Der Spiegelprinz



Prolog



Neben dem kleinen Küchentisch, den kleine Stühlen und den winzigen Tellerchen sahen die Hände der kleinen Xenia beinahe riesig aus. Sie hatte sich grosse Mühe gegeben, der kleinen Familie, die in ihrem Puppenhäuschen wohnte, ein gutes, reichhaltiges Abendessen zu bereiten – es war ein besonderer Anlass, und sie wollte, dass heute jeder satt und zufrieden zu Bett gehen würde.

Denn das kleine Mädchen, das gerade eben am Tisch Platz genomme hatte, das einziges Kind der armen, aber freundlichen Leute, die in dem kleinen verwunschenen Häuschen lebten, hatte eine grosse Tat vollbracht: Sie hatte einem schönen, jungen Prinzen dabei geholfen, einen bösen, feuerspeienden Drachen zu besiegen und ihm ausserdem noch das Leben gerettet.

Sie hatte den Prinzen zufällig getroffen, als sie zum Blumenpflücken auf die Wiese vorm grossen Wald gegangen war. Er war schwer verwundet und halb ohnmächtig aus den Bäumen hervorgestolpert, denn sein erster Versuch, den Drachen zu töten, war ziemlich misslungen. Das kleine Mädchen hatte ihm die Stirn mit wohltuenden Kräutern eingerieben, die sie am Wegesrand gefunden hatte, und ihm Wasser aus dem Fluss zu Trinken gegeben – das war das einzige, was sie hatte tun können. Dann hatte sie die Augen geschlossen und gebetet, dass der Prinz nicht sterben möge. Der aber hatte sich glücklicherweise schnell erholt, war wieder zurück zu dem Drachen gegangen, tief in den Wald hinein, und hatte ihn in einem langen, erbitterten Kampf getötet.

Die kleine Xenia beobachtete zufrieden, wie die kleine Puppenhausfamilie sich an den Küchentisch setzte, den sie mit so viel Mühe gedeckt hatte, und ihr Abendessen einnahm. Sie sah, dass das kleine Mädchen vor Glück strahlte, dass ihre Eltern sie mit stolzen Blicken bedachten, und sie beschloss, dass der Prinz am nächsten Tag an die kleine Holztüre des Puppenhauses klopfen würde – er würde vielleicht in einem unverwundbaren Panzer aus Drachenhaut erscheinen, oder auch mit einem riesigen Strauss Blumen, den er selbst für das kleine Mädchen gepflückt haben würde – auf jeden Fall aber würde er kommen und das kleine Mädchen auf sein Schloss einladen, und sie darum bitten, seine Frau zu werden. Und die armen Eltern würden in ein wunderschönes Landhaus nahe des Schlosses ziehen, sie würden nie mehr wieder arbeiten müssen, und …

Die kleine Xenia lehnte zufrieden ihren Kopf die Wand ihres Puppenhauses und schloss die Augen. Sie war schnell eingeschlafen, und schon bald träumte sie von einer grossen, prunkvollen Hochzeit in einem verwunschenen Schloss…

I. Teil

Prinz Adrian

Ein leichter Wind wehte und bliess sanft in die jungen, grünen Bäume des Schlossparks hinein. Hier und da sah man einige emsig zwischen den eleganten Baumreihen hin- und hereilende Gärtner, die damit beschäftigt waren, frische Setzlinge in die den Wegesrand säumenden Beete einzupflanzen oder den einen oder anderen ungestüm aufgeblühten Rosenstrauch in seine Schranken zu verweisen.

Die Anlagen des Schlosses waren elegant und weitläufig – der Innenhof wurde vom Hauptflügel mit den Gemächern der Königsfamilie sowie den Seitenflügeln mit dem grossen Thronsaal und den Wirtschaftsräumen, dem Küchentrakt und den Vorrats- und Schatzkammern umschlossen. Dahinter schlossen sich die Wohnungen der Bediensteten des Schlosses an, der Kammerdiener und Knechte, Hofgärtner und Küchenmeister. Zahllose Hektar vielfältig bebauten Ackerlandes begrenzten die Anlage an der Südseite, während sich im Norden ein fast endloses Waldgebiet anschloss.

Prinz Adrian lehnte am grossen, breiten Fenster seines Schlafgemachs und sah gedankenverloren in den Hof hinaus – nach dem langen, anstrengenden Tag heute schmerzten ihn seine Glieder, und er fühlte sich müde und erschöpft. Er würde bald erwachsen werden und das brachte eine zunehmende Anzahl von Verpflichtungen mit sich – für ihn, den einzigen Sohn des Königs und zukünftigen Thronfolger.

Unterricht im Reiten und Fechten erhielt er – neben dem normalen Schulunterricht, der ihm von einer Heerschar ausgewähler Privatgelehrter erteilt wurde – bereits seit seinem zwölften Lebensjahr. Der Umgang mit den Pferden und die frische Waldluft hatten ihm immer Freude gemacht, und er hatte diese Aufgaben nie als Belastung empfunden. Seit einigen Wochen aber waren zu seinen bisherigen Verpflichtungen noch die schwierigen Unterweisungen in Staatsführung und Kriegsstrategie hinzugetreten – unverzichtbarer Lehrstoff für einen zukünftigen König.

Prinz Adrian wandte seinen Blick wieder dem prächtigen Hofgarten zu – der Wind in den Blättern hatte jetzt stärker zu wehen begonnen. Er betrachtete die breite, stolze Treppe am gegenüberliegenden Schlossflügel , die zum Thronsaal hinauf führte… und mit einem Male begannen seine Muskeln, zu schmerzen – nicht mehr nur dumpf und verhalten wie eben, sondern eindringlich und fordernd. Eine zentnerschwere Last schien sich auf seinen Rücken zu legen, er hatte Mühe, aufrecht stehen zu bleiben. Das helle Sonnenlicht um ihn herum verschwand, die grünen Bäume, die leuchtenden, farbenfrohen Blumenbeete wurden dunkel und grau. Er senkte den Kopf, wie jedes Mal konnte er den Schmerz kaum ertragen. Dann zersplitterte das Bild vor seinen Augen, und er sank kraftlos in sich zusammen.



Als er wieder klar denken konnte, fand er sich niedergekauert in seinem schwarzen Verlies – erhellt nur durch die eine Glaswand, die, durch die er gerade jetzt nicht schauen wollte.

Stattdessen richtete er sich auf, soweit, wie seine verkrümmte Gestalt ihm dies gestatte, nahm einen vor ihm auf dem staubigen Boden liegenden Stein und schleuderte ihn gegen eine der schwarzen Wände. Eine Fledermaus kreischte auf, flog dicht an seinem Kopf vorbei und liess sich dann am anderen Ende des Verlieses auf einem Mauervorsprung nieder.

(der Trank – I)



Die kleine Hütte stand weit draussen am Rande des Dorfes, versteckt und unbemerkt vom Auge der Menschen. Ein eventueller Besucher hätte sich beim Eintreten vielleicht über die trübe, rauchschwangere Luft gewundert, die ihm in ihrem Innern entgegengeschlagen wäre. Wenn dieser Besucher sich dann langsam vorgetastet hätte – immer vorausgesetzt, dass sich überhaupt jemals ein Besucher in dieses Zimmer verirrte – wäre er schnell auf einen grossen, kupfernen Kessel gestossen, in dem eine merkwürdige, zähe Masse eifrig vor sich hin brodelte. Vielleicht wäre er erleichtert gewesen, weil er nun eine Erklärung für die Rauchschwaden gehabt hätte, die einen seltsamen Geruch verbreiteten und seine Lungen schmerzen liessen.

Vielleicht wäre sein Blick dann weitergewandert, und hätte die hochgewachsene, vermummte Gestalt entdeckt, die vor dem brodelnden Kessel stand und diesen aufmerksam beobachtete. Er würde dann vielleicht den Kopf heben und versuchen, in das Gesicht dieser merkwürdigen Kreatur zu schauen – und sein Herz wäre wohl zu Eis erstarrt, denn das, was da vor ihm stand, war kein Mensch. Vielleicht gab es deshalb keine Besucher in diesem Zimmer – jeder, der zufällig in die Nähe der baufälligen Hütte kam, wurde von einer geheimnisvollen Furcht ergriffen, die ihn schleunigst unter irgendeinem eilig erdachten Vorwand das Weite suchen liess.

Der Gestalt hinter dem Kessel war das nur Recht, ja, sie führte diesen Effekt sogar mit voller Absicht herbei – denn für das, was sie hier tat, konnte man Besucher nicht brauchen. Sie wollte ungestört sein, ungestört und vor allem unentdeckt.

Gerade eben schob sie eine ihrer knochigen, fauligen Hände aus ihrem Umhang und warf ein geheimnisvolles Kraut in den Kessel. Einen Moment lang geschah nichts, dann verstummte das wüste Brodeln, und die Oberfläche der Flüssigkeit wurde spiegelglatt.

Bilder erschienen, ein Schloss, ein grosser Thronsaal, eine stolze Königin in einem prachtvollen Hochzeitskleid – und irgendwo ein kleiner, verängstigter Junge in einem dunklen Verlies – es mochten wohl die Fantasien der Kreatur sein, die sich dort spiegelten. Eine weitere Zutat wurde hineingestreut, ein vermaledeites Pulver, das den gesamten Kessel erzittern liess. Die zähe Masse in seinem Innern erkaltete urplötzlich, die Rauchschwaden verschwanden – und das Gesicht der Kreatur verzog sich zu dem, was in ihren Augen einem Lächeln gleichkam…



der Ministerrat – I



Es war ein kleiner, eher unscheinbarer Raum, in dem sich die führenden Köpfe des Königreiches versammelt hatten. Neben zwei roten Samtsesseln, auf denen der König und die Königin Platz genommen hatten, befanden sich dort nur einige einfachere Sitzgelegenheiten für die Minister des Rates.

Ein klein gewachsenes, untersetztes Männlein trat vor und wies auf die halbkreisförmig angeordneten Stühle, die jetzt vollständig besetzt waren.

“Eure Hoheit?”

Die Neigung des Zeremonienmeisters zur Kahlköpfigkeit war während der letzten Jahre immer deutlich hervorgetreten – als er seinen Worten jetzt die seinem Stande angemessene, tiefe Verbeugung anschloss, blieb ihm nichts anderes übrig, als dem vor ihm sitzenden Königspaar sein kahles, entblösstes Haupt entgegenzusenken.

“Der Rat ist vollständig versammelt, die Sitzung kann nun beginnen.”

Hiermit war seine Arbeit getan. Er zog sich in einen Winkel des Raumes zurück und verfolgte den weiteren Verlauf der Sitzung schweigend. Es war jetzt Aufgabe des Königs, die Sitzung zu eröffnen und seine Pläne für ihren weiteren Verlauf bekanntzugeben.

Betrachtete man ihn, wurde schnell klar, dass auch an ihm die langen Jahre seiner Regierungszeit nicht spurlos vorüber gegangen waren. Nachdem seine erste Frau plötzlich und völlig unerwartet verstorben war, hatte er sich, obwohl schon in reiferen Jahren, neu verheiratet. Sein einziger Sohn stammte noch aus der ersten Ehe und war erst vor kurzem dem Knabenalter entwachsen – die zweite Ehe war bisher kinderlos geblieben. Gerade in den Jahren nach seiner erneuten Eheschliessung war der König jedoch stark gealtert. Ein dünner grauer Bart hatte die stolze schwarze Mähne ersetzt, die das Gesicht des Herrschers einst in jungen Jahren geziert hatte, und offenbarte dem Betrachter jetzt ein von tiefen Falten durchzogenes, verlebtes Gesicht, dessen grau-blaue Augen sich hinter eingefallene Wangen zurückgezogen hatten.

Die grosse Freude des Volkes, eine neue Königin zu haben, war durch die Sorge um ihren Herrscher merklich getrübt worden. Es gab üble Gerüchte, die nur leise und hinter vorgehaltener Hand weitergeflüstert wurden, Gerüchte über eine geheimnisvolle, unheilbare Krankheit des Königs; niemand wusste wirklich genau, ob dahinter ein wahrer Kern steckte.

Die Königin, die neben dem König auf ihrem bequemen, stoffgefütterten Stuhl sass, betrachtete das Geschehen um sie herum scheinbar ohne grosse Anteilnahme. Der auffällig starke Unterschied zwischen beiden stach dem Betrachter ins Auge: Während ihr Gemahl zusehends verfiel, hatte man den Eindruck, dass sich die Königin in den zehn Ehejahren kaum verändert hatte – sicherlich zogen sich auch durch ihr Haar mittlerweile einige graue Strähnen, aber ihr Gesicht strahlte noch dieselbe hintergründige, unnahbare Schönheit aus wie am Tage der Hochzeit. Dennoch war es ihr nie gelungen, die gleiche warmherzige Liebe beim Volke zu erlangen, wie ihr Gatte – böse Zungen wagten sogar zu behaupten, sie sei es, die Schuld am frühen Niedergang des Königs war – einige gingen selbst soweit, ihr auch die Schuld für all das andere Unglück zuzuschreiben, dass im letzten Jahrzehnt über das Königreich gekommen war – die vielen schlechten Ernten, die harten Winter, die jetzt viel mehr armen und kranken Menschen das Leben zu kosten schienen als früher, die ständigen Spannungen mit den umliegenden Königreichen, die Schuld daran waren, dass man sich ständig am Rande eines Krieges befand.

Selbstverständlich wagte es niemand, diese Gedanken öffentlich auszusprechen – aber es war kein Geheimnis, dass keiner– mit Ausnahme ihres Gatten – die Königin wirklich ins Herz geschlossen hatte.



Der König räusperte sich, und das leise Gemurmel, das sich in dem kleinen Raum breitgemacht hatte, verstummte augenblicklich.

“Meine lieben Getreuen, ich danke Euch, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid. Zu Beginn unserer Versammlung möchte ich, dass Ihr mir, wie es Tradition ist, Bericht erstattet über den Zustand meines Reiches, ein Jeder über sein Ressort, so dass sich aus unserem vereinigten Wissen ein vollständiges, umfassendes Bild der Lage unseres geliebten Königreichs ergibt. Denn nur gestützt auf umfassendes Wissen lassen sich weitreichende Entscheidungen treffen.”

Einen Überblick über die Lage zu fordern, war in der Tat kein unüblicher Beginn für eine Sitzung des Ministerrats; wohl aber fiel der versöhnliche, ausgesprochen warmherzige Ton auf, in dem der König seine Ansprache formuliert hatte. In den letzten Jahren war, scheinbar einhergehend mit seinem körperlichen Verfall, sein Verhalten gegenüber den Ministern – und überhaupt allen seinen Untertanen gegenüber – immer schroffer und unnahbarer geworden. Das einzige, was das Volk dazu veranlasste, an der Liebe zu seinem König festzuhalten, war die Offensichtlichkeit der hinter diesem Verhalten stehenden Schwäche und Erschöpfung.



Traditionsgemäss war es der Minister für Krieg und Landesverteidigung, der sich als erster erhob; es war ein dicklicher, rotwangiger Bursche, ein Mensch, dem man anzusehen glaubte, dass er gern mal ein Glas Wein trank und auch sonst den Vergnügungen des Lebens nicht abgeneigt sei. Seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren aber war seine Gesichtsfarbe zusehends blasser geworden, und die früheren Lachfalten um seine Augen herum schienen zur Gänze verschwunden.

“Mein König, liebe Kollegen – ich glaube, ihr alle wisst, das es um die Sicherheit unseres Königreichs nicht zum Besten bestellt ist – zwar ist unsere Armee hinreichend ausgestattet, und wir haben eine ausreichend grosse Zahl junger, kampfeswilliger Soldaten, aber die Kräfte der möglichen Gegner sind trotz allem übermächtig.”

Der Kriegsminister hielt einen Moment inne, um seine Gedanken zu sammeln, dann fügte er hinzu:

“In jeder der vier Himmelsrichtungen lauert ein Feind, es gibt kaum ein Königreich in der Umgebung, dass uns nicht den einen oder anderen Besitz neidet, sich ein vermeintlich ertragreiches Ackergebiet zu eigen machen möchte oder darauf erpicht ist, unserem Land eine seiner Gold- oder Kupfermienen zu stehlen – gerade so, als unser Königreich besonders reich oder wohlhabend wäre! Zwar droht zur Zeit kein direkter Konflikt, so dass wir trotz allem in einer Zeit des Friedens leben, aber dieser ist brüchig und besteht oft nur auf dem Papier.”

Er seufzte, und sah einen Moment lang aus einem der kleinen Dachfenster, die sich in einer langen Reihe dicht unter der Decke des Raumes befanden. Es schien, als ob er den folgenden Teil seiner Rede lieber für sich behalten hätte.

“Zudem gibt es Raubzüge in den Grenzgebieten, und immer wieder Übergriffe und kleine Scharmützel. Gerne würde ich eine Ursache für all diese Dinge festmachen können, aber ich vermag es nicht. Es bleibt nur, uns auf die wenigen Freunde und Verbündeten zu stützen, die zu uns stehen, und ansonsten das Beste zu hoffen. Ich wünschte, mein Bericht würde positiver und hoffnungsvoller ausfallen, aber die Lage ist leider ganz so, wie ich sie schildere.”

Er senkte betreten den Kopf, dann liess er sich wieder auf seinem Platz nieder.



Einen Moment lang herrschte Stille in dem kleinen Saal, dann erhob sich zögerlich der Minister für Landwirtschaft, Ackerbau und Viehzucht – es war an ihm, die Rede fortzusetzen.

“Leider muss ich mich den düsteren Worten meines Vorredners anschliessen – die Lage auf den Höfen und Farmen des Reiches ist schlecht. Seit Jahren werden wir von Dürren und Unwettern heimgesucht, auch in diesem Jahr wird es, wenn kein Wunder geschieht, eine Missernte geben.”

Er schaute jetzt ebenso betreten drein wie eben der Minister für Krieg und Landesverteidigung – hochgewachsen und dürr von Gestalt, schien es gerade so, als ob er die Folgen des schlechten Zustands seiner Ressorts bereits jetzt am eigenen Leibe zu spüren bekam,

“Zualledem brechen regelmässig Seuchen in unseren Viehställen aus, und erst im letzten Jahr haben Schädlinge einen grossen Teil der Kornernte vernichtet. Eine direkte Hungersnot droht dem Volke nicht, aber in den letzten Jahren – und aller Vorraussicht nach auch in diesem – mussten wir von unseren Nachbarn Getreide und Feldfrüchte in grossen Mengen einkaufen – zu horrenden Preisen, wie sich leider versteht.”

An dieser Stelle erhob sich der Minister für Handel und Gewerbe, ein bereits ergrautes, altgedientes und treues Ratsmitglied, und warf ein:

“Ich erinnere mich an Zeiten, an denen die Ausfuhr von Getreide eine der Hauptstützen unserer Wirtschaft war – in den letzten Jahren hat sie sich, wie mein Kollege gerade eben dargelegt hat, zusehends zum Verlustgeschäft entwickelt. Auch die sonstigen Exporte – Erz und Mineralien aus unseren Mienen, Stoffe, Werkzeuge und Fuhrwerke – sind zurückgegangen, wenn auch in geringerem Masse. Zwar kann die Grundversorgung des Volkes mit den notwendigsten Dingen aufrechterhalten werden, aber von Wohlstand oder gar Reichtum sind wir weit entfernt.”

Es war wie gewohnt der Minister für Gold und Staatsfinanzen, der das Schlusswort sprach:

“Ohne eine gesunde, florierende Wirtschaft bleibt leider auch dem Staatshaushalt wenig Geld – die Versuche, ein öffentliches Schul- und Gesundheitswesen einzuführen, mussten leider wieder gestoppt werden, und die Schulden des Königsreichs bei benachbarten Herrschern sind bedeutend. Gerne würde ich eine positive Bilanz abgeben, Eure Hoheit, aber – ebenso wie meine Kollegen – kann ich es leider nicht. Die Lage ist zwar nicht hoffnungslos, aber alles andere als glücklich – es tut mir leid.”



Eine zeitlang herrschte betretenes Schweigen. Die Augen der Minister waren jetzt auf den König gerichtet, der den Bericht seines Rates geduldig mit angehört hatte und jetzt wieder das Wort ergriff:

“Es betrübt mich, Eure Worte zu hören, wenngleich ich nichts anderes erwartet habe. Es gibt sich das gleiche Bild wie schon seit Jahren, und auch ich weiss keine Lösung für die Probleme unseres Landes.

Vielleicht ist es gut, dass mein einziger Sohn, Prinz Adrian, am nächsten Sonntag das Alter der Volljährigkeit erreichen wird – wie ihr wisst, bedeutet dies, dass er schon bald die Regierungsgeschäfte übernehmen wird. Vielleicht wird ein neuer Kopf an der Spitze des Reiches eine Veränderung bringen – ich selbst bin alt, und vielleicht fehlen mir die nötigen Kräfte, um noch etwas zu bewirken.”

Der König schwieg einen Moment, man hatte den Eindruck, er müsse seine Gedanken erst sammeln, bevor er fortfuhr:

“Es ist nun unsere Aufgabe, den Traditionen und Sitten unseres Volkes genüge zu tun und für den künftigen König eine junge und schöne Königin zu finden – und es sollte eine Verbindung sein, die den Geschicken des Landes zum Wohle gereicht. Ich richte deshalb das Wort an unseren Minister für Diplomatie und zwischenstaatliche Beziehungen – ich habe Euch bei unserer letzten Unterredung beauftragt, eine Liste aller geeigneten Prinzessinnen der Umgebung aufzusetzten. Lasst uns hören, zu welchen Resultaten ihr gekommen seid!”

