Eitelkeit

Wie es mir gelang, zur Schönheitskönigin des Abschlussballs meiner Highschool gewählt zu werden
I.

Damals, in meinen Jugendjahren, war ich – was viele vielleicht nicht wissen – Schülerin an der Highschool einer bekannten US-Amerikanischen Kleinstadt, deren Namen ich aus Diskretionsgründen hier gerne verschweigen möchte. Es reicht zu wissen, dass es eine Stadt war, wie wir sie alle aus Fernsehserien kennen, die abzuschalten wir zu träge sind oder deren Sendetermin zufällig zwischen zwei weitaus bedeutenderen Ausstrahlungen liegt, so dass ein Um- oder gar Abschalten guten Gewissens als ‚indiskutabel‘ abgetan werden kann.
Unsere Stadt gefiel mir sehr, denn sie bot alles, was für mich im Leben eines Teenagers wichtig und notwendig zu sein schien: wir hatten einen kleinen Radiosender, der neben den aktuellen Hits der Woche die Tapes der lokalen Schülerbands spielte, einen Wochenüberblick über das Kinoprogramm lieferte, Kontaktanzeigen aus dem nahegelegenen Altersheim zum Besten gab und es im Übrigen als seine Berufung ansah, die örtlichen Stimmungen und Ereignisse durch ausgewählte Kommentare festzuhalten oder auch neutral in die ein oder andere vielversprechende Richtung zu lenken; einen Stadtpark, in dem die ortsansässigen Teenager ihren Eltern, die ihre unschuldigen Kleinen bei einem harmlosen Rendezvous auf der Wohnzimmercouch nicht stören wollten, heimlich beim Knutschen zusahen, und zwei konkurrierende Kaufhäuser, in deren Damenunterwäscheabteilungen sich die Mädchen der höheren Jahrgänge trafen, wenn sie mal wirklich unter sich sein wollten.
In den Aussenbezirken standen viele schicke Einfamilienhäuser in hellblauer oder rosa Farbe, vor ihnen parkte meist ein farblich passender Straßenkreuzer, der neben seiner eigentlichen dekorativen bzw. prestigebildenden Funktion von vielen Einwohnern in vermeintlich unbeobachteten Augenblicken auch für die eine oder andere Fahrt zum Brötchenholen beim Bäcker um die Ecke oder zum Abendessen im zwei Staaten weiter gelegenen Drive-In-Restaurant genutzt wurde.
In einem solchen Haus wohnte damals auch ich. Meine Familie bestand aus Mami, Papi, meinem kleinen Bruder Schniffi sowie einer linksseitig gelähmten Hauskatze, die auf den Namen Tobias hörte. Ich selbst war ein hübsches blondes Mädchen mit langen Haaren, blauen Augen und all dem anderen Pipapo, dass dazu gehörte, den Jungs in der Nachbarschaft den Kopf zu verdrehen, jedes Jahr zum Valentinstag den Briefkasten mit Karten schüchterner Verehrer, kleinen Blumensträussen sowie herzzerrreissenden Liebeserklärungen zu füllen und nebenbei dem fluchenden Postboten regelmäßig einen ordentlichen Bandscheibenvorfall zu verpassen (Hierzu muss gesagt werden, dass es ihm dabei durchaus nicht schlecht erging – durch geschicktes Taktieren erreichte er aufgrund dieser lapaillenhaften Beschwerden eine Frühpensionierung, ließ sich diese bar auf die Hand auszahlen und unternahm eine Reise ins ferne China. Dort entdeckte er seine Leidenschaft für die Haltung und Zucht von Südasiatischen Zwergobelisken und machte mit dem Verkauf der Felle schnell ein Vermögen. Als reicher Mann kehrte er in seine Heimat zurück und verbrachte dort seinen Lebensabend in Ruhe und Frieden).
Im Übrigen genoss ich die mir entgegengebrachte Aufmerksamkeit gar sehr. Nicht etwa, dass ich ernsthaft daran dachte, einem meiner Verehrer eine Chance zu geben oder gar so etwas wie Gefühle für einen von Ihnen zu entwickeln – ich hatte keinen der Briefe jemals gelesen, Päckchen und Geschenke versteigerte ich umgehend im Internet und besonders aufmerksame und treue Verehrer denunzierte ich kalt lächelnd im Kreise meiner Freundinnen.
Was mir an der Situation gefiel, war das simple Gefühl von Macht: an einem schönen Sommertag spazierengehen zu können und mit nichts weiter als einem unnahbaren Blick oder einem nicht erwiderten Gruss das Herz eines bis dato vielleicht glücklichen jungen Mannes entzwei zubrechen; die neidischen Blicke meiner Mitschülerinnen an mir abperlen zu lassen oder einfach nur durch nichts als ein strahlendes Lächeln eine verbilligte Kinokarte, einen Wochenvorrat Cheeseburger oder eine Mittelmeerkreuzfahrt in Begleitung eines netten älteren Herren abzustauben – die Dinge waren gut so, die Dinge fühlten sich richtig an und die Dinge sollten so bleiben, wie sie waren.

