Der Eindringling

oder: Tod eines feigen Schmarotzers

Sein Blick lag unruhig auf dem schweren, goldenen Siegelring vor ihm auf dem Schreibtisch.
An Tagen wie heute wurde ihm deutlich, wie groß die Verantwortung war, die sein Titel ihm auferlegte. Fürst von Brandenburg – für seine Untertanen klang das nach einer reichen, prunkvollen Existenz voller Glanz, Ruhm und Müßiggang. Und – ja, in vieler Hinsicht traf dieses Bild zu. Es gab all diese Dinge in seinem Leben, und meist genoss er sie in vollen Zügen.
Aber er wusste auch – und er bezweifelte, ob das seinen Untertanen klar war – wie zerbrechlich all dies war, wie schnell auch sein – gerade sein – Glück zuende gehen konnte.
Eine falsche Entscheidung, eine zu ungünstigem Zeitpunkt verlorene Schlacht, und alles würde vorbei sein….
Neben dem Siegelring auf dem Tisch lag eine noch unbeschriebene Pergamentrolle – sie sollte die Truppenbefehle für den nächsten Tag enthalten, aber bis jetzt war es ihm noch nicht gelungen, zu einer Entscheidung zu gelangen.
Es stand nicht gut für sein Heer – nach zwei verlorenen Schlachten lag der Feind jetzt bereits vor den Toren der Stadt. Die Macht seiner eigenen Truppen war zwar noch nicht gebrochen, aber zweifelsohne schon deutlich dezimiert. Was noch schlimmer war: Es war zu vereinzelten Fällen von Meuterei gekommen – nicht alle seine Befehle wurden ausgeführt, wenn das so weiterginge, würde die Macht ihm entgleiten.
Im Hintergrund konnte er die nächtlichen Geräusche des Schlosses hören – die Stallknechte, die die Pferde hereintrieben und die Gatter verschlossen, die Küchenjungen, die schon jetzt mir der Vorbereitung des morgigen Festmahls begonnen hatten, und die Kammerdiener, die Zimmer um Zimmer entlanggingen und die Bettpfannen für die Herrschaft des Schlosses hereinbrachten.
Sein Blick traf wieder auf die vor ihm liegende, leere Urkunde. Die Sicherung der Stadt und des Schlosses musste Vorrang vor allem anderen haben, möge die Armee draußen sich schlagen, so gut sie konnte. Er würde morgen den Befehl geben, die Stasttore zu schliessen und auch nach Sonnenaufgang für niemanden mehr zu öffnen.
Entschlossen tauchte er die seit geraumer Zeit in seiner Hand liegende Feder in das dazugehörige Tintenfass. Aber gerade, als er zum Schreiben ansetzten wollte, ertönte direkt hinter ihm ein leises Knarzen, zwei grosse, schwere Hände legten sich um seinen Hals und drückten langsam, aber unerbittlich zu.

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