Der Fluch von Schloß Darkmoore

I.

Schwere Nebelschwaden zogen über Schloss Darkmoore und verdeckten beinahe den Vollmond, der ein unheilverkündendes Licht auf den das Schloss umgebenden Wald warf. Ein Licht, das der Fantasie Spukgestalten und Geister eingab, die zwischen den Bäumen und Sträuchern ihr geheimnisumwobenes Dasein fristeten.
Plötzlich wurde dies schaurige Szenario von zwei Scheinwerfern zerrissen, deren gleißende Lichtkegel den von der Straße herführenden Weg entlangglitten, anhielten und das große alte Schlossportal beleuchteten.
„Liebling, glaubst Du wirklich, das uns hier jemand helfen kann?“
„Sicher doch, Schatz, mach dir keine Sorgen mehr, jetzt wird alles gut.“
Konnte es wirklich sein, dass…? Seit langem war es nicht mehr vorgekommen, man glaubte schon, niemand wäre jemals wieder so unvorsichtig und …
Aber offenbar war es passiert, würde passiere – möge Gott diesen beiden armen Seelen gnädig sein und das Grauen vielleicht doch noch an ihnen vorübergehen lassen!

II.

„Beeil Dich, Liebes, wir kommen noch zu spät!“
Schon den ganze Tag über lief ständig irgendwas schief: zuerst völlig überraschend dieser Anruf der Foxworth University, Jane war – entgegen des vorhergehenden Absageschreibens – für die Aufnahmeprüfung für das Studium der internationalen Rechtssysteme zugelassen worden, der ursprünglich vorgesehene Kandidat hatte unerwartet abgesagt. Dann die ganze Organisation, Koffer packen, Termine absagen, Hotel anmieten…
„Martin, weißt Du vielleicht, wo ich den Autoschlüssel gelassen habe? Diese Sucherei macht mich noch ganz krank!“
Seit zwei Jahren waren sie nun ein Paar, seit drei Monaten sogar Verlobte: Er, Martin, Geschichtsstudent im 4. Semester, hochgewachsen, dunkelhaarig, ein solider, aufrechter Charakter, mit einem leichten Hang zur Tollpatschigkeit. Sie, Jane, bis vor kurzem noch Schülerin an der örtlichen Highschool, Abschluss als Jahresbeste, seitdem auf der Suche nach einem Studienplatz, mit dem Ziel, Expertin für internationales Recht zu werden. Blond, außergewöhnlich hübsch, immer ein wenig schüchtern und zurückhaltend, harmoniebedürftig, aber ausgestattet mit einem starken Gerechtigkeitssinn und bereit, sich für ihre Überzeugungen einzusetzen (keine Angst, die zwei kriegen schon noch ihr Fett weg!).
„Ich glaube, ich hab ihn, er war unter den Sitz gerutscht. Haben wir jetzt alles?“
Mit prüfendem Blick begutachtete er die beiden Koffer, die neben dem alten 2CV von Janes Mutter standen: Nach einem gehetzten Nachmittag, an dem sie eilig alles nötige zusammengepackt hatten für die 200 km-Fahrt zum Hotel „Visitors Pleasure“, indem Gott sei Dank noch ein Doppelzimmer für die nächsten zwei Nächte frei gewesen war, waren sie jetzt fertig. Und die Zeit drängte, denn der Prüfungstermin war am nächsten Tag auf 9 Uhr festgesetzt, und natürlich wollten sie, bzw. Jane, dort nicht erschöpft und übermüdet erscheinen.
„Ich glaube, wir haben alles, Marty. Lass uns fahren, ich werde schon mal versuchen, im Auto ein bisschen zu schlafen.“

III.