Aber das Glück meiner Jugend sollte nicht ungetrübt sein, und schon bald begannen sich über meinem Haupt dunkle, schicksalhafte Wolken zusammen zu ziehen…
Das Unheil nahte in Gestalt eines unscheinbaren, bebrillten kleinen Mädchens mit weissen Tennissöckchen und einer unbegreifbaren Vorliebe für kartoffelsackartige, unförmige Kleidungsstücke, dass auf den Namen Lisa hörte. Dieses sonderbare Wesen war nach den Sommerferien still und leise in meiner Schulklasse aufgetaucht, ohne von irgendjemandem großartig bemerkt oder beachtet zu werden.
Nun war das im Prinzip nichts ungewöhnliches – Neuankömmlinge gab es immer wieder, und das allein war noch kein Grund, um das soziologische Kleinbiotop unserer Schule – meiner Schule – durcheinander zu bringen. Ich beobachtete diese Eindringlinge immer mit grosser Aufmerksamkeit, schon um auf jede mögliche Komplikation vorbereitet zu sein, aber für gewöhnlich erwiesen sich diese Subjekte als unproblematisch und völlig harmlos: eine zeitlang wurden sie ignoriert und gemieden, die eine oder andere musste vielleicht mal eine lange Nacht im Klassenschrank oder ein paar bange Minuten mit dem Kopf nach unten im Papierkorb verbringen, aber nach einigen Wochen verloren diese liebgewonnenen Willkommensrituale ihren Reiz, und die Neuankömmlinge schlichen sich klammheimlich aus ihrer Opferrolle und wurden zunehmend von uns anderen integriert.
In diesem Fall aber war es anscheinend anders: auch nach vollen drei Monaten machte es uns noch die gleiche kindliche Freude, Lisa mit unseren Pausenbroten zu bewerfen, diejenigen ihrer Kleidungstücke, die unser kollektives Urteil als ‚unnötig‘ eingestuft hatte, aus dem Fenster zu befördern oder ihr ganz einfach mit treuer Miene die fingierte Nachricht vom plötzlichen Tod einer ihrer Verwandten zu überbringen.
Zwar genoss ich all das nicht weniger als meine Mitschülerinnen, aber manchmal, in ruhigeren, bedächtigeren Augenblicken, machte ich mir Sorgen: War es nicht so (und dass wusste ich genau, den ich hatte es mehrmals im Fernsehen und im Kino gesehen), dass genau diese Art von Mädchen, die die Aussenseiterrolle gepachtet zu haben schienen und bei denen sich auf den ersten Blick keine, aber auch gar keine Hoffnung auf eine Spur von Integration oder Akzeptanz einstellen wollte, es mit erschreckender Regelmässigkeit nach einiger Zeit fertigbrachten, sich and die Spitze der Beliebtheitsskala zu katapultieren, durch die perverse soziologische Ambivalenz ihrer Rolle unvermittelt mutiert und zu neuen Leitfiguren der breiten Masse erkoren?
Ich bekam es mit der Angst zu tun.
