Der Wanderer in der Wüste

Es war einmal ein Wanderer, der befand sich auf einer langen, langen Wanderung durch ein fernes, ihm unbekanntes Land. Er hatte keine genaue Vorstellung von seinem Ziel – aber die ungefähre Richtung wusste er, und das genügte.
Eines Tages geschah es, dass sein Weg ihn in eine trockene, nur wenig bewachsene Gegend führte – anstelle des Waldes, der ihn bisher fast fortwährend begleitet hatte, standen jetzt nur noch vereinzelte Sträucher am Wegesrand, und auch diese begannen nach einiger Zeit zu verschwinden: es schien ganz, als stünde er am Rande einer Wüste.
Zuerst sorgte der Wanderer sich ein wenig – was würde werden, wenn die Wüste lang und weit war, und es in ihr keine Oasen oder Wasserstellen geben würde? Er bekam Angst, er könnte verdursten. Kurz kam ihm der Gedanke, umzukehren, aber er verwarf ihn schnell wieder: er sah, dass auch viele andere Wanderer in die Wüste hineinliefen, einige von ihnen mit ähnlichem Zaudern wie er, andere aber recht sorglos. Ausserdem konnte er gar nicht umkehren, er musste diesen Weg gehen, es war dies seine Aufgabe.
Er setzte seinen Weg also fort, hinein in die sich vor ihm scheinbar endlos erstreckende Sandwüste. Und schon bald trat ein, was er befürchtet hatte: seine begrenzten Trinkwasservorräte gingen ihm zu Neige, und er fühlte einen grossen, schrecklicken Durst in sich erwachen. Mit wachsender Verzweiflung begann er, nach einer Wasserstelle Ausschau zu halten, aber so sehr er auch suchte, er konnte keine entdecken. Er entsann sich der anderen Wanderer, die mit ihm den Weg durch die Wüste angetreten waren, und fand sie grösstenteils in weit frischerem Zustand als sich selbst. Als er einige von ihnen etwas länger beobachtete, stellte er fest, dass sie scheinbar durchaus hier und da Wasserstellen zu finden vermochten, teils am Wegesrand, teils abgelegen hinter hoch aufgewehten Sanddünen – aber sie fande sie, und jeder schien eine genaue, instinktive Vorstellung zu haben, wo er nach seiner Wasserstelle suchen musste.
Dem Wanderer kam kurz der Gedanke, nun eben seinen Durst an den Wasserstellen seiner Mitwanderer zu stillen, aber diesen Gedanken verwarf er recht schnell wieder – zum einen schien es ihm nicht recht zu sein, zum anderen hatte er bereits mehrmals gesehen, dass eine Wasserstelle sich auf der Stelle leerte und verschwand, sobald jemand aus ihr getrunken hatte.
Der Wanderer suchte also weiter nach seiner eigenen Wasserstelle, er hielt die Augen weit offen, so gut, wie dies bei der sengenden Hitze möglich war, und er versuchte auch, in seinem Inneren soetwas wie ein Zeichen oder einen Hinweis darauf zu entdecken, wo die ihm zugedachten Wasserstellen zu finden sein könnten.
Aber er fand nichts. Mittlerweile waren seine Beine sehr schwach geworden, und er konnte sich nur noch mit Mühe fortbewegen. Die Sehnsucht nach Wasser, und sei es nur nach einem einzelnen, kühlen Schluck, war jetzt so gross geworden, dass sie sein Denken vollständig ausfüllte. In dieser Zeit passierte es auch, das er über einen Stein stolperte, der vor ihm auf dem Weg lag – er stürzte auf die Knie, und trotz allem Bemühen gelang es ihm nicht, wieder auf die Beine zu gelangen.
Als dies geschah, dachte zuerst, er müsste jetzt sterben – wie sollte er jetzt noch Wasser finden, wo er doch fast unfähig war, sich weiter fortzubewegen? Von den anderen Wanderern sah er nichts mehr.
Aber er starb nicht – nach einiger Zeit merkte er, dass es ihm, trotz allen Durstes und trotz der lähmenden Trockenheit, die er in sich spürte, nach wie vor möglich war, zu denken, zu atmen und sich langsam, sehr langsam fortzubewegen.
Er ging jetzt auch nicht mehr auf Knien – er lag ausgestreckt im Staub, und das, was er als Fortbewegung bezeichnete, war eigentlich nicht mehr als ein mehr oder weniger regelmässiges Zucken seiner Gliedmassen. Es war bewundernswert, das er in all den Jahren – und es waren viele lange Jahre, denn er konnte ja nicht sterben – die Sehnsucht und die Hoffnung auf Wasser nicht aufgab.
Aber sinnlos war es trotz allem – er hätte keine Wasserstelle gefunden, auch wenn er jung und stark gewesen wäre, und seine Beine ihn noch getragen hätten.

Denn in dieser Wüste
gab es
kein
Wasser.


Nicht für ihn.

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