Der Spiegel der Königin

Das kleine Mädchen machte sich daran, schlafen zu gehen. Müde zog es das dünne Hemd aus, das an den Ellenbogen schon grosse Löcher hatte, und legte es auf den kleinen Holzhocker, der neben der alten Matratze lag, die sein Bett war. Bevor es in sein altes, zerlumptes Nachthemd schlüpfte, schüttelte es sich ein wenig, den sein kleines Zimmer lag direkt unter dem Dach des Hauses, und es zog jämmerlich durch die Ritzen. Wie klein dort alles war! Neben der Matratze stand noch ein kleiner Kleiderschrank, dem eine Seitenwand fehlte, und ein kleiner Tisch, auf dem ein alter Spiegel lehnte, dessen Glas an einigen Stellen schon matt geworden war und der am oberen Ende einen Sprung hatte. Ansonsten war das kleine Zimmerchen leer.
Den ganzen langen Tag hatte das kleine Mädchen für die Herrschaft des Hauses arbeiten müssen, es hatte Böden gewischt, das Feuer im Ofen geschürt und Kohlen geschleppt, Teller gespült und Wäsche gewaschen. Jetzt war es müde und wollte sich schlafen legen, um am nächsten Morgen wieder ausgeruht sein zu können. Aber vorher warf es noch – wie an jedem Abend – einen langen Blick in den alten Spiegel, der auf dem Tisch stand.

Seid still und habt acht,
denn die liebste und feinste,
die frommste und reinste,
uns’re Königin legt sich zur Nacht!


Ihre Hände, die müden
lasst mit Salben uns pflegen
so lang bis die rüdesten
Schmerzen sich legen.


Vom Ruß und vom Schmutze
soll man sie befreien,
lasst sie in neuem Putze
das Auge erfreuen!


Lasst die Strahlen des Mondes
ihre Augen erfüllen
und die Schatten des
düsteren Tages erhellen!


Ihre schneeweiße Wange
mit emsigem haschen
vom dem täglichen Zwange
lasst sauber uns waschen!


Jetzt zeigt all eure Tugend,
seid gar emsig und rege,
dass nur mit neuer Jugend
sie zur Ruhe sich lege!


Seht nach ihrem Haar!
Ruft die himmlischen Mächte,
auf dass eine Schar
holder Engel es flechte!


Und nun haltet Rast,
seid mit Demut umfangen,
ruft mit leuchtenden Wangen:
Uns’re Königin war heut‘ zu Gast!


Das kleine Mädchen lag auf seiner alten, harten Matratze und wurde von der dünnen Bettdecke nur unzulänglich vor dem kalten Nachtwind geschützt, der jetzt laut durch die Ritzen pfiff. Aber trotz des Windes, ihres löcherigen Nachthemdes und der dünnen Bettdecke schien es nicht zu frieren, und obwohl der nächste Tag wieder genauso einsam, undankbar und hart werden würde wie der letzte und alle anderen, schlief es tief und fest, und auf seinem Gesicht lag ein glückliches Lächeln.

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