Dunkelheit

1.

Es war wieder dieses Geräusch, das mich aufschrecken ließ – ein leises Knarzen aus der hinteren Ecke meines Zimmers, direkt am Fenster. Der Traum, der mich gerade noch in seinen Armen gehalten hatte, zerplatzte wie eine Seifenblase, und ich fand mich alleine in meinem Bett wieder. Durch das Fenster konnte ich den Mond am Himmel stehen sehen – sein geisterhaftes Licht schien auf die vor unserem Haus stehenden Bäume und malte unheimliche Schatten an die Wände.
Was war es gewesen, das ich gerade geträumt hatte? Ich überlegte, konnte mich aber nicht erinnern. Doch der Traum wirkte noch deutlich in mir nach – ich fühlte mich nervös und angespannt, mein Puls raste.
Es knarzte wieder – schon seit einiger Zeit glaubte ich, des Nachts dieses Geräusch zu hören, aber immer nur kurz vor dem Erwachen, in diesem verwaschenen, formlosen Moment zwischen Traum und Wirklichkeit.
Jetzt aber war ich wach. Und ich hörte es ganz deutlich.
Das Geräusch könnte vielleicht von draußen kommen, sagte ich mir. Von den Bäumen, vom Wind – nach den Schatten an meinen Wänden zu urteilen musste gerade ein heftiger Wind wehen. Doch als ich nach draußen sah, stellte ich zu meinem Entsetzen fest, das die Baumkronen ruhig und völlig unbewegt waren – es war nahezu windstill. Woher dann aber die schwankenden Schatten an meinen Wänden, in meinem Zimmer? War ich bis jetzt nur ein wenig nervös gewesen, war ich dem geheimnisvollen Geräusch eher deshalb nachgegangen, um mich von meinem Albtraum abzulenken und danach wieder einschlafen zu können, bekam ich jetzt wirklich Angst. Genauer betrachtet, ähnelten die Schatten auch den Bäumen überhaupt nicht – ich betrachtete sie und glaubte Arme und Hände zu entdecken, grosse Mäuler, die ihre schroffen Kiefer langsam öffneten und wieder schlossen. Ich setzte mich in meinem Bett auf, eine letzte Vergewisserung, dass ich wach war, dass dies hier wirklich passierte und nicht ein übriggebliebener Teil meines Traumes war.
Besonders an der Hinterwand, der mit dem Fenster, waren die Schatten ganz deutlich. Ich stutzte – wie war das möglich? Das Licht kam ausschliesslich durchs Fenster, es konnte doch unmöglich an genau dieser Wand Schatten werfen?
Waren es Schatten – oder war es nicht eher etwas reales, echtes das sich da bewegte? Meine Augen hatten sich jetzt ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt, und ich konnte mehr Details erkennen. Ich sah, wie sich eine lange, dünne Tentakel am Fensterbrett entlangwand, sie schlängelte sich an einem Blumentopf vorbei und versuchte, an der Scheibe emporzuklettern. Es dauerte einige Sekunden, aber dann hatte sie Halt gefunden – mit einem leisen Knarzen wurde jetzt der Blumentopf zur Seite geschoben.
Mir war, als würde das Herz in meiner Brust aufhören, zu schlagen – es gab jetzt nur noch einen Gedanken: ich musste raus hier, musste fliehen, musste hinauf zum Schlafzimmer meiner Eltern laufen. Ich sprang aus meinem Bett heraus und rannte so schnell wie ich konnte zur Türe.

2.

Sobald ich die Schwelle zum Flur übertreten hatte, warf ich die Türe hinter mir zu – was auch immer da in mein Zimmer eingedrungen war, es durfte auf keinen Fall herauskommen. Ich lauschte, und jetzt konnte ich auch von hier draußen das Knarzen hören. Es war lauter geworden, ein bedrohlicher Geräuschteppich aus scharrenden, kratzenden Lauten. Gerade wollte ich ein Ohr an die Türe legen um zu lauschen, als diese durch einen heftigen Schlag von innen heraus erzitterte – ich drehte mich um und begann, so schnell ich konnte den Flur entlang zu laufen. Auch hier war es dunkel, das einzige Licht fiel auch hier durch ein einzelnes kleines Fenster herein – ich wagte nicht, mich umzusehen. Wer sagte denn, das diese Kreaturen nur in mein Zimmer eingedrungen waren? Konnten sie nicht genauso gut auch hier auf der Lauer liegen? Was war es, das da links von mir an der Wand entlang kroch, während ich mir atemlos den Weg zur Treppe in den ersten Stock suchte? Was war es, das die Decke herunterbaumelte, sich dort räkelte, wo immer die grosse, schöne Deckenlampe gehangen hatte? Das Knarzen war auch hier zu hören, beschränkte sich nicht auf mein Zimmer, da war ich sicher.
Gleich würde ich am oberen Treppenabsatz angelangt sein, dort war das Schlafzimmer meiner Eltern, war Sicherheit.

Einen Moment später stand ich vor der großen Türe. Sie war nur angelehnt. Ich hörte genau das kratzende Schaben, das von innen her an ihr entlang kratzte, und durch den Türspalt konnte ich direkt auf ein grosses, missgestaltetes Etwas sehen, ich glaubte so etwas wie Freude und Befriedigung in seinen Zügen zu erkennen, während die dünne Tentakel, die sich unbemerkt durch die Tür geschoben hatte, meinen Fuss umschloss und mich mit einem leise schmatzenden Geräusch langsam zu sich hineinzog…

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