Der feste Grund

Ein starker Zaun ist um das Gut gezogen,
Und grosse Bäume steh’n an seinem Rand.
Bist Du, Besucher uns gewogen,
Setz‘ Deinen Fuss auf unser Land!

Aus reicher Frucht von uns’rem Gute
Lass‘ uns Dir ein Mahl bereiten,
Dass wieder Du mit gutem Mute
Mög’st uns’re Schwelle überschreiten!

1.



Als die kleine, rundliche Köchin zum ersten Mal an diesem Vormittag von ihrer Arbeit aufsah, hatte sie die schwere Steinschale vor sich bereits zur Hälfte mit Salat und frisch geschälten Kartoffeln gefüllt. Ihr Blick fiel durch das grosse Küchenfenster hinaus auf das offene Feld, wo die aufgehende Sonne die Umgebung der Plantage in ein warmes, helles Licht getaucht hatte und gerade dabei war, den letzten Morgennebel aus dem nassen Gras zu verscheuchen.

Es versprach, ein ruhiger und friedlicher Tag zu werden. Direkt vor dem Hauptgebäude, dort, wo auf zwei kleinen Feldern Obst und Gemüse angebaut wurde, war John, einer der ältesten Sklaven, damit beschäftigt, die erst letzte Woche gepflanzten Setzlinge vorsichtig mit Brunnenwasser zu giessen, das er in einer kleinen Kupferkanne von der Wasserstelle herübergetragen hatte. Gleichzeit zupfte er die letzten Reste Unkraut aus dem Beet. Das Küchenfenster stand offen, und Maria konnte ihn bei seiner Arbeit leise vor sich hin summen hören.

Weiter draussen, auf den grossen Baumwollfeldern, hatten bereits die Erntearbeiten begonnen. Wenn sie die Augen zusammenkniff, sah Maria die lange Reihe der jüngeren Sklaven, die breitbeinig und mit entblösstem Oberkörper im Sonnenlicht standen, jeder mit einer schweren Machete in der Hand.

Die Köchin wandte sich wieder der schweren Steinschale zu, die vor ihr auf dem Tisch stand – die Arbeit draussen auf dem Feld war anstrengend und hart, und wenn die Feldarbeiter zur Mittagszeit müde und erschöpft zum Gutshaus zurückkehren würden, würden sie hungrig sein.



2.



An einem grossen, kahlen Baum, der irgendwo im Niemandsland zwischen den grossen Baumwoll-, Obst- und Kaffeplantagen am Rande einer kleinen Grasfläche stand, waren bunte Lampignons angebracht, deren hell flackerndes Licht weit in Steppe hinaus leuchtete. Die Lampignons waren wichtig, nicht nur, um den unter dem Baum fröhlich feiernden Menschen Licht zu spenden, sondern auch, um sie nach dem Ende der Feier sicher durch die dunkle Steppe nach Hause zu geleiten. In den afrikanischen Ländern, vor allem in denen, die dem Äquator am nächsten gelegen sind, ist die Dämmerung nur eine sehr kurze, kaum wahrnehmbare Zwischenphase – die Dunkelheit kommt schnell und ohne Vorwarnumg über das Land. Die Arbeiter jeder Plantage hatte ein Licht mit hierhergebracht und würden es spät in der Nacht, wenn sie sich müde getanzt und geredet hatten, wieder mit nach Hause nehmen.

Am Sonntag hatten sie traditionsgemäss ihren freien Tag, und gelegentlich trafen sie sich hier oder an einem andern Ort, um zu Feiern. Zu besonderen Anlässen, wenn jemand heiratete, ein Kind geboren wurde – oder auch einfach so, ohne bestimmten Grund. Das Leben auf den Plantagen war hart, und sie brauchten das ausgelassene Tanzen und Singen als ausgleich zu ihrer schweren Arbeit.

“Ist es nicht unglaublich? Dieser Zwerg spielt, als hätte er den Teufel im Leib!”

Mike und Stuart, zwei junge, kräftige Kerle, die auf derselben Plantage wie die alte Maria arbeiteten, standen am Rande des Geschehens und beobachteten fasziniert das kleine, bucklige Männlein, das schon seit Beginn der Party unter dem Baum sass und ein merwürdiges, offenbar selbstgebautes Instrument malträtierte, dass aus nichts weiter als einem einem hohlen Kürbis, einem alten Besenstiel sowie vier dünne Saiten undefinierbarer Herkunft zu bestehen schien. Dennoch gelang es dem Männlein, aus seinem Instrument ununterbrochen wilde Folgen elektrisierender, aufpeitschender Melodien hervorzubringen. Es gab in der Gegend ungefähr eine Handvoll Figuren wie ihn – Schwarze, die aus den verschiedensten Gründen keinem Herren mehr dienten, sei es, weil ihr alter Herr sie verstossen hatte, oder weil sie – wie in diesem Fall – aufgrund eines körperlichen Gebrechens für die Plantagenarbeit nutzlos waren. Die meisten von ihnen fristeten ein elendes Dasein als Bettler, zogen von einer Plantage zur anderen, auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf während der Regenzeit oder nach einem Teller Suppe, den ihnen einer der Sklaven zukommen liess, zumeist heimlich und ohne Wissen der Plantagenbesitzer.