Es erhob sich nun ein äusserst unscheinbarer, in schlichten Farben gekleideter Herr, zog eine Rolle Pergament aus seinem Umhang hervor und sprach:

“O mein König, wohl war ich eifrig beschäftigt, Eurem Wunsche zu entsprechen, habe in den letzten Wochen zahllose Boten versand und habe auch selbst einige Reisen in die nahegelegeneren Königreiche unternommen. Hört nun also meinen Bericht:

Es sind der möglichen Kandidatinnen nur wenige. Die Königreiche der Nachbarschaft sind fast ohne Ausnahme entweder verarmt oder uns so spinnefeind, dass an eine Verheiratung einer ihrer Prinzessinen mit Prinz Adrian nicht zu denken wäre. Wieder andere befinden sich im Krieg miteinander und sind für diplomatische Bemühungen momentan nicht zugänglich. Dennoch ist es mir gelungen, einige Mädchen ausfindig zu machen, die den Ansprüchen unseres Prinzen genügen könnten: da wäre Prinzessin Maria, deren Vater ein kleines Fürstentum jenseits des nördlichen Waldes regiert – sie soll sehr schön sein, leider aber von unstetem Charakter. Auch ihr geringes Alter – sie ist gerade dreizehn Jahre alt geworden – könnte eine mögliche Hochzeit erschweren. Dann Prinzessin Franziska, deren Vater sich aber bis vor kurzem im Krieg mit zweier seiner Nachbarländer befunden hat – eine Verbindung mit einem instabilen Reich ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Desweiteren Prinzessin Sarah, deren Antlitz noch kein Besucher jemals hat schauen dürfen – man munkelt aber, dass sie hässlich wie die Nacht sein soll. Das dürfte auch Grund für ihr bereits stark fortgeschrittenes Alter sein – sie befindet sich bereits in ihrem vierunddreissigsten Jahr und ist noch immer unverheiratet.

Eine weitere…”

Während der König und die anderen Minister mit schwindender Begeisterung der Aufzählung der Vorzüge und Nachteile der fraglichen Prinzessinnen lauschten, entfernte sich die Aufmerksamkeit der Königin zusehends vom Geschehen. Sie drehte den Kopf und sah durchs Fenster hinaus auf den Hof, ihre Gedanken schweiften ab und gingen zurück zum Zeitpunkt ihrer Ankunft in diesem Königreich, damals, vor jetzt mehr als einem Jahrzehnt…







(der Trank– II)



Im selben Moment, in dem das wüste, ungeduldige Brodeln verstummte und die Oberfläche der Flüssigkeit spiegelglatt wurde, wusste sie, das der Trank gelungen war. Es hatte sie lange Monate der Vorbereitung gekostet, und die Zubereitung war nicht ohne Risiko gewesen. Sie wusste nur zu genau, dass zum Brauen magischer Tränke viel, viel mehr gehörte als nur das Sammeln von Kräutern und das Anmixen bestimmter geheimnisvoller Tinkturen. Sicher waren all diese Dinge ein wichtiger Bestandteil des Zaubers – für diesen speziellen Trank, der jetzt ruhig und friedlich vor ihr im Kessel schlummerte, nachdem er drei Tage und drei Nächte lang gewütet und getobt hatte, benötigte man zum Beispiel eine spezielle Wurzel, die nur in an einigen wenigen, auserlesenen Stellen dieser Erde wuchs – und nur alle hundert Jahre die richtige Reife erlangte, um brauchbar zu sein. Die Königin – wenn wir sie denn weiterhin so nennen wollen – hatte sie mit Glück von einem fahrenden Händler erwerben können – wobei “erwerben” nicht ganz der richtige Ausdruck war, und “Glück” sich sicherlich nicht auf des Schicksal dieses Händlers bezog, der für diesen Handel mit dem Leben hatte bezahlen müssen. Und noch weitere Zutaten waren nötig gewesen, viele von ihnen hochgiftig, und fast alle den gewöhnlichen Sterblichen völlig unbekannt. Aber dennoch, die Zutaten waren nicht das Problem – einen Trank zu brauen, der Leib und Seele veränderte und das eigene Selbst zu etwas werden liess, für das es nicht geschaffen war, war wider die Natur – und musste immer mit einem Teil der Seele des Ausführenden bezahlt werden. Und wenn der Trank misslang, wenn bei der schwierigen und äusserst komplizierten Zubereitung etwas schief ging, wenn auch nur einer der zahllosen Arbeitsschritte ausgelassen, eine der jahrhunderte alten, strengen Anweisungen vergessen wurde, dann war dieses Stück Seele für immer verloren.

Gespannt beobachtete die Königin jetzt die Bilder, die vor ihren Augen entstanden: Das Schloss des Königs, das nur wenige Kilometer von hier entfernt war, der stolze Garten. Und dann, neue Bilder, Bilder einer möglichen Zukunft – alles erschien so, wie sie es geplant hatte, und die letzten Zweifel wichen aus ihrer Seele.

Die Oberfläche des Trankes zeigte ihr auch Mauern und Wachen – aber Wachen würden sie nicht aufhalten. Wahrscheinlich würde sie sich als einfache Dienstmagd verkleiden, und sie würde die Strecke zu Fuss gehen. Dann würde sie demütig und mit gesenktem Haupt an das Schlosstor klopfen – wie es in schlechten Zeiten viele einfache Menschen taten. Sie würde ihre Dienste anbieten, oder vielleicht etwas verkaufen, Kämme und Bürsten für die Kammerzofen, oder frische Äpfel für die Bediensteten des Schlosses – und ein kleines, goldenes Fläschchen für den Herrscher…





der Ministerrat – II



“…und schliesslich Prinzessin Xenia, die Tochter König Richards, des Herrschers über das am Ufer des grossen Sees gelegenen Reiches. Sie ist jung, unverheiratet und von schöner Gestalt. Zudem haben ihre Eltern ihr eine solide Bildung zukommen lassen, und sie soll angenehm und sanft von Gemüt sein. König Richards Reich ist zwar nicht gross und verfügt über keinerlei Schätze oder sonstige Reichtümer, aber es herrscht dort schon lange Friede, und er selbst geniesst einen ausgezeichneten Ruf unter den anderen Herrschern in der Umgebung. Ich habe Prinzessin Xenia leider nicht selbst in Augenschein nehmen können, aber der Bote, den ich zum Hofe ihres Vaters geschickt habe, schwärmte in höchsten Tönen von ihr. Sie selber weiss noch nicht, dass sie verheiratet werden soll, aber ihre Eltern sind dieser Idee durchaus zugetan. ”



Die Königin vernahm die Worte des Ministers zuerst nur im Hintergrund – ihre Gedanken weilten weit fort in der Vergangenheit. Dann aber kehrte ihr Bewusstsein schlagartig in den kleinen Versammlungsraum zurück: Sie spürte plötzlich, dass das Mädchen, von dem gerade die Rede war, ihr Unheil bringen würde. Ihr Blick verdüsterte sich – sie hatte schon früher derartige Ahnungen gehabt, und nur sehr selten hatte ihre Empfindung sie getäuscht.

Sie hatte in ihrem langen, sehr langen Leben mal die eine, mal die andere Rolle angenommen, hatte sich verkleidet, wie andere Leute es zum Karnveval oder zum Fasching taten – nur mit dem Unterschied, dass die Verkleidungen der anderen meist nur ein paar Stunden dauerten, während sie manche ihre Masken ein ganzes Leben lang trug – ein ganzes Menschenleben lang, um genau zu sein.

Und sie hatte es immer gut verstanden, ihre wahre Identität vor ihrer Umwelt zu verbergen. Während um sie herum der Ministerrat eifrig damit beschäftigt war, den Schilderungen der Vorzüge Xenias zu lauschen, die aller Vorraussicht nach die zukünftige Frau des Prinzen werden würde, arbeitete es in ihrem Inneren – sie musste wissen, was für eine Art Bedrohung es war, die von dieser jungen Prinzessin ausging. Gedanken begannen in ihrem Hirn zu kreisen, es entstanden Bilder, ähnlich denen, die vor über zehn Jahren auf der Oberfläche ihres Kessels erschienen waren. Nur waren diese Bilder jetzt düsterer und grausamer – es waren Fantasien und Träume, unbeständig und wahllos wie Spukbilder. Ein Bild aber blieb bestehen und überlagerte alle anderen – und ein schrecklicher Verdacht keimte in ihr auf.

Sie erhob sich, verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken von den versammelten Ministern und verliess dann eilig den Raum.





der Kurier – I



Das schlechte Wetter hatte dem Kurier schon während des gesamten Weges zu schaffen gemacht. Am frühen Morgen war er bei strahlendem Sonnenschein losgeritten, aber dann hatte der Himmel sich innerhalb von kürzester Zeit zugezogen, und gegen Mittag waren die ersten schweren Regenfälle niedergegangen. Selbstverständlich hatte er keine Sekunde lang darüber nachgedacht, seinen Ritt deswegen zu unterbrechen – er war der erste Kurier des königlichen Hofes, hatte in den langen Jahren seiner Dienstzeit immer und immer wieder absolute Treue und Zuverlässigkeit bewiesen, und die Aussicht, bis auf die Haut nass zu werden und die Tage nach seiner Rückkehr vielleicht mit einer schweren Erkältung im Bett zu verbringen, störte ihn nicht im Geringsten.

Aber die Sicht reichte jetzt stellenweise nur wenige Meter, und durch den stundenlangen Regen waren die Wege weich und matschig geworden – immer wieder kam es jetzt vor, dass sein Pferd strauchelte. Es war merkwürdig – ein Wetter wie dieses war für die Jahreszeit vollkommen unüblich, und vor seiner Abreise war der Himmel tagelang blau und wolkenlos gewesen.

Die tiefstehende rote Sonne liess darauf schliessen, dass ihm bis zum Eintreten der Dunkelheit noch allerhöchstens anderthalb bis zwei Stunden Zeit blieben. Der Kurier kannte die Strecke, wie er überhaupt die gesamte Umgebung des Königreiches wie seine Westentasche kannte, und rechnete sich kurz aus, dass er, wenn er sein gegenwärtiges Tempo beibehielt, das Schloss König Richards nicht mehr rechtzeitig erreichen würde. Dass hiesse, er würde während der Nacht eine Pause einlegen müssen. Sich irgendwo eine Unterkunft suchen müssen. Einen sicheren Platz und Futter für sein Pferd. Und das hiesse auch, dass er sich verspäten würde – zum ersten Mal in fünfundzwanzig Jahren Dienst als Kurier des Königs.

Er stiess einen lauten Fluch aus, dann trieb er sein Pferd mit einem kräftigen Druck seiner Schenkel zu noch grösserer Eile an.

hinter der Spiegelwand – I



Er hockte auf dem Boden, die Beine angewinkelt – in dieser Stellung spürte er die Verkrümmungen seines Körpers am wenigsten. Oft sass er tagelang einfach so da und starrte ins Nichts – oder er beobachtete die Fledermäuse, die wie riesenhafte, schwarze Regentropfen zäh und träge an der Decke hingen. Er sie nicht treffen wollen – gerade eben, als er direkt nach seinem Erwachen aus Wut und Enttäuschung einen Stein gegen die Felswand geschleudert hatte.

Er wollte ihnen nichts böses, eigentlich mochte er sie, und machmal hielt er regelrecht Zwiesprache mit ihnen. Wenn das winzige Bisschen Tageslicht, dass durch die grosse Spiegelwand vom Prinzengemach aus hereindrang, verschwunden war, erwachten sie aus ihrem Schlaf und durchkreuzten mit langen, weiten Schwingen die wenigen Meter seines Verlieses.

Früher, als er noch klein gewesen war, hatten sie ihm manchmal Angst gemacht, wenn er geschlafen hatte und sie sich aus einer Laune heraus auf seine Beine oder Arme gesetzt hatten. Oder auf seine Brust. Mittlerweile aber war er froh über das Bisschen an Gesellschaft, das er hatte. Wenn genügend Mondlicht durch die Spiegelwand hineinfiel, konnte er sie deutlich erkennen, konnte ihnen beim Fliegen zuschauen und in ihre kleinen, roten Augen sehen – er fragte sich auch, ob sie schon immer hier gehaust hatten, oder ob sie erst zusammen mit ihm hier eingesperrt worden waren, damals, vor – aber das war zulange her, und er konnte sich nicht erinnern. Auf jeden Fall aber teilten sie sein Schicksal – es waren immer dieselben, die gleiche Anzahl, unverändert. Nicht einmal eine Fledermaus konnte aus diesem Gefängnis entkommen.

Manchmal, während der vielen Tage und Nächte, die er eingeschlossen in seinem Verlies hinter dem Gemach des Prinzen verbrachte, fragte er sich nach dem Grund seiner Gefangenschaft. Er lebte eigentlich nur in seinen Träumen – und in den Träumen war er Prinz Adrian, Sohn des Königs und zukünftiger Thronfolger.

Er drehte sich um und wagte es zum ersten Mal seit seinem Erwachen, durch die Spiegelwand hindurch hinein in das Gemach des Prinzen zu sehen – es war leer. Wahrscheinlich hatte Prinz Adrian, nachdem er der Betrachtung des Gartens überdrüssig geworden war, es vorgezogen einen Spaziergang zu machen, oder sich von einem seiner adligen Freunde auf eine Tasse Tee einladen zu lassen. Meist konnte er auch im Wachzustand spüren, was der Prinz tat – gerade jetzt amüsierte er sich, ging einer seiner eitlen kleinen Freuden nach, während er selber hier sass und die schwarze Wand anstarrte.

Wütend betrachtete er die Fledermäuse, die jetzt wieder ruhig und träge die Decke hinab hingen – und dann musste er stutzen: es schien ihm mit einem Male so, als wären sie gewachsen…



der Kurier – II



Der Kurier sah die Wegbiegung erst in allerletzter Sekunde, und musste sein gesamtes Körpergewicht einsetzen, um sein Pferd zu einem drastischen Richtungswechsel zu bewegen, der sie beide davon abhielt, mit voller Wucht gegen eine wegen dem immer noch bindfadendicken Regen beinahe unsichtbare Felswand zu prallen.

Aber sein rasantes Tempo hatte sich ausgezahlt – direkt hinter dem Fels befand sich der grosse See, an dessen Ufern das Schloss König Richards lag: Es schien, als würde er sein Ziel noch rechtzeitig erreichen. Er atmete auf – niemals hatte er es sich verziehen, wenn er den ihm befohlenen Termin nicht hätte einhalten können, wenn er seine Botschaft an Prinzessin Xenia zu spät abgeliefert hätte.

Der Weg verlief jetzt eben und geradlinig, und er konnte es sich leisten, seinen Blick abzuwenden und nach dem Schloss ausschau zu halten. Gerade eben hatte er die stolzen Kuppeln und Türme durch die Bäume leuchten sehen, als sein Pferd plötzlich strauchelte und fiel. Er selbst wurde von dem Sturz, auf den er in keiner Weise vorbereitet war, aus dem Sattel gehoben und mit voller Wucht zu Boden geschleudert.

Einen Moment lang blieb er wie betäubt liegen, aber dann spuckte sein Gehirn in sauberer, geordneter Reihenfolge all die Fragen und Gedankengänge aus, die in einer Situation wie dieser notwendig waren. Er untersuchte zuerst seinen eigenen Körper: sein Kopf schien unverletzt zu sein, er konnte beide Arme bewegen, seine Handgelenke waren unverletzt und belastbar. Aber seine Beine …bei dem Versuch, sich aufzusetzen, spürte er einen unerträglichen Schmerz im linken Oberschenkel. Er machte noch einen weiteren Versuch, das Bein zu belasten, dann sah er ein, dass es sinnlos war: sein Oberschenkel war offensichtlich gebrochen. Sein zweiter Blick galt seinem Pferd – es lag auf der Seite und röchelte, den rechten vorderen Huf, in einem bizarren Winkel von sich gestreckt – ganz offensichtlich würde er seine Reise nicht wie geplant fortsetzen können.

Er schaute auf den See hinaus, und ein Anblick von wilder, urwüchsiger Schönheit erschloss sich ihm– grosse, schwere Wolken schwebten dicht über der Wasseroberfläche, und die untergehende Sonne tauchte die Landschaft in ein rotes, düsteres Licht. Was konnte es gewesen sein, das den Sturz ausgelöst hatte? Der Weg war vollkommen eben, und er hatte sein Pferd keinesfalls so sehr gefordert, dass es aus purer Erschöpfung einen solchen Fehltritt hätte begehen können.

Eine gefährliche Müdigkeit drohte, von ihm Besitz zu ergreifen. Die meisten anderen Reiter an seiner Stelle hätten sich diesem trügerisch-einlullenden Gefühl wohl widerstandslos hingegeben, er aber wusste, dass dies wahrscheinlich seinen Tod bedeutet hätte. Die Nächte waren noch sehr kalt, und es war völlig ungewiss, ob und wann ihn hier jemand finden würde.

Der Kurier des Königs beugte sich zu seinem Pferd herüber und löste vorsichtig seine Trinkflasche und den kleinen Essensvorrat vom Sattel – das versiegelte Kuvert, das ihm übergeben worden war, trug er selbstverständlich an seinem Körper. Er nahm sich einen Augenblick Zeit, legte dem röchelnden Tier die Hand auf die Schläfe und sagte ihm lebewohl – er war unbewaffnet, wie es für Kuriere seit langem schon Tradition war, ansonsten hätte er das arme Gescchöpf jetzt töten müssen.

Dann begann er, gestützt auf seine Ellenbogen und mit Hilfe seines gesunden Beines, sich langsam in Richtung des Schlosses vorzuarbeiten…



der erste Ball – I



Hoch oben unter der Decke des riesigen Thronsaales hingen zwei lange Reihen gigantischer Kronleuchter. Jeder von ihnen trug mehrere Dutzend grosser Wachskerzen, die kurz vor Beginn des Balls von einer Schar fleissiger Diener angezündet worden waren – sie tauchten den Raum trotz der fortgeschrittenen Stunde in ein fast taghelles Licht.

An einer Seite des Raumes war auf einer langen Tischreihe ein reichhaltiges Buffet aufgebahrt, mit allen Köstlichkeiten, die die königliche Küche hatte hervorbringen können. Wild und Geflügel aus dem zum Schloss gehörenden Waldgebiet lagen neben zahllosen Gemüsen und Feldfrüchten, geerntet auf den Äckern des Königs.

Die erlesenen Gäste hatten sich gerade in zwei Reihen einander gegenüber aufgestellt, auf einem Podest am Ende des Saales war eine achtköpfige Kapelle plaziert, die nach der offiziellen Begrüssung der Gäste durch den Prinzen zum Tanz aufspielen würde. Der achtzehnte Geburtstag eines Thronfolgers war traditionsgemäss der Zeitpunkt, an dem dieser offiziell in die Gesellschaft der Hofleute und Adligen eingeführt wurde. Prinz Adrian war zu diesem Anlass in ein besonders festliches, samtrotes Gewand mit einer reich bestickten Weste und goldenen Schleifen gekleidet worden – und allein dieses Gewand hatte mehr gekostet, als ein gewöhnlicher Landmann im Königreich im Laufe eines Jahres verdiente.

Stolz schritt er jetzt an der Reihen der adligen Gäste entlang und warf einem nach dem anderen wohlwollende Blicke zu oder begrüsste diejenigen, die ihm namentlich bekannt waren, mit einigen freundlichen Worten. Er hatte sich lange auf diesen Abend vorbereitet, hatte die verschiedenen, zum Teil äusserst komplizierten Regeln des höfischen Protokolls auswendig lernen müssen, und bildete sich einiges darauf ein, seine neuerworbenen Fähigkeiten am heutigen Abend im Kreise dieser erlesenen Gesellschaft demonstrieren zu dürfen.

Wie zu erwarten gewesen war, bewunderte jeder den schönen jungen Prinzen, und die versammelten Gräfe und Herzöge beeilten sich, sich ihm ihrerseits vorzustellen und seine Bekanntschaft zu machen.





Königin – I



Während sich die Hofgesellschaft beim Ball amüsierte und ganz nebenbei dem immerwährenden Spiel des Knüpfens diplomatischer Veflechtungen, unverbindlicher Kontakte und heimtückischer Intrigen nachging, befand sich die Königin alleine in einer kleinen, verborgenen Kammer im Dachgeschoss eines Seitenflügels des Schlosses. Sie hatte sich unter dem Vorwand der Migräne die Erlaubnis erbeten, dem Ball fern zu bleiben. Vielleicht würde sie später noch erscheinen, hatte sie gesagt, und das hatte ihren Gatten milde gestimmt.

Die Kammer, in der sie sich jetzt aufhielt, befand sich hinter einer verborgenen Türe – niemand im Schlosse kannte sie, dafür hatte sie gesorgt. Dies war der Ort, an den sie sich zurückzog, wenn sie aus dem einen oder anderen Grund die Rolle verlassen musste, in die sie geschlüpft war. In den zehn Jahren ihrer Anwesenheit hier war dies nur sehr, sehr selten notwendig gewesen – einmal, direkt im ersten Jahr nach ihrer Hochzeit, als eine vorlaute Dienstmagd sie entdeckt hatte, dann einmal völlig unverhofft vor vier Jahren, als es schien, die Wirkung ihres Trankes würde nachlassen (aber das hatte sich als Irrtum herausgestellt, der König hatte lediglich eine ungewöhnlich heftige Form von Sommergrippe gehabt) – und eben jetzt. Seit der Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit des Prinzen mit Prinzessin Xenia verbrachte sie regelmässig alle paar Tage eine Stunde oder mehr in dieser Kammer. Genauer gesagt, verbrachte sie sie auf einem kleinen Stuhl sitzend, den Blick angespannt auf eine grosse, kristallene Kugel gerichtet. In dieser Kugel konnte sie jeden Ort dieser Welt betrachten, völlig gleichgültig, wo er sich befand. Einzige Vorraussetzung war, dass sie mit dem Ort in irgendeiner Weise verbunden sein musste. Meist war es die eine oder andere böse Tat, die sie begangen hatte, und die noch lange nachwirkte, manchmal Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte lang.

Die Königin starrte in die Kugel, in der jetzt das Verlies hinter dem Gemach des Prinzen Gestalt annahm. Sie wollte etwas herausfinden, der Verdacht, der in derselben Sekunde in ihr erwacht war, in der sie den Namen Prinzessin Xenias zum ersten Mal gehört hatte, liess ihr noch immer keine Ruhe.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, dass sie bei dem Gedanken an Xenia empfand – sie spürte ganz deutlich eine Bedrohung, wenn sie ehrlich war, sogar stärker als jemals vorher in ihrem Leben, aber gleichzeitig vermochte sie nicht zu sagen, worin die Gefahr bestand, die von der Prinzessin ausging.

