Der Stein des Anstoßes

Heute, heute ist wieder so ein Tag, an dem man mit dem Wetter so rein gar nichts anfangen kann. Was soll das – regnet das jetzt, oder sollte sich hinter diesem kläglichen Fetzen blauen Himmels am Ende doch noch so etwas wie Sonnenlicht hervorquälen? Könnte fast sein – aber sagen wir mal lieber, es regnet – sicher ist sicher. Brötchen holen gehe ich jetzt aber trotzdem, wo ich schonmal hier bin. Schliesslich habe ich mich über drei komplette Stockwerke hinweg hier nach draussen gequält, soetwas darf nicht umsonst gewesen sein.

Der Gehweg vor mir ist ganz schön schmutzig, fällt mir auf – könnte mal wieder ein bisschen regnen, möchte ich fast sagen – aber den Spruch verkneif‘ ich mir. Scheissspruch. Überhaupt ist mit mir heute nicht so richtig was los – allein schon, dass ich nachmittags um vier Brötchen holen gehe, spricht nicht gerade für meine Tagesform. Ok, es ist Sonntag, und Sonntags steh‘ ich eigentlich nie vor Nachmittag auf, aber trotzdem.

Verdammt, hier liegt echt zuviel Müll rum – neben mir fliegen gerade die trägen Überreste eines gelben Sacks vorbei, dem es durch irgendein Schweineglück gelungen ist, die wöchentliche Müllabfuhr zu überleben. Weiter hinten wird es noch schlimmer, Sand und kleine Steine liegen auf den Bordsteinplatten – stimmt, da war die Woche über so ’ne Baustelle, DSL-Kabel, Wasserrohre, oder irgend so’n anderer neumodischer Scheiss.

Aber echt, mit mir ist nichts los in letzter Zeit – kriege den Arsch nicht hoch. Arbeit und so– morgen soll’s wieder losgehen, dabei hat Chef mir grad vorgestern noch zu verstehen gegeben, dass ich es ihm eigentlich verdammt hoch anrechnen müsste, dass er mich nicht schon längst auf die Strasse gesetzt hat. Wie war das noch? Das mit uns wäre echt der ‚gelebte Sozialstaat‘, hat er gesagt – nur weil ich letzte Woche kurz mal die Werkstatt unter Wasser gesetzt hab‘. Wasserhahn aufgedreht – kein Problem, aber dann halt vergessen und nicht wieder zugedreht – Mittagspause gemacht, mich verquatscht, auch noch zwei Stunden zu spät wiedergekommen – verdammter Mist!

Aber so einen Dreck wie hier auf der Strasse, das gäb’s bei mir nicht (wie auch – wär‘ ja alles weggeschwommen, aber lassen wir das…). An den Steinen, die da hinten vorm Eingang der Bäckerei liegen, könnte sich jemand glatt den Fuss brechen, ich stelle das nur mal so fest! In meine momentane Pechsträne würde das echt perfekt reinpassen – wär auch grade besonders scheisse, weil ich ja momentan nicht krankenversichert bin – sollte es eigentlich gar nicht geben, in einem Rechtsstaat wie dem unseren, aber ich habe das hinbekommen. Falsche Kontonummer…und wer kann schon wissen, dass in all der blöden Werbepost von der AOK auch mal was wichtiges drinsteht? Früher, als ich noch bei Mama gewohnt hab, da lief echt alles besser – aber das darf man ja öffentlich gar nicht sagen. So langsam bekomme ich jetzt richtig Angst vor den Schutt, an dem ich gleich vorbei muss. Scheint auch für die anderen Kunden nicht einfach zu sein – grade sehe ich, wie eine alte, gebrechliche Frau sich mühselig über einen grossen Ziegelstein hinweg quält – beim Abstieg prellt sie sich das Knie und flucht auf der Stelle wie ein Rohrspatz – macht mir aber auch Angst. Ich glaube, ich werde jetzt meine Brötchen kaufen und mich sofort wieder in mein Bett legen, man weiss ja nie.

Und morgen stehe ich am besten gar nicht erst auf – neulich, neulich hab‘ ich von einem Kumpel von mir gehört, der ist auch am Montag morgen aufgestanden, ganz wie normal, und den hats aber dann gleich voll erwischt! Ist gleich draussen von einem Inlineskater gerammt worden, blieb dann hilflos liegen und konnte sich erst am späten Abend wieder in seine Wohnung schleppen – und in der Zwischenzeit hatte sein Chef ihm gekündigt, seine Freundin hatte ihn verlassen und sein Goldfisch war an einer Gallenkolik verendet – keine fünf Monate alt, das arme Tier.

Ich nähere mich langsam der Bäckerei, und die Sonne verschwindet hinter einigen grossen Felsbrocken – ich muss jetzt sehr vorsichtig sein, vielleicht treibt sich hier jetzt Gesindel herum, jetzt, wo die Gegend hier so uneinsichtig geworden ist, quasi von der Aussenwelt abgeschnitten.

Wobei – jetzt mal langsam! Ich werd mich jetzt mal am Riemen reissen und ein ganzer Kerl sein. Hat Mami ja auch immer gesagt. Ich geh da jetzt rein, kauf meine Brötchen, und dann mach ich gleich einen langen Spaziergang. Dann ruf ich Heidi an und lad sie ins Kino ein, und dann…die Welt steht mir offen, ausser ein paar Kieseln und ein bisschen Sand von einer kleinen, unbedeutenden Baustelle steht mir nichts im Wege.

Ich versuche einen grossen Schritt nach vorne in mein Leben zu machen, als ich mit dem Kopf unversehens gegen einen mannshohen Fels knalle und von der Wucht des Aufschlags mitleidslos niedergestreckt werde – ohnmächtig sink ich zu Boden und bleibe regungslos liegen. Eine leere Brötchentüte, die ein leise vorbeifahrender Skater fallen lässt, schwebt zu Boden und bedeckt sanft mein Haupt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.