Es schien so, als konnte, oder vielleicht auch als wollte es einfach nicht gut gehen; ca. 60 km vor Foxworth, mitten auf der kaum befahrenen Route durch den Darkmoore Forest, mischte sich plötzlich ein deutlich vernehmbares Pfeifen in das bis dahin einschläfernd monotone Motorengeräusch.
„…Martin? Martin, was ist das – stimmt irgendwas nicht?“
Jane, die bis dahin friedlich auf dem Beifahrersitz geschlummert hatte, räkelte sich und setzte sich dann in ihrem Sitz auf.
„Dieses Geräusch, das klingt irgendwie eigenartig!“
Martin, der zwar über keinerlei handwerkliches Geschick verfügte, sich aber mit Automotoren, gerade mit dem von Janes Mutter, mittlerweile zu genüge auskannte, wusste ziemlich genau, wo hier das Problem lag: Der Keilriemen war zwar nicht gerissen, lag aber doch in den letzten Zügen und musste dringend erneuert werden. Im jetzigen Zustand würden Sie den Weg nach Foxworth nicht mehr schaffen, soviel stand fest.
Und eben deshalb waren die beiden seitdem auf der Suche, um im düsteren Darkmoore Forest einen Ersatz zu finden, sei es eine ausgediente Damenstrumpfhose oder irgendetwas anderes, das den störrischen Motor des 2CV wieder zur Vernunft bringen würde.

IV.

Knaarrzz…

Die alte Holztüre quietschte schwerfällig in ihren Angeln.
„Eure Lordschaft?“
Die krächzende Stimme von James, dem alten, buckligen Butler, der schon seit Generationen im Besitz des Darkmoore-Clans war, zerschnitt die düstere Stille.
„Seit Ihr noch wach, Herr? Ein Besuch steht an der Pforte und wünscht Euch zu sprechen.“ Er räusperte sich, wobei ein hohles Pfeifen aus seiner Kehle drang. „Zwei junge Seelen. Was soll ich ausrichten lassen, Herr?“
Eine eilige Folge von Schritten erklang, vermischt mit dem tickenden Klopfgeräusch eines Gehstocks – Lord Darkmoore war mit dem Alter etwas unsicher auf den Beinen geworden.
„Ein Besuch zu so später Stunde? Nun, James, wir Darkmoores waren immer schon eine gastfreundliche Familie, nicht wahr? Richten Sie den beiden aus, ich würde sie empfangen, und führen Sie sie in den Salon. Und beeil er sich! Es ist unhöflich, Gäste vor der Türe warten zu lassen.“

V.