Einigen wenigen unter diesen Ausgestossenen gelang es aber, sich auf andere Weise ihr Brot zu verdienen – sei es als Händler für die eine oder andere Ware, die auf dem legalen Markt nicht erhältlich war, als Regenmacher, selbsternannter Wunderheiler, Geisterbeschwörer – oder aber als Musiker, wie eben diese Gestalt, die hier unter dem Baum hockte und jetzt gerade eine Pause einlegte, um einen Schluck selbstgebranntes Bier zu sich zu nehmen. Seine Dienste auf dieser Feier waren selbstverständlich nicht kostenlos, und da die Sklaven ohne Ausnahme über keinerlei Bargeld verfügten, bezahlten sie ihn mit Nahrungsmitteln, mit Kartoffeln, Gemüse – oder eben mit alkoholischen Getränken.

“Prost!” rief er jetzt seinen beiden Bewunderern zu, wobei nicht ganz klar war, ob er sie wirklich gesehen hatte oder einfach wahllos in die Menge hineinrief – er hatte an diesem Abend so einige Krüge Bier zu sich genommen und war schon seit geraumer Zeit sturzbetrunken.

Jetzt, da die Musik vorübergehend aufgehört hatte, gesellte sich eine andere Gruppe Sklaven zu ihnen – sie arbeiteten auf einer einen halben Tagesmarsch entfernten Kaffeeplantage, und Mike und Stuart kannten sie flüchtig.

“Good Evening, Boys! Ich glaube, ich träume! Als ich Euch beide das letzte Mal gesehen war, schien es mir, als wäret Ihr zwei junge, kräftige Burschen – selbstveständlich nichts im Vergleich zu den starken Kerlen, die bei uns auf dem Feld schuften, aber doch nicht ganz übel – aber jetzt? Steht hier die ganze Zeit und glotzt, während um Euch herum das schönste Fest tobt! Was ist los – habt Ihr vor lauter Arbeit das Tanzen verlernt?”

Ein baumlanger, riesiger Kerl war aus der Gruppe hervorgetreten und begrüsste Mike und Stuart jetzt mit einem kräftigen Schlag auf die Schulter. Ein Mensch, dessen Muskeln nicht von der täglichen, harten Feldarbeit gestählt worden waren, wäre von diesen Schlägen vielleicht umgehauen worden, aber Mike und Stuart schwankten nicht einmal – stattdessen gingen sie ohne sich vorher abzusprechen auf ihr Gegenüber zu, fassten ihn bei den Hüften und machten Anstalten, ihn hinauf in den Baum zu heben, der in ungefähr zwei Metern Höhe eine breite Astgabel aufwies.

Der baumlange Kerl liess sich das ganze erst überrascht und scheinbar widerspruchslos gefallen, dann begann er, wild mit Händen und Füssen zu rudern, mit dem Erfolg, das alle drei unter dem Gelächter der anderen umstürzten und der Länge nach auf den staubigen Boden schlugen.

“So! Da siehst Du, wohin Du uns gebracht hast! Eben noch standen wir hier und haben Euch andere friedlich tanzen lassen, haben dem alten Jesse erst beim Spielen und dann beim Saufen zugeschaut – wobei er beim Spielen bleiben und das trinken lieber uns überlassen sollte!” Mike warf seinem Gegenüber einen gespielt leidenden Blick zu. “…und jetzt liegen wir hier auf der Erde und haben uns womöglich alle Knochen gebrochen!” Er setzte einen Fuss auf die Erde und tat so, als könne er ihn nicht mehr belasten.

Anstelle einer Antwort stand der baumlange Kerl vom Boden auf und reichte zuerst Mike und dann Stuart die Hand “Verweichlichtes Volk – von so einem kleinen Sturz bricht sich kein Mensch ein Bein! Aber sag, Bruder, wie ist das Leben bei Euch? Wenn man Euch denn leben lässt, und ihr nicht nur von früh bis spät schuften muss, wie wir – unser Herr scheint seine Ernte allein einholen zu wollen, denn er ist drauf und drann, uns alle zu Tode zu schinden.”

Mike und Stuart schauten betreten zu Boden – es war weithin bekannt, dass der Eigentümer der benachbarten Plantage seine Sklaven nicht viel besser als sein Vieh behandelte.

“Ist es immer noch nicht besser geworden? Man hört, dass Philipp, der gemeinste und niederträchtigste Aufseher auf Eurem Gut, vor wenigen Wochen gestorben ist – wir hatten alle gehofft, das hätte Eure Lage verbessert!”

Der baumlange Kerl schüttelte verächtlich den Kopf.

“Von Wegen. Es stimmt, das Philipp, der alte Schinder, tot ist – und es freut mich, dass er gestorben ist, so sehr Gott weiss, dass ich keiner menschlichen Seele etwas Böses wünschen möchte! Aber sein Tot hat unsere Lage nur noch schlimmer gemacht – unser Herr selbst ist es jetzt, der uns unsere täglichen Schläge verabreicht und uns dazu entreibt, immer noch mehr und noch härter zu arbeiten – dabei leistet jeder von uns schon ebenso viel wie zwei andere auf jeder anderen Plantage in der Gegend hier. Aber es ist ihm immer noch nicht genug. Er ist so dumm, dass er nicht merkt, dass er sich mit seiner Strenge und mit seiner Gier ins eigene Fleisch schneidet. Immer öfter passiert es jetzt, dass einer meiner Brüder bei der Arbeit auf dem Feld zusammenbricht und nicht mehr aufstehen kann. Und nicht, dass er dann einen Tag ausruhen dürfte! Er bekommt ein paar Peitschenhiebe und muss am nächsten Tag wie alle anderen weiterschuften….wenn es so weitergeht, wird bald der erste von uns den Wahnsinn unsers Herrn mit seinem Leben bezahlen!”

