Ein genialer Plan

“Er fühlte sich so erleichtert, als wäre er aus Lebensgefahr gerettet worden. Die Vorstellung füllte ihn aus, sich in ein Zimmer zurückziehen, auf einem Bett sich ausstrecken, einen Schluck trinken und irgendeinen belanglosen Film ansehen zu können, während draußen das Unwetter tobte. Seine Nackenmuskeln entspannten sich.
Der Plan, noch an diesem Abend über hundert Meilen zu fahren, war ohnehin völlig verrückt gewesen. Chattanooga lief ihm nicht weg, Atlanta auch nicht. Er hatte eine ganze Woche Zeit, Urlaub, Freizeit ohne Termine. Niemand erwartete ihn. Er konnte herumstreunen, wo und wie es ihm gefiel.
Er würde sich ins Bett legen, noch einen Whisky trinken oder zwei, ausschlafen und morgen früh weiterfahren. Wahrscheinlich war der Himmel bis dahin auch wieder blau. Es konnte ja nicht ewig so gießen.”

Jetzt, da er die Formalitäten an der Hotelrezeption hinter sich gebracht hatte (und wie froh war er gewesen, dass er trotz der stark vorgerückten Stunde überhaupt noch jemanden angetroffen hatte!), konnte er sogar etwas komisches am Stress der letzten Tage sehen. Er kicherte, und betrachtete sein eigenes erschöpftes, regennasses Gesicht in dem einfachen Metallspiegel, der im Inneren des quietschenden alten Hotelfahrstuhls angebracht war, mit dem er gerade in den zweiten Stock fuhr. Der sintflutartige Regen jetzt am Abend war ja nur das letzte Glied in einer langen Kette von anstrengenden, nervenaufreibenden Ereignissen, mit denen die letzten zwei Wochen – genauer betrachtet sogar das letzte halbe Jahr – gespickt gewesen waren:
Angefangen hatte es – wie solche Dinge häufig anzufangen pflegen – mit der Suche nach einem Job. Sein alter Arbeitgeber war nach einer unerwarteten Flaute in finanzielle Schwierigkeiten geraten, und hatte ihm – trotz seiner heftigen Proteste – die Stellung gekündigt. Kurze Zeit zuvor hatte sich seine Frau von ihm getrennt und war mit ihrem Liebhaber in die Toskana durchgebrannt, und die Unterhaltskosten, die er laut Gesetz und dem, wie er feststellen musste, für ihn äusserst ungünstigen Ehevertrag leisten musste, machten ihm arg zu Schaffen. Er war also froh gewesen, ohne großartig suchen zu müssen eine Stelle im Vertrieb eines Grosslieferanten zu bekommen, der sogar in der gleichen Stadt ansässig war, in der er bisher gewohnt hatte. Die Bezahlung war zwar nicht umwerfend, aber erträglich, und auf den ersten Blick machten die Firma und seine neuen Kollegen einen erträglichen, ja sogar netten Eindruck.
Ein Zeitvertrag auf zwei Jahre, mit einer Probezeit von sechs Monaten. Die waren jetzt abgelaufen, und man hatte ihm eine Woche Urlaub gewährt. Gottseidank! Er hatte es dringend nötig, mal wirklich abzuschalten. Der erste, positive Eindruck, den er von seinem neuen Arbeitgeber gehabt hatte, hatte ihn nämlich gründlichst getäuscht: mal ganz abgesehen von dem rauhen, äusserst rüden Umgangston, den man sich ihm gegenüber herausnahm (übrigens nur ihm gegenüber, untereinander waren seine Kollegen halbwegs freundlich zueinander) , hatte er auch zunehmend den Eindruck gewonnen, dass die Firma regelmäßig in Geschäfte verwickelt war, für die „an der Grenze der Legalität“ ein über alle Massen beschönigender Ausdruck gewesen wäre – allzu häufig wurde Ware des Nachts – ohne Eintrag in die Buchführung – angeliefert, und ebenso viele Lieferungen verließen das Lager auf ganz ähnliche Weise. Das offizielle, nicht sehr umfangreiche „Tagesgeschäft“ schien ihm manchmal fast nur als Tarnung zu dienen….