Der Salon von Schloss Darkmoore war ein großer, von einem alten, steinernen Kamin beherrschter Raum, in dessen Mitte ein altes Sofa und einige breite, hochrückige Sessel um einen dunklen Holztisch gruppiert waren. Die Wände wurden dominiert von den Portraits einiger finster dreinblickender, längst verstorbener Clanmitglieder, sowie einer Reihe alter Ritterrüstungen, die im Licht des jetzt wieder träge flackernden Kaminfeuers bizarre Schatten an die Wände warfen.
„Martin, meinst Du wirklich, das man uns hier helfen wird? Dieser alte Butler klang so merkwürdig als er uns hereinbat, und dieses ganze Schloss ist mir irgendwie unheimlich!“
Die beiden waren von James hereingeführt worden, nachdem sie nach einigem Zögern in die Zufahrt von Schloss Darkmoore eingebogen waren und an der Pforte geläutet hatten.
Auch wenn beide unsicher waren und diese Entscheidung nur mit gemischten Gefühlen getroffen hatten, blieb ihnen doch nichts anderes übrig, da es auf der Straße durch den Darkmoore Forest kein anderes Anwesen zu geben schien und der Keilriemen immer merkwürdigere Geräusche von sich gab.
„Mach dir keine Sorgen, Liebling. Alte Gemäuer haben immer etwas unheimliches an sich, und das sie uns hereingebeten haben ist doch schon ein gutes Zeichen; ich bin sicher, die Leute hier sind sehr nett und werden uns weiterhelfen, so gut sie können. Sieh mal, ich glaube, da kommt schon der alte Lord Darkmoore.‘
Und tatsächlich öffnete sich in diesem Augenblick die große Holztüre, die in die Wohnräume des Schlosses führte, und eine breite, hochgewachsene Gestalt trat hervor, gestützt auf einen reich verzierten, ebenhölzernen Gehstock, dessen Knauf einen finster dreinblickenden Wolfshund formte.
„Ein angenehmer Abend sei den Herrschaften gewünscht. Mein Name ist Edward Hyronimus Darkmoore III. Ich bin der Herr über dieses Schloss und die umliegenden Länderreien. Nur recht selten geschieht es, das unser abgeschiedenes Leben von Besuchern beehrt wird, noch dazu zu so später Stunde. Sprechen Sie, was führt Sie zu uns?“
Jane und Martin sahen sich unsicher an, und als Martin die Hand seiner Verlobten ängstlich nach der Seinen tasten fühlte, fasste er sich eine Herz und sagte:
„Entschuldigen Sie bitte die späte Störung. Mein Name ist Martin Hilford, und das ist Jane Wyning, meine Verlobte. Wir sind auf dem Weg nach Foxworth, wo Jane morgen einen wichtigen Termin an der dortigen Universität hat. Leider bekamen wir Probleme mit unserem Wagen, ich vermute, der Keilriemen ist defekt. Dieser Termin ist sehr wichtig für uns, und wir hatten gehofft, das uns hier vielleicht jemand helfen kann. Eine alte Strumpfhose oder ein altes Seil würden schon genügen.“
„Hmm.. nein, leider muss ich Sie da enttäuschen. In unserem Haushalt gibt es nichts, dass sich als …“ er räusperte sich leicht, bevor er weitersprach „..’Keilriemen’ nutzbar machen lassen würde. Aber warten Sie, da kommt schon James mit dem Tee – sicher frieren Sie, und ich möchte nicht, das meine Gäste sich unwohl fühlen.“
Während die Enttäuschung über die letzten Worte des Lords noch in ihnen nachwirkte, sahen die beiden, wie der bucklige alte Butler, der ihnen eben die Tür aufgemacht hatte, langsam mit einem Tablett hereingeschlurft kam, auf dem eine dunkelrote Porzellankanne sowie zwei ebenfalls rote Tassen standen. James stellte das Tablett auf dem großen Holztisch ab und verbeugte sich linkisch, wobei er mit dem Fuß leicht gegen den Tisch stieß. „Wohl bekomme es den Herrschaften, zu ihrem Diensten.“ Er richtete sich auf, warf einen kurzen Blick auf eins der alten Portraits an den Wänden, und ging langsam zur Türe hinaus.
„Bedienen Sie sich nur, es handelt sich hier um eine nach alter Tradition zusammengestellte Teemischung; das Rezept geht auf meinen Urgroßonkel zurück, Lord Mortimer V. Dort links über dem Kamin sehen Sie ein Portrait von ihm.“
Er streckte eine mit einem schweren Rubinring geschmückte Hand aus und deutete auf eines des Wandbilder, das einen bärtigen, feistgesichtigen Glatzkopf zeigte, auf dessen Schoss sich ein Frettchen ausruhte.
„Ich bedaure es, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann. Allerdings fährt morgen früh um sieben ein Bus, der nicht weit von hier an einem hohlen Baume hält und auch bis nach Foxworth gelangt. Auf diese Weise währen Sie um …warten Sie … viertel nach acht dort, und für die heutige Nacht könnte ich Ihnen unser Gästezimmer anbieten.“
Während er dies sagte, drehte er den Kopf ein wenig und schaute in das Kaminfeuer, das mittlerweile die aufgetürmten Holzscheite erreicht hatte und jetzt hell loderte.
Die beiden zögerten einen Moment – was sollten sie tun? Die Idee, den Bus zu nehmen, klang eigentlich sehr vernünftig. Mit dem Wagen würden sie die restliche Strecke höchstwahrscheinlich nicht mehr schaffen, und die Aussicht, mitten im Darkmoore Forest stecken zu bleiben und die Nacht frierend im Auto verbringen zu müssen, erschien ihnen wenig angenehm.
Andererseits war ihnen das so bereitwillig gegebene Angebot des alten Lords ein wenig unheimlich – was würde sie in der Nacht erwarten? Ein Gespenst, das plötzlich im Kaminfeuer erschien und nach seiner verlorenen Seele rief? Ritterrüstungen die von selbst durch die Schlossgänge polterten und sich stumme Gefechte mit Werwölfen und Kobolden lieferten? Oder der alte James, der nachts um vier an ihre Türe klopfte um mit irrem Blick einen letzten Tee zu servieren?
Beide waren sie gebildete, aufgeklärte junge Menschen mit einer nüchternen, realistische Weltsicht, und nachdem sie sich mit einem kurzen Blick ihres gegenseitigen Einverständnisses versichert hatten, nahmen sie dankbar Lord Darkmoores Angebot an.

