, schwenke ich ihnen das heilige Gefäss entgegen, ich habe mit einer geringen Dosis begonnen. Aufmerksam beobachte ich die Veränderung in ihren Augen.



Nachtrag: Es scheint, dass ich vorsichtig sein muss. Einige Passagen meiner Predigt sind mir nicht mehr vollständig in Erinnerung, und das, an das ich mich erinnern kann, bereitet mir Sorgen. Offenbar habe ich selbst einen nicht unerheblichen Teil des Rauches abbekommen. Und offensichtlich vertrage ich nicht mehr die gleiche Menge, wie in meiner Jugend. Ich muss vorsichtig sein.



4 Dezember, Anno Domini 1673



Wieder die wöchentliche Beichte. Es kommen weniger Leute als sonst, irgendetwas stimmt nicht. Nach der Mittagspause beschliesse ich, das Weihrauchgefäss mit in den Beichtstuhl zu nehmen – die wenigen Leute, die erschienen sind, will ich nicht enttäuschen.



7 Dezember, Anno Domini 1673



Eine Predigt vor halb leeren Reihen. Dafür werde ich inbrünstiger in meinem Vortrag, diejenigen Gläubigen, die noch herbeigeeilt sind, meine Botschaft zu empfangen, sollen hören, was ich zu sagen habe.

Viel Weihrauch, die Sache beginnt Spass zu machen.



11 Dezember, Anno Domini 1673



Niemand ist zur Beichte erschienen. Während ich alleine mit meinem Weihrauchgefäss in meiner dunklen Kammer sitze, empfinde ich die Luft bald als etwas stickig. Wut erfasst mich. Ich fasse einen Plan.



12 Dezember, Anno Domini 1673, Nachts



Bin in die Backstube des Dorfbäckers eingedrungen. Erwarte für Morgen eine Lieferung frischer Hostien. Vorsichtig sträue ich ein feines, weisses Pulver in den Teig – dann entschwinde ich in der dunklen Nacht.



25 Dezember, Anno Domini 1673



Es ist Weihnachtsfest, die Kirche ist voll, heute müsst Ihr zu mir kommen, Ihr treulosen Verräter.

Aber da ist mein Plan, ich bereite die Mahlfeier vor. Wenn die Sünde nicht stirbt, geht der Sünder an ihr zugrunde, sagt man.

Ich bereite die Mahlfeier vor, nehme eine Hostie aus dem Kelch. Im letzten Moment erkenne ich den grauenhaften Fehler in meinem Plan – dann ist es zu spät. Bevor mir die Sinne schwinden, glaube ich noch, soetwas wie hämische Erleichterung auf Euren Gesichtern zu erkennen – ihr Schweine…

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