Das Verlorene Christkind


Prolog

‚Brrrr….!‘
Kalt war es draußen, der Wind Pfiff einem durch den Mantel, durch die lange, dicken Stoffhose und sogar durch die wollenen Handschuhe, so dass man das Gefühl hatte, die Finger gefrören einem zu lauter Eiszapfen.
Das Christkind stieß einen tiefen Seufzer aus und blieb einen Augenblick stehen. Der Sack auf seinem Rücken war so schwer! Wie jedes Jahr war es wieder unterwegs, um all die Geschenke, die für all die lieben Kinder auf der Erde bestimmt waren, zur großen Geschenk-Verteilungs-Station im großen Wald zu bringen.
Und das waren viele Geschenke, weil es viele liebe Kinder auf der Erde gab und auch wirklich jedes ein schönes Geschenk bekommen sollte.
Dementsprechend schwer war auch der Sack.
Das Christkind liebte die Kinder, und es machte seine Arbeit sehr, sehr gerne, aber manchmal, wenn der Sack besonders schwer war, der Wind besonders kalt Pfiff und seine kleinen Stiefelchen besonders tief in den Schnee einsackten, fühlte es sich auch sehr müde.
Noch einmal seufzte es und sah sich um: Die Straße, die es gerade entlang lief, war groß und breit, und gerade links vor ihm war ein schönes altes Haus mit hell erleuchteten Fenstern voller gemütlicher, bunter Lichter. Wie schön warm und gemütlich musste es in diesem Haus sein! Wenn es doch nur eine kleine Pause machen könnte, nur für einen Augenblick den schweren Sack ablegen und vielleicht die Stiefel ausziehen und die durchgefrorenen Füßchen ein wenig am Kaminfeuer wärmen könnte!
Es zögerte noch einen Moment, dann entschloss es sich, zum erstenmal in all der langen, langen Zeit, in der es den Menschenkindern Geschenke brachte, eine unerlaubte Pause zu machen und klopfte dann vorsichtig an die Glastüre, die in das so warme und so schön beleuchtete Haus führte.

I.