VI.

Hand in Hand gingen Martin und Jane den von Fackeln erleuchteten, engen Treppengang entlang. James, der schwerfällig vor ihnen herstapfte, nahmen sie als eine unheimlich verkrümmte Gestalt war, deren Schatten an der Wand unruhig hin- und herzuckte.
Nachdem sie noch einige Worte mit dem Schlossherren gewechselt hatten, hatte dieser sich unter Berufung auf die nun schon merklich vorgerückte Stunde in seine Ruheräumlichkeiten zurückgezogen und sie in die Obhut des Butlers übergeben, mit der Bemerkung, James würde sie zu dem bewussten Gästezimmer führen.
Die steinerne Treppe endete abrupt vor einer schmalen Holztüre.
„Bitte sehr, die Herrschaften, Ihre Gemächer.“
James öffnete die Türe, und die beiden blickten in einen quadratischen, etwa vier Meter langen und breiten Raum mit steinernen Wänden und ebensolchem Fußboden. An einer Seitenwand stand ein großes Himmelbett, dessen dunkelblaues Gewölbe bis dicht unter die Decke reichte; die der Tür gegenüberliegende Wand umschloss in der Mitte einen kleinen, erloschenen Kamin, über dem ein in düsteren Farben gemaltes Bild hing, dessen Inhalt sich dem Betrachter auf den ersten Blick nicht erschließen wollte. Auf dem Boden vor dem Bett lag das Fell eines großen Braunbären, der wohl noch im Darkmoore Forest selbst erlegt worden war. Fenster gab es keine.
„Falls Sie noch Wünsche haben, bitte ich Sie, die an der Türe angebrachte Glocke zu läuten, das Schloss ist recht hellhörig in diesem Bereich, ich werde es bemerken. Für den Moment wünsche ich Ihnen eine geruhsame Nacht, schlafen Sie wohl!“
Sprach’s, ging unbeholfen durch die Türe hinaus und schloss diese hinter sich, wobei die rostige Klinke ein träges Quietschen von sich gab.
Jane und Martin sahen sich in ihrem Domizil um, und ihre Blicke füllten sich mit Entsetzen, als sie hörten, wie sich von außen langsam der Schlüssel im Türschloss herumdrehte und sich James’ Schritte hastig entfernten. Es schien, als wären sie gefangen.

VII.