Während er mit seinen Gedanken den Ereignissen der letzten Monate nachhing, war er mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock hinaufgefahren, und hatte begonnen, in dem langen, nur schwach beleuchteten Etagenflur nach der Zimmertüre mit der gleichen Nummer zu suchen, die dem kleinen, abgenutzten Schlüssel mit dem protzigen Messinganhänger entsprach, den er von dem – schließlich doch schlechtgelaunten – Nachtportier erhalten hatte.
Endlich war er fündig geworden, schloss jetzt die Türe auf und ging hinein ins Zimmer.
Er sah sich um: sein Blick glitt über eine einfache, aber zweckmässige Zimmereinrichtung – ein Bett mit Nachttischchen, ein Einbauschrank sowie ein kleiner Tisch. Auf dem Tisch stand ein alter Schwarzweißfernseher mit einer rostigen kleinen Zimmerantennte. Das reichte ihm – er würde nur bis morgen früh bleiben, und außer Schlafen würde er heute sicher nichts mehr unternehmen. Er würde keinen Whisky mehr trinken – die Hotelbar hatte im Vorbeigehen einen wenig gemütlichen, geradezu unheimlichen Eindruck auf ihn gemacht, und überhaupt hatte er keine Lust, noch einmal den Weg an dem knurrigen Nachtportier vorbei ins Erdgeschoss zu machen.
Er legte seine grosse dunkelblaue Reisetasche in die nächste Ecke, schaltete den Fernseher ein und ließ sich erschöpft auf das – augenscheinlich jedenfalls – frisch bezogene Bett fallen.
„…Lotto: in der Ziehung vom heutigen Samstag, den dritten Dezember wurden folgende Ergebnisse ermittelt: 3, 7..“
Er wollte gerade auf ein anderes Programm schalten, als ihm einfiel, dass er ja – ausnahmsweise – diese Woche selber gespielt hatte. Der Tippschein war ein Abschieds-Geschenk von seiner Exfrau und ihrem Liebhaber gewesen. Sonderlich interessiert hatte ihn das ganze nicht, aber naja, warum nicht.Wenn er den Schein nun schonmal hatte…Was waren seine Zahlen noch gleich gewesen? 3, 7, 34, 35,….verdammt.
„Verdammt!“
Ungläubig starrte er die Zahlenfolge auf der verstaubten Mattscheibe an. Dann sprang er auf, griff zu seinem Portemonnaie und verglich sie mit der, auf dem kleinen gelben Schein, den er vorgestern morgen eingesteckt hatte….
Nein, der Zettel war noch da. Nein, er hatte nicht im letzten Moment doch noch etwas anderes getippt. Nein, er hatte nicht vergessen zu unterschreiben oder seine Adresse einzutragen. Hier stimmte alles. Und auch die Zahlen stimmten. Alle.
Es war einer von den Momenten, von denen er schon immer gerne hatte wissen wollen, wie er sich anfühlen würde – und jetzt, wo er da war, war es enttäuschend harmlos. Ok, er hatte da offenbar einen Haufen Geld gewonnen. Einen wirklich großen Haufen, wenn er Glück hatte. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit sogar einen ziemlich großen Haufen. Was bedeutete das? Das bedeutete – nun, er würde fürs erste schonmal nicht mehr arbeiten müssen. Sein Urlaub würde länger dauern als nur die eine Woche, die geplant war. Wesentlich länger….und jetzt erst, ganz allmählich, breitete sich ein tiefes Glücksgefühl in ihm aus, und irgendjemand tief in seinem Innern begann, wie irre zu kichern.
Er schaute aus dem kleinen schmutzigen Fenster hinaus nach draußen – das bedeutete auch, er würde diese Gegend mit ihrem vermaledeiten Dauerregen für immer verlassen können. Er würde irgendwo in den Süden ziehen, nach Kalifornien oder irgendwohin sonst, wo es warm war. Aber vorher könnte er…ihm kam eine Idee, und der irre kichernde Jemand in ihm begann, lauthals zu lachen.