Es waren einmal zwei kleine Mädchen, die kleine Jule und die kleine Marion. Die beiden waren Schwestern und lebten zusammen mit ihren Eltern in einem kleinen gemütliche Haus mit einem kleinen Garten, roten Dachziegeln und Blumenkästen mit bunten Blumen vor den Fenstern.
Seit einiger Zeit aber waren die Blumen in ihren Kästen mit Schnee bedeckt, und auch das Dach war nicht mehr rot, sondern weiß – es war Winter geworden, das Jahr neigte sich seinem Ende zu, und gerade heute war ein ganz besonderer Tag: Heute war der Heilige Abend, die Nacht, in der vor langer, langer Zeit das Christkind geboren worden war.
Das wussten die kleine Jule und die kleine Marion, und sie freuten sich sehr darüber, das Weihnachten war, denn sie wussten auch, das jedes Jahr zu Heilig Abend das Christkind auf die Erde herunter kam und allen Kindern auf der Welt Geschenke brachte.
Aber die beiden waren auch neugierig und vorlaut, besonders die kleine Marion war manchmal richtig frech! Und heute morgen, als ihr Vater im Wohnzimmer den Christbaum geschmückt hatte, hatten die beiden, obwohl es ihnen vorher von der Mutter verboten worden war, heimlich durchs Schlüsselloch geschaut – dabei sollten sie den Baum doch erst sehen, wenn das Christkind die Geschenke gebracht hatte!
Und deshalb (und weil sie sich leider auch noch dabei hatten erwischen lassen), mussten sie jetzt den Nachmittag auf dem Speicher verbringen. Das war eigentlich nicht weiter schlimm, denn der Speicher war herrlich warm und in den Ecken lagen viele alte und geheimnisvolle Gegenstände, mit denen man herrlich spielen konnte.
Die beiden waren sehr oft hier und dachten sich Geschichten und große Abenteuer aus, eigentlich war es für sie das schönste Zimmer im ganzen Haus. Aber sie hatten eine Strafe bekommen, denn sie waren ungezogen gewesen, und Ordnung muss sein!
Traurig sahen die kleine Jule und die kleine Marion zum Fenster hinaus und sahen, wie die Schneeflocken durch die Luft wirbelten. Wie gerne wären sie jetzt draußen im Schnee und würden Schlitten fahren oder einen Schneemann bauen!
Als sie so in die Welt hinaus schauten und gerade von einer wilden Schneeballschlacht träumten (was ihnen im Grunde genommen viel lieber war, als wirklich draußen im Schnee zu sein und kalt und nass zu werden), sahen sie, das von draußen her ein großer bunter Vogel auf sie zu geflogen kam….
Erstaunt sahen sich die kleine Jule und die kleine Marion an: so einen Vogel hatten sie überhaupt noch nie gesehen! Er hatte große, grüne Flügel, sein Bauch war mit flauschigen, gelben Federn bedeckt, und sein Kopf – ja, der Kopf schien Rot zu sein, aber das konnte man nicht so genau erkennen, denn der Vogel hatte sich zum Schutz gegen den kalten Winter eine große, weiße Strickmütze aufgesetzt, die so tief in sein Gesicht gezogen war, dass man eigentlich nur noch den krummen Schnabel sehen konnte, der keck und vorlaut in die Welt hinaus ragte. Außerdem trug der Vogel noch einen langen weißen Schal, den er sich um den Hals gewickelt hatte und der ihn ein wenig beim Fliegen störte, da er sich andauernd in den Flügeln verhedderte.
Mit einem letzten kunstvollen Flügelschlag (bei dem er es irgendwie fertig brachte, den Schal, der sich gerade mal wieder höchst störend unter den linken Flügel geklemmt hatte, mit einem galanten Schwung wieder über seinen Rücken zu werfen), landete der große bunte Vogel schließlich auf dem Fensterbrett.
‚Haa…tschi!!‘ machte er, schnäuzte sich in seinen Schal und sagte: ‚Mann oh Mann, ich kann Euch sagen, Kinder: kalt ist’s da draußen, keinen Hund sollte man vor die Türe jagen, und so einen feinen, empfindsamen Vogel wie mich schon mal gleich gar nicht. Aber das ist eine Sache! Habt ihr’s schon gehört? Es ist schrecklich!‘