Zuerst waren beide vor Schreck wie gelähmt, dann aber sprang Martin eilig zur Tür und versuchte, sie aufzureißen, was erstaunlicher Weise auch widerstandslos gelang; mit einem Mal sah er sich aus dem Zimmer herausschießen und schaffte es nur mit Mühe, nicht die direkt hinter der Tür liegende Treppe hinunterzufallen.
„Haben die Herrschaften noch einen Wunsch?“
James, der sich aufgrund seiner trägen, schlurfenden Fortbewegungsart erst auf der Mitte der Treppe befand, drehte langsam den Kopf und sah mit trübem, seltsam starrem Blick zu der Türe hinauf.
„Nein, es ist nichts, entschuldigen Sie bitte – ich bin nur … gestolpert. Alles in Ordnung bei uns.“ Und er bemühte sich, seinen Worten ein unbekümmert -optimistisches Lächeln anzuhängen. James’ Gesicht war nicht anzumerken, ob er damit erfolgreich gewesen war.
„Dann wünsche ich nochmals eine geruhsame Nacht.“
Er wendete sich wieder den abwärtsführenden Treppenstufen zu und setzte schlurfend seinen Weg fort.
Langsam stieg Martin die zwei oder drei Stufen wieder hinauf und zog – sehr vorsichtig – die Tür hinter sich zu.
„Ich verstehe das nicht – wir haben doch beide ganz deutlich gehört, wie die Türe abgeschlossen worden ist!“
„Ja, ich bin mir auch ganz sicher. Ach weißt du, Liebling, ich glaube, wir sind beide einfach total erschöpft und übermüdet. Lass uns jetzt schlafen gehen, morgen wird ein anstrengender Tag für mich, und für Dich auch.“
Zuerst sträubte Martin sich gegen diesen Gedanken, ungelöste Widersprüche waren ihm ein Gräuel. Schließlich aber gab er seiner Verlobten recht. Es war wohl besser, die Sache auf sich beruhen zu lassen.
Sie löschten die beiden großen Fackeln, die rechts und links neben der Türe angebracht waren, so dass der Raum nur noch von einem kleinen, flackernden Licht über dem Kaminsims erhellt wurde. Dann klappten sie die Überdecke des großen, blauen Himmelbetts zurück und legten sich hinein.
Doch obwohl sich das Bett als warm und erstaunlich bequem herausstellte, wurden beide vor dem Einschlafen von unruhigen, sorgenvollen Gedanken geplagt.
Wie würde der morgige Tag werden? Und würden sie hier wirklich ungestört schlafen können? Sicher schlafen können? James hatte die Tür des Zimmers abgeschlossen, sie hatten es beide genau gehört, Wenn sie dann direkt danach aber offen gewesen war, was war dann passiert? Wie war das möglich?

Das Licht auf dem Kaminsims warf merkwürdige und schaurige Schatten an die Wand; in diesem unruhigen Licht erschien das Bild über dem Kamin mit einem Male viel mehr sein zu können als nur eine unzusammenhängende Anordnung von düsteren Farben und Formen.
Fast schien es, als würde das Bild jetzt, da Jane und Martin eng aneinandergekuschelt in ihrem Himmelbett schliefen, ein seltsames Eigenleben entwickeln.
Schemenhafte Formen fügten sich zu Gestalten zusammen, zu Gesichtern, die mit abwartendem Lauern das arglos schlafende Paar betrachteten, und Hände, die gierig hin- und herfuhren, als wollten sie aus der Oberfläche des Bildes herausgreifen und alles, was lebendig und wehrlos war, zu sich hineinziehen…

VIII:

„Jane? Jane, schläfst Du schon? Ich glaube, ich habe ein Geräusch gehört.“
Knaarrrzzz….
„Jane?“ aber Jane schlief tief und fest in seinen Armen. Irgend etwas war da draußen, es klang, als würde die Zimmertüre ständig auf- und wieder zu gehen, dabei blieb sie – soviel ließ sich auch im flackernden Kerzenlicht deutlich erkennen – fest und unbewegt an ihrem Platz.
Martin dachte kurz nach und entschied sich dann dafür, seine Verlobte schlafen zu lassen. Er selber wollte aber auf jeden Fall diesem Geräusch nachgehen, das ihn verwirrte und beunruhigte.
Knaarrrzzz….
Dieses mal meinte er auch, ein leichtes Beben der Türe bemerkt zu haben.
Knaarrrzzz….
Jetzt wieder, ganz deutlich – und wieder, mir jedem Mal wurde es eindringlicher.
„Wer ist da? Sind Sie es, James?“
Keine Antwort, statt dessen wieder das Klopfen, das jetzt in ein andauerndes, lärmendes und einlassbegehrendes Poltern übergegangen war.
„Lassen Sie uns in Frieden, wir wollen schlafen!“
Martin war selber erschrocken über die Panik, die er in seiner Stimme hörte. Inzwischen war das Poltern der Türe so laut geworden, das es ihm ein Rätsel war, wie Jane dabei noch völlig ungerührt schlafen konnte.
„Hallo!?“
Wieder bekam er keine Antwort, das Poltern wollte und wollte nicht aufhören, und schließlich nahm Martin all seinen Mut zusammen, ging zu Türe, drückte die Klinke herunter und stieß mit aller Kraft, die ihm seine Angst gab, die Türe auf.