Sie starrte also in die Kugel, sah die verkrümmte Gestalt, die dort an der schwarzen, kalten Felswand lehnte, sah die Fledermäuse, die träge an Decke hingen, sah die Steine, den Staub und die Dunkelheit – und wartete.





der Kurier – III



Der kleine, untersetzte Nachtwächter glaubte zu erst, irgendein wildes Tier vor sich zu haben, als er wie vorgeschrieben kurz vor Mitternacht einen Kontrollgang um das Schloss machte. Aus dem Dunkel des Waldes heraus hatte sich langsam ein dunkler Schatten auf das Schlosstor zugeschoben, war Stück für Stück näher gekommen und hatte schliesslich die Gestalt eines am Boden kriechenden Menschen angenommen. Der Anblick des zerschundenen, zu Tode erschöpften Mannes erregte tiefes Mitleid in ihm, dennoch war es seine erste Reaktion, sein Schwert zu ziehen und die anderen Wachen herbeizurufen – man konnte nie wissen, ob es sich nicht um einen heimtückischen Überfall handelte, auch wenn der Mann, der jetzt gerade mühevoll versuchte, sich aufzurichten, nicht so aussah, als ob er in seinem gegenwärtigen Zustand noch irgendjemandem etwas zuleide tun könnte.

Der Nachtwächter ging langsam auf den Fremden zu, und schliesslich erkannte er die Uniform König Johanns, sah das königliche Siegel auf dem Kuvert, dass ihm jetzt von einer zitternden Hand entgegengestreckt wurde.

Er liess sein Schwert sinken und nahm die Botschaft entgegen, verstaute sie sorgsam in seinem Umhang und kniete dann vorsichtig neben dem Kurier nieder, der jetzt das Bewusstsein verloren hatte und besinnungslos auf der nachtschwarzen Erde lag.

der erste Ball – II



“O mein Prinz, stimmt es, was man sagt – dass Ihr einer der vorzüglichsten Bogenschützen des Landes sein sollt? Mein Gatte sagt, er habe Euch neulich bei einem Sportschiessen begleitet, und konnte sein Lob über Eure Treffsicherheit kaum zügeln…!”

Die füllige, in grelles Rot gekleidete Figur der Gräfin von Rosburgh hatte sich vor Prinz Adrian aufgebaut und war eifrig damit beschäftigt, einen guten, nach Möglichkeit unvergesslichen Eindruck bei ihm zu Hinterlassen. Neben ihr stand ihr Gatte, Graf von Rosburgh und Besitzer eines kleinen Hofes am Südrand des Reiches – seiner leicht betretenen Miene war anzumerken, dass er Veranstaltungen wie dieser eher ungern beiwohnte; ganz im Gegensatz zu seiner Frau, die sich vorzüglich zu amüsieren schien. Gerade hatte sie dem Prinzen ganz unprotokollgemäss einen Klaps auf die Schulter gegeben und grinste ihn verschwörerisch an.

“Ich selber kann mit so einem grossen Ding ja gar nicht umgehen. Aber ein junger, starker Mann wie Ihr…”

Prinz Adrian schien sich hier, umschwärmt von seinen zahlreichen Gästen, ebenfalls ausgesprochen wohlzufühlen. Er warf dem Grafen einen um Verzeihung heischenden Blick zu, dann legte er dessen Gattin zuvorkommend einen Arm um die Schulter und führte sie zum Buffet, wo er sie mit Sicherheit gut aufgehoben wusste.

“Ich bin sicher, Verehrteste, Eure Fähigkeiten im Bogenschiessen würden die meinen bei weitem überschreiten, würdet ihr so ein Gerät nur ein einziges Mal in die Hand nehmen. Aber ich bin sicher, eine Dame wie Ihr habt in der Gesellschaft zu viele unaufschiebbare Verpflichtungen, um ihre Zeit an dererlei Kindereien zu verschenken, habe ich Recht? Mein Vater, der König, berichtete mir erst vor wenigen Tagen in schönsten Worten von einem grossen Hoffest, dass ihr abzuhalten beliebtet – er sagte, die Creme de la Creme der Gesellschaft wäre geladen gewesen – und auch erschienen!”

Währenddessen hatten sie beide das Buffet erreicht, und der Prinz dirigierte die Dame an seiner Seite geschickt in Richtung des Schweinebratens, für den diese – wie allgemein bekannt war – eine grosse Vorliebe hegte. Und liess sich gleich darauf in das nächste Gespräch verwickeln: der Herzog von Hohenfels war an seiner Seite aufgetaucht und brannte darauf, seine neueste Strategie über die Verwendung von fahrbaren Geschützen in Rückzugsgefechten mit ihm zu diskutieren.





Prinzessin Xenia – I



Es war später Nachmittag, und Prinzessin Xenia sass alleine auf dem grossen, samtgepolsterten Sofa, dass vor der Fensterfront des kleinen Saales stand, in dem sie zusammen mit ihren Eltern das Abendessen einzunehmen pflegte – wobei es nur selten vorkam, dass auch ihr Vater, der König, anwesend war – zumeist speiste sie mit Ihrer Mutter alleine, und ihr Vater war mit wichtigen Regierungsangelegenheiten beschäftigt.

Heute aber wusste sie, dass ihr Vater kommen würde – vor nicht ganz einer Stunde war ein Kammerdiener auf sie zugeeilt und hatte ihr atemlos berichtet, ihr Vater habe ihr eine wichtige Mitteilung zu machen, und sie solle sich eine Stunde vor Abendessenszeit hier einfinden.

Prinzessin Xenia fühlte eine bohrende Unruhe in sich erwachen – was könnte es mit dieser Nachricht auf sich haben? Sie schaute durch die Fenster auf den spiegelglatte Fläche des grossen Sees hinaus, und ihr kam die kleine, süsse Geschichte in den Sinn, die sie am Tag zuvor mit ihrem geliebten Puppenhaus zusammengeträumt hatte. Sie fragte sich, ob es dem Prinzen wirklich gelungen war, den Drachen zu töten, ob er wirklich am nächsten Tag an die Türe des kleinen Häusschens geklopft hatte, und ob er das kleine Mädchen wirklich zu seiner Frau genommen hatte? Sie legte den Kopf auf die Knie und seufzte – um wieviele Male schöner musste es sein, dachte sie, sich solche Geschichten auszudenken, wenn man nicht selbst eine Prinzessin war, sondern als armes Mädchen in einem kleinen, heruntergekommenen Haus leben musste….?

In diesem Moment öffnete sich die grosse Holztüre, und ihre beiden Eltern traten herein.





der erste Ball – III



“…aber sagen Sie, lieber Prinz, stimmt es, was man sagt?”

Prinz Adrian hatte sich seinen Weg vom Büffet hin zum Podium, auf dem die Band immer noch spielte, und zurück zur Tanzfläche gebahnt und hatte mit über der Hälfte der Gäste kleine, höfliche und wunderbar unbedeutende Gespräche geführt, als er sich plötzlich und unverhofft wieder an der Seite der Gräfin von Rosburgh wiederfand. Er drehte sich um und versuchte, mit einem behenden Satz in Richtung des Weintresens zu entfliehen, aber dafür war es zu spät. Die Gräfin reckte sich zu ihm empor, legte ihm eine Hand auf die Schulter und flüsterte:

“…man sagt, dass Eure Hochzeit so gut wie beschlossene Sache wäre, dass Ihr verlobt wäret mit der Tochter König Richards, der schönen Prinzessin Xenia!”

Der Prinz überlegte kurz, dann entschied er sich zu einem ganz und gar unkonventionellen Schritt: Er gab der verdutzt dreinschauenden Gräfin einen schmatzenden Kuss auf die Wange, ergriff die Fleischgabel, die sie seit ihrem ersten Kontakt mit dem königlichen Schweinebraten nicht mehr aus der Hand gelegt hatte, stiess damit einige Male kräftig gegen sein mittlerweile leeres Weinglas und rief in die unverhofft entstandene Stille hinein:

“Meine Edlen Gäste, ich habe die Ehre, ihnen meine Verlobung mit der schönen Prinzessin Xenia zu verkünden…!”

Dann löste er sich aus der Umklammerung der Gräfin, wich einigen auf ihn zueilenden fragenden Gesichtern aus und ging jetzt ohne Umschweife zum Tresen, um sein Glas mit frischem Wein zu füllen. Die Fleischgabel drückte er dem Grafen von Rosburgh in die Hand, der nun fast ebenso verdutzt dreinschaute wie seine Gattin.





hinter der Spiegelwand – II



Etwas zerrte an seinem Inneren, er spürte einen Sog, der ihn aus seinem Gefängniss hinaus in die weite Welt schleudern wollte. Es war sein Gespür für den Prinzen, von dem dieser Sog ausging. Der Prinz war ausgelassen und fröhlich, er feierte im grossen Thronsaal mit seinen Freunden. Wie gerne wäre er jetzt an dessen Stelle gewesen! Aber die Mauern seines Verlieses hielten ihn unerbittlich fest.

Es war fast Dunkel, die Fledermäuse waren wach und durchkreuzten den Raum, hin und her, auch sie waren rastlos und unruhig. Er betrachtete sie und stellte erneut fest, dass sie grösser geworden waren, er war sich jetzt sicher, dass sie seit einiger Zeit zu wachsen begonnen hatten. Eine von ihnen hatte sich gerade auf der Spitze seines linken Fusses niedergesetzt, und er hatte Gelegenheit, sie genauer zu betrachten: Ihre beiden Beine schienen sich nach hinten verschoben zu haben, sie hatte sichtlich Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Sie musste sich hoch aufrichten, und dadurch konnte man erkennen, dass sich ein kleines Stück unter dem Flügelansatz ein weiteres Beinpaar zu bilden schien. Noch waren es nicht mehr als kurze, unfertige Stummel, die sich ihren Weg bahnten, aber schon bald….



Prinzessin Xenia – II

“Xenia, Deine Mutter und ich haben beschlossen, dass es für Dich an der Zeit ist, Dir einen Mann zu suchen und zu heiraten”.

Die Worte drangen undeutlich und verschwommen ihr Ohr. Fast schien es, als wäre es nicht ihr eigener Vater, der sie gerade eben ausgesprochen hätte, der ihr direkt gegenüber sass, in seinem grossen, schweren Holzsessel, sondern jemand fremdes, der sehr weit von ihr entfernt war – am anderen Ufer des Sees vielleicht, der jetzt im Licht der untergehenden Sonne geheimnisvoll zu funkeln begonnen hatte. Sie wandte ihren Blick von der Wasseroberfläche ab und sah ihren Vater an.

“Ein Bote König Johanns ist gestern Nacht noch hier eingetroffen – er hat bewundernswerte Treue und Tapferkeit bewiesen, denn sein Pferd stürzte auf dem Wege hierher, und er selbst brach sich ein Bein; die letzten Kilometer hat er sich auf allen Vieren wie ein Tier hierher geschleppt. Die Botschaft, die er brachte, enthält eine Nachricht von Prinz Adrian, dem einzigen Sohn des Königs – er möchte um Deine Hand anhalten.”

Es war dass, was sie erwartet hatte – sie war in dem Alter, in dem Mädchen der höheren Gesellschaft für gewöhnlich verheiratet wurden, das wusste sie. Trotzdem fühlte sie sich jetzt, wo dieser Gedanke, der seit dem letzten Winter von Woche zu Woche mehr und mehr Raum in ihrem Kopf eingenommen hatte, mit einem Male Realität geworden war, betäubt und vor den Kopf gestossen. Unfähig zu antworten sah sie ihrem Vater weiter stumm in die Augen.

“Man sagt, Prinz Adrian soll wohlerzogen und von ausgezeichneten Manieren sein.” ergriff jetzt ihre Mutter das Wort, “ er ist belesen und sehr gebildet, aber am liebsten verbringt er seine Zeit im Freien bei den Pferden und der Jagd. Der Bote hat ausserdem ein kleines Porträt von ihm mitgebracht”.

Die Königin lächelte und reichte ihrer Tochter ein mit einer roten Schleife umwickeltes Pergament.

“Schau es Dir an, er ist ziemlich hübsch!”

Prinzessin Xenia nahm ihrer Mutter das zusammengerollte Porträt aus der Hand und faltete es vorsichtig auseinander – dann musste sie plötzlich lachen.

“Und wenn er mir nicht gefällt? Vielleicht….vielleicht mag ich ja seine Nase nicht!”

Sie beobachtete amüsiert, wie sich ihre Eltern einen kurzen, entsetzten Blick zuwarfen.

“Liebes Kind, Du weisst, dass….”

Xenia stand auf und ging zum Fenster hinüber und warf noch einmal einen langen Blick auf den See – als sie sich wieder zu ihren Eltern umdrehte, war sie völlig ruhig.

“Ich muss ihn heiraten, nicht wahr? Ich könnte gar nicht nein sagen, selbst wenn ich nicht wollte.”

Es war ihr Vater, der jetzt wieder das Wort ergriff:

“Nun, so will es das Gesetz – weisst Du, die Verheiratung einer Prinzessin hat grossen Einfluss auf das Königreich, und mit König X verbindet uns eine lange Freundschaft…”

Der König zögerte einen Moment, dann sprach er weiter:

“Ja, Du musst ihn heiraten, aber ich bin sicher, er wird Dir ein guter Ehemann sein – und Du ihm eine gute Frau.”

Dann stand er auf und verliess den Saal.

Xenias Mutter ging langsam zu ihrer Tochter herüber und legte schützend einen Arm um sie.

die Kammerjungfer – I



Am hinteren Seitenflügel des Schlosses öffnete sich mit leisem Quietschen eine kleine, klapprige Holztüre. Heraus trat ein blondes junges Mädchen, das seine Haare zum Schutz gegen den aufkommenden Wind in ein rotes Seidentuch gehüllt hatte. Sie war spät dran heute – die Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit ihrer Herrin mit einem jungen, schönen Prinzen hatte einigen Tumult unter dem knappen Dutzend Kammerjungfern ausgelöst, das für die standesgemässe Kleidung und das sonstige Wohlbefinden Prinzessin Xenias zuständig war, und deshalb war sie mit dem Einlegen der Wäsche etwas in Verzug geraten.

Es gab schon jetzt eine ganze Reihe haarsträubender, unbestätigter Gerüchte über die Sache: die Prinzessin wäre eigentlich jemand ganz anderem versprochen gewesen wäre, dieser wäre aber beim König in Ungnade gefallen und hätte heimlich bei Nacht und Nebel das Land verlassen müssen. Dann hatte jemand zu berichten gewusst, die Hochzeit wäre zwar geplant, aber schon längst wieder abgeblasen worden, weil Prinz Adrian, der Bräutigam, sich weigere, zur Vermählung anders als in einen alten Mehlsack gekleidet zu erscheinen; wieder ein anderer behauptete, der Prinz wäre in Wirklichkeit ein verwunschener Drache und würde Prinzessin Xenia direkt nach der Hochzeitsnacht verspeisen….natürlich stimmte nichts von alledem, und natürlich wusste das auch jeder – aber das blosse Ersinnen und Weitertragen dieser wilden Gerüchte und Spekulationen brachte hochwillkommene Abwechslung in das manchmal doch recht eintönige Hofleben.





(die Ankunft der Königin – I)



Sie hatte leicht Einlass gefunden, fast noch leichter, als sie erwartet hatte.

Den Weg von ihrer kleinen Holzhütte bis hin zum Schloss war sie tatsächlich zu Fuss gegangen. Es handelte sich dabei um eine Strecke, die einen gewöhnlichen Sterblichen mehrere Tage gekostet hätte – sie aber hatte längst nicht so lange dafür gebraucht. Von Zeit zu Zeit hatte sie längere Passagen einfach übersprungen, war in einen Wald hiningegangen und gleich darauf, nur einen Wimpernschlag später, auf der anderen Seite wieder erschienen. Im Grunde war die Entfernung für sie völlig unbedeutend – den Fussmarsch benötigte sie nur als Vorbereitung für ihre Rolle, zur Einstimmung auf das, was kommen würde. Er war Teil ihrer Verkleidung, so wie das ärmliche Kopftuch, die ausgetretenen Schuhe und der beschauliche Korb mit handgestrickten Hemdchen, Kräutermarmelade und Wachskerzen.

Als sie am Schloss angekommen war, hatten die Wachen sie anstandslos passieren lassen – niemand ahnte, welches Unglück da in Gestalt einer einfachen Bettelmagd Einzug ins Königreich hielt. Sie hatte leise und zaghaft ans Schlosstor geklopt, dem Blick demütig zu Boden gesenkt – und ein einfältiger, verschlafen dreinschauender Pförtner hatte ihr geöffnet.

Die Dinge hatten begonnen, ihren Lauf zu nehmen…



die Kammerjungfer – II



Die Kammerjungfer war mittlerweile am Rande des Schlossgeländes angelangt und bog jetzt auf eine mit grossen, hochgewachsenen Erlen gesäumte Allee, die hinunter zum Dorf führte, wo sie mit ihrer Mutter und zwei kleinen Geschwisterchen lebte. Der Wind war noch stärker aufgefrischt, genau wie sie es erwartet hatte – bei der stundenlangen Arbeit in der grossen, feuchten Waschküche des Schlosses waren ihre Haare nass und klamm geworden, und ohne das Kopftuch hätte sie sich mit Sicherheit erkältet. Sie hob den Kopf und beobachtete, wie der Wind mit den Blättern und Ästen der Bäume spielte, sie hin- und herwarf wie ein ungestümes Kind, das seinen Unwillen an einem wehrlosen Spielzeug ausliess. Plötzlich vermeinte sie, hinter sich eine leise Stimme zu hören, kaum mehr als ein Flüstern:

“Oh holde Junger, haltet ein….”

Sie wandte sich um, konnte aber nichts hinter sich entdecken als die menschenleere, verlassene Allee. Sie musste sich wohl verhört haben. Einen Moment später aber vernahm sie die Stimme wieder:

“Haltet ein, holde Jungfer….”

Dieses Mal blieb sie stehen – sie war sich jetzt sicher, etwas gehört zu haben. Sie drehte sich um und ging langsam einige Schritte des Weges zurück, den sie gekommen war. Sie sah aufmerksam nach links und rechts, konnte aber nichts entdecken. Schliesslich meinte sie, hinter einem der Bäume so etwas wie einen dunklen Schatten wahrzunehmen. Genau erkenne konnte sie aber nichts, da der Wind, der bisher von Hinten gekommen war, ihr jetzt direkt ins Gesicht blies und ihre Augen tränen liess.

“Haltet ein, und schaut, was für kostbare Schätze ich Euch feilbiete…”

Die Kammerjungfer war weiter auf den Schatten zugegangen, und konnte jetzt auch erkennen, worum es sich dabei handelte: eine altes, hutzeliges Weib war es, das dort hinter dem Baum stand und offensichtlich vor dem Wind Schutz suchte.

Die alte Frau trug ein fest geschnürtes Bündel auf dem Rücken, und in der Hand hielt sie ein kleines, hölzernes Kästchen, dass sie ihr jetzt mit auffordernder Geste entgegenstreckte.

“Die Salbe, die ich hier in meinem Kästchen trage, verleiht überirdische Schönheit demjenigen, der sie trägt – so er sie denn regelmässig anwendet…”

Die Kammerjungfer zögerte – die alte Frau sah verwahrlost und heruntergekommen aus, und der Blick, mit dem sie aus ihren alten, eingefallenen Augen zu ihr herauf sah, war ihr unheimlich.

“Kommt nur her, schöne Jungfer. Es ist gar nicht teuer…”

Unsicher machte sie zwei weitere Schritte auf den Baum zu, hinter dem das alte Weib wartete – sie sah einen klauenartig gekrümmten Zeigefinger, der sie jetzt immer nachdrücklicher herbeiwinkte.

“Gar nicht teuer….und wenn ihr gar plant, es zu verschenken, mein wunderbares Mittelchen, dann ist es sogar ganz umsonst…”

Sie war jetzt ganz nah herangekommen, und mit einem Male begriff sie, was an dem Blick der Frau so unheimlich war: sie konnte in diesem Gesicht überhaupt Augen erkennen – nur zwei dunkle, tiefliegende Höhlen, die ihr zugewandt waren.

“Verschenken – ich könnte vielleicht..” stammelte sie. Und gerade in diesem Moment entschied sie sich, das sie nichts auf der Welt mehr wollte als auf der Stelle von hier fort zu kommen, nur weg, und zwar schnell. Aber ihre Füsse gehorchten ihr nicht mehr, sie stand wie erstarrt.

“Meine Herrin, sie wird…”

Auf dem verwitterten Gesicht der Alten formte sich jetzt so etwas wie ein Lächeln, und die düsteren Augenhöhlen zogen sich zu engen Schlitzen zusammen.

“Sie wird sich vermählen, nicht wahr? So ist es gut. Gebt ihr nur von meiner Salbe, und…”

Sie drückte der vor Angst zitternden Kammerjunger das hölzerne Kästchen in die Hand.

“…und alles wird gut werden.”

Dann hob sie die Hand und machte Anstalten, der Kammerjungfer zärtlich über die Wange zu streichen. Dies war der Augenblick, in dem sich ihre Angststarre löste, und sie machte ein, zwei schnelle Schritte zurück. Sie sah das alte Weib langsam hinter dem Baum vorkommen und auf sie zugehen…gleichzeitig spürte sie, wie der Wind stärker wurde, ihre Augen tränten jetzt noch mehr als eben… eine heftige Windboe, die sie beinahe von den Füssen riss, dann war alles vorbei, die merkwürdige Alte war verschwunden.

Nachdenklich starrte sie auf das hölzerne Kästchen in ihrer Hand…und konnte zuerst nicht sagen, wie es in ihren Besitz gekommen war. Es war ein Geschenk, das wusste sie noch…ein Geschenk, für ihre Herrin. Langsam steckte sie das Kästchen in ihre Rocktasche und machte sich auf den Weg nach Hause.

Der Wind war jetzt schwächer gewesen, und als sie die kleine, ärmliche Hütte erreicht hatte, in der sie mit ihrer Familie wohnte, hatte er vollständig aufgehört.



(die Ankunft der Königin – II)



“Oh gütiger Herr, habt Mitleid mit einer armen, alten Frau. Ich habe mich den weiten Weg vom den Bergen her bis hier zum Schloss gequält, um Euch die bescheidene Ware feilzubieten, die ich an langen Wintertagen beim Schein des Kaminfeuers angefertigt habe.”

Der arglose Mann konnte ihr nicht viel Widerstand leisten – im selben Moment, in dem sie ihm in allerdemütigster, unterwürfiger Geste ihr kleines Köfferchen geöffnet hatte, hatte sie ihm eine kleine Prise eines ganz besonderen Pulvers in die Augen gestreut: der zerlumpte, mottenzerfressene Schal ihres Gewandes hatte sich von ihren Schultern gelöst, und sie hatte ihn sich notdürftig wieder über die Schulter geworfen – eine kleine, mitleidserweckende Geste, die ihre Wirkung noch nie verfehlt hatte.