Wut sprach aus seinen Augen, Wut und auch Angst und Verzweiflung – sie alle hier wussten, dass einfache Sklaven wie sie gegen die Willkür ihrer Herrscher kaum etwas ausrichten konnten.

“Himmel, das tut mir leid, was ich da hören muss – du weisst wahrscheinlich, dass unser Herr da ganz anders ist – sicher müssen auch wir hart schuften, aber wir werden fair und ehrlich behandelt. Kann man nicht irgendetwas tun, um einen Tyrannen wie Euren Herren in seine Schranken zu verweisen?”

Stuart hatte seine letzten Worte eher an die Allgemeinheit gerichtet, die auf das Gespräch der drei aufmerksam geworden war und jetzt aufmerksam zuhörte.

“Tja, man könnte…aber das ist gefährlich, einen Aufstand anzuzetteln, selbst wenn alle zusammenhalten. Ich habe von Plantagen gehört, wo die Hälfte der Arbeiter fast zu Tode gepeitscht worden sind, weil sie den Gehorsam verweigert haben. Aber dennoch, manchmal denke ich, es wäre einen Versuch wert…”

Unter den Zuhörern machte sich zustimmendes Gemurmel breit. Mike sah, wie einige Köpfe zusammengesteckt wurden, es wurde geflüstert.

“Aber wir wollen heute nicht über so unerfreuliche Dinge reden – das hier ist eine Party, lasst uns weiterfeiern – he, Jesse, was ist los – wir wollen tanzen!”

Aber Jesse lag hatte seinen Kopf an den knorrigen Stamm des Baumes gelehnt und schnarchte – offenbar war all das Bier heute zuviel für ihn gewesen. Mit dem Tanzen würde es nichts mehr werden. Die Sklaven redeten noch eine Zeitlang, dann nahmen die ersten ihre Lampignons aus dem Baum und gingen nach Hause – die Party war beendet, das Alltagsleben hatte wieder begonnen.



3.



Die brütende Hitze, die sich an windstillen Tagen wie diesem über die Plantage legte, machte manchmal sogar den Einheimischen zu schaffen – an Tagen wie heute ging den Sklaven die Feldarbeit längst nicht so schnell und reibungslos von der Hand wie sonst, und es machte keinen Sinn, ihnen Peitschenhiebe oder Streichung des Abendessens anzudrohen – sie konnten einfach nicht schneller, weil ihnen bei jeder Bewegung, jedem Atemzug der Schweiss in Sturzbächen über den Körper lief.

Don Marco sass auf der grossen Veranda, die an der Südseite des Hauptgebäudes angebracht war, und seufzte – manchmal fragte er sich, wie eigentlich die anderen Gutsherren ihre Verantwortung ihren Arbeitern gegenüber empfanden. Wenn er versuchte, mit ihnen über dieses Thema zu reden, hatte er meist den Eindruck, dass das Wort “Verantwortung” in ihrem Wortschatz überhaupt nicht vorkam. Sie betrachteten die Sklaven als ihr Privateigentum, wie es ihnen erging und ob sie neben der harten Arbeit, die ihnen aufgebürdet wurde, noch ein lebenswertes Leben führten, war ihnen völlig gleich. Manchmal machte ihn das regelrecht wütend – aber er sah es auch nicht als seine Aufgabe an, sich um die Angelegenheiten anderer Leute zu kümmern – sollten sie ihre Plantagen führen wie sie wollten. Das würden sie sowieso, und er hatte genug mit seinen eigenen Problemen und Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Ernte des letzten Jahres war nicht sonderlich gut ausgefallen, ein Teil des Tabbaks war von Käfern vernichtet worden. Und auch dieses Jahr waren die Aussichten Trübe – kein Anlass, sich ernsthaft Sorgen zu machen, aber dennoch…

Don Marco seufzte erneut, als er plötzlich Schritte und aufgeregte Stimmen hörte, die sich der Veranda näherten. Er sah von seinen Briefen und Rechnungen auf und erkannte die korpulente Gestalt seines Aufseher, der wutentbrannt auf ihn zugeeilt kam – und zwei seiner Arbeiter, Mike und Stuart hinter sich herschleifte. Sie leisteten ihm zwar keinen Widerstand, aber der Streit, den sie gerade mit ihrem Aufseher gehabt hatten, war ihnen ebenfalls deutlich anzusehen.

“Herr!” keuchte er. “Diese Beiden sind heute Morgen gegen jede Vorschrift…sind…” mit vor Empörung hochrotem Kopf stand er vor ihm und zeigte erregt mit dem Finger auf die beiden Sklaven, die jetzt trotzig und hoch erhobenen Hauptes darauf warteten, ihre Strafe entgegen zu nehmen. Strafe – wofür eigentlich?

“Langsam, langsam, beruhigt Euch. Was ist passiert?”

Der Aufseher sammelte sich, holte einige Male tief Luft und sagte dann, in etwas ruhigerem, aber keinesfalls weniger anklagenden Tonfall:

“Zu spät gekommen sind sie, und zwar nicht ein paar Augenblicke, sondern mehrere Stunden! Als sie endlich ihren Platz auf dem Feld eingenommen hatten, war es schon fast Mittagszeit, es lohnte sich für sie kaum noch, dass sie ihre Machete in die Hand nahmen.”