Deshalb machte ich es mir zur Gewohnheit, Lisa heimlich in unbeobachteten Momenten etwas genauer unter die Lupe zu nehmen: sie war klein, unscheinbar, und ihr Kleidungsstil hatte sich trotz unserer aufopferungsvollen Bemühungen nicht zum Guten gewendet. Ausserdem war sie – aber hier stockte ich zum ersten mal, und ich sah meine dunklen Vorahnungen durch ein klassisches Indiz bestätigt: Sie war nämlich keineswegs dick, sondern zeigte in den wenigen Augenblicken, in denen man ihre ansonsten durch konsequent sackartige Kleidung gut verhüllte Figur zu Gesicht bekam, genau die Ausformungen und Rundungen, die bei Männern zu steigendem Hormonspiegel, glasigem Blick sowie weiteren bedrohlichen Zeichen von Kontrollverlust führen.
Was war hier zu tun? Ich wollte in diesem Fall – aufgrund meiner düsteren Vorahnungen – keinerlei Risiko eingehen, und beschloss, den Wahrheitsgehalt meiner Befürchtungen umgehend einer gründlichen Prüfung zu unterziehen: Während dem Duschen nach einer Sportstunde schoss ich heimlich ein Foto von Lisa und veröffentlichte dieses – selbstverständlich ohne dass man das Gesicht der darauf abgebildeten Person erkennen konnte – in der nächsten Ausgabe unserer Schülerzeitung, mit der an den männlichen Teil der Schülerschaft gerichteten Aufforderung, die körperlichen Vorzüge der abgebildeten Dame zu bewerten.
Zu meinem Erschrecken waren die eingehenden Urteile nicht nur durchweg positiv, sondern überschlugen sich geradezu vor Lobeshymnen und äußerten vor Allem den dringlichen Wunsch, des Namens der unbekannten Schönheit habhaft zu werden um sie umgehend zwecks näherer Begutachtung kontaktieren zu können. Dies führte dazu, das ich in den kommenden Tagen und Wochen zunehmend von Jungs umlagert wurde (was nichts Neues war), die sich nicht für mich, sondern für die geheimnisvolle Unbekannte auf dem Photo interessierten (was durchaus neu für mich war) – eine verhängnisvolle Verdrehung der gewohnten und liebgewonnen Verhältnisse zeichnete sich ab, und ich begann zu ahnen, das ich vielleicht einen Fehler begangen hatte.
Das Schicksal hatte mir eine geradezu teuflische Falle gestellt – durch den Versuch, ihm zu entgehen hatte ich meinen drohenden Untergang erst heraufbeschworen: Je mehr ich versuchte, Lisas Identität geheim zu halten und die Sache herunterzuspielen, desto grösser wurde das allgemeine öffentliche Interesse an ihr.
Zu allem Übel schien es so, als sei irgendetwas von der wahren Identität hinter dem Photo durchgesickert. Natürlich zeigte noch niemand offen Interesse für Lisa – so weit war es noch nicht gekommen – aber ich konnte nicht verhindern, dass das eine oder andere Gerücht entstand – zu bizarr natürlich, um ernstgenommen zu werden, aber auch gerade so beharrlich, dass sich um Lisa so etwas wie der mystische Hauch des Geheimnisvollen legte.
Das Unheil war angerichtet, ich konnte die Situation nicht mehr retten und beschloss, die Sache einstweilen auf sich beruhen zu lassen, in dem Glauben, das Gras über die Sache wachsen und alles wieder so werden würde, wie früher.
Ich sollte mich getäuscht haben.