Der Pförtner hatte sie, nachdem sie ihn mit einigen wenigen Zaubersprüchen vollends seines Willens beraubt hatte, ohne Umschweife direkt ins Gemach des Königs geführt – dabei hatte er auch sich selbst in grosse Gefahr gebracht, denn für einen einfachen Untertan wie ihn bedeutete es den Tod, ohne triftigen Grund in den Räumlichkeiten der Königsfamilie angetroffen zu werden.

Sie selbst nahm das nur am Rande war – zwar wäre sie, hätte man sie erwischt, selbstverständlich ebenfalls gefangen genommen und zum Tode verurteilt worden. Aber für sie wäre es ein leichtes Gewesen, sich aus den Kerkern des Schlosses zu befreien: ein weiteres Schwenken ihres Schals hätte genügt, und die Wärter hätten ihr ebenso willenlos gehorcht wie der arglose Pförtner, der gerade eben unverdrossen die Tür zum Schlafgemach des Königs öffnete.

Sie schaute sich kurz in dem prunkvollen Raum um, und als sie sah, dass niemand dort war, befahl sie ihrem Begleiter mit einem kurzen Kopfnicken, zu verschwinden. Dieser ging den Weg zur Schlosspforte wie in Trance zurück und nahm seinen Dienst wieder auf, als ob nichts gewesen wäre – am nächsten Tag hatte er keine Erinnerung mehr an den Vorfall.

Deshalb reagierte er auch völlig verständnislos, als die Schlosswache ihn am nächsten Tag abführte, ihn verhörte und wegen dem dringenden Verdacht, ein Spion im Dienst des Feindes zu sein, in den Kerker warf – ein Kammerdiener wusste sicher zu berichten, dass er ihn am Vortag im Korridor vor dem Königlichen Schlafgemach gesehen habe.

Als der ehemalige Pförtner nach zwei Wochen Gefangenschaft bei Wasser und Brot noch immer keinerlei Erinnerung an den Vorfall zeigte, glaubte man ihm schliesslich und liess ihn gehen. Er wurde aus dem Schlossdienst entlassen und kam nach langer Wanderung bei einem weit entfernt wohnenden Bauer als Stallknecht unter – er hatte Glück gehabt.



die junge Braut – I



Der Ablauf war derselbe wie an jedem Morgen, aber aus irgendeinem Grunde genoss Prinzessin Xenia das Aufstehen heute ganz besonders. Gleich nach dem Aufwachen war sie von ihren beiden engsten, allerpersönlichsten Kammerjungfern ins Badezimmer geführt worden. Dort hatte sie sich in die auf wuchtigen Elfenbeinfüssen ruhende königliche Wanne begeben und ein langes, intensives Bad genommen. Man hatte ihr die Füsse massiert und eine pflegende Kräutermischung in ihr langes, rotblondes Haar gerieben, danach hatten die beiden Mädchen sich entfernt und sie für einen Augenblick alleine gelassen.

Das Bad war ganz bewusst so angelegt worden, dass es in den frühen Morgenstunden genau im Sonnenlicht lag. Prinzessin Xenia schloss die Augen, legte ihren Kopf auf das kleine rote Samtkissen, dass extra zu diesem Zweck angebracht war, und genoss die Wärme der Morgensonne hinter ihren Lidern. Wie schon während der gesamten letzten Woche ging ihr die bevorstehende Hochzeit nicht aus dem Kopf, und wieder fiel ihr das Bild von Prinz Adrian ein, das ihre Mutter ihr gezeigt hatte. Sie dachte an ihre Kammerjungfern und das verschwörerische Lächeln, dass sie in letzter Zeit in ihrer Gegenwart aufsetzten, und musste lächeln – seitdem offiziell verkündet worden war, dass sie heiraten würde, kannten ihre Kammerjungfern kein anderes Thema als den jungen Prinzen. Wo er herkam, wie alt er war, ob er schon einmal gegen einen Drachen gekämpft hatte, und, nicht zuletzt, natürlich, wie er aussah. Zwar verstummten Gespräche dieser Art immer in der selben Sekunde, in der sie oder ein anderes Mitglied der Königlichen Familie den Raum betraten, aber dennoch war es überdeutlich: die jungen Mädchen waren neidisch, viel mehr noch als sie früher wegen ihrer hübschen Kleider, ihrem Spielzeug oder ihrem angenehmen, schönen Leben neidisch gewesen waren.

Was sie wohl sagen würden, wenn sie den Prinz leibhaftig zu Gesicht bekamen? Denn, ihre Mutter hatte vollkommen Recht gehabt: Prinz Adrian war alles andere als hässlich, genau genommen war er sogar, so hatte Xenia es sich nach ein paar Tagen, während denen sie sich vergeblich darum bemüht hatte, zerknirscht und beleidigt zu sein, eingestehen müssen, der hübscheste junge Mann, den sie jemals gesehen hatte…



Kurze Zeit später riss ein Klopfen an der Türe sie aus ihren Tagträumen – die Kammerjungfern traten herein, um ihr die Kräuter aus den Haaren zu waschen und sie anzukleiden.







(die Hochzeitsnacht – I)



Musik und Tanz waren verstummt, man hatte die Gäste der Reihe nach verabschiedet und aus dem Schloss hinaus geleitet. In kleiner Runde hatte man dann ein letztes Glas Wein getrunken, hatte die Feier ruhig und angemessen ausklingen lassen, solange, bis sich auch die engsten Vertrauten und Freunde schliesslich zurückgezogen hatten. Und während alledem hatte eine zunehmende Unruhe von König Johann Besitz ergriffen…

Man hatte die üblichen Scherze gemacht – während des offiziellen Teils des Abends natürlich leise und hinter vorgehaltener Hand, im Bewusstsein des gesellschaftlichen Standes des Paars entsprechend – es handelte sich schliesslich um die Hochzeit des Königs. Später dann, als die Runde kleiner und vertrauter geworden war, als der Wein seine Wirkung zu zeigen begann, immer deutlicher – für den König und seine Braut war es an der Zeit, sich zur Hochzeitsnacht zurückziehen.

König Johann stand alleine mit seiner Frau im grossen Thronsaal. Die meisten der an den Kronleuchtern und auf den Fensterbänken angebrachten Kerzen waren verloschen, und die wenigen, die noch brannten, verbreiteten ein verhaltenes, dämmriges Licht.

Wie jedesmal, wenn er mit ihr alleine war, spürte er eine seltsame Mischung aus Anziehung, Bewunderung und einer unbestimmten Sehnsucht – Sehnsucht nach einer Frau, die er eigentlich immer noch kaum kannte, und die er heute geheiratet und damit zur Königin gemacht hatte.

“Mein Schatz, hat Dir die Feier gefallen? Das Büffet war grossartig, der Koch hat alle Register seiner Kunst gezogen, und der Wein gehörte zu den Besten seines Jahrgangs…”

An manchen Tagen fand er, dass ein unbestimmbarer Ausdruck in ihren blau-grauen Augen lag – dieser Ausdruck löste ein Gefühl in ihm aus, dass er, wenn er es sich eingestanden hätte, wohl als Angst bezeichnet hätte. Es war noch nicht einmal zwei Monate her, dass sie in sein Leben getreten war – eine reiche Adlige, über deren Herkunft immer noch der Schleier der Ungewissheit lag. Sie hatten sich auf einem rauschenden Ball kennengelernt, den der König wegen….wenn er es recht bedachte, hatte er keinerlei Erinnerung an den genauen Anlass des Balls – er wusste nur, dass die schöne Unbekannte ihn am späteren Teil des Abends, zum Tanze aufgefordert hatte; ein höchst unkonventionelles Vorgehen, widersprach es doch deutlich dem Protokoll – auch das wurde ihm jetzt klar. Er erinnerte sich daran, wie es gewesen war, sie zum ersten Mal in seinen Armen zu halten, und daran, wie er im gleichen Moment beschlossen hatte, sie niemals wieder loszulassen.



die junge Braut – II



Frisch gebadet und in ihren eleganten, schneeglöckchengelben Morgenmantel gehüllt sass Prinzessin Xenia in ihrem Schlafgemach vor ihrem grossen Spiegel und liess sich von ihren Kammerjungfern das lange, rotblonde Haar kämmen. In ihren Gedanken war sie immer noch bei dem Prinzen, und plötzlich fragte sie sich, was dieser wohl über die bevorstehende Hochzeit dachte – ob er auch ein Bild von ihr erhalten hatte? Ob es ihm wohl gefallen hatte…?

Sie drehte ihr Gesicht so, dass die Morgensonne genau auf ihr schön geschnittenes Profil traf.

“Einen klitzekleinen Moment noch, Prinzessin!”

Die Zofe, die gerade damit beschäftigt war, Xenias Haar zu einem grossen, Dutt zusammenzustecken, versuchte vergeblich, das, was von ihren Bemühungen noch übrig war, zu retten.

“Oh, verzeiht! Ich bin so unruhig heute Morgen…”

Prinzessin Xenia hatte jetzt wieder gehorsam das Kinn auf die Schulter gelegt, und die Kammerzofer konnte den Dutt mit einem fein geflochtenen, dunkelgrünen Haarband festschnüren.

“Aber ist das denn nicht normal?”

Eine weitere Kammerzofe trat heran – ein junges Ding mit blonden Haaren. Es war dasselbe Mädchen, das einen Tag zuvor auf dem Heimweg einer geheimnisvollen Fremden begegnet war. Bis eben war sie damit beschäftigt gewesen, das Bett der Prinzessin aufzuschütteln und es mit einer hellblauen Tagesdecke zuzudecken.

“Schliesslich werdet ihr in wenigen Tagen heiraten!”

“Und kennt Euren zuküntigen Gatten nicht einmal…”

Wieder meinte Xenia, dieses merwürdige Lächeln auf ihren Gesichtern zu sehen – aber jetzt gerade begann ihr dieses Lächeln auf einmal sehr angenehm zu werden.

“Ja. Und er mich nicht. Was, wenn ich ihm nicht gefalle…?”

Sie sah nochmals in den Spiegel, und fand sich plötzlich blass und unscheinbar.

“Meine Wangen…”

“Herrin, ihr seid schön wie der junge Tag! Wenn der Prinz Euch nicht mag, dann kann keine Frau der Welt es ihm recht machen!”

“Und wenn dem nun so ist? Ausserdem, schaut mich an – wie bleich ich im Gesicht bin…ob ich vielleicht krank werde?”

“Nein.”

“Nein?”

“Nein, meine Prinzessin! Ein blühender Rosengarten könnte nicht schöner sein als ihr!”

“Und wenn der Prinz nun Rosengärten nicht mag?”

“So gleicht ihr eben einer zarten Schneelandschaft!”

Die Prinzessin sich auf ihrem Stuhl um, sah ihre beiden Dienerinnen verdutzt in die Augen, und auf einmal brachen alle drei in wildes Gelächter aus.

“Halt, wartet!” rief da die jüngere der beiden Kammerzofen aus, diejenige, die eben noch das Bett gerichtet hatte.

“Gerade gestern kam ein wundersames Schönheitsmittelchen in meinen Besitz, ich erhielt es…bekam es geschenkt von einer guten Freundin.”

Sie sprang auf, griff in ihre Rocktasche und hielt der Prinzessin das kleine Holzkästchen hin, dass sie seit gestern dort aufbewahrte: zu dem einzigen Zweck, es in einem passenden Moment der ahnungslosen Xenia unterzuschieben – allerdings war ihr selbst nichts von alledem bewusst.

“Hier, meine Prinzessin, wenn ihr diese Salbe vor jedem Schlafengehen auf Eure Haut reibt, wird der Prinz gar nicht anders können, als sich sofort unsterblich in Euch zu verlieben!”

Xenia betrachtete neugierig das kleine Kästchen, dass die jüngste ihrer Kammerzofen ihr jetzt mit vor Begeisterung leuchtenden Augen in den Schoss gelegt hatte. Aber es war nicht nur Neugierde, was sie fühlte – eine innere Stimme warnte sie davor, dieses Kästchen anzufassen: ein unguter, böser Pfand, der ihr nichts als Elend und Verderben bringen würde. Sie zögerte.

“Ha, willst Du damit sagen, unsere Herrin sei nicht schon von selbst schön genug, um das Herz eines jeden Mannes zu erweichen? Unverschämtes Jungvolk…”

Die alte Kammerzofe nahm ein Kissen aus der Ecke und drohte damit, es auf ihre junge Kollegin zu werden – und damit war der Bann gebrochen.

“Aber selbstverständlich – kein Mann kann einer jungen, schönen Prinzessin widerstehen…aber schaden kann es dennoch nicht, oder?”

Xenia nahm das Holzkästchen in die Hand, öffnete es und steckte neugierig ihre Nase hinein – es roch unschuldig und süss wie ein Rosengarten.

“Ich danke Euch, meine liebe Freundin. Ich werde dem Koch sagen, dass er Euch beiden heute eine besonders grosses Stück Brot zustecken soll. Und nun trollt Euch fort, mein Vater und meine Mutter erwarten mich im Speisesaal zum Frühstück.”



die junge Braut – III



Am Abend, als sie schon fertig zur Nacht gekleidet in ihrem Bett lag, fiel Xenia die geheimnisvolle Salbe wieder ein, die ihre jüngste Zofe ihr am Morgen geschenkt hatte. Ob sie ihr wirklich helfen würde, die Gunst des Prinzen zu erringen?

Ein Schimmer goldenen Mondlichts fiel durch das Fenster ihres Schlafgemachs auf das kleine Holzkästchen. Es stand noch an der gleichen Stelle, an der sie es heute Morgen abgestellt hatte, sein Schatten zeichnete sich deutlich an der fahlen Wand ab. Der liebliche Rosenduft, der sie so betört hatte, stieg ihr wieder in die Nase; sie schlug die Bettdecke zurück und begann, aus dem Bett zu steigen.

Mit einem Male aber war da wieder dieses unerklärliche Gefühl, diese innere Stimme, die ihr sagte, dass von dem kleinen Kästchen eine grosse Gefahr ausging….

Sie war auf halber Strecke des Weges, als sie plötzlich stehen blieb. Eine ganze zeitlang verharrte sie unbeweglich in der Mitte des Zimmers – dann begann sie, sich steif und mechanisch weiter auf das Kästchen zuzubewegen. Sie öffnete es, fasste hinein und bestrich sich langsam Stirn und Wangen mit der duftenden Salbe. Sie schloss das Kästchen wieder, ging zurück zu ihrem Bett und legte sich hinein.

Sie nahm sich nicht die Zeit, es sich bequem zu machen und sich wieder mit der warmen Bettdecke zuzudecken – sobald ihr Kopf die Kissen berührt hatte, schlossen sich ihre Augen, und sie fiel in einen tiefen, todesähnlichen Schlaf.





(die Hochzeitsnacht – II)



Sie hatten die Vorhänge des Schlafgemachs zugezogen, ein kleiner Kerzenleuchter spendete unstehtes, flackerndes Licht – es waren nur Schatten, die sie beide voneinander sahen. Der König und seine Frau lagen einander in den Armen – einen kurzen Moment lang musste er an die verstorbene Königin denken – zum ersten Mal an diesem Abend, wie ihm auffiel.

“Liebling…”

Er spürte ihre Hände auf seinem Körper, spürte, wie sie an seinem Rücken, seinen Hüften entlangglitten -langsam entledigten sie sich ihrer Kleider. Der weiche, wohlriechende Körper seiner Frau begann, ihn zu umschliessen.

Eine merkwürdige Erinnerung kam ihm – er war noch ein kleiner Junge gewesen, und es war ihm gelungen, für einen kurzen Moment seinen Dienern zun entwischen. Es hatte stark geregnet, ein düsterer, nebliger Herbsttag, und er war wahllos in der Strassen und Gassen der Stadt hineingerannt.

Hinter einer unzugänglichen, verwinkelten Häuserzeile hatte er einen kleinen Schuppen gefunden, er war hineingelaufen um sich vor dem immer stärker werdenden Regen zu schützen. Nachdem er sich das nasse Haar aus dem Gesicht gestrichen hatte, hatte er sich umgesehen, und sein Herz war stehengeblieben: direkt vor ihm hockte ein riesiger, schwarzer Wolfshund – eben, als er atemlos und halb blind vom Regen in den Schuppen hineingelaufen war, hatte er ihn nicht bemerkt, und jetzt versperrte er ihm mit bösem Knurren den Weg.

Der Körper seiner Frau umschloss ihn, mit einem Male empfand er ihre Umarmung als gewaltsam und fesselnd.

Er hatte damals lange in dem Schuppen gestanden, hatte mit mit klopfendem Herzen und steif vor Angst in die Augen des knurrenden Hundes gesehen und verzweifelt überlegt, was er tun sollte.

Irgendetwas stimmte nicht – der Köper seiner Frau war nicht mehr weich und angenehm – die Haut, die er unter seinen Händen spürte, war ledrig und kalt. Er versuchte, den Kopf zu drehen, aber eine unsichbare Kraft schien ihn festzuhalten.

Damals hatte er nicht gewusst, wovor er mehr Angst haben sollte: vor dem Hund, der ihm den Weg nach draussen versperrte und drohte, ihn bei der geringsten Bewegung zu zerfleischen, oder vor den Wachen, die ihn jetzt mit Sicherheit bereits suchten und der Tracht Prügel seines Vaters, die ihn erwarten würde, wenn sie ihm von seinem Ausriss erzählten.

Er versuchte jetzt mit aller Kraft, sich zu bewegen, versuchte, aus sich aus einer Umarmung zu befreien, die diese Bezeichnung schon längst nicht mehr verdiente. Es war zu dunkel, um etwas anderes erkennen zu können als dunkle Schatten- trotzdem meinte er, dass das, was da unter ihm lag, sich verändert hatte – ein riesenhafter, verkrümmter Leib, der keine Ähnlichkeit mit dem Körper einer Frau mehr hatte.

Irgendetwas fasste nach seinem Kopf, umschloss ihn und drückte langsam zu.

Damals waren nach einiger Zeit die Wachen gekommen, hatten den Hund mit ein paar Fusstritten vertrieben und ihn zurück nach Hause gebracht, wo ihn sein Vater zwar wütend, aber letztlich auch erleichtert erwartete – die Strafe war milde ausgefallen.

Diesmal kam niemand, um ihn zu befreien. Als die Umklammerung des bösartigen Wesens, dem er so leicht und ahnungslos in die Falle gegangen war, noch stärker wurde, schwanden dem König langsam die Sinne. Für einen kleinen Moment, kurz bevor sein Geist sich für lange, lange Zeit von der Wirklichkeit verabschiedete, lüftete sich der Vorhang, den das Wesen über sein Gedächtnis gelegt hatte. Er erinnerte sich an alles, und ein nie gekanntes Entsetzen erfüllte sein Herz. Dann war nichts mehr.

Xenias erster Traum



Das Dunkel, in das Prinzessin Xenia gefallen war, umschloss ihren Geist nicht vollständig. Zuerst war es nur ein ungeordnetes Durcheinander von fahlen Schatten, das vor ihrem inneren Auge enstand – gerade genug, um ihr zu vergewissern, das sie noch am Leben war. Dann aber begannen sich festere Formen herauszubilden, ein düsteres Farbenspiel entstand, verdichtete sich und wurde zu etwas, das sie langsam und unerbittlich in sich hineinsog.



Xenia befand sich in einem dunklen, staubigen Verlies, dessen Wände aus rohem Stein gehauen zu sein schienen. Licht drang nur von einer Seite her in den Raum – die Wand an dieser Seite war anders beschaffen als die übrigen, sie war glatt und kalt und schien irgendwie durchlässig zu sein – aber Xenia konnte nicht erkennen, was dahinter lag. Sie ging ein paar Schritte nach vorne, um herauszufinden, wo sie sich befand, als sie plötzlich von einem dunklen, glitschigen Etwas am Kopf gestreift wurde. Sie erschrak und stiess einen Schrei aus – eine Fledermaus war eben haarscharf an ihr vorbeigefahren, eine ziemlich grosse sogar.

Xenia blieb einen Moment stehen und wartete, bis ihr wild klopfendes Herz sich wieder beruhigt hatte, dann ging sie weiter. Mittlerweile hatten ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt, und sie konnte ihre Umgebung besser erkennen. Der Boden war mit Schmutz und handgrossen Steinen bedeckt, und an den Wänden und Decken konnte sie jetzt noch weitere Fledermäuse entdecken – sie hingen dort, mit dem Kopf nach unten, und schliefen.

Sie hatte das Ende der kleinen Höhle beinahe erreicht, als sie auf einmal glaubte, in hintersten Winkel ein dunkles Etwas am Boden liegen zu sehen. Vorsichtig, ganz langsam, begann sie auf den verkrümmten Schatten zuzugehen, als dieser plötzlich anfing, sich zu bewegen. Er erhob sich, richtete sich auf und schleppte sich langsam in Richtung der Wand, aus der das wenige Licht zu kommen schien, das in das Verlies eindrang. Xenia wollte sich zuerst umdrehen und davonlaufen, aber dann, einem plötzlichen inneren Drang folgend, ging sie dem unheimlichen Schatten nach.

Dieser hatte inzwischen die Höhlenwand erreicht. Xenia erkannte die gebückte Gestalt eines jungen Mannes, der beide Hände gegen die Steinwand presste, als wolle er sie mit Gewalt zur Seite drücken. Zur gleichen Zeit begann diese, sich zu verändern – sie wurde durchsichtig wie Fensterglas, und Prinzessin Xenia sah in ein reich und prunkvoll ausgestattetes Schlafgemach, an dem purpurne Vorhänge über ein Himmelbett aus dunkelblauen Samt gespannt waren. Abgesehen von der edlen Einrichtung war das Zimmer leer.

Urplötzlich stiess die Gestalt vor ihr einen langen, markerschütternden Schrei aus. Xenia sah in ein Paar stumpfer, eingefallener Augen – dann erwachte sie.





II. Teil

Prinz und Prinzessin – I



Ging man von der grossen Treppe, die vom Thronsaal hinunter in den Schlosspark führte, weiter in Richtung der Stallungen und Pferdekoffeln, so traf man nach kurzer Zeit auf einen kleinen, blumenumrankten Torbogen, der in einen beschaulichen, kleinen Park führte. Dieser Park diente einzig und allein der Erbauung und Erholung der Königsfamilie – für jeden anderen Schlossbewohner war es unter Androhung der Todesstrafe verboten, sich dort aufzuhalten. Eine Ausnahme wurde allein für den obersten Hofgärtner gemacht, der diesen Garten persönlich pflegte. Während der letzten Tage hatte er ohne Unterlass gearbeitet, und jetzt erstrahlte der Garten in einer nie gekannten Schönheit.