Er warf Mike und Stuart einen wütenden Blick zu, dann fuhr er fort:

“Und das allerdreisteste ist, dass sie sich weigern, zu sagen, wo sie gewesen sind. Es kommt ja schonmal vor, dass der eine oder andere nach dem Sonntag Abend nicht rechtzeitig zurück ist, und wir haben noch keinen von ihnen deswegen umgebracht. Ein paar Peitschenhiebe, ein oder zwei Tage nur altes Brot als Mittagsspeisung, dann haben wir die Sache vergessen. Aber diese beiden hier…”

Er hatte sein Pulver verschossen, die Anklage war ausgesprochen und jetzt stand er da und wartete lechzend, wie ein Jagdhund, dem es endlich gelungen war, seine Beute in die Enge zu treiben, auf Don Marco’s Urteil – auf das Urteil, und natürlich auf eine saftige Bestrafung.

Don Marco liess sich etwas Zeit, bevor er antwortete – da der Vormittag sowieso vorbei war, brauchte man sich mit der Klärung der Angelegenheit auch nicht zu sehr zu beeilen. Er betrachtete seine beiden Arbeiter, und stellte fest, dass sie erschöpft und sehr aufgebracht aussahen – es kam ihm der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht der Streit mit ihrem Aufseher oder diese Unterredung hier war, die sie so in Aufregung versetzte – da beide sich schon seit etlichen Jahren in seinem Besitz befanden, wussten sie, dass ihnen nichts wirklich schlimmes passieren würde – das harte Leben auf der Plantage hatte sie ziemlich unempflindlich gegen Schmerzen werden lassen, und die Peitschenhiebe, von denen der Aufseher gesprochen hatte, und die letztlich sowieso kaum jemals vollstreckt wurden, hätten sie nicht grossartig aus der Ruhe gebracht. Nein – diese gehetzte Rastlosigkeit in ihren Augen musste eine andere Ursache haben.

“Vielleicht fragen wir sie zuerst mal selber, diese beiden”, sagte er schliesslich. Beim Anblick seines wutschnaubenden Aufsehers musste er unwillkürlich schmunzeln – der gute war manchmal etwas übereifrig, würde aber keiner Fliege etwas zu Leide tun.

“Was ist passiert, dass Ihr nicht rechtzeitig zu Eurer Arbeit erscheinen konntet? Ich denke doch, dass es nicht nur blosse Faulheit war, die Euch dazu veranlasst hat, Eure Pflichten zu vernachlässigen?”

“Nein, Herr.” sagte Mike. Er und Stuart standen nach wie vor stolz und unbeweglich da und sahen mit festem Blick an ihm vorbei, auf den Horizont, an dem sich jetzt kleine Regenwolken zu bilden schienen.

“Sondern? Ich habe Euch eine Frage gestellt, und eine Frage seines Herrn sollte man beantworten, findet ihr nicht?”

Trotz aller Nachsicht wusste Don Marco, dass er dieses Gespräch nicht ohne jede Strenge führen durfte – eben weil er Gewalt verabscheute, wollte er die Zügel nicht soweit locker lassen, dass er sie irgendwann würde einsetzen müssen.

Als er – wie er es erwartet hatte – keine Antwort bekam, stand er auf und lief ein paar Schritte die Veranda auf und ab. Er liess ganz bewusst eine Pause entstehen, um seinen nun folgenden Worten mehr Nachdruck zu verleihen.

“Ihr wisst, was in dieser Gegend für gewöhnlich mit Sklaven geschieht, die ihrem Herrn den Gehorsam verweigern?”

“Oh ja, das wissen wir.” Stuart hatte seinen Blick vom Horizont gelöst und sah seinem Herrn jetzt direkt in die Augen. “Wir wissen es nur zu genau….”

Als Don Marco den heissen, brennenden Hass in Stuarts Augen sah, war er einen Moment lang zutiefst erschrocken. Er hatte diesem Vorfall bisher keine grössere Bedeutung beigemessen, es kam eben ab und zu mal vor, dass einige seiner Sklaven einen über den Durst tranken, es nicht mehr schafften, nach Hause zu laufen und sich dann am nächsten Morgen schämten, es zuzugeben – aber das hier? Er hielt Stuarts Blick so lange stand, bis dieser sich wieder abwandte und wieder schweigend den Horizont beobachtete.

“Verdammt, ich will wissen, wo ihr gewesen seid!”

Don Marco stand jetzt direkt vor seinen beiden Arbeitern und versuchte, in ihren Gesichtern zu lesen. “Ich kann Euch nicht zwingen, mir die Wahrheit zu sagen, aber ich kann und ich werde Euch bestrafen, wenn ihr weiterhin schweigt.”

Er drehte sich um und ging wieder hinter seinen Schreibtisch.

“Zehn Hiebe mit der Peitsche für jeden von Euch, wenn Ihr bis heute Abend nicht geredet habt.”

Den Blick auf seinen Aufseher gewandt fügte er hinzu:

“Passt auf, dass die beiden sich heute während der Arbeit nicht versuchen, sich zu verdrücken. Und jetzt fort mit Euch, ich muss Arbeiten.”