II.
(Ein halbes Jahr später)


‚He, schaut mal da!‘
Ängstlich duckte ich mich, sie sollten mich nicht sehen.
‚Kennt ihr die noch? Ist sie nicht….‘
Das war mir genug, mehr wollte ich nicht hören – ich beschleunigte meine Schritte, bog um die nächste Ecke und drückte mich mit dem Rücken eng an die Hauswand. Dort verharrte ich einen bangen Moment, bis die Stimmen sich wieder entfernt hatten, und lief dann traurig und mit gesenktem Kopf weiter nach Hause.

Ja, die Dinge hatten sich geändert. Seit meinem missglückten Versuch, Lisa für alle Zeiten aufs soziale Abgleis zu stellen, war mein Stern zunehmend gesunken, während der ihre…
Es tut mir heute noch weh, über diese Zeit zu sprechen, deshalb beschränke ich meinen Bericht auf das unbedingt notwendige: Kurze Zeit, nachdem bekannt geworden war, wer sich wirklich hinter der jungen Frau auf dem Foto verbarg (woran ich leider nicht ganz unschuldig war, konnte ich doch die mir liebgewonnene Gewohnheit, Lisas Kleidungsstücke systematisch an die frische Luft zu befördern, einfach nicht aufgeben), begannen sich einige der wichtigsten Persönlichkeiten unserer Schule für Lisa zu interessieren. Und wie jeder Mensch, in dessen einstmals finsteres Leben ein Lichtstrahl dringt, der die Chance erhält, aus Einsamkeit und Spott zu entfliehen auf so etwas wie ein sicheres Stück Land im Meer der sozialen Ächtungen und Intrigen, griff sie fest nach dem ihr gereichten Strohhalm. Mit den ersten Verehrern, die sie – anfangs aus Schüchternheit – abwies, stellten sich die ersten Freundinnen ein, und der tägliche Spott gegen sie begann zu verstummen.
Und wie viele andere vor ihr in gleicher Situation gab auch sie sich nicht mit ihrem unverhofft gewonnen Glück zufrieden, sondern wollte mehr. Sie begann, die immer häufigeren Anfragen von netten und anständigen Jungs kategorisch abzulehnen, nicht mehr aus Schüchternheit oder mangelndem Interesse, sondern aus – ja, aus genau denselben Gründen, aus denen auch ich damals sämtliche Verehrer zurückgewiesen hatte (tief betroffen erkannte ich hier die grundsätzliche Schlechtigkeit des Menschen).

Währenddessen hatte sich mein eigenes Leben mehr und mehr in eine trostlose Wüste verwandelt. Im gleichen Masse, wie Lisas Popularität immer weiter stieg, wurde es um mich ruhig und still.
Es stimmt, dass die Menschen nichts mehr lieben, als einen Helden fallen und einen Star ins Gras beissen zu sehen: Nach einigen Monaten hatten sich auch meine treuesten Freundinnen von mir abgewand, und das einstmalige Interesse der Jungs an mir erschien mir fern wie eine Erinnerung an ein längst vergangenes, glücklicheres Leben.
Der Valentinstag kam und ging diesmal, ohne dass sich auch nur eine einzige Karte in meinen Briefkasten verirrte oder auch nur ein Blumenstrass schmachtend vor unser Haustür lag.
Ich verbrachte die meiste Zeit zu Hause mit Tobias, unserer Katze, mit deren von gesundheitlichem Leid gequälten Existenz ich jetzt eine gewisse Wesensverwandtschaft zu verspüren glaubte.

So ging einige Zeit ins Land, und ich versank mehr und mehr in meiner depressiven Düsternis. Zualledem würde meine Schulzeit demnächst abgeschlossen sein und es rückte die Zeit des Abschlussballs näher. Mein Leben hätte wohl ein düsteres Ende genommen, wenn ich nicht eines Tages einen Einfall gehabt hätte, der mir eine neue Hoffnung gab und mich zu dem Entschluss brachte, mich aus meiner selbstmitleidigen Traurigkeit aufzuraffen. In mir reifte ein teuflischer Plan, und ich beschloss, noch einmal alles auf eine Karte zu setzen.

III.