Während er das sagte, war er langsam vom Fensterbrett herunter gehüpft und hatte sich unauffällig, aber zielstrebig in Richtung Heizung bewegt, und legte jetzt genussvoll immer abwechselnd den rechten und den linken Flügel obendrauf.
‚Aber ich bin ja schon wieder so unhöflich, platze hier einfach so rein ohne mich vorzustellen: Gestatten: Roberto, ehemals erster Solopfeiffer und -Sänger der Rabensburger Hofoper, Träger des Kann-Arien-Ordens II. Klasse, jetzt aber im Dienst der Grossen Poststation der Waldtiere, Dienstzeit: Dezember bis Januar. Brrrr! Genau dann, wenn all meine Kollegen in den warmen Süden zum Badeurlaub fliegen, oder wenigstens zum Skifahren in die Berge! Aber sagt, wie heißt ihr beide denn?‘.
Zuerst waren die kleine Jule und die kleine Marion vollkommen sprachlos gewesen und hatten sich vorsichtig an einander geklammert, jetzt aber, als sie sahen, dass der Vogel sehr nett war und sogar sprechen konnte, waren sie (wieder) zu aller erst mal neugierig, und die kleine Marion sagte: ‚Ich bin die kleine Marion, und das ist meine Schwester, die kleine Jule. Wir müssen als Strafe hier oben bleiben, weil wir heimlich den Weihnachtsbaum angeschaut haben. Und jetzt langweilen wir uns! Wir wünschten, es würde endlich Abend, und das Christkind käme, damit wir wieder nach unten dürfen!‘
‚Und unsere Geschenke auspacken dürfen!‘ sagte jetzt die kleine Jule, die jetzt auch keine Angst mehr hatte. Sie hatte sich ein rotes Feuerwehrauto gewünscht, und sie konnte es vor Vorfreude kaum noch aushalten. ‚Weißt Du vielleicht, lieber Vogel, wie lange es noch dauert?‘
(…)
Während sie das sagten, wurde der große bunte Vogel ganz unruhig und begann, aufgeregt von einem Bein aufs andere zu hüpfen. „Ihr wisst es also tatsächlich noch nicht! Alle Tiere des großen Waldes sind in heller Aufregung, das Christkind sollte nämlich schon längst da gewesen sein. Es kommt immer kurz nach dem Mittagessen mit seinem großen Geschenkesack zu uns, damit wir ihm bei der Endverteilung helfen können. Bisher ist es in jedem Jahr pünktlich gewesen, weil es nämlich den Schokoladenpudding so gerne mag, den es an Heiligabend bei uns immer gibt. Aber dieses Jahr – nichts! Keine Spur vom Christkind! Zappzarapp, und was nun?
Mit Weihnachten wird es dieses Jahr ein übles Ende nehmen, das kann ich Euch sagen! Und jetzt haben sie mich suchen geschickt. Mich! Als ob ich’s wieder herbeizaubern könnte..“
Sprach’s, und vergrub traurig den Kopf in den Federn. So blieb er einige Zeit, dann hob er den rechten Flügel ein wenig, so dass er mit einem Auge hinausschauen konnte, und sagte: „Habt ihr beide nicht vielleicht Lust, mir ein bisschen unter die Flügel zu greifen und beim Suchen mitzuhelfen?“
Die kleine Jule und die kleine Marion waren geradezu begeistert von dieser Idee, aber plötzlich fiel ihnen ein, dass sie ja auf dem Speicher bleiben mussten.
„Wir würden Dir gerne helfen, lieber Roberto, aber wie sollen wir denn von hier oben runterkommen? Unsere Eltern lassen uns doch erst wieder nach unten, wenn das Christkind da war, und wenn es jetzt doch gar nicht kommt, dann…“
Die kleine Jule fing beinahe an zu weinen, als sie die ganze Tragweite der Problematik erkannte – was wäre, wenn sie beide jetzt für immer und immer oben auf dem Speicher bleiben müssten…?
„Ach, darüber macht Euch mal keine Sorgen.“, sagte da Roberto. „Ihr beide seit ja noch klein, ihr könnt bequem auf meinem Rücken reiten.“
Er nahm den Kopf wieder aus den Federn, hüpfte zum Fenster zurück und spreizte galant die Flügel. „Kommt, steigt auf! Übrigens, ihr könnt mich Rob nennen.“