Als er wieder alleine war, versuchte Don Marco, mit dem Erledigen seiner Briefe fortzufahren, stellte aber schon bald fest, dass er sich nicht konzentrieren konnte. Er ahnte, wo die Ursache für das merkwürdige Verhalten von Mike und Stuart zu suchen war – die Eigentümer und Verwalter der umliegenden Plantagen waren noch nie zimperlich mit ihren Sklaven umgegangen waren, und in letzter Zeit hatte er Dinge gehört, die ihm heftige Kopfschmerzen bereitet hatten. Auf vielen Plantagen mussten die Sklaven tagein, tagaus bis weit über die Erschöpfungsgrenze hinaus schuften, und jede Form von Protest wurde brutal mit der Peitsche niedergeschlagen.

Er wusste, dass die Feindseligkeit und der Hass, den er in den Augen der Beiden gesehen hatte, mit nichts zu erklären war, dass hier auf seiner Plantage geschehen war – sicherlich mussten auch seine Sklaven hart arbeiten, aber Schuld daran waren die Lebensbedingungen in diesem Land, mit dem spärlichen Regen und der fast permanenten, sengenden Hitze. Sie wussten, dass die Plantage nicht viel mehr abwarf als dass, was sie alle zum Leben brauchten, und dass sie ohne die Arbeit bei ihm nur schwer würden überleben können.

Den grossen Profit, den versuchten die anderen Plantagenbesitzer zu machen – ohne Rücksichtnahme und sonstigen Skrupel ihren Arbeitern gegenüber. Don Marco seufte zum dritten Mal und ging wieder an seine Arbeit.



4.



Die hoffnungsvollen Regenwolken, die Mike und Stuart am frühen Nachmittag am Horizont hatten aufkeimen sehen, hatten sich in dünne, kaum wahrnehmbare Dunstschleier verwandelt, die jetzt langsam und ohne jede Folge über das Hauptgebäude der Plantage hinwegzogen. Die alte Maria betrachtete den Berg schmutziger Schüsseln, Teller und Töpfe, der sich vor ihr auf dem Küchenboden auftürmte. Es bereitete ihr Freude, die alten und jungen Sklaven dabei zu beobachten, wie sie mit zufriedenem Grunzen und Schnauben einen nach dem anderen Teller der Kartoffelsuppe, des Bohneneintopfs oder des Maisbreis in sich hineinschaufelten, die sie Tag für Tag in der kleinen Küche zubereitete – aber das Geschirrabwaschen hasste sie wie die Pest, auch nach all den Jahren noch, die sie hier auf der Plantage verbracht hatte.

Bevor sie damit begann, die grossen Kochschüsseln der Reihe nach mit feinem Sand auszuscheuern, blickte sie noch einmal auf das Feld hinaus, das mittlerweile schon zur Hälfte abgeerntet war – und was sie sah, liess sie einen Moment innehalten.

Anstatt des gewohnten Anblicks von im gleichmässigen Rhythmus die Machete schwingenden Männern fiel ihr Auge auf kleine, eng zusammenstehende Grüppchen, die heftig gestikulierend miteinander redeten und stritten. Die Mittagspause war erst seit wenigen Augenblicken vorbei, weswegen der Aufseher noch nicht vom Hauptgebäude zurückgekehrt war – er, dessen Arbeit körperlich am wenigsten anstrengend war, benötigte meist einen kurzen Mittagsschlaf, um nach dem Essen wieder auf die Beine zu kommen. Dies liess den Sklaven eine gewisse Freiheit, was das Ende ihrer eigenen Mittagspause anging, wobei diese Freiheit selten genutzt wurde – die Arbeiten begannen in aller Regel pünktlich, auch wenn der Aufseher sich verspätete.

Heute hatte niemand mit seiner Arbeit begonnen – was auch immer die Arbeiter untereinander zu bereden hatten, augenscheinlich hatte es sie alles andere vergessen lassen. In eben diesem Moment aber kam Bewegung in die einzelnen Gruppen, offenbar war der Aufseher erschienen und versuchte, die Sklaven auseinanderzutreiben.

Maria vermeinte, laute, erregte Stimmen zu hören, was bei dem doch recht grossen Abstand zur Plantage auf einen äusserst hitzigen Streit schliessen liess – dann lösten sich die einzelnen Gruppen auf, die Sklave begannen mit ihrer Arbeit.



5.



Der Wind hatte die kleinen, unscheinbaren Dunstschleier, die aus den um die Mittagszeit so hoffnungsvoll emporgestiegenen Wolken entstanden waren, weiter mit sich fortgetragen. Langsam waren sie über die Steppen und Felder gezogen, die das weite Land zwischen den einzelnen Plantagen ausfüllten, und hatten sich auf diesem langen Weg fast vollständig in Nichts aufgelöst. Als sie jetzt, am frühen Abend, auf der grossen, stattlichen Plantage des Don Antonio ankamen, waren sie kaum noch zu sehen.

Allerdings hätte sich dort auch niemand die Zeit und die Ruhe genommen, sie zu bemerken – es herrschte Streit, schon seit Tagen.

Angefangen hatte es mit der Ankündigung Don Antonios, er wolle die gesamte Tabbak-Ernte des Jahres innerhalb einer Woche einholen, um danach genug Zeit zu haben, noch vor der Regenzeit das Waldstück hinter dem grossen Fluss zu roden – er habe es gekauft, es gehöre jetzt also mit zur Plantage und müsse dementsprechend auch bewirtschaftet werden.