Mittwoch Nacht, 23:49–Drei Tage vor dem Ball

Leise und vorsichtig huschte ich über die einsame, verlassene Straße, während der Vollmond die nächtliche Szenerie in ein unheimliches, schummeriges Licht tauchte. Noch eine Straßenecke, dann würde ich mein Ziel erreicht haben. Ich war mir sicher, bisher hatte mich niemand gesehen.
Einen Moment später stand ich vor einer verschlossenen, unbeleucheten Glastüre, die den Hintereingang zum Sendestudio unserer örtlichen Radiostation bildete. Während ich mich ein letztes Mal umsah, um zu kontrollieren, dass die Straße auch wirklich leer und verlassen war, holte ich vorsichtig den zur Türe passenden Schlüssel hervor – wieso und warum er in meinen Besitz gelangt war, würde nie jemand erfahren, es handelte sich dabei um eine Episode aus dem, was ich mittlerweile als mein ‚früheres Leben‘ bezeichnete.
Ich schloss auf, trat ein und ging vorsichtig die Treppe zum Senderaum hinauf.

Donnerstag Nachmittag, 15:32 – Zwei Tage vor dem Ball

Entspannt und gelassen lag ich meinem Zimmer auf meinem Bett, Tobias, unsere Katze, ruhte friedlich schlafend auf meinem Bauch. Das Radio lief, und gleich würde sich zeigen, ob Phase I meines Plans erfolgreich verlaufen war. Grosse Sorgen machte ich mir nicht, ich wusste, das nichts schiefgehen konnte; zumindest in diesem Teil war mein Plan lückenlos.
Tobias machte für einen kurzen Moment die Augen auf und Streckte seine linke, gesunde Pfote in die Luft, um sich zu räkeln, danach schlief er weiter.
Eine Viertelstunde später wusste ich: Alles war gutgegangen, die Dinge würden sich so entwickeln,wie geplant.

Freitag Morgen, 10:15 – Ein Tag vor dem Ball

‚Hat jemand Lisa gesehen? Ich wüsste gerne…‘ – ‚Nein. Ich glaube auch nicht, dass sie sich noch traut…‘
Gut versteckt in einem Gebüsch in einer dunklen Ecke des Schulhofs, aber ausgerüstet mit einem Teleskopmikrophon, das ich praktischerweise bei meinem nächtlichen Besuch im Sendestudio erbeuten konnte, verfolgte ich interessiert die Pausengespräche meiner Mitschüler.
‚Ich hätte das nicht von ihr gedacht. Was Charles wohl jetzt…?‘
‚Na, mit ihr jedenfalls wohl nicht mehr, soviel steht fest!‘
Ich hatte genug gehört. Ich wartete noch, bis die Pause vorbei war und sich der Schulhof wieder geleert hatte. Dann verliess ich vorsichtig (offiziell lag ich heute mit einer schweren Grippe im Bett) mein Versteck und ging zufrieden nach Hause. Auch Phase II war gut verlaufen.

Samstag Nachmittag, 17:07 – vier Stunden vor dem Ball

Charles Montgomery III. befand sich in einer üblen, missmutigen Stimmung. Er steckte in Schwierigkeiten, und Schwierigkeiten war er nicht gewohnt.
Seit er mit seinen Eltern vor einigen Monaten hergezogen war, hatten sich die Dinge ganz nach seinem Geschmack entwickelt: Der gute Name seines Vaters, dessen Vermögen und sein eigenes sportliches Talent, das es ihm in der gerade abgeschlossenen Football-Saison ermöglicht hatte, das Finalendspiel (nachdem die bisherige Mannschaft bei einem Selbstmordatentat eines islamischen Sportfanatikers leider komplett ums Leben gekommen war) ganz alleine und gegen sämtliche Gegenspieler für sich zu entscheiden, hatten ihm schnell zu einer gehobenen Stellung unter seinen Mitschülern verholfen. Und gerade rechtzeitig zum Abschlussball hatte er es geschafft, sich mit Lisa, dem begehrtesten und bestaussehendsten Mädchen seiner Schule, zu verabreden.
Alles schien perfekt zu sein, doch jetzt gab es diese üblen Gerüchte, und Lisa meldete sich nicht.