Prinz Adrian und Prinzessin Xenia schlenderten langsam den schmalen Kiesweg entlang. Die wenigen Wolken, die am Vormittag noch am Himmel gestanden hatten, waren verschwunden, und jetzt brach sich das helle Sonnenlicht in dem guten Dutzend Springbrunnen, die umsäumt von Rosensträuchen am Wegesrand standen und eifrig sprudelten. Hier und da sah man einen kleinen Regenbogen, der für kurze Zeit in dem hoch aufspritzende Wasser entstand und dann schnell wieder in sich zusammenbrach.

“Ich hoffe, unser Schlossgarten gefällt Euch, liebste Xenia. Ihr müsst müde sein, nach den Strapazen der langen Reise…”

Prinzessin Xenia war am Vormittag mit einer grossen Kutsche, einer Dienerin und viel Gepäck im Schloss angekommen. Sie hatte das Mittagessen zusammen mit König Johann, der Königin sowie Prinz Adrian eingenommen, und am nächsten Abend wollte man einen kleinen, vertraulichen Ball veranstalten, um die Prinzessin den engsten Freunden und Vertrauten des Königs bekannt zu machen. Man hatte ihr ein luxuriös ausgetattetes Schlafgemach im Flügel der Königsfamilie zur Verfügung gestellt, und bis zum Abend hatte sie jetzt Zeit, sich dort einzurichten und sich auszuruhen. Vorher aber hatte Prinz Adrian sie zu diesem kleinen Spaziergang eingeladen.

“Er ist wunderschön hier…”

Sie blieb stehen und sah den jungen Prinzen an. Es hatte einen Moment gedauert, bis er es gewagt hatte, das Wort an sie zu richten. Während dieser Zeit waren sie schweigend nebeneinander hergegangen, und Xenia war froh, zu merken, dass sich die beidseitige anfängliche Unsicherheit langsam legte.

“Ich danke Euch sehr für die Einladung. Meine Reise hierher war ganz und gar nicht anstrengend. Die meiste Zeit habe ich geschlafen, und während den letzten Meilen habe ich einen guten Teil des Reiches Eures Vaters anschauen können. Es ist ein schönes Land, voller blühender Felder und…netter, zuvorkommender Menschen.”

Es entsprach nicht ganz der Wahrheit, was sie da sagte. Sie wollte den Prinzen nicht verärgern oder enttäuschen, und sie war in der Tat dankbar für die Einladung, aber die Reise hierhin war die Hölle gewesen. Zuerst…



Xenias Anreise – I



…zuerst hatte jeder gedacht, dass die junge Prinzessin einfach gestorben wäre. Am Morgen, nachdem ihre jüngste Kammerzofe ihr ein höchst zweifelhaftes Geschenk gemacht hatte (woran sich weder sie noch irgend jemand anderes am nächsten Tag noch erinnern konnte), war Xenia nicht mehr aufgewacht – sie lag totenbleich in ihrem Bett und ihr Herz schlug nur noch langsam und unregelmässig. Sämtliche Ärzte des Königs waren machtlos, man hatte es zuerst einfach mit kaltem Wasser versucht, dann mit verschiedenen Salben und Kräuterbinden. Schliesslich hatten der König und die Königin vor ihrem Bett gekniet und gebetet, sie möge die Augen auftuen, aber nichts hatte geholfen.

Dann schliesslich, nach drei Tagen und drei Nächten, war Xenia langsam wieder erwacht, zu einer Zeit, als kaum noch jemand an ihr Überleben geglaubt hatte. Sie hatte am Morgen des vierten Tages die Augen aufgeschlagen und mit dünner, aber klarer Stimme nach einem Glas Wasser verlangt.

Niemand vermochte zu sagen, was ihr eigentlich gefehlt hatte, am allerwenigsten sie selber – nur an ihrem Traum konnte sie sich erinnern, aber irgendetwas sagte ihr, dass es besser wäre, über diesen Traum mit niemandem zu Reden. Es war nur ein Gefühl, aber sie glaubte, dass hinter dem, was sie in dem dunklen Verlies gesehen hatte, mehr steckte als eine blosse Fieberfantasie.

Ebenso schnell, wie sie krank geworden war, erholte sich Xenia auch wieder, und nachdem sie sich eine Woche Zeit genommen hatte, sich mit gesundem Essen und vielen Spaziergängen an der frischen Luft zu erholen, fühlte sie sich wieder stark genug, um die Reise zum Reich König Johanns und zu Prinz Adrian anzutreten.

Mit ihr würden nur der Kutscher und ihre älteste Dienstmagd reisen – alles andere wäre unhöflich und ein Affront gegenüber ihrem zukünftigen Gemahl gewesen. Xenia verabschiedete sich von ihren Eltern, die sie erst in einigen Wochen wiedersehen würde, dann, wenn sie verheiratet war und sie sie gemeinsam mit Prinz Adrian besuchen würde, um ihre übrigen Habseligkeiten und Dienerinnen mitzunehmen und dann vollständig ins Schloss König Johanns zu ziehen.



Ob es der Kutscher war, der einen schlechten Tag hatte, oder ob das Kartenmaterial unvollständig war, oder ob einfach der tagelange Regen Schuld daran war – jedenfalls verschlammte der zuerst breite, gut ausgebaute Weg schon wenige Meilen nach ihrer Abfahrt so sehr, dass die beiden Pferde, die die Kutsche ziehen sollten, nicht mehr weiterkamen – so sehr sie sich auch in die Riemen legten, sie brachten die Kutsche, die mittlerweile fast einen ganzen Fuss tief im Schlamm eingesunken war, keinen Milimeter mehr von der Stelle. Was sollte man tun? Es gab nur eine Möglichkeit: die Prinzessin musste ganz unstandesgemäss mit ihrer Dienstmagd aussteigen, um dadurch das Gewicht der Kutsche zu reduzieren – als auch das nicht half, beschloss der Kutscher, die Kutsche von ihrem Gepäck zu befreien, dass er abladen und Stück für Stück zu Pferd soweit tragen würde, bis der Weg wieder fester und gut befahrbar wurde. Die Dienstmagd wurde damit beauftragt, leichtere Gepächstücke mit auf ihren Rücken zu laden und so dabei mitzuhelfen, die leidige Sache möglichst schnell hinter sich zu bringen.

Währrenddessen blieb für Prinzessin Xenia nichts anderes übrig, als in ihrer Kutsche zu sitzen und zu warten.

Gerade, als ihre beiden Begleiter sich zum erstenmal entfernt hatten, meinte sie ein merkwürdiges Rauschen in den Baumwipfeln um sich herum zu hören. Sie schaute nach draussen, aber ihr fiel nicht ungewöhnliches auf.

Wieder ein Rauschen, diesmal aber direkt ihrer Nähe. Zudem spürte sie, dass die Kutsche leicht erbebte.

Sie steckte den Kopf zum Fenster heraus, aber ausser dem leichten Regen, der sie schon den ganzen Tag lang begleitet hatte, konnte sie nichts entdecken, was die Ursache sein könnte für…gerade, als sie sich besonders weit aus dem Fenster herausgebeugt hatte, um nach vorn auf den Kutschbock schauen zu können, wurde die gesamte Kutsche von einem heftigen Schlag getroffen, der die Türen gegen die Rahmen schlagen liess und Xenia beinahe nach draussen in den Schlamm geworfen hätte. Erschreckt zog sie den Kopf wieder zurück, um das Gleichgewicht zu halten, als sie von einem weiteren Schlag getroffen wurde, nicht weniger heftig als der erste. Sie stiess zuerst mit dem Kopf gegen die Decke ihrer Kabine und wurde dann hart und unsanft in ihren Sitz zurückgeworfen.

“Ist dort jemand?” rief sie. Sie drehte sich nach hinten, um durch das hintere Fenster schauen zu können, um herauszufinden, ob vielleicht dort jemand…ein weiterer Schlag, und direkt noch einer. Der Platz hinter der Kutsche war leer, soviel konnte Xenia gerade noch erkennen, bevor sie von ihrem Sitz geschleudert wurde und hart auf den Kutschenboden prallte. Die Stösse kamen jetzt schnell und regelmässig, sie waren noch härter geworden, und allmählich hörte man im Holz der Kutsche erste Knackgeräusche, die ahnen liessen, dass es dieser hohen Belastung nicht mehr lange standhalten würde. Xenia begann laut um Hilfe zu rufen, während die Stösse und das Knacken im Holz immer schneller und heftiger kamen.

Prinz und Prinzessin – II



“…und heute Morgen sind wir dann in aller Frühe aufgebrochen und haben den letzten Teil des Weges bis hierher zurückgelegt. Und Ihr? Habt ihr jemals eine längere Reise hinter Euch gebracht?”

Prinz Adrian brauchte zuerst ein wenig Zeit, um zu bemerken, das Xenia die Schilderung ihrer Anreise beendet hatte und ihm eine Frage gestellt hatte. Während ihrer letzten Worte war er mehr und mehr in seinen Gedanken versunken und hatte Xenia angeschaut, war überwältigt von ihrer Schönheit gewesen. Diese Schönheit übertraf noch bei weitem das, was man ihm berichtet hatte, und was auf der kleinen Portraitzeichnung, die er von ihr besass, zu sehen war.

“…Hallo? Werter Prinz, seit ihr vielleicht derjenige, der müde ist, und der vor dem morgigen Ball noch dringend eine Mütze voll Schlaf benötigt?”

Prinzessin Xenia lachte, und das brachte ihn endgültig in die Wirklichkeit zurück.

“Nein, gar nicht. Ich war nur gerade – etwas abwesend. Ich musste an eine Jagdgesellschaft denken, an der ich vor einiger Zeit teilgenommen habe – ihr fragtet nach einer längeren Reise, und der Weg, den diese Gesellschaft zurückgelegt hat, ging weit über die Grenzen unseres Landes hinaus. Seht ihr, wir waren auf die Spur eines grossen Braunbären gestossen, und…”

Prinz Adrian nahm Xenia bei der Hand, und während sie gemeinsam den schmalen Kiesweg entlanggingen, berichtete er ihr in allen Einzelheiten von der wilden Jagd auf den Braunbären, wie sie ihn über mehrere Königreiche hinweg verfolgt, schliesslich in einem unzugänglichen Gebirge gestellt hatten, und wie er, Prinz Adrian, ihn endlich mit einem wohlgezielten Schuss seines Bogens erlegt hatte.

Währenddessen warf er immer wieder kleine Seitenblicke auf Xenias Profil, sah, wie sie bei der einen oder anderen erheiternden Begebenheit ein Kichern unterdrücken musste, und auch, wie sie im letzten Teil der Erzählung, in der die Jagd zunehmend wagemutiger und gefährlicher geworden war, immer öfter bewundernd zu ihm aufschaute.

Als sie am Ende der Erzählung stehenblieb und zu ihm aufschaute, meinte er sogar, ein leichtes Erröten in ihrem wunderschönen Gesicht zu sehen.

“Wisst ihr – ich glaube, ich bin nicht so mutig wie ihr. Als ich noch ein kleines Mädchen war, bin ich regelmässig davongelaufen, wenn sich eine Maus oder eine grosse Spinne in mein Schlafgemach verirrt hatte. Dann bin ich zu meinem Vater gelaufen, und der hat einen Diener gerufen, der das arme Tier dann entfernen musste.”

Sie musste lachen und schaute einen Augenblick lang nach unten auf ihre Füsse. Dann kam ihr eine Idee:

“Aber als Kind bin ich auch auf die Jagd gegangen, sehr oft sogar! ”

Sie machte eine Pause, um Prinz Adrians Reaktion abzuwarten, dann sagte sie:

“Zuhause, in unserem Schlosspark. Ich habe Schmetterlinge gejagt! Wisst ihr, wenn sie sich auf eine Blüte gesetzt haben, um den Nektar zu trinken, falten sie manchmal ihre Flügel zusammen. Man kann sie dann ganz leicht mit zwei Fingern anfassen und mit sich fortnehmen,”

Prinz Adrian schaute ihr in die Augen und hatte ein merkwürdiges im Bauch. Eine zeitlang standen sie beide so da, sahen sich an, und keiner sagte ein Wort.

“Los, lasst uns jetzt einen Schmetterling fangen gehen! Die vielenRosensträuche hier sind voll von ihnen!”

Xenia nahm ihn bei der Hand und zog ihn ungeduldig mit sich fort.

Prinz Adrian hatte immer noch dieses merkwürdige Gefühl in seinem Bauch. Während er Xenia in Richtung der nächsten Rosensträuche folgte, wurde es stärker, es veränderte sich, wurde beissend und unangenehm. Sein Magen krampfte sich zusammen, und die Welt um ihn herum wurde grau. Ihm blieb gerade noch Zeit für einen letzten, verzweifelten Gedanken – nicht jetzt, bitte nicht gerade jetzt – dann begann sich das vertraut-verhasste Gewicht auf seine Schultern zu legen und er sank in sich zusammen – der Schmerz war diesmal noch unerträglicher als sonst. Er verlor das Bewusstsein, schnell und brutal wurde er aus der Idylle herausgerissen, die ihn und die Prinzessin bis gerade umgeben hatte – als er wieder zu sich kam, lag er ausgestreckt auf dem staubigen Boden seines Verlieses und starrte in die roten Augen einer riesigen, monströsen Fledermaus.



(die Wäschemagd– I)



An manchen Tagen geschah es immer noch, dass sie morgens aufwachte – aufwachte aus dem schwarzen Nichts, in das dieses Wesen eintauchte, wenn es das tat, was gewöhnliche Sterbliche als schlafen bezeichnen würden – und sich darüber wunderte, wie einfach alles gewesen war. Denn wenn ihm auch die meisten menschlichen Gefühle vollkommen fremd waren, so kannte es doch ein Gefühl sehr gut: Angst. Angst, irgendwann keinen Menschen mehr zu finden, an dem es sich nähren und dessen Lebensenergie es aussaugen konnte, wie sie es jetzt mit dem König tat (der König zeigte zwar bereits einige Anzeichen von Schwäche und vorzeitiger Alterung, würde aber, wenn sie weiter vorsichtig blieb, noch etliche Jahre durchhalten). Angst auch, das Ansehen bei den Menschen zu verlieren – denn auch daraus schöpfte es Lebensenergie, wenn auch auf eine abstrakte, weniger fassbare Weise als in den Nächten, die es in enger Umarmung mit seinen Opfern verbrachte und an die diese sich – wie an soviele andere Dinge – gnädigerweise nicht erinnern konnten. Aber vor Allem: Angst, entdeckt zu werden. Angst davor, dass jemand – irgendjemand – seine sorgfältig gespielte Rolle durchschauen könnte und ihm…es gelang ihm nie, über diesen Punkt hinauszudenken, denn es konnte sich beim besten nicht vorstellen, wer oder was ihm gefährlich werden könnte, auf welche Weise auch immer.

Aber dennoch blieb diese nagende Angst – und wehe jedem, der es wagte, auch nur die leiseste Anstalt zu machen, hinter seine Maske zu schauen…

Xenias Anreise – II



Sie wusste nicht, wie lange sie geschrien hatte, aber es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie schliesslich die Stimme ihres Kutschers hörte, der von seinem ersten Transport zurückgekehrt war und jetzt auf die Kutsche zueilte, um nach dem Befinden seiner Herrin zu sehen.

Im gleichen Moment hörten die wilden Stösse und Schläge auf, so abrupt, als wären sie nie dagewesen. Xenia stand vom Boden der Kutsche auf, rieb sich ihren schmerzenden Körper, und…sie versuchte, dem Kutscher und der kurz darauf eintreffenden Dienstmagd zu erklären, was vorgefallen war, aber sie kam sich dumm und albern dabei vor – irgendein Tier, dass sich wohl an der Kutsche gerieben habe…eine verzogene kleine Prinzessin, die Angst vor der Hochzeit hatte und deshalb gerne mal ein wenig hysterisch geworden war – natürlich sagte das keiner von ihren beiden Begleitern, aber Xenia konnte in ihren Augen nur zu gut sehen, was sie dachten. Deshalb schwieg sie, und war froh, als klar wurde, dass schon die erste Gepäckladung ausgereicht hatte, um die Kutsche wieder fahrbar zu machen.

Der Weg wurde fortgesetzt, und als sie Abend wie geplant in einer Raststätte am Ende des Königreichs einkehrten, hatte Xenia wieder halbwegs zu sich selbst gefunden. Trotzdem wusste sie, dass es kein Tier und auch keine Einbildung gewesen war, was sie am Nachmittag erlebt hatte – dafür waren die zahllosen blauen Flecken an ihrem Körper noch zu deutlich, dafür tat ihr noch zu sehr jeder Knochen im Leib weh, als sie spät Nachts auf dem halbwegs bequemen Bett der Raststätte lag und vergeblich versuchte, Schlaf zu finden.

(die Wäschemagd – II)



Gleichmässig schob die alte Frau ihren kleinen Wäschewagen den langen, breiten Korridor entlang. Früh am Morgen hatte sie die frisch gewaschenen Laken aus der grossen Waschküche geholt, hatte sie eingefaltet, mit einer dezenten Prise Parfum besprüht, wie es die Vorschrift verlangte, und sie dann, sorgfältig geordnet nach den Namen ihrer Besitzer, auf den Wagen geladen. Jetzt, da die königliche Familie, die Ratsherren und all die anderen Schlossbewohner beim Frühstück im grossen Esssaal weilten, musste sie die Laken wieder auf die zugehörigen Zimmer verteilen – undes musste schnell gehen, sie hatte nicht viel Zeit, bis die ersten Bewohner in ihre Zimmer zurückkehren würden. Es wurde gar nicht gerne gesehen, wenn dann noch Dienstpersonal angetroffen wurde.

Aber das würde nicht passieren. Sie liebte ihre Arbeit, sie war dankbar für ihre Stellung, die sie immer als eine besondere Ehre empfunden hatte – und als eine segensreiche Verbesserung im Vergleich zu den Zeiten, als sie noch eine einfache, unterbezahlte Näherin im Dienste eines geizigen alten Schneiders gewesen war, der ihr kaum jemals den korrekten Lohn gezahlt hatte und der sie geschlagen hatte, wenn sie sich deswegen beklagte.

Schnell und routiniert hatte sie den ersten Flur hinter sich gebracht und schob ihren mittlerweile halb leeren Wagen um die Ecke, die in den besonders edel eingerichteten Flur führte, der der Königsfamilie gehörte. Was sie dort sah, bewog sie zum ersten Mal in den sechs Jahren, während denen sie jetzt im Schloss arbeitete, dazu , eine unerlaubte Pause zu machen: Die Tür, die zum Schlafgemach der Königin führte, stand weit offen – ein Ding der Unmöglichkeit eigentlich, da diejenige Magd, deren Aufgabe es war, die benutzte Bettwäsche früh morgens aus den Zimmern zu entfernen und in die Waschküche zu bringen, mit Sicherheit schon dagewesen war und die Tür, wie es Vorschrift war, hinter sich geschlossen haben musste.

Jetzt aber stand sie auf, und sie konnte direkt ins Innere des Zimmers sehen. Der Anblick war ihr natürlich vertraut – das Laken, dass für das Bett der Königin bestimmt war, lag gleich zuoberst auf ihrem Stapel. Es war etwas anderes, dass ihren Blick fesselte, und dass es ihr unmöglich machte, einfach weiter zu gehen, wie es mit Sicherheit ihre Aufgabe gewesen wäre: Vor dem grossen, dreiflügligen Spiegel, der an einer Seitenwand angebracht war, stand die Königin selbst. Sie stand da und war offensichtlich in die Betrachtung ihres eigenes Spiegelbildes versunken, ohne ihre Umwelt wahrzunehmen. Sie stand da wie erstarrt, in einer merkwürdig steifen, unnatürlichen Haltung – dann begann sie, langsam sich zu verändern: ihre Schultern zogen sich hoch und wurden gleichzeitig breiter, während der Kopf etwas nach unten sackte. Durch ihr Kleid hindurch konnte man sehen, wie die Muskulatur der Ober- und Unterarme überproportional anschwoll, gleichzeitig verformten sich die Hände zu etwas, das wie schwarzen Klauen aussah. Die Wäschemagd stand wie erstarrt im Türrahmen, unfähig sich zu bewegen oder gar zu fliehen, wie ihr hektisch rasender Verstand es ihr in panischem Entsetzen befahl. Sie stand da und starrte auf das Ding vor dem Spiegel – der Bund mit den Zimmerschlüsseln, den sie gelegentlich benötigte, wenn eins der Zimmer von seinem Bewohner verschlossen worden war, glitt ihr langsam aus den Fingern und fiel mit unüberhörbarem Klirren zu Boden.

Ein Ruck ging durch das Ding vor dem Spiegel, und langsam, ganz langsam drehte es sich in Richtung der Türe. Ein Paar hässlicher, grün-gelber Augen starrte aus einem entstellten, fratzenhaften Gesicht heraus auf die kreideweisse Magd – ein paar Sekunden lang geschah nichts, dann hörte man ein leises, sonores Knurren, das tief in der Brust des unheimlichen Geschöpfs zu entspringen schien. Dieses Geräusch lösste endlich Starre der alten Frau, sie rannte so schnell sie konnte den Korridor entlang, die Treppe hinunter und hinein in die Waschküche, wo sie schliesslich wortlos und erschöpft vor den erstaunten Augen der Wäscherinnen zusammenbrach.



Als sie aus ihrer Starre erwachte, hatte sie zuerst keine genaue Erinnerung an das, was passiert war. Irgendetwas hatte sie gestört, hatte sie während des letzten Rests ihrer Metamorphose angetroffen und verhindert, dass sie sie vollständig hatte abschliessen können – sie war in ihre Ursprungsgestalt zurückgefallen, aber leider nicht schnell genug, um noch reagieren zu können. Der Störenfried war entwischt, und dass konnte schlimme Folgen haben – was war, wenn er oder sie weitererzählte, was er oder sie gesehen hatte? Es war unverzeihlich, dass soetwas hatte passieren können. Die wenigen Momente, während denen sie in ihre Ursprungsgestalt zurückkehrte – zurückkehren musste, da sie sie sonst zu sehr von sich selbst entfremdete und vielleicht für immer auf ihre momentane Gestalt festgelegt sein würde – diese wenigen Momente waren genauestens geplant, und noch nie hatte sie jemand dabei entdeckt. Diesesmal aber….diesesmal war das Verlangen, die Verkleidung, die sie wie alle Verkleidungen als hässlich und beengend empfand, abzulegen, einfach übermächtig gewesen, und sie hatte alle Vorsicht fahrenlassen -und hatte umgehend die Strafe dafür erhalten. Die Situation war gefährlich, ihr Leben hier war in Gefahr geraten, und wenn sie nicht schleunigst etwas unternahm, würde es vielleicht zu spät sein. Sie begann, angestrengt nachzudenken, und zu ihrer Erleichterung tauchte schon bald ein klares, deutliches Bild aus ihrer Erinnerung auf. Sie wusste jetzt, was genau passiert war, und würde die notwendigen Schritte unternehmen.