Wer das machen sollte, hatte man gefragt – es ging nicht nur um die Erntearbeiten dieser einen Woche oder um das Roden einiger hundert Meter Wald. Das allein war zwar eine elende Schinderei, aber die Sklaven auf Don Antonios Farm waren diese Art von Grausamkeiten bereits gewohnt – sowohl von ihrem alten Aufseher, Philipp, als auch von Don Antonio selbst, in den wenigen Wochen, die seit Philipps Tod vergangen waren.

Es ging darum, dass Don Antonio mit keinem Wort erwähnt hatte, dass er plane, für das neue Stück Land auch zusätzliche Arbeitskräfte anzuschaffen, sich also eine der zusätzlichen Arbeit angemessene Anzahl neuer Sklaven zu kaufen.

Was bedeutete, die bisherigen Sklaven würden die Arbeit zusätzlich mit erledigen müssen. Sie würden in derselben Zeit fast die doppelte Menge an Land bepflanzen, pflegen und ernten müssen wie bisher. Und auch bisher hatten sie schon soviel geschuftet, dass ihr Leben aus nichts anderem mehr als Arbeit und einem Minimum an Schlaf bestand.

Der freie Sonntag solle gestrichen werden, hatte man gehört. Solange, bis sich das neue Stück Land rentiert hatte – dann würde vielleicht darüber nachgedacht werden, zusätzliche Arbeitskräfte zu erwerben.

Es war zu Protesten gekommen, man hatte die Arbeit niedergelegt – und dutzende und aberdutzende Peitschenhiebe ertragen, mit denen der jähzornige Don Antonio ihnen seinen Willen einzuprügeln gedachte.

Vorgestern war dann einer von ihnen, Bob, ein nicht mehr ganz junger Sklave, dessen Haar schon fast grau geworden war, nach seiner “Bestrafung” nicht mehr vom Boden aufgestanden. Man hatte versucht, ihm mit kalten Umschlägen, Kräutern und schliesslich mit verzweifelten Gebeten wieder auf die Beine zu bringen, aber es war zu spät gewesen – gestern Morgen kurz nach Sonnenaufgang war Bob in den Armen seiner jüngsten Tochter verstorben.

Als Don Antonio dann beim morgendlichen Arbeitsantritt über den Vorfall kommentarlos hinweggehen wollte, war es zum Eklat gekommen: Joshua, der als Sprecher der Arbeiter fungierte, hatte die Hand gegen seinen Herrn erhoben und ihn mit einem einzigen Fausthieb niedergeschlagen. Joshua war daraufhin geflohen – er wusste, wenn man ihn jetzt finden würde, würde man ihn ohne weitere Verzögerung am nächsten Baum aufknüpfen.

Niemand vermochte zu sagen, wo Joshua sich aufhielt – wenigstens war das das Bild, dass sich Don Antonio bot, als er kurze Zeit später wieder aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte. Er schickte Suchtrupps aus, mit dem Befehl, Joshua aufzuspüren und zurückzubringen, oder ihn, im Falle eines Fluchtversuchs wie einen Hund niederzuschiessen.

Die Sklaven auf seiner Plantage hatten die Arbeit wieder aufgenommen, aber es war wie die Ruhe vor dem Sturm – ein falsches Wort, und die Situation würde umkippen, und es würde ein Blutbad geben, wie es schon sehr, sehr lange auf keiner Plantage dieser Gegend mehr vorgekommen war.



6.



Ebenso schnell, wie in den Ländern Afrikas die abendliche Sonne hinter dem Horizont verschwindet und die eben noch lichtdurchflutete Landschaft vorwarnungslos in tiefe Finsternis hüllt, folgt auch der nächste Tag wieder fast ohne vorbereitende Morgendämmerung auf die Nacht.

Die Bewohner dieser Gegend wissen dies natürlich, und sie wissen auch, wann die Sonne aufgehen wird um ihnen den Schutz der Nacht zu rauben – und wenn sie diesen Schutz brauchen, wissen sie schnell und unauffällig zu handeln.

Ein Schatten schlich sich am frühen Morgen auf die Plantage des Don Marco, und sofort erschienen weitere Schatten, um ihn fast im selben Moment, in dem er das Plantagengelände betreten hatte, in einer der klapprigen, baufälligen Hätten zu ziehen, die während der Regenzeit den Sklaven als Unterkünfte dienten. Er verschwand, als wäre er nie dagewesen. Trotzdem hatte das Leben, das nach dem schon bald danach stattfindenden Sonnenaufgang wieder erwachte, eine andere Farbe, einen anderen Klang als sonst – ohne, das auch nur ein Wort darüber verloren wurde, wusste jeder, was passiert war. Man begann den Tag wie jeden anderen, der alte Joseph goss die Setzlinge auf den beiden kleinen Beeten vor der Küche, die Sklaven bereiteten die Arbeit auf dem Feld vor, der Aufseher sah ihnen dabei verschlafen und mürrisch auf die Finger – und während man all diese Dinge tat, wartete man. Man wartete darauf, was geschehen würde, wartete, wie sich dieser ungewöhnliche neue Klang, der sich unverhofft in das tägliche Konzert von Schweiss und Arbeit gemischt hatte, entwickeln würde, wenn er schliesslich zu seiner vollen Entfaltung gelangte – würde er leise und folgenlos verklingen, oder würde er zu einem Paukenschlag werden, der das Leben auf der kleinen Plantage nachhaltig verändern würde…?

