Elfenzauber

Des Nachts in Mondlicht’s gold’nem Schein
Schreit‘ ich mit meinem Stahl zum Berge.
Es muss ein starker Zauber sein,
Mit dem ich meine Waffe stärke!

Die Stunde der verwunsch’nen Elfe
Wird mir zu Diensten sein in dieser Nacht,
Dass sie gehorsam mir verhelfe
Zu Stärke, Tapferkeit und Macht!


Bald wird es soweit sein – es ist bewölkt und regnet in Strömen, trotzdem kann ich sehen, dass der Vollmond kurz vor seinem Zenit steht. Eine, vielleicht zwei Stunden – es ist Zeit, dass ich mich auf den Weg mache.

Vorsichtig stehle ich mich aus dem Holzschuppen, in dem ich mich den Tag über versteckt gehalten habe. Was wohl geschehen würde, wenn man mich entdeckt? Denn der Meister ist streng, und ich darf nach Einbruch der Dämmerung nicht mehr vom Haus fort sein. Wenn die Sonne untergeht, muss ich mich dorthin zurückziehen, in meine kleine Kammer unter dem Dach, und warten, bis man mir mein altes Stück Brot und meinen Becher abgestandenen Wassers hereinbringt – mein Abendessen, und ich muss noch Dankbarkeit dafür zeigen, dass ich es bekomme.

Ich weiss, dass die anderen Knechte hinter meinem Rücken über mich lachen – ich höre sie, oft sitze ich in einem Busch oder hinter einer Hecke und lausche. Und oft genug lachen sie mir auch direkt ins Gesicht. Über meinen Fuss, den ich seit meiner Geburt hinter mir her schleife, und über mein entstelltes Gesicht. Ich kann froh sein, sagen sie, dass ich überhaupt eine Anstellung gefunden habe, einen Meister, für den ich arbeiten darf, und der mir ein Dach über dem Kopf gibt.

Sie lachen auch über meine Herkunft, darüber, dass ich ein Kind ohne Vater bin, und dass meine Mutter eine Hure sei – das Gerede über meine Mutter ist das, was mich am meisten schmerzt. Ein nichtsnutziges Luder, sagen sie – eine, bei der es gut ist, dass sie so früh gestorben ist. Nur dass sie vor ihrem Tod noch ein Kind in die Welt gesetzt hat, das hätte nicht sein müssen.

Die Kammer, in der ich wohne, ist so dunkel – es ist nur ein kleines, ganz kleines Fenster, durch das Licht hineindringt. Manchmal, wenn ich eingesperrt bin, verrenke ich mir den Kopf, bei dem Versuch, nach draussen auf die Strasse zu schauen – solange, bis ich die Schmerzen nicht mehr ertragen kann. Aber ich möchte doch die Menschen sehen, die anderen, freien Menschen, draussen im Sonnenschein. Es gibt auch Tage, an denen ich nach der Arbeit hinaus darf, aber es sind nur wenige – denn der Meister ist jähzornig, und ich bin nicht geschickt bei meiner Arbeit. Erst gestern habe ich ein schönes, neues, glänzendes Hufeisen zerschlagen – sagt er, ich selber weiss nichts davon. Ich habe gesehen, wie ein anderer Knecht es behauen hat, viel zu früh, als es noch nicht heiss und rotglühend war, wie der Meister es wünscht. Heute also hätte ich wieder eingesperrt werden sollen, aber ich habe mich versteckt – denn ich habe einen Plan, heute ist Vollmond, und ich werde nicht mehr länger warten.

Ich habe es schon so lange nicht mehr gewagt, dem Meister zu widersprechen, dass er nicht immer kontrolliert, ob ich wirklich in mein Gefängnis gehe. Früher habe ich mich oft dagegen gewehrt, war verzweifelt und wütend, aber der Meister ist brutal, und ich habe mich in mein Schicksal ergeben. Aber nur für die Augen der anderen – ich habe einen Plan, von dem keiner weiss.

Ich habe jetzt die Scheune verlassen, niemand hat mich bemerkt, denn ich war leise und sehr vorsichtig. Aber der gefährlichste Teil meines Vorhabens steht mir noch bevor: ich muss hinein in die Schmiede, muss das Eisen holen, das ich im Verlauf vieler Wochen heimlich angefertigt habe – in den wenigen, kurzen Momenten, in denen der Meister mich unbeaufsichtigt gelassen hat. Gestern habe ich es fertiggestellt, die Gelegenheit war günstig: ein reicher Händler hatte um die Hand der Tochter des Meisters angehalten, und man hatte gefeiert. Der Wein war in Strömen geflossen, und am Schluss hatten sie alle benebelt am Boden gelegen und ihren Rausch ausgeschlafen. Ich war als einziger wach geblieben – und konnte so endlich den letzten, den kompliziertesten Arbeitsschritt ausführen, und mein Eisen mit der schützenden Legierung überziehen, die sonst nur für die luxuriösen Feuerhaken bestimmt war, die reiche Gutsbesitzer manchmal orderten.