Prinz und Prinzessin – III



Xenia zog den Prinzen ungeduldig mit sich fort. Sie hatte ganz in der Nähe einen besonders schönen, gelblich-blauen Schmetterling entdeckt, der ahnungslos auf einer Blüte sass. Kurz vor dem Rosenstrauch blieb sie stehen: Sie legte einen Finger vor die Lippen, um dem Prinz zu zeigen, dass er sich ruhig verhalten solle. Dann pirschte sie sich langsam an die Blüte heran, streckte die Hand aus und griff vorsichtig nach den Flügeln des ahnungslosen Schmetterlings. Sie hatte Glück.

“Hier, bitte!”

Stolz präsentierte sie Prinz Adrian ihre Beute. Schmetterlinge zu fangen war gar nicht so einfach, wie es aussah, und es funktionerte längst nicht immer. Oft flogen sie im allerletzten Moment noch fort, auch wenn man sich noch so grosse Mühe mit dem Anschleichen gegeben hatte und noch so vorsichtig gewesen war, kein Geräusch zu machen.

Sie setzte den Schmetterling auf Prinz Adrians ausgetreckte Hand und liess ihn vorsichtig los.

“Nett. Aber, besonders eindrucksvoll ist das nicht. Und überhaupt nicht gefährlich! Damals, als ich den Bären gejagt habe, da…”

Irgendetwas im Gesichtsausdruck des Prinzen hatte sich verändert – Xenia versuchte, seinen Blick einzufangen, so wie eben, als sie einander im warmen Licht der Nachmittagssonne gegenüber gestanden hatten, und als sich etwas wunderschönes zwischen ihnen seinen Weg zu bahnen begann – jetzt aber war da nichts mehr.

“Das letzte Stück des Gebirgspfads bin ich ganz alleine gegangen, niemand hat es gewagt, mir zu folgen. Und dann, als der Bär vor mir stand, habe ich…”

Vielleicht bin ich nur müde, dachte Prinzessin Xenia. Der Tag war so anstrengend gewesen, und sicher waren sie beide nervös wegen der bevorstehenden Hochzeit. Sie beschloss, nicht mehr weiter über das merkwürdige Gefühl, dass sie gerade gehabt hatte, nachzudenken. Sie bemühte sich, aufmerksam Prinz Adrians Bericht von einer weiteren spektakulären Bärenjagd zuzhören, und nach einer Zeit fand sie sogar Gefallen daran. Später am Abend, als sie wie erschlagen in ihr Bett fiel, dachte sie noch einmal an den wunderschönen Moment, als sie beide einander in die Augen gesehen hatten – sie spürte ein warmes Gefühl in ihrem Bauch, und versuchte es zu nähren – sie dachte an die Hochzeit, die in den nächsten Tagen stattfinden sollte. Dann fielen ihr die Augen zu.



Xenias erste Nacht im Schloss



Als sie mitten in der Nacht aufwachte, wusste sie zuerst nicht, wo sie sich befand. Sie öffnete die Augen und sah auf die beiden grossen, halb geöffneten Fensterflügel. Helles Mondlicht fiel auf ihr Gesicht – hatte sie überhaupt schon geschlafen? Es kam ihr so vor, als hätte sie sich erst gerade eben niedergelegt. Die Erinnerungen an den Tag, die anstrengende Reise, der Spaziergang im Park mit dem Prinzen, ihre bevorstehende Hochzeit – das alles spukte ihr noch im Kopf herum, sie fühlte sich ausgelaugt und erschöpft.

Nun aber hörte sie draussen, direkt vor ihrem Fenster, ein lautes, deutliches Kratzen…..war es wirklick nur der Mond gewesen, der sie aufgeweckt hatte?

Irgend ein Tier, dachte sie. Vielleicht ein Eichhörnchen. Sie setzte sich in ihrem Bett auf und wartete, ob sich das Geräusch wiederholen würde.

Einer der beiden Fensterflügel begann, sich langsam hin- und her zu bewegen.

Ein Eichhörnchen…..ein Eichhörnchen kann unmöglich dieses grosse, schwere Fenster zur Seite schieben, dachte Xenia. Sie bekam Angst. Wieder bewegte sich das Fenster, und sie hörte das kratzende Geräusch wieder, noch näher als beim ersten Mal.

Xenia sass stocksteif in ihrem Bett und sah, wie langsam, ganz langsam, ein schwarzer dunkler Schatten vor dem Fenster auftauchte, sich emporzog…

Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in die Nacht hinaus – geschah das wirklich, was sie zu sehen glaubte…? Ein heftiger Wind kam auf, blies in die Vorhänge hinein, blähte sie auf, und einen Wimpernschlag lang verdeckten sie das, was sich gerade ungeladen ins Zimmer hatte schleichen wollen. Xenia meinte, so etwas wie das helle Zucken eines Blitzes zu sehen – dann legte sich der Wind, die Vorhänge hingen wieder glatt herunter und gaben den Blick auf das leere Fenster frei. Nichts ungewöhnliches wahr zu sehen – der schwarze Schatten war verschwunden, wenn er überhaupt jemals dagewesen war.

Am nächsten Morgen hatte Xenia den Vorfall beinahe vergessen – sie erinnerte sich nur vage an einen düsteren Traum, der sie geängstigt hatte, und die Hochzeitsvorbereitungen nahmen sie völlig in Anspruch. Sie dachte nicht mehr an den umheimlichen Schatten, der in ihr Zimmer hatte eindringen wollen und der sie beinahe das Leben gekostet hätte.



hinter der Spiegelwand – III



Wieder so ein Erwachen – ein Erwachen, nach dem er rücksichtlos aus dem schönen, sonnigen Leben herausgerissen worden war, dass ihm eigentlich zustand. Er wusste nicht, wer er war, oder warum er in diesem dunklen, staubigen Verlies gefangen war – er wusste nur, dass dies hier nicht sein wirkliches Leben sein konnte.

Vor ihm auf einem Stein hockte eine der Fledermäuse.

Wer bin ich?, fragte er sie stumm.

Irgendetwas grosses bahnte sich an – er hatte mehr und mehr das Gefühl, dass in seiner trüben, sinnlosen Existenz bald etwas bedeutsames geschehen würde. Es reichte, einen Blick auf die Fledermäuse zu werfen – die Veränderungen an ihrem Körper waren jetzt noch weiter fortgeschritten: jede von ihnen hatte ein zweites Beinpaar entwickelt, und sie waren grösser und viel, viel kräftiger geworden. Ihre Augen hatten den gleichen starren, teilnahmslosen Ausdruck behalten, aber ihre Kiefer waren stärker hervorgetreten – ein einzelner Biss dieser mit starken Reisszähnen bewaffneten Mäuler könnte für einen erwachsenen Mann lebensgefährlich, wenn nicht gar tödlich sein.

Sie waren jetzt auch einfach zu schwer geworden, um sich länger als ein paar Sekunden in der Luft zu halten – auch wenn ihre Flügel noch intakt zu sein schienen, sah er nur noch sehr selten eine von ihnen fliegen. Stattdessen hatten sie damit begonnen, sich auf allen Vieren fortzubewegen – zuerst langsam und unbeholfen, nach und nach aber mit einer beängstigenden Gewandheit.

Wer bin ich?, fragte er noch einmal.

Das Tier sah ihn aus seinen starren, roten Augen heraus an.

Wer bin ich und warum bin ich in diesem Loch gefangen?

Er hatte nicht mit einer Antwort gerechnet – derartige Zwiegespräche führte er regelmässig mit ihnen, und noch nie hatten sie irgendeine Reaktion gezeigt.

Hinter der Spiegelwand bewegte sich etwas – offenbar hatte jemand das Gemach des Prinzen betreten.











(die Wäschemagd – III)



Es war ihr nicht leicht gefallen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, gar nicht leicht. Zuerst hatte sie allen von ihrem Erlebnis erzählen wollen, den Wäscherinnen, die sie ohnmächtig in der Waschlüche aufgefunden hatten, den Kammerzofen – dann aber besann sie sich, gerade noch rechtzeitig. Wer würde ihr glauben? Eine einfache Wäschemagd, die auf einmal anfing, zubehaupten, die Königin habe sich vor ihren Augen in eine dunkle Gestalt, in ein Monster verwandelt? Im günstigsten Falle würde man sie einfach auslachen, viel wahrscheinlicher aber war, dass…das alte, rostige Schaffot im Hinterhof des Schlosses war zwar lange nicht mehr benutzt worden, aber offiziell ausser Dienst gestellt worden war es nie. Ihr nächster Gedanke war gewesen, ihre Stellung hier aufzugeben, das Schloss zu verlassen und zu fliehen. Aber was dann? Wer würde einer alten Frau wie ihr noch Arbeit geben? Sie war nicht mehr die jüngste, und sie wusste sicher, das ein einziges Jahr auf Wanderschaft, draussen im Freien, ihr den Tod bringen würde.

Also hatte sie sich schweren Herzens dazu entschlossen, weiterzumachen, einfach so zu tun, als ob nichts gewesen wäre. Was passieren würde, wenn sie der Königin – durch welchen Umstand auch immer – nocheinmal Auge in Auge gegenüberstehen würde, vermochte sie nicht zu sagen. Wahrscheinlich würde sie einen lauten Schrei aussstossen und dann tot zu Boden sinken.

Wieder schob sie den kleinen Wäschewagen den Korridor entlang. Verzweifelt versuchte sie, an nichts böses zu denken, nicht auf ihr vor Angst wild pochendes Herz zu hören, nicht auf ihren Verstand, der ihr entgegenschrie, so schnell wie möglich das Weite zu suchen.

Etwas am Verlauf des Korridors kam ihr plötzlich merkwürdig vor – hatte es diese Biegung hier schon immer gegeben? Sie war sich sicher, dass der Gang an dieser Stelle völlig gerade verlief. Und es stimmte auch irgendetwas mit den Wänden nicht. Düstere Spinnweben hingen von der Decke, die Vorhänge waren modrig und halbverfault – es stank so sehr, das man sich die Nase zuhalten wollte. Die Wäschemagd beschloss, alle ihre Vorsätze, ihre Pläne und ihre Vernunft in den Wind zu schiessen und auf der Stelle von hier zu verschwinden, aus dem Schloss, aus diesem Land. Sie drehte sich um – und starrte auf das, was ihr Auge bereits bei ihrer letzten Begegnung mit dem, was hier anstelle einer Königin lebte, geschaut hätte, wenn sie bis zum Ende der Verwandlung ausgeharrt hätte.

Sie braucht nicht mehr zu schreien – ihr Blut gefror in den Adern und sie fiel leblos zu Boden.



die junge Braut – IV

“Was meint Ihr – ist dieses Kleid nicht etwas zu dunkel für einen Verlobungsball? Die Leute sollen doch sehen, dass ich mich auf die Hochzeit freue!”

Prinzessin Xenia sass in ihrem Schlafgemach vor dem Spiegel und warf einen prüfenden Blick auf das dunkelblaue Abendkleid, dass man ihr speziell für den Ball, der gleich stattfinden würde, genäht hatte.

Hinter ihr stand ihre Kammerzofe, diejenige, die sie während der weiten Reise begleitet hatte. Sie legte zum letzten Mal Hand an das schöne, rotblonde Haar der Prinzessin, dass zu einem eleganten Turm gebunden war. Noch ein oder zwei silberne Zierschleifen, dann würde das Werk vollbracht sein.

“Aber gar nicht, Herrin. Das Kleid ist wunderbar und wie geschaffen für diesen Anlass. Ich habe Euch ja schon gesagt, der Prinz wird sich schon sehr bald unsterblich in Euch verlieben – wenn er es nicht überhaupt schon hat! Sagt mir, meine Prinzessin, hattet Ihr einen schönen Spaziergang, gestern im Park?”

Amüsiert beobachtete sie, wie Prinzessin Xenia errötete.

“Ach, ich weiss gar nicht – ich war schon so müde gestern, sicherlich habe ich Prinz Adrian fürchterlich gelangweilt. Und wenn ich jetzt noch heute Abend mit diesem düsteren Kleid auftauche, dann…”

Die Kammerzofe vollendete die letzte Zierschleife an Xenias Frisur und griff nach einem kleinen Kamm, um einige ungestüme Haarstränen zu ordnen.

“Denn, wisst ihr, ich habe auch noch dieses gelbe Kleid mitgebracht, Ihr wisst schon, jenes, welches Vater mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt hat.”

Sie machte einen Schritt zurück, um ihr Werk mit etwas Abstand zu betrachten.

“Ist Euch das gelbe Kleid denn nicht mittlerweile zu klein geworden? Ich vermeine mich zu erinnern, dass ihr Euch noch unlängst am Sonntag darüber beklagt habt! Aber, wenn Ihr meint, dass dem Prinzen Eure Erscheinung vielleicht nicht gefällt, warum geht Ihr ihn nicht einfach fragen?”

“Wie bitte!?”

Prinzessin Xenia drehte sich auf ihrem Stuhl um und schaute ihre Kammerzofe, die sie seit ihrer Geburt kannte und die für sie längst so etwas wie eine grosse Schwester geworden war, erschrocken an.

“Ich soll einfach so in sein Gemach hineinlaufen und ihn fragen, ob ihm mein Kleid gefällt?”

“Sicher doch – schliesslich sollt ihr ihn doch demnächst heiraten, oder etwa nicht? Wenn es soweit ist, werdet Ihr schliesslich vielmehr als nur eine Kammer mit dem Prinzen teilen!”

Sie betrachtete die unruhig auf ihrem Stuhl hin- und herzappelnde Xenia und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Prinzessin hin oder her, vor ihrer Hochzeit waren die jungen Mädchen alle gleich. Genau wie sie selbst, als sie vor jetzt mittlerweile mehr als fünfunddreissig Jahren ihren Mann geheiratet hatte, der dann leider…aber das war eine andere Geschichte.

“Na los, geht schon!”

Prinzessin Xenia warf ihr einen hocherfreuten, wenn auch etwas unsicheren Blick zu, erhob sich von ihrem Stuhl und lief eilig in Richtung des Gemachs ihres zukünftigen Ehemanns, wobei sie sich sehr bemühte, nicht über die weite Schleppe ihres anmutigen blauen Ballkleides zu stolpern, in dem sie wunderschön und so sehr wie eine zukünftige Königin aussah, dass es selbst ihrer altgedienten Kammerzofe zuerst die Sprache verschlagen hatte.

vor der Spiegelwand



Mit klopfendem Herzen erreichte Prinzessin Xenia die schön geschnitzte Holztüre, die zum Schlafgemach des Prinzen führte. Die ungestüme Zuversicht, mit der sie aus ihrem Zimmer herausgestürmt war, hatte sie schon ein wenig zu verlassen – war es wirklich eine gute Idee, einfach hier rein zu platzen? Aber unverrichteter Dinge wieder zurückgehen wollte sie auch nicht, also fasste sie sich ein Herz und klopfte dreimal kräftig gegen die Türe.

Nichts geschah.

Sie wartete einen Moment, wobei sei unruhig von einem Fuss auf den anderen trat. Gerade wollte sie wieder klopfen, als sie merkte, dass die Türe nur angelehnt war – durch einen schmalen Spalt konnte man ins Innere des Zimmers sehen. Das, was sie da sah, kam Xenia seltsam vertraut vor, fast, als hätte sie dieses Zimmer schon früher irgendwo gesehen…sie überlegte, konnte sich aber nicht erinnern. Es war ja auch nur ein kleiner Teil des Zimmers, den sie sehen konnte. Vielleicht, wenn die Türe noch ein klein wenig weiter auf stünde, dann….sie klopte nocheinmal, so kräftig, dass die Tür ein Stück weiter aufschwang, nur ein kleines bisschen…Prinzessin Xenia sah, dass das, was sie bisher gesehen hatte, nur ein Spiegelbild des Zimmers war…ein grosser Spiegel, der diese Wand des Zimmers vollständig ausfüllte. Ein Spiegel…..eine Wand aus Glas…irgendetwas arbeitete in ihr, ein Bild, das kurz davor war, an die Oberfläche zu stossen…es konnte noch nicht lange hergewesen sein, dass sie…dass….und dann fiel ihr dieser Traum wieder ein, diese düstere Fieberphantasie, die sie gehabt hatte, als sie vor gar nicht langer Zeit krank in ihrem Bett gelegen hatte.

Wie war es möglich, dass sie diesen Ort hier in ihrem Traum gesehen hatte? Sie war mit Sicherheit niemals zuvor hier gewesen….ihre Neugierde wurde so gross, dass sie alle Vorsicht fahren liess, die Tür aufschob und sich ins Innere des Zimmers schlich.

Es war leer, aber damit hatte sie gerechnet, denn sonst hätte ja jemand auf ihr Klopfen reagiert. Trotzdem konnte der Prinz oder irgendjemand anderes natürlich jeden Moment hereinkommen. Und wenn man sie hier finden würde, wäre das – wobei, es wäre sicherlich nicht schön, aber es würde auch keinen diplomatischen Zwischenfall`geben und die Hochzeit würde deswegen nicht abgeblasen werden, schliesslich hatte sie ja einen glaubhaften Grund gehabt um hierher zu kommen.

Das Zimmer sah tatsächlich genau so aus, wie Xenia es in ihrem Traum gesehen hatte. Die edle Einrichtung, das grosse Himmelbett mit den purpurnen Vorhängen – alles entsprach exakt ihrer Erinnerung…merkwürdig war auch, das Prinzessin trotz allem das Gefühl hatte, in dem grossen Raum nicht alleine zu sein….es schien ihr, als wäre da jemand, der sie still und leise beobachtete…das Gefühl war nicht mal unangenehm, nur etwas verunsichernd, aber gleichzeitig intensiv und eindringlich wie ein im Dunkeln geflüstertes Gespräch.

Wie von selbst lenkte Xenia ihre Schritte zu dem grossen Spiegel…ob der andere Teil ihres Traumes auch der Realität entsprach? Ob hinter diesem Spiegel tatsächlich ein verborgenes Verlies lag? Sie stand jetzt direkt vor der Wand, sah ihr eigenes Spiegelbild, aber das Gefühl, nicht alleine zu sein, war jetzt noch stärker als eben. Sie spürte, das hinter dieser Wand jemand war, der sie ansah, der jede ihrer Bewegungen genau verfolgte. Sie hob einen Arm, senkte ihn, machte einen Schritt zur Seite – ihr war klar, dass es nur ihr Spiegelbild sein konnte, dass sich mit ihr zusammen bewegte, und doch – plötzlich hob sie ihre Hand und legte sie langsam und vorsichtig auf den Spiegel – es kam ihr ganz selbstverständlich vor, dass die Berührung weich und warm war, so als ob es nicht glattes, kaltes Glas wäre, dass sie berührte, sondern eine lebendige menschliche Hand…sie meinte, weiche Fingerkuppen zu spüren, die sich unsicher und tastend an die ihren legten und….

Ein Geräusch hinter ihr liess sie herumfahren – die Tür hatte sich geöffnet und Prinz Adrian war ins Zimmer getreten. Zutiefst erschrocken stellte Xenia fest, dass sie völlig vergessen hatte, dass ihre Anwesenheit hier eigentlich eine äusserst ungezogene Verletzung des höfischen Protokolls war…







der zweite Ball



Als Prinzessin Xenia eine knappe halbe Stunde später im Kreise der anderen Gäste im Thronsaal stand, ein Glas Sekt in der Hand, und vor den Augen aller mit ihrem Verlobten anstiess, war die merkwürdige Begegnung, die sie in Prinz Adrians Schlafgemach gehabt hatte, längst noch nicht aus ihren Gedanken verschwunden. Als der Prinz sie dabei überrascht hatte, wie sie gedankenverloren vor der Spiegelwand stand, war sie zuerst vollkommen sprachlos gewesen, viel zu verwirrt und aufgewühlt von dem, was sie gerade erlebt hatte.

Mit Mühe hatte sie etwas von ihrem Kleid und von dem Ball gestammelt, und zu ihrer Erleichterung war Adrian schnell darüber hinweggegangen, hatte ihr sogar Komplimente für das Kleid und für Ihre Schönheit gemacht – erst später wurde ihr klar, dass die Geste, in der er sie angetroffen hatte – ganz offensichtlich in die Betrachtung ihres Spiegelbilds versunken – viel dazu beigetragen haben musste, ihrer Ausrede Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Sie und der Prinz eröffneten den Ball mit einem eleganten Schreittanz – beide hatten ihn vorher unabhängig voneinaner ausführlich unter der Anleitung erfahrener Lehrer einstudiert. Danach stand die Tanzfläche allen Gästen offen, und die rhythmische, lebendige Musik tat ihr übriges, um den Abend zu einem Erfolg werden zu lassen. Der Sekt stieg Xenia schnell zu Kopfe – vielleicht wegen der vielen Aufregung der letzten Tage, vielleicht aber auch einfach deshalb, weil sie das Trinken von Alkohol nicht gewöhnt war.

Das Kerzenlicht, die Musik und der Wein, der – wenn auch in geringen, anständigen Mengen – dem Sekt bald gefolgt war, taten ihre Wirkung – die Feier wurde ausgelassen, und nachdem man des Tanzens müde geworden war und sich in die weichen Sessel begeben hatte, wurde das Essen serviert.

Vielleicht war es der Anblick des frisch zubereiteten Wildes, oder auch nur der unauslöschliche Drang der männlichen Gäste (Prinz Adrian eingeschlossen), sich gegenseitig mit Erfolgen und grossen Taten zu übertrumpfen (und damit nicht zuletzt ihre weiblichen Begleiterinnen für sich zu gewinnen), der das Gespräch wieder auf den Wald, die Pferde und die Jagd brachte.