Don Marco hatte schlecht schlafen können in dieser Nacht, es gab ungute Neuigkeiten. Die Vorfälle auf Don Antonio’s Plantage bestätigten die Befürchtungen, die er seit langem hatte, wenn er sah und hörte, wie die anderen Plantagen geführt wurden.

Ganz abgesehen davon, dass es eine dumme, kurzsichtige Illusion war zu glauben, ein System menschenverachtender Unterdrückung könne dauerhaft funktionieren – woher namen diese Leute das Recht her, andere Menschen wie Vieh zu behandeln? Sicherlich musste auch er ab und an ein strenger Herr sein, aber er ging mit dieser Strenge nie über das hinaus, was notwendig war, um ein reibungsloses Funktionieren der Plantage sicherzustellen – im Interesse aller. Die Peitschenhiebe, die er Mike und Stuart angedroht hatte, waren nicht ausgeführt worden – wozu auch? Ihr Hass und ihr Ungehorsam hatten nichts mit den Verhältnissen auf seiner Plantage zu tun – er hatte sich ernste Gedanken über die Ursache dieses Konfliktes gemacht, jetzt kannte er sie.

Als er am späten Vormittag hinaus auf die Veranda trat, um eine kurze Pause bei seiner Verwaltungsarbeit zu machen, sah er fern am Horizont eine ganze Karawane der erst seit kurzem in dieser Gegend üblich gewordenen Reitpferde auftauchen – er dachte einen Moment nach und schüttelte dann langsam den Kopf. Die Vorfälle auf Don Antonio’s Plantage gingen ihn nichts an: Er hatte sich nie in die Angelegenheiten anderer Leute eingemischt und gedachte dies auch in Zukunft so zu halten. Sollte Don Antonio seine Probleme alleine lösen.



7.



Das Herz der alten Maria klopfte so laut und stark wie schon seit Jahren nicht mehr – während sie wie jeden Tag damit beschäftigt war, die Zutaten für das Mittagsmahl vorzubereiten, warf sie alle paar Sekunden einen ängstlichen Blick auf den erschöpften, ausgemergelten Jungen, der in einer Ecke auf einem Stuhl hockte und hungrig einen Teller Suppe in sich hineinschaufelte.

Sie hatte sich seine Geschichte angehört, nachdem die anderen Sklaven ihn heute Morgen in aller frühe in ihre Obhut gegeben hatten, und was sie gehört hatte, hatte sie zutiefst verängstigt – verängstigt, aber auch empört. Es konnte nicht recht sein, dass man diesen jungen Menschen hier seinem sicheren Tod auslieferte, nur weil er für einen kurzen Moment die Nerven verloren hatte – insgeheim wünschte sie sich, er hätte noch etwas härter zugeschlagen und dieser Hund von einem Gutsherren wäre erst gar nicht wieder aufgewacht. Sie wusste nicht, was mit ihr passieren würde, wenn Don Marco Joshua bei ihr finden würde. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er sie auspeitschen oder davonjagen würde, aber dennoch hatte sie Angst.

Ihre Angst erreichte gerade in diesem Moment einen schrecklichen Höhepunkt, denn sie sah, dass vor den Toren der Plantage sechs oder sieben Reiter auftauchten, bewaffnet und mit finsteren, bedrohlichen Mienen – in einem der Reiter erkannte sie Don Antonio selbst. Zur gleichen Zeit sah sie, wie ihr eigener Herr dicht am Küchenfenster vorbeilief. Er warf einen kurzen, beiläufigen Blick durch das Fenster, und ein kaum wahrnehmbarer Ruck ging durch seine Gestalt – in diesem Moment glaubte Maria, sie müsse vor Angst sterben. Einem ahnungslosen Beobachter wäre die winzige Pause, die Don Marco auf seinem Weg zum Plantagentor machte, wahrscheinlich nicht mal aufgefallen – sie aber hatte genau gesehen, wie Don Marcos Blick auf Joshua gefallen war, der mit schreckgeweiteten Augen nach draussen gestarrt hatte – es war klar, warum die Reiter vor dem Tor standen, und seit eben war auch klar, dass Don Marco wusste, wen sie hier in ihrer Küche versteckt hielt.



8.



Während des winzigen Augenblickes, in dem sein Blick den des jungen Joshua gekreuzt hatten, waren ihm zwei Dinge klar geworden: zum einen wusste er jetzt, dass er ein grösseres Problem hatte als die gelegentlichen Verspätungen einiger seiner Sklaven – und zum anderen wurde ihm klar, dass das Leben dieses jungen Mannes, über dessen Schuld er im grossen und ganzen das gleiche dachte wie die alte Maria, jetzt in seinen Händen lag.

Er war sich sicher, dass keiner der sechs Männer, die vor seinen Toren standen und die er im nächsten Augenblick wie es die Gastfreundschaft gebot in den Hof hinein geleiten würde, etwas von seinem Zögern bemerkt hatte – dafür hatte er sich zu schnell wieder gefangen. Er war sich aber auch sicher, dass Joshuas Leben keinen Pfifferling mehr wert sein würde, wenn sie einmal begonnen haben würden, auf seiner Plantage nach ihm zu suchen.

“Good Morning, Gentleman – was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?”

Vielleicht, dachte er, könnte er etwas Zeit gewinnen und somit Joshua Gelegenheit geben, sich ein sicheres Versteck zu suchen – eine Illusion, wie er selber wusste.