Hinter einem losen Brett habe ich es versteckt – und jede Nacht gebetet, dass es niemand entdeckt. Das Brett nehme ich geräuschlos beiseite – ich habe keine Eile, noch ist Zeit. Ich wickle das Eisen in ein altes Tuch und lege es mir über die linke Schulter – es ist schwer, aber ich bin stark, es wird keine Schwierigkeiten geben. Vielleicht werde ich es auf dem langen Weg den Berg hinauf das eine oder andere Mal absetzten müssen, aber das macht nichts. Wenn ich das Dorf einmal verlassen habe, bin ich in Sicherheit.

Und dann wird auch das Gerede über meine Mutter verstummen, ich werde dafür Sorgen. Ich werde dafür sorgen, dass ihr bestraft werdet, ihr alle, die ihr sie als Flittchen, als Hure und sogar als Hexe beschimpft habt. Eure gerechte Strafe – dabei weiss nur ich allein, dass ihr mit einem Teil Eurer Schmähungen der Wahrheit viel näher kommt, als ihr Euch jemals zu träumen wagen würdet.

Hexe – was ihr Euch nur darunter vorstellt? Ihr, mit euren kleinen, wohlgeordneten Leben, brave, anständige Bürger, die nie die wichtigsten Dinge entbehren mussten: Eine Familie, ein eigenes Heim, Respekt, Freunde, und einen Dummen, auf den ihr Spucken könnt.

Ich habe von meiner Mutter Dinge gehört, die Euch die Haare zu Berge stehen lassen würden. Ich war noch klein und habe vieles wieder vergessen, nur eines einzelnen Zaubers erinnere ich mich – auf ihrem Sterbebett hat sie ihn mir aufgesagt, bevor sie in der schmutzigen Waldhöhle, in der sie hausen musste, ihr Leben aushauchte.

Ich habe jetzt den Dorfrand erreicht, es regnet noch immer, aber das stört mich nicht. Im Gegenteil, es hilft, meine Spuren zu verwischen – doch wenn mein Plan gelingt, wird das egal sein. Wenn alles so wird, wie ich hoffe, werde ich keine Angst mehr vor Euch haben müssen.

Der Weg hoch zum Berg verläuft in steilen Serpentinen – auf halbem Wege muss ich mein Bündel absetzen, meine Schultern schmerzen zu sehr. Ich werfe einen Blick auf das Dorf – es sieht so klein aus von hier oben. Eine lächerliche handvoll windschiefer Hütten, nur zwei oder drei richtige Häuser – eins davon gehört dem Kaufmann, dem seit Gestern die Tochter des Meisters versprochen ist.

Wie verhasst ihr mir alle seid – alle, die kleinen Dorfjungen, die sich immer einen Spass daraus gemacht haben, mich mit Steinen zu bewerfen, die älteren Burschen, die über mich gelacht haben, die Mädchen, die ihren Blick erschreckt und angewidert abgewand haben, wenn sie zufällig auf der Strasse den meinen gekreuzt haben – wenn ich sie auch nur eine Sekunde zu lange angesehen habe.

Der Mond ist jetzt aus den Wolken hervorgebrochen – das ist gut, ich brauche sein Licht. Ich habe das Plateau erreicht, dass den Gipfel des Berges bildet – eine freie Fläche, nur in der Mitte liegt ein Felsbrocken, etwa hüfthoch und oben abgeplattet. Ein Altar, ein Ort mit einer starken Magie, die nur ich allein zu nutzen weiss.

Ich spüre jetzt, die Zeit ist gekommen. Ich fühle eine innere Spannung, die grösser ist, als ich selbst. Ich habe mein Eisen auf den Altar gelegt, so, wie meine Mutter es mir erklärt hat.

Ich glaube, zuerst werde ich meinen Meister besuchen. Der Meister ist mächtig, aber ich werde keine Angst mehr haben. Dann die anderen Knechte, und danach…ich glaube, es wird egal sein, wer mir über den Weg läuft, es wird eine zeitlang dauern, bis mein Hunger nach Rache gestillt ist. Auch den Kaufmann, der mir meine Geliebte stehlen will, werde ich nicht vergessen. Und dann wird sie mir in die Arme sinken und wird mir zu Willen sein, nur mir….

Ich hebe die Hände zum Himmel empor, mein Mund öffnet sich, und wie von selbst fliessen die Worte aus mir heraus, die alten, machtvollen Worte, die ich so oft vor mich hingemurmelt habe, und wegen derer mich die anderen schliesslich für verrückt gehalten haben.

Ein Blitz zerspaltet die Luft, schlägt direkt vor mir in den Altar ein und versengt mir die Hand, die eben noch mein Eisen gehalten hat, das Eisen, das jetzt anfängt, rot zu glühen. Ein starker Wind kommt auf, ein Heulen, dann ist alles vorbei. Es ist ruhige Nacht, und der Mond scheint.

Als ich mein Schwert vom Altar nehme, spürt meine Hand keinen Schmerz.

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