Es war der Herzog von Hohenfels, der den Vorschlag machte: er hatte vorher ausgiebig von einer heissblütigen Wildschweinjagd schwadroniert, die er, wie zu erwarten war, letztlich ganz alleine zum Erfolg geführt hatte, und deren Trophäe in Form eines riesenhaften Eberkopfes noch heute über seinem Kamin zu bewundern wäre. Man sollte doch, so sagte er (wobei seine Aussprache aufgrund jetzt doch fortgeschrittenen Weingenusses nicht mehr ganz deutlich war) so bald wie möglich eine grosse Gesellschaft bilden, zusammengesetzt aus allen jetzt anwesenden Gästen, und in den Wäldern hinter dem Schloss sein Glück probieren – die Zeit für Hirsche und Wildschweine wäre gerade besonders gut. Der Vorschlag traf auf begeisterte Zustimmung, nicht zuletzt von Prinz Adrian, bei dem allerdings nicht ganz genau feststellbar war, ob seine ebenfalls nicht mehr ganz klare Sprache am Wein lag oder nur an der Anwesenheit seiner Verlobten.

Für den nächsten Tag war ursprünglich eine langwierige Konferenz mit den verschiedensten Ministern des Königreiches angesetzt gewesen – eine zwar notwendige, aber totlangweilige und mit Sicherheit nicht unverschiebbare Angelegenheit. Man beschloss (und da der König ebenfalls mit von der Partie war, war dies ohne weiteres möglich) die Konferenz durch eine grosse Jagdgesellschaft zu ersetzten, unter der Führung von Prinz Adrian und mit Teilnahme von – Prinzessin Xenia.







Xenias zweite Nacht im Schloss



Als Xenia spät in der Nacht in ihrem Bett lag und zu schlafen versuchte, war es bereits weit nach Mitternacht. Ihre Wangen glühten noch von dem Wein, den sie getrunken hatte, und sie hatte das Gefühl, dass ihr ganzes Zimmer leicht hin- und herschwankte.

Sie fühlte sich, trotz ihrer Müdigkeit, unruhig und seltsam benebelt. Zahllose Gedanken und Bilder spukten in ihrem Kopf herum – der Prinz, die vielen vornehmen Gäste, und natürlich immer wieder die bevorstehende Hochzeit – übermorgen würde es soweit sein. Aber auch der Traum, den sie gehabt hatte, als sie so krank war, die traurige, eingesunkene Gestalt hinter dem Spiegel, und die unendlich warme Berührung, die sie offenbar heute mit ihr geteilt hatte. Irgendwie schien ihr diese Berührung viel realer, intensiver zu sein als all die vielen Tänze mit Prinz Adrian – sie konnte sich einfach nicht vorstellen, sich alles nur eingebildet zu habe. Aber sollte wirklich jemand dort eingesperrt sein, in einer verborgenen Kammer hinter dem Spiegel…?

Sie hatte versucht, die Augen zu schliessen, ruhig liegen zu bleiben, aber es ging nicht – sie wälzte sich rastlos in ihrem Bett hin und her, und schliesslich lag sie mit offenen Augen da und schaute den Mond an, starrte in sein helles Licht – es war beinahe Vollmond.





(ein kleiner Knabe – I)



Es war alles ganz harmlos, denn er war ja noch klein. Früh morgens konnte er aufstehen, wann er wollte – niemand zwang ihn zu etwas, denn er war ja der Prinz, und das war etwas besonderes, soviel hatte er schon mitbekommen. Wenn er ganz früh aufwachte, kam es vor, dass alle anderen im Schloss noch schliefen, und das war schön, denn dann konnte er im ganzen Schloss hin- und herlaufen, konnte nach verborgenen Winkeln, Geheimgängen und verwunschenen Schätzen suchen.

Gerade gestern hatte er irgendwo in einer abgelegenen Ecke eine grosse, verzauberte Holztruhe gefunden – er hätte zu gerne probiert, sie aufzumachen, aber gerade da war ein alter, buckliger Diener den Gang entlanggeschlurft gekommen, und er hatte sich schnell hinter einer Säule versteckt – dieser alte Diener hätte ihn auf der Stelle zurück in sein Spielzimmer geschickt, und hätte gar nicht danach gefragt, ob er nicht viel lieber hier bleiben wollte, Prinz hin oder her. Später hatte sich dann etwas anderes ergeben, und er hatte die Truhe vergessen. Aber heute…

Heute war er so früh aufgewacht, dass noch nichtmal die grosse Kohleheizung des Schlosses in Betrieb genommen worden war – als er vorsichtig ein Bein unter der Decke hervorschob, fing er sofort jämmerlich an zu frieren. Er überlegte zuerst, vielleicht einfach weiter zu schlafen, aber dann kam ihm die geheimnisvolle Truhe wieder in den Sinn, und er beschloss, trotz der Kälte auf Entdeckungsreise zu gehen.

Vorsichtig glitt er aus dem noch etwas zu grossen Bett heraus, in dem er seit ein paar Wochen schlafen durfte – vorher hatte er noch in einer kleinen Kinderkrippe gelegen, mit Gitterstäben an den Seiten, um nächtliche Ausflüge – so wie diesen hier – zu verhindern. Als seine nackten Füsse den kalten Steinboden berührten, zuckte er zuerst zurück – vielleicht sollte er doch besser im Bett bleiben? Dann hatte er die handgestrickten Wollpantoffeln ertastet, die dicht neben dem Bett auf dem Boden stande, und schlüpfte hinein. Die Türe zu seinem Schlafgemach war nur angelehnt, für den Fall, dass er nachts Durst verspührte, oder nach einem schlimmen Albtraum die tröstende Umarmung seiner Amme benötigte. Ganz leise, um ja niemanden aufzuwecken (was seine morgendliche Entdeckungsreise sofort wieder beendet hätte), schlich der kleine Adrian sich auf den Flur hinaus. War es in seinem Zimmer noch fast stockfinster gewesen, so war es hier gerade hell genug, um nicht Gefahr laufen zu müssen, sich versehentlich den Kopf an einem Mauervorsprung oder einer Tischkante anzustossen – der Flur wurde nachts von in regelmässigen Abständen an den Wänden angebrachten Kerzenleuchtern erhellt. Er versuchte sich zu erinnern – wo war noch gleich die kleine Nische gewesen, in der er die Truhe gesehen hatte? Unsicher tastete er sich den Gang entlang, nach wie vor darum bemüht, kein Geräusch zu machen, und schliesslich fiel es ihm wieder ein: eine Abbiegung links, dann noch ein paar Meter geradeaus – und er stand stolz vor genau der geheimnisvollen Truhe, die er gestern gesehen, und die er mit Sicherheit aufbekommen hätte, wenn er nicht dabei gestört worden wäre.

Die Truhe war fast genau so hoch wie er selbst, und er musste seine ganze Kraft aufwenden, um den Deckel hochzustemmen – Stück für Stück, denn die Scharniere der Truhe waren alt und hätten dringend geölt werden müssen: es quietschte fürchterlich, und dem kleinen Adrian stand vor Aufregung der Schweiss auf der Stirn – wenn er jetzt entdeckt werden würde, würde man ihn mit Sicherheit schwer bestrafen.

Dann war die Truhe auf, der schwere Deckel lehnte sicher an der kalten Steinwand, und Adrian stellte sich neugierig auf die Zehenspitzen und sah mit klopfendem Herzen hinein. Aber was für eine Enttäuschung! Bis auf ein altes, verwaschenes Bettlaken war sie völlig leer, nicht mal eine Maus oder eine kleine Kröte hatte sich hier ihr Zuhause gesucht…

Xenias zweiter Traum



Xenia lag in den Armen des Prinzen, sie hielten einander engumschlungen, und die Welt drehte sich, verschwand in einem bunten Schleier aus Farben und rhythmisch pulsierender Musik. Sie wusste nicht, wie lange sie schon miteinander getanzt hatten, aber sie fühlte sich beschwingt und frei wie nie zuvor in ihrem Leben.

Um sie herum drehten sich die anderen Paare, der Ball war noch immer in vollem Gange. Sie wandte ihren Kopf vom Geschehen um sie herum ab und schaute Prinz Adrian in die Augen. Sie spürte wieder die gleiche warme Gefühl in sich wachsen, das sie zum erstenmal während ihres gemeinsamen Spaziergangs empfunden hatte. War es das, was die Leute als “Liebe” bezeichneten, und wovon all die wunderschönen Liebeslieder und -gedichte handelten? Sie sah, wie der Prinz sich zu ihr herunterbeugte, um sie zu küssen, und liess es geschehen. Ihre Lippen berührten sich, und das warme Gefühl in ihrem Bauch explodierte.

Gleichzeitig aber merkte sie, wie etwas um sie herum sich veränderte. Sie löste sich von Prinz Adrian und schaute sich verunsichert um. Sie sah, dass einige der Gäste zu tanzen aufgehört hatten – sie standen einfach bewegungslos da und starrten sie erwartungsvoll an.

Was wollt ihr? – Sie öffnete die Lippen, konnte aber ihre eigene Stimme nicht hören. Mittlerweile hatten sich alle Gäste zu ihr hingedreht, ein beklemmendes Netz aus düsteren, fordernden Blicken umschloss sie. Sie sah wieder herauf zu Prinz Adrian, aber auch er hatte sich verändert. Er hatte die Augen geschlossen, stand geistesabwesend und mit hängendem Kopf vor ihr – unwillkürlich machte sie einen Schritt zurück. Dann spürte sie, wie seine Hand langsam und suchend nach der ihren tastete; sie nahm diese Hand vorsichtig in die ihre…und im gleichen Moment hörte sie hinter sich das Geräausch von Schritten: die Menschen um sie herum hatten sich langsam in Bewegung gesetzt, kamen auf sie zu. Der Kreis um sie herum wurde enger und enger, und ihr Herz begann vor Angst zu rasen. Sie wollte schreien, aber auch dieses mal verliess kein Laut ihre Lippen. Prinz Adrian war zu einem steifen, unbeweglichen Etwas erstarrt, er würde ihr nicht helfen können. Die ersten Hände berührten sie, fassten sie bei den Schultern, den Armen…Xenia versuchte mit aller Kraft, sich umzudrehen und die fremden, feindlichen Berührungen von sich fortzustossen….



Schweissgebadet setzte sie sich in ihrem Bett auf, atmete tief durch und sah im letzten Moment einen schwarzen Schatten, der offenbar dicht vor ihr gestanden hatte, schnell wie der Wind durchs Fenster enteilen – durch das Fenster, dass sie vor dem Schlafengehen fest verschlossen hatte und das jetzt sperrangelweit offenstand…





eine Jagdgesellschaft – I



Diesesmal hatte Xenia ihren Traum nicht so leicht vergessen können wie in der ersten Nacht. Als sie am Morgen aufgewacht war, war ihr übel gewesen, und sie hatte Kopfschmerzen gehabt. Es wäre nur in ihrem Sinne gewesen, hätte man die ganze Sache mit der Jagdgesellschaft einfach vergessen – aber ihre Hoffnung wurde leider enttäsucht: direkt nach dem Frühstück, dass sie wie auch schon gestern in Gesellschaft des Königs und Prinz Adrians einnahm (die Königin hatte sich zu beiden Gelegenheiten entschuldigen lassen, sie litt gegenwärtig unter starker Migräne und war leider bettlägerig), wurde klar, dass schon alles vorbereitet war für einen langen Ausritt: Man würde direkt nach dem Frühstück aufbrechen, würde das Mittagsmahl in Form eines Picknicks im Freien einnehmen, und nach erfolgreichem Abschluss der Jagd würde man spät am Abend die Beute am offenen Feuer braten.

Eine knappe Stunde später sass Xenia in der kleinen Kutsche, mit der sie die Jagdgesellschaft begleiten würde – ein Ausritt zu Pferde kam für eine Frau, noch dazu für eine junge Prinzessin, natürlich nicht in Frage. Dieser Umstand versöhnte sie schliesslich mit dem Vorhaben: sie würde auf ihrer gepolsterten Bank sitzen, sich die Landschaft anschauen und sich dabei langsam von ihren Kopfschmerzen erholen – und gleichzeitig genug Zeit und Musse haben, um über die Hochzeit, ihren Traum und die Gestalt hinter dem Spiegel nachzudenken.





Königin – II



Die Königin hockte in ihrer kleinen, versteckten Kammer und starrte wütend in die Kristallkugel hinein – noch immer wusste sie nicht, was es war, dass sie an Xenia so beunruhigte. Sie hatte sie gesehen: am Tag, als sie hierher gekommen war, und nocheinmal bei der Ballveranstaltung am vorigen Abend – sehr kurz allerdings, denn sie hatte sich nur allzu bald wieder zurückgezogen, Es war nichts aussergewöhnliches an ihr. Ein kleines Mädchen, unscheinbar, hübsch vielleicht – dennoch war da in ihr dieses beklemmende Gefühl von Angst, stärker sogar noch als vor einigen Wochen. Diese Angst war es auch, die sie gegenwärtig daran hinderte, am gemeinsamen Frühstück teilzunehmen – sie war sich nicht sicher, ob sie im Beisein von Xenia ihre Rolle weiter würde spielen können. Die Rolle der Schwiegermutter, die sich über eine Braut für ihren Sohn freute, über ein ach so nettes, liebenswertes und angenehmes Geschöpf – sie befürchtete, dass sie sich verraten würde, dass es ihr nicht gelingen würde, den wild in ihr lodernden Hass zu verstecken. Und dann, wenn die Prinzessin tot war, würde der Verdacht vielleicht auf sie fallen…

Denn sterben würde Xenia, das stand fest. Schon in der ersten Nacht hatte sie versucht, sie umzubringen, hatte sich einfach in ihr Zimmer schleichen und sie erwürgen wollen, aber irgendetwas war schiefgegangen – etwas, dass sie nicht verstehen konnte, das ihr ebenso rätselhaft und unerklärlich war, wie die Angst, die sie vor ihr verspürte. Heute Nacht hatte sie es wieder versucht, und wieder war etwas dazwischengekommen – sie hatte bereits ihre Hände um Xenias Hals gelegt, war bereit gewesen, jeden Augenblick zuzudrücken, aber dann….eine unbekannte Kraft hatte sie gegen ihren Willen von ihrem Opfer weggedrückt, hatte sie zurückgestossen und dazu gezwungen, zum zweiten Mal fliehen…

Die Königin starrte wütend in ihre Kugel hinein, sah dass Verlies hinter dem Spiegel, und sah nichts anderes als das, was sie immer dort gesehen hatte – eine jämmerliche Missgeburt von einem Mensch, der kläglich auf dem Boden hockte und wahrscheinlich einfach irgendwann sterben würde. Sie fühlte, dass sich auch hier etwas verändert hatte, aber auch hier konnte sie nicht ausmachen, was es war. Nur die Ahnung von einer gefährlichen Bedrohung, die über ihr schwebte…

Wütend ergriff sie die Kugel und schmetterte sie mit voller Wucht gegen die Wand, wo sie in tausend Stücke zersprang. Prinzessin Xenia würde sterben, und zwar noch heute nacht. Sie wusste, dass es zu spät sein würde, wenn sie und der Prinz einmal verheiratet waren. Heute Nacht – und wenn es das letzte war, dass sie in ihrem Leben tun würde. Von den Scherben der Kugel begannen dunkle Rauchschwaden aufzusteigen.

eine Jagdgesellschaft – II



Später, als die Jagd in vollem Gange war, fiel es Xenia ein, dass ein Ausritt zu Pferde vielleicht doch die bessere Alternative gewesen wäre, Stand hin oder her. Gleich zu Anfang hatte man die Spur mehrerer grosser Hirschkühe entdeckt und war ihr eifrig gefolgt, aber schon bald hatte sie sich im dichten Gebüsch verloren, und seitdem war man dabei, kreuz und quer auf immer abgelegeneren Pfaden den Wald zu durchforsten. Xenia wurde auf ihrem Sitz in der Kutsche hin- und hergeworfen, sofern es für den Kutscher überhaupt möglich war, dem Rest der Gesellschaft zu folgen und sie nicht einfach am Wegesrand stehenbleiben musste um zu warten, bis die Männer von einem erfolglosen Ritt nach dem anderen zurückgekehrt waren.

Am späten Nachmittag hatte man deshalb ausser einigen Hasen, Kaninchen und Fasanen noch keine nennenswerte Beute gemacht, und die allgemeine Begeisterung, die am Morgen noch bei allen deutlich zu spüren gewesen war, begann bereits stark nachzulassen. Auf einer kleinen Waldlichtung hatte man Rast gemacht, war von den Pferden abgestiegen, und hatte sich zur Beratung ins Gras gesetzt. Auch Prinzessin Xenia war aus ihrer Kutsche ausgestiegen und hatte sich zu den anderen gesellt.

Die anfängliche Fährte, die auf eine grosse, reiche Beute hatte hoffen lassen, war leider verloren, soviel musste man sich trotz allem Jagdstolz eingestehen. Sämtliche Abstecher, Schleichwege und Trampelpfade, denen man nachgeritten war, hatten daran nichts ändern können. Und eine neue Spur war nicht aufgetaucht – nur die eines alten Bären, aber den hatte man dann ein paar hundert Meter von hier entfernt verendet aufgefunden, aufgebracht und ausgeweidet – vermutlich von einem grossen Wildschwein, dass in dem alten verendenden Tier eine willkommene leichte Beute gesehen hatte. Die Wahrscheinlichkeit, jetzt noch auf eine neue Spur zu stossen, wahr relativ gering – zumal es schon zu dämmern begann, und man auf dem dunklen Waldboden kaum noch Details erkennen konnte.

Es erhoben sich schon die ersten Stimmen, man solle die Jagd abbrechen, das erlegte Kleinwild braten und dann zum Schloss zurückkehren, als man plötzlich in einem nahegelegenen Gebüsch ein lautes Rascheln vernahm. Das Gebüsch war zu klein, um einer ausgewachsenen Hirschkuh Schutz zu bieten, aber das Geräusch war viel zu laut, um von einem harmlosen Tier, einem Kaninchen oder Eichhörnchen zu stammen es musste sich auf jeden Fall um etwas grosses handeln – ein grosses Raubtier, dass die Lichtung zuerst heimlich umstrichen hatte und sich jetzt entdeckt fühlte. Die Männer sassen im Gras, hatten ihre Jagdmäntel abgelegt, um etwas Luft an ihre vom langen Reiten verschwitzten Körper zu lassen – und waren in diesem Moment vollkommen unbewaffnet. Die Degen und Gewehre hingen an den Satteln der Pferde, die jetzt ebenfalls ängstlich zu schnauben begonnen.

Dies zu realisieren dauerte nur wenige Sekunden, dann sprang die gesamte Jagdgesellschaft auf und brachte sich so schnell wie möglich in Sicherheit. Einzig Prinzessin Xenia verstand nicht sofort, was passierte – wie sollte sie auch, kannte sie doch bisher nur die Jagd auf Schmetterlinge, die tatsächlich – wie ihr merkwürdigerweise jetzt auffiel – vollkommen ungefährlich war. Als ihr klar wurde, dass sie in Lebensgefahr schwebte, war der riesige Wildschweineber bereits aus dem Gebüsch hervorgebrochen und raste auf sie zu. Sie sprang auf, drehte sich um und rannte so schnell sie konnte auf ihre Kutsche zu, die am anderen Ende der Lichtung abgestellt war – es war ihr klar, dass die Strecke fiel, fiel zu weit war, dass sie viel zu langsam sein würde, dass ihr sinnloser Fluchtversuch schon nach wenigen Metern kläglich Scheitern musste – jeden Augenblick rechnete sie damit, dass sich die Eckzähne des hinter ihr wild schnaubenden Geschöpfs in ihren Rücken bohren würden, sie stellte sich auf einen brutalen Schmerz ein – dann hörte das Schnauben hinter ihr auf einmal abrupt auf, sie hörte ein dumpfes Geräusch, als das Tier zu Boden fiel und liegenblieb. Gleich darauf ertönten Jubelrufe und lautes Klatschen von den Männern, die am Rande der Lichtung auf ihren Pferden sassen und dort Schutz gesucht hatten. Sie drehte sich um, und sah Prinz Adrian, wie er mit gezogenem Degen schweissüberströmt über dem Kadaver des Wildschweins stand – offenbar hatte er als einziger nicht sein Heil in der Flucht gesucht, sondern hatte – wie er Xenia später erzählte – ebenfalls an die Schmetterlingsjagd gedacht und daran, dass Xenia wahrscheinlich keine Ahnung davon hatte, wie sie sich verhalten musste. Er hatte Glück gehabt, dass er seinen Degen nicht an seinem Pferd angebunden hatte, sondern ihn neben sich ins Gras gelegt hatte – ansonsten wäre Xenia verloren gewesen.



Später, als das Lagerfeuer hell aufloderte, man das Wildschwein auf einen Stock gespiesst hatte und es langsam auf offener Flamme briet, fing Xenia heftig zu zittern an, und sie brach – ohne etwas dagegen unternehmen zu können – in Tränen aus. Der Schock, von einem wildgewordenen Raubtier beinahe zu Tode getrampelt zu werden, war zu viel für ihre ohnehin schon überreizten Nerven. Sie schluchzte, und niemand fand etwas dabei, als Prinz Adrian sich zu ihr herübersetze, sie in die Arme nahm und tröstete, bis sich ihre Tränen wieder beruhigt hatten.







Prinz und Prinzessin – IV



Wieder der Staub, die Leere und die steinigen kalten Wände – dabei war für kurze Zeit alles so anders gewesen. In jenem Moment, als…als er der Prinzessin Auge in Auge gegenüber gestanden hatte; es war ihm unerklärlich, warum es ihr möglich gewesen war, ihn durch die Spiegelwand hindurch zu sehen – er war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn überhaupt gesehen hatte. Aber sie war seinen Bewegungen gefolgt, ihre Hand, ihre Blick – und er hatte ihr geantwortet, zum erstenmal seit er denken konnte hatte er selbst Kontakt mit einem menschlichen Wesen gehabt, hatte so etwas wie ein Gespräch geführt, hatte etwas von sich gegeben und etwas zurückbekommen und hatte schliesslich sogar – für einen kurzen, wunderbaren Moment – die Wärme eines anderen Körpers gespürt, eine Hand, die auf der seinen lag, die ihn berührte…seitdem er Prinzessin Xenia in die Augen geschaut hatte, kam ihm sein Gefängnis noch trostloser und sinnloser vor als bisher…. Er betrachtete die Geschöpfe, die seine Behausung mit ihm teilten – es wäre absurd gewesen, sie jetzt noch als Feldermäuse zu bezeichnen, hatten sie doch die Grösse von ausgewachsenen Wolfshunden erreicht. Sie sassen auf dem Boden und reckten träge ihre neu gewachsenen Glieder – was würde passieren, wenn irgendetwas ihren Zorn entfesseln würde? Vor einiger Zeit war ihm der Gedanke gekommen, dass er selbst es sein könnte, dem dieser Zorn gelten würde, dass es vielleicht Sinn und Zweck dieser Geschöpfe war, seine Existenz zu beenden, wenn sie ihm unerträglich werden würde. Aber er glaubte nicht daran, er spürte, dass es etwas anderes war, dass…

Die Türe schwang auf, und jemand betrat das Schlafgemach des Prinzen. Er sah die Prinzessin, sah, wie sie sich langsam und vorsichtig hineinschlich, und sein Herz schlug höher – war sie gekommen, um ihn zu besuchen? Dann aber sah er, dass hinter ihr Prinz Adrian das Schlafgemach betrat – ebenso leise und vorsichtig wie Prinzessin Xenia. Die beiden hielten einander bei den Händen.