“Was oder wen wir suchen dürfte Euch bekannt sein – ein Teil meines Eigentums hat sich versehentlich auf Eure Plantage verirrt, und falls Ihr erlaubt, würde ich es gerne wieder mit nach Hause nehmen.”

Don Antonio sass stolz und aufrecht in seinem Sattel, und dass, was er sagte, ging nur haarscharf an einer bewussten Drohung Don Marco gegenüber vorbei – es war allgemein bekannt, dass die beiden sich nicht mochten.

“Euer Eigentum auf meiner Plantage? So müsstet Ihr es selbst hier hereingebracht und bei Eurer Abreise vergessen haben – denn Eigentum kann sich doch nicht von selbst fortbewegen. Aber das ist merkwürdig – ich kann mich an keinen Besuch innerhalb der letzten Zeit von Eurer Seite erinnern…”

Don Marco war erschreckt darüber, wie angriffslustig seine eigene Stimme klang – was war es, dass sich hier anbahnte?

“Es ist ein ganz spezielles Eigentum, dass mir verlustig gegangen ist – ein Eigentum mit zwei Beinen, um genau zu sein, und ein solches Eigentum kann sich durchaus von selbst auf Euren Grund und Boden bewegen. Allerdings, sich dort zu verstecken und sich vor den Augen seines Herrn verborgen zu halten, dazu braucht es Jemanden, der ihm hilft…”

In diesem Moment erst wurde Don Marco bewusst, dass die sechs Männer, die ihm gegenüber standen, bewaffnet waren – offenbar hatte Don Antonio geahnt, dass …ja, was eigentlich? Hatte er nicht eben noch gesagt, die Angelegenheiten anderer Plantagen gingen ihn nichts an? Don Marco zögerte…dann fielen ihm die gehetzten, angstgeweiteten Augen wieder ein, mit denen Joshua ihn gerade eben noch angeschaut hatte. Wenn er jetzt nachgeben würde, würde das nicht heissen, dass er bewusst und willentlich das geschehen liess, Schuld an dieser panischen Angst war?

Don Marco holte tief Luft und traf dann eine Entscheidung.

“Ich bin mir sicher, Don Antonio – auf meiner Plantage befindet sich nichts, was Euch gehört. Du hast den weiten Weg umsonst gemacht.”

Er hielt Don Antonios wütenden, bohrenden Blick noch einige Sekunden stand, dann drehte er sich um und ging langsam zurück zum Hauptgebäude der Plantage. Gegen die Weigerung, ihn bei seiner Suche zu unterstützen, war Don Antonio machtlos. Es stand im Ermessen eines jeden Plantagenbesitzers, etwaigen Besuchern das Gastrecht zu verweigern – und genau das hatte er eben getan. Don Antonio würde unverrichteter Dinge wieder nach Hause reiten müssen. Während er an den links und rechts von ihm stehenden Sklaven vorbeischritt, spürte er ihre Blicke auf ihm ruhen.

Er hatte die Treppe, die zur Veranda des Hauptgebäudes führte, beinahe erreicht, als ihn eine Kugel in die linke Schulter traf und ihn zu Boden riss.



9.



Die Regenzeit würde bald beginnen, jeden Tag türmten sich mehr und höhere Wolkenberge am Himmel auf, und nur noch vereinzelt drangen die wärmenden Strahlen der Sonne direkt und ungehindert auf die Erde.

Die alte Maria stand in der Küche und bereitete – wie schon seit Jahren – das Essen vor. Sie tat dies heute mit etwas mehr Ruhe und Bedacht als sonst, und wahrscheinlich würde sie sich gleich ordentlich beeilen müssen, um noch rechtzeitig fertig zu werden. Aber das war nicht schlimm – in ihrem Herzen herrschte Frieden, und die friedlichen Momente des Lebens sollte man ehren und ihnen den Raum geben, den sie benötigen – sind sie doch selten genug.

Maria sah auf die Veranda hinaus, dorthin, wo Don Marco mit einem grossen, sorgsam gewickelten Schulterverband in seinem Stuhl sass und sein Gesicht in die Sonne hielt. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre tot gewesen, letzte Woche, als der Streit, der schon lange zwischen ihm und Don Antonio geschwelt hatte, eskaliert war. Jetzt aber war alles gut – die Verwundung war nicht schwer, und Don Marco würde seinen Arm bald wieder gebrauchen können. Joshua hatte ein Unterkommen hier auf der Plantage bekommen, und Don Antonio war, nachdem der alte John die jüngeren – und auch die älteren – Sklaven nur mit Mühe hatte davon hatte abhalten können, ihn zu lynchen – nie mehr wieder hier aufgetaucht. Man hörte, er zeige jetzt mehr Respekt vor seinen Sklaven – vielleicht nicht mal deshalb, weil er von dem, was vorgefallen war, auch nur das Geringste verstanden hatte, sondern weil der Wind in dieser Gegend Neuigkeiten schnell verbreitet und es eine Zeitlang so schien, dass auch nicht einer der anderen Gutsherren noch bereit gewesen wäre, mit ihm Geschäfte zu machen.

Maria wandte sich wieder ihrer Gemüsesuppe zu, während draussen vor dem Fenster der alte John die Setzlinge mit frischen Wasser aus der kleinen, kupfernen Kanne goss und dabei friedlich vor sich hinsummte.

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