II.

Mit großen Augen sahen die kleine Jule und die kleine Marion auf die schneebedeckte Landschaft hinunter. Eng klammerten sie sich aneinander und an Robs Hals fest, während die kalte Winterluft ihnen über die Mützen pfiff.
Sie hatten sich dick in zwei alte Mäntel eingemummt, die sie auf dem Speicher gefunden hatten, und waren dann mit klopfendem Herzen auf Robs Rücken geklettert – würde das wohl gut gehen, sie beide alleine auf dem Rücken eines Vogels ? Beide hatten im letzten Sommer die große Schaukel auf dem Spielplatz an der Ecke entdeckt und festgestellt, das man sich, wenn man so richtig hoch schaukelte, beinahe so fühlte, als ob man flöge. Auch waren sie vor einiger Zeit mal auf einem echten Zirkuselefanten geritten, und auch dabei hatten sie nach einiger Zeit keine Angst mehr gehabt. Aber das hier, das war schon noch etwas anderes!
Obwohl, als Roberto eine Kurve nach der anderen drehte, mit großem Schwung einige Bäume umflog und schließlich sogar eine Ehrenrunde um den Kirchturm einlegte, begann die Sache, richtig Spaß zu machen! Nach einiger Zeit merkten sie aber, das sie eigentlich immer dieselben Straßen und Häuser entlang flogen, und nachdem sie die Runde um den Kirchturm zum dritten Mal gemacht hatten, fingen sie an, sich ein wenig zu wundern:
„Sag mal, lieber Rob, wohin fliegen wir eigentlich?“ fragte die kleine Marion, die vorne saß.
Roberto schien sie nicht recht zu hören, und setzte statt dessen zu einem besonders eleganten Looping an, den er mit einer weiteren kunstvollen Kapriole um den Kirchturm abschloss.
„Hallo?“
Die kleine Jule und die kleine Marion überlegten schon, ob Rob vielleicht während des Fliegens eingeschlafen sein könnte, und was in so einem Fall wohl zu tun wäre, als sie plötzlich an Höhe verloren und landeten, zufällig genau neben der großen Schaukel vom letzten Sommer. Roberto spreizte wieder die Flügel, so, wie er es zu Beginn ihres Fluges vor dem Speicherfenster getan hatte, und die beiden stiegen ab.
„Das war aber schön!“ sagte die kleine Jule. „Aber, lieber Rob, warum hast Du uns hierhin geflogen? Können wir das Christkind denn hier irgendwo finden?“
Roberto schaute die beiden Kinder erst mit seinen großen, schwarzen Augen an, dann senkte er etwas betreten den Kopf.
„Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, wo wir hinfliegen sollen. Ich dachte, Ihr hättet vielleicht eine Idee…?“
Die kleine Jule und die kleine Marion wussten auch nicht so richtig, wo man am besten ein Christkind sucht – ratlos standen die drei auf dem Spielplatz, und als sie sich umschauten, merkten sie, dass direkt neben ihnen auf der großen Schaukel ein kleines Mädchen saß, ungefähr genauso groß wie die kleine Jule und die kleine Marion. Es hatte eine dicke blaue Mütze tief in die Stirn gezogen, hatte die Arme fest um sich selbst geschlungen und sah aus, als fröre es ein wenig.
„Hallo, wer bist denn Du?“ fragte Roberto das kleine Mädchen, das jetzt freundlich, wenn auch ein bisschen ängstlich zu ihnen herüber sah. „Du siehst aus, als würdest Du frieren. Können wir Dir vielleicht helfen?“
Während dessen gingen die kleine Jule und die kleine Marion ein Stück auf das kleine Mädchen zu, und auch Rob war ein paar Schritte noch vorne gehüpft, so dass sie jetzt alle vier eng nebeneinander standen.
„Ich bin die kleine Karolin,“ sagte das kleine Mädchen mit der blauen Mütze, und die Schüchternheit war aus seinen Augen verschwunden. Man konnte aber jetzt sehen, dass ihm wirklich sehr kalt war. „Ich bin eine verlorene Glücksfee – eigentlich bin ich dazu da, den Menschen zu helfen und ihnen Gutes zu tun, jedenfalls war das ursprünglich so gedacht – glaube ich. Aber die Menschen wollen eigentlich gar nicht, das jemand ihnen Glück bringt, die haben ja gar keine Zeit. Ich verstehe das alles selber nicht so ganz, ich bin ja noch eine ganz junge Glücksfee. Es ist nur so, wenn ich keine Menschen habe, für die ich da sein kann, dann weiß ich auch nicht, wo ich hin soll, und deshalb sitze ich jetzt hier ganz alleine auf der Schaukel. Habt ihr nicht vielleicht einen Mantel oder eine Decke für mich? Mir ist so kalt!“
„Du Arme!“ sagte die kleine Jule, und zog sofort ihren Mantel aus, um ihn der kleinen Karolin zu geben. Der passte auch wie angegossen, das Problem war nur, das die kleine Jule jetzt selber viel zu dünn angezogen war und fror, auch wenn sie sich bemühte, es nicht zu zeigen.

/
Für dieses Problem gab es offensichtlich nur eine Lösung – nach einigem Hin und Her wurde beschlossen, dass eins der Kinder geschlachtet werden musste.

Als dies geschehen war, hatten die drei übrigen eine zeitlang etwas Fleisch und machten jeden Abend ein Feuer und brieten das, was noch übrig war. So lebten sie einige Wochen glücklich und zufrieden, danach ging jeder seiner Wege.