“Was ist, wenn man uns hier entdeckt?”

Er hörte die Stimme von Prinzessin Xenia nur leise und gedämpft, so wie hier er alle Stimmen von draussen hörte – dazu kam, dass sie flüsterte.

“Ist es denn nicht egal? Morgen sind wir Mann und Frau!”

Er sah, wie Prinz Adrian sich langsam zu Xenia herüberbeugte, ihr mit der Hand über die Wange strich und…er hätte seine Augen nur zu gerne vor dem verschlossen, was er sah, aber er konnte es nicht. Wie konnte es sein, dass einer in seinem Leben alles bekam, alles hatte, glücklich war und geliebt wurde, während der andere – ohmächtige Wut stieg in ihm auf, er sah vor sich die wunderschönen Augen der Prinzessin, sah ihre Wangen, ihre Haut, ihre Lippen, spürte die Wärme ihrer Berührung… er begann, mit beiden Fäusten heftig gegen die Spiegelwand zu schlagen, wieder und immer wieder, so fest er nur konnte. Er drückt mit seinem ganzen Körper, mit aller Kraft, die sein entstellter, gebeugter Leib ihm zur Verfügung stellte. Es war so sinnlos, und doch konnte er nicht aufhören, er wollte hinaus, wollte…wollte….schliesslich brach er erschöpft zusammen, sank zu Boden und verlor das Bewusstsein.

Xenias dritte Nacht im Schloss



Die Vorstellung, in dieser Nacht zu schlafen, war in etwa so absurd wie die Vorstellung, ein Wildschwein einzufangen, in dem man es mit spitzen Fingern bei den Hörnern nahm und wie einen kleinen Schmetterling davon trug, fand Xenia – sie sass in ihrem Bett, den Rücken an die Wand gelehnt und schaute in die Nacht hinaus, hinauf zum Mond, der jetzt seinen vollen Umfang erreicht hatte. Sie versuchte, in ihrem Kopf zu ordnen, was heute alles passiert war – sie wäre um ein Haar nach gestorben, und war nur durch einen Zufall, durch viel Glück und durch den Mut von Prinz Adrian gerettet worden. Aber hatte dieses schreckliche Ereignis nicht auch etwas Gutes gehabt? Sie dachte an die warme tröstende Umarmung, die sie mit Adrian am Lagerfeuer erlebt hatte, an das wunderbar aufregende Gefühl, Hand in Hand mit ihm über den Schlossflur zu schleichen, und sich einen stillen, ungestörten Winkel zu suchen, um….sie errötete, als sie daran dachte, wie Prinz Adrian sie geküsst hatte. Wie jedes andere junge Mädchen hatte sie sich über das Küssen viele und grosse Gedanken gemacht, hatte sich in lebhaften Farben ausgemalt, wie es sein würde, wenn sie zum ersten Mal geküsst werden würde, und jetzt, da es geschehen war, war es – schön. Trotz ihrer Erschöpfung, trotz ihrer inneren Aufgewühltheit musste sie kichern – es klang so albern und banal, aber es war einfach das beste Wort, um die Sache zu beschreiben. Ein schöner Kuss, der vor Allem dazu geführt hatte, dass ihre Nervosität bezüglich der morgigen Hochzeit – oder vor der Ehe, was die Sache ja eigentlich viel besser traf – einer aufgeregten Vorfreude gewichen war. Wobei – irgendetwas war da noch, dass sie störte. Sie hatte die Umarmung am Feuer sehr genossen, aber da war sie aufgewühlt und zutiefst verängstigt gewesen. Und später, der Kuss in Prinz Adrians Schlafgemach – sie hatte wieder dieses Gefühl gehabt, beobachtet zu werden. Und wieder war es kein unangenehmes Gefühl gewesen, viel weniger sogar noch, als beim ersten Mal – es war eher ein Gefühl von Vertrautheit, von Heimkehr und Geborgenheit. Hatte sie, während sie Prinz Adrian küsste, nicht an die Gestalt hinter dem Spiegel gedacht? An diese eine, unendlich intensive Berührung, die sie miteinander geteilt hatten? Das seltsamste war, dass ihr dieser Widerspruch erst jetzt auffiel, vorher hatte sie ihn zwar registriert, aber wie selbstverständlich hingenommen…fast so, als ob…

Ein Geräusch von draussen riss sie aus ihren Gedanken, und sie erschrak, erschrak viel tiefer, als man es gewöhnlich wegen eines knackenden Astes, dem fiepen einer Maus oder sonst einem Geräusch der Nacht tut. Denn ihr fiel wieder ein, was ihr – überlagert von allem anderen, was heute passiert war – während des ganzen Tages auf der Seele gelegen hatte. Der Traum von letzter Nacht, von dem sie sicher gewesen war, dass er zumindest am Ende kein Traum gewesen war.

Dieses Mal war die Sache völlig klar – sie war wach, und sie konnte den schwarzen Schatten nur zu deutlich erkennen, der von aussen an der Mauer heraufgeklettert kam und sich langsam zum Fenster hereinschob. Xenia wusste genau, dass sie jetzt nicht mehr entkommen würde, indem ein zufäülliger Windstoss die Vorhänge zur Seite wehte oder sie sich aus der Umklammerung einiger Traumfiguren losriss – dies hier war echt, real, und der Schatten im Fenster war gekommen, um sie zu töten.

Xenia sprang aus ihrem Bett auf und rannte so schnell sie konnte zur Türe – gerade noch rechtzeitig, wie sie aus einem Augenwinkel heraus sehen konnte – der Schatten war schneller als gestern und vorgestern, viel schneller – wäre sie eine Sekunde länger untätig geblieben. dann…aber sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, was mit ihr passiert wäre – sie benötigte ihre ganze Energie, um sich hier und jetzt in Sicherheit zu bringen. Sie lief den Flur hinunter, und zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, wohin sie sich wenden sollte – sie dachte zuerst an ihre Kammerzofe, die sie von Kindheit an beschützt hatte – entschied sich dann aber, einem inneren Impuls folgend, für (den Mann hinter dem Spiegel) Prinz Adrian, der ihr heute ja schon einmal das Leben gerettet hatte. Sie bog nach links in den ihr mittlerweile vertrauten Korridor, warf eine dünne, hölzerne Durchgangstüre auf und rannte um ihr Leben.





(ein kleiner Knabe – II)



Enttäuscht liess sich der kleine Prinz wieder am Rande der Truhe heruntergleiten, in die er vor lauter Neugierde halb hineingeklettert war, drehte sich um und wollte wieder zurück in sein Schlafgemach gehen, als ein lautes Geräusch ihn zusammenfahren liess – der Deckel der Truhe, den wieder zu schliessen er vollkommen vergessen hatte, war soeben mit ohrenbetäubendem Lärm zugefallen.

Für einen Moment stand Adrian wie erstarrt – dann entschied er, dass die einzige Möglichkeit, einer Bestrafung zu entgehen, in sofortiger Flucht lag. So schnell er konnte, lief er den Korridor entlang, bog mal links ab, mal rechts, und stand urplötzlich, ohne das er so recht wusste, wieso, und ohne es beabsichtigt zu haben, vor der grossen Holztüre, die in das gemeinsame Schlafgemach seiner Eltern führte. Er überlegte – er fühlte sich verängstigt, ihm war kalt, und er war sich nicht ganz sicher, ob er den Weg zurück zu seinem Zimmer überhaupt alleine finden würde. Durch die Flurfenster konnte er sehen, dass es draussen bereits zu dämmern begann – einem plötzlichen Impuls folgend, griff er nach der schweren, goldenen Türklinke und zog mit aller Kraft daran – die Türe öffnete sich einen Spalt breit, und der kleine Prinz schob sich hinein.





der Königin Höllenfahrt – I



Prinz Adrian stand in seinem Schlafgewand neben seinem Bett und schaute verträumt zur Decke hinauf. War das nicht ein schöner Tag gewesen? Die Jagd war letztlich doch noch erfolgreich gewesen, er alleine hatte das einzige bedeutende Stück Wild erlegt und zudem noch seiner Verlobten das Leben gerettet – und damit ihr Herz errungen. Fast hätte er diesem dummen Wildschwein danken wollen, dass es seinen Weg gekreuzt hatte, glaubte er doch noch immer, Xenias Lippen auf den seinen zu fühlen. Wie schön würde es erst werden, mit ihr verheiratet zu sein! Er hörte ein Geräusch hinter sich und drehte sich verwundert um – es war Prinzessin Xenia, die ausser Atem und offenbar zu Tode geängstigt in sein Schlafgemach gestürzt kam, dicht gefolgt von seiner Mutter, der Königin.





(ein kleiner Knabe – III)



Zuerst brauchten seine Augen etwas Zeit, um sich an das dunkle Zimmer zu gewöhnen – hier brannten keine erhellenden Kerzenleuchter, das einzige Licht war das der aufkeimenden Dämmerung. Suchend tastete der kleine Adrian sich nach vorne – war er eben noch begeistert von der Idee gewesen, seine Eltern zu überraschen und zu ihnen unter die Bettdecke zu kriechen, so fühlte er sich nun mit einem Male merkwürdig unsicher. Er konnte jetzt mehr Details seiner Umgebung erkennen: die Vorhänge an den Wänden, der mit kostbaren Schnitzereien verzierte Holzschrank, der Kamin in der Ecke. Und in der Mitte des Raumes das grosse Himmelbett.

Er sah dort etwas, konnte etwas erkennen, dass…und gleichzeitig fiel ihm auf, warum er sich schon die ganze Zeit so merkwürdig fühlte: er hörte ein Geräusch, ein merkwürdiges, angestrengtes Stöhnen, in dem er die Stimme seines Vaters, des Königs erkennen konnte. Und darunter, kaum hörbar, ein dumpfes Grollen, das er nicht einordnen konnte, das er nie zuvor gehört hatte und das er auch eigentlich nie mehr wieder hören wollte. Er sah auf das Bett und sah dort seinen Vater, ausgestreckt, den Kopf seltsam verdreht in Richtung des Fensters gewandt. Und über ihm…zuerst dachte er, es wäre seine Mutter, die aus unerfindlichen Gründen auf ihrem Mann kniete, anstatt zu schlafen, aber dann sah er genauer hin – seine Augen hatten sich jetzt vollständig an die Dunkelheit gewöhnt – das, was da auf seinem Vater hockte, war nicht seine Mutter. Es war ein grosses, widerwärtig proportioniertes Etwas, den hässlichen, schwarzen Kopf tief auf den viel zu breiten Schultern ruhend. Das Etwas bewegte sich langsam, es schien tatsächlich Freude an dem zu empfinden, was seinem Vater so grosse Schmerzen bereitete. Dann wandte ihm das widerwärtige Etwas langsam den Kopf zu, der kleine Adrian sah in ein paar grünlich-gelber, entstellter Augen, und auf einmal verstand er alles. Er verstand, warum ihm seine Mutter manchmal (nie vorher hatte er es gewagt, sich das einzugestehen) unheimlich und unnahbar erschien, warum er manchmal regelrecht Angst vor ihr hatte, ohne dass er einen Grund dafür finden konnte. Er verstand das merkwürdige Schweigen, dass manchmal zwischen seinen Eltern herrschte, dass er bisher nicht hatte begreifen können, und er verstand auch, warum die anderen Schlossbewohner, die Dienstmägde und Knechte, so schlecht über die Königin redeten. Er hatte ihnen das immer übel genommen, hatte sie fast dafür gehasst, dass sie seine Mutter, seine…

…noch immer starrte er wie gebannt in die Augen des schwarzen Geschöpfs, das sich weiter hin- und herbewegte und dessen Lippen sich jetzt zu einem hinterhältigen Lächeln verzogen.

…seine liebe Mutter…

Er spürte, wie etwas in ihm langsam zerriss.

Das Geschöpf streckte die Hand aus, deutete mit dem Zeigefinger auf ihn und begann laut zu lachen. Ein Blitz durchzuckte den Raum, traf den kleinen Adrian mitten in die Stirn und spaltete seinen Leib und seine Seele kalt und mitleidslos in zwei Teile.

der Königin Höllenfahrt – II



Er vermochte nicht zu sagen, wie lange er vergeblich gegen die Wände seines Verlieses geschlagen hatte – jetzt jedenfalls war er wieder ruhiger geworden, Prinzessin Xenia hatte das Schlafgemach schon lange verlassen, und Prinz Adrian stand scheinbar gelangweilt vor seinem Bett und sann darüber nach, ob es jetzt vielleicht an der Zeit sein könnte, sich zur Nacht zu betten. Vielleicht war es auch die Erinnerung an die Küsse der Prinzessin, die ihn wach hielten, dachte er wütend – Neid erfüllte ihn, und am liebsten hätte er wieder begonnen, mit der Faust auf die Spiegelwand einzuschlagen, als die Türe des Schlafgemachs plötzlich aufgestossen wurde und Prinzessin Xenia hereinflog, aufgewühlt, ausser Atem, und – und hinter ihr, direkt hinter ihr schlüpfte etwas in den Raum, das…ein unförmiges, schwarzes Etwas, ein düsteres Wesen mit einem hässlichen, viel zu tief auf den breiten Schultern sitzenden Kopf. Eine Erinnerung erwachte in ihm, eine alte Angst, und für einen Moment war er froh, dass es die Spiegelwand gab, die ihn vor den Augen dieses Wesens verbarg. Doch dann…das Wesen begann sich Xenia zu nähern – Xenia, die ihm in die Augen gesehen hatte, und deren Wärme er gespürt hatte. Xenia, die jetzt hilfesuchend auf Prinz Adrian zustürzte.

Bitte, wenn Du kannst, dann hilf ihr – ich bin hier gefangen, dachte er. Er schämte sich jetzt für seinen unsinnig sein Neid, seine hämische Verachtung für Prinz Adrian, der…

Prinz Adrian stand einfach da, steif unbeweglich wie eine Pappfigur – dann öffnete er den Mund: ”Mutter…”.

Bitte…wenn Du nichts unternimmst, dann muss sie sterben…

In diesem Moment hörte er hinter sich ein lautes, aus einem guten Dutzend Kehlen dringendes Knurren. Er sah, wie das Wesen langsam nach Xenias Hals griff, die hässlichen Lippen zu einem hämischen Grinsen verzerrt – und drückte mit aller Kraft gegen die Spiegelwand, die Geschöpfe hinter ihm, mit denen er seine Kindheit und Jugend verbracht hatte, die er als Fledermäuse kennengelernt hatte und die in den letzten Wochen zu wolfsartigen Monstren mutiert waren, stiessen sich mit ihren kraftvollen Hinterläufen ab, schnellte nach vorne – ein Aufprall, ein lautes, tiefes Knacken, wie es zugefrorene Seen manchmal zu Beginn des Tauwetters tun, bevor sie endlich zu schmelzen beginnen – und die Spiegelwand zerbrach, zersplitterte in tausend Stücke… und war verschwunden.

Das schwarze Geschöpf drehte ruckartig den Kopf herum, liess geistesabwesend Xenias Hals los und begann, langsam zurückzuweichen. Er meinte, soetwas wie Angst in seinen Augen zu sehen, dann schlugen die ersten Zähne in sein schwarzes Fleisch und begannen es zerfetzten. Das Geschöpf schlug um sich, versuchte, dem übermächtig starken Ansturm Herr zu werden – es wehrte sich, wehrte sich bis weit über den Punkt hinaus, an dem ein gewöhnliches Lebewesen längst gestorben wäre.

Gleichzeitig hörte er ein tiefes, grunzendes Stöhnen, und er begriff – er erinnerte sich an den Moment, an dem er dieses Stöhnen schon einmal gehört hatte, an einen Tag, als er noch ein kleiner Junge gewesen war, und nichts weiter verbrochen hatte, als sich früh morgens in dem grossen, weiten Schloss zu verlaufen.

Er machte einen grossen Schritt nach vorne und trat aus seinem Verlies heraus. Er ging zu Prinz Adrian herüber, oder zu dem Teil seines Selbst, den er und alle Anderen immer für Prinz Adrian gehalten hatten – er sah wie dessen Gestalt sich auflöste, verschwamm, unscharf wurde, und sich gleichzeitig auf ihn zubewegte – er fühlte, wie seine eigenen Gliedmassen sich veränderten, er meinte zu wachsen, dabei war es nur sein Rücken, der sich jetzt endlich zu seiner vollen Grösse aufrichten konnte – er betrachtete seine bisher staubgrauen Hände, die jetzt endlich die Farbe eines gewöhnlichen Menschen hatten, betastete sein Gesicht, seine Haare….

Inzwischen hatten die Wolfsgeschöpfe das, was von dem, was sich so verlogen als Königin und als seine Mutter ausgegeben hatte, übriggeblieben war, über den Boden des Schlafgemachs bis hinein in sein Verlies geschleift – sein ehemaliges Verlies, dachte er. Er sah, dass sich dort, wo all die Jahre lang kalter Steinboden gewesen war, ein tiefes dunkles Loch aufgetan hatte – und sah auch, wie die Wolfsgeschöpfe mit ihrer schaurigen Beute langsam darin verschwanden.

Als sie völlig verschwunden waren, schloss sich der Abgrund im Boden wieder. Die Wand fügte sich aus den am Boden liegenden Scherben neu zusammen, schloss sich und war jetzt nichts mehr weiter als ein gewöhnlicher Spiegel.

Prinz Adrian betrachtete sich, er fühlte eine Erleichterung, wie sie nur diejenigen unter uns nachfühlen können, die es ebenfalls erlebt haben, eine traurige, sinnlose Existenz im Dunkeln zu fristen und dann erlöst zu werden und ans Licht zurückkehren zu dürfen.

Xenia war an seine Seite getreten – er nahm sie bei der Hand, und beide standen eine Zeitlang da und betrachteten schweigend ihr Spiegelbild. Dann wandten sie sich von der Spiegelwand ab und schlossen einander fest und innig in die Arme.

Epilog



Die Sonne leuchtete vom strahlend blauen Himmel herab und brach sich in den zahllosen Springbrunnen, die am Rande des Kieswegs standen, der durch den kleinen, verträumten Schlosspark führte. Der Weg mündete in einen kleinen, von blauen Veilchen umrahmten Platz, der den Mittelpunkt des kleinen Parks bildete und an dessen Rand einige hochgewachsene Bäume wohltuenden Schatten spendeten. Adrian und Xenia hielten einander bei der Hand und hörten andächtig auf die Worte des Priesters, der vor ihnen stand und gerade eben dabei war, sie Kraft seines Amtes und Kraft der Gnade Gottes für Mann und Frau zu erklären.

Neben ihnen stand König Johann, die Hände zu einem stummen Gebet gefaltet. Nach den Ereignissen der letzten Nacht hatte man die ursprünglich in grossem Stil geplante Hochzeit abgesagt. Keinem von ihnen war nach einer grossen Feier zumute, und mit dem plötzlichen Tod der Königin war es leicht gewesen, diese Entscheidung glaubhaft zu begründen.

“…sie lieben und ehren, bis das der Tod Euch scheidet?”

Prinz Adrian erwachte aus seinen Gedanken, die noch immer um die Ereignisse der letzten Nacht kreisten, die Wand, die plötzlich auseinandergebrochen war und ihm die Freiheit geschenkt hatte, die Freiheit, jetzt all das leibhaftig zu erleben, was er in all den Jahren bisher nur in seinen Träumen gekannt hatte. Sein Blick traf den von Prinzessin Xenia, die ihn erwartungsvoll ansah.

“Ja, ich will.”

“Und willst Du, Xenia, den hier anwesenden…”

Auch Xenias musste an die letzte Nacht denken, daran, wie sie in panischer Angst in das Schlafgemach ihres Verlobten gestürzt war, wie sie Schutz gesucht hatte, und…wie sie dort den Menschen aus ihrem Traum wiedergetroffen hatte, den, den sie gemeint hatte retten zu müssen und der letztlich sie gerettet und sich selbst dadurch befreit hatte.



Nachdem Adrian und Xenia, wie es Tradition war, die Ringe getauscht und einander geküsst hatten, hatte der Priester ihnen seinen Segen ausgesprochen und sie dann alleine gelassen. Eine zeitlang standen sie schweigend im Licht der Sonne, dann ergriff König Johann das Wort:

“Wahrscheinlich werden wir nie erfahren, wo sie hergekommen ist, und warum sie es als Sinn ihres Daseins gesehen hat, Menschen zu quälen und zu unterdrücken. Sie ist tot, und ich glaube, das ist alles, was wir wissen müssen. Wenn ich an die letzten Jahre zurückdenke, ist mir, als würde sich schwarzer Neben auf mich legen und meine Seele verschlingen – möge Gott geben, dass es nie wieder ein solches Wesen geben wird, das die Macht hat, den Menschen soetwas anzutun.

Es gibt keine Worte um Dir, mein Sohn, das Ausmass meiner Scham dafür auszudrücken, dass ich zugelassen habe, dass in meinem Königreich, in meinem Schloss solche Dinge geschehen, dass mein eigener Sohn sein Leben in einem dunklen Verlies verbringen muss ohne Licht, Sonne und die Wärme anderer Menschen.

Auch wenn ich weiss, dass mich keine direkte Schuld an dem Vorgefallenen trifft, so wünsche ich Dir doch, dass Du ein besserer König sein wirst, als ich es war – mögest Du weise und gerecht regieren und unsem Land all das geben, was Du vielleicht mehr zu schätzen weisst als jeder andere Mensch: Liebe, Wärme und das Recht der Menschen, in Freiheit und Würde sich selbst zu finden.”







– E N D E –

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