Charles Montgomery III. steckte also in Schwierigkeiten und begann deshalb, angestrengt nachzudenken. Das brachte ihn ziemlich ins Schwitzen, denn auch Nachdenken war er nicht gewohnt.

Samstag Abend, 22:17 – Abschlussball

Der offizielle Teil war vorbei, die Party war eröffnet und schon seit geraumer Zeit bebte der grosse Saal unserer Schule von den Klängen der Schulband, die mit diesem Auftritt ihre grosse Stunde hatte. Auf der Tanzfläche schoben sich engumschlungen tanzende Pärchen hin und her, während einige traurig Übriggebliebene verzweifelt alleine vor sich hinzappelten.
Ich selbst war vor einer guten halben Stunde angekommen, und mein Auftritt war sorgfältig kalkuliert:
In wochenlanger, unermüdlicher Arbeit hatte ich aus heimlich mitgeschnitten Gesprächsfetzen ein Tonband erstellt, auf dem Lisa öffentlich eingestand, aus ihrem letzten Urlaub eine gefährliche, hochansteckende Tropenkrankheit eingeschleppt zu haben, die unglücklicherweise gerade in dieser Woche zum Ausbruch gekommen war. Der Gedanke an eine mögliche Gefährdung ihrer Mitschüler sei ihr zwar gekommen, doch habe sie ihn der Bequemlichkeit halber, und auch in Sorge um ihre gesellschaftliche Stellung, verworfen. Seit Bekanntwerden ihrer Zustandes dürfe sie selbstverständlich das Haus nicht mehr verlassen.
Dieses Band hatte ich gegen das eigentlich für den Donnerstag nachmittag vorgesehene ausgetauscht, und seit seiner Ausstrahlung war Lisa nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden.
Mit der Aufgabe, eine neue Partnerin für den Ball zu finden, war Charles – wie ich es mir gedacht hatte – überfordert. Sämtliche anderen interessanten Kandidatinnen waren bereits vergeben, so dass dieser Mann, der die Hauptrolle in den verschämten Tagträumen der guten Hälfte der Schülerinnen spielte, tatsächlich alleine und unbegleitet auf seinen Abschlussball gehen musste.
In den letzten Monaten hatte ich mein Äusseres stark vernachlässigt – das Bild, das sich ihm jetzt bot, nachdem ich an diesem Abend erfolgreich zu meinem früheren Stil zurückgekehrt war, würde er nicht mit der ungeliebten, ausgestoßenen Randfigur in Verbindung bringen, als die er mich kannte, und die er vermutlich sowieso nicht wahrgenommen hatte.
Ich ging auf ihn zu und wusste, er würde keinen nennenswerten Widerstand leisten.

Epilog

Sonntag Morgen, 2:17 – vor meiner Haustüre

‚Darling, der Abend mit Dir war wunderschön…‘
Seine Hand legte sich mir wie zufällig auf die Hüfte. Auf meinem Kopf saß noch die Krone, die mir am Ende des Abends von der diesjährigen Jury einstimmig überreicht worden war.
‚Auch Deine Augen sind – äh – wunderschön…‘
Jetzt tastete sich diese Hand langsam vor und strich mir zärtlich über die Wange – ich ahnte, was kommen würde.
Ein tiefes Glücksgefühl breitete sich in mir aus, sowie eine ungeduldige Vorfreude auf das, was mit Sicherheit gleich passieren würde.
Charles beugte sich ein wenig zu mir herunter, und in seinem treuen Hundeblick sah ich alles, wovon ich in den letzten dunklen Monaten vergeblich geträumt hatte.
‚Darling, möchtest Du vielleicht, dass wir beide, ich meine, Du und ich…‘
Und mit dem Wissen, das alles wieder in Ordnung war, und ich meinen rechtmässigen Platz im Leben wieder eingenommen hatte, lächelte ich ein wenig und sagte: ‚Nein.‘

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