/

Das führte dazu, dass jetzt die kleine Marion ihren Mantel auszog und ihn der kleinen Jule gab, und dann selber anfing zu bibbern – so ging es offenbar nicht. Nach einigem Hin und Her nahmen die kleine Jule und die kleine Marion die kleine Karolin in die Mitte und wärmten sie so. Außerdem bekam sie von Rob den Schal und die Mütze.
„Die brauche ich nur, wenn ich Fliege!“ sagte er, und Fliegen, das ging jetzt nicht mehr, denn drei Kinder waren einfach zu schwer. Denn als die drei erzählt hatten, warum sie hier waren, und dass sie das Christkind suchten, wollte die kleine Karolin natürlich unbedingt bei der Suche mithelfen.
Da den drei Mädchen aber trotz allem noch kalt war, gingen sie in Richtung der nächsten beleuchteten Fenster, die sie sahen – vielleicht konnte ihnen da jemand einen Mantel leihen oder einen heißen Tee kochen.
Nachdem sie einige hundert Meter gegangen waren, kamen sie auf eine große, breite Straße, an der links und rechts einige Häuser standen, aus denen Licht nach draußen schien. Die vier hätten gerne irgendwo geklingelt und um Hilfe gebeten, aber sie trauten sich doch nicht so richtig. Was wäre, wenn man sie auslachen oder einfach wieder fort schicken würde?
Aber ihnen war doch kalt, und sie mussten etwas unternehmen. Schließlich, als sie gerade an einem großen, besonders schönen Haus mit einem runden Torbogen vorbeikamen, aus dem es im obersten Stock besonders schön leuchtete, sagte die kleine Karolin:
„Ich glaube, hier sollten wir es mal probieren. Ich habe so ein Gefühl, das hier nette Leute wohnen.“
Zuerst waren die anderen drei etwas skeptisch, aber dann sagten sie sich, den Ratschlägen einer Glücksfee sollte man wohl folgen, auch wenn sie noch ganz klein war und keine rechte Erfahrung im Glückbringen hatte.
Sie traten durch den großen runden Torbogen, suchten einige Zeitlang nach der richtigen Klingel, dann drückte Roberto (die anderen drei waren leider zu klein, da die Klingel für das oberste Stockwerk natürlich auch ganz weit oben war) mit seinem Schnabel zweimal kräftig auf den Klingelknopf.
Die kleine Anja und die kleine Anna-Maja waren schon seit fast zwei Stunden eifrig in der Küche zugange. Während die kleine Anna-Maja zahllose Tomaten, Oliven, Paprika und Zwiebeln säuberlich in kleine Stücke schnitt, knetete die kleine Anja angestrengt an einem großen Klumpen Teig, aus dem die beiden dann zusammen mit den anderen Zutaten eine riesengroße Pizza machen wollten (oder besser, mehrere mittelgroße, den die beiden armen Mädchen hatten nur einen ganz alten, klapprigen Herd mit einem kleinen Backofen, und in den passte der ganze Teig einfach nicht auf einmal rein).
Zusammen mit dem kleinen Sebastian und dem kleinen Christian wollten sie heute den Heiligabend mit einem großen Fest begehen. Am Vormittag hatten die beiden Jungen dann auch alle Zutaten gekauft und sie – zusammen mit vielen schweren Saft-, Wein- und Bierflaschen – nach oben in die Wohnung getragen. Jetzt waren sie, um sich nach all der Schlepperei ein klein wenig auszuruhen, in das Glas-Bier-Geschäft an der Ecke gegangen. Sie hatten fest versprochen, nicht lange zu bleiben und würden sicherlich gleich zurück sein.
Als es an der Türe klingelte, dachten die kleine Anja und die kleine Anna-Maja natürlich sofort an den kleinen Sebastian und den kleinen Christian, und freuten sich, dass sie jetzt nicht mehr alleine sein (bzw. kochen) mussten. Und die Verwunderung war groß, als die Besucher sich als die kleine Jule, die kleine Marion, die kleine Glücksfee Karolin und der Roberto herausstellten, die froren und auf der Suche nach dem Christkind waren….
Einige Zeit später saßen die sechs gemütlich beim Schein einiger Kerzen und einer schönen, bunten Lichterkette zusammen um den Küchentisch herum. Die Pizzas hatten sie alle zusammen schnell fertig bekommen, sie mussten nur noch eine nach der anderen in den kleinen Ofen geschoben werden. Dafür musste man aber noch auf den kleinen Sebastian und den kleinen Christian warten, die beiden waren immer noch nicht aus dem Glas-Bier-Geschäft an der Ecke zurück.
„Da habt Ihr drei aber schon einen langen Weg hinter Euch!“ sagte gerade die kleine Anna-Maja, der die Geschichte, die sie gerade gehört hatte, richtig ans Herz ging. „Aber was machen wir nur, wenn wir das Christkind jetzt gar nicht finden?“