IX.

Hände, die zu bösartigen Klauen gekrümmt an der Oberfläche kratzen. Lechzende, die Zähne bleckende Fratzen, die mit irrem Blick ins Leere starren. Formen, Glieder, Körper, die entstehen, sich winden, hin- und herzucken, zerfallen und wieder neu entstehen.
Doch mit einem Male ist Ruhe, die Bewegungen erstarren, Hände halten inne. Eine Botschaft kommt aus dem Dunkel – die Vorbereitungen sind abgeschlossen, der Moment ist gekommen.
Ein erregtes Flackern huscht über das großem dunkle Bild über dem Kamin, vor dem Jane ahnungslos schlafend liegt – dann zerfallen mit einem Male alle Formen, um sich kurz darauf zu etwas völlig Neuem zusammen zu fügen.

X.

Mitten in der Nacht wachte Jane aus unruhigen Träumen auf. Sie konnte sich nicht erinnern, was sie geträumt hatte, irgend etwas mit dunklen Gängen und einem langen, flachen Gegenstand, an dessen Bedeutung sie sich nicht erinnern konnte. Sie glaubte auch, Martin in diesem Traum gesehen zu haben, aber irgend etwas war seltsam gewesen, denn sie hatten sich nicht erkannt.
Der Traum hatte sie geängstigt; sie öffnete die Augen und versuchte, sich im Bett aufzusetzen. Mit Schrecken stellte sie fest, das sie alleine war – die Bettdecke auf Martins Seite war zurückgeschlagen, und er war fort.
„Martin?“
Natürlich antwortete ihr niemand. Sie sah zur Türe, aber die war zu.
„Liebling, wo bist Du?“ sagte sie, diesmal mehr zu sich selber. Sie sah sich in dem vom flackernden Kerzenlicht nur spärlich erhellten Zimmer um, und ihr Blick fiel auf das Gemälde über dem Kamin. Wie kam es nur, dass sie vorhin nicht hatte erkennen können, was es darstellte?
Eine junge, schöne Frau mit blonden Haaren in einem dunkelroten Ballkleid war darauf zu sehen, im Hintergrund konnte man den Salon erkennen, in dem sie am Abend mit Lord Darkmoore gesprochen hatten.
Er ist fort – sie gehen alle fort und kommen niemals wieder…
Jane zuckte zusammen – woher kam die Stimme, die sie soeben gehört hatte?
Jane…
Es war eine Stimme, die eher in ihrem Kopf entstand als dass sie sie wirklich hörte, trotzdem war sie ganz deutlich.
Er hat Dich verlassen, Jane, Du bist jetzt alleine…
„Wer ist da?“ flüsterte Jane verstört.
Aaah… unsere Seelen sind das Lied des Windes, unsere Träume das Rauschen des Meeres…
Die Worte schienen irgendwie von dem Bild der jungem Frau zu kommen, und obwohl sie sich zunehmend ängstlich und verunsichert fühlte, hatte diese Stimme auch etwas beruhigend-vertrautes an sich, zu dem Jane sich hingezogen fühlte.
Jane…wir alle hier warten auf Dich…
Was passierte mit ihr? Sie hatte Angst vor dieser unheimlichen, körperlosen Stimme, wollte fort und wollte sich um keinen Preis dieser einschläfernden Vertrautheit hingeben, die gegen jede Logik in ihr wuchs. Sie spürte instinktiv, wenn sie diesem Sog nachgeben würde, würde etwas schreckliches mit ihr geschehen.
Sie warf die Bettdecke zurück, sprang auf und rannte so schnell sie konnte zur Türe. Doch noch bevor sie mit ihrer Hand die rostige Eisenklinke erreichte und diese herunterdrücken konnte, keimte ein schrecklicher Verdacht in ihr auf, der sich schnell in tödliche Gewissheit verwandelte: Die Türe war verschlossen.

XI.