Nachdem ihm dieser – wie er fand – geniale Gedanke gekommen war, war er quasi sofort aufgestanden, hatte sein Zimmer verlassen und dem jetzt deutlich verärgerten Nachtportier den eben erst in Empfang genommenen Schlüssel wieder ausgehändigt. Dann war er durch den immer noch Bindfadendicken Regen zu seinem Auto gelaufen, war wieder auf den dunklen Highway eingebogen, den er gerade eben erst verlassen hatte und war dann in Richtung der gut zwölf Meilen entfernten Firma gefahren. Er wusste, um diese Zeit würde niemand mehr dort sein. Und glaubte auch zu wissen, wie man das unzureichende Sicherungssystem der hinteren Eingangstür unbemerkt umgehen konnte.
Der Ausliefertermin für den Deal mit den reichen, aber höchst sensiblen asiatischen Geschäftspartnern war morgen früh um halb sieben – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde vorher niemand mehr die nötige Zeit haben, um all die Pakete kontrollieren. Jetzt, da er nicht mehr auf seinen Job angewiesen war, verspürte er eine grosse Freude bei der Vorstellung, mit einer geschickt angelegten Verwechslungsaktion den ganzen Laden in den Ruin zu treiben – und genau zu diesem Zweck war er hier. Er musste lachen, wenn er an die dummen Gesichter seiner verhassten Kollegen dachte, wenn sie merkten, was sie da wirklich ausgeliefert haben würden…Er musste bloß in die Lagerräume einsteigen und ein paar kleine, klitztekleine Änderungen in der Beschriftung vornehmen….eine der illegalen Lieferungen, so vertauscht, dass sie zwangsläufig direkt ins Licht der Öffentlichkeit geraten würde – und niemand würde ihn verdächtigen… ihn doch nicht, den kleinen Angestellten am Ende der Probezeit, der froh war, den Job überhaupt bekommen zu haben, und den man zu alle dem in Urlaub im fernen Atlanta wähnte..



Die Nerven der Mitglieder der kleinen Gruppe, die sich in dieser Nacht in der dunklen Lagerhalle zusammengekommen war, waren zum Zerreißen gespannt – es hatte immer wieder illegale Geschäfte gegeben, völlig klar, aber noch niemals eines von einer solchen Brisanz wie heute. Wenn alles glatt ging, würden sie alle für den Rest ihres Lebens ausgesorgt haben, im Grunde war diese Gelegenheit nur mit einem Sechser im Lotto zu vergleichen – und zwar einer für jeden von ihnen. Und das Risiko war minimal. Aber trotzdem…eine gewisse Angespanntheit ließ sich nicht leugnen. Eine so grosse Lieferung an qualitativ hochwertigem, reinen Heroin gab es nur ganz selten, und noch nie war die Polizei einem Deal dieser Größenordnung auf die Schliche gekommen. Wenn irgend jemand sie bei dem erwischen würde, was sie heute hier taten, würden sie für die nächsten zwanzig oder dreißig Jahre nur noch gesiebte Luft atmen…
Aber, wer sollte sie schon entdecken? In der Firma hatte man bezüglich dieser Sache absolutes Stillschweigen bewahrt, und der grösste Idiot von allen war genau passend heute Mittag in Urlaub gefahren – nach menschlichem Ermessen konnte also gar nichts schiefgehen…

***

Immer noch fiel schwerer Regen auf den schmalen Seitenstreifen am Rande des verlassenen Highways – es musste sich hierbei um eine wirklich ganz erstaunliche Schlechtwetterperiode handeln. Eine dunkles Paket lag am Boden – es hatte entfernte Ähnlichkeit mit einer Teppichrolle, war aber dafür in der Mitte etwas zu dick. Wenn jemand genau hinsähe, würde er vielleicht die leichte Krümmung feststellen, die das Paket aufwies, und dann könnte ihm ein Verdacht kommen. Er würde dann vielleicht noch genauer hinschauen, und dann würden ihm mit Sicherheit die eingetrockneten Blutspuren auffallen, die von außen zu sehen waren. Und dieser Jemand würde sich erst sehr erschrecken, dann die Polizei rufen und schließlich mit bestürzter oder auch – je nach Typ – hektisch aufgeregter Mine zuschauen, wie die Beamten einen höchst grausigen Fund zu Tage förderten. Aber es kam niemand – und deshalb blieb alles, wie es war, und der Regen prasselte weiter laut auf den schwarzen Asphalt.

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