„Ich weiß auch nicht, wo man nach so etwas suchen soll“ sagte die kleine Anja, die ebenfalls sehr betroffen war, allerdings aber auch die allgemeine Betrübtheit dazu benutzte, unauffällig kleine Stücken Paprika vom Backblech zu naschen.
Gerade als niemand mehr einen Rat wusste und sich ein trauriges Schweigen breit zu machen drohte, hörte man, wie sich der Schlüssel im Türschloss herumdrehte und die Türe aufging: Der kleine Sebastian und der kleine Christian waren vom Glas-Bier-Geschäft zurück gekommen.
„Schau an! Wir haben ja klasse vielen Besuch bekommen!“ sagte der kleine Sebastian, als er die vielen besetzten Stühle in der Küche sah.
„Aber warum seht Ihr alle so traurig aus?“ fragte der kleine Christian. „Die Pizza ist doch wohl nicht danebengegangen? Das wäre sehr schlimm!“. Der kleine Christian aß nämlich die Pizza der kleinen Anja für sein Leben gerne, und er hatte sich schon den ganzen Tag darauf gefreut.
„Nein, dass ist es nicht, es ist viel, viel schlimmer!“ seufzte die kleine Anna-Maja, und sie erzählte mit Unterstützung der kleinen Jule und der kleinen Marion die ganze Geschichte. Rob hatte in einer Ecke einen Topf mit Hirsen entdeckt und nickte nur ab und zu, wenn sich die Erzählung gerade um ihn drehte oder etwas besonders dramatisches passierte. Die kleine Karolin hatte sich an die kleine Jule gekuschelt und war eingeschlafen.
„Sagt mal, dieses Christkind, woran erkennt man es eigentlich, wenn man es findet?“ sagte der kleine Sebastian, als die anderen mit ihrer Erzählung fertig waren.
„Also, es ist ganz klein, hat eine rote Mütze, und…“ sagte sofort die kleine Marion, wurde aber von der kleinen Anja unterbrochen. „Nein, das Christkind hat einen dunkelgrünen Schal, ganz genau weiß ich das, und daran kann man es erkennen!“
Die kleine Jule hatte wieder eine andere Vorstellung davon, wie ein ordnungsgemäßes Christkind auszusehen hatte. Nach einigem Hin und Her wurde ihnen klar, das hier wohl etwas nicht so ganz stimmen konnte, und eine gewisse Ratlosigkeit begann sich breit zu machen. Wie sollte man denn um alles in der Welt ein Christkind finden, wenn man nicht einmal wusste, woran man es erkennen kann?
Schließlich hatte die kleine Anna-Maja eine gute Idee: „Sagt man nicht, dass das Christkind den Kindern zu Weihnachten die Geschenke bringt? Und ist es nicht so, dass es diese Geschenke in einem großen, schweren Sack mit sich herumträgt? Daran muss man es doch sicher erkennen können!“.
Das war so einleuchtend, das alle anderen ihr Recht gaben. Ein Christkind erkannte man also immer einfach und zuverlässig an dem großen Sack auf seinem Rücken.
„Ich glaube…“ sagte da der kleine Christian und drehte sich zum kleinen Sebastian um.
„Ja, es könnte sein, dass wir das Christkind gerade eben gesehen haben“ sagte jetzt auch der kleine Sebastian. „Eben, als wir im Glas-Bier-Geschäft an der Ecke waren, haben wir ein armes, durchgefrorenes Kind gesehen, das eingerollt auf einem großen Sack vor der Heizung lag und schlief. Es hatte einen grünen Schal um, und eine rote Mütze hatte es auch auf!“
„Vielleicht sollten wir noch mal rüber gehen und versuchen, es aufzuwecken?“ schlug der kleine Christian vor. Diese Idee war im gleichen Moment auch allen anderen gekommen (außer der kleinen Karolin, die immer noch schlief), und so beschloss man, sofort hinüber zum Glas-Bier-Geschäft zu gehen und das Christkind zu wecken.

(…)

Eine gute halbe Stunde später saßen sie alle acht wieder gemütlich um den Küchentisch herum und aßen Salat und die Pizza, die mittlerweile fertig war. Das Christkind hatten sie tatsächlich schlafend im Glas-Bier-Geschäft gefunden. Als es aufwachte, war es ihm entsetzlich peinlich, dass es sich so verpennt hatte, und machte sich sofort auf den Weg zur Geschenk-Verteil-Station im großen Wald.
Bevor es verschwand, gab es allerdings jedem der Kinder sein Weihnachtsgeschenk, und die kleine Jule bekam wie gewünscht ihr rotes Feuerwehrauto.
Später am Abend, als die Pizza aufgegessen war und auch vom Bier und vom Wein nicht mehr viel übrig war, dachten alle insgeheim an diesen wunderschönen Tag zurück, und daran, wie sie das Christkind gefunden und so Weihnachten gerettet hatten. Aber sie redeten mit niemandem darüber, das hatten sie dem Christkind versprechen müssen. Denn, ein Christkind, das in einem Glas-Bier-Geschäft einschläft und beinahe zu spät zu Weihnachten kommt, wo gibt es denn so was…?

– ENDE –

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