Seit Stunden irrte Martin jetzt bereits durch düstere, verwinkelte Gänge, die kein Ziel und keine Ordnung zu haben schienen. Den Salon vom Vorabend oder irgend etwas anderes vertrautes wiederzufinden hatte er längst aufgegeben, ebenso war es ihm unmöglich, den bereits gegangenen Weg zurückzugehen.
Es war ihm, als hätte er sich schon direkt nachdem er durch die Schlafzimmertür getreten war nicht mehr dort befunden, wo er eigentlich hätte sein sollen. Hätte er nicht auf die Treppe gelangen müssen, auf der sie beide mit James zusammen zum Zimmer hinaufgestiegen waren?
Verzweiflung überkam ihn, als er von einem Gang in den anderen stolperte, Türe um Türe öffnete, aber kein Zeichen eines Auswegs oder einer Zuflucht sichtbar wurde. Irgendwann begann er, laut um Hilfe zu rufen, aber niemand hörte ihn.

XII.

Jane stand mit dem Rücken an die Zimmertüre gepresst, die ihr nun zur Falle geworden war, und starrte mit angstgeweiteten Augen auf das Bild über dem Kamin.
Irgendwie schien es größer geworden zu sein, es beherrschte den kleinen Raum auf eine bedrohliche Weise – der Blick der jungen Frau auf dem Bild war jetzt auch nicht mehr abwesend verträumt wie zu Anfang, sondern offensiv und fordernd.
Jane…es ist Zeit, dass Du zu uns kommst…weißt Du, von Zeit zu Zeit brauchen wir eine neue junge Seele…doch zuvor…
Etwas veränderte sich, veränderte sich tief in ihr…die Furcht…sie ließ nach, verwandelte sich in etwas anderes, das sie aber jetzt noch nicht verstand.
„Martin? Wo ist er? Warum ist er fortgegangen?“
Wir haben Dir doch gesagt liebes – er hat Dich verlassen, wie sie es alle tun…
Plötzlich verstand sie – es war, als ob ihr Inneres in ein Magnetfeld geraten war, das ihr Richtung und Bestimmung gab; es bestanden jetzt keine Zweifel mehr, nur noch ein Weg, der vor ihr lag, der zu gehen war, eine letzte Pflicht, die erfüllt werden musste…
Dort, im Kamin…wir werden Dir den Weg zeigen, dann wird alles gut, und Du wirst Teil von uns sein für immer…
Sie bewegte sich langsam auf den Kamin zu und fand nach kurzem Suchen in der Asche des verloschenen Feuers ein Messer. Sie nahm es, drehte sich langsam um und ging dann mit entschlossenem Blick zur Türe hinaus, die für sie jetzt nicht mehr verschlossen war.

XIII.

Lord Darkmoore starrte ins Feuer seines Kamins; eine tiefe Unruhe erfüllte ihn, er wartete.
„Es ist soweit, Sir. Alles ist arrangiert. Die Ereignisse werden jetzt ihren Lauf nehmen.“
Eine lange Zeit geschah nichts, dann drang ein markerschütternder Schrei durch das Schloss.
Lord Darkmoore drehte sich vom Feuer weg und sah James an, und sein Gesicht wirkte wieder entspannt und gelassen.
„Gehen Sie schlafen , James. Ich werde noch einen Moment lang wach bleiben, die Nacht ist noch jung und Mylady wird milde gestimmt sein – endlich wieder, nach langer, langer Zeit…

XIV.

Noch immer ziehen dunkle Nebelschwaden über Schloss Darkmoore. Vor dem Schlosstor parkt ein altes, verrostetes Auto, das schon lange dort steht, offenbar gehört es niemandem mehr; gelegentlich dringt der Schrei eines Tieres durch die Nacht. Die Menschen aus dem Dorf, die manchmal auf der nahegelegenen Straße vorbeifahren, sagen, es spuke hier, und Schloss Darkmoore sei ein übler, gefährlicher Platz. Und nur gelegentlich verirrt sich mal ein Fremder an diesen unheimlichen Ort, und fast immer wird er von einem unerklärlichen, starken Entsetzen gepackt, und macht, das er weiter kommt – schnell, bevor vielleicht etwas schreckliches mit ihm